GEHEIMNISSE DES HEXAGRAMMS

Kupferstich von Martin Engelbrecht (1684-1756) „Der Bierzeiger“ mit „Braustern“

 

Antiker Alamannischer Fingerring von Eschenz / Schweiz

 

Meine Ausgangsfrage lautete: Wie erklärt es sich, dass der germanische Schöpfer des ausgeklügelten 24er Ur-Runen-Systems seinen Erklärungskosmos aus 24 Stäben (Querumme bzw. Kernzahl 6) mit 6 Urlauten (Vokalen) und 18 (3X6) Mitlauten (Konsonanten) aufbaute ?

 

Wer die antike Mystik kennt, weiß um die geheimnisumwitterte Bedeutung von Buchstabe und Zahl. In beiden Metaphern des Geistigen und mithin des Göttlichen spiegelt sich die abstrakteste Begrifflichkeit deren sich Menschen befähigt glaubten. Mit Hieroglyphe, Laut und Zahlenziffer schienen die höchsten und die letzten Dinge benennbar, ausdrückbar und auch symbolisch reduzierbar. Ganz besonders die Zahl erschien als etwas unbestechlich Klares, als die Wahrheit in Person.

 

Wir wissen, dass die Zahl 6 in dieser altgriechischen Wissenschaft der Gematria eine besondere Stellung einnahm. Sie galt als Symbolzahl des Alls und dessen Gegensatzvereinigung. Die 6-Form lebt die Natur vielseitig vor, wie in der hexagonalen Kristallform der Schneeflocken und dem idealen Baustein der sechseckigen Bienenwaben. Träger aller lebendigen Gestaltungen unserer Welt ist der Kohlenstoff, seine Ordnungszahl ist 6. Sein Atomkern besteht aus je 6 Protonen und Neutronen, die Atomhülle aus 6 Elektronen. Der ornamentale 6-Zack findet sich bereits auf irdenen Kultgefäßen der Bandkeramiker im 4. Jts. v.0, besonders schön auf den Kumpfen von Rheindürkheim und Rheingewann (Museum Worms). Ganz in der Nähe der sakralen Kreisgrabenanlage Goseck fanden die Archäologen ein Kindergrab mit einigen Beigaben. Darunter war ein Kumpf mit fünf Ösen der außer dem gängigen stichbandkeramischen Linienbändermotiv ein rautenförmiges Bild aufweist. Auf diesem 7.000 Jahre alten Keramikkrug stoßen drei Dreiecke an ihren Spitzen genau zusammen, die sechs Linien ergeben somit den Sechsstern, welcher demzufolge damals bereits in irgendeinem geistigen Zusammenhang bedeutsam gewesen sein muss.

 

Einen derartigen altkret. Siegelabdruck (2.000-1.700 v.0) und ein besonders schön gearbeitetes, durchbrochenes Goldblech (Saal XI, Vitrine 151) aus protogeometrischer Periode (1.100-900 v.0) mit jeweils 2 Sternspitzen, die nach oben und unten weisen, zeigt das Archäolog. Museum von Heraklion/Kreta. In der Frühbronzezeit erscheint das Hexagramm als Zierstern von norddt. Gerätschaften und goldenen Schalen. Schließlich lässt sich dies Ursymbol auf merowingischen Grabfunden, z.B. einer großen Perle (Starkenburg/Hessen), einer Gewandspange (Museum Nordhausen) sowie auf sächs. und ags. Fibeln des 5.Jh., nachweisen. Die bisher schönsten Funde dieser Art sind die völkerwanderungszeitl. silberne Schalenfibel aus einem Frauengrab aus Ostbense (Ldkr.-Wittburg/Weser-Ems), mit verflochtenem Sechsstern sowie der allamannische Fingerring von Eschenz (Schweiz), mit farbigem Glasfluss eines roten und eines grünen Dreiecks (Polarität: Feuer-Wasser), die sich zum Sechsstern zusammenfügen; inmitten des roten Dreiecks sind 2 zentrische Sonnenkreise eingelegt.
 

