Sorgenfalten

Ein Chinese: „Warum ich Heide bin“

Ein Chinese schreibt: „Warum ich Heide bin“  

 

In diesem Bekenntnis eines chinesischen Heiden sind so viele gute Gedanken enthalten, dass ich sie den GOD-Lesern nicht vorenthalten möchte. Auch entdecken wir darin eine Menge Gleichklänge von fernöstlichen Einsichten und unserer altwestlichen ODING-Weisheit. Jenes verständige Streben, welches durch die Metapher umschrieben wird: „im Tao leben“, wäre anstandslos zu übertragen auf ein germanisch-keltisches Zielverhalten: „Im ODING leben“. Und wenn der Chinese sagt, dass „des Himmels Wege immer rundum laufen“ und dass es deshalb kein dauerndes Unrecht auf der Welt gibt, so gibt uns der kosmische Spiegel des ODING-Ringes dieselbe Hoffnungsbotschaft.

 

Lin Yutang sagt:

 

Religion ist stets etwas Individuelles, der Persönlichkeit Angehöriges. Jeder Mensch muss sich seine religiösen Ansichten erkämpfen, und wenn er dabei ehrlich verfährt, wird Gott ihn nicht tadeln, zu welchem Ergebnis er auch kommen mag. Das religiöse Erlebnis ist gültig immer nur für den Betreffenden, denn diskutieren lässt sich darüber nicht. Doch wird die Lebensgeschichte eines ehrlichen Menschen, der sich mit religiösen Problemen herumge­schlagen hat und seine Erlebnisse aufrichtig schildert, für andere stets von Nutzen sein. Aus diesem Grund muss ich mich bei dieser Besprechung religiöser Dinge von nun an der allgemeinen Worte enthalten und meine eigene Geschichte erzählen.

 

Ich bin Heide. Diese Feststellung mag so klingen, als enthielte sie ein Aufbegehren gegen das Christentum; aber „Aufbegehren“ ist wohl ein zu hartes Wort und beschreibt nur ungenau die geistige Verfassung eines Menschen, der sich ganz allmählich und Schritt für Schritt vom Christentum wegentwickelt hat, wobei er sich aus Liebe und Anhänglichkeit immer wieder verzweifelt an ein Reihe von Glaubensartikeln festklammerte, welche ihm gegen seinen Willen aus den Händen glitten. Es hat jedenfalls nie ein Hass bestanden, und ich kann des­wegen nicht gut von Aufbegehren oder Aufruhr sprechen.

 

Ich bin in einer Pastorenfamilie auf die Welt gekommen und wurde ursprünglich fürs Predigeramt vorbereitet, und so waren während meines Kampfes meine Sympathien immer eher auf Seiten der Religion. In diesem Widerstreit zwischen Gefühl und Einsicht gelangte ich allmählich an einen Punkt, wo ich zum Beispiel an die Lehren der Erlösung nicht mehr glauben konnte, womit ich ja schon ziemlich den Standpunkt eines Heiden annahm. Die Entwicklung spielte sich bei mir so natürlich ab wie das Entwöhnen eines Kindes oder das Abfallen eines reifgewordenen Apfels, und ich war der Meinung, man dürfe, wenn es Zeit dazu ist, das Abfallen des Apfels nicht hindern. In der Sprache des Taoismus würde das heißen: Man soll im Tao leben, und europäisch ausgedrückt: Man soll vor sich selbst und der Welt ehrlich sein, soweit man dazu imstande ist.

 

„Ich bin Heide“ ist natürlich eine Redensart, ebenso wie „Ich bin Christ“. Es ist lediglich etwas Negatives damit ausgedrückt, denn für den Durchschnittsmenschen bedeutet „ein Heide sein“ nur, dass man kein Christ ist, und da „ein Christ sein“ ein höchst zweideutiger und weiter Begriff ist, so ist auch mit der Behauptung, man sei „kein Christ“, nur etwas höchst Ungenaues ausgedrückt. Noch schlimmer wird es, wenn man den Heiden als einen Menschen definiert, der nicht an Gott und Religion glaubt, denn da bliebe erst noch festzustellen, was „Gott“ oder „religiöse Lebenseinstellung“ bedeuten. Die großen Heiden haben sich stets durch eine Haltung tiefer Erfurcht vor der Natur ausgezeichnet. Es bleibt uns also nur der Ausweg, dass wir das Wort in einem konventionellen Sinn verstehen und uns darunter einen Menschen vorstellen, der nicht in die Kirche geht, der christlichen Glaubensgemeinschaft nicht angehört und ihre gewöhnlichen, orthodoxren Glaubenssätze nicht anerkennt.

