Abb. 1 - G. Hess bei Untersuchung des Felsbildes
 
 
Abb. 2                             Abb. 3                             Abb. 4
FALSCHE FELSBILDWIEDERGABEN
- und ihre originalgetreue Erkenntnis -
 
Als ich Anfang der 80er Jahre, während meiner Felsbildexkursionen in den skandinavischen Felsbildregionen, erkennen musste, dass Herman Wirths Felsbildwiedergaben in seinen großen Werken, u.a. der „Die heilige Urschrift der Menschheit“, mit den Originalen nicht in allen Fällen übereinstimmen, suchte ich nach Möglichkeiten, Felsbilder originalgetreu aufnehmen zu können. Ich fand diese Technik im Papier-Handabrieb, wie ihn der Experte der experimentellen Archäologie, Dietrich Evers aus Naurod bei Wiesbaden, mittels Kohlepapier auf 80/100 gr. Offsetdruckpapier übte. Ich habe diese Technik etwas abgewandelt und rieb kombiniert ab mit chlorophyllhaltigem Material, also mit Blattgrün gewisser Pflanzen, vornehmlich mit Fingerkraut-Tampons den gesamten Fonds, und mittels Moospolster-Humus-Schwämmchen nahm ich die Bildstruktur-Randverstärkung vor, so dass ich einen optisch ansprechenden Duplex-Effekt erzielte.
 
Mit meinen Felsbildwiedergaben, in diversen meiner veröffentlichten Aufsätze, schlug mir wiederholt heftige Kritik entgegen, u.a von einem Herrn Harald Hindrichs. Bei meinem Beitrag „Diagnose eines Felsbildes“, unterstellte er mir Manipulation. Was war die Ursache ? Eine Reihe ernsthafter Felsbildforscher hat die Felsbildstätten Skandinaviens nie betreten und arbeitet nicht auf grünem Feld, sondern vom „Grünen Tisch“ aus. Falsche Felsbildwiedergaben geistern in der Literatur umher und werden immer aufs Neue einfach abgeschrieben, kaum einer macht sich die Mühe, sie auf ihre Authentizität hin zu überprüfen. Ich erkannte, dass es dringend notwendig geworden war, eine grundsätzliche Aufklärung hinsichtlich der Originalgetreue von Abbildungen der skandinavischen Felsbilder jedem Felsbild-Interessierten an die Hand zu geben.
 
Die überwiegende Mehrzahl der in deutscher Literatur weitergegebenen Felsbildzeichnungen stammen von dem schwedischen Zeichenlehrer Carl Emil Lauritz Baltzer, der in den Jahren 1881-1888 seine Mappe der „Bohusläner Felsritzungen“ herausgab. So groß diese nun weit über 100 Jahre alte Leistung auch gewesen sein mag, vermögen die damals vorgestellten Freihand-Zeichnungen heutigen Kriterien nicht mehr standzuhalten, sie sind oft im wesentlichen Detail ungenau. Dieser Vorwurf sei mit nur einem konkreten Beispiel erhärtet.
 
Abb. 2 zeigt die ungenaue Baltzer-Zeichnung des „Sonnenwagens von Backa-Brastad“.
 
Abb. 3 rührt von einer verkleinerten fotographischen Aufnahme des von schwedischen Wissenschaftlern ausgemalten Felsens her.
 
Abb. 4 entspricht der fotographischen Verkleinerung des von mir angefertigten Papier-Handabriebes vom Original (Abb. 5).
 
Abb. 6 zeigt die Baltzer-Version die Herman Wirth in seinen Schriften verwendet hat. Man beachte nicht die perspektivischen Differenzen der drei Abbildungen, sondern die Unterschiede im Detail. Die zweite Fußsohle übersah Baltzer ganz, die „Gestalt“ auf dem „Kutscherbock“ des „Sonnwagens“  hebt bei ihm die Arme. Die Wirklichkeit weicht davon erheblich ab.
 
Abb. 7 zeigt die Skizze von Herman Wirths eigener Hand, wohl als er vor dem Originalfelsbild stand. Wie die Skizze genau zustande kam, hat mir H. Wirth nicht erklärt.
 
