RUNEN UND ZAHLEN

„Jede Philosophie ist bisher in der Verbundenheit mit einer zugehörigen Mathematik erwachsen.“ Oswald Spengler („Vom Sinn der Zahlen“)

Messiade mit mathematisierenden Mulatten


Diese Überschrift ist natürlich ein Ulk ! Aber es finden sich immer wieder Kritikaster, die meinen, sie könnten die Tatsache der zahlenmythischen (gematrischen) Runendimension in Frage stellen. Es sind Anachronisten, Leute, über die die Runologie längst hinweggeschritten ist, ohne dass sie es bemerkt haben. Über solche Fragestellungen konnte man noch in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts streiten, nach dem epochalen Runenwerk von Prof. Dr. Heinz Klingenberg („Runenschrift, Schriftdenken, Runenschriften“, 1976) aber nicht mehr. Auch die altgermanische Runensystematik des ODiNG gebietet allen Ungläubigen und Lästerern gebieterisch Schweigen. Wer nach eingehendem Studium der ODiNG-Zahlen etwa noch von zufälligen Stimmigkeiten spricht, stempelt sich selbst zum Ignoranten. Natürlich sind nicht alle Leute auf dieser Frontseite so blöde wie sie erscheinen, manchem ist es nur eine Freude, klar Bewiesenes zu bekritteln. Es handelt sich hier wohl eher um psychiatrische Fälle, als um ernstzunehmende Diskutanten. Einige dieser Leutchen bejahen zwar die ODiNG-Logistik, doch den Zahlenaspekt wollen sie aus ideologischem Prinzip nicht begreifen, denn sie halten ihn für „rein griechisch“ oder „hebräisch“. Das sind die geistigen Mulatten, die „schwarz-weiß“ Gemischten unter den Runenjüngern. Trotzdem und gerade deshalb soll einmal wieder im Folgenden auf die Runen-Gematrie eingegangen werden:

Um den Runensinn verstehen zu können, ist es unumgänglich, sich in das indoiranische, hellenisch-hellenistische Zahlendenken sowie in die Strömungen mythologischer Vorstellungen jener Zeit hineinzuversetzen, in der die Runen entstanden sind. Es ist die Epoche des Frühgnostizismus, der seine Motive aus der „alten Philosophie“ der Griechen und dem hellenistischen Mysterienwesen zusammentrug. Die alten Theosophen aber führten die Gnosis (Erkenntnis religiösen Heilswissens) auf eine geheime Urweisheit zurück, die allen Religionen zugrunde liegen soll und von den großen Lehrern der Menschheit in jedem Volke und zu jeder Zeit anders - und doch oft mit übereinstimmendem Inhalt - verkündet wurde.

Die Quelle, die am nachdrücklichsten das zahlenbestimmte Denken der Griechen vor Augen führt, ist das 13. und 14. Buch der „Metaphysik“ des Aristoteles, worin er sich mit dem Zahlenwissen der Pythagoräer und Platoniker auseinandersetzte. Es ist zu erfahren, dass in der Lehre des späten Platon die Ideen selbst als Zahlen verstanden wurden. Pythagoras muss schon vom vorweltlichen Sein der Zahlen im göttlichen Denken überzeugt gewesen sein. Zahlen oder Ideen erschienen als Planglieder Gottes, als Muster- oder Urbilder der Schöpfungsdinge, also als Werkzeuge der Weltbildung. Der Neopythagoräer Nikomachus erklärte die tiefere Bedeutung der Zahlen von 1 bis 10 sogar als Symbole für Göttinnen und Götter. Die Auffassung des Pythagoräers Philolaos lautete: „Denn die Natur der Zahl ist Kenntnis spendend, führend und lehrend für jeglichen in jeglichem Dinge, das ihm zweifelhaft oder unbekannt ist. Denn nichts von den Dingen wäre irgendwem klar, weder in ihrem Verhältnis zu sich noch zu anderen, wenn die Zahl nicht wäre und ihr Wesen.“ (Eisler, „Handwörterbuch der Philosophie“, Berlin 1913) Hinter all der Zahlenmystik, mit der man Ideen, Dinge und sogar Gottheiten belegte, steckte also letztlich eine vernünftige Ahnung dessen, was uns heute so geläufig ist, nämlich dass die Natur durch Gesetze, also durch Zahlen, beweisbar wird, ja, dass oft allein die Mathematik hilft, Erscheinungen zu begreifen. So gesehen, ist die Zahl auch in der modernen Naturwissenschaft noch „das Wesen der Dinge“. Der pythagoräische Lehrsatz des Philolaos (um 400 v.0): „Wer die Zahl gefunden hat, kennt das Wesentliche“, wird sich auch für uns bei der Runenentschlüsselung aufs trefflichste bewähren.