 

Um es positiver auszudrücken: Ein chinesischer Heide - denn das ist die einzige Art Heidentum, von welcher ich mir anmaßen darf, mit einiger Kenntnis zu sprechen – ist ein Mensch, der dieses Erdenleben mit der vollen Überzeugung antritt, dass wir außer ihm kein anderes zu erwarten und uns also auch um kein anderes zu sorgen haben; der intensiv und glücklich leben will, solange ihm zu leben bestimmt ist; der oft ein Gefühl tiefer Trauer über das Leben empfindet, es aber mit Heiterkeit erträgt; der das Schöne und Gute im Menschenleben, wo immer es ihm begegnet, aufs höchste schätzt und fest überzeugt ist, dass gute Taten ihre Belohnung ausschließlich in sich selber tragen.

 

Ich muss zugeben, dass dieser Heide mit einem leichten Mitleid, um es nicht Verachtung zu nennen, auf den „religiösen“ Menschen herabblickt, der gut handelt, um in den Himmel zu kommen, und der demnach nicht gut handeln würde, wenn man ihn nicht mit dem Himmel geködert oder mit der Hölle bedroht hätte. Wenn meine Definition zutreffend ist, so gibt es wohl in China sehr viel mehr Heiden, als man im allgemeinen weiß. Der moderne freisinnige Christ und der Heide stehen nah beisammen und unterscheiden sich eigentlich nur, wenn sie anfangen über Gott zu sprechen.

 

Wenn ich mir die gegenwärtige Sachlange betrachte, so muss ich sagen, dass der Unterschied in der geistigen Lebenshaltung zwischen einem gläubigen Christen und einem Heiden nur in folgendem besteht: Der Christ glaubt daran, dass er in einer von Gott regierten und überwachten Welt lenkt, einer Welt also, über welcher infolge der engen persönlichen Beziehung von Mensch und Gott ein liebender Vater waltet. Das sittliche Verhalten des Christen wird durch dieses Bewusstsein der Gotteskindschaft oft zu einer bedeutenden Höhe emporgetragen, welche Höhenlage aber für einen sterblichen Menschen auf Dauer schwer innezuhalten ist. In Wirklichkeit schwankt sein Leben zwischen der menschlichen und der echten religiösen Ebene hin und her.

 

Der Heide lebt in dieser Welt wie ein Waisenkind; er kennt nicht die Wohltat und das Trostgefühl, dass über ihm im Himmel beständig jemand thront, der für ihn sorgt und sich, wenn die als Gebet bezeichnete geistige Annäherung vollzogen wird, auch des persönlichen Wohlergehens seines Schützling annimmt. Offensichtlich fehlt es also der heidnischen Welt an manchem Trost; doch beschert sie zum Ausgleich eben die Wohltat und Würde, dass man sich verwaist fühlen darf und nach Art der Waisenkinder lernen muss, auf eigene Faust zu leben, selbst für sich zu sorgen und, alles in allem, reif zu werden.

 

Dies Gefühl - dass ich in eine Welt hinausgestoßen war, wo Gottesliebe mich nicht mehr schützte - und nicht eigentlich irgendeine Überlegung meines Verstandes machte mir bis zum letzten Augenblick vor meinem Übertritt zum Heidentum zu schaffen. Wie so viele, die als Christen auf die Welt gekommen sind, hatte ich das Gefühl, dass mit dem Verschwinden eines persönlichen Gottes der tragende Grund aus der Schöpfung fortgenommen sei.

