13.09.2025
Klassisches Runen-Verständnis, ohne ODING-Erkenntnis.
In Norwegen ist der nach Forscherangaben älteste bislang bekannte Runenstein der Welt gefunden worden, in einer Grabstätte in Svingerud, rund 40 Kilometer nordwestlich von Oslo. Die Untersuchungen zeigten, der Stein ist nur ein Fragment einer fast 2000 Jahre alten, wesentlich größeren Platte, wie es die Forschergruppe in der Zeitschrift „Antiquity“ veröffentlichte.
„Namen der Runen im Althochdeutschen“ (von Antonín Ryšavý, 2025)
1 EINFÜHRUNG
Die Runen gelten als das älteste gemeinsame Schreibsystem der germanischen Sprachen. Es handelt sich um alphabetische Zeichen, die einen Laut darstellen, der sich aus dem Namen der einzelnen Rune ableiten lässt. Das Lexem ¢Rune¢ bedeutet „Geheimnis“ oder „Geflüster“ (vgl. „raunen“). Der Ursprung der Runenschrift gilt unter den Forschern seit dem 19. Jh. als umstritten, doch wird allgemein angenommen, dass die Schrift keineswegs spontan aus dem Nichts entstanden ist, was eine Verbindung mit einem anderen Schreibsystem impliziert. Es gibt insgesamt vier Entstehungsthesen, die auf eine lateinische, norditalienische, griechische oder phönizisch-punische Quelle hinweisen. Jeder Rune wurde ein spezifischer Name zugeschrieben, dessen Anlaut den lautlichen Wert der Rune bestimmt. Diese Runennamen befinden sich in den zahlreichen Runengedichten, wie bspw. in dem norddeutschen „Abecedarium Nordmannicum“ (im Folgenden: AN), in dem altenglischen Runengedicht oder in dem norwegischen Runengedicht. Bei diesen Runennamen handelt es sich hauptsächlich um Lexeme aus dem Alltagsleben (z. B. Birkenzweig, Vieh, Eis) und aus der germanischen Volksmythologie (þuris, Ziu, Ingu). Aus den Tochtersprachen, in welchen die einzelnen Gedichte verfasst wurden, kann der urgermanische Lautstand der Namen rekonstruiert werden, wobei einige prognostizierte Runennamen als umstritten gelten. Der Rune für den urgermanischen „z“-Laut <ᛉ> wurde bisher kein einheitlicher Runenname zugeschrieben, also wird sie nicht in dieser Untersuchung besprochen. Obwohl ein altdeutsches Runengedicht mit manchen Namen der Runen existiert, wurde dieses in einer Mischung von überwiegend norddeutschen und südskandinavischen Dialekten verfasst. An dieser Stelle bietet sich die Frage, die diese Studie beantworten will: „Wie hießen die althochdeutschen Runen?“
2 RUNEN UND RUNENREIHEN
Die Runen lassen sich in zwei Hauptreihen unterteilen: Es gibt das ältere Fuþark, welches in der urgermanischen Zeit vom späten 2. Jh. bis ca. 700 n. Chr. von den frühen germanischen Stämmen gemein als Schrift genutzt wurde. Diese Runenreihe enthält insgesamt 24 Runenzeichen, 18 davon repräsentieren Konsonanten und sechs Vokale. In diese Runenreihe gehören alle deutschen (kontinentalen) Runenfunde nur mit minimalen Nuancen, hauptsächlich mit der anglo-friesischen Rune für den „h“-Laut <ᚻ> statt <ᚺ>. Die zweite Variante kann gleichfalls unter den Fundstücken gefunden werden, jedoch seltener. Demnach wird in der vorgelegten Untersuchung mit der Runenreihe des älteren Fuþarks gearbeitet. Was die deutschen Runeninschriften angeht, gibt es eine große Menge von Artefakten, auf denen sich Runen befinden. Das hauptsächliche Problem bei deutschen und kontinentalen Runen besteht darin, dass die meisten Inschriften undeutbar erscheinen, sodass nur wenigen eine Bedeutung (außer Eigennamen) entnommen werden kann. Eine erwähnenswerte Ausnahme repräsentiert der Fund aus Frei-Laubersheim mit der Zeile boso:wraetruna – also „Boso (männlicher Eigenname) ritzte die Runen“. Diese Formel erscheint in Runeninschriften allgemein häufig.
