Abb. 1
 
 
„IRMINSUL“-PALMETTEN
 
 
Es gibt Ignoranten, die haben einfach keinen Blick für das Markante und Wesentliche, solchen Leuten ist es nicht gegeben, die Welt der Erscheinungen richtig zu deuten. Schon wieder geistert eine Abbildung durch die Reihen der Dattelbaum-Anbeter unter den Neuheiden, welche einen Beweis erbringen soll, dass schon die Altgriechen von Mykene die altsächsische Irminsul bzw. die Weltsäule gekannt hätten. Das wäre zwar durchaus denkbar, und sogar wahrscheinlich, dass der Weltsäulenkult bereits im 2. Jahrtausend v.0 bei den Nordvölkern eine Rolle spielte.
 
 
„IRMINSUL 1200 AVANT NOTRE ÉRE ?“
(Irminsul 1200 vor unserer Zeitrechnung ?)
 
Aber die als Zeugnisse vorgestellten Abbildungen zeigen allein die orientalische Dattelpalm-Ikone in reduzierten verspielten Varianten. Besondes närrisch ist bei dem gezeigten Tableau (Abb. 1), dass eine Dattelbaum-Ikone auf einer mykenischen Vase, die fantasierte Irminsul-Echtheit der Dattelbaum-Ikone vom Externstein beweisen soll. Man zeigt zwei hl. Dattelbäumchen-Sinnbilder, und argumentiert dergestalt, dass die beiden sich gegenseitig ihren hineinprojizierten Irminsul-Charakter bezeugen sollen. Man fragt sich amüsiert, welche der beiden vorgestellten Palmbaum-Ikonen nun die altsächsische Irminsul erweisen könnte ? Alberner geht's nimmer ! Welche real-geistigen oder möglischerweise feindlich-ideologischen „Dunkelmäner“ stecken hinter derartigen Verblödungsintentionen ? Sind es möglicherweise Agenten Provocateur, die uns Hyperboräern das Symbol des Orients aufs Auge drücke wollen ? Können sich die Leute, die derart argumentieren, wirklich keinen Augenblick die Frage stellen, was - um Gottes Willen - die spitz und oftmals leicht aufgerollt auslaufenden Palmwedel mit einer Weltstütze zu tun haben könnten ? Ist Borniertheit wirklich nicht heilbar ?
 
Der Trugschluss resultiert aus dem Basis-Irrtum jener falschen Annahme, dass die Lebensbaum-Darstellung vom Externstein eine Weltstütze (Irminsul) meinen würde. Setzt man das voraus, muss natürlich jeder ähnliche Lebensbaum-Typus ebenso wieder als Weltstütze bzw. Irminsul erscheinen. Dabei handelt es sich aber um nichts anderes, als um einen Circulus Vitiosus, also um einen Trug- oder Zirkelschluss, bei dem sich fehlerhafte Voraussetzung und falsche Folgerung gegenseitig bedingen.
 
 
Abb. 2 a b
 
 
Falls es sich bei der Trinkschale von Abb. 1 um keine Fälschung handelt, gehört sie zum gleichen Keramik-Typus den ich im „Cyprus Museum“ in Nikosia auf Zypern sah. Das hier abgebildete mykenisch-späthelladische (1.300-1.200 v.0) Objekt zeigt einen auf das Wesentliche reduzierten symbolhaften Lebensbaum (Abb. 2 – Aufbewahrt im Britisches Mus., London - Nr. 86.4-15.15). Mit Irminsulen haben diese Gebilde im Grunde nichts zu tun, es handelt sich dabei um den „Heilige Baum“ aus der helladisch-ionischen Tradition der von den sumerisch-semitischen Kulturen übernommenen Dattelbaum-Ikonographie. Man muss sich mit diesem Thema schon wissenschaftlich beschäftigen, um die Chronologie der sakralkünstlerischen Genese richtig einordnen zu können. Das Anschauen von einem einzigen Bild - ohne die Zwischenglieder zu kennen - führt in die Irre. Bei dem Gebilde der Vasenmalerei von Abb. 2 verraten die beiden nach unten gehenden Häkchen (bei der Dattelbaum-Ikone vom Externstein sind sie als Röllchen ausgeprägter) die ikonographierten Dattelbaumfruchtstände (Abb. 2a). Dieses Bilddetail begreift man als solches erst, wenn man sich die natürliche Dattelpalme im Zustand ihrer gereiften Früchte ansieht -, und dazu die diversen uns bekannt gewordenen Abbildungen des Baumes im Verlauf von Jahrtausenden. 
 
