12.05.2025

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Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832),
Dichter, Denker, Kritiker und Naturforscher.

(Goethe befand sich im Staatsdienst und musste, um seine materielle Existenz nicht zu gefährden, in seinen Äußerungen über Christismus und Kirche vorsichtig agieren. Goethes Verhältnis zur Amtskirche war distanziert. Er hatte seine Probleme mit der Institution Kirche. In einem kleinen Werk Goethes, „Brief des Pastors zu … an den neuen Pastor zu …“, nimmt Goethe die frömmelnde Heuchelei aufs Korn, wie denn auch die Reformation mit einem ,Mönchsgezänk‘ begann. Er tritt für Toleranz ein. Die Form ist ihm einerlei, wichtig allein ist der eigene Glaube. Diese Schwärmerei rief natürlich Kritiker auf den Plan, so Bodmer und Lavater, von dem sich Goethe zusehends distanziert. So bezeichnet der Schwager Lavaters den Goethe als „Schwärmer“ und „Tollhäusler“. Gegen die kirchliche Kritik wandte sich Goethe beispielsweise in seinem Werk „Der ewige Jude“, das zu seinem Glück erst 1834 veröffentlicht wurde, ansonsten hätte es seiner Karriere wohl sehr bald ein Ende gesetzt. Die Fabel des in Knittelverse gesetzten Epos: Christus kehrt nach 1774 Jahren auf die Erde zurück, um zu sehen, was aus seiner Lehre geworden ist. Er trifft Ahasver, der Jesus einst am Kreuze verspottet hatte. Bei den angetroffenen gesellschaftlichen Verhältnissen läuft Jesus Gefahr, ein zweites Mal gekreuzigt zu werden. Goethe führte verschiedene religiöse Strömungen auf: Katholiken, Lutheraner, Pietisten Methodisten, und meinte, dass sie als Narren doch im Grunde genommen allesamt der gleichen Narretei verfallen sind.)

Den deutschen Mannen gereichts zum Ruhm,
Dass sie gehasst das Christentum,
Bis Herrn Karolus' leidigem Degen
Die edlen Sachsen unterlegen.
Doch haben sie lange genug gerungen,
Bis endlich die Pfaffen sie bezwungen,
Und sie sich unters Joch geduckt;
Doch haben sie immer einmal gemuckt.
Sie lagen nur im halben Schlaf,
Als Luther die Bibel verdeutscht so brav.
Sankt Paulus, wie ein Ritter derb
Erschien den Rittern minder herb.
Freiheit erwacht in jeder Brust,
Wir protestieren all mit Lust.

Quelle: „Zahme Xenien“ (1827), 9, Nachl., zitiert in: Abermals krähte der Hahn, 1996, S. 681

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Glaubt nicht, dass ich fasele, dass ich dichte;
Seht hin und findet mir andre Gestalt!
Es ist die ganze Kirchengeschichte
Mischmasch von Irrtum und Gewalt.

Mit Kirchengeschichte was hab ich zu schaffen?
Ich sehe weiter nichts als Pfaffen;
Wie's um die Christen steht, die Gemeinen,
Davon will mir gar nichts erscheinen.

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„Sag, was enthält die Kirchengeschichte?
Sie wird mir in Gedanken zunichte:
Es gibt unendlich viel zu lesen -
Was ist denn aber das alles gewesen?“

Zwei Gegner sind es, die sich boxen,
Die Arianer und Orthodoxen.
Durch viele Säkla dasselbe geschicht,
Es dauert bis an das jüngste Gericht.

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Ich habe nichts gegen die Frömmigkeit,
Sie ist zugleich Bequemlichkeit;
Wer ohne Frömmigkeit will leben,
Muss großer Mühe sich ergeben:
Auf seine eigne Hand zu wandern,
Sich selbst genügen und den andern.
Und freilich auch dabei vertraun,
Gott werde wohl auf ihn niederschaun.

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Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion;
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion.

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Lasst euch nur von Pfaffen sagen,
Was die Kreuzigung eingetragen!
Niemand kommt zum höchsten Flor
Von Kranz und Orden,
Wenn einer nicht zuvor
Derb gedroschen worden.