Abb. 5   
 
 
Abb. 6    Abb. 7 
 
Mit Hilfe der Tageslicht-Fotografien können die Gravuren ohne vorherige Sichtbarmachung, beispielsweise mittels Kreide, die die Gefahr der Verfälschung in sich schließt, nicht aufgenommen werden. Bei der Nachtfotografie werden Schlagschattenbilder erzeugt. Dabei ist es wichtig, dass während der Belichtung die Beleuchtungsquelle - gleichmäßig über die Gesamtexposition verteilt - einen Viertel Kreisbogen abfährt. Aber dieser Grundsatz wurde nicht immer beachtet, daraus resultierten folgenschwere Täuschungen. So konnte ich nachweisen, dass Herman Wirths Irrtum hinsichtlich seiner berühmten „Kalenderscheibe von Fossum“ von einer solchen mangelhaften Nachtfotografie herrührte. Seine darüber erstellte arbeitsreiche Monographie hätte nicht geschrieben zu werden brauchen und manche Darlegungen in seinen anderen Werken nicht geschrieben werden dürfen, weil sich das alles auf ein Felsbild bezog, welches so nicht vorhanden ist. Deshalb sollte sich der Grundsatz einbürgern, ausschließlich Bilder zu interpretieren, deren Existenz in besprochener Form, auch wirklich als gesichert gelten darf. Es geht nichts über den eigenen Augenschein ! Wie sehr jedoch selbst dieser Täuschungen unterworfen oder vor Täuschungsabsicht nicht sicher ist, zeigt Abb. 7, eine Skizze - wie schon gesagt - von H. Wirths eigener Hand, welche zu seiner Abgusskartei gehört.
 
Felsbilder sind keine Skulpturen, sondern zweidimensionale Darstellungen; die Tiefe der Ritzung ist nur von zweitrangigem Interesse. Deshalb werden die aufwendigen, gewichtigen Gips- oder Siloprene-Abgüsse in aller Regel überflüssig. An dieser Stelle sei auch mit allem Nachdruck eine herzliche Bitte allen jenen gegenüber ausgesprochen, die sich für Felsbilder interessieren und dieselben gerne zu Studienzwecken im Originalformat mit nach Hause nehmen möchten. Nehmen Sie bitte keine chemischen oder mechanischen Manipulationen am Felsgestein vor, gehen Sie auch bitte um Gottes Willen nicht mit einer Stahlbürste an diese wertvollen Urkunden heran. Nicht nur, weil Sie bei Entdeckung ohne Rücksicht, trotz aller Toleranz der Schweden, sofort des Landes verwiesen würden und mit einer Strafverfolgung rechnen müssten, sondern weil Sie damit dazu beitrügen, den arg ramponierten Ruf der deutschen Hobbyforscher weiter zu verschlechtern, so dass bald berechtigte Ressentiments der Schweden ein gedeihliches Arbeiten dort unmöglich macht.
 
Die einzig exakte, die preiswerteste und technisch wie gewichtsmäßig leichteste Methode, Felsritzungen als Originalbild begutachten zu können, ist die Methode des Papier-Handabriebs. Legen Sie nicht zu schweres und nicht zu sehr geglättetes Rollen-Offsetpapier des gewünschten Formates auf die Felsritzung, fixieren Sie den Bogen am Rande durch einige Streifen Lenkerband, und reiben Sie mit einem Farbträger, vom Mittelpunkt ausgehend, zur Bildperipherie über das Papier. Farbträger kann Kohlepapier, ein chlorophyllhaltiger Blätter- oder Grasquast, ein steinfreier, wenig feuchter, durch feinstes Wurzelwerk zusammengehaltener Erdbatzen oder die Humusschicht unter einem Moospölsterchen sein.
 
Schon nach ein paar Übungen haben Sie die Fertigkeit, diese Reproduktionstechnik so anzuwenden, dass die richtige Farbmenge auf’s Papier gelangt, damit Sie einerseits die Tiefen nicht zuschmieren und andererseits die Lichtdetails herausholen. Es kommt bei dieser Methode zum Bildeffekt durch das Buchdruck-Prinzip: Die hochliegenden Felspartien üben dem Farbträger gegenüber einen Gegendruck. aus und veranlassen ihn, Farbe abzugeben. Über die tiefliegenden Gravurlinien des Felsbildes hingegen, gleitet der Farbquast, wegen fehlendem Gegendruck von unten, ohne Farbabgabe drüber hin.
 
Diese Methode und praktisch jede Auskunft über nordische Felsbilder ist schulmäßig zu erfahren bei dem liebenswürdigen, deutschsprechenden Lehrer Dr. Gerhard Milstreu, der in den Sommermonaten ein paar Wochen lang in Tanumshede / Bohuslän von seinem Felsbildinstitut aus eindrucksvolle, unvergessliche Felsbild-Exkursionen veranstaltet. (Dr. Gerhard Milstreu, http://www.bradshawfoundation.com/contact.php)
 
Wer originalgetreue und dazu graphisch schöne Felsbildabriebe begutachten möchte, oder diesbezügliche Fragen auf dem Herzen hat, ist auch in meinem Hause nach Voranmeldung ein stets gern gesehener Gast.
 
