11.04.2024
EHE UND FAMILIE
Was ist das größte Glück im Leben,
ist‘s vergorener Saft von Reben,
ist’s ein saftiger Gänsebraten,
oder geglücktes Runen-Raten ?
Nein, das sind nur schale Wonnen,
dicker ist das Glück gesponnen
im Rosenhag der Liebes-Ehe,
bei holder Trauten süße Nähe.
Wenn beim Weib die Hüllen fallen,
hört der Mann die Himmel hallen,
Sphärenmelodien wärmen
Entzücken in des Leibes Kernen.
Mann und Frau, gefasst an Händen,
wollen Weg und Ziele wenden,
streng gemeinsam ist das Sinnen,
Familiensegen zu gewinnen.
Alsbald kommt die frohe Stunde,
die junge Frau verrät die Kunde,
dass sich ihr Leib gesegnet rundet,
sie in der Mutterschaft gesundet.
Stolz und dankbar ist der Lieber,
erlebt, wie seinem Sinnenfieber
die Frucht der Liebe sich ergießt
und keck das Sonnen-Heil begrüßt.
Vor dieses Lebens-Bornes Wunder,
wird fast alles sonst zum Plunder.
Jetzt sind die Liebenden zu Dritt,
so geht gesunder Menschen Schritt.
Wohl dem der das erleben durft‘
nicht allein durchs Leben schlurft,
der sagt sich einmal ganz gescheit:
„Das war auch meine beste Zeit !“
Der Historiker Cornelius Tacitus (58-120 n.0) über das Familienleben der Germanen in seiner Germania:
Kap. 16 - Dass die Völker Germaniens nicht in Städten wohnen, ist bekannt genug, ja dass sie nicht einmal aneinander gebaute Wohnungen dulden. Sie siedeln sich abgesondert und nach verschiedenen Richtungen an, wie eine Quelle, eine Flur, eine Waldtrift ihnen gefällt. Ein Dorf legen sie nicht nach unserer Art aus miteinander verbundenen und zusammenhängen Gebäuden an: Jeder umgibt sein Haus mit einem Freiraum, sei es als Schutz gegen Feuergefahr, sei es aus Unkenntnis im Bauwesen. Nicht einmal Bausteine oder Ziegeln sind bei ihnen im Gebrauch: Unförmiges Bauholz verwenden sie zu allem, ohne Ansehen und Anmut. Einige Stellen bestreichen sie besonders sorgfältig mit einer Erdart von solcher Reinheit und solchem Glanz, dass es wie Malerei und Farbzeichnung aussieht. Sie pflegen auch unterirdische Höhlen aufzutun und beschweren sie oben mit viel Mist als Zuflucht für den Winter und zur Aufbewahrung der Feldfrüchte, weil derartige Orte die starre Kälte mildern und ein Feind, wenn einmal einer ins Land kommt, nur, was offen daliegt, plündert; was versteckt und begraben ist, bleibt entweder unerkannt oder entzieht sich eben dadurch, dass man es suchen muss.
Kap. 18 - Aber, die eheliche Sitte ist streng und sie bildet wohl die achtungswertheste Seite germanischer Zustände. Die Germanen sind fast das einzige Barbarenvolk welches sich mit Einem Weibe begnügt. Ausnahmen sind sehr selten und auch dann liegt nicht die Sinnlichkeit zu Grunde, sondern es ist die hohe Stellung eines Mannes welche ihn zum Gegenstand mehrfältiger Werbung macht. - Die Morgengabe bringt nicht das Weib dem Manne, sondern dem Weibe der Mann. Bei der Überreichung finden sich Eltern und Verwandte ein und mustern die Geschenke. Geschenke - aber nicht weibliche Luxusdinge oder Schmucksachen für die Neuvermählte, sondern Rinder und ein gezäumtes Ross und ein Schild mit Schwert und Speer. Gegen diese Gaben wird die Frau dem Manne zutheil, dem sie selbst ihrerseits einige Waffen zubringt. Diese Dinge gelten als das festeste Band, als das heilige Geheimniss, als die Schirmgötter der Ehe. Das Weib soll nicht wähnen, dass sie außerhalb der männlichen Gedankenwelt, außerhalb der kriegerischen Ereignisse stehe. Darum wird sie schon auf der Schwelle des Ehestands belehrt, dass sie eintritt als Genossin von Mühsal und Gefahr, im Frieden und im Kriege mit dem Manne zu dulden und zu wagen. Also verkünden ihr die gejochten Rinder, das gezäumte Ross, die dargebrachten Wagen; so muss sie leben, so muss sie sterben; was sie heut empfängt, das soll sie unentweiht und in Ehren dereinst ihren Söhnen übergeben, von diesen sollen es ihre Schwiegertöchter entgegennehmen, ihre Enkel es erben.
Kap. 19 - Also leben sie in behüteter Schamhaftigkeit, durch keine Lockungen von Schauspielen, durch keine Reizungen von Gelagen verdorben. Briefgeheimnisse sind Frauen und Männern in gleicher Weise unbekannt. Äußerst selten kommen bei einem so zahlreichen Volk Ehebrüche vor, deren Bestrafung augenblicklich und den Ehemännern überlassen ist: mit abgeschnittenen Haaren treibt der Ehemann sie vor den Augen der Verwandeten nackt aus dem Haus und jagt sie mit Schlägen durch das ganze Dorf; denn für preisgegebene Sittsamkeit gibt es keine Gnade: Nicht durch Schönheit, nicht durch ihr Alter, nicht durch Reichtum dürfte sie einen Ehemann finden. Denn niemand dort belacht Fehler, und verderben und verderben lassen ist nicht Zeitgeist. Ja besser noch sind diejenigen Gemeinden, bei denen nur Jungfrauen heiraten und wo es mit der Hoffnung und dem Wunsch der Ehefrau ein für alle Mal abgeschlossen wird. So erhalten sie einen Ehemann, wie sie einen Körper und ein Leben erhalten haben, damit darüber hinaus kein Gedanke, keine Begierde weiter bestehe, damit sie nicht gleichsam den Ehemann, sondern den Ehebund lieben. Die Zahl der Kinder zu begrenzen oder irgendeinen von den Nachgeborenen zu töten gilt als Schande, und gute Sitten gelten dort mehr als anderswo gute Gesetze.