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Vieles kann ich ertragen. Die meisten beschwerlichen Dinge
Duld ich mit ruhigem Mut, wie es ein Gott mir gebeut.
Wenige sind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider,
Viere: Rauch des Tabaks, Wanzen und Knoblauch und Kreuz.

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Was auch Helden getan, was Kluge gelehrt, es verachtets
Wähnender christlicher Stolz neben den Wundern des Herrn.
Und doch schmückt er sich selbst und seinen nackten Erlöser
Mit dem Besten heraus, was uns der Heide verließ.
So versammelt der Pfaffe die edlen, leuchtenden Kerzen
Um das gestempelte Brot, das er zum Gott sich geweiht.

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„Juden und Heiden hinaus!“ so duldet der christliche Schwärmer.
„Christ und Heide verflucht!“ murmelt ein jüdischer Bart.
„Mit den Christen an Spieß und mit den Juden ins Feuer!“
Singet ein türkisches Kind Christen und Juden zum Spott.

Welcher ist der Klügste? Entscheide! Aber sind diese
Narren in deinem Palast, Gottheit, so geh ich vorbei.
Höllengespenster seid ihr und keine Christen, ihr Schreier,
Die ihr den lieblichen Schlaf mir von den Augen verscheucht.
Warum macht der Pfaffe so viele tausend Gebärden
Und verscheuchet euch nicht wieder zur Hölle zurück?

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Auf Lavaters [überfrommer Theologe] „Lied eines Christen an Christus“

Du bist! du bist ! sagt Lavater. Du bist! !
Du bist!!! du bist !!!! du bist Herr Jesus Christ !!!!!
Er wiederholte nicht so heftig Wort und Lehre,
Wenn es ganz just mit dieser Sache wäre.

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Im Faust I. von 1808 zum Beispiel:

„Die Kirche hat einen guten Magen,
Hat ganze Länder aufgefressen
Und doch nie sich übergessen.
Die Kirch‘ allein, meine lieben Frauen,
Kann ungerechtes Gut verdauen.“

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West-östlicher Divan, Aus dem Nachlass (Ausschnitt):

Süßes Kind, die Perlenreihen,
Wie ich irgend nur vermochte,
Wollte traulich dir verleihen,
Als der Liebe Lampendochte.

Und nun kommst du, hast ein Zeichen
Dran gehängt, das unter allen
Den Abraxas seinesgleichen
Mir am schlechtesten will gefallen.

Diese ganz moderne Narrheit
Magst du mir nach Schiras bringen!
Soll ich wohl, in seiner Starrheit,
Hölzchen quer auf Hölzchen singen?

Abraham, den Herrn der Sterne,
Hat er sich zum Ahn erlesen;
Moses ist, in wüster Ferne,
Durch den Einen groß gewesen.

David auch, durch viel Gebrechen,
Ja Verbrechen durchgewandelt,
Wusste doch sich loszusprechen.
Einem hab ich recht gehandelt.

Jesus fühlte rein und dachte
Nur den einen Gott im stillen;
Wer ihn selbst zum Gotte machte,
Kränkte seinen heilgen Willen.

Und so muss das Rechte scheinen,
Was auch Mahomet gelungen:
Nur durch den Begriff des Einen
Hat er alle Welt bezwungen.

Wenn du aber dennoch Huldgung
Diesem leidgen Ding verlangest,
Diene mir es zur Entschuldgung,
Dass du nicht alleine prangest.-

Doch allein! - Da viele Frauen
Salomonis ihn verkehrten,
Götter betend anzuschauen,
Wie die Närrinnen verehrten

- Isis' Horn, Anubis' Rachen
Boten sie dem Judenstolze -,
Mir willst du zum Gotte machen
Solch ein Jammerbild am Holze!

Und ich will nicht besser scheinen,
Als es sich mit mir eräugnet:
Salomo verschwur den seinen,
Meinen Gott hab ich verleugnet.

Lass die Renegatenbürde
Mich in diesem Kuss verschmerzen:
Denn ein Vitzliputzli würde
Talisman an deinem Herzen.

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Aus „West-östlicher Divan“, 1819:

Was hilft’s dem Pfaffen-Orden
Der mir den Weg verrannt?
Was nicht gerade erfasst worden
Wird auch schief nicht erkannt.

