16.08.2025
Abb. 7 - lm röm. Opferritus führte der popa (Opferdiener) das Rind zum Altar und betäubte es vor dem Öffnen der Halsschlagader mit einer Axt, bzw. einem Hammer. (Ara Pacis in Rom, Detail des Außenfrieses. 9 v.0)
Es gibt kultische Traditionen die über die Jahrtausende beibehalten werden, ihre religiösen Bedeutungen nur ändern, aber unbeirrbar erhalten bleiben, so wie das Rinderopfer, das unter der 23. ODING-Rune, noch zum Beginn unserer Zeitrechung erscheint. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um sog. Totenopfer, was durch die spätherbstliche Platzierung der U-Rune (Urstier-Rune) zum Ausdruck gelangt. Das herbstlich-winterliche Stieropfer kann auf eine lange kalendarische Tradition in Mitteleuropa zurückblicken, es ist durch archäologische Funde am stichbandkeramischen Wintersonnwendheiligtum Goseck (Gemeinde bei Naumburg/Thüringen) schon von vor ca. 7.000 Jahren belegt. Rinder- bzw. Urstier-Opfer gehörten schon damals zum wintersonnwendlichen Brauchtum, wie es die dortigen Gehörn-Funde an den Torbezirken des Heiligtums ausweisen.
„Die Rinderopfer von Niederwünsch [Kreis Merseburg] - Belege eines umfangreichen Ritualge-schehens im späten 4. Jahrtausend v. Chr.“, von Eric Müller und Torsten Schunke
KULTURGESCHICHTE VOR 6OOO JAHREN
„Es stand der kriegerische Thrasymedes, eine geschliffene Axt in der Hand, die Kuh zu erschlagen. Perseus hielt ein Gefäß, das Blut zu empfangen. Der Vater wusch zuerst sich die Hand, und streute die heilige Gerste, flehte dann viel zu Athenen; und warf in die Flamme das Stirnhaar. Als sie jetzt gefleht und die heilige Gerste gestreuet, trat der mutige Held Thrasymedes näher, und haute zu; es zerschnitt die Axt die Sehnen des Nackens, und kraftlos stürzte die Kuh in den Sand. Und jammernd beteten ietzt alle Töchter Schnür' und die ehrenvolle Gemahlin Nestors Eurydike, die erste von Klymenos Töchtern. Aber die Männer beugten das Haupt der Kuh von der Erde auf; da schlachtete sie Peisistratos, Führer der Menschen." (Homer, Odyssee, Gesang 3, 443 455).
Eine der ältesten Darstellungen des Stieropfers (Salbgefäß aus Alabaster, korinthische Produktion. Ende 7./Anfang 8. Jh. v.0)
„Manche Entdeckungen vervollständigen unser Bild der Vorgeschichte zur rechten Zeit. Mehrere Gruben mit Rindern, die bei Ausgrabungen an der ICE-Trasse Erfurt-Halle/ Leipzig bei Niederwünsch, Saalekreis, untersucht wurden, geben wichtige Hinweise über ein umfangreiches Opfergeschehen zur Zeit der Salzmünder Kultur. Auf einer kleinen Anhöhe, die für eine sakrale Nutzung nahezu ideal erscheint, lag dort über dem sonst sehr flachen Gelände ein Grabhügel der Baalberger Kultur (3950-3400 v. Chr.). Um diesen gruppierten sich im Osten etwa halbkreisförmig vier Gruben, in denen in der Zeit um 3100 v. Chr. Rinder niedergelegt worden sind. Sie dürften aufgrund einiger spärlicher Scherben in den Grubenverfüllungen, u.a. die Scherbe einer Trommel, der frühen Bernburger Kultur angehören. Zugehörig ist ein beigabenloses Grab, das nach der C-14-Analyse ebenfalls in diesen Zeitraum datiert. Die Gruben mit den Rindern sind unterschiedlich. Die nördlichste (Bef. 30116) enthielt ein Tier, das vor der Niederlegung teilweise zerlegt