Sorgenfalten

„ATLANTIS“

 

 „Atlantis“



Mein Vater war im Krieg, fern an der Ostfront, oder wo ? Nein, in Klattau bei Prag war die Wiesbadener Polizeieinheit stationiert, zu der er eingezogen worden war. „Wo ist er ?“, fragte ich meine Mutter immer wieder. Und die trat auf diese Frage hin bedächtig und beflissen an eine riesengroße Wandkarte über der Küchenbank, auf der viele kleine Stecknadeln mit roten oder grünen Glasköpfchen steckten. All die Knöpfchen versinnbildlichten einen Bruder, Vater, Schwager, Onkel, Freund, also Männer die in den verschiedenen fremden Ländern an den Fronten Dienst taten. Eine Nadel stand ewig - ich weißt nicht warum - unmittelbar vor Moskau, das war meiner Mutters Bruder, der wilde Willi, der unverwüstliche Haudegen und Panzermann. Der freche Hund, der das Schmiedehandwerk in Opas Frankfurter Betrieb erlernt hatte (aus dem 1952 die Jost-Werke in Neu Isenburg entstanden), ließ sich auf einem Kartengruß von der Front vernehmen, man solle sich daheim keine überflüssigen Sorgen machen, für ihn sei keine Kugel gegossen, der Teufel wolle ihn nicht. Erinnerlich ist mir von dem klotzigen Mann nur sein unverschämt breites, sieggewohntes Grinsen. Er hat tatsächlich den Krieg bis zur Neige in vordersten Fronten mitgemacht, ohne einen ernsthaften Kratzer davonzutragen. Meine Mutter schien vor allen anderen Brüdern diesen Willi besonders ins Herz geschlossen zu haben, obgleich sie immer auf seine Unmanierlichkeiten und Kraftmeiereien schimpfte. Sie schaute auf die ausgedehnte grüne Fläche, über der quer das langgezogene Wort „Sowjetunion" stand, schaute darauf, wie man aus einem Fenster versonnen in die Ferne sieht, und deutete dann mit spitzem Zeigefinger auf einen Punkt den ich längst kannte: „Dort ist er stationiert !" Und später: „Dort ungefähr muss das Lager sein.“ Die große Wandkarte zeigte ganz Europa bis zum Ural. Wenn ich zu Tisch saß, lag vor meinen Kinderaugen unser gesamter alter Kontinent.
 

Mein Vater hatte ein paar Semester Theologie studiert, wurde aber Elektroingenieur und war das genaue Gegenteil von Onkel Willi. Er hatte eine Holzkiste auf dem Speicher, die war randvoll mit festen weißen Papieren, herrlich exakten Zeichnungen, Aufrissen, Seitenrissen von Geräteteilen, die ich nicht kannte. Aber ich bewunderte die Genauigkeit der Linien und der akkuraten Beschriftungen, der Schraffuren und Maßangaben. Das war meines Vaters technisch-mathematische Welt, die mir bis heute fremd blieb. Aber ganz unten auf dem Kistenboden, gleichsam verschämt, versteckt, lagen einige Zeitungen, Filmprogramme, ein Hölderlin-Gedichtsbändchen und eine bebilderte Berliner Illustrierte. Sie hieß „Die Woche", war vom 29. August 1931; am Fußende der Titelseite stand in großen Lettern: „In dieser Nummer ATLANTIS !" Das war meine erste Begegnung mit diesem Wort und dieser Idee. Meinen Vater lernte ich viele Jahre später leibhaftig kennen, da war ich schon ein fast zwölfjähriger Bengel. Erst 1952 kam ein sterbensmüder, kranker Mann aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause. Er war über elf Jahre in Krieg und Russenhaft gewesen. Von den 160 Mann seiner Einheit waren nur er und ein Kartoffelbauer aus Nordenstadt namens Pflug heimgekehrt, die anderen sind in der Gefangenschaft „verreckt“, wie es mein Vater zum Leidwesen meiner Mutter so barsch formulierte. Sie waren, ohne Frontberührung, also ohne Kampf in der Tschechoslowakei von den einrückenden Russen gefangen genommen worden, sind als sowjetische Gefangene sämtlich ermordet worden. Ich bekam nie inneren Kontakt zu diesem hart gewordenen Mann. Was ich von meinem Vater wusste, oder glaubte zu wissen, war, dass er sich für „Atlantis" interessiert hatte.
 
Auch ich wollte darüber seit frühester Jugend die Wahrheit erfahren. Gibt es einen Hinweis aus alten Schriften, der uns dieses Welträtsel entschleiern hilft ? Ich wollte danach suchen. Die große Europa-Wandkarte hatte ich immer vor dem inneren Auge. Dass Atlantis woanders liegen könne, als bei uns im Norden, in unserem europäischen Lebensraum, kam mir naiverweise überhaupt nicht in den Sinn.
 
