Gewandtspange von Harritslevgaard mit Zeitsymbolik

 
 
Fibel von Harritslevgaard – Nationalmuseum Kopenhagen
 
Die Gewandtspange von Harritslevgaard
 
Gegen Ende der nordischen Bronzezeit zwischen ca. 1100 und 900 v.0 entwickelte sich die Brillenfibel, auch Plattenfibel genannt. Sie fand hauptsächlich im germanischen und skandinavischen Raum Verbreitung und wurde noch zu Beginn der Eisenzeit zwischen 900-700 v.0 getragen, wobei die im südgermanischen Raum anzutreffenden Plattenfibeln der Hallstattzeit kleiner und sparsamer verziert waren, als ihre skandinavischen Gegenstücke. Eine derartige Gewandspange bzw. Fibel wurde auf der dänischen Insel Fünen (dän. Fyn) gefunden. Ihr interessantes Schmuckdekor möchte ich hier erstmalig zu erklären versuchen. Der Ort liegt 30 km nordwestlich von Odense der Fünischen Hauptstadt. Hof und Schloss Harritslevgård sind ein altes Krongut. Erstmalig wurde der Hof 1231 als „Haræslef“ erwähnt. Harritslevgaard gehörte bis 1327 zur Krone, wo der schwedische Fürst Erik Valdemarsen, unter anderem ein Enkel von Erik Plovpenning (1216-1250) lebte. Fünen gehört zu den ältesten Siedlungsplätzen im Norden, einige Funde aus dem heute unter Wasser liegenden „Tybrind vig“ vor Middelfart sind ca. 7.000 Jahre alt. Die dortige Unterwasserarchäologie fand gut erhaltene Artefakte der Ertebölle-Kultur (5.400-3.900 v.0), eines Fundplatzes der zwischen 5.600-4.000 v.0 datiert werden konnte. Aus den wagemutigen Seejägern der Ertebölle-Kultur, an den dänischen und deutschen Küstenstreifen, gingen im Wesentlichen unsere nordischen Vorfahren, die antiken Germanen, hervor. Fünen hat wunderbare Strände, fischreiche Küsten und saftige Weidegründe, die sie zu einem gesegneten Land machen. So nimmt es kein Wunder, dass der berühmte Dichter und Schriftsteller H.C. Andersen, der auf Fünen geboren wurde, einmal sagte: „Fünen schreibe ich eben wie das Wort ,fin' (deutsch: fein, gut), mehr zu sagen gibt es nicht.“ Hier war eine der Hauptregionen der germanischen Od-Religion; der alte Namen der Großstadt Odense (deutsch: Ottensee) lautete „Odins-Vi“ (Odins-Weihestätte), erstmalig urkundlich erwähnt im Jahre 988, in einem Dokument das vom deutschen König Otto III. erstellt wurde.
 
Die Spange zeigt auf ihren beiden Blättern ein Dekor welches deutlich mondbezogen ist, handelt es sich doch unzweideutig um Mondsichel-Zeichen. In beiden großen Mondkörpern sind jeweils 23 kleine Hörnchen eingeprägt. Das große Mondhorn dazu addiert ergeben jeweils 24 Mond-Symbole. Die Quersumme, der offensichtlich als symbolträchtig erachteten 24, ergibt 6. Der Sechsstern ist im linken Fibel-Blatt eingeprägt. Im rechten Fibel-Blatt sind drei zentrische Kreise zu sehen, ein vielfach belegtes Sonnen-Symbol. Insgesamt sind auf der Fibel 2x24 = 48 Monde zu zählen. Wir sehen hieran, dass die späteren kalendarischen Runenzahlen (luni-solares „ODING-Wizzod“) 24 und 6 schon zur Bronzezeit Gültigkeit gehabt haben müssen. Aber es stellt sich die Frage, in welcher Weise der Mond mit den Zahlen 6, 24, 48 (QS = 12) in Zusammenhang zu bringen wäre. Typische Mondzahlen sind es keinesfalls.
 
