08.07.2025
Das Ortband von Thorsberg
Vor etwa 2.000 Jahren war das „Thorsberger Moor“ der größte und bedeutenste Opferplatz der Landschaft Angeln (Süderbrarup, Schleswig-Flensburg, Schleswig-Holstein). Zahlreiche Tongefäße mit Weihegaben wurden hier geopfert. Die meisten und wertvollsten Gegenstände wurden um 200 n.0 geweiht: zahlreiche Waffen, Teile der persönlichen Ausstattung von Kriegern, darunter ein silberner Gesichtshelm, zwei vergoldete Zierscheiben, Kleidungsstücke, Münzen - vielleicht die Ausrüstung eines in der Nähe angesiedelten Heerhaufens.
Ausgegraben In den Jahren zwischen 1858 bis 1860/61 wurden aufgrund mehrerer Funde beim Torfabbau archäologische Grabungen durch den Vorgeschichtsforscher C. Engelhardt durchgeführt. Die Ausgrabungen umfassten eine Fläche von ca. 750 m2. Weitere Untersuchungen erfolgten im Jahr 1885 (Baggerungen), sowie 1895 und 1970. 1997 wurde das Moor mit modernen Methoden, wie unter anderem mit geophysikalischen Messungen prospektiert, wobei das Ziel verfolgt wurde, die Ausdehnung der alten Grabungsschnitte aus der Mitte des 19. Jh. zu identifizieren und in ein modernes Meßsystem einzuhängen. Neben einigen rezenten Funden erbrachten diese Untersuchungen auch stark fragmentierte Holzobjekte. Insgesamt sind aus dem Thorsberger Moor ca. 1800 Funde aus Bunt- und Edelmetallen, Holz, Leder und Keramik erfasst. Aufgrund des sauren bzw. niedrigen pH-Wertes des Moores haben sich Gegenstände aus Eisen und Knochen nicht erhalten. Die meisten der ehemals niedergelegten Gegenstände wie z.B. Waffen in Form von Lanzen, Speeren und Schwertern und die Ausrüstungen der einfachen Soldaten sind jedoch mit Sicherheit aus Eisen gefertigt worden. Es lassen sich daher nur Vermutungen anstellen, wie hoch die Anzahl der hier tatsächlich geopferten Objekte war. Hochrechnungen aufgrund von Vergleichen mit ähnlichen Fundplätzen weisen auf eine Anzahl von ursprünglich 14.000 Gegenständen hin. Darunter sind Beschläge einer Schwertscheide, eine Gesichtsmaske aus Silber, zerschlagene Schildbuckel, Teile von Pferdegeschirr, silberne „Spangenkappe“ (teils vergoldet) und Zierscheiben.
Ein Ortband (Material: Bronze) ist die Einfassung am Ende einer hölzernen Schwertscheide. Das Ortband von Thorsberg gehört mit zu den ältesten und wichtigsten nordgermanischen Inschriftenfunden.
Die Inschrift lautet: „owlþuþewaR ni wajemariR“, übersetzt: „Wulþuþewar (anord. Ullþér) der nicht Übelbeleumundete“ - owlþuþewaz niwajemariz = ᛟ ᚹᛚᚦᚢᚦᛖᚹᚨᛉ (euleþuþewaʀ / Wolþuþewaʀ) Ist ein Titel oder männlicher Vorname mit der Bedeutung „Anhänger/Diener von [Gott] Ullr oder von Ruhm/Ehre“. Die erste Rune ᛟ wurde von einigen Autoren als eine „Begriffsrune“ für ōþalą („Erbe, Seelenerbe, Eigentum“) gelesen. In diesem Fall müsste die Rune als „ᛟ ᚹᛚᚦᚢᚦᛖᚹᚨᛉ“, „Eigentum von Wulþuþewaz“, gelesen werden. Träfe das zu, müsste der Name korrekterweise eigentlich im Genitiv stehen. - niwajemariR, niwajemariz = anglisch?, herulisch?, M.: nhd. „der nicht schlecht Berühmte“.