Anknüpfen an das ältere Fuþark hat sich im altnordischen Sprachraum das jüngere Fuþark entwickelt, welches im Gegensatz zu der früheren Reihe 16 Runen enthält. Es gibt eine große Menge Runenfunde, die in diesem Schreibsystem, hauptsächlich in Skandinavien, verfasst wurden. Das jüngere Fuþark war in der Wikingerzeit in Skandinavien ungefähr bis ca. 1050/1100 im Gebrauch, um die altnordische Sprache zu verschriftlichen. Es gibt eine Reihe Runensteine, Schnallen, Knochen, Holzstücke usw., auf denen sich die Inschriften betrachten lassen, die unterschiedlichsten pragmatischen Zwecken, wie bspw. als Denkmalinschrift, dienten. Diese neuentwickelte Runenreihe erscheint ebenfalls in AN als musterhafte Art von Runenschrift neben dem anglo-friesischen Fuþork, welches, wie der Begriff schon verrät, in England und auf den friesischen Inseln gebraucht wurde. Diese Runenreihe wird hier nicht weiter besprochen.
3 REKONSTRUKTION UND ÜBERSICHT DER DEUTSCHEN RUNENNAMEN
Da nicht alle Lexeme, die den Runennamen entsprechen, in der althochdeutschen Sprache belegt erscheinen, wird eine linguistische Rekonstruktion benötigt. Die Rekonstruktionen von den nicht belegten Runennamen werden anhand Sprachwandelregeln aus sämtlichen Quellen durchgeführt. Als Grundlage für den urgermanischen Lautstand der Runennamen wird hier die Darstellung von KLAUS DÜWEL & ROBERT NEDOMA herangezogen. Obwohl auch alternative Rekonstruktionen der Namen existieren, dient dieser Artikel als die einzige Quelle der urgermanischen Formen in dieser Forschung, um Einheitlichkeit bei der Lautstandsbasis zu erschaffen. Die Runennamen werden ins „Normalalthochdeutsche“ 15 übertragen, was die Applikation der zweiten Lautverschiebung und althochdeutsch-spezifischer Verschiebungen im Vokalismus bedeutet. Als Ergänzung dient die Publikation von OSKAR SCHADE, die sich mit der altdeutschen Morphologie beschäftigt. Es ist nicht unwichtig zu betonen, dass es sich bei den Ergebnissen um hypothetische Formen handelt, die nicht der Realität entsprechen müssen. Falls die untersuchten Lexeme schon in den altdeutschen Quellen vorhanden erscheinen, werden sie bevorzugt, wie es bei manchen Runennamen der Fall ist.
FEHU
Als erste Rune der Runenreihe gilt die Rune für den „f“-Laut Namens *fehu <ᚠ> auf Urgermanisch. Das Lexem trägt die Bedeutung „Vieh, Besitz“ oder „Vermögen“ und die etymologische Entsprechung ist in der althochdeutschen Sprache als „fihu“ belegt, mit der althochdeutschen Hebung von „e“ wegen des „u“-Lauts in der folgenden Silbe. Es wird also keine Rekonstruktion benötigt. Darüber hinaus handelt es sich um eine etymologische Entsprechung des modernen Wortes „Vieh“.
ŪRUZ
Die u-Rune *ūruz 18 <ᚢ> bedeutet „Ur“ oder auch „Auerochse“. Das Lexem selbst ist ein männlicher u-Stamm mit dem germanischen Affix -z, was nach der regelmäßigen Apokope von diesem auf die Form „ûru“ im Althochdeutschen hinweist. Im Mittelhochdeutschen sind die Dublette-Formen ûr/ûre belegt, die eindeutig etymologisch mit dem urgermanischen Wort verwandt sind; die semantischen Bedeutungen entsprechen einander. Die althochdeutsche Form lässt sich weiter anhand Analogie mit anderen einsilbigen männlichen u-Stämmen wie „sunu“ als „ûru“ begründen.
