18.12.2025
Das Od-Sinnzeichen auf steinzeitlicher Scherbe aus Dedelow /
Uckermärker Trichterbecher-Kultur (etwa von 4200 bis 2800 v.0).
ZEITRAUM DER RUNE
(Tiefster Sonnen-Stand - Sonnenjahres-Beginn)
Nun, runenring-reisende Rater, habt acht,
da ihr weilt in des Jahres Mitternacht.
Nie gären die Geister erwachter und wilder,
die Argen so arg und die Ahnen nie milder.
Schwach strich die Sonne, - säumig, versehrt,
der zeit-meisternde Mond ist ausgezehrt.
Es stehen die Stunden, es rastet das Rad,
hier endet des erschöpften Jahres Pfad.
Der Mensch geht mit im großen Geschehen,
keine Winde wird zur Wende sich drehen,
keine Räder rollen während Ruh‘ und Rast,
die WINTERWENDE waltet als stiller Gast.
Wenn letzte, lärmende Laute verhallen,
dann werden die weihenden Flocken fallen,
der zarte, der schimmernde Zauberschutz,
den winter-wölfischen Mächten zum Trutz.
Fährt auch über Felder der eisige Fluch,
weit breitet die Mutter ihr Manteltuch;
die keimenden Kinder herbstlicher Saat
hüllt Frau Holde in hegende, weiße Wat.
Frische Fasern des Lebens regen sich sacht‘
in verschwiegener, schirmender MUTTERNACHT.
Ringsumher droht finsterster Schrecken,
da lässt sich das junge Licht erwecken.
Tief geborgen im wohligen Wurzelraum
wiegt sich das Leben im ersten Traum.
Zur Nacht aller Nächte, zur WEIHENACHT,
hat Mutter die neue Werdung vollbracht.
Des Runen-Jahrkreises Anfangs-Zeichen
muss fünfundzwanzigstem Stabe gleichen.
Die Fünfundzwanzig vertritt die Sieben,
so wird die Göttin als Zahl geschrieben.
Es gebiert die Große Mutter die Zeiten,
alle „Sieben-Sachen“ soll sie bereiten.
Sie ist ein Symbol für das dunkle Yin,
das allgebärende, unklare „Gottes-Ding“.
Menschenhirne können Gott nur verstehen,
wenn sie Gottes Werke menschlich ersehen:
Im Schöpfungsbeginn glich Gott dem Weib,
da ist er gebärender, allgebender Leib.
Lebt Gottes Geist in „Sieben-mal-Drei“,
dann ist er in „Sieben“ auch schon dabei.
Gott ist ja Mutter und Vater zusammen,
er ist nährendes Nass mit Feuerflammen.
Wodan, der Weltgeist, - umfassend reich,
er war „zur Urzeit dem Weibe gleich“.
Der allwissende Woden wirkt in der Wala,
wer kennt die Hüllen der heiligen Kala ?
Als Ur-Prophetin galt Gäa, die Erde,
sie weiß das Geheimnis vom Stirb-und-Werde.
Die Völva, sie weiß die Werdung der Welt,
sie selbst hat den Stoff um Ideen gestellt.
Die seid-selige Seherin ist sie, die Wurd,
als Schicksal begrüßt sie jede Geburt;
sie vereinigt Urda, Werdandi und Skuld
in ihrer mütterlich dreieinigen Huld.
Nennt man sie Moiren, Parzen und Nornen,
an Wiegen verteilen sie Rosen und Dornen.
Sie spinnen und knüpfen den Lebensfaden,
sie weben darein das Glück und den Schaden.
Die Schicksaismütter, die Töchter der Erda,
sind Erscheinungsformen der Gäa, der Gerda.
Aus dem drohenden Dunkel der Winterwende
entfacht sich die Licht- und die Lebensspende.
Der ehrwürdige Beda hat es uns überbracht:
Weihnachtsabend nannte man MUTTERNACHT.
So trefflich bezeichnet kein Name die Zeit,
zu der die Göttin das neue Leben befreit.
Aus Finsternis flattert ein Flügelschlag,
aus Ur-Mutters Nacht befreit sich der Tag.
Es ist Grundglaube sämtlicher Kosmogonien,
die Helle ist aus helendem Dunkel gediehen.
Aus orphischem Nyx, dem Ur-Anfangs-Prinzip,
erhob sich des Himmels uranischer Trieb.