24 Monde um ein Sonnen-Zeichen gruppiert
 
Was könnte gemeint sein ? 12 Lunationen ergeben fast genau ein Sonnenjahr. Das Jahr ist also ersichtlich durch kosmisch-göttliche 12 Mondphasen unterteilt, so lautet die Demonstration des Himmels. Wie naheliegend und folgerichtig wäre es, auch den kleinen Bruder des Sonnen-Jahres, nämlich der Sonnen-Tag, ebenso in 12 gleiche Teile einzuteilen ?! Das Ergebnis besteht in den 12 Stunden der hellen Tag-Hälfte. Wenn die Nacht-Tag-Hälfte ebenfalls in gleiche 12 Stunden unterteilt würde, ergäbe die Rechnung den Gesamt-Tag von 24 Stunden. Anders sind die 24 Monde jeweils einer Fibel-Seite kaum zu deuten. Die Mondzeichensumme beider Platten von 48 Stunden beträfe dann einen Zeitraum von zwei Tagen. Träfe meine Deutung des Fibel-Symbolismus von Haritslevgaard zu, hieße das, wir müssten die Tageszeitunterteilung in Stunden für die germanische Spätbronzezeit akzeptieren.
 
Derzeitige Lehrmeinung ist: „Die Einteilung des Tages in zwölf Teile kommt vermutlich von einer Version der Sonnenuhr der alten Ägypter. Da die Zeiteinteilung lange mit Hilfe des Sonnenlichts geschah, konnte die Nacht nicht so einfach aufgeteilt werden. Später entdeckten ägyptische Astronomen 36 Sterne, die den Himmel in gleiche Teile aufteilten. Die Nacht konnte mit 18 dieser Sterne aufgeteilt werden. Jeweils drei Sterne wurden für die Morgen- und Abenddämmerung verwendet, da es zu dieser Zeit schwer war die Sterne zu erkennen. Die Zeit der totalen Finsternis wurde von den übrigen zwölf Sternen festgelegt.“ Zwischen 1550 und 1070 v.0 wurde dieses System vereinfacht, indem 24 Sterne genutzt wurden, wobei zwölf für die Nacht waren. Die „Klepsydra“ (Wassertopfuhr) wurde auch zur Zeiteinteilung genutzt. Der Geograf, Mathematiker und Astronom Hipparchos von Nicäa(um 190-120  v.0)soll schon vorgeschlagen haben, den Tag in 24 gleich lange Stunden zu unterteilen. Die Einteilung der Stunde in 60 Minuten soll auf die Babylonier zurückgehen. Das babylonische Zahlsystem beruhte auf der Zahl 12, die eine religiöse Bedeutung hatte und von der die „60“ ein Vielfaches ist (5X12 = 60). Auch im Norden rechnete man mit dem Dutzend (Stückzahl von 12), als „dickes Dutzend“, dem „Gros“, galt 144 (12X12). Unsere durch Kirchenlehren bibelfixierte Abendländische Kultur ist stur gewohnt, möglichst jede Zahlenerscheinung aus den kirchlichen Alttexten zu deuten, dabei handelt es sich lediglich ist eine kulturspezifische unzulässige Fixation. Wer die 12 als eine kosmisch-wichtige Zahl erkannt hat, gerät automatisch in Versuchung der 12X12 einen doppelt „heiligen“ Effekt beizumessen. Dazu sind keine biblischen Vorlagen nötig, wie man sie nachlesen kann: „Im AT werden aus den 12 Stämmen Israels jeweils 12.000 versiegelt, insgesamt also 144.000.“
 