 

Es kommt aber der Augenblick, wo der Heide auf die vielleicht wärmere und heitere christliche Welt mit dem Gefühl blickt, dass sie doch auch kindlicher, ich möchte beinahe sagen: weniger erwachsen ist. Sie mag farbiger und schöner anzusehen sein, sie ist aber eben deshalb nicht so von Grund auf wahr und darum gewissermaßen von geringerem Wert. Die Wahrheit muss dem Menschen einen gewissen Preis wert sein, und man darf sich nicht scheuen, ihre Konsequenzen auf sich zu nehmen. Man ist da gewissermaßen psychologisch in Falle eines Mörders: Wenn jemand einen Menschen umgebracht hat, so ist es das beste, was er tun kann, dass er seine Tat eingesteht. Aus diesem Grund muss ich sagen, dass es einen gewissen Mut erfordert Heide zu werden; wenn man aber auf Gedeih und Verderb alles auf sich genommen hat, kennt man keine Furcht mehr. Geistiger Friede ist jener Zustand, bei dem man alles, auch das Schlimmste, innerlich hingenommen hat. (Hier sehe ich für meine Person den Einfluss des buddhistischen und taoistischen Denkens.)

 

Ich könnte den Unterschied zwischen dem Christen und dem Heiden auch folgendermaßen fassen: Der Heide in mir hat das Christentum zugleich aus Stolz und aus Demut abgelehnt, aus Gefühlsstolz und Verstandesdemut, wobei alles in allem der Stolz doch wohl die geringere Rolle spielte. Aus Gefühlsstolz – denn mir widerstrebte der Gedanke, dass wir Menschen für unser Wohlverhalten auf der Welt noch eine andere Veranlassung haben sollten als eben unser Menschentum. Theoretisch gesprochen, und wenn man den Vorgang unbedingt zu klassifizieren wünscht, war das ein ausgesprochen humanistischer Gedanke von mir. Stärker aber wirkte - wie gesagt – die Demut, die Verstandesdemut, denn ich kann, nach den neuesten Fortschritten unseres astronomischen Wissens, unmöglich daran glauben, dass ein einzelnes Menschenwesen in den Augen des großen Schöpfers Himmels und der Erde eine so besondere Bedeutung haben sollte.

 

Die Bedeutung des Einzelmenschen gehört zweifellos zu den Grundlehren des Christentums. Wir wollen aber einmal sehen, zu was für lächerlichen Akten der Anmaßung das in der täglichen christlichen Lebenspraxis führt: Vier Tage vor der Beerdigung meiner Mutter begann es in Strömen zu regnen, und wenn es so weiterging, wie es im Monat Juli in Changchow zu erwarten war, würde die Stadt bald überschwemmt sein, und die Beerdigung konnte nicht stattfinden. Das hätte, da die meisten von uns aus Schanghai gekommen waren, allerlei Unbequemlichkeiten veranlasst. Eine Verwandte von mir - eine gläubige Christin von extremer, in China aber nicht ungewöhnlicher religiöser Haltung - sagte zu mir, sie fasse sich in Vertrauen zu Gott, ER werde Seine Kinder nicht im Stiche lassen. Sie betete, und siehe da: der Regen hörte auf, offenbar zu dem einzigen Zweck, dass ein kleines Häuflein Christen ohne Verspätung seine Beerdigung halten konnte. In der Haltung meiner Verwandten kam insgeheim der Gedanken zum Ausdruck, dass Gott, wenn wir nicht gewesen wären, in aller Gemütsruhe die Zehntausende, die in Changchow wohnten, mit einem verheerenden Hochwasser heimgesucht hätte, wie es oft genug geschah, und dass er den Regen nicht ihretwegen, sondern um unsertwillen hatte aufhören lassen, auf dass wir unsere Mutter hübsch trocken begraben konnten. Ich muss sagen: dieser Gedanke erschütterte mich ob seiner unglaublichen Selbstsucht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott für solch egoistische Kinder sorgen mag.