Als die Tochter der Nott galt geradeso Jörd,
Erde und Nacht haben stets ja zusammengehört.
Sie erscheinen vereint zum unlösbaren Ring,
im Weiblichkeits-Sinnbild, dem dunklen Yin.
Dem Yin folgt Yang, denn Nacht gebiert Tag,
was auch nordischer Mythos bestätigen mag:
Zwar war auch schimmernder Delling im Spiel,
das ändert an Grundaussage nicht viel.
Dagr, der Tag, galt als Sohn der Nott,
nächtige Erzmutter gebar hellen Gott.
Sie ist die Urda, die platonische Ananke;
ihr eigener dreieiniger Schicksalsgedanke
verkörpert sich in den Nornen, den Moiren,
die der Mutter gewaltige Weltspindel führen;
sie sind ewiges mütterliches Werdegebot,
das unabänderliche Muss von Glück und Not.
Leben fällt ins Licht und es fällt zurück,
eines nennen wir Not, - ein anderes Glück.
Die Allmutter gibt, und die Allmutter nimmt,
so ward es zum Kreislauf des Alls bestimmt.
Nennt man es Schicksal, Fatum, Verhängnis
und Urda, Ananke, Heimarmene oder Themis,
die Naturnotwendigkeit ist sie in Person,
mit Zeus verzahnet zur höchsten Union.
Den arischen Indern galt als Göttin Aditi,
Mutter der Welt und der Ordnung ist sie.
Den Stoff erschafft sie für jedwede Kreatur,
sie galt als Urmaterie, Dasein und Natur.
Auch Prakriti heißt sie, die ohne Anfang war,
im Gewebe der Welt schien sie wahrnehmbar;
Maya heißt sie, die große Welt-Spinnerin,
alle Erscheinungen entstammen ihrem Beginn.
Selbst jede Gottheit hat Maya hervorgebracht,
sie wurde als Ausbreitung Brahmas gedacht;
als die weibliche Seite göttlicher Energie,
als gebärendes Es, als Maya-Shakti-Devi.
Die Göttin gleicht göttlichem Werdewillen,
dem der Kosmos und alle Götter entquillen.
Das Ewig-Weibliche ist Urgrund der Dinge,
die Weltweberin knüpfte die erste Schlinge.
Einst kreisten Ideen und Geister körperlos,
Schöpfung lag umschlossen vom Mutterschoß;
das Ginnungagap gähnte in grundloser Weite,
finst‘res Chaos klaffte als endlose Breite.
Da erhob sich über gestaltlosem Geschiebe
die göttliche Mutter, die Königin der Liebe.
Nacht und Nichts erfüllte sie mit Gewimmel,
aus ihrem Schoß schied sich Erde und Himmel.
Sie war das gebärende, das bildende Wagen,
wie ein Herd, aus dem erste Flammen schlagen.
Als Erdmutter führt sie ihr Schaffen fort,
sie wirft Wesen ins Licht an jeglichem Ort.
Aus tief verborgenen, erd-dunklen Gluten
schürt sie des Daseins lebendige Fluten.
So wurde sie als Hestia und Vesta verehrt,
als irdischer Weltmittelpunkt und Feuerherd.
Sie galt als jene, „die alles gebildet hat“,
als Große Mutter, als Urflut, als Tiamat.
Als Isis sprach sie die weisenden Worte,
sie standen zu Sais bei der Tempelpforte:
„Ich bin alles, was geworden ist und noch ist
und was sein wird in künftiger Frist !“
Man nannte sie „Kuh, die die Sonne gebar“,
und „Große Fülle“, die uranfänglich war.
Isis- und Hathorkuh, die „kuhäugige Hera“,
aus tauendem Urreif entstandene Audhumla,
waren Sinnbilder weiblicher Kosmoskraft,
wäss‘rigen Urstoffs, der selbst sich erschafft‘.
Schon das alte rigvedische Schöpfungslied
sagte, wie das Sein sich zu Anfang schied:
„In der Gottheit erstem Zeitalter-Gang
das Seiende dem Nicht-Seienden entsprang.
Der gebärenden Aditi ist Erde entflossen,
daraus sind die Räume der Welt entsprossen.“
Der weibliche Urgrund glich in Urzeit-Ruh‘
der Göttin Aditi, der „kauernden“ Kuh.
Die Urkuh-Gleichnisse sind sehr gleich,
von Alt-Island bis Indien im Mythenreich.