Die Zahl 12 ist mit Sicherheit nicht allein für die Ägypter, Babylonier und Hebräer bedeutsam gewesen, vielmehr für jede Gesellschaft die Himmelskunde betrieb, wie das für Mitteleuropa seit 7.000 Jahren - also schon für die stichbandkeramische Kulturstufe - nachweisbar ist. Das Jahr auf Grund der zwölf Lunationen - des vollständigen Ablaufs aller Mondphasen - in zwölf Monate zu unterteilen, ist schließlich naturvorgegeben. Dafür bedarf es weder babylonischer noch altägyptischer Denkanstöße ! Den Licht-Tag und ebenso die Nacht in je zwölf Stunden zu untergliedern - dem großen Jahresvorbild folgend - wäre gedanklich nur ein kleiner logischer Schritt. Die jeweils 24 Fibel-Mondzeichen - um das Sonnen-Zeichen gelagert, würden demnach die 24 Stunden des Gesamttages bezeichen wollen. Unter Gebrauch von Schattenstäben - nach dem Prinzip der Sonnenuhr - ist eine etwaige Stundenfolge - bei Sonnenschein - unschwer abzulesen.
 
12er und 24er Gezeiten-Perioden
 
12er sowie 24er Zeitperioden weisen auch die „Gezeiten“ auf, die im Küstenbereich des prägermanischen Nordens eine nicht unwesentlichere Rolle gespielt haben werden als auch heute. Sie werden durch die Gravitation (Anziehungskraft) vor allem des nahen Mondes ausgelöst, der in 29,53 Tagen die Erde einmal umkreist. Ich lese: „Dass Ebbe und Flut vorwiegend mit dem Mond korreliert sind, dürfte zu den ersten astrophysikalischen Erkenntnissen des Menschen gehört haben. Denn es ist - jedenfalls an den Ozeanküsten - unmittelbar zu beobachten, dass der Mond bei Hochwasser am selben Ort regelmäßig an derselben Stelle seines (ungefähr) täglichen Umlaufs steht. Auch detailliertere Kenntnisse über den Zusammenhang zwischen Mond und Gezeiten, bis hin zur längerfristigen Periodizität abhängig von Mondphasen und Jahreszeiten, ist schon im alten Indien, bei den Phöniziern und Karern nachgewiesen, und war auch dem Seefahrer und Entdecker Pytheas bekannt.“ Die Gezeitenkräfte der Sonne betragen etwa 46 % derjenigen des Mondes. Besonders große Gezeitenkräfte und Springtiden ergeben sich, wenn sich zusätzlich der Mond im erdnahen Bereich seiner Umlaufbahn befindet. Durch die zur Erdachse veränderliche Neigung der Mondbahn ergibt sich eine etwa jährliche Variation der Tiden. Die Lehre von den maritimen Gezeiten der Erde heißt Gezeitenkunde. Ihre Grundaussagen sind Bestandteil seemännischen bzw. nautischen Ausbildung. Es dauert 24 Stunden und 49/52 Minuten bis der gleiche Punkt auf der Erde wieder dem Mond zugewandt ist. Ein Mond-Tag ist also ca. 50 Minuten länger als ein Sonnen-Tag. Das ist der Grund für die zeitliche Verschiebung der Gezeiten. Daher gibt es an den meisten Küsten während des Mondumlaufs von 24/25 Stunden je zweimal Hochwasser und zweimal Niedrigwasser.
 
Die Fibel von Haritslevgaard könnte als Beweis angeschaut werden, dass auch der germanische Norden von dieser Periodizität wusste. Während eines Mondumlaufs von 24 Stunden und 49 Minuten wird Wasser bei Mondhöchststand einmal zur Flutwelle zusammengezogen. Die ausgebildete Flutwelle läuft als Strömungsvorgang zeitversetzt um den Äquator der Erde, staut sich an Küsten, schwappt in Verengungen hoch und schwingt stellenweise wieder zurück. Da die Gezeiten von der Stellung des Mondes und der Sonne zur Erde abhängen, ändert sich die Abfolge von Hoch- und Niedrigwasser, die sog. Tidenkurve, in einer von den Mondphasen abhängigen Periode. Der Zeitabstand zweier aufeinander folgender Hochwasser beträgt an der Nordseeküste Dänemarksetwa 12 Stunden 25 Minuten, so dass sich die Zeiten von Hochwasser und Niedrigwasser von Tag zu Tag verschieben. Auch der Tidenhub ändert sich. Bei Voll- und Neumond addieren sich die Gezeitenkräfte von Sonne und Mond zu einer besonders großen Tide, der Springtide, bei Halbmond dagegen ergibt sich eine besonders kleine Tide, die Nipptide. Außer den Gezeiten beeinflussen Windrichtung und Windstärke den realen mittleren Wasserstand und damit auch Hochwasserhöhe und Niedrigwasserhöhe. Besonders bedrohlich ist, wenn eine Sturmflut mit einer Springtide zusammenfällt.
 
