04.05.2022
Frau Dr. Ruja Ignatova und Vater Plamen Ignatov

SCHNEEBALL-SYSTEMATIKER
 
Ur-uralt ist diese Masche,
schnelles Dirty-Geld zu machen;
die Schneeballsystematiker
über ihre „Kunden“ lachen.
 
Um die Weiden abzugrasen,
bewähren sich die Super-Nasen,
die mit ihren Tricks und Kniffen
großes Geld stets abgegriffen.
 
Schneeball-Listen sind beliebt,
Gutgläubige fallen darauf rein.
Erste können dran verdienen,
Letzte aber beißt das Schwein.
 
Bereits Iwan David Herstatt
machte sich als Gauner satt.
Sein Goldjunge Danny Dattel
ritt für ihn im Schieber-Sattel.
 
Bernie Madoff galt als Könner,
„größter Gauner aller Zeiten“,
doch auch Bernie Cornfeld war
Playboy bis zu seinen Pleiten.
 
Mit Cornfelds „IOS“-Betrug,
ergaunerte er sich Geld genug.
Doch gerichtlich freigespochen,
blieb er lustig ungebrochen
 
Aus Bulgarien kam auch Ruja
Ignatova, mit Vater Plamen;
das geriebene Gaunerpärchen
passt in den Halunken-Rahmen.
 
23.12.2019 - „Südkurier“ - Der Krimi um die Krypto-Queen führt ins Allgäu und in den Schwarzwald - Ruja Ignatova kam einst aus Bulgarien nach Deutschland. Im Schwarzwald ging sie zur Schule. Vor zehn Jahren kaufte sie im Allgäu eine Fabrik. Und damit begann eine kriminelle Karriere, die in einem milliardenschweren Betrug endete. Die Bulgarin hat offenbar mit der vorgetäuschten Kryptowährung „OneCoin“ Menschen auf der ganzen Welt um mehrere Milliarden Euro gebracht. Das Foto stammt aus dem Pressebereich der Firmen-Homepage, die bis vor kurzem online war.
 
Es gibt Videos von ihrer Geburtstagsparty: Schampus wird ausgeschenkt, zum Essen werden Sushi, Roastbeef und andere Leckereien gereicht. Elegant gekleidete Menschen lächeln in die Kameras, der berühmte Sänger Tom Jones tritt auf. Und mittendrin steigt Ruja Ignatova, heute 38, Doktorin der Rechtswissenschaften, aus einem Rolls-Royce. Sie ist das Geburtstagskind und die Zeremonienmeisterin. Die Bulgarin scheint eine Traumkarriere hingelegt zu haben - vom Migrantenkind zur Multimillionärin. Doch auf der Glitzerwelt lastet ein tiefschwarzer Schatten. Ignatova soll das Gehirn eines gigantischen Schneeballsystems mit einer vorgetäuschten Kryptowährung sein und Hunderttausende Menschen um mehrere Milliarden Dollar betrogen haben. Seit zwei Jahren ist die Frau untergetaucht. Nicht nur das FBI fahndet mit internationalem Haftbefehl nach ihr. Wie konnte es so weit kommen? Mit zehn Jahren kommt Ruja aus Bulgarien nach Deutschland. Ein ehemalige Mitschüler, der gemeinsam mit ihr das Gymnasium in Schramberg im Schwarzwald besucht hat, erinnert sich: Die Bulgarin habe schon früh einen Hang zur Extravaganz gehabt, habe bereits als Gymnasiastin sehr hohe Absätze getragen, erzählt er einer Lokalzeitung. Freunde hatte sie demnach nur wenige. Der ehemalige Mitschüler schreibt das ihrem „unsympathischen Wesen“ zu. Ruja habe egomanische Züge gehabt und sei in erster Linie auf ihren eigenen Vorteil aus gewesen. „Man hatte sie nicht gern in seinem näheren Umfeld“, sagt er. Auch andere Klassenkameraden vermitteln ein eher negatives Bild. Doch eines eint die Schilderungen: Die Bulgarin soll eine hochintelligente Frau sein. Wie sonst hätte sie es auch später schaffen sollen, die Goldgräber-Stimmung um Kryptowährungen derart zu ihrem Vorteil auszunutzen? Die promovierte Juristin hat offenbar sehr genau den Hype um den Bitcoin analysiert - diese erste virtuelle Währung, die mehr Spekulationsobjekt denn Zahlungsmittel ist. 2009 gestartet, schoss der Bitcoin-Kurs allein im Jahr 2013 von 13 auf über 1000 Dollar hoch. Zwischenzeitlich lag der Kurs bei über 20 000 Dollar. Es gibt viele Menschen, die durch Bitcoin reich geworden sind. Ignatova will diesen Erfolg kopieren und erfindet den OneCoin mit Sitz in Dubai. Doch ihre Geschichte wird zum Musterbeispiel für einen Monster-Betrug nach dem altbewährten Schneeball-Prinzip: Menschen das ganz große neue Ding versprechen, haufenweise Geld einsammeln und sich dann vom Acker machen.
 