 

Die älteste indogermanische Religionsurkunde, der Rigveda 2.27, nennt nur 6 höhere Götter, deren Zahl später auf 12 steigt und später in ein Göttergewimmel auswuchert. In Zarathustras Religion gibt es 6 Gotteseigenschaften des Ahura Mazdas („Weiser Herr“, vgl. Yasna 44): 1. das gute Denken, 2. die Wahrheit, 3. die Herrschaft, 4. die Fügsamkeit, 5. das Heilsein, 6. das Nicht-Sterben. Der Pythagoreer Empedokles ging von insgesamt 6 Urgegebenheiten aus: „Feuer, Wasser, Erde und der Luft unendliche Höhe“; dazu Liebe und Hass bzw. Anziehung und Abstoßung. Das sind die Urkräfte, die so wie sie uns bewegen auch die Elementen beeinflussen, - meinte er. Neupythagoreische und neuplatonische Schulen, namentlich Jamblichos (6.Jh.n.0), meinten, die Form des Weltalls ist die Kugel; Gott konstruierte das Dodekaeder, das Gebilde aus 12 Fünfecken, und beschrieb dann die Kugel darum. Das Weltallmodell des Dodekaeders hat 60 Ecken.

 

So nimmt es nicht wunder, dass der Runenschöpfer seinem Werk die Zahl 6 zu Grunde legte. Die 24 Runenstäbe, als kosmisch gedachte Segmente, lassen sich in der Quersummenziehung zur 6 reduzieren. Die 24 Buchstaben fügen sich zusammen aus 6 Urlauten (Vokale) und 3x6 = 18 Mitlaute (Konsonanten). Aber die 6 lässt sich als ein Gefüge erkennen, das aus einer Dreiheit besteht, denn 1+2+3 = 6. „Aller guten Dinge sind Drei !“ Die Dreiheit des Raumes (Kubikzahl) und die Dreiheit der Zeit (Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft) fließen im Kosmosmodell der 6 zusammen.

 

 

Kurzfassung: Ein Sechseck oder Hexagon ist ein Vieleck, bestehend aus sechs Ecken und sechs Seiten. Sind alle sechs Seiten gleich lang und alle Winkel an den sechs Ecken gleich groß, spricht man von einem gleichseitigen, regelmäßigen Sechseck. Werden die gegenüberliegenden Ecken des Sechsecks miteinander verbunden, ergeben sich sechs gleichseitige Dreiecke. Werden alle nicht gegenüberliegenden Ecken miteinander verbunden, entsteht ein Hexagramm.

 

In Symbolik, Architektur, Malerei und Grafik liegt bei der Verwendung des Hexagons die Sinnbildsprache der Zahl 6 zugrunde, deren Bedeutung sich aus der Summe der ersten drei Zahlen (1+2+3) und deren Zahlensymbolik ergibt. Sie und damit das reguläre Hexagon symbolisieren die Harmonie der Schöpfung. Sie stehen auch für die polare, sich gegenseitig bedingende gleichgewichtige Verklammerung des Himmlischen und Irdischen, des Göttlichen und Weltlichen.

 

Bild 1: Kaiserzeitlich (1./2. Jh. n.0) röm. oder alemannischer Fingerring von Bondort südl. Stuttgart. Der Ring zeigt das Hexagramm in unserem Symbolverständnis der beiden polaren Welt-Dreiecke von Feuer und Wasser (rot und grün) und in der Mitte das solare Ringsinnbild.  Der Sechsstern wurde im deutschen Mittelalter zum Zunftzeichen des Braugewerbes und hängt in diesem Sinne noch heute an alten Gaststätten des Branntweinausschanks. Das Zeichen hat mit dem Judentum ursprünglich keinerlei Verbindung, erst seit 1648 gelangte es in Prag zu diesem sekundären Bezug.

Bild 2: Flaschenförmiges Gefäß mit hexagonaler Symbolik vom Kindergrab bei der 7.000-jährigen Sakralringanlage Goseck (bei Naumburg / Sachsen-Anhalt)

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