Soll man dich nicht auf’s schmälichste berauben,
Verbirg dein Gold, dein Weggehn, deinen Glauben.

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Aus „Jahrmarkt von Plundersweilern“

Haman:
Gnädger König Herr und Fürst
Du mir es nicht verargen wirst
Wenn ich an deinem Geburtstag
Dir beschwerlich bin mit Verdruss und Klag.
Es will mir aber das Herz abfressen
Kann weder schlafen noch trinken noch essen.
Du weißt wieviel es uns Mühe gemacht
Bis wir es haben so weit gebracht
An Herrn Kristum nicht zu glauben mehr
Wie's tut das große Pöbels Heer.
Wir haben endlich erfunden klug
Die Bibel sei ein schlechtes Buch.
Und sei im Grund nicht mehr daran
Als an den Kindern Heyemann
Drob wir denn nun jubilieren
Und herzliches mitleiden spüren
Mit dem armen Schöpsenhaufen
Die noch zu unserm Herrn Gott laufen.
Aber wir wollen sie bald belehren
Und zum Unglauben sie bekehren
Und lassen sie sich was nicht weisen
So sollen sie alle Teufel zerreißen.

Behüte Gott, Ihre Majestät.
Das leidt sein Lebtag kein Prophet.
Doch wären die noch zu bekehren
Aber die leidigen Irrlehren
Der Empfindsamen aus Judäa
Sind mir zum teuren Ärger da.
Was hilfts dass wir Religion
Gestoßen vom Tyrannenthron
Wenn die Kerls ihren neuen Götzen
Oben auf die Trümmer setzen.
Religion, Empfindsamkeit
Ist ein D*** ist lang wie breit.
Müssen das all exterminieren
Nur die Vernunft, die soll uns führen.
Ihr himmlisch klares Angesicht.

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Goethe über Luther und verworrenen Quark:

Pfaffen und Schulleute quälen unendlich, die Reformation soll durch hunderterley Schriften verherrlicht werden; Maler und Kupferstecher gewinnen auch was dabei. Ich fürchte nur, durch alle diese Bemühungen kommt die Sache so ins Klare, daß die Figuren ihren poetischen, mythologischen Anstrich verlieren. Denn unter uns gesagt, ist an der ganzen Sache nichts interessant, als Luthers Charakter und es ist auch das einzige, was der Menge eigentlich imponirt. Alles übrige ist ein verworrener Quark, wie er uns noch täglich zur Last fällt.

Johann Wolfgang von Goethe an Karl Ludwig von Knebel, Weimar, 22.08.1817

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Groß ist die Diana der Epheser

Apostelgeschichte 19, 39

Zu Ephesus ein Goldschmied saß
In seiner Werkstatt, pochte,
So gut er konnt, ohn Unterlaß,
So zierlich ers vermochte.
Als Knab und Jüngling kniet er schon
Im Tempel vor der Göttin Thron
Und hatte den Gürtel unter den Brüsten,
Worin so manche Tiere nisten,
Zu Hause treulich nachgefeilt,
Wie's ihm der Vater zugeteilt;
Und leitete sein kunstreich Streben
In frommer Wirkung durch das Leben.

Da hört er denn auf einmal laut
Eines Gassenvolkes Windesbraut,
Als gäbs einen Gott so im Gehirn,
Da! hinter des Menschen alberner Stirn,
Der sei viel herrlicher als das Wesen,
An dem wir die Breite der Gottheit lesen.

Der alte Künstler horcht nur auf,
Lässt seinen Knaben auf den Markt den Lauf,
Feilt immer fort an Hirschen und Tieren,
Die seiner Gottheit Kniee zieren,
Und hofft, es könnte das Glück ihm walten,
Ihr Angesicht würdig zu gestalten.

Wills aber einer anders halten,
So mag er nach Belieben schalten;
Nur soll er nicht das Handwerk schänden,
Sonst wird er schlecht und schmählich enden.

Man kann sagen, dass Goethes Zitat „Groß ist die Diana der Epheser“ auf die Bedeutung der menschlichen Kultur, der menschlichen Verehrung und der Erinnerung an vergangene Errungenschaften hinweist. Goethe betont, wie wichtig die Menschen für die Götter und für ihre eigene Geschichte sind.

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Legende.