 

Ich erinnere mich ferner an einen christlichen Pastor, der die Geschichte seines Lebens aufschrieb und so manches Beispiel dafür aufzuzeichnen wusste, wie sichtbar Gottes Hand in seinem Leben gewaltet habe - alles zur höheren Ehre Gottes. Unter den angeführten Beispielen befand sich auch die Geschichte, er habe einmal sechshundert Silberdollars für eine Reise nach Amerika zusammengespart, und Gott habe den amtlichen Wechselkurs heruntergesetzt, ausgerechnet an dem Tag, an dem der hochedle Herr Pastor sich seine Schiffskarte kaufen wollte. Die Kursersparnis bei sechshundert Dollar kann sich höchstens auf zehn bis zwanzig Dollar belaufen haben, und Gott war demnach willens, die Börsen in Paris, London und New York bis in die Grundfesten zu erschüttern, nur damit dieses sein wunderliches Kind zehn oder zwanzig Dollar sparte.

 

Oh über die Anmaßung und Einbildung des Menschen, dessen Leben siebzig Jahre währet ! Die Menschheit als Ganzes hat ja sicherlich eine recht ansehnliche Geschichte, der einzelne Mensch aber ist, mit Su Tungp’os Worten, nicht mehr als ein Hirsekorn im Ozean oder eine Eintagsfliege, wenn man ihn mit dem Kosmos vergleicht. Der Christ jedoch kennt keine Demut. Er gibt sich nicht zufrieden mit der Gesamtunsterblichkeit, die dem großen Lebensstrom beschieden ist, von dem er ein Teilchen bildet. Das tönerne Gefäß fragt den Töpfer: „Warum hast du mich in diese Form gebracht, und warum bin ich dir so zerbrechlich geraten ?“ Das tönerne Gefäß ist nicht damit zufrieden, dass man andere kleine Gefäße aus ihm machen kann, wenn es zerbricht. Der Mensch ist es nicht zufrieden, dass er diesen wundervollen, diesen beinahe göttlichen Leib empfangen hat. Ewig leben möchte er ! Und so lässt er Gott keine Ruhe: täglich muss er Gebete sprechen und den Quell aller Dinge mit Bitten um kleine persönliche Geschenke behelligen !

 

Es war einmal ein chinesischer Gelehrter, der nicht an den Buddhismus glaubte, der lebte mit seiner Mutter, welche gläubig war. Sie war eine fromme Frau und erwarb sich Verdienst, indem sie tausendmal bei tag und bei Nacht „Namu omitabha !“ murmelte. Jedesmal aber, wenn sie anhob, Buddhas Namen auszusprechen, rief der Sohn: „Mama !“ Das verdross die Mutter, der Sohn aber erwiderte: „Nun, und glaubst du nicht, dass Buddha sich ebenso über dich ärgern würde, wenn er dich hören könnte ?“

 

Meine Eltern waren fromme Christen, und als Pastorensohn genoss ich die Segnungen der Missionserziehung, zog Nutzen aus ihren Vorteilen und litt unter ihren Schwächen. Für die Vorteile bin ich immer dankbar gewesen; die Schwächen haben mir zur Stärkung gedient, denn nach chinesischer Weltanschauung gibt es im Leben keine glücklichen und unglücklichen Zufälle.

 

 Man verbot mir, ins chinesische Theater zu gehen, ich durfte nie chinesische Volkssänger hören, und von der großen Überlieferung unseres Brauchtums und unserer Götterlehre wurde ich strenge ferngehalten. Als ich in die höhere Missionsschule kam, wurde die kleine Grundlage an klassischem Chinesisch, die mein Vater in mir gelegt hatte, völlig vernachlässigt. Vielleicht hat es eben so sein müssen, damit ich später, nach meiner völlig verwestlerten Erziehung, der mütterlichen Welt mit all der Frische und entzückender Begeisterung entgegentreten konnte, die ein europäisches Kind empfinden mag, wenn es zum erstenmal ins Zauberland der orientalischen Märchen blickt. Wenn der Vesuv Pompeji nicht eingeäschert hätte, wäre Pompeji nicht so gut erhalten, und man könnte nicht bis auf den heutigen Tag die Wagenspuren im Steinpflaster sehen. Die Erziehung auf der Missionsschule hat in meinem Leben die Rolle des Vesuvs gespielt.

