16.12.2025

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Das Hjortspring-Boot, wie es im Nationalmuseum Dänemarks ausgestellt ist.

Vor weit über 2.000 Jahren griffen See-Krieger die dänische Insel Als an. Sie wurden besiegt und die Sieger versenkten eines der Angriffsboote als Gottesopfer im Moor, zusammen mit allen Waffen der Feinde. Jetzt haben neue Analysen von Bauteilen ihres Bootes verraten, woher diese Seekrieger einst kamen. Das sogenannte „Hjortspring-Boot“ und seine Besatzung kamen demnach nicht aus dem südlichen oder nördlichen  Raum, sondern aus der Ostseeregion. Einer der Seefahrer hat bei der weiten Reise sogar einen Fingerabdruck im Schiffsteer hinterlassen.

Das sogenannte Hjortspring-Boot ist ein historisches Holzplankenkanu, das vor mehr als 100 Jahren auf der Insel Als in Südostdänemark entdeckt und ausgegraben wurde. Ersten Datierungen zufolge ist es mehr als 2.000 Jahre alt und stammt aus der vorrömischen Eisenzeit. Es ist damit das älteste Plankenboot Skandinaviens und zudem das einzige, das so gut erhalten war, dass es vollständig rekonstruiert werden konnte. Seit 1937 ist es im Nationalmuseum Dänemarks ausgestellt. Vergleiche des Hjortspring-Bootes mit bronzezeitlicher Felsbild-Kunst (Rørby-Schwert und Sagaholm-Felskunst), ergeben genaue Übereinstimmungen. Tausende weitere bronzezeitliche schwedische Felsbilder zeigen Bootsdarstellungen, in denen sich eine Kontinuität in Form und Technik der Schiffe zeigt.

Kein Mysteriöses Kriegsschiff

Historiker vermuten, dass das Boot einer kleinen Gruppe von Kriegern gehörte, die die Insel vom Meer aus angriffen, allerdings ohne Erfolg. Die siegreichen Verteidiger verscharrten daraufhin eines der Boote und Waffen der Angreifer im nahen Hjortspring-Moor, wo es jahrhundertelang erhalten blieb. Auf dem etwa 20 Meter langen und zwei Meter breiten Gefährt aus zusammengeschnürtem Lindenholz hatten etwa 24 Ruderer Platz. Da die Waffen für rund 80 bis 100 Personen ausgereicht hätten, kamen die Invasoren wohl einst mit vier Schiffen, aber nur eins blieb erhalten.

Ein Rätsel war bislang, woher die Invasoren kamen und wann genau der Angriff stattfand. Die im Boot gefundenen Waffen – darunter Schilder, Schwerte, Lanzen und Speere mit Eisenspitzen – sowie die verwendete Kanuform mit spitzem Bug und Heck lieferten dazu keine Hinweise, weil sie damals in Nordeuropa weit verbreitet waren.

Felsbilder-Boote.JPG Mit Rötel ausgemalte bronzezeitliche Felsbilder-Boote aus Fossum, Tanum, Schweden.

 

Alter des Hjortspring-Bootes bestätigt

Dem Mysterium des Hjortspring-Bootes ist nun ein Team um Mikael Fauvelle von der Universität Lund nachgegangen. Die Archäologen analysierten dafür Kordeln und Schnüre sowie Dichtungsmasse aus dem Boot. Mittels Gaschromatographie und Massenspektrometrie ermittelten sie ihre chemische Zusammensetzung. Per Kohlenstoffdatierung ermittelten sie zudem das Alter der Schnüre.

Die Analysen ergaben: Die Dichtmasse bestand aus einem Teer aus Tierfett und Kiefernpech und die Kordeln aus Lindenbast. Das raffiniert gesponnene Tauwerk des Bootes wurde zwischen 381 und 161 vor Ztr. gefertigt. Das stimmt mit früheren Datierungen der Holzplanken überein, wonach diese aus dem vierten oder dritten Jahrhundert vor Ztr. stammen.

„Die Datierung der Hjortspring-Seilkonstruktion bestätigt, dass das Gefährt aus der vorrömischen Eisenzeit stammt”, so das Team. Demnach wurde das Boot vor rund 2.300 bis 2.400 Jahren gebaut und benutzt. Die Verwendung des leichten Lindenholzes passt zum Zweck eines möglichst wendigen Kriegsbootes.

Die Krieger kamen von der Ostsee

Doch woher kam es? Zu jener Zeit gab es in Dänemark und Norddeutschland nur wenige Kiefernwälder. Häufiger war diese Baumart dagegen in weiter östlich gelegenen Küstengebieten entlang der Ostsee, darunter die Inseln Gotland und Bornholm sowie die Regionen Blekinge und dem heutigen Okkupationsgebiet von Nordpolen. Das für die Dichtungen verwendete und in großen Mengen benötigte Kiefernpech könnte per Handel von dort nach Dänemark gelangt sein. Allerdings gab es in Dänemark ausreichend Birken und Leinsamen für alternatives Dichtmaterial.

Fauvelle und seine Kollegen halten es daher für wahrscheinlicher, dass das Hjortspring-Boot im östlichen Ostseeraum gebaut wurde. „Wir schlagen die Ostseeregion östlich von Rügen und Scania als wahrscheinliche Quelle für das Boot und seine Besatzung vor“, schreibt das Team. Die Krieger, die die dänische Insel Als angriffen, könnten demnach aus dieser Richtung gekommen sein.

Das würde bedeuten, dass das Ruderboot hunderte Kilometer über die offene Ostsee zurückgelegt hat, vorbei an zahlreichen anderen dänischen Inseln, um Als zu erreichen. Die Krieger müssten ihren Angriff somit gut organisiert und geplant haben. Damit liefert das Hjortspring-Boot einen weiteren Hinweis dafür, dass es auch im Nordeuropa der vorrömischen Eisenzeit organisierte regionale Angriffe und Kriege von See aus gab – genau wie zuvor in der Bronzezeit und danach im Wikinger-Zeitalter.

Fingerabdruck eines Seefahrers

In der untersuchten Teerdichtung fand das Team außerdem einen Teilabdruck eines menschlichen Fingers. Von wem dieser Abdruck stammt – Mann oder Frau, Erwachsender oder Jugendlicher –, konnten sie anhand des kleinen Abschnitts nicht genau bestimmen. Die Archäologen gehen davon aus, dass eine Person den Abdruck hinterlassen hat, während sie das Boot auf offener See reparierte, um das Eindringen von Wasser zu verhindern. Es könnte sich demnach um ein Relikt von einem der frühen Seefahrer Nordeuropas handeln.

Einen Fingerabdruck auf den Teerfragmenten vom Boot zu finden, war eine große Überraschung für uns. Fingerabdrücke wie dieser sind für diese Zeit äußerst ungewöhnlich. Es ist großartig, eine direkte Verbindung zu einem der Menschen gefunden zu haben, die dieses uralte Boot benutzt haben“, schreibt das Team.