In der Wüsten ein heiliger Mann
Zu seinem Erstaunen tät treffen an
Einen ziegenfüßigen Faun, der sprach:
»Herr, betet für mich und meine Gefährt',
Dass ich zum Himmel gelassen werd,
Zur Seligen Freud: uns dürstet darnach.«
Der heilige Mann dagegen sprach:
»Es sieht mit deiner Bitte gar gefährlich,
Und gewährt wird sie dir schwerlich.
Du kommst nicht zum Englischen Gruß:
Denn du hast einen Ziegenfuß.«
Da sprach hierauf der wilde Mann:

»Was hat Euch mein Ziegenfuß getan?
Sah ich doch manche strack und schön
Mit Eselsköpfen gen Himmel gehn.«

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Beruf des Storches

Der Storch, der sich von Frosch und Wurm
An unserm Teiche nähret,
Was nistet er auf dem Kirchenturm,
Wo er nicht hingehöret?

Dort klappt und klappert er genung,
Verdrießlich anzuhören;
Doch wagt es weder alt noch jung
Ihm in das Nest zu stören.

Wodurch - gesagt mit Reverenz
Kann er sein Recht beweisen,
Als durch die löbliche Tendenz
Aufs Kirchendach zu ...... (scheißen).

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Diner zu Koblenz

Zwischen Lavater und Basedow
Saß ich bei Tisch des Lebens froh.
Herr Helfer, der war gar nicht faul,
Setzt' sich auf einen schwarzen Gaul,
Nahm einen Pfarrer hinter sich
Und auf die Offenbarung strich,
Die uns Johannes, der Prophet,
Mit Rätseln wohl versiegeln tät;
Eröffnet' die Siegel kurz und gut,
Wie man Theriaksbüchsen öffnen tut,
Und maß mit einem heiligen Rohr
Die Kubusstadt und das Perlentor
Dem hocherstaunten Jünger vor.
Ich war indes nicht weit gereist,
Hatte ein Stück Salmen aufgespeist.

Vater Basedow, unter dieser Zeit,
Packt' einen Tanzmeister an seiner Seit
Und zeigt' ihm, was die Taufe klar
Bei Christ und seinen Jüngern war
Und dass sich's gar nicht ziemet jetzt,
Dass man den Kindern die Köpfe netzt.
Drob ärgert' sich der andre sehr
Und wollte gar nichts hören mehr
Und sagt': es wüsste ein jedes Kind,
Dass es in der Bibel anders stünd.
Und ich behaglich unterdessen
Hätt einen Hahnen aufgefressen.

Und, wie nach Emmaus, weiter ging's
Mit Geist- und Feuerschritten,
Prophete rechts, Prophete links,
Das Weltkind in der Mitten.

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Neue Heilige

Alle schöne Sünderinnen,
Die zu Heiligen sich geweint,
Sind, um Herzen zu gewinnen,
All’ in eine nun vereint.
Seht die Mutterlieb’, die Tränen,
Ihre Reu’ und ihre Pein!
Statt Marien Magdalenen
Soll nun Sankt Oliva sein.

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Dem 31. Oktober 1817

Dreihundert Jahre hat sich schon
Der Protestant erwiesen,
Dass ihn von Pabst- und Türkenthron
Befehle baß verdrießen.

Was auch der Pfaffe sinnt und schleicht,
Der Prediger steht zur Wache,
Und dass der Erbfeind nichts erreicht,
Ist aller Deutschen Sache.

Auch ich soll gottgegebene Kraft
Nicht ungenützt verlieren,
Und will in Kunst und Wissenschaft
Wie immer protestieren.

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Herkömmlich

Priester werden Messe singen,
Und die Pfarrer werden pred'gen;
Jeder wird vor allen Dingen
Seiner Meinung sich entled'gen
Und sich der Gemeine freuen,
Die sich um ihn her versammelt,
So im Alten wie im Neuen
Ohngefähre Worte stammelt.
Und so lasset auch die Farben
Mich nach meiner Art verkünden,
Ohne Wunden, ohne Narben,
Mit der lässlichsten der Sünden.

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Strophe aus Braut von Korinth

Und der alten Götter bunt Gewimmel
Hat sogleich das stille Haus geleert.
Unsichtbar wird Einer nur im Himmel,
Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt;
Opfer fallen hier,
Weder Lamm noch Stier,
Aber Menschenopfer unerhört.