worden war. Ihm fehlte das Becken und es gibt Hinweise darauf, dass das Tier dann aus einzelnen Teilen - allerdings in korrekter anatomischer Lage - wieder „zusammengefügt“ worden war. Sein Schädel wurde zulelzt in die Grube gelegt. Auf dem Brustkorb befand sich eine Kalksteinplatte, auf der weitere Einzelknochen lagen. In der südlichsten Grube (Bef. 30119) lagen die Knochen eines Rindes dagegen einzeln zwischen einer größeren Menge an Kaiksteinen. Die beiden mittleren Gruben unterscheiden sich wiederum. In der Grube Bef. 30110 lag ein vollständiges Rind. Auf seinem Körper war ein großes Feuer entfacht worden, das zur Verkohlung vieler Knochen geführt hat. Der Schädel, der etwas höher lag, hat dagegen keine Brandspuren. Eine auf dem Becken stehende flache Schale war jedoch vollständig verbrannt. Eine ähnliche Konstellation war in der herausragenden Grube Bef. 30111 gegeben. Hier haben die Bergung im Block und die anschließende Freilegung unter Werkstattbedingungen, die noch andauert, eine Reihe sehr interessanter Beobachtungen ermöglicht. In dieser Grube lagen zwei Rinder einander zugewandt in Bauchlage. Zunächst hatte in der Grube im späteren Kopfbereich der Rinder ein Feuer gebrannt, das die Grubenwand verziegelte. Auf eine Schicht aus sterilem Boden sind dann die unverbrannten Schädel der Rinder gebettet worden. Ein weiteres Feuer wurde anschließend auf den Rindern im Bauchbereich entfacht, das die Knochen teilweise verbrannte und mit ihnen auch mehrere Beigaben: eine auf einer Kalksteinplatte stehende Schale, fast identisch mit jener aus der daneben liegenden Grube, sowie ein meißelförmiges Felsgesteinbeil und ein kleines gemuscheltes Feuersteinbeil. Es verbrannten auch mehrere Knochenspitzen und Feuersteinpfeilspitzen, teilweise mit abgebrochener Spltze, die sich offensichtlich am und im Körper der Rinder befunden hatten. Drei der Knochenspitzen lagen beispielsweise parallel zueinander, mit den Spitzen zum Körperinneren im Bauchbereich eines der Rinder.
Ein Meißel in der Größe einer Lanzenspitze steckte im Hüftbereich des anderen Rindes. Bemerkens-wert ist, dass Pfeilschüsse in den Rumpf von Rindern nur in Ausnahmefällen den Tod der Tiere herbeiführen würden. Sie sind deshalb als rituelle Komponente einer komplexen Zeremonie zu interpretieren. Ganz offensichtlich sind die Rinder „übertötet“ worden, wie dies auch in den zeitgleichen Wagengräbern aus Profen beobachtet werden konnte (siehe Beitrag „Die Rinderbestat-tungen von Profen“, S. 83). Die antithetische Niederlegung könnte im Fall des Niederwünscher Befundes eine „symbolische“ Gespannkonstruktion zum Ausdruck bringen. Der schlechte Erhaltungszustand der Schädel lässt keine Beurteilung darüber zu, ob die Rinder mit den im Befund liegenden Beilen betäubt oder letztlich getötet worden sind, es ist iedoch sehr wahrscheinlich. Diese Beobachtungen, die Zerlegung der anderen Rinder und die offensichtlich mehrstufigen Verbrennungen weisen diese sog. „Rindergräber“ eindeutig als Opferungen aus. In zeitgleichen Kontexten sind ähnliche Befunde, ebenfalls mit Teilzerlegungen, Sonderbehandlungen von Schädeln ünd Brandspu-ren, mehrfach aus dem Karpatenbecken belegt. Rinderpaare in antithetischer