Sorgenfalten

Die „URA-LINDA-CHRONIK“

„Starre Glaubenssätze sind die schlimmsten Feinde der Wahrheit.“ Gerhard Hess

 

Modernes Maschinenpapier des 19. Jhs. künstlich im Rauchfang auf alt gemacht

 

DIE „URA-LINDA-CHRONIK“

 

Es gibt Schriften und Dummheiten die sind so gut wie unzerstörbar. Die Bibel und das in der röm. Kaiserzeit zusammengeschusterte „Neue Testament“, einer jüdisch-essenischen Protestbewegung, gehören zweifellos dazu. Da können große vielwissende Theologen vernichtende Bibelexegese betreiben, das biedere, leseunlustige Volk nimmt die Ergebnisse einfach nicht wahr. Die Kirche gedeiht fröhlich weiter auf dem breiten Humus der Dummheit. Ähnlich verhält es sich mit den Hinterlassenschaften z.B. eines Nostradamus (gebürtig: Michel de Nostredame - 1503-1566), dem französischen Apotheker, Arzt und Astrologen. Seine dunklen Prophezeiungen werden so lange hin und her gedeutelt, bis ein passendes Ergebnis zustande kommt. Auch die mit phönizisch-etruskischen Schriftzeichen versehenen Tontäfelchen und Fälschungen vom französischen Glozel, einem Dorf bei Vichy, sind „ur-runische“ Dauerbrenner. Die Glozel-Enthusiasten  bedenken nicht, dass die angeblichen Runenfunde - so sie welche wären - von einer vor-indogermanischen Bevölkerung stammen müssten. Leider gebricht es viel zu vielen Leuten an einer langen Logik ! Man hört von indischen „Palmblatt-Bibliotheken“, die Auskünfte über 5.000 Jahre geben würden. Angeblich sind es uralte Texte, geschrieben auf Palmblättern, die persönliche Schicksale vergangener und zukünftiger Existenzen ausführlich darlegen könnten. Es gibt in Ostasien diverse Aufzeichnungen medizinischer, astrologischer, historischer Art, so wie überall auf der Welt, nichts weiter ! Die „Akasha-Chronik“ soll ein nicht materielles „Buch des Lebens“ sein, von dem etliche Theosophen reden und einige vorgeben, darin lesen zu können. „Erberinnerer“ wie Helena Petrovna Blavatsky (gebürtig: v. Hahn-Rottenstern - 1831-1891), die Begründerin der modernen Theosophie, und Rudolf Steiner (1861-1925) beriefen sich auf derartige höhere Einsichtsmöglichkeiten. Der Realitätsgehalt ist gering. H. Blavatzky sprach im ersten Band ihres 1877 erschienenen Werks „Isis Unveiled“ von „metaphysischen Tafeln“ die auf Astrallicht gedruckt seien, in die Aufzeichnungen „von allem was war, ist oder je sein wird“ eingeprägt wären und die „dem Auge des Sehers und Propheten als ein lebendes Bild hingestellt“ würden. Immer mal wieder tauchen Menschen auf, die von sich reden machen, mit der Behauptung, sie wären im Besitz uralter Familienüberlieferungen, welche Berichte über die Frühzeit beinhalten würden. So verfasste der begnadete Fantasierer Guido Karl Anton List (1848-1919) unter dem Pseudonym Ernst Lauterer („Tarnhari“) die Schrift „Aus den Traditionen der Laf-tar-ar-Sippe der ,Lauterer’“, in der das Wissen einer Familientradition vorgegaukelt wird, die Nachkommen der Wölsungen wäre und letztlich auf die Sippe Wodans zurückgehen soll. So auch Karl Maria Wiligut (1866-1946), „Weisthor“, mit seiner Geheimüberlieferung der Asa-Uana-Sippe Uiligotis“. Dass aber das Erzähltalent Wiligut keine Familien-Überlieferungen besaß und lediglich die Ergüsse des Guido List für sich ausgebeutet hatte, erkannten mehrere Fachleute unabhängig voneinander. Ein anderer Fall der neueren Zeit ist die „Ura-Linda-Chronik“, ein holländischer Roman aus dem 19. Jahrhundert, der sich so offensichtlich als Fälschung offenbart, dass man sich wundert, wie ein moderner Mensch darauf reinfallen kann. Cornelis Over de Linden (1811–1874) war der Hauptautor. Die Chronik will Glauben machen, sie sei uralt und immer wieder neu abgeschrieben worden. Doch Sprachkundige erkannten sehr bald, dass neuholländische Sprachformen darin vorkommen, die bei einer echt alten Abschrift keinen Platz hätten finden dürfen. Beschönigend zu erklären, dabei zeige sich die Hand der Abschreiber, ist absolut nicht stichhaltig, denn derart uralte, würdige, als heilig gehaltene Texte werden Wort für Wort erhalten, kein verantwortungsvoller Abschreiber würde es wagen, seine zeitgemäßen Änderungen vorzunehmen. Der Sinn und der Zweck von Quellenwerken wäre damit zunichte gemacht. Zudem spricht aus den bösartigen Textstellen, die krass antideutsch sind, die typische antipreußische Haltung der Niederländer des 19. Jahrhunderts. Die Deutschen werden als ein hässliches, räuberisches Bastardvolk gekennzeichnet. Herman Wirth (1885-1981) hat bei seiner Übersetzung all diese anstößigen Passagen einfach weggelassen, sie salopp und kurzerhand als späte Einschübe deklariert. Sie sind aber ein weiteres klares Merkmal für das neuzeitliche Machwerk, denn die alten Friesen fühlten sich nicht im Gegensatz stehend, zu den übrigen Germanen östlich der Schelde und des Rheins. 
 

