20.08.2022

Aspö-Runen.JPG

Der Aufsatz von Klaus Düwel und Sigmund Oehrl, „Überlegungen zur Bild- und Runenritzung von Aspö in Södermanland“ erschien mir lesenwert. Besonders der von mir fraglos sehr geschätzte Prof. Dr. Klaus Düwel neigte leider im Übermaß dazu, Runeninschriften christlich zu interpretieren. So sind auch in den folgenden Artikel dergleichen Überlegungen eingeflossen. Ich bringe den Aufsatz trotzdem, weil er etliche interessante Aspekte den Lesern bieten kann. Die Abbildungen nahm ich nicht auf, lediglich gab ich ein besseres Bild vom Runenstein selbst dazu: „Ein spätwikingerzeitliches Runendenkmal (etwa 2. Hälfte 11. Jahrhundert), das durch seine ungewöhnliche Platzierung, seine monumentale äußere Erscheinung sowie eine einmalige und enigmatische Bilddarstellung hervorsticht, stellt das Bild- und Runenmonument von Lagnö im Kirchspiel Aspö in Södermanland, Schweden dar (Abb. 1). Die etwa 2 m breite und 1,5 m hohe Bilddarstellung mit einer Runeninschrift in den Schlangenwindungen ist an einem 5 m hohen, steil abfallenden Felsen zu sehen. In der Wikingerzeit, als Bild und Runen eingehauen wurden, befand sich hier ein natürlicher Hafen. Der Wasserspiegel reichte damals bis ungefähr einen Meter unterhalb der Bildfläche. Von einfahrenden Booten aus war das Bild- und Runenwerk also gut zu sehen und dürfte seine Wirkung nicht verfehlt haben. Die Bilddarstellung scheint auf den ersten Blick kaum entwirrbar: Ein Mann mit gespreizten und eingeknickten Beinen, weit von sich gestreckten und erhobenen Armen, den zwei Schlangen umwinden. Der Mann, eindeutig an seinem langen, am Ende eingedrehten Schnurrbart erkennbar, hat zwei ausgeprägte Ohren, an die er die beiden Mäuler der Schlangen mit seinen Händen zu pressen scheint. Die Schlangen haben die seitlich ausgezogenen Ohren im Maul. [Ähnliche Darstellunge sind zur etwa gleichen Zeit in mehreren christenkirchlichen Reliefs zu finden.] Sein Gesicht, en face gezeigt, weist zwei überaus große Augenkreise mit Lidstrichen auf, die Unterschiedliches signalisieren können. Auf dem Kopf trägt er eine spitz zulaufende Kopfbedeckung (Mütze oder Helm?), die in einem Beutel mündet, von dem unten zwei Schlaufenenden abgehen. Dieses sog. „Irische Koppel“ mit den Schlaufenenden nach oben findet sich auch zwischen den gespreizten Beinen des Mannes, wie sein Scrotum [Hodenbeutel] erscheinend. Die beiden Schlangen winden sich nur um seine Beine und sind in sich verschlungen. Die Schlangenkörper rahmen die Gestalt ein. Die Körperhaltung der Menschenfigur könnte wie bei einem Gewichtheber auf eine große Kraftanstrengung deuten, so als presse er die Schlangenmäuler an seine Ohren. Anderseits könnte man auch den Eindruck gewinnen, die Figur versuche, die Schlangen von sich fernzuhalten. Dieses Bildmotiv kann mit einer erstaunlichen Fülle an zeitlich und räumlich weit gestreuten Parallelen verbunden werden, sein konkreter Sinngehalt bleibt jedoch merkwürdigerweise in den meisten Fällen - anscheinend auch im Fall von Aspö - rätselhaft. In jeder Schlangenwindung verläuft eine Inschrift, jeweils am Schlangenhals in Höhe des Beutels der Kopfbedeckung beginnend, rechts vom Betrachter aus: kislauk·lit·kiarua·merki·þisa·eftiR·þorþ·auk·sloþi·lit·kiarua = (runenschwedisch) Gislaug