(Goethe zeigt das Inhumane der christlich erzwungener Askese.)

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„Goethe Jahrmarkt zu Plundersweiler“ ist ein Schwank von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1773, das später in einer zweiten Fassung von 1778 überarbeitet wurde. Das Stück ist eine Farce, die am 20. Oktober 1778 auf Schloss Ettersburg uraufgeführt wurde und bei der Goethe selbst verschiedene Rollen spielte. Der Titel ist eine Anspielung auf den sogenannten „Schönbartsspiel“ und den Nürnberger Schembartlauf.

Inhalt: Jahrmarkt als Welttheater, Spiel im Spiel „um den biblischen König Ahasver (Xerxes), seine jüdische Frau Esther, ihren Ziehvater Mardochai und den gegen die Juden intrigierenden Höfling Haman. In der zweiten Fassung (UA 1778, erschienen 1789) arbeitete Goethe das Estherspiel in Alexandrinern aus, deren gehobener Ton in scharfem Kontrast zu den Knittelversen des Rahmenspiels die „haute tragédie“ der französischen Klassik persifliert“. / Überlieferung: Der Erstdruck erfolgte 1774, eine Überarbeitung 1778, Druck der 2. Fassung 1789. Das Stück wurde am 20. Oktober 1778 auf Schloss Ettersburg uraufgeführt (mit Goethe als Marktschreier, Haman und Mardocha). Erschienen 1774:

HAMAN.
Du kennst das Volk, das man die Juden nennt,
Das außer seinem Gott nie einen Herrn erkennt.
Du gabst ihm Raum und Ruh, sich weit und breit zu mehren
Und sich nach seiner Art in deinem Land zu nähren;
Du wurdest selbst ihr Gott, als ihrer sie verstieß
Und Stadt- und Tempelspracht in Flammen schwinden ließ:
Und doch verkennen sie in dir den güt'gen Retter,
Verachten dein Gesetz und spotten deiner Götter;
Daß selbst dein Untertan ihr Glück mit Neide sieht
Und zweifelt, ob er auch vor rechten Göttern kniet.
Laß sie durch ein Gesetz von ihrer Pflicht belehren
Und, wenn sie störrig sind, durch Flamm und Schwert bekehren.

AHASVERUS.
Mein Freund, ich lobe dich: du sprichst nach deiner Pflicht;
Doch wie's ihr andre seht, so sieht's der König nicht.
Mir ist es einerlei, wem sie die Psalmen singen,
Wenn sie nur ruhig sind und mir die Steuern bringen.

HAMAN.
Ich seh, Großmächtigster, dir nur gehört das Reich,
Du bist an Gnad und Huld den hohen Göttern gleich!
Doch ist das nicht allein: sie haben einen Glauben,
Der sie berechtiget, die Fremden zu berauben,
Und der Verwegenheit stehn deine Völker bloß.
O König! säume nicht, denn die Gefahr ist groß.

AHASVERUS.
Wie wäre denn das jetzt so gar auf einmal kommen?
Von Mord und Straßenraub hab ich lang nichts vernommen.

HAMAN.
Auch ist's das eben nicht, wovon die Rede war:
Der Jude liebt das Geld und fürchtet die Gefahr.
Er weiß mit leichter Müh, und ohne viel zu wagen,
Durch Handel und durch Zins Geld aus dem Land zu tragen.

AHASVERUS.
Ich weiß das nur zu gut. Mein Freund, ich bin nicht blind;
Doch das tun andre mehr, die unbeschnitten sind.

HAMAN.
Das alles ließe sich vielleicht auch noch verschmerzen:
Doch finden sie durch Geld den Schlüssel aller Herzen,
Und kein Geheimnis ist vor ihnen wohlverwahrt.
Mit jedem handeln sie nach einer eignen Art.
Sie wissen jedermann durch Borg und Tausch zu fassen;
Der kommt nie los, der sich nur einmal eingelassen.
Mit unsern Weibern auch ist es ein übel Spiel;
Sie haben nie kein Geld und brauchen immer viel.

AHASVERUS.
Ha, ha! das geht zu weit! Ha, ha! du machst mich lachen;
Ein Jude wird dich doch nicht eifersüchtig machen?