Der hanebüchene Unsinn über die Deutschen lautet in dem Machwerk „Ura-Linda-Chronik“ so: „Die Twiskländer, das sind verbannte und entlaufene Fryaskinder, aber ihre Frauen haben sie von den Tataren geraubt. Die Tataren sind ein braunes Findavolk, so genannt, weil sie alle Völker zum Streite herausfordern. Sie sind alle Reiter und Räuber. Dadurch sind die Twiskländer ebenso blutrünstig geworden (und kommen) heutzutage dreist über den Rhein, um zu morden und zu rauben. Unter ihnen sind rote, braune und blonde. Diejenigen, welche rot oder braun waren, beizen ihre Haare mit Kalkwasser blond. Da ihr Antlitz aber dabei braun blieb, so wurden sie dadurch desto hässlicher.“

 
1860 zeigt „Cornelius over de Linden“ einige Blätter seiner angeblichen Familienchronik einem Lehrer. 1870 meldete der Fachwissenschaftler für die friesische Sprache Johan Winkler, Zweifel an der Echtheit. Er war sicher, dass diese Texte keinesfalls aus dem Altniederländisch herrühren könnten. Von der Echtheit überzeugt war 1872 Jan Gerhardus Ottemar, der die Schrift übersetzte. 1922 setzte sich Herman Wirth ebenso für die Echtheit ein, er selektierte, indem er einwandfrei Unpassendes in seiner Übersetzung einfach wegließ. Schon damals verlor Herman Wirth seine Unschuld als vorsichtiger und somit seriöser Wissenschaftler !

 

Kaum eine Veröffentlichung Herman Wirths provozierte so viel Protest wie diese selektive Übersetzung und Kommentierung, die sehr bald als Fälschung bezeichnet worden ist. H. Wirth schrieb dazu: „Diese Chronik hatten wir Utrechter Studenten von unserem Professor J.W. Muller in einem Kolleg 1904 als eine amüsante Fälschung kurz erwähnen hören und autoritäts-pflichtmäßig mit belächelt. Die Runenschrift sollte aus einem Rad entstanden und mit der Sonne herumgeschrieben worden sein. Und dieses Rad wäre das älteste Sinnbild eines monotheistischen Gottesbegriffes gewesen usw. Nun hatte ich 1923 / 24 schon auf Grund früh- und vorgeschichtlicher Denkmäler, die in diesem Zusammenhang nicht erkannt bzw. unbeachtet geblieben waren, die Überzeugung gewonnen, daß die germanische Runenschrift ursprünglich eine kalendarische Kultsymbolik gewesen sein müßte, eine Jahressymbolreihe eines achtfach geteilten Kalender-‚Rades‘, einer Kalenderscheibe. So horchte ich hell auf, als mir auch damit Mullers Kolleggeschichte wieder in Erinnerung zurückgerufen wurde. Denn die Chronik erzählte mir da, was ich mein ureigenstes Arbeitsergebnis wähnte.“ Aber der unvereinbare Widerspruch zwischen dem einen und dem anderen hätte H. Wirth eigentlich sofort klar sein müssen. Entweder ist die Runenschrift aus einem starren Radmodell konzipiert, oder sie ist aus treffsicheren Bildkürzeln ersonnen worden, um die kalendarisch-jahresszeitlichen Unterschiede schon in Gestalt ihrer Zeichen auzudrücken, wie es H. Wirth später ausführte, nämlich in Form von angehobenen (Frühlingszeichen) und gesenkten Armpaaren (Herbstzeichen). Wäre H. Wirths Runentheorie richtig, könnten die Buchstaben nicht aus dem Rad erdacht worden sein. Die Runen-Hieroglyphen z.B. F oder A , die Hieroglyphen für das gehörnte Vieh und das halbe Bäumchen mit gesenkten Zweigen, sind aus einem Speichenrad keinesfalls herauszulesen.

