Sorgenfalten

Empörender Runenulk und Betrug

Stellungnahme zu dem Artikel „Die Runen und ihre bioenergetische Wirkung“ von Adolf und Edith Traunbauer, Epfendorf/Neckar in: „Raum und Zeit“, 12. Jg. Nr. 66, Nov./Dez. 1993

Der Sachverhalt liegt zwar schon etwas zurück, doch zeitlos lehrreich ist seine Durchleuchtung, denn die Narreteien sterben bekanntlich nicht aus. Noch heute geistert „Das Wissenschaftlerehepaar Adolf und Edith. Traunbauer“ durch das Weltnetz, mit seinen Scharlatanerien, denn es hat u.a. „erforscht, daß die vier Felder des Sonnenrades … Geist-heilung“ bewirken. Der Traunbauer-Schwachsinn geht also weiter ! Bei Lektüre des Artikels „Die Runen und ihre bioenergetische Wirkung“ von Adolf und Edith Traunbauer aus Epfendorf/Neckar drängt sich ebenso spontan der Verdacht auf, es könne sich hier nur um einen echten Schwabenstreich handeln. Soviel Scharlatanerie, verpackt in wohlklingende, moderne Pseudowissenschaftlichkeit, stellt jedenfalls eine Superlative dar, wenn auch im negativen Sinne. Leuchtet man hinter all die schönen geheimnisvollen, auf Laienwirkung abgestimmten Fremdwörter, so zeigt sich nicht mehr als ein kleiner, mieser, magerer Flop.

Es beginnt damit, dass man sich ganz allein auf eine seltsame „Runenforscherin“ stützt, nämlich die Leni Dörr aus Düsseldorf („Die Externsteine: älteste Kultstätte der Menschheit“, 1972), welche nach Gutdünken die authentische, althergebrachte Runenreihe nicht zu begreifen vermochte und deshalb nach eigenem Ermessen eine neue Zeichen-Reihenfolge entwickelte, sich darüber hinaus, wie die Abbildungen des o.a. Artikels ausweisen, aber auch Runenlautzeichen einfallen ließ, welche im echten Urrunenalphabet unbekannt sind (z.B. gn, g, je). Solch eine Art des willkürlichen Umganges mit dem Quellenmaterial darf natürlich nicht erwarten, auch nur im Ansatz ernst genommen zu werden.

Doch auf diesem beschämenden Niveau geht es weiter. Ein im Fußboden ihres Schlosses eingelegtes Radkreuzmotiv wurde von den beiden Schwaben nach einem Besuch im Wikingermuseum Haithabu als Sonnenradkreis identifiziert. Weder aus dem hochmittelalterlichen Fundmaterial der Haithabu-Ausgrabungen noch aus den schon steinzeitlichen, bis 5.000 Jahre älteren Radkreisdarstellungen geht zweifelsfrei hervor, dass es sich dabei immer allein um Sonnensymbole handelt. Ebensogut mag der in vier Quadranten gegliederte Weltkreis gemeint sein. Aber um derartige Erkenntnisse zu erhalten, bedarf es keines Besuches im Heithabu-Museum.

Nun folgen in o.a. Artikel die Beschreibungen von „Messungen“, deren Nachprüfbarkeit etwa dem Wert spiritistischer Sitzungen gleichen, bzw. eine Messgenauigkeit besitzen, wie beispielsweise ein in Rotation versetzter hölzerner Kochlöffel. Herr Traunbauer stellte sich hintereinander in die vier Felder seines Fußboden-Radkreuzes und erhielt unter Zuhilfenahme eines Niederohm-Gerätes, mit dem elektrische Widerstände gemessen werden, unterschiedliche Ergebnisse am eigenen Körper. Diese ganz subjektive, jeder Wissenschaftlichkeit hohnsprechende Verfahrensweise „misst“ also keineswegs irgendwelche Objektpotenzen, sondern bestenfalls die Reaktion, also den elektrischen Widerstand der messenden Person selbst. Mit gleichen pseudowissenschaftlichen Methoden, welche absolut keine wiederholbaren Ergebnisse erbringen können, weil jeder Mensch völlig unterschiedliche Widerstandswerte erbringt, die darüber hinaus bei ein und derselben Person von Tag zu Tag schwanken müssen, geht die „bioenergetische“ Messerei weiter.

Vier verschiedene Verdünnungsgrade (wie sie in der Homöopathie üblich sind) eines geheimnisvollen, geheim gehaltenen Baumrindenauszuges erbrachten angeblich gleiche „Messergebnisse“, wie die vier Felder des Fußbodenkreuzes. Nebenbei bemerkt Herr Traunbauer im Telefongespräch das ich mit ihm führte, er habe mit diesen Potenzen tatsächlich derart schwere Erkrankungen wie Multiple Sklerose und Neurodermitis ausheilen können - darüber hinaus sei jede andere Alteration erfolgreich zu therapieren. Welch ein Segen für die notleidende Menschheit ! devilWenn die Heilmethode mit den vier Baumrindenverdünnungen derart grandiose Erfolge erbringt, so wird der nächste Nobelpreis für Medizin sicherlich nach Epfendorf am Neckar gehen.