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Abb. 8 + 8 a                 
Abb. 9
 Ein weiteres Beispiel für die diversen Irrtümer, auch jene von Herman Wirth: Bei dem Felsbild von Aspeberget / Kreis Tanum / Bohuslän läuft eine Gletscherabriebspur quer durch den Kreis. Diese Linie nahm H. Wirth, aufgrund einer ihm vorliegenden L. Baltzer-Zeichnung, als Bildkontur an und interpretierte entsprechend falsch. Das Bild eines geteilten Kreises ist in Wahrheit nicht vorhanden. Zwar wäre es denkbar, dass der bronzezeitliche Felsbildpicker seinen Kreis bewusst über der natürlichen Abrieblinie angelegt haben könnte, doch es handelt sich dabei um kein unmittelbare Bildelement und darf deshalb keinesfalls als solches interpretiert werden, durch Weglassung des „ungewünschten“ Linienanteiles. Zudem stehen zwei Axthalter hintereinander. H. Wirth wusste nur von einem und bezeichnete ihn als den das Jahr teilenden Axt-Gott. Dieses Felsbild bringt H. Wirth z. B. in „Aufgang der Menschheit“, 1928, Seite 382 (Abb. 8 + 9). Noch die Jahre später angefertigte Handskizzenkartei H. Wirths, von den vorgenommenen Abgüssen in Schweden i. J. 1935, zeigt die falsche Darstellung, obwohl H.W. - nach eigener Aussage  - die Skizzen vor den Felsbildern stehend angefertigt habe (Abb. 9). Denkbar wäre allerdings, dass H.W.’s Felsbild-Skizzenkartei grobe Abzeichnung von L. Baltzers Vorlagen sind und als Arbeitsprogramm dienen sollten, von welchen Felsbildern Gipsabgüsse vorgenommen werden sollten.
 
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Auszug aus meinem Vortrag anlässlich des 100. Geburtstages von Herman Wirth, am 05.05.1985, 19:30, im „Collegium Humanum“, des Werner Haverbeck, Vlotho/ Weserbergland: „Jede Arbeitshypothese ist so sicher oder unsicher, wie das Beweismaterial ist, worauf sie beruht. Wer die Standfestigkeit eines Kolosses prüfen möchte, hat dessen Beine zu untersuchen. Nun steht das geistige Gebäude Herman Wirths auf vielen Beinen, welche nachzuprüfen mir nicht möglich ist; denn seine Idee umfasst ja eine Vielzahl wissenschaftlicher Sparten. Herman Wirth stützte sich schon in seinem „Aufgang der Menschheit“ (1928) auf Abbildungen schwedischer Felszeichnungen, welche den Originalen nicht oder unvollkommen entsprachen. Leider ist es keine Seltenheit, dass Felsbildzeichnungen durch die Literatur geistern, welche nur grobvisuell richtig sind, wissenschaftlichen Kriterien aber nicht genügen. Die Bilder des schwedischen Zeichenlehrers Balzer sind in der Regel, was die Relationen anbelangt, für Freihandzeichnungen überraschend exakt, aber im Detail, wie könnte es anders sein, voller Abweichungen. Die einzige Art und Weise, ein Felsbild originalgetreu aufzunehmen, ist der Papierhandabrieb. Bei Zeichnungen oder Fotografien lässt sich Auge oder Optik täuschen. Der Silopren-Abguss erzielt kein Bild im reprotechnischen Sinne, sondern ist - wie das Original - ein dreidimensionales Gebilde, und die Auswertungsschwierigkeiten sind nicht kleiner geworden. Ein Felsbild ist aufgrund der bildnerischen Darstellungstechnik, der Hineinarbeitung ins Gestein, ein dreidimensionales Etwas. Die vom Hersteller beabsichtigte Wirkung jedoch ist das zweidimensionale Bild und keine Plastik. Es gibt hier nur zwei relevante Ebenen, die unbearbeitete Felsfläche und die tiefergelegte Ritzung. Mit einem Farbgeber-Tampon fährt man über das Papier, um die Farbe dort aufzudrücken, wo Gegendruck herrscht, also durch die Felsfläche. Ob die Ritzungstiefe geringer oder ausgeprägter ist, bleibt dabei vollkommen unwichtig. Deshalb ist die beste Aufnahmemöglichkeit der Papierabrieb. Dort, wo der Gegenduck des Steins vorhanden ist, wird ein Farbeffekt erzielt, wo der Stein, aufgrund der Ritzung tiefer liegt, bleibt die Papierfläche hell. Nun schleppte sich in der Vergangenheit so mancher ab, auch Herman Wirth auf seinen beiden Schweden-Exkursionen, 1935/6, mit schwerem Gipsabgüssen, und später, nach dem Kriege, mit Silopren-Platten. Man hätte es so einfach haben können. Wir haben auf unseren Schwedenreisen 1981/4 einige hundert Meter Rollenoffsetpapier einer Breite von 1,50 Meter und darüber hinaus verarbeitet und nach Hause gebracht. Das wäre mit den erwähnten Methoden überhaupt nicht möglich gewesen. Ich habe eine Technik der Abreibung entwickelt, welche nicht nur exakte, sondern darüber hinaus, auch graphisch schöne Bildwerke schafft. Eine Kombination von reinen Naturfarben, überall an Ort und Stelle beziehbar, oder doch fast überall, nämlich das Chlorophyll von Gras, Fingerkraut, Kamilleblättern und Moos. Die dunkle Humusschicht auf der Unterseite der Moospolster erzeugt den Kontrastrand auf dem hellen Fond des grünen Bildes. Aber bevor Herman Wirth 1935/6 seine „Ahnenerbe-Nordland-Expeditionen“ durchführte und sich mit schwerfälligen Methoden der Felsbildurkunden zu beschaffen suchte, hatte sich sein Konzept bereits gefestigt, hatte er seine Entschlüsselungsidee ausgearbeitet. Er arbeitet sie aus unter Zuhilfenahme irreführender Quellen. Eine wesentliche Quelle, auf die er sich stützte, war sie sogenannte „Kalenderscheibe von Fossum“. Sie schien so wichtig, dass sie in die bebilderte Verlagswerbung von Köhler & Amelang zur gleichen Darstellungsweise, wie sie schon im „Aufgang der Menschheit“ auf der Bildbeilage VII zwischen den Seiten 236 und 237 erschienen war Schließlich ist sie ebenso im Bildband der „Heiligen Urschrift“ auf Seite 285 erschienen. Vollständigkeitshalber sei erwähnt, dass Herman Wirth noch im Kriege eine „Monographie“ über die „Kalenderscheibe“ zu schreiben begann, welche aber nie im Druck erschienen ist...."
 