 
Die Chronik beginnt mit einer Ermahnung für die Erhaltung der Schrift. Mehrere Mandränken bzw. Sturmfluten hätten die Niederschriften nass werden lassen, so musste der Inhalt neu abgeschrieben werden, heißt es. Nicht erklärt sich daraus, warum die Texte auf modernem Maschinenpapier des 19. Jahrhunderts geschrieben wurden, welches künstlich in Rauchfang auf alt geräuchert wurden. Am Ende der Mahnung steht wörtlich: „Geschrieben zu Ljuwert, nachdem Atland versunken ist, das dreitausendvierhundertneunundvierzigste Jahr, das ist nach der Christen Rechnung das zwölfhundertsechsundfünfzigste Jahr. Hidde zugenannt Ura Linda. Wache.“

Um unserer lieben Ahnen willen und um unserer Freiheit willen tausendmal so bitte ich Euch - ach Lieben, lasset doch nie die Augen einer Pfaffenkappe über diese Schriften weiden. Sie sprechen süße Worte, aber sie reißen unmerklich an allem was uns Friesen betrifft. Um reiche Pfründen zu gewinnen, halten sie zu den fremden Königen. Diese wissen, dass wir ihre größten Feinde sind, weil wir zu ihren Leuten zu sprechen wagen von Freiheit, Recht und Fürstenpflicht. Darum lassen sie alles austilgen, was von unseren Ahnen kommt und was da noch verbleibt von unseren alten Sitten......“

Nach diesem Hieb auf die Pfaffen wird dann aber keineswegs die alte pure heidnische Volksreligion dargelegt, ganz im Gegenteil, fast unmerklich wird dem Leser eine süßlich-christliche Oblate in den Mund geschoben.  

„Der einzige wirkliche Gott Wralda erschuf die Erde, Himmel und alles Andere erschaffen haben. Vieles hört sich wie die Erzählungen in der Bibel an. Der Sündenfall, die große alles verschlingende Flut und die Zuflucht durch eine hoch gebaute Burg statt der Arche. Dann folgen zwölf Ratschläge, ähnlich den zehn Geboten der Bibel, welche die Freiheit, Liebe und Achtung anderen Menschen gegenüber gebieten. Es folgen siebenundsechzig Gesetze zur Wahrung der Ordnung und des Allgemeinwohls aus einer völlig modernen Schau, die in alten Zeiten aber sehr viel anders ausgesehen hat. Das Gleiche gilt für die folgenden Gesetze für lokale Belange und die Seefahrt. Dann folgen Schriften von Adelbrost und Apollonia. Anschließend wird die „älteste Lehre, den Gutes minnenden Fryaskindern“ dargelegt.
 