Die Kleiderspange von Haritslevgaard wurde - wie wir erfuhren - auf der Ostseeinsel Fünen gefunden, doch eine kurze Landbrücke führt von hier zur Jütländischen Nordseeküste die zum Lebensraum der bronzezeitlichen Däneninseln ebenso dazugehörte, wie wir aus der Fundlage wissen. Auch an der Ostsee gibt es das Phänomen Ebbe und Flut, doch sie sind kaum zu bemerken. Dafür gibt es mehrere Gründe. Während sich die Nordsee quasi nur als eine Bucht des Atlantiks darstellt, ist die Ostsee nur durch die schmale Meerenge des Kattegats mit der offenen See verbunden. Gezeitenwellen laufen aus dem großen Meer in das verhältnismäßig kleinere und vergleichsweise flache Nordsee-Becken ein und verstärken deren eigene Reaktion auf die Gezeitenkräfte. Weil die Ostsee ringsum von Land umschlossen ist, macht sich der Unterschied zwischen Ebbe und Flut hier in der Regel kaum bemerkbar, ihr Wasserspiegel steigt und fällt nur um 30 Zentimeter.
 
Wir hörten also, dass die Gezeitenperiode in der Nordsee 12 Stunden und 25 Minuten dauert, wodurch zweimal am Tag Ebbe und Flut entstehen. Auch diese 12er Zeit des Mondes könnte einer Beobachtung unterworfen worden sein. Denn einer Erkenntnis dieser Zeitsprünge war man schon damals durchaus fähig. Wir hörten auch bereits:  Der Zeitraum, der vergeht, bis der Mond durch die Rotation der Erde und die Mondbewegung um die Erde der Mond wieder am selben Punkt über der Erde steht beträgt ca. 24 Stunden und 50 Minuten. Vorausgesetzt, dass die Einteilung des Gesamttages von 24 Stunden für die - oder zumindest einige Wissende - im spätbronzezeitlichen Norden Eingang gefunden hatte, wären die Zahlengrößen 24, 12, 6 als astronomisch-mythische Metaphern erklärbar -, und damit auch die Mondzahleneinheiten auf der Fibel von Fünen.  
 
Zu erwähnen wäre noch, dass sich der Beginn der Gezeitenperiode verschiebt, nämlich pro Tag um 50 Minuten, in der Woche um ca. 6 Stunden. Der mittlere Tidenhub, der Höhenunterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser, liegt z.B. auf Borkum bei 2,19 Meter, auf Norderney bei 2,36 Meter, in Papenburg bei 1,99 Meter, in Emden 3,00 Meter, in Hamburg bei 2,52 Meter, in Cuxhaven bei 2,88 Meter, in Bremerhaven bei 3,50 Meter und in Wilhelmshaven immerhin bei 3,68 Meter. Während der Tidenhub in der Deutschen Bucht bis zu 4 Metern und bei Sylt 2.50 Meter beträgt, sind es bei Thorsminde in Westjütland nur noch 50 cm, also nur um 20 cm mehr als in der Ostsee.
 
 
Hier das Beispiel einer voll erhaltenen bronzezeitl. germ. Plattenfibel
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