HAMAN.
Das nicht, Durchlauchtigster! Doch ist's ein alter Brauch:
Wer's mit den Weibern hält, der hat die Männer auch;
Und von dem niedern Volk, das in der Irre wandelt,
Wird Recht und Eigentum, Amt, Rang und Glück verhandelt.

AHASVERUS.
Du irrst dich, guter Mann! Wie könnte das geschehn?
Das alles muß nach mir und meinem Willen gehn.

HAMAN.
Ich weiß vollkommen wohl; dir ist zwar niemand gleich,
Doch gibt's viel große Herrn und Fürsten in dem Reich,
Die dein so sanftes Joch nur wider Willen dulden.
Sie haben Stolz genug, doch stecken sie in Schulden;
Es ist ein jeglicher in deinem ganzen Land
Auf ein und andre Art mit Israel verwandt,
Und dieses schlaue Volk sieht einen Weg nur offen:
Solang die Ordnung steht, so lang hat's nichts zu hoffen.
Es nährt drum insgeheim den fast getüschten Brand,
Und eh wir's uns versehn, so flammt das ganze Land.

AHASVERUS.
Das ist das erste Mal nicht, daß uns dies begegnet;
Doch unsre Waffen sind am Ende stets gesegnet:
Wir schicken unser Heer und feiern jeden Sieg
Und sitzen ruhig hier, als wär da drauß' kein Krieg.

HAMAN.
Ein Aufruhr, angeflammt in wenig Augenblicken,
Ist eben auch so bald durch Klugheit zu ersticken;
Allein durch Rat und Geld nährt sich Rebellion;
Vereint bestürmen sie, es wankt zuletzt der Thron.

AHASVERUS.
Der kann ganz sicher stehn, solang als ich drauf sitze!
Man weiß, wie da herab ich gar erschrecklich blitze;
Die Stuten sind von Gold, die Säulen Marmorstein,
In hundert Jahren fällt solch Wunderwerk nicht ein.

HAMAN.
Ach warum drängst du mich, dir alles zu erzählen?

AHASVERUS.
So sag es gradheraus, statt mich ringsum zu quälen;
So ein Gespräch ist mir ein schlechter Zeitvertreib.

HAMAN.
Ach Herr, sie wagen sich vielleicht an deinen Leib.

AHASVERUS zusammenfahrend.
Wie? was?

HAMAN.
Es ist gesagt. So fließet denn, ihr Klagen!
Wer ist wohl Manns genug, um hier nicht zu verzagen?
Tief in der Hölle ward die schwarze Tat erdacht,
Und noch verbirgt ein Teil der Schuldigen die Nacht.
Vergebens, daß dich Thron und Kron und Zepter schützen;
Du sollst nicht Babylon, nicht mehr dein Reich besitzen!
In fürchterlicher Nacht trennt die Verräterei
Mit Vatermörderhand dein Lebensband entzwei;
Dein Blut, wofür das Blut von Tausenden geflossen,
Wird über Bett und Pfühl erbärmlich hingegossen.
Weh heulet im Palast, Weh heult durch Reich und Stadt,
Und weh, wer deinem Dienst sich aufgeopfert hat!
Dein hoher Leichnam wird wie schlechtes Aas geachtet,
Und deine Treuen sind in Reihen hingeschlachtet!
Zuletzt, vom Morden satt, tilgt die Verräterhand
Ihr eigen schändlich Werk durch allgemeinen Brand.

AHASVERUS.
O weh! was will mir das? Mir wird ganz grün und blau!
Ich glaub, ich sterbe gleich. – Geh, sag es meiner Frau!
Die Zähne schlagen mir, die Kniee mir zusammen,
Mir läuft ein kalter Schweiß! schon seh ich Blut und Flammen.

HAMAN.
Ermanne dich!

AHASVERUS.
Ach! Ach!

HAMAN.
Es ist wohl hohe Zeit;
Doch treues Volk ist stets zu deinem Dienst bereit.
Du wirst den Redlichsten an seinem Eifer kennen.

AHASVERUS.
Je nun, was zaudert ihr? So laßt sie gleich verbrennen!

HAMAN.
Man muß behutsam gehn; so schnell hat's keine Not.