ÞURISAZ
Die Rune, die den urgermanischen lautlichen Wert von sowohl dem stimmlosen als auch stimmhaften dentalen Frikativ trägt, heißt *þurisaz <ᚦ>. Dieses Lexem gilt als eine alternative negativ-konnotierte Bezeichnung in der nordischen Mythologie für die Jǫtnar, die oft als „Riesen“ ins Deutsche übersetzt werden. Es handelt sich um einen männlichen a- Stamm, der in dem Übergang ins Althochdeutsche das urgermanische Suffix -az verlieren würde. Anlautend steht ein stimmloser dentaler Frikativ, der in dem klassischen Althochdeutschen noch übrigbleibt, aber sich in anderen Positionen i. d. R. zu einem „d“- Laut entwickelt, was später gleichfalls für den Anlaut gilt. Der althochdeutsche Lautstand wäre also ungefähr „þuris“, später „duris“. Dieser Lautstand entspricht demjenigen, der im AN erscheint ([…] „thuris“ thritten stabu […]). *ANSUZ Die „a“-Rune *ansuz <ᚨ> trägt die Bedeutung „Gott“ (vgl. Plural „Æsir“ im Altnordischen). Es handelt sich um einen männlichen u-Stamm, der in dem Althochdeutschen in den meisten Fällen in der Deklination dem i-Stamm entspricht. In dem Übergang ins Althochdeutsche würde es zur Apokope von dem germanischen -z Suffix kommen und das Suffix -u sollte bleiben. Diese Lautwandelvorgänge lassen die Entwicklung der althochdeutschen Form *ansu erwarten.
RAIDŌ
Die Rune für den „r“-Laut heißt *raidō <ᚱ>. Die Bedeutung des Namens ist „Ritt, Fahrt“ oder „Wagen“. Das entsprechende althochdeutsche Lexem „reita“ ist in der althochdeutschen Sprache belegt und entspricht den Lautverschiebungen, die bei dem Wort erwartet werden: Der Diphthong „ai“ sollte zum Diphthong „ei“ verschoben werden (Diphthonghebung), der „d“-Laut sollte infolge der Medienverschiebung zu „t“ übergehen und schließlich das Suffix - ō wird im Auslaut zu -a. Der Name der Rune ist auf Althochdeutsch also „reita“.
KAUNA n (?)
Der Name der „k“-Rune <ᚲ> wird als *kauna n rekonstruiert, obwohl diese Tatsache umstritten bleibt. Die Rune trägt eine mögliche Bedeutung von „Geschwür“. Was die althochdeutsche Entwicklung betrifft, wird der „k“-Laut im Anlaut nicht zu einem „ch“-Laut verschoben, da dies nur in manchen oberdeutschen Dialekten regelmäßig passiert. Der Diphthong „au“ wird vor einem „n“-Laut zu einem langen „o“-Laut, und weil es sich um einen weiblichen n-Stamm handelt, wäre die Endung -a passend. Insgesamt lässt sich der althochdeutsche Lautstand als „kôna“ rekonstruieren. Was besonders rätselhaft wirkt, ist die Schreibung der „k“-Rune, die in dem altdeutschen Sprachraum, der die zweite Lautverschiebung durchgeführt hat, den „ch“-Laut wegen des Wandels repräsentieren sollte. Dieser Theorie widerspricht hingegen der nicht verschobene Anlaut bei „kôna“, was die Schreibung des aus „k“ stammenden Lauts unsicher macht. Vielleich wäre eine alternative Schreibung, wie bspw. mit einer lautlich ähnlichen Rune wie <ᚻ>, angemessen. Im AN erscheint die Form des Namens als „chaon“ ([…] ¢chaon¢ thanne cliuet […]), die das vorherbesprochene Problem lösen würde, das anlautende „ch“ kommt jedoch, wie früher erwähnt, nur in oberdeutschen Dialekten regelmäßig vor.