 

Denken war von jeher gefährlich. Mehr als das: Denken war Bundesgenossenschaft mit dem Teufel. In meiner Schülerzeit, die - wie es zu gehen pflegt - meine religiöseste Zeit war, spielte sich in mir der schwere Kampf ab zwischen einem Herzen, das die Schönheit des christlichen Lebensideals fühlte, und einem Kopf, der die Neigung hatte, jede Frage mit dem Verstande zu erledigen. Merkwürdig genug: ich kann mich an keine Augenblicke der Qual und Verzweiflung erinnern, an keine Augenblicke von der Art, wie sie Tolstoj beinahe zum Wahnsinn trieben. In jedem Stadium fühlte ich mich von Mal zu Mal freisinniger und nahm immer wieder die eine oder andere christliche Glaubenslehre von meiner Zustimmung aus. Wenn es zum Schlimmsten kam, konnte ich mich immer auf die Bergpredigt zurückziehen. Die Poesie eines Wortes wie „Schauet die Lilien auf dem Felde“ war zu schön, um nicht wahr zu sein. Solches und das Bewusstsein meines inneren Christentums gab mir Kraft.

 

Die Glaubenslehren aber entglitten mir unaufhaltsam. Trotzdem war ich auch nach meinem Schlussexamen ein eifriger Christ und leitete aus freien Stücken eine Sonntagsschule in Tsing Hua, einem nichtchristlichen Erziehungsinstitut in Peking. Die Christenlehre war eine Qual für mich, denn da musste ich nun den chinesischen Kindern die Geschichte von den zu mitternächtiger Stunde verkündigenden Engeln vorerzählen, an die ich doch selber nicht glaubte. Mein Verstand hatte alles wegdisputiert, und nur Liebe zum allwissenden Gott, die mich glücklich und friedvoll machte und an der Möglichkeit verzweifeln ließ, dass ich ohne eine solche beruhigende Liebeskraft überhaupt Glück und Frieden hätte finden können - und die Angst, ich könnte in eine Welt der armen Waisenkinder hinausgestoßen werden.

 

Endlich kam die Stunde meines Heils. „Aber ich sage dir“, erklärte ich einem Kollegen, „wenn es keinen Gott gäbe, würden die Menschen nicht gut handeln, und die Welt ginge kopfüber.“ „Aber warum denn ?“ erwiderte mein konfuzianischer Freund. „Mann soll ein anständiges Menschenleben führen, aus dem einfachen Grund, weil man ein anständiges Menschenwesen ist.“

 

Dieser Appell an die Würde des Menschlichen zerschnitt das letzte Band zwischen mir und dem Christentum, und von da an war ich Heide.

 

Heute ist mir alles völlig klar. Der heidnische Glaube ist der einfache Glaube. Er macht das Gute unmittelbar einleuchtend, indem er es nur um seiner selbst willen fordert. Er ermuntert den Menschen beispielsweise zu einer einfachen Tat der Nächstenliebe nicht dadurch, dass er eine ganze Reihe hypothetischer Begriffe ins Feld führt - Sünde, Erlösung, Kreuz, Schatz der Guten Werke, gegenseitige Verpflichtung der Menschen auf Grund einer dritten Instanz droben im Himmel - die allesamt unnötig kompliziert und umständlich sind und sich niemals unmittelbar beweisen lassen. Wenn man sich zu der Annahme entschließt, dass die gute Tat sich in sich selbst rechtfertigt, kann man nicht umhin, die vielen theologischen Köder zur Ergreifung eines rechten Lebens für überflüssig zu halten: sie dienen nur dazu, den Glanz des sittlich Wahren zu verschleiern. Die Liebe soll unter den Menschen eine endgültige, uneingeschränkte Tatsache sein. Wir sollen zu einer gegenseitigen Liebe, sozusagen auf den ersten Blick, fähig sein, ohne uns erst auf eine dritte Instanz droben im Himmel verweisen zu lassen. Das Christentum, scheint mir, gibt der Sittlichkeit ein unnötig schwieriges und umständliches Ansehen, während es die Sünde als etwas Verführerisches, Natürliches und Wünschenswertes erscheinen lässt. Nur das Heidentum scheint demgegenüber imstande, das religiöse Empfinden vor der Theologie zu erretten und in seine schöne Glaubenseinfalt und Gefühlswürde wieder einzusetzen.