Gott Wralda beschreibt die Chronik als Schöpfergott, ganz wie es die Bibel lehrt. Sätze wie „Wralda ist das Allerälteste; er schuf alle Dinge, ist in Allem, ist ewig und unendlich“, klingen wie aus der Bibel abgeschrieben. Oder: „Wralda ist überall einwärtig [wohl „gegenwärtig“], aber nirgends zu besehen; darum wird dieses Wesen Geist geheißen. Alles was wir von Ihm sehen können, sind die Geschöpfe, die durch sein Leben kommen und wieder hingehen; denn aus Wralda kommen alle Dinge und kehren alle Dinge wieder. Aus Wralda kommt der Anfang und das Ende, alle Dinge gehen in Ihm auf....darum ist er allein das schaffende Wesen, und da ist nichts geschaffen außer Ihm....Aber obschon alles in Wralda ist, die Bosheit der Menschen ist nicht in Ihm. Bosheit kommt durch Trägheit, Unachtsamkeit und Dummheit....Die Menschen können viele Dinge sehen, aber Wralda sieht alle Dinge...“  Hier wird Bibelglauben als europäische Urreligion verkauft !
 
Es kommt noch deutlicher, allzu propagandistisch wie es einem echten alten Heidenbuch niemals hätte einfallen können, wird eine Lanze für das „gute Jesulein“ gebrochen und das allzu bekannte christliche Evangelium - nur ein bisschen neu erzählend - gepredigt. Unter der Überschrift: „Dies sind die Schriften von Hellenia. Ich habe sie zuvorderst  gestellt, weil sie die allerältesten sind“, folgt dieser Text: „In dem Herzen des Findaslandes auf den Bergen liegt eine Fläche, welche Kasamyr [Kaschmir ?], geheißen ist. Da ward ein Kind geboren, seine Mutter war die Tochter eines Königs und sein Vater ein Hauptpriester. Um der Scham zu entkommen, mussten sie ihr eigenes Blut verleugnen. Darum wurde es außerhalb der Stadt zu armen Leuten gebracht. Inzwischen war ihm nichts verhehlt worden; darum tat er alles, um Weisheit zu erlangen und zu sammeln. Sein Verstand war so groß, dass er alles verstand, was er sah und hörte. Das Volk schaute mit Ehrerbietung auf ihn, und die Priester wurden von seinen Fragen in die Enge getrieben. Als er jährig wurde, ging er zu seinen Eltern. Diese mussten harte Dinge hören. Um seiner quitt zu werden, gaben sie ihm Überfluss von köstlichen Steinen ; aber sie trauten sich nicht, ihn offenbar als ihr Blut zu bekennen. Von Betrübnis überwältigt über die falsche Scham seiner Eltern, begann er herumzuirren. Immerfort fahrend begegnete er einem Fryas-Steurer [Seefahrer ?], der als Sklave diente; von diesem lernte er unsere Sitten und Gepflogenheiten. Er kaufte ihn frei, und bis zu ihrem Tode sind sie Freunde geblieben.
 
Allerwärts, wo er fürderhin zog, lehrte er die Leute, dass sie weder Reiche noch Priester zulassen sollten; dass sie sich hüten sollten vor der falschen Scham, die allerwege Übel der Liebe tut. Die Erde, sagte er, schenkt ihre Gaben nach dem Maße, in der man ihre Haut klaubt ; dass man darin soll schürfen, ackern und säen, so man derob mähen wolle. Doch, sagte er, niemand braucht etwas für einen anderen zu tun, es sei denn, dass es bei gemeinem Willen oder aus Liebe geschehe. Er lehrte, dass niemand in ihren Eingeweiden um Gold oder Silber oder kostbare Steine wühlen sollte, denen Neid anklebt und Liebe fliehet. Um eure Maiden und Weiber zu zieren, gibt der Fluss [Gold ?] genug. Niemand, sagte er, hat dessen Gewalt, alle Menschen maßreich zu machen und gleiches Glück zu geben. Denn es ist aller Menschen Pflicht, die Menschen so maßreich zu machen und so viel Genießen zu geben, als erlangt werden kann. Keine Wissenschaft, sagte er, darf man geringschätzen, doch gleichteilen ist die größte Wissenschaft, welche die Zeit uns lehren mag. Darum, dass sie Ärgernis von der Erde wehret und die Liebe nährt.
 