Ullerus-Mythos - Von dem dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus (um 1160 bis 1208) wird in der „Gesta Danorum“ berichtet, dass Ollerus bzw. Ullr während der vorübergehenden Verbannung Odins über Asgard herrschte. Als Odin wieder zurückkehrte, vertrieb er den Ullr, so dass dieser nach Schweden flüchten musste (wo ihn seine Anhänger, aufgrund der strengeren nordischen Witterung, speziell zu einer Art Winter-Gottheit entwickelt haben). Dort erschlugen ihn später die Dänen. Als Hintergrund dieser Geschichte ist der Umstand zu vermuten, dass die Dänen Anhänger Odins waren, während die Schweden Ullr huldigten. So kann es sich dabei um einen Übergangskonflikt zwischen der abnehmenden Verehrung des Ullr sowie der zunehmenden Beliebtheit von Odin handeln. In Ullþér-Uller eine regionale Anbetungsform des Wodin-Odin zu sehen ist gewiss nicht abwegig. Uller-Amulette sind bis heute bei manchen deutschen Skifahrern beliebt.
Ein Kapitel aus dem Buch von Heiko Steuer „Germanen“ aus Sicht der Archäologie - Neue Thesen zu einem alten Thema“ (2022): „Runenschrift und lateinische Schrift - Die Runeninschrift ist offensichtlich eine völlig eigene Schöpfung in Germanien, die von allen ,germanisch' sprechenden Bevölkerungsgruppen in Nord- und Mitteleuropa für einige Jahrhunderte, im Norden, in Bergen in Norwegen überliefert, gar bis ins hohe Mittelalter angewendet worden ist. Über Runen informiert am besten K. Düwel, was Entstehung, Verbreitung, die Runenträger und Runeninschriften sowie die kulturgeschichtliche Bedeutung im weitesten Sinne betrifft. Mit überzeugenden Gründen ist heute davon auszugehen, dass diese Runenschrift – als stark abgewandelte römische Kursive – auf den Inseln der westlichen Ostsee Ende des 2. Jahrhunderts bzw. um 200 n. Chr. „erfunden“ worden ist. [Der Zeitansatz ist nicht korrekt, da der Runenfund des Steins von Tyrifjorden/Norwegen vom Beginn unserer Zeitrechnung stammt.] Sie wurde dann mit dem „Alphabet“, zuerst dem älteren Futhark mit 24 Zeichen, und dann nach dem 8. Jahrhundert im jüngeren Futhark, mit weniger Buchstaben, in derselben Form gleichbleibend benutzt. Es wurde eine andere Reihenfolge der Buchstaben gewählt, nämlich F, u, th, a, r, k, was zur Bezeichnung Futhark im allgemeinen wissenschaftlichen Sprachgebrauch geführt hat. Jeder Buchstabe hatte im Übrigen nicht nur den Lautwert, sondern auch eine inhaltliche Bedeutung; „f“ meinte auch „fehu“ (Vieh). Die Diskussion bei Elmar Seebold vertieft noch die Überlegungen über die Weitervermittlung der Schrift bei den Kelten, die zuvor keine eigene Schrift entwickelt hatten, dann aber in Britannien um 400 n. Chr. eine neue Form erfanden, die sogenannte Ogam-Schrift, die aus einem Strichcode besteht. Die vielfältigen Überlegungen über die Wurzeln der „germanischen“ Runen in der etruskischen Schrift, in den Alpenalphabeten und anderen Schriften führten schließlich doch zu der Überzeugung, dass die römischen Schriftzeichen als Vorbild gedient haben, denen man häufig begegnete, entweder bei Aufenthalten im Römischen Reich oder aber auch auf beschrifteten Objekten, die nach Germanien als Handelsgut oder Beute gekommen waren, nicht zuletzt auf den Münzen. Die Spezialisten für Runen, Klaus Düwel und Lisbeth M. Imer und auch W. Heizmann, haben über die Herkunft der Runen und den Zusammenhang mit der römischen Schrift informiert. Die Schaffung einer eigenen Schrift (wie ebenso die eigenen Bildinhalte), doch in der Regel hochkulturelle Phänomene, zeugt von einer Gruppe von höchst qualifizierten Leuten, die es verstanden, Anregungen aus der antiken Welt der eigenen Kultur anzupassen und die zudem eine ,stabile autoritative Instanz' darstellten, weshalb sie Einfluss in Germanien insgesamt hatten. …“