Doch dies war alles nur Vorgeplänkel, jetzt wird die von Leni Dörr erfundene Runenreihenfolge durchgetestet, und zwar mit dem ominösen Niederohm-Gerät sowie radiästhesistisch, also mit Pendel bzw. Rute. Erwiesenermaßen lassen „Wünschelrutenergebnisse“, sobald sie exakte Messwerte erbringen sollen, zu wünschen übrig. Dies bedeutet in der Praxis, dass zwar radiästhesistisch feststellbar ist, wo etwa sich eine Wasserader im Boden befindet, doch beim Versuch, auch die genaue Tiefe festzustellen, versagen unter wissenschaftlichen Prüfungskriterien die Spezialisten ohne Ausnahme völlig.

Leni Dörr hat die Runen so zusammengestellt, dass als Ergebnis ein von ihr gewünschter „Schöpfungsbericht“ daraus resultierte. Diese Gewaltsamkeit, welche von echter Runenentschlüsselung weit entfernt ist, ergibt eine willkürliche runische Zahlenzuordnung, die nun wiederum durch die ominösen Messmethoden der Traunbauers bestätigt wird. Der Gipfel des Schwachwinns aber scheint hier noch nicht erreicht. Herr Traunbauer behauptet nicht mehr und nicht weniger, dass die von ihm mittels seiner dubiosen Messwerkzeuge ausgemessenen Runenzeichen - ganz gleich, mit welcher Farbe oder wie auch immer gemalt oder gedruckt - lediglich aufgrund ihrer geometrischen Form, die gleichen Heilwirkungen ausüben würden wie seine Baumrindenauszugsverdünnungen der jeweils gleichen Messpotenzen. Schließlich misst er auch die den 24 Runen zugehörigen Farben, von denen ebensolche therapeutischen Kräfte ausgehen sollen. Zur Eisrune gehört dann ein dunkler Lachston; zum ehemaligen Sonnenzeichen, der Ing-Rune, passt angeblich ein Hellgrau usw. usw. - ja freilich, Herr Traunbauer bekennt gesprächsweise freimütig, dass er von Runen bis heute keine Ahnung habe, sich halt ganz auf die Leni Dörr verlassen habe. Wir gehen wahrlich herrlichen Zeiten entgegen mit Baumrindenwasser, Runen und Farben werden zukünftig die menschlichen Gebrechen ausgeheilt. Daran mögen unverantwortliche Wirrköpfe glauben. Wer aber so wie ich als Physiotherapeut, Lymphdrainagetherapeut, mit Heilpraktikerausbildung, seit über 20 Jahren an der Krankheitsfront steht, hat für so etwas nur noch ein müdes Lächeln übrig.

Völlig unverständlich, ja paradox bleibt bis zum Ende dieser Lektüre jener Einleitungssatz, der die „Entmystifizierung der Runen“ verspricht. Von einer Entmystifizierung der altgermanischen Buchstabenreihe ist hingegen im ganzen Artikel kein Sterbenswörtlein zu finden. Im Gegenteil: Eine schlimmere Mystifikation der Runen ist kaum jemals zuvor versucht worden. Hier wird allen Ernstes behauptet, dass Runenzeichen, also gewisse Buchstabenstrukturen, allein infolge ihrer Form (!) als therapeutisches Instrumentarium Verwendung finden könnten. Damit bewegt man sich in den Sphären primitivsten Zauberkultes, des Fetischismus und der Amulettgläubigkeit. Vielleicht im schwärzesten christlich gegängelten Mittelalter mag es möglich gewesen sein, dass manche Leute annahmen, schon einfache Linien, wie beispielsweise jenen des Kreuzes, wäre eine Heilwirkung zueigen. Ist Aberglaube nicht verwerflich, gleichgültig, ob er christlichen oder neuheidnischen Verirrungen entspräche ?

Obendrein hat Herr Traunbauer eine ganz neue Methode der Verdünnung seiner homöopathischen Wässerchen entwickelt. Er muss nicht mehr die zeitraubenden Wasserauffüllungen und Durchschüttelungen vornehmen, um seine Heiltränklein zu immer schwächeren Verdünnungen zu gestalten, wie das in der Homöopathie so üblich ist. Neuerdings nimmt ihm der Mond diese Arbeit ab. In den 28 Tagen des Mondumlaufs werden pro Nacht die Potenzen seiner Heilmittel um eine Zähleinheit geringer; das aufreibende Verdünnen und Schütteln besorgt nun also gewissermaßen der Mond höchstpersönlich als Freund und Helfer der Heilpraktiker. Was soll man von alledem halten: Runen, Farben, Zahlen, Mond und Heilmittel. Dem verwirrten Leser schwirrt der Kopf.

Hier wird Schlimmeres betrieben als Äpfel und Birnen zu mischen. Völlig unvereinbare Themenkreise bzw. Erscheinungen unserer Sinnenwelt werden in der Art mancher Möchtegerndichter nach dem Motto „reim' dich oder ich erschlag' dich“ zusammengewürfelt und mit pseudowissenschaftlichem Wortschwall als großartige neue Erkenntnisse postuliert. Spinner gab es zu allen Zeiten im Übermaß, doch man fragt sich, welch eines Geistes Kind muss wohl der verantwortliche Redakteur einer Zeitschrift sein, der diesen Artikel aufnahm und seinen Lesern zumutete ?! Ein gerüttelt Maß an Menschenverachtung spricht unverkennbar daraus -, der hält uns Leser ganz offensichtlich für Ignoranten, denen man jeglichen Schwachsinn anbieten kann.

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