let gærva mærki þessa æftiʀ Þorð, ok Sloði let gærva (‚Gislög ließ diese Denkmäler nach Tord machen, und Slode ließ [ebenfalls] machen‘). Das ist eine übliche Gedenkinschrift, die den Errichter, hier Auftraggeber, Gislög und den Kommemmorierten Tord nennt, und einen weiteren offenbar nachgeordneten Errichter anfügt. Es fehlen alle in anderen Gedenkinschriften begegnenden Informationen wie Verwandtschaftsverhältnis, Todesumstände, oder ein Epitheton ornans (bonus homo) oder die manchmal vorkommende Fürbittformel. Die mag hier ohnehin nicht am Platze sein, denn weder ein Kreuz noch sonst ein Bild- oder Textmerkmal deuten auf Christliches. Auch die Inschrift nicht, die links vom Betrachter aus gesehen im Schlangenband verläuft: sant·iaR·þet·sum·sakat·uaR·nuk·sum·huat·uaR·þet = (runenschwedisch) Sant iaʀ þæt sum sagat vaʀ ok sum hugat vaʀ þæt (‚Wahr ist das, was gesagt wurde und das, was gedacht [oder beabsichtigt] wurde.‘). Das klingt wie eine philosophische Sentenz, gleichsam als Antwort auf die Pilatus-Frage „quid est veritas?“ Es geht um die Wahrheit von gesprochenem Wort und unausgesprochenen Gedanken bzw. gedachter Absicht - um die Übereinstimmung beider. Aber worauf sich diese Sentenz bezieht, bleibt unklar. Im Folgenden bieten wir einige neue Überlegungen zum Verständnis von Bild und Text an, in der Hoffnung, dass damit weiterführende Untersuchungen angeregt werden. 1.) Was bedeuten die deutlich markierten großen Augen der dargestellten Figur? Neben Entsetzen, Erschrecken und Erstaunen kommen durchaus auch andere Interpretationen in Betracht. In der mittelalterlichen Literatur des Kontinents stehen große Augen für Zorn, offene Augen für Aufmerksamkeit, aufgesperrte Augen für Erstarrung, offen gehaltene Augen für Konzentration, aufgetane Augen für besseres Verstehen, große und runde Augen gelten als Augen des Teufels. Hier wäre auch das Odins-heiti Báleygr = ‚der Flammenäugige‘ (vgl. runisch Glīaugiʀ = ‚der Glanzäugige‘ auf dem Goldbrakteaten von Nebenstedt I-B [IK 128]) anzuführen. Große Augen („Glotzaugen“) werden in verschiedenen Kulturen als Kennzeichen des Bösen Blicks angesehen. Sehr gut „[…] bezeugt ist das Phänomen in der altnordischen Literatur. Danach sind es vor allem Riesen, Berserker, Hexen, Zauberer und Sterbende, die über den bösen Blick verfügen […]. Besonders gefährlich ist der Blick eines Sterbenden […]“. Sollte der Fels von Aspö etwa den sterbenden Tord darstellen? Fest und scharf bli- ckende oder sogar „schreckliche“ Augen (ǫtol augu), ein wilder, angsteinflößender Blick, kennzeichnen im Altnordischen den Helden oder Herrscher. Dieser Blick wird auch als „schlangengleich glänzend“ (poetisch ormfránn) beschrieben. Davon ausgehend zieht Marold auch den in der Skaldik überlieferten „Schlangenhelm“ bei und versucht, ihn mit dem mehrfach genannten „Schreckenshelm“ (Ægishjálmr) zu verbinden. Vor diesem Hintergrund wäre es dann denkbar, dass die Kopfbedeckung der Menschengestalt von Aspö einen Helm - den im Altnordischen überlieferten „Schreckenshelm“ - darstellt. Damit käme die Möglichkeit in den Blick, in der Darstellung einen herrscherlichen Tord zu sehen. 