 

Ich bilde mir ein, dass ich förmlich mit Augen sehen kann, wie in den drei ersten christlichen Jahrhunderten allerlei theologische Schwierigkeiten entstanden sind und die einfachen Wahrheiten der Bergpredigt zu einem starren, selbstgerechten System verfälscht haben, das ein zur Institution gewordenes Priestertum stützen sollte. Die Ursache liegt in dem Worte „Offenbarung“ - welche Offenbarung angeblich ein besonderes Geheimnis und göttliches Vorhaben war, welches einem Propheten anvertraut und durch apostolische Nachfolge weitergegeben wurde. Alles Priestertum existiert kraft dieses Einheitsbegriffs der Offenbarung.

 

Indessen kommt die Paulinische Logik, die in den Frühzeiten der christlichen Ära so überzeugungskräftig und unanfechtbar schien, dem feiner gewordenen kritischen Sinn des modernen Menschen unzulänglich und wenig überzeugend vor. In dem Zwiespalt zwischen der starren deduktiven asiatischen Logik und der biegsamen, verfeinerten Wahrheitsauf­fassung des modernen Menschen beruht die Schwäche der christlichen oder jeder anderen Offenbarungslehre in der heutigen Zeit. Nur durch die Rückkehr zum Heidentum und durch den Verzicht auf die Offenbarung kann sich eine Rückkehr zum primitiven (und für mein Gefühl allein überzeugenden) Christentum anbahnen.

 

Aus diesem Grunde ist es falsch, den Heiden irreligiös zu nennen. Irreligiös ist er nur insofern, als er sich weigert zu eine so oder so geartete Offenbarungslehre zu glauben. Der Heide glaubt stets an Gott, nur sagt er es nicht gern, um nicht missverstanden zu werden. Die chinesischen Heiden glauben alle an Gott; kein Ausdruck kehrt in der chinesischen Literatur so häufig wieder wie chaowu, das ist „Schöpfer der Dinge“. Der einzige Unterschied ist der, dass der chinesische Heide ehrlich genug ist, den Schöpfer der Dinge in einem Dunstkreis des Geheimnisvollen zu lassen, worin sich sein Gefühl der Ehrfurcht und scheuen Pietät ausdrückt.

 

Mit diesem Gefühl begnügt er sich. Die Schönheit des Weltalls, das ungeheure Kunstwerk der zahllosen Schöpfungsdinge, das Rätsel der Sternenwelt, die Großartigkeit des Himmelsgewölbes, die Würde des Menschenherzens - das alles ist dem chinesischen Heiden durchaus gegenwärtig. Aber wiederum: er begnügt sich damit. Er nimmt den Tod hin und ebenso den Schmerz und das Leiden, und er wägt sie ab gegen das Geschenk des Lebens, den frischen Landwind und den klaren Gebirgsmond – und er findet nichts zu klagen. Sich vor dem Willen des Himmels zu beugen, erscheint ihm als die wahrhaft religiöse, ehrfürchtige Haltung – er nennt es: „im Tao leben“. Wenn der Schöpfer der Dinge ihm aufgibt, mit siebzig Jahren zu sterben, so stirbt er willig. Sein Glaube ist, dass „des Himmels Wege immer rundum laufen“ und dass es kein dauerndes Unrecht auf der Welt gibt. Mehr verlangt er nicht.

 

Lin Yutang, „Weisheit des lächelnden Lebens“, Deutsche Verlangs-Anstalt, Stuttgart, Berlin, 1938, Seite 427ff

 

PS: Auch das ODING-Wizzod ist keine „Offenbarungsreligion“ im pedantischen Sinne wie Islam und Paulinischer Christianismus, vielmehr eine Offenbarung zur Selbstfindung.

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