17.02.2026

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Minne ist größer als Wollust ! - Liebe vor Lust: Sexuelle Liebe auf göttliche Weise (wie im Buch „Sexuelle Liebe auf Göttliche Weise“ beschrieben) betont, dass das göttliche Prinzip durch die Abkehr vom rein physischen, oft egoistischen Verlangen zum Vorschein kommt. Transformation: Der Ansatz zielt darauf ab, die Energie zu wandeln, was zu einer nährenden und erfüllenden Sexualität führt, die tiefer geht als der rein physische Akt.

Zwei Leserkommentare: Im Buch wird eine allgemeine göttliche Liebe ohne Objekt zum Lieben als wünschenswert hingestellt. Die unvermeidliche Liebe zwischen Mann und Frau wird idealisiert, der Mann wird zum edlen Ritter verklärt, die Frau zum „Burgfräulein in Not“. Allerdings mit Intelligenz, diese ist Voraussetzung für die wahre Liebe. Das klingt fast romantisch, nostalgisch und schön. Und ein ganz bisschen emanzipiert sogar auch noch. Das intelligente Burgfräulein wird vom edlen Ritter geminnt. Jedoch nicht nur, denn heute ist es mit der Minne vorbei. Er will Sex und sie will Liebe. Das ist das Problem, können wir in „Deine Liebe leben“ erfahren. Darum die Hinwendung zum Göttlichen, das allerdings auch in der Weiblichkeit der Frau zu finden ist. Gerechterweise auch im edlen Manne. Aber nur ohne sexuelle Begierden, bitte sehr. Hoffen wir, dass die Freude am Sex trotzdem erhalten bleibt.

Etwas irritiert und abgestoßen hat mich als Atheist seine Gottbezogenheit. „Noch so ein Guru“ denkt man am Anfang. Aber wie schreibt er selbst, er ist nicht der oder ein Guru, sondern nur Guru, also ganz er selbst. Und es ist keinerlei Dogmatik. Keine absolutistische „Heilslehre“ im üblichen Sinne. Long beschreibt durchaus glaubhaft und nachvollziehbar einen Weg. Und, und das macht es so klar, er fordert wiederholt auf, sich selbst zu prüfen und nur das zu übernehmen, was für den Leser annehmbar ist. Und da gibt es in diesem Buch genügend neue Ideen und Ansätze.

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Ausdeutung von Gerd Hess:

Die edle Frau begreift und erkennt sich als irdisches Gottesgeheimnis, als Repräsentantin der Großen Mutter, der Herrin Frija, die das allernatürlichste Recht hat, dass ihre Gefilde und Formungen geküsst, gekost und von ihren gläubigen Verehrern in Anbetung umschmeichelt werden.

Der edle Mann begreift die geliebte Frau als irdisches Spiegelbild der himmlisch-weiblichen Schönheit und Vollkommenheit, in ihrer rätselhaften Verlockung und Befriedung seiner Gottsucher-Seele. Er eifert dem Vorbild des liebevollen Gottes Baldur nach und dankt des Weibes Dasein durch tatkräftige Hilfeleistungen und immerwährende Zärtlichkeiten, die an ihren Leib gerichtet sind und eigentlich ihre göttliche Seele meinen.

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Barry Long (1926–2003) war ein australischer spiritueller Lehrer, der für seine Lehren über Selbsterkenntnis, Liebe, Sex und die Wahrheit bekannt war. Seine Gedanken konzentrierten sich auf die Befreiung von der Angst, das Leben im Moment (Stille), die Wahrheit jenseits des Verstandes und die Wiederentdeckung der wahren Liebe zwischen Mann und Frau.

Bis 1964 arbeitete Long als Journalist. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Mit 31 Jahren begann seine spirituelle Entwicklung. Während eines Aufenthalts im Himalaja-Gebirge hatte er eine spirituelle Krise und erlebte den, wie er es nannte, „mystischen Tod“. Er verließ Indien und ging nach England. Dort hatte er 1968 eine „transcendental realization“ (transzendentale Erkenntnis/Einsicht). In den siebziger Jahren hatte er erste Schüler. Ab 1983 gab er seine ersten öffentlichen Kurse über Meditation und Selbsterkenntnis. 1985 gründete er „The Barry Long Foundation“. Zwischen 1985 und 1998 reiste er durch die Welt und leitete Seminare in Europa, Australien und Amerika. Sein letzter öffentlicher Auftritt war im Oktober 2002. Teile seines umfangreichen Werkes von Büchern, Tapes und Videos sind in elf Sprachen übersetzt.

Barry Long bezeichnete sich als „Lehrer des Westens“, der darauf bestand, dass seine Lehre nur Sinn ergebe, wenn sie praktiziert werde. Jeden seiner Schüler hielt er dazu an, nichts von dem, was er sage, einfach zu glauben, sondern anhand der eigenen Erfahrung zu überprüfen, ob es den „Klang der Wahrheit“ habe. Er sagte, er spreche nur von Liebe, Leben, Wahrheit, Tod und Gott und dass er lebe, was er lehre. Zeitlebens lehnte er es ab, aus seiner Lehre ein System mit einer darauf basierenden Organisation zu machen. Es gab und gibt keine Gruppierungen von Anhängern. Er erlaubte auch niemandem, in seinem Namen zu sprechen.