2.) Es gibt einige wikingerzeitliche Bilddarstellungen, in denen ähnlich markante Augen, sowohl bei anthropomorphen als auch bei theriomorphen Figuren, auftreten. Die spätwikingerzeitlichen Maskendarstellungen auf Runensteinen, die - dem antiken Gorgoneion vergleichbar - als apotropäisch gelten, werden häufig als „Schreck-Fratzen“ mit großen aufgerissenen Augen dargestellt. Wenn diese Wirkmöglichkeit auch für Aspö angenommen werden darf, worauf auch der Vergleich mit den ǫtol augu hindeuten mag, wäre eine apotropäische Funktion der Bilddarstellung von Aspö denkbar. Im Blick auf die Positionierung und die ursprüngliche Umgebung könnte das eine abschreckende Wirkung auf unbekannte Personen ausgeübt haben, die sich in Booten in feindlicher Absicht dem Hafen nähern. Möglicherweise erstreckt sie sich auch darüber hinaus. In der Nähe liegt nämlich ein in Resten erhaltenes Gräberfeld (s. zu Sö 175), auf dem - wie eine Skizze mit Notizen Olof Hermelins von etwa 1870 ausweist - sich zwei schiffsförmige, vier viereckige und viele runde Steinsetzungen nebst einem Bautastein befunden haben. Letzteren bringt Källström (2015, S. 77f.) mit der Aspö-Ritzung und insbesondere ihrer Inschrift zusammen, in der von der Errichtung „dieser Denkmäler“ (mærki) die Rede ist. Sowohl die Felsritzung als auch den zugehörigen Bautastein betrachtet er als „Landmarken für Seefahrende“. Geht man bei der Runenritzung von einer apotropäischen Wirkung aus, dann mag sich diese auch auf den zugehörigen Bautastein erstrecken. Zu überlegen wäre, ob entsprechende bildliche Darstellungen von aufgerissenen Augen auch bei Tieren, z.B. der Eule bzw. dem Flugdrachen von Sparlösa (Vg 119), dahingehend aufzufassen sind. Im Fall von Sparlösa ist die Parallele zu Aspö auch deshalb von Belang, weil dort eine Schlange den Kopf in Ohrnähe (mit aufgesperrtem Maul?) berührt. Eine sehr ähnliche Gestalt begegnet unter den Holzschnitzereien von Oseberg. 3.) Bei genauer Betrachtung zeigt sich ein unterschiedliches Verhalten der Schlangenköpfe. Wenn hier von Schlangen die Rede ist, dann sollte man bedenken, dass es sich dabei nicht um zoologisch bestimmbare Exemplare, sondern um Mischwesen handelt, deren Kopf raubtierähnlich gestaltet ist (häufig mit Schopf und Barthaar wie beim „großen Tier“ ausgestattet), während der Leib oft über krallenbewehrte Extremitäten verfügt. Die linke Schlange scheint das rechte, länglich-herzförmige Ohr der Figur in ihr Maul hinein zu saugen; es erscheint länglich herzförmig. Die rechte Schlange hingegen richtet beide Zähne auf das spitz ausgezogene Ohr und scheint regelrecht zuzubeißen. Das könnte bedeuten: die linke Schlange verhält sich „freundlich“ und könnte das Ohr sogar liebkosen. Die rechte Schlange hingegen hat offenbar feindliche Absichten. Mithin ließe sich die Abbildung einer „guten“ und einer „bösen“ Schlange erkennen. Das stimmt mit der immer wieder betonten Ambivalenz der Schlange überein: „Sinnbild des Todes wie des Lebens, gefürchtet und gehasst aber zugleich auch verehrt.“ Warburg spricht von „Polarität“ des Symbols, das sich nirgends deutlicher zeige als im Fall der Schlange: … ein vollkommen zweiwertig besetztes Symbol, dessen Terme oder ‚Pole‘ unvermittelt ineinander umschlagen können. Die Schlange ist Ausdruck tödlicher Gefahr - und sie ist „natürlichstes Symbol der Unsterblichkeit und der Wiedergeburt aus Krankheit und Todesnot“.