GEBŌ
Die Rune für den urgermanischen „g“-Laut heißt *gebō <ᚷ>. Das Lexem bedeutet wortwörtlich „Gabe“, was auch etymologisch übereinstimmt. Das althochdeutsche etymologische Äquivalent des Wortes lautet „geba“, was ein ō-stämmiges Nomen ist. Die einzige Verschiebung repräsentiert der Wechsel von dem auslautenden Suffix -ō zu einem -a. In den oberdeutschen Varietäten lassen sich zusätzlich Varianten mit der durchgeführten Medienverschiebung wie „kepa“ finden. Die Rune würde also „geba“ heißen. *WUNJŌ Die *wunjō Rune <ᚹ> steht für den halbvokalischen „w“-Laut, welcher noch in der althochdeutschen Zeit vorkommt. Das Lexem trägt die Bedeutung ¢Wonne¢ oder „Freude“ und ist ein weiblicher jō-Stamm. Dieses Lexem ist in der althochdeutschen Sprache als „wunnja“ neben anderen alternativen Formen belegt. Bei der Übertragung ins Althochdeutsche kam es zu der westgermanischen Gemination vor „j“ und dem Wechsel von auslautendem -ō zu -a. Das althochdeutsche Äquivalent lautet also „wunnja“. *HAGLAZ Der Rune für den „h“-Laut wird normalerweise in der Runenreihe des älteren Fuþarks die Form <ᚺ> zugeschrieben, obwohl in dem hochdeutschen Sprachraum eher die Form <ᚻ> erscheint. Die Rune trägt den Namen *hag(a)laz, was ¢Hagel¢ bedeutet. Die zwei Lexeme sind etymologisch verwandt und der althochdeutsche Zwischenstand ist als „hagal“ belegt: Es kam zur Apokope des germanischen männlichen Flexivs -az, was zu erwarten ist. Dieser Lautstand entspricht demjenigen, der im AN erscheint.
NAUDIZ
Die Rune für den „n“-Laut wird als *naudiz <ᚾ> rekonstruiert. Das Lexem bedeutet „Not“ oder „Zwang“ und es handelt sich wieder um eine etymologische Entsprechung eines belegten Lexems, welches in das moderne Hochdeutsche überlebt hat. Die Entwicklung bestand aus einer Monophthongierung des „au“-Diphthongs vor einem Dentallaut (hier „d“), der Medienverschiebung d > t und der Apokope von dem alten germanischen Suffix -iz. Die althochdeutsche Entsprechung lautet infolgedessen sowohl theoretisch als auch in belegter Form „nôt“.
ĪSA n
Die „i“-Rune heißt *īsa n <ᛁ>. Die Bedeutung wird als „Eis“ gedeutet, was das urgermanische Lexem mit dem deutschen „Eis“ direkt verbindet. Im Rahmen der Entwicklung ins Althochdeutsche wurde das neutrale Suffix -a apokopiert, und so ergibt sich der althochdeutsche (und mittelhochdeutsche) Lautstand „îs“. Die Form kommt ebenfalls im AN vor.
JĒRA n
Der „j“-Laut im Urgermanischen wird von der *jēra n Rune <ᛃ> repräsentiert. Der Begriff bedeutet „(gutes, gedeihliches) Jahr“ , was ihn mit dem modernen deutschen Lexem etymologisch verbindet. Unter den Lautwandelerscheinungen lässt sich der westgermanische Wechsel des „ē“-Lauts mit dem „â“-Laut und die Apokope von dem neutralen Suffix -a betrachten. Der althochdeutsche Lautstand existiert als „jâr“ belegt, was auch mit der modernen Form übereinstimmt.