Abb. 3
 
 
Wie blind muss ein Betrachter sein, der nicht zu erkennen fähig ist, dass es sich bei den beiden Armen der sogenannten Irminsul vom Kreuzabnahmebild des Externsteins, um Palmblattwedel handelt ? Sieht er nicht sie unterseitigen Rippungen der typischen  Palmblätter ? Das Drei-Winkel-Zeichen zwischen den beiden Palmwedeln ist ebenso typisch für eine Menge derartiger Lebensbaum-Palmbaum-Bilder des Orients. Auf einer meiner Notizblockseiten vom Britischen Museum in London (Abb. 3) hatte ich es von einem Nimruder Vasenbild abskizziert -, einem altorientalischen Lebensbaum-Vasenbild des 8. Jh. v.0. Das Dreiwinkelzeichen ist noch bis hin auf den römischen Weihealtären (z.B. Mus. Künzing) anzutreffen. Die altorientalischen Lebensbaum-Darstellungen meinen ausschließlich Dattelpalmen, weil das der faktische Lebens- bzw. Ernährungsbaum dieser Kulturen war. Eine der Varianten zeigt meine Skizze aus dem Nikosia-Museum (Abb. 4). Datteln waren schon in Sumer eine sehr wichtige Nahrungsquelle. Im Archäologischen Museum Limassol auf Zypern sind ebenso mehrere protoionische Kapitelle aus Kalkstein mit dem Dreiwinkelzeichen (darin die Zeichen für Sonne und Halbmond) zu sehen, welche aus 6. Jh. v.0 von der antiken Stadt Amathous stammen sollen. Im Museum sind große Tonkrater zu sehen, wo der heilige Baum von Stieren flankiert wird, sie stammen aus der „Cyprische Archaik Periode“ (750-475 v.0). Im archäologischen Museum von Larnaka / Zypern ist der hl. Palmbaum auf Tonwaren aus der späten Bronzezeit (1.650-1.500) zu sehen, er wird als „Importware aus Ägypten“ bezeichnet. Ein im gleichen Museum aufbewahrtes elfenbeinernes Schmuckobjekt führt den palmettigen Volutenbaum aus dem 14. Jh. v. 0 vor.
 
 
Abb. 4
 
 
Den heiligen Dattel-Baum, mit der zu ihm gehörenden Göttin (rechts) und den beschützenden Keruben, die auf liegenden Löwen stehen (aus Megiddo), zeigen bereits schematisierte altorientalische Rollsiegelbilder des 14. Jhs. v.0 (Abb. 5). Ich wiederhole: Das sind sämtlich keine Irminsulen (Weltstützen) das sind Lebensbäume ! Möglich ist es allerdings, dass beide Motive - also Lebensbaum-Dattelpalme und Weltstütze - von einzelnen Sakral-Künstlern zusammengeschaut werden konnten. Der Palmbaum-Charakter bleibt dann aber dennoch erhalten. Dieser hat jedoch im hyperboräischen Norden keine Verankerung ! Sobald ein Palmbaum-Moment in einer Ikone enthalten ist, handelt es sich nicht mehr um ein originär nordisches Motiv, vielmehr um ein orientalisches !
 
Abb. 5
Abb. 5a
 
Abb. 5 + 5a: Lebensbaum-Palmette, flankiert von Ziegen. - Hier ist die Blätterkrone deutlich dargestellt , bei anderen Lebensbaum-Motiven ist das weniger oder gar nicht der Fall. Beim Externstein-Lebensbaum fehlt sie ganz, um damit dessen Unfruchtbarkeit bzw. dessen Todeszustand auszudrücken. 
 