Schon die Pythagoräer dachten sich die Tatsache der 24 Buchstaben des griech. Alphabets als metaphysisch begründet. Über sie ist im Schlußkapitel der „Metaphysik“ des Aristoteles zu erfahren: „Was sie an Übereinstimmung zu zeigen hatten an den Zahlen und Tonhöhen mit den Geschehnissen am Himmel und mit seinen Teilen und mit der ganzen Weltordnung, das sammelten sie und verglichen es.“ Demnach stellten sie Ziffern und Elementargrammatik in absolute, schon nicht mehr steigerungsfähige kosmische Zusammenhänge. Und die Begründer der griechischen Astrologie Nechepso und Petosiris im 2. Jh. v.0 verbanden bereits die 12 Tierkreiszeichen mit je 2 Buchstaben. In einem griech. Zauberpapyrus (P. XXXIX) heißt es: „Ich beschwöre dich bei den 12 Elementen des Himmels und bei den 24 Elementen des Kosmos ...“

Der Schöpfer der gemeingerm. Buchstabenreihung muss ein gottesweiser Mensch gewesen sein, dem das antike Zahlenwissen ebenso vertraut war wie indoeuropäische Mythentraditionen, die noch aus vorhandenen Resten der heiligen Bücher, den indischen „Veden“, dem iranischen „Avesta“, den hermetischen Zauberpapyri, alchimistischen Mittelalterschriften und der altnordischen Edda zu erfahren sind. Die pythagoräisch-platonischen Impulse reichten aus Antike übers Mittelalter bis hinauf in die Renaissance. Schließlich spiegelten sie sich im mystischen Wissen und der Zahlenmagie des 1486 zu Köln geborenen Agrippa v. Nettesheim, dessen Werk „Philosophia occulta“ (Erstdruck 1530, Antwerpen) sowohl als Summe seiner eigenen okkultischen Studien wie auch als Zusammenfassung der gesamten mittelalterlichen Magie angesehen werden darf. Agrippa sagt im 3. Buch: „Mathematische Wissenschaften sind, als mit Magie verwandt, für diese so unentbehrlich, daß, wer ohne solche zu besitzen, Magie treiben zu können glaubt, sich auf ganz falschem Wege befindet, sich umsonst abmüht und nie zu einem Ziel gelangt.“ G. Galilei (1642-1591), ein Begründer der modernen Naturwissenschaft, war überzeugt: „Das Buch der Natur ist in mathematischen Lettern geschrieben.“ Noch der Dichterphilosoph Friedrich v. Hardenberg („Novalis“ 1772-1801) meinte: „Es ist wahrscheinlich, daß in der Natur eine wunderbare Mystik der Zahlen am Werke ist, und ebenso auch in der Geschichte.“ Zu dieser Spekulation gehört die Anschauung, daß ebenso wie die Zahl auch das Wort beim Aufbau der Welt tätig sei. Das Wort in seinem metaphysischen Sinn ist gleichfalls ein Verbindungsglied zwischen Seelischem und Körperlichem und hat - wie die Zahl - die Funktion, die Seele zur Weltseele hinzuführen. Agrippas Methode, jedem Planeten und jedem Metall eine gewisse Zahl zuzuschreiben sowie ihre Kräfte und Beziehungen untereinander zu erfassen, entspricht völlig der pythagoräischen Weltbetrachtung. So ist es möglich, ein ganzes Weltbild in Zahlen und Buchstaben auszudrücken ! Das ist dem Runen-Schöpfer gelungen !

