Die altsächsische heilige „All-Säule“
unter der Michaelskirche zu Fulda
 
 
Bereits 744 n. Ztr. gründete der Abt Sturmius (um 700-779) das Benediktinerkloster Fulda, dessen Kirche, an der Stelle des heutigen Domes, 819 vollendet wurde. Auf dem nördlich davon gelegenen Hügel, auf dem mancher Sachkenner ein früheres Wodan-Heiligtum vermutete, entstand 822 die Friedhofskapelle des Klosters, die man als Nachbildung der Anastasis-Rotunde, der sog. Grab-Christi-Kirche von Jerusalem, mit dem „Heiligen Grab“ in der Mitte, errichtete. Die acht Säulen des Rundbaues sollen, wie der Urkundenschreiber in karolingischer Ära, der Dichter und Maler des Klosters Fulda Brun Candidus (um 775-845) angab, die acht Seligpreisungen versinnbildlichen. Sie trugen einen niedrigen, mit einem großen Stein abgedeckten Turm.
 
Das gesamte Kapellengebäude ist gegründet auf einer Unterkirche (Krypta), die eine einzige tragende Mittelsäule mit „ionischem Spiralkapitell“ enthält. Es handelt sich aber um keinen „ionischen Säulenkopf“, vielmehr um einen Säulenkopf in dessen Vor- und Rückseite jeweils eine von einander abweichende Doppelspirale eingraviert worden ist. Das ist etwas sehr viel anderes als ein „Ionisches Kapitell“. Die Doppelspirale des Säulenhauptes symbolisiert aber nach altgläubiger Vorstellung die auf- und absteigende Sonnenbahn des Nordhimmels, die sich in entgegengesetzter Richtung um die gedachte Weltsäule im höchsten Norden, welche „alles trägt“, alljährlich vollzieht. Wie ist es erklärbar, dass der in Stein gebildete sächsisch-germanisch-altgläubige Weltenbaum-Sonnenmythos Verwendung fand, um darauf eine Christenkirche zu errichten ?
 
Der Mönch Rudolf von Fulda (gest. 865), dem wir eine schriftliche Nachricht zur All-Säule, der Irminsul, verdanken, schrieb in De miraculis sancti Alexandri (Kap. 3) von den Altsachsen: „Sie verehrten auch unter freiem Himmel einen senkrecht aufgerichteten Baumstamm von nicht geringer Größe, den sie in ihrer Muttersprache ,Irminsul‘ nannten, was auf lateinisch ,columna universalis‘ [dtsch. All-Säule] bedeutet, welche gewissermaßen das All trägt.“
 
Es bietet sich folgende mögliche Erklärung an: Die Unterkirche der Fuldaer Michaelskirche mit Weltenbaumsäule war als Weiheraum aus heidnischer Zeit schon vorhanden. Man baute darüber, indem man den Ort „entdämonisierte“, das neue christliche Gotteshaus und weihte es dem kämpferischen seelengeleitenden Erzengel Michael, der einzig möglichen christlichen Austauschfigur zum Seelenführer und heldischen Schwertgott Wodan, welcher wahrscheinlich der einstige Schirmherr der alten Weihestätte war. Es läge der Schluss nahe, dass wir mit der Krypta der Michaelskirche zu Fulda einen unterirdischen vorchristlichen Sakralraum mit dem Bildnis der Weltsäule vor uns haben. Da jedoch ein altsächsisches Al-Säulen-Sinnbild kaum unterhalb der Bodenlinie zu vermuten ist, eher auf einer Anhöhe, weit sichtbar, unter freiem Himmel, muss eine andere Entstehungsgeschichte angenommen werden.
 