Sein erster Name war Jes-us. Doch die Priester, die ihn sehr hassten, hießen ihn Fo, das ist „falsch“; das Volk hieß in Kris-en [Krishna ?], das ist »Hirte« [in Wahrheit der Blaue], und sein friesischer Freund nannte ihn Bûda [Buddha ?], weil er in seinem Haupt einen Schatz an Weisheit hatte und in seinem Herzen einen Schatz an Liebe. Zuletzt musste er vor der Rache der Priester fliehen, aber überall, wohin er kam, war seine Lehre ihm vorhergegangen, und überall, wohin er ging, folgten ihm seine Feinde wie fein Schatten. Was meinst du nun, dass die Priester taten ? Das muss ich dir melden. Auch musst du sehr darauf achten, fürder musst du wachen über ihr Betreiben und Ränke, mit allen Kräften, welche Wralda in dich gelegt hat.
 
Derweilen die Lehre Jes us’ über die Erde fuhr, gingen die falschen Priester nach dem Land seiner Geburt, seinen Tod offenkundlich zu machen. Sie sagen, dass sie von seinen Freunden wären; sie trugen große Trauer zur Schau, indem sie ihre Kleider in Fetzen rissen und ihre Köpfe kahlschoren. Sie gingen in die Höhlen der Berge wohnen; doch dahin hatten sie ihre Schätze gebracht; da drinnen machten sie Bildwerke des Jesus. Diese Bildwerke gaben sie den Unarges denkenden Leuten. Zu langer Letzt sagten sie, dass Jesus ein Herr-Gott wäre; dass er dies selber ihnen bekannt hatte und dass alle, die an ihn und seine Lehre glauben wollten, nachmals in sein Königreich kommen würden, wo Freude und genießen seien.
 
Sintemal sie wussten, dass Jesus wider die Reichen zu Felde gezogen war, kündeten sie allerwege, dass Armuthaben und Einfältigsein die Türen wären, um in sein Reich zu kommen ; dass diejenigen, die auf Erden das meiste gelitten hätten, nochmals die meiste Freude haben würden. Obgleich sie wussten, dass Jesus gelehrt hatte, dass man über seine Triebe Gewalt haben und sie lenken sollte, lehrten sie, dass man alle seine Triebe töten sollte, und dass die Vollkommenheit der Menschen darin bestände, dass er eben unverstörbar wäre wie der kalte Stein.
 
Um dem Volk nun glauben zu machen, dass sie selber also taten, gebärdeten sie Armut auf den Straßen, und um fürder zu beweisen, dass sie alle ihre Leidenschaften getötet hätten, nahmen sie kein Weib. Doch, so irgendwo eine junge Tochter einen Fehltritt begangen hatte, so wurde ihr dies schnell vergeben. Den Schwachen, sagten sie, sollte man helfen, und um seine eigene Seele zu behalten, sollte man der Kirche viel geben. Dermaßen hatten sie Weib und Kinder ohne Haushalt, und sie wurden reich, ohne zu werken. Aber das Volk ward viel ärmer und mehr elend als bevor. Diese Lehre, bei der die Priester keiner anderen Wissenschaft bedurften, als betrügerisch zu reden, frommen Scheines und Unrechtes zu pflegen, breitete sich von Osten nach Westen aus und wird auch über unser Land kommen.
 
Aber wenn die Priester wähnen werden, dass sie alles Licht von Fryas und von Jesus’ Lehre ausgelöscht haben werden, dann werden an allen Orten Menschen aufstehen, die Wahrheit in Stille unter sich wahrten und für die Priester verborgen haben. Diese werden sein aus fürstlichem Blute, aus priesterlichem Blute, aus slawonischem Blute und aus Fryas Blute. Diese werden ihre Lampen [das Originalwort ist „Foddikum", dessen Bedeutung dem Übersetzer fremd war] und das Licht hinaustragen, so dass allmänniglich Wahrheit sehen mag. Sie werden Wehe rufen über die Taten der Priester und Fürsten. Die Fürsten, die Wahrheit minnen und Recht, die werden vor den Priestern weichen. Das Blut wird strömen; aber daraus wird das Volk neue Kräfte sammeln. Findas Volk wird seine Findigkeit zu gemeinem Nutzen anwenden und Lydas Volk seine Kräfte und wir unsere Weisheit. Dann werden die falschen Priester von der Erde weggefegt werden. Wraldas Geist [Allvater ?] wird allum und allerwege geehrt und angerufen werden. Die Gesetze [êwa], welche Wralda am Anfang in unser Gemüt legte, werden allein gehört werden; da werden keine anderen Meister, noch Fürsten, noch Obmänner sein, als diejenigen, die bei gemeinem Willen geküret sein werden. Dann wird Frya jauchzen und Irtha [Erde?] wird ihre Gaben allein schenken dem werkenden Menschen.- Dies alles wird anfangen viertausend Jahre nachdem Atland versunken ist [Herman Wirth gibt das Jahr 1800 n.0 an], und tausend Jahre später wird da länger kein Priester noch Zwang auf Erden sein."
 