Lage mit Brandspuren sind aus der östlichen Kugelamphorenkultur bekannt. Die Intention für diese Opfer ist nicht eindeutig festzustellen. Es könnte sich um sog. Totenopfer handeln. Im Fall der Niederwünscher Rinder ist die danebenliegende, im Alter von 25-35 Jahren verstorbene Person, die zudem als einzige neolithische Bestattung des Fundplatzes degenerative Erkrankungen und Zeichen von Mangelernährung aufwies, sicher nicht der Adressat der Opfer. Auch die Befundverteilung spricht dagegen, doch ist ein Zusammenhang mit nicht erhaltenen Grablegen im älteren Baalberger Grabhügel nicht auszuschlie-ßen. Allerdings ist bei den vergleichbaren Befunden des Karpatenbeckens kein Bezug zu Bestattungen nachzuweisen. Opferungen sind aus der Antike vielfach belegt, wobei v. a. jene von Rindern als sehr „hochwertig“ galten. Aus der Zeit vermehrter schriftlicher Überlieferungen im 1. Jahrtausend v. Chr. sind fast alle in Niederwünsch zu beobachtenden Aspekte nachweisbar. Zur Betäubung oder Tötung waren Beil oder Axt offensichtlich die bevorzugten Waffen. Eingangs wurde der Vorgang in der Odyssee geschildert. „Größere, namentlich Rinder, pflegten dabei zuerst durch einen Schlag, der mit einem Beile oder einer Keule auf den Kopf geführt wurde, betäubt zu werden oder es ward ihnen mit der Schneide des Beiles der Nacken oder der Hals durchschlagen“. Offensichtlich gehörte „zum Stieropfer 1 (...)] die Axt, die die Steinaxt fortsetzt“. Auch die römischen Blutopfer (Abb. 7) bedienten sich des Beiles. Verbrennungen und Teilverbrennungen von Rinderopfern wurden ebenso wie Zerstückelungen, meist zum Verzehr einiger Teile des Opfertieres, von den Griechen durchgeführt. Räumlich näher liegend, in Mitteleuropa, sind in eben dieser Zeit auch bei den Kelten Tieropfer vielfach historisch überliefert. Bemerkenswert ist, dass sich das umfangreiche schriftlich belegte Opfergeschehen bezüglich der Tiere keineswegs in dieser Breite archäologisch niedergeschlagen hat.
Das gibt einen Hinweis auf die hohe, nicht zu erfassende „Dunkelziffer“ in den schriftlosen Zeiten. Auf dem Fundplatz Niederwünsch lassen sich aus dem späten 4. Jahrtausend v. Chr. somit umfangreiche Tieropferungen nachweisen (siehe Beitrag „Vater - Mutter - Kind“, S. 93). Bei dem anzunehmenden Wert der Tiere verwundern die damit verbundenen komplexen, vermutlich mehrstufigen Rituale und Zeremonien nicht. Einen im Vergleich zu den späteren Belegen genuin steinzeitlichen Aspekt innerhalb die- ser Rituale stellt ganz offensichtlich der in Niederwünsch und Profen nachgewiesene Beschuss der Opfertiere mit Fernwaffen dar. Da unterstellt werden kann, dass sämtliche Funde aus den Gruben in Niederwünsch Bestandteile der Rituale waren, müssen auch die in zwei Fällen beigelegten ungewöhnlichen Schalen dafür in Anspruch genommen werden. Vermutlich sind es Gefäße zum Auffangen von Blut, deren spezielle flache Form gut geeignet war, das fließende Blut als roten Spiegel erscheinen zu lassen. Der Verbildlichung des Opfers durch das fließende Blut wurde auch später bei Opferritualen große Bedeutung bei gemessen, indem es zum Beispiel noch bei den Griechen aus Schalen bildgewaltig über den Opferaltar gegossen wurde.“