EIHAZ/*EIWAZ
Der zweite „i“-Laut, der aus dem indoeuropäischen „ei“-Diphthong stammt, wird von der Rune <ᛇ> *īhaz oder alternativ *īwaz repräsentiert (die Rune ist gleich). Diese Rune wurde bisher im deutschen Sprachraum noch nicht gefunden. Es ist ungewiss, wie sich der repräsentierte Laut von demjenigen, der von der „ᛁ“-Rune dargestellt wird, unterscheidet. Das Lexem trägt die Bedeutung „Eibe“. Ein deutlicher Kontrast besteht schon beim Vergleich der Genera, da das Urgermanische das typische männliche Suffix -az für den a-Stamm trägt, das neuhochdeutsche Wort ist dagegen ein Femininum. Die Stämme würden sich nicht im Übergang ins Althochdeutsche entwickeln, das Flexiv ist dann eine Frage des Genus. Falls es sich um Maskulina handelt, würden die Lexeme keine Flexive tragen, d. h. „îh“ und „îw“, da es sich um a-Stämme handelt. Falls es sich hingegen um Feminina handelt, wären die Endungen -a angemessen, da prognostiziert werden kann, dass sich die Formen in ō-Stämme potenziell verwandeln würden, d. h. „îha“ und „îwa“. Der modernen Form würde eher „îwa“ entsprechen, da es eine Beziehung zwischen den konsonantischen „v“- und „b“-Lauten besteht.
PIRDRŌ
Zu den seltensten Runen des Urgermanischen zählt die Rune für den „o“-Laut *pirdrō <ᛈ>. Diese Rune wurde bisher noch nicht in dem altdeutschen Sprachraum entdeckt. Die Bedeutung des entsprechenden Lexems wird als „Birnbaum“ interpretiert. Der urgermanische Lautstand wird unterschiedlich rekonstruiert, eine spätere urgermanische Alternative wäre von dem Lautstand *perdrō dargestellt. Es kann mit dem i > e Wechsel gerechnet werden, der von dem langen „o“-Laut beeinflusst wurde. Im Übergang ins Althochdeutsche würde es zu der zweiten Lautverschiebung im Anlaut kommen – d. h. der „p“-Laut sollte sich zu einer Affrikate „pf“ verschieben. Von der Medienverschiebung wäre der „d“-Laut beeinflusst, der zu einem „t“-Laut regelmäßig wechselt. Der auslautende „ō“-Laut wird zu einem „a“-Laut. Das Endergebnis soll demnach „pfertra“ lauten, was darauf hinweist, dass die Rune in dem althochdeutschen Sprachraum den Wert „pf“ trug.
SŌWILŌ/*SUWILIJA n
Die Rune für den „s“-Laut <ᛊ> wird normalerweise als *sōwilō oder *suwilija rekonstruiert und trägt die Bedeutung „Sonne“. Bei diesem Lexem handelt es sich um ein heteroklitisches Nomen, dass auf mehrere Wurzeln zurückgreift, was offensichtlicher wird, wenn die zeitgenössischen Wörter für die Sonne in den germanischen Sprachen verglichen werden; vgl. Schwedisch „sol“ mit Deutsch „Sonne“ oder Englisch „sun“. Infolgedessen muss beachtet werden, dass die lautliche Grundlage sich von der altnordischen Form lautlich unterscheidet. Das Lexem für die Sonne ist im Althochdeutschen als „sunna“ mehrmals belegt, darüber hinaus befindet sich die Personifikation der Sonne „Sunna“ in dem zweiten Merseburger Zauberspruch (MZ II, 3) belegt. Der Name der „s“-Rune lautet also „sunna“.
TĪWAZ
Die Rune für den „t“-Laut <ᛏ> ist wegen der Verbindung mit dem indogermanischen Himmelsgott besonders faszinierend und wird als *tīwaz oder älter *teiwaz rekonstruiert. Infolge des Übergangs ins Althochdeutsche würde es zur Apokope von dem urgermanischen Suffix -az und zum Wechsel von dem anlautenden „t“-Laut zu einer Affrikate „ts“ unter dem Einfluss der zweiten Lautverschiebung kommen. Der verbleibende Halbvokal „w“ sollte sich zum passenden Vokal „u“ vokalisieren, um die Aussprache (wenigstens im Nominativ) zu erleichtern. Das Endergebnis der Rekonstruktion lautet demnach „ziu“. Diese Komponente ist teilweise in dem schweizerdeutschen Begriff für „Dienstag“ erhalten, der ungefähr je nach Mundart „Zieschtig“ lautet. Da die zweite Lautverschiebung im Anlaut verlaufen ist, würde die „ᛏ“-Rune im althochdeutschen Sprachraum für die Affrikate „ts“ stehen. Die Form *Ziu sollte ebenfalls als Eigenname für das althochdeutsche Äquivalent des altnordischen Gottes Tý dienen.