Bevor Ruja Ignatova 2014 die vermeintliche Super-Währung in die Welt setzt, macht sie mehrere Abschlüsse. 1999 zuerst ein sehr gutes Abitur im Schwarzwald. Was danach alles im Lebenslauf steht, bekommt man nirgends bestätigt. Jura-Studium in Konstanz am Bodensee mit einem Doktortitel in Rechtswissenschaften. Außerdem soll sie einen Abschluss in Rechtswissenschaften an der renommierten englischen Universität von Oxford und einen Master-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften an der Fern-Uni Hagen haben. Zudem will sie nach eigener Darstellung Geschäftspartner der bekannten Unternehmensberatung McKinsey & Company gewesen sein und einen der größten Vermögensverwaltungs- Doch in dieser glattgebügelten Vita fehlt eine entscheidende Episode, die im Nachhinein betrachtet wohl der Beginn einer kriminellen Karriere war, die bis in die bulgarische Mafia hineinreichen soll. 2010 kauft Ruja Ignatova mit ihrem Vater Plamen Ignatov eine Firma im Allgäu: das Gusswerk in Waltenhofen bei Kempten, das kurz zuvor Insolvenz angemeldet hat. Die Belegschaft freut sich und lässt sich nach Monaten des Bangens um ihre Arbeitsplätze das Hähnchen und den Leberkäs schmecken, den Vater und Tochter zur Begrüßung spendieren. Ruja Ignatova trägt an diesem Tag zwar keine Klunker und Abendrobe, doch sie strahlt Optimismus und Einsatzbereitschaft aus. Die Mitarbeiter sind angetan. Zunächst scheint es auch ganz gut zu laufen bei dem Spezialisten für Handformguss. Die Firma erholt sich.
 
Vater und Tochter Ignatov kaufen das Gusswerk Waltenhofen bei Kempten, das sie an die Wand gefahren haben, um sich zu bereichern. Solche Leute sind schlau ohne bremsende Moral.
 
Doch Anfang 2012 verkaufen die Ignatovs die Firma klammheimlich – offensichtlich an einen Strohmann, der vier Tage später wieder Insolvenz anmeldet. Insolvenzverwalter Michael Jaffé wirft den Ignatovs vor, Geld aus dem Gusswerk herausgezogen und Produktionsanlagen abgebaut zu haben, um sie abzutransportieren. Die IG Metall und die Sparkasse erstatten Anzeige. 160 Menschen verlieren ihre Arbeit, während Ruja Ignatova auf ihrem Facebook-Profil stark geschminkt und in teurer Abendgarderobe in Kameras lächelt und sich vor Bildern von Marilyn Monroe und Jackie Kennedy zeigt. Eckhard Harscher wird heute noch ganz anders beim Gedanken an diese Episode. Harscher ist seit 2006 Bürgermeister in Waltenhofen. Er ist quasi wenige Meter vom Gusswerk entfernt aufgewachsen und musste als Oberhaupt der 9500-Einwohner-Gemeinde miterleben, wie 160 Arbeitsplätze an die Wand gefahren wurden. Er kannte viele betroffene Familien persönlich, das Gusswerk war einer der großen Arbeitgeber im Ort. „Das war ein ganz herber Schlag“, sagt Harscher. Und eine Lebenserfahrung, auf die er gerne verzichtet hätte. Es habe zwei, drei Treffen mit der Bulgarin gegeben. Nur so viel sagt der Bürgermeister: „Die ersten Vorahnungen haben sich leider rasch bestätigt.“ Im April 2016 wird Ruja Ignatova für das Desaster in Waltenhofen vom Amtsgericht Augsburg zu einer Bewährungsstrafe von 14 Monaten verurteilt. Wegen Insolvenzverschleppung, Betrugs und Verletzung der Buchhaltungspflicht. Der Schaden für Lieferanten geht in die Hunderttausende. Denn die Geschäftsführerin und ihr Vater hatten weiter Aufträge vergeben, obwohl sie wussten, dass die Firma nicht mehr zahlen kann. Nur für sich selbst und weitere von ihnen im Ausland geführte Firmen zahlten sie geflissentlich bis zum Schluss die Rechnungen, sagt ein Kriminalbeamter aus. Der Staatsanwalt spricht in seinem Plädoyer von einer „gewissen kriminellen Energie“. Im Nachhinein sollen sich diese Worte als gleichermaßen prophetisch wie untertrieben herausstellen. Denn zu jenem Zeitpunkt reist Ruja Ignatova schon in einem sechsmonatigen „Coin Rush“ um die Welt, um Geld von Anlegern für ihre Kryptowährung OneCoin einzusammeln. Die stets eine Spur zu elegant auftretende Geschäftsfrau verspricht, OneCoin werde der „Bitcoin-Killer“ werden, schneller wachsen und besser sein. Sie reist nach Amerika und Asien. Sogar in China und Indien geben ihr Anleger Millionen. 2016 tritt die Bulgarin mit großem Brimborium vor Tausenden in der Wembley Arena in London auf, um für ihre Internet-Währung zu werben. Selbst in Afrika wird massiv geworben. Dort machen Rap-Videos, in denen Leute in Mercedes-Limousinen herumfahren, Hoffnung auf den großen Reichtum.
 