Bisher gab es kein Werk über die antike Zahlenlehre; was geleistet wurde, ist unzureichend. Zumeist wurden jüd.-christl. Quellen untersucht, die aber selbst nur junge Sekundärreflektionen sind. Noch viel weniger ist eine Zusammentragung der für das Runenverständnis in Betracht kommenden Zahlenbedeutungen vorhanden. Deshalb muss ein solcher Überblick allen weiteren Erörterungen vorangestellt werden -, ganz im Sinne der alten pythagoräischen und runetheoretischen Weisen: „Die Zahl ist das Wesen aller Dinge und sie ist der Anfang aller Dinge!“ (Gottfried Martin, "Klassische Ontologie der Zahl", 1956, 13; Kantstudien, Ergänzungsheft 70)

Wer das antike Zahlendenken verstehen möchte, sollte wissen: Eigentlich kennt man nur 9 Zahlen, mit denen sämtliche darüber hinausgehenden Werte dargestellt werden können. Die 10 ist nur eine 1 mit einer 0. Jede, auch die größte Zahl, kann durch einfaches Zusammenzählen ihrer einzelnen Ziffern auf eine der Zahlen zwischen 1 und 9 zurückgeführt werden; so wird z.B. aus 1992: 1+9+9+2=21=2+1=3. Man nennt diesen einfachen Rechenprozess auch „Theosophische Addition“ oder „Theosophische Reduktion“. Die sich ergebende einstellige Wurzel- oder Kernzahl wird Quersumme (QS) genannt. Sie gilt als die den Geheimsinn offenbarende Seele des Ganzen. Doch können auch zweistellige Ziffern ihren festen Platz in der Tabelle mythischer Metaphern einnehmen. Wer also den theosophischen Wert einer Zahl wissen will, muss arithmetisch alle Ziffern von 1 bis zu dieser Zahl einschließlich addieren. Wir erkennen dann, dass nach diesen Operationen 1, 4, 7, 10, 13, 16, 19. 22 gleich 1 sind. Sie gelten als unterschiedliche Konzeptionen der Einheit; z.B.: 7 = 1+2+3+4+5+6+7=28=2+8=10=1

 

Quersummen (QS)

 

War in alter Zeit die QS überhaupt denkbar ? In der Tat erscheint dieser Rechenprozess nur möglich innerhalb des heutigen Dezimalstellensystems, welches über die Vermittlung der Araber von den Indern übernommen, in Breite erst ab dem 12. Jh. n.0 zunehmend als Allgemeingut des Abendlandes genutzt wurde. Es ist fähig, mit den wenigen Zahlensymbolen von 0 bis 9 auszukommen; 10 ist dabei die Basis- oder Grundzahl - nur deshalb, weil der Mensch 10 Finger besitzt, die er natürlich benutzt, um Dinge, die er auszählt, zu kontrollieren. Solche selbstverständliche Art der Zählweise, über 10 hinaus wieder mit einer höheren Qualität der 1 zu beginnen, zeigt sich bei vielen Indianerstämmen in dem Begriff für 11 = „Fuß-Eins“. Waren die Finger erschöpft, nahm man die Zehen zu Hilfe. Die Hochschätzung der 10 als Vollkommenheits- und Basiszahl ist der menschlichen Anatomie also zwingend vorgegeben und mithin älter als die Erfindung des indischen Dezimalstellensystems; sie basiert in Europa nachweislich auf sehr alter Tradition. Sie wurde von den Pythagoräern in der „tetraktys“, der „Vierheit“, ausgedrückt, da die 4 Grundelemente unserer Welt und die ersten 4 Zahlen die Summe der „heiligen Zehnzahl“ ergibt. Und so, wie sie auch von 10 Weltkörpern ausgingen, zeigt das vielleicht geistesverwandte bronzezeitliche Rasiermesser von Hviving (Aarhus/Dänemark) neben den beiden großen Strahlenkreisen, die sicher Sonne und Mond darstellen, weitere acht, also insgesamt 10 Himmelskörperdarstellungen, die um das „Erdenschiff“ (von dem im spätnordischen „Solarliod“ die Rede ist) herum gruppiert wurden. Wie zur Bekräftigung des Befundes führt der geschwungene Griff ein Ornament von 10 Gürtellinien. Nach Platos Atlantisbericht waren es 10 verbündete Könige, die das Reich der nordeuropäischen Atlanter regierten (Krit. 119,120). Das ließe sogar auf eine sakrale urnordische Hochschätzung der 10-Zahl schließen.