BERKANA n
Die Rune für den „b“-Laut <ᛒ> heißt *berkana n und bedeutet „Birkenzweig“. Es handelt sich um ein n-stämmiges Femininum, welches in dem Althochdeutschen bereits belegt als „birihha“ erscheint. Der Wechsel von dem „k“-Laut zu einem „ch“-Laut lässt sich mit der zweiten Lautverschiebung erklären. Im Rahmen von Vokalismus kam es wahrscheinlich zu einem Einschub von dem „i“-Laut zwischen „r“ und „k/ch“ und folgend zum i-Umlaut, was den Wechsel von „e“ zu „i“ erklären würde. Bemerkenswert ist der moderne deutsche Lautstand „Birke“, welcher die zweite Lautverschiebung nicht durchgeführt hat. Im oberdeutschen Sprachraum kann mit der Medienverschiebung von dem anlautenden „b“-Laut zu „p“ gerechnet werden.
EHWAZ
Der Rune für den urgermanischen „e“-Laut wird der Name *ehwaz <ᛖ> zugeschrieben. Es handelt sich um einen a-Stamm, der die Bedeutung „Pferd“ trägt. Im Laufe der Entwicklung ins Althochdeutsche würde das Lexem das Suffix -az verlieren und der halbvokalische Auslaut würde sich vokalisieren, was in „ehu“ resultiert. Diese Form könnte noch den i- Umlaut wegen des entwickelten „u“-Lauts durchführen, da die u-bedingte Hebung erst im Althochdeutschen passiert. Das Endergebnis lautet theoretisch „ihu“. In Komposita lässt sich im Gegensatz dazu der Lautstand „ehu“ finden, wie bspw. in „Eharîch“ aus früherem *ehwa-rīkaz. Dem belegten Lautstand nach bietet sich die Form „ehu“.
MANNZ n
Die Rune für den urgermanischen „m“-Laut <ᛗ> wird als *mannz n rekonstruiert und bedeutet ¢Mann¢ oder „Mensch“. Dieses Lexem ist im Althochdeutschen als „man“ belegt und wird als ein Wurzelnomen oder a-Stamm dekliniert. Es handelt sich um eine etymologische Entsprechung des modernen deutschen Wortes „Mann“.
LAGUZ
Der Rune für den „l“-Laut <ᛚ> wird der Name *laguz zugeschrieben. Das urgermanische Lexem trägt die Bedeutung „Wasser, Gewässer, See“ und „Meer“. Es handelt sich um einen männlichen u-Stamm, der im Übergang ins Althochdeutsche das Affix -z apokopieren würde. Der prognostizierte althochdeutsche Lautstand wäre demnach von der Form „lagu“ repräsentiert. Dieser Lautstand lässt sich gleichfalls dem AN entnehmen.
INGWAZ
In der älteren Runenreihe befindet sich eine Rune, die den nasalen Velarlaut [ŋ] darstellt. Diese Rune <ᛜ> wird *ingwaz genannt und existiert in den bisherigen deutschen Runenfunden nicht belegt, außer einer möglichen Anwesenheit als eine Komponente in einer Binderune. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der repräsentierte Laut nicht im Anlaut steht, sondern in der lautlichen Kombination „ng“ in *ingwaz, da der „ŋ“-Laut nicht am Anfang eines Lexems stehen kann. Der Runenname ist gleichzeitig ein Göttername 40 einer Gestalt mit unklarer Funktion. Bei dem althochdeutschen Lautstand lässt sich mit der Apokope von dem urgermanischen Suffix -az und folgender Vokalisierung des auslautenden „w“ Halbvokals rechnen. Diese Lautverschiebungen würden in die finale althochdeutsche Form „ingu“ resultieren.