 
Abb. 6
 
Abb. 6 - Wie weit die Stilisierung der Hl. Palme gehen konnte, demonstriert eine kretische Krater-Dekoration (Weinmischgefäß) von 14 Jh. v.0 aus einem Felskammergrab. Zwei Ziegen flankieren die Lebensbaum-Palme. (Aufbewahrungsort Louvre/Paris - Inv. CA 883)
 
 
Abb. 7a
Abb. 7b
 
Abb. 7a + b - Das orientalische Lebensbaum-Sinnbild hat es weit gebracht, bis zum sog. Lilien-Zepter der Herrscher und bis zum Dekor des dt. Kaisermantels. Der deutsche Krönungsmantel wurde 1134 in Palermo für Normannenkönig Roger II. von Sizilien geschaffen und gelangte an Kaiser Heinrich VI. - Zentral der stilisierte Dattelpalmbaum, flankiert von Löwen die jeweils ein Kamel schlagen (Löwe = Sinnbild der Königs- / Kaisermacht + Kamel = Sinnbild des Islam). - Abb. 7b zeigt zum besseren Erkennen das freigestellte Dattelpalmen-Idol.
 
 
Abb. 8
 
Der tragische Fauxpas des Wilhelm Teudt (1860-1942) und seiner deutsch-nationalen Nachbeter war es, die Lebensbaum-Palmette vom Externstein-Relief (Abb. 8) als ein Sinnbild des sächsischen Altheidentums aus dem 8. Jahrhundert misszudeuten, während es das Neuheidentum der staufischen Kaiser im 12. Jahrhundert schmähen sollte.  
 
DIE PALME ALS HIMMELSSTÜTZE
 
 
Abb 9
 
 
Verwirrend ist der Komplex für den Laien deshalb auch, weil die Dattelpalme, als der im Alltag und in religiöser Sphäre so hoch geschätzte Lebensbaum der altorientalischen Kulturen, auch als Weltstütze gesehen werden konnte, wie es das babylonische Relief von Abb. 9 zeigt, wo der Sonnengott Schamasch unter dem Himmelsdach thront, das von einem Palmstamm getragen wird, dem ein Palmetten-Kapitell aufsitzt. Es ist die Urkunde des Nebupalliddins vom Jahre 822 v.0, gefunden im Sonnentempel von Sippar. Die ionischen und später alle Griechen haben sich das abgeschaut und legten auch ihrem Sonnengott, dem Apollon, als einem seiner Attribute, den heiligen Baum der Palme zu. Dass sie diesen Brauch nicht aus ihrer Nordheimat mitgebracht haben können - wo die Palme unbekannt war - ist ohne weiteres verständlich. Da die Dattelpalme den Sonnengöttern heilig war, kommen Lebensbaum-Abbildungen vor, bei denen das Sonnenmotiv (Kreis, Kreuz, vierzackiger Stern) über dem Baum zu sehen ist.
 
 
DER ALTGRIECHISCH-MINOISCHE SÄULENKULT
 
 
Abb. 10
 
 
Abb. 10 - Das „Löwentor“ aus dem 13. Jh. v. 0 der Stadt Mykene erweist die Bedeutung des Säulenkultes bei den Frühgriechen.
 
 
Abb. 11
 
Abb. 11 - Mykenische Grabplatte mit der Spiralornamentik, die für die mykenische Sakalkunst  hoch bedeutsam gewesen sein muss.  Im Himmelsbezirk, unmittelbar über dem Streitwagenfahrer, das Heilszeichen der Doppelspirale. 
 
 
Abb. 12
Abb. 12 - Nachgebildete Säule des von deutschen Archäologen ausgegrabenen archaischen Dionysos-Tempels in Iria, Hauptstadt der Insel Naxos. Hier verbindet sich der nordisch-megalithische Gedanken der Welterhaltung, in Gestalt der Weltstütze, mit dem göttlichen Heilszeichen des spiraligen Sonnenweges.
 
 
Resümee: Den Weltsäulenkult haben die Griechen aus ihren Urheimatgebieten in die Regionen der Balkanhalbinsel und den ionischen Küsten mitgebracht, doch niemals die Verehrung der Palme und Dattelpalme ! Das Weltsäulen-Motiv des Nordens - oder besser gesagt, der westatlantischen Megalithkultur - besteht aus dem Säulenschaft und der aufliegenden Doppelspirale des Sonnenweges, wie sie in den ionischen Säulenkapitellen hervortritt. Die Verquickung von Sonnenlaufspirale und Lebensbaum-Dattelpalme sind spätere Spielarten und sekundäre Ausformungen.