Diese Ambivalenz zeigt sich u.a. auch in der Bibel, die böse, teuflische Schlange in Genesis 3,1ff. und in der Apokalypse 20,2 (mit dem Drachen gleichgesetzt) auf der einen und im Jesuswort von den klugen Schlangen (Matthäus 10,16; vgl. Genesis 3,1) auf der anderen Seite. 4.) Die innige Verbindung von Menschenohr und Schlangenmaul deutet recht eindeutig auf eine Kommunikation zwischen Mensch und Schlange hin. Betont wird die Kommunikation durch die extrem großen und abstehenden Ohren des Mannes, die beide ins Schlangenmaul hineinragen. Oehrl hat dieses Motiv „Ohr im Schlangenmaul“ ausführlich besprochen und eine Deutung als Odin im Schlangengeleit erwogen. Die beigezogenen Brakteatenbilder entsprechen diesem Typus nicht genau, da sich hier ein Tierohr im oder am Göttermund befindet. Besser passt da der Vergleich mit der Bilddarstellung auf dem Altuna-Stein (U 1161), dessen obere Szene Weber überzeugend interpretiert hat: Der Künstler des Altuna-Steins hat den Kommunikationsakt zwischen Raben und Gott [Odin] für den Betrachter unmittelbar sichtbar machen wollen, indem der Schnabel des sprechenden Vogels so direkt wie möglich am Götterohr positioniert ist und dieses sanft berührt. Der Meister von Aspö hat die Intimität noch drastisch erhöht, den Sprech- und Hörvorgang noch unmißverständlicher visualisiert, indem er das Ohr der anthropomorphen Figur nicht bloß dicht ‘amʼ sondern sogar ‘imʼ Schlangenmaul positionierte. Intimer und unmißverständlicher hat der Runensteinritzer die Kommunikation nicht darstellen können. Bereits antik ist bezeugt, dass die Schlangen auf verschiedene Weise (durch Lecken der Ohren) Kenntnisse und Wissen vermitteln können. Wenn die Darstellung von Aspö in eine solche Kommunikationssituation gestellt werden kann, würde die linke Schlange, in deren Leib die Sentenz geschrieben ist, der menschlichen Figur ins gespitzte Ohr „sprechen“. Möglicherweise ist es diese Mitteilung, die zu Erschrecken oder Erstaunen, vielleicht sogar Entsetzen führt und dadurch den Gesichtsausdruck verursacht. Natürlich wissen wir nicht, worin die Mitteilung bestand, aber es ist denkbar, dass es die Sentenz selbst ist, die sich auf ein Ereignis um den verstorbenen Tord beziehen mag. Im Übrigen wissen wir ja auch nicht, was Odin seinem toten Sohn Balder auf dem Scheiterhaufen ins Ohr geflüstert hat (Vafþrúðnismál 52ff.) oder was die Götterfigur dem verletzten Pferd auf den C-Brakteaten ins Ohr raunt. 5.) Parallelen zur Bildformel von Aspö sind zahlreich und weit verbreitet. Abschließend möchten wir hier einige weitere Entsprechungen vorstellen, die uns bemerkenswert und weiterführend erscheinen: Auf dem wikingerzeitlichen Hafenplatz von Fröjel auf Gotland ist während der Ausgrabungen im Jahr 1999 eine nur 2 cm hohe Fibel aus Bronze geborgen worden, die einen Menschen mit gespreizten Beinen und schlangenartigen Tieren in den Händen abbildet. Der Mann ist en face zu sehen, hält in jeder Hand eines der beiden Schlangen- oder Drachenwesen und wird von diesen flankiert. Die Tiere scheinen ihrerseits die menschliche Mittelgestalt mit ihrem Arm zu berühren. Die Mäuler der Kreaturen berühren den Kopf des Mannes von beiden Seiten im Bereich der Ohren. Die Komposition ist der Bilddarstellung von Aspö verblüffend ähnlich. Ein weiteres Bilddenkmal ist eine Darstellung auf einem romanischen Kapitell der Kirche Sainte-Radegonde de Poiters (um 1085). Das Kapitell zeigt mehrfach das Motiv „Daniel in der Löwengrube“. Der Prophet packt die Löwen mal an den Läufen, mal am Schwanz oder Unterkiefer. Die Löwen lecken z.T. ergeben die Füße Daniels - wie es in der christlichen Ikonographie gut überliefert ist. Einige der Bestien wenden sich jedoch auffällig dem Ohr des Propheten zu und nehmen es