DAGAZ
Der urgermanische „d“-Laut wird von der *dagaz Rune <ᛞ> dargestellt. Das Lexem selbst trägt die Bedeutung „Tag“, was sowohl semantisch als auch etymologisch dem modernen Lexem entspricht. Das althochdeutsche Äquivalent des Wortes heißt „tag“ und ist in dem althochdeutschen Sprachraum belegt. Der Wechsel von „d“ zu „t“ infolge der zweiten Lautverschiebung sollte Wirkung auf den Lautwert der Rune haben, da sie nicht länger den lautlichen „d“-Wert tragen sollte, sondern „t“.
ŌÞALA n /*ŌÞILA n
Der Rune für den urgermanischen „o“-Laut <ᛟ> werden die rekonstruierten Namen *ōþala oder alternativ *ōþila zugeschrieben. Die Bedeutung des Lexems ist gleich, und zwar „Stammgut, (ererbter) Besitz“ oder „Herkunftsland, -ort“. Bei beiden Lexemen handelt es sich um neutrale a-stämmige Nomen, die in der Entwicklung ins Althochdeutsche einige Lautwandelerscheinungen durchmachen sollten. Im Anlaut würde es zu Diphthongierung von „ō“ zu „uo“ kommen. Der Dentalfrikativ würde sich wahrscheinlich in dieser Position in dem 9. Jh. schon zu einem stimmlosen Dental „d“-Laut verschieben (vgl. Form „bruoder“ in Tatian). Schließlich kommt die Frage des Suffixes, welches in beiden Fällen apokopiert wird, wie es regelmäßig passiert. Der althochdeutsche Lautstand würde infolgedessen „uodal“ oder „uodil“ lauten, je nach Ausgangsform. Die Form „uodil“ ist jedoch belegt. Schwieriger ist die theoretische Ableitung des entsprechenden lautlichen Werts der Rune, da die *ûru-Rune schon den „u“-Laut repräsentiert, mit welchem die beiden Ergebnisse in diesem Abschnitt ebenfalls anfangen. Es hätte dazu kommen können, dass die „ᛟ“-Rune sowohl den neu entwickelten „uo“-Diphthong als auch den verbleibenden kurzen „o“-Laut darstellte, da der „o“-Laut nicht untergangen ist und infolgedessen es sonst keine Rune für den Laut gegeben hätte.
SCHLUSSFOLGERUNG
Die Namen von sowohl den belegten als auch rekonstruierten Runennamen lauten folgend: fihu <ᚠ>, *ûru <ᚢ>, *þuris <ᚦ>, *ansu <ᚨ>, reita <ᚱ>, *kôna <ᚲ>, geba <ᚷ>, wunnja <ᚹ>, hagal <ᚻ>, nôt <ᚾ>, îs <ᛁ>, jâr <ᛃ>, *îwa/(*îha) <ᛇ>, *pfertra <ᛈ>, sunna <ᛊ>, *ziu <ᛏ>, birihha <ᛒ>, *ehu <ᛖ>, man <ᛗ>, *lagu <ᛚ>, *ingu <ᛜ>, tag <ᛞ>, und *uodal/uodil <ᛟ>. Es handelt sich insgesamt um zwölf rekonstruierte Namen und 13 belegte Formen der Lexeme, die mit den Runennamen übereinstimmen. Manche Runen wie *ingu (möglicherweise in einer Binderune versteckt?) oder *pferta wurden jedoch bisher noch nicht im kontinentalen Europa entdeckt. Was sich insbesondere hervorheben lässt, sind die anknüpfenden Implikationen der lautlichen Werte der einzigen Runen infolge der deutsch-spezifischen Verschiebungen im Bereich der Phonologie. Wie in der Einleitung bereits beschrieben, orientieren sich die lautlichen Werte nach dem Anlaut des entsprechenden Runennamens – nach den Lautverschiebungen würden diese von den urgermanischen abweichen. Zu den Runen, die einen gegenüber dem urgermanischen Zustand veränderten Laut darstellen, gehören folgende: <ᚦ> steht für [þ], später [d]; <ᛈ> steht für [pf], <ᛏ> steht für die Affrikate [ts], <ᛞ> steht für [t] und potenziell <ᛟ> steht für kurzes [o] oder den Diphthong [uo] – diese Tatsache ist jedoch unsicher.