Zwei Jahre vor der Klostergründung, noch unter Karl Martell (688-741) war auf einer Kirchenversammlung die neue Taufformel beschlossen worden, nach der die germanischen Götter ausdrücklich zu Teufeln verdammt wurden. Und 797 erließ Karl der „Große“ das berüchtigte „Capitulare Saxonicum“. Danach sollte jeder des Todes sterben, der die Taufe verweigerte, das heißt, kein Christ werden wollte. Schon Karl Martell überzog mehrere Male die Sachsen mit Krieg, dann unternahm „Karl der Große“ von 772 bis etwa 804 die endgültige Sachsenunterjochung. Sie begann im Sommer 772 mit der Zerstörung der heiligen Irminsul -; der Abt von Fulda, Sturmius, war dabei.
 
Mit Sicherheit gab es in altgläubig-sächsischen Gauen nicht nur ein einziges Kultbild der heiligen All-Säule. Entweder das Hauptkultbild, oder ein Bruchstück davon, oder eine der weiteren Kultbildsäulen werden sich die triumphierenden Fuldaer Mönche vom Unterwerfungszug ihres Beschützers, König Karl, als Trophäe nach Fulda mitgenommen haben, denn ihrem Abt Sturmius waren weitgehende Rechte im eroberten Gebiet eingeräumt worden. Sie werden es versteckt gehütet haben, sinnbildlich beerdigt haben, unter die Erdoberfläche gedemütigt haben und - nach gängigen Vorstellungen damaliger Zeit - entdämonisiert bzw. vereinnahmt haben. 778 suchte eine rachefrohe sächsische Heeresgruppe mit gutem Grund die Abtei Fulda heim, fand aber sicher nicht, was sie suchte; die Mönche waren geflohen. Sturmius verschied im Jahre darauf.
 
Wie eine Bestätigung für diese Verständnisweise muss die Erklärung der Bausymbolik der Michaelskirche durch Brun Candidus erscheinen. Dieser beschrieb die Anlage in seiner Biographie des Abtes Eigil (750-822), der ein Schüler und Neffe Sturmis war und Erbauer der Kapelle. Candidus allegorische Interpretation deutet die Säule als Sinnbild für Christus, der das Weltall trägt. Wer hört da nicht die krampfhaft verschristlichende Umdeutung altgläubiger Anschauungen heraus ?! Dass es zur Zeit der Erbauung überhaupt nötig schien, diese gedrungene, unterhalb der Bodenlinie stehende Säule durch eine derartige weitgehende, überhöhende Sinngebung herauszustreichen und zu ihrer Ausdeutung die Majestät der höchsten Figur des neuen Glaubenskonzeptes in Anspruch nehmen zu müssen, gibt zu tiefstem Verständnis Anlass: Aus höchster heidnischer Allegorie der „All-Säule“ erfolgte die Umdeutung nach christlicher Logik, zur höchsten Glaubensidee des „das All tragenden Gottessohnes“.
 
Warum sollte auch in einer Zeit des romkirchlichen Triumphes, gedeckt durch die karolingische Staatsmacht, eine Säule, welche den Auftrag hat, den christlichen Erlösergott, welcher das „All trägt“, zu versinnbildlichen, unter die Erde verbannt werden, um ausgerechnet darauf das Grab eben dieses „Erlösers“ in einer Nachbildung zu errichten ? Sinnfälliger wäre die Anordnung in umgekehrter Reihenfolge: also eine Krypta in Form der Grabeskirche, auf der sich die „christliche Erlösergottsäule“ triumphierend in den Himmel streckt.
 
Es darf also als sicher gelten, dass die Krypta der Michaelskirche zu Fulda eine heidnische Irminsul birgt.
 
 
Literatur:
Dr. Pralle: Die Michaelskirche zu Fulda, Fulda 1979
W. Scholz: Die Umwertung des germanischen Brauchtums durch die Missionierung, Bassum 1977
Gerhard Heß: Eine Alteuropäische Kultstätte unter der Michaelskapelle zu Fulda, in Irminsul,  Folge 6, 1981
Gerhard Heß: Irminsul auf bronzezeitl. Felsbild entdeckt, in Deutschland in Geschichte und Gegenwart, 4/1986
Gerhard Heß: Eine mittelalterliche Kultstätte unter der Michaelskirche zu Fulda, Deutschland in Geschichte und Gegenwart, 2/1987