Die Griechen nutzten zwar ihr gesamtes Alphabet zur Zahlenbezeichnung, und auch die Römer besaßen mehr als 10 Zahlzeichen; somit ist eigentlich eine QS, welche sich auf die 10 Grundzahlen verkürzen möchte, undenkbar. Trotzdem jedoch war sie im Gebrauch und kann durchaus selbst in germ. Bronzezeit schon gehandhabt worden sein. Der röm. Schriftsteller Varro (116-27 v.0) beschrieb die QS als ein Mittel, um größere Zahlen - z.B. im Orakelbrauch - auf ihre besonderen beweiskräftigen Elemente hinabzumindern, indem Zehner, Hunderter, Tausender als Einer gezählt wurden. Man nannte das „regula novenaria“, weil man dabei die je neun Zehner, Hunderter, Tausender in einheitlicher Weise vornahm (Varro, de lingua latina IX, 49, 886 p. 166). Bereits im 4. Jh. v.0 gebrauchte der griech. Philosoph Speusippos, der die Ideenlehre Platons zu einer Zahlentheorie gestaltete, den Fachausdruck der „Quersumme“. Und der Neuplatoniker Theodoros von Asine verwendete in erster Hälfte des 4. Jh. n.0 quersummierendes Verringern der Zahlenbuchstaben zu spekulativ-theoretischen Zwecken. Er übte also schon eine Rechenoperation, welche sich erst in unserem Dezimalsystem so sehr viel leichter durchführen läßt. (Franz Dornseiff, „Das Alphabet in Mystik und Magie“, 1925, 113 ff)

Die Runen singen das Loblied der Zahlen 3 und 6. Warum tun sie es, und wie tun sie es ? Die 6 wurde Symbol für das All, weil es 6 Dimensionen gibt: Norden, Süden, Osten, Westen, Raumhöhe (Zenit) und Raumtiefe (Nadir). Deshalb spricht der Rigveda (I. 67,5 u. I. 164,6) vom Urvater „Dyauspita, welcher als Handwerker den Erdboden und die 6 Welträume befestigt hat“. Und in Folgerichtigkeit der göttlichen Identität von Raum und Zeit heißt es im Atharvaveda (Nrisinhapurvatapaniya-Upanishad 5,1): „Prajapati sprach: 6 Speichen hat jener große Kreis Sudarcanam (Sonnendiskus) und hat 6 Flächen. Denn 6 verschiedene Zeiten hat das Jahr.“ Das altindische Rundjahr wurde mit 360, also 6x60 Tagen gerechnet. Ganz ähnliche Vorstellungen pflegten die Altgermanen. Die prächtige goldene Sonnenscheibe aus Glüsing/Norderdithmarschen führt die 6 Speichen des Sonnenrades vor. Rundherum sind 26 Sonnenkreischen geordnet, zusammen mit dem Zentralkreis der Radnabe sind es 27 (3x9).

Die 6 galt in der Antike als vollkommene Zahl (griech. „arithmos teleios“, lat. „summus perfectus“), weil ihre Summe ihren aliquoten Teilen entspricht, bzw. ihre Teilersummen gleich sind (einschließlich 1, ausschließlich der Zahl selbst). Diese Definition geht mindestens zurück auf den griechischen Mathematiker Euklid, der im 4. Jh. v.0 die „Elemente“, sein berühmtes Lehrbuch der Geometrie, verfasste. 6 hat die Teiler (Divisoren) 1, 2, 3; die Summe von 1+2+3 und das Produkt von 1x2x3 ergeben wieder 6. (Julius Stenzel, „Zahl und Gestalt bei Platon und Aristoteles“, Darmstadt, 1959, 39) Solche Zahlen besitzen gewissermaßen einen Inhalt, der ihrem äußeren größten Wert entspricht; bei ihnen deckt sich Äußeres und Inneres. Da die 6 also ersichtlich aus 3 Kernteilen zusammengefügt ist, verweist sie unüberhörbar auf die Zahl 3, der noch verdichteteren (komprimierteren) Gotteszahl. Erst die Dreiheit: Gesetztes, Entgegengesetztes, Vermittlung (Thesis, Antithesis, Synthesis) ergibt ein vollkommenes gedankliches Ganzes.

Anfang, Mitte und Ende gehen von der Gottheit aus; so ordnete die Mystik vieler Völker ihr die 3-Zahl zu und entwickelte Triaden, „Dreifaltigkeiten“, wie schon im vedischen Altertum. Agni (Feuer), Vayu (Wind / Geistsonne), Surya (Sonne), später: Brahma, Vishnu, Shiva. Nach altnord.-eddischem Zeugnis (Gylfaginning 5): Wodan, Wili, We (seelische Wallung, Wille, Weihtum). Den Pythagoräern galt die 3 als „Zahl des Alls“.