AHASVERUS.
Derweile stechen sie mich zwanzig Male tot.

HAMAN.
Das wollen wir nun schon mit unsern Waffen hindern.

AHASVERUS.
Und ich war so vergnügt als unter meinen Kindern!
Mir wünschen sie den Tod? Das schmerzt mich gar zu sehr!

HAMAN.
Und, Herr, wer einmal stirbt, der ißt und trinkt nicht mehr.

AHASVERUS.
Man kann den Hochverrat nicht schrecklich gnug bestrafen.

HAMAN.
Du solltest schon so früh bei deinen Vätern schlafen?

AHASVERUS.
Ei pfui! mir ist das Grab mehr als der Tod verhaßt!
Ach! ach! mein würd'ger Freund! – Nun still! ich bin gefaßt.
Nun soll's der ganzen Welt vor meinem Zorne grauen!
Geh, laß mir auf einmal zehntausend Galgen bauen.

HAMAN kniend.
Unüberwindlichster! hier lieg ich, bitte Gnad!
Es wär ums viele Volk – und um die Waldung schad.

AHASVERUS.
Steh auf! Dich hat kein Mensch an Großmut überschritten;
Dich lehrt dein edel Herz, für Feinde selbst zu bitten.
Steh auf! Wie meinst du das?

HAMAN.
Gar mancher Bösewicht
Ist unter diesem Volk, doch alle sind es nicht;
Und vor unschuld'gem Blut mög sich dein Schwert behüten!
Bestrafen muß ein Fürst, nicht wie ein Tiger wüten!
Das Ungeheu'r, das sich mit tausend Klauen regt,
Liegt kraftlos, wenn man ihm die Häupter niederschlägt.

AHASVERUS.
O wohl! So hängt mir sie, nur ohne viel Geschwätze!
Der Kaiser will es so, so sagen's die Gesetze.
Wer sind sie? Sag mir an.

HAMAN.
Ach, das ist nicht bestimmt;
Doch geht man niemals fehl, wenn man die Reichsten nimmt.

AHASVERUS.
Vermaledeite Brut, du sollst nicht länger leben!
Und dir sei all ihr Gut und Hab und Haus gegeben!

HAMAN.
Ein trauriges Geschenk!

AHASVERUS.
Wer kommt dir erst in Sinn?

HAMAN.
Der erst' ist Mardochai, Hofjud der Königin.

AHASVERUS.
O weh! da wird sie mir kein Stündchen Ruhe lassen!

HAMAN.
Ist er nur einmal tot, so wird sie schon sich fassen.

AHASVERUS.
So hängt ihn denn geschwind und laßt sie nicht zu mir!

HAMAN.
Wen du nicht rufen läßt, der kommt so nicht zu dir.

AHASVERUS.
Wo ist ein Galgen nur? Hängt ihn, eh's jemand spüret!

HAMAN.
Schon hab ich einen hier vorsorglich aufgeführet.

AHASVERUS.
Und fragt mich jetzt nicht mehr! Ich hab genug getan;
Beschlossen hab ich es, nun geht's mich nicht mehr an.

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Hier einige Goethe-Zitate:


„Offen stehet das Grab. Welch herrlich Wunder, der Herr ist auferstanden! Wer's glaubt! Schelme, ihr trugt ihn ja weg.“


„Unsterblich ist die Pfaffenlist.“


„..nennen sich Christen und unter ihrem Schafspelz sind sie reißende Wölfe.“


„Man muss etwas zu sagen haben, wenn man reden will. Ich bedaure immer unsere guten Kanzelmänner, welche sich seit 2000 Jahren durchgedroschene Garben zum Gegenstand ihrer Tätigkeit wählen müssen.“ (An Fr.v.Müller v.16.8.1798)


„Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“ (Faust I)


„Er ist ein heller Geist und also ungläubig.“ (Wilhelm Meisters Wanderjahre)


„Dich vermag aus Glaubensketten, / der Verstand allein zu retten.“


„Der Glaube ist nicht der Aufgang,, sondern das Ende allen Wissens.“


Christlicher Heroismus dünkte Goethe Unnatur. Nur der humoristische Heilige Philippus Neri konnte von ihm als Naturwesen kanonisiert werden.