derart in ihr Maul auf, dass es aussieht, als wollten sie es beißen oder ihrem Gegenüber etwas zuflüstern. An einer Stelle des Kapitells sieht man Daniel, der einen der beiden flankierenden Löwen am Unterkiefer packt, während dieser das Ohr des Mannes mit dem offenen Maul berührt. Den anderen Löwen packt der Prophet am Schwanz, der die Gestalt einer Schlange hat. Daniel hält die Schlange in der Hand und scheint das geöffnete Schlangenmaul an sein Ohr zu führen. Es macht den Eindruck, als beiße oder spreche die Schlange in das Ohr Daniels - die Verbindung mit der wikingischen Darstellung von Aspö ist offenkundig. Im Fall von Sainte-Radegonde kann das Berühren der Ohren mit dem Maul (analog zum Lecken an den Füßen) nur als Zeichen der Unterwerfung aufgefasst werden. Sollte dieser Gedanke auch auf dem Runenfels von Aspö eine Rolle spielen? Dies könnte ein neuer Ausgangspunkt für eine mögliche Bilddeutung sein. Bemerkenswerte Parallelen sehen wir ferner in einer Darstellung auf der Kanzel in der Pfarrabtei von San Pietro, Gropina in Arezzo (Mitte 12. Jahrhundert, Abb. 2) sowie in zwei irischen Denkmälern des 9. Jahrhunderts, einem Glockenschrein im Nationalmuseum Dublin und dem Kreuz von Tully Lough. Die Bilddarstellung auf dem Kreuz kann, ähnlich wie im Fall von Sainte-Radegonde, als göttliche Errettung eines Betenden (Daniel?) vor den Untieren verstanden werden. 6.) Summa: Ein Ergebnis im strengen Sinn vermögen wir nicht zu präsentieren. Aber wäre das auch überhaupt im Blick auf die Ambivalenz vom Schlangensymbol, die unterschiedlichen Verbindungen von Ohr und Schlangenmaul, die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten großer offener Augen überhaupt zu leisten? Offenkundig ist aber, dass die zahlreichen Parallelen zur Figuration Mensch (in Kommunikation?) mit zwei Schlangen oder Drachen (diese greifend und scheinbar an den Kopf führend) Bedeutung haben müssen und zwar sowohl in säkularen sowie in sakralen Kontexten, ohne dass man bisher einen präzisen Zugriff auf diese Bedeutung erreichen konnte. Offenkundig ist ferner, dass wir es mit einer Art Bildformel (Holzapfel 1973) zu tun haben, die zu unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen Kulturen und Kontexten mit verschiedenen Sinngehalten gefüllt werden konnte. Eine Verbindung mit der Daniel-Ikonographie, wie die vorgestellten Parallelen andeuten, erscheint durchaus denkbar.

Kanzelrelief.JPG

Abb. 2 - Kanzel in der Pfarrabtei von San Pietro, Gropina in Arezzo/Italien. Gezeigt wird ein heidnisches Paar, im oberen Register die heidnische Männergestalt, mit stark umhaartem Geschlechtsteil. Hier handelt es sich unmissverständlich um eine kirchliche Bildsprache die böse-heidnische Zuraunungen durch die Schlangenhäupter verdeutlichen will. Im Umkehrschluss müssten die beiden Schlangenköpfe auf dem heidnischen Runenstein von Aspö böse-christenkirchliche Einflüsterungen meinen. Auch die darunter befindliche geschlechtsteillose Figur der Melusine, Undine oder Sirene ist als eine Art Hexe, nach christenkirchlicher Sichtweise, zu interpretieren. Im Mittelalter wurden sie, dem christlichen Dualismus von Gut und Böse folgend, als Unholde gewertet. Die christlichen Schriftsteller des 11./12. Jhs. machen aus ihnen den Inbegriff der weltlichen Verlockung und Verführung. Nichts Göttliches haftet ihnen mehr an, sie wurden in das Reich des Bösen und des Teufels eingeordnet. Das Christentum deklariert die Sirenen zu Dämonen. Paracelsus grenzt sie in den Kreis der „monstra“ ein und bezeichnet sie als unweiblich, weil sie einen Fischschwanz besitzen und aufgrund dessen nicht empfangen und gebären können. Sein Verständnis von Weiblichkeit ist, ganz im kirchlichen Sinne, unverrückbar mit der Mutterschaft verbunden.