Wie singt die gemeingermanische Runenreihe ihren zahlenmythologischen Lobgesang ? 24 Buchstaben mussten es sein, denn diese Anzahl führt zur QS 6. Aus 6 Urbuchstaben, Vokalen: o, e, ei, i a, u (, , , , , ) sowie aus 3x6 = 18 Konsonanten besteht das System. Strenggenommen stehen 2 Buchstaben zwischen Vokalen und Konsonanten, sogenannte Halbvokale J und W (,). Rechnet man sie zu den Vokalen, hätte man 8 Grundlaute, was bedeuten würde, dass die noch zu erklärende Gotteszahl 8 des Tiu wiederum 3 mal im runischen Allkreis (3x8=24) vorhanden wäre.

Der Runenschöpfer ordnete sein System in Übereinstimmung mit der Betrachtungsweise Plutarchs („De Iside et Osiride“, Kap. 56) über das platonische „Geburtsdreieck“ (man nannte es auch das „Dreieck des Pythagoras“), mit den Zahlengrößen 3-4-5, dem der Satz des Pythagoras a²+b²=-c² zugrunde liegt. Das Produkt dieser pythagoräischen Zahlen (3x4x5=60) beträgt in QS wieder 6. Bei Plutarch entspricht die Weltenmutter Isis dem Stoff und der 4, der Vater Osiris steht mit der 3 für das geistige, befruchtende Urbild, also die Idee. Im Dreieck, nach „rechtwinkliger“ Vermählung, wächst auf schräger Verbindungslinie, der Hochzeits-5, das Produkt von Erdmutter und Geistvater: der Mensch (-Rune), der das All der Schöpfung darstellt (2 Spitzen oben - getreu der Einsicht von der Identität des Makro- und Mikrokosmos). Die Araber trugen diese hellenistische Zahlensymbolik in den nordafrikanischen Raum, deshalb gelten bei den Stämmen des Sudan die Zahlen 3 für Mann, 4 für Frau und 5 für Hochzeit. Bei den nigerianischen Ekoi symbolisiert das Hexagrammzeichen (mit zwei Spitzen nach oben) Liebe. (Walter Burkert, „Weisheit und Wissenschaft“, 1962, 444) Die vorliegende Runensinn-Reihenfolge ist also nichts weniger als logisch, eine andere wäre unrichtig! Ist die 5 als Menschenzahl vorgegeben, die 4 mit weiblicher, die 3 mit männlicher Sinngebung belegt (worin antike Übereinstimmung bestand) und die 1 durch die Mythologie als urstofflich-erdmütterlicher Anfang bestimmt, kann eine Elementenfolge und Genesis nicht anders beschrieben werden. Im Runenbeginn liegen aber zwei konvergierende Geburtsdreiecke verborgen, denn Erde und Wasser (Odal-und Lauka-Rune) stehen zueinander wie Mutter und Tochter, und Luft und Feuer (Dag-und Ing-Rune) verhalten sich zueinander wie Vater und Sohn. In der mythologischen Deutung geht die Mutter in der Tochter auf, geradeso wie der Sohn im Vater.

Von den Göttern unserer Vorfahren schreibt Tacitus im 9. Kap. seiner Germania: „Die Götter in vier Wände einzuschließen oder in Menschengestalt darzustellen, entspricht nicht den germanischen Anschauungen von der Hoheit der Himmlischen. Wälder und Haine sind ihre Heiligtümer, und mit göttlichen Namen belegen sie jenes Geheimnis, das sie in gläubiger Verehrung ahnen.“ Wir werden nun die Anschauungen der germanischen Weisen erfahren, der runenmeisterlichen Erilar, der runengalsterlichen Parawari und Harugari, in welche zahlensymbolische Gewandungen sie die immaterielle „Hoheit der Himmlischen“ einkleideten, wie sie auf dem Wege mathematischer Prozesse die Gottesmächte erfahrbar zu machen versuchten und über abstrakte Begrifflichkeiten ihren vergeistigten Gottesdienst vollzogen. Die Mahnung des dt. Dichters Bodenstedt, die sich an die Verehrer gegenständlicher Gottesfiguren richtet, wäre im germanischen Bezirk völlig unangebracht gewesen: „Der Weise nennt mit Ehrfurcht Gottes Namen; / Er weiß, dass er das Wesen nicht erfaßt. / Der Tor malt Gottes Bild, wie es zum Rahmen / Des engen Torenhirnes passt.“

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