Es war historisch die erste konkrete Abbruchkritik am Gesamtwerk der „symbolhistorischen Erkenntnistheorie der Foschungsmethode“ des H. Wirth. Der Grundstein, „Eckstein“, die Initialzündung für sein Konzept ist gar nicht vorhanden, ist seiner freien Fantasie entsprungen. In Anbetracht der unbestreitbaren Geistesschärfe H. Wirths, tut sich ein geradezu mystischer Aspekt auf. Wie ist es möglich, dass sich ein Mann derart über Jahrzehnte auf hauchdünnem Eis bewegte und wissen musste, dass es jeden Augenblick unter ihm zusammenbrechen konnte und ihn unweigerlich versinken ließe ? Wie katastrophal hätte seine feinnervig-edle Frau reagiert, der er das alles „hat schenken wollen“, nach eigenem Bekunden ? Der tödliche Zusammenbruch eines treuen  Wirth-Anhängers, damals in Vlotho, den der Schlag traf, nachdem er meine Ausführungen hörte, war mehr als nur ein trauriger medizinischer Zufall, es war der Zusammenbruch der bis dato als menschlich integer angesehenen Person eines Forschers, der im Widersteit der Meinungen stand, dem aber ein bewusster Wissenschaftsbetrug nicht hätte zugemutet werden können. H. W. hat von seiner Manipulation wissen müssen, was vorhandene Fotografien der „Fossum-Kalenderscheibe“ nachweisbar machen. Er selbst sprach vom „scharfen Seitenlicht“, wodurch sein Verständnis des Abgusses der Felsritzung sichtbar würde. Aber ein objetiv sicheres Quellenmaterial bedarf keiner besonderen Beleuchtungen !
 
 
 
Abb. 10 - H. Wirths ominöse Fossum-Kalenderscheibe in seinem eigenen Abguss. Von einer Odal-Rune und einer Algiz-Rune (Wirth vermutete sie unten links) ist nichts zu sehen. Es handelt sich offenbar um tanzende Strichmännchen, um einen Sonnen- oder Mondkreis.
 
 
Abb. 11 - Herman Wirths Fossum-Fama im von ihm selbst zusammengestellten Tableau. Oben li. die falsch belichtete Nachtfotografie (Seitenlicht von links) auf der scheinbar Odal-Rune und Algiz-Rune sichtbar werden, was ihn zu einer runen-kalendarischen Schau verleiteten.