Barry Long bezeugt verschiedentlich seinen Respekt für J. Krishnamurti und seine Lehre. Es gibt auch Bezüge zu Gurdjieffs Werk. Dennoch betrachtete er sich als Lehrer, der keiner Tradition verpflichtet ist. Er selbst beeinflusste eine Anzahl anderer Lehrer und Therapeuten, unter anderem Eckhart Tolle, Autor des Buches „The Power of Now“.

Seine Lehre richtet ihr Augenmerk darauf, den Einzelnen von seinem „Unglücklichsein“ zu befreien, welches er definiert als das Auf und Ab des „heute glücklich, morgen unglücklich“. Er sagt, dass dieser Zustand durch unsere Abhängigkeit von Gedanken und daraus folgenden Gefühlen aufrechterhalten wird. Diese Gefühle führen zu weiteren Gedanken und in einen Teufelskreis, in dem wir so lange befangen sind, bis wir uns auf den „Weg der Wahrheit“ machen. Dieser umfasst:

Die Wachsamkeit in Bezug auf eigene Gedanken, Emotionen, Handlungen und Gewohnheiten;

Die Befreiung der „inneren Gefangenen“, d. h. jener inneren Repräsentanten von Menschen, denen gegenüber ich Groll hege;

Das eigene Leben in Ordnung zu bringen, d. h. Störungen in meinen verschiedenen Lebensbereichen (Partnerschaft, Arbeit etc.) zu identifizieren und zu beheben;

Meditation, um den Geist still werden zu lassen und mich mit dem Wohlgefühl in meinem Körper, dem Leben, zu verbinden; dies führt zum inneren Zustand des 'Seins';

Konzentration auf das Gute in meinem Leben und nicht das „Nicht-so-Gute“; Üben von Dankbarkeit gegenüber „dem Höchsten“ für den Überfluss an allem, was mir das Leben jeden Moment schenkt.

Den Weg der Liebe von Mann und Frau. Er unterscheidet strikt Sex von Liebe und sieht den Hauptgrund für das Elend in der Welt darin, dass Mann und Frau vergessen hätten, wie sie einander lieben müssen. Für diese seelische Liebe zwischen Mann und Frau gibt es das deutsche Wort „Minne“, dessen gelebten Erfahrungen viele deutsche Schriftsteller in ihren grandiosen Werken Ausdruck vermittelt haben (z.B.: Theodor Storm in seinen Novellen, Ludwig Ganghofer im beispielsweise „Das Gotteslehen“).

Der sexuelle Aspekt seiner Lehre wurde in der öffentlichen Wahrnehmung populärer als Long es wünschte. Er bestand darauf, dass die Liebe zwischen Mann und Frau zwar ein zentraler Aspekt seiner Lehre sei, nichtsdestoweniger es aber darauf ankomme, das eigene Leben in allen Bereichen in Ordnung zu bringen und Selbstlosigkeit und Aufrichtigkeit zu üben.

In „The Origins of Man and the Universe“ stellt er seine Kosmologie und seine radikale Kritik an den Naturwissenschaften dar. Als Antwort auf die Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA veröffentlichte er 2002 - als signifikant angloamerikanischer Mensch - das Buch „Ein Gebet für das Leben“ (Prayer for Life).

Hier sind die Kernpunkte der Kosmologie von Barry Long:

Der mythische Ursprung: Long erklärte die Entstehung von Mensch und Universum oft durch „mythisches Erzählen“ (nicht Fiktion), um die tieferen, nicht-rationalen Wahrheiten zu vermitteln. Er beschrieb, wie der Mensch aus einem Zustand reiner, göttlicher Existenz „heruntergefallen“ ist und sich in der materiellen Welt verstrickt hat.

Der „Kokon“ der Existenz: Er betrachtete den modernen Menschen als in einem „Kokon“ gefangen, der aus tausenden von Jahren angestautem Wissen, Emotionen und Angst besteht. Dieser Zustand wird als „lebendiger Tod“ beschrieben, in dem das Gefühl für das eigentliche Leben (das Sein) verloren gegangen ist.

Das Eine Leben: Ein zentrales Prinzip ist, dass es nur ein einziges Leben, ein „Ich“ im Universum gibt, das im Individuum wohnt. Das Ziel ist es, dieses Leben jenseits des Egos und des Denkens zu erfahren.

Gott, Liebe und Wahrheit: Longs Lehre ist nicht theistisch im konventionellen Sinne. Gott ist eher das „göttliche Bewusstsein“ oder die formlose Essenz des Lebens. Wahre Liebe ist für ihn kein emotionales Gefühl, sondern eine höhere, unpersönliche Kraft, die den Menschen mit diesem göttlichen Ursprung verbindet.

Ego als Panzer: Das Ego definiert er als eine Art Rüstung um die Materie, die aus Angst und Verletzungen entstanden ist und uns von unserem wahren, unschuldigen Kern trennt.
Der Rückweg (Transformation): Die Rückkehr zur kosmischen Bewusstheit geschieht durch „In-sich-Gehen“, das Beobachten der eigenen Emotionen (insbesondere Angst und Schmerz) und das Loslassen des ständigen Denkens.

Verbindung zu anderen Lehren:
Barry Long wird oft als Lehrer mit Einflüssen aus dem Tantra und der östlichen Philosophie gesehen (er kannte den indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti). Er hatte einen prägenden Einfluss auf andere spirituelle Lehrer, wie zum Beispiel den deutschen spirituellen Lehrer Eckhart Tolle. Seine Kosmologie stellt eine Herausforderung für den westlichen, rein materiellen Verstand dar und fordert eine radikale Hinwendung zur Gegenwart.