Keinem alten heidnischen Wissenden wäre es in den Sinn gekommen, den ihnen fernliegenden hebräischen [eigentlich antinationaljüdischen] Jesus-Kult dergestalt über den grünen Klee zu loben. Er hätte von den Großen seines Friesenlandes gesprochen und von den Götterkulten Germaniens. Auch die Idee der Eschatologie bzw. die apokalyptische Vorstellung einer großen Endschlacht, mit dem sich anschließenden ewigen Friedensreich, entspricht altjüdisch-biblischen Mustern, ist aber völlig untypisch für das Heidentum, welches in immer wiederkehrenden Weltwerderhythmen dachte.
 
Als der auffälligste Humbug darf aber die dargelegte Runenschrift-Entwicklung aus dem Speichenrad bezeichnet werden. Wir wissen wie sich die Runenzeichen als Bilderschriften / Schriftbildchen, also Hieroglyphen, entwickelt haben, oder als Schriftbilderzyklus von einem Schriftsystemerfinder zur ganz bestimmten, sinnvollen (!) Reihenfolge entwickelt wurden. Dass die Runenzeichenschrift rein graphisch, ohne jeden geistigen Sinn und Gehalt der einzelnen Buchstaben, von einem Erfinder gezeichnet sein sollen, rechne ich als einen der stärksten Beweise dafür, dass wir es mit einem neuzeitlichen Elaborat zu tun haben.  - Die „Ura-Linda-Chronik“ lässt sich streckenweise argumentativ in die Tendenz einer deutschen Tradition einfügen, das Christentum und seinen vermeintlichen Begründer, „Jesus-Christus“, als Arier hinzustellen, um die schmerzhaft empfundene Widernatürlichkeit dieser Religionsform für Europa schmackhafter zu machen. Auch Hermann Wirth gehörte zu denen, die - mit mutterkultischem Schwerpunkt zwar - das Christentum im völkischen Sinne umzudeuten versuchten und einen „nordischen Ursprung“ des jüdisch-biblischen Monotheismus propagierten. Das ist ein Irrweg, der, weil keine echten Quellen für ihn sprechen - auf die Hilfe durch Manipulation und Fehldeutungen aller Schattierungen angewiesen ist.
 

Als Cornelius over de Linden gestorben war, kamen bei der Versteigerung seiner umfangreichen Bibliothek im September 1874 das zum Vorschein, was er zur Abfassung seines Elaborates benötigt hatte. Neben den Wörterbüchern des Altfriesischen, das „Altfriesische Gesetzbuch der Rüstinger“, „Emsiger Landrecht“ und das berühmte Buch des Constantin Francois Chasseboeuf de Volney über Naturrecht und eine Menge anderer Werke die er benutzte, um die Chronik schreiben zu können. Sibylle Mulot wird in der Fälschungsgeschichte dazu so ausführlich, dass jeder objektive Beurteiler weiß woran er ist. Allein ihre zum Thema nicht zugehörigen, unsachlichen Seitenhiebe auf Herman Wirth, indem sie ihn als einen „Nazi“ im heutigen negativen Sprachgebrauch beschreibt, mit denen sie populistisch den Zeitgeist bedienen möchte, sind ein Makel ihrer Recherche und als unwahr zu verwerfen. Wenn diese hemmungslose und verantwortungslose Art der Definition eines „Nazis“ zutreffend sein sollte, wären sämtliche deutschen Brauchtums- u. Volkstumsforscher - auch die Gebrüder Grimm - „Nazis“ !

 

 

Sibylle Mulot. „Die Ura Linda Chronik“ in „Universalgeschichte des Fälschens“, 1988,  Herausgeber Karl Corino

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