Frau Ruja Ignatova hat ein Näschen für das schnelle Geld mittels unsauberer Geschäfte, damit das nicht jedem sofort auffällt, ließ sie ihre Nase begradigen. 
 
Bis vor Kurzem existierte eine Internetseite, auf der OneCoin mit pathetischen Sprüchen wirbt wie „Werde Teil der finanziellen Revolution“. Obendrauf gibt es noch das Versprechen, das digitale Geld werde Millionen Menschen in unterentwickelten Ländern Zugang zu finanziellen Dienstleistungen bringen. Echtes Geld bringt OneCoin aber vor allem Ruja Ignatova. Fotos zeigen sie auf ihrer Jacht, auf der sie offenbar gerne im Mittelmeer herumfährt. In den Videos von ihren Geburtstagsfeiern wird genau darauf geachtet, dass es vor Reichtum nur so strotzt und dass überall glückliche Menschen zu sehen sind, für die das Leben anscheinend eine einzige große Party ist. Bisweilen nimmt der Kult um sie fast sektenhafte Züge an. Doch nun ist der wohl größte Betrugsfall mit einer Kryptowährung endgültig aufgeflogen. Denn Ruja Ignatovas Bruder Konstantin hat in den USA ein Geständnis abgelegt. Das Investigativportal Inner City Press berichtet, dass er gegenüber Ermittlern der US-Bundespolizei FBI in New York Betrug und Geldwäsche zugegeben hat. Er war am 6. März 2019 am Flughafen von Los Angeles verhaftet worden. Kurz zuvor hatte er noch auf Facebook geschrieben, dass die „vielleicht mieseste Reise der letzten Jahre“ zu Ende gehe. Ihm seien Smartphone, Koffer und alle persönlichen Dinge gestohlen worden. Stunden später hatte er allerdings ganz andere Probleme. Konstantin Ignatov ist ebenfalls in Deutschland aufgewachsen und hat nach eigenen Angaben Politikwissenschaften in Tübingen studiert und in einem Hundeheim gearbeitet, bevor ihn seine Schwester zu OneCoin holt. Dem bis zum Halsansatz tätowierten jungen Mann droht in den USA eine jahrzehntelange Haftstrafe. Wegen möglicher Verquickungen mit der bulgarischen Mafia und aus Angst vor Vergeltung wird er in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen.
 
Geoffrey Berman, der zuständige Staatsanwalt für Manhattan, nennt OneCoin ein „mehrere Milliarden schweres Kryptowährungs-Unternehmen, das komplett auf Lügen und Täuschung aufbaute“. Allein im Jahr 2017 sollen weltweit mehr als vier Milliarden Dollar von Investoren eingesammelt worden ein. Sehr wahrscheinlich gibt es mehr als eine Million Opfer. Wo das Geld ist, weiß keiner. Der entscheidende Unterschied zu Bitcoin: OneCoin ist in Wirklichkeit gar keine Kryptowährung, sondern ein schnödes Pyramidensystem. Die Firma weist alle Vorwürfe zurück und spricht von einer „Lügenkampagne“. In Deutschland darf sie nach einer Entscheidung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) aber seit zwei Jahren nicht mehr tätig sein. Ruja Ignatova verschwindet im Oktober 2017 ganz plötzlich, kurz bevor sie bei einer Veranstaltung in Lissabon auftreten soll. Ihr Bruder übernimmt die Geschäftsführung von OneCoin. Es gibt Spekulationen darüber, wo die „Krypto-Queen“ steckt: Manche vermuten, in Dubai. Andere meinen, sie könnte sich in London aufhalten, wo sie einmal mit ihrem ehemaligen Mann gewohnt hat. Und wieder andere glauben sogar, sie könnte in Deutschland untergetaucht sein. Opfer ihrer kriminellen Energie gibt es bis heute – auch in Waltenhofen. Nicht alle haben nach der Gusswerk-Pleite wieder einen Job. Das Gelände hat der Investor Hans-Peter Hold gekauft, übrigens der ältere Bruder von Fernsehrichter Alexander Hold. Das Areal soll ein Gewerbepark werden. Doch es läuft zäh. Die Gebäude sind teilweise sanierungsbedürftig. Nach Jahren gibt es erst zwei Mieter. Man kann eben nicht mit jedem Geschäftsmodell so schnell so viel Geld verdienen wie mit einem betrügerischen Schneeball-System im digitalen Kleid. (von Holger Sabinsky-Wolf)