Der Artikel in „Die Woche" von 1931 war betitelt: „Platos sagenhafte Insel". Bilder der großen Stadt Atlantis fanden sich abgebildet, die so recht die Phantasie eines Jungen herausfordern mussten. Eine Büste des griechischen Philosophen Platon, der den Atlantisbericht verfasst hatte, war ebenso zu sehen wie die Fotografien einiger Männer, die glaubten, die sagenhafte Stadt gefunden zu haben. Sechs Porträtköpfe neben- und untereinander. Jeder der sechs schien für seine Theorie gute Gründe angeben zu können. Einer davon war Professor Herman Wirth, von ihm stammte sogar eine Abhandlung mit der Überschrift: „Das Geheimnis von Arktis-Atlantis". Sein Männerkopf mit Schnauzbart und flackerndem Augenpaar schaute am grimmigsten drein, das gefiel mir. Viele Jahre später, als Erwachsener, gewährte mir ein günstiges Schicksal das schier unglaubliche Glück, den wunderbaren Wissensträger selbst kennen zu lernen, seine Belehrungen zu erfahren und schließlich die Menge seiner unveröffentlichten Manuskripte treuhänderisch - zwecks Erhaltung - übereignet zu bekommen.
 
Das Thema Atlantis wurde so ziemlich zum ersten Lesestoff meiner Kindheit, ich redete wahrscheinlich viel zu viel davon, es beschäftigte mich nichts so dauerhaft wie Platons Inselstadt. Die Tanten staunten über meine sprudelnden Kenntnisse, die Kameraden fanden das alles zwar viel langweiliger als das Wissen um Fußball-Unter- oder Oberliga, doch auch ihnen kam zugute, wenn ich die Lehrer in ausgedehnte Gedankenspiele um Atlantis zu verwickeln vermochte und darunter so manche gefürchtete Schulstunde unter Plaudereien dahinging -, sie gaben mir den Spitznamen „Der-Atlantis“.
 
Ich las alles, was sich über Atlantis auftreiben ließ. Was man über das Thema weiß, basiert auf den Überlieferungen des berühmten Staatstheoretikers und Philosophen Plato (427 - 347 v.0). Auch der Geschichtsschreiber Diodor erzählte vom Kulturvolk der Atlantier, das in einem Kriege vom heroischen Griechenführer Herakles bezwungen worden sei. Wo lag die Urheimat dieses sagenhaften Volkes ? Der Jesuit Athanasius Kirchner versuchte um das Jahr 1665, die Inselgruppe der Azoren als Überreste von Atlantis zu deuten, ebenso wie später Otto Muck. Geheimrat Leo Frobenius kam aufgrund seiner Reiseergebnisse in Afrika zu dem Schluss, das versunkene Inselreich müsse in Nigeria gelegen haben. Prof. Adolf Schulten war der Überzeugung, es sei an der Mündung des Guadalquivir zu vermuten, wäre identisch mit Tartessos in Südspanien. Dr. H.H. Borchardt glaubte, das Rätsel in Tunesien lösen zu können. Albert Herrmann untersuchte den nordwestafrikanischen Schott-el-Djerid auf Atlantisspuren. Rudolf Steiner schrieb schon 1908 das Büchlein „Unsere Atlantischen Vorfahren", in dem er u.a. vermutete: „...dass damals das Wasser auf der ganzen Erde viel dünner war als heute. Und durch diese Dünnheit war das Wasser durch die von den Atlantiern verwendete Samenkraft in technische Dienste zu lenken, die heute unmöglich sind." Auch mit den Zahlenangaben ging Steiner sehr freizügig um. Da heißt es: „Der Leser muss sich in Gedanken zurückversetzen in ein Zeitalter, das fast 10.000 Jahre hinter uns liegt."
 
Auch Herman Wirth, der Atlantis unter dem Nordpoleis vermutete, schwelgte gern in großen Zahlen. Die schwedischen Felsritzungen, aus denen er die „Atlantische Weltfahrt und Weltsendung" herauslas, hielt er für jungsteinzeitlich: „spätestens 5. bis 3. Jahrtausend vor Chr." Der Schweizer Geologe Eduard Zwangger meint, Atlantis sei mit Troja (Schicht VIIa) identisch. Ein griechischer Archäologe, Spyridon Nikolaou Marinatos, erblickte den versunkenen Kontinent in der Kykladeninsel Santorin nördlich von Kreta. Charles Berlitz verlegte die gesuchte Insel in die Karibik, Bermudas, Bahamas, Bikini-Atoll. Heinrich Pudor erklärte Helgoland zum Standort eines von Ariern bewohnten Inselreiches. Und schon Heinrich Himmler ließ vor der Insel unterseeische Messungen durchführen. Schließlich war es der lange bei Husum lebende Pastor Jürgen Spanuth, welcher - wie ich überzeugt war - des Rätsels Lösung fand. Mit seinem 1953 erschienenen Buch „Das enträtselte Atlantis" bewies er schlüssig Helgoland als Inselrest des atlantischen Königssitzes. Lange tobte der Streit um diese Findung. Strittig war, ob es in Helgoland-Atlantis Kupfervor­kommen gegeben habe, so wie es Platon in seinem Bericht erwähnte.
 
Ich stand nach mehreren Besuchen mit dem Forscher im Schriftwechsel. Im November 1982 schrieb er mir: „Damals wurde ich auf betrügerische Weise vom Inhaber des Lehrstuhles für Geologie Gripp in Kiel ,widerlegt'. Gripp behauptete 1953: ,Spanuth ist ein Phantast, auf Helgoland hat es niemals Kupfer gegeben !' Gripp hatte vorher aber selbst von Helgoländer Kupfererzen geschrieben. Das was mancher Forscher vor 1945 gesagt und geschrieben hatte, durfte danach nicht mehr wahr sein. Die beginnende Umerziehung forderte ihre Tribute, die Kathederwissenschaften hatten sich auf die neuen Machthaber einzupendeln, wenn sie ihre Lehrstühle und Pfründe behalten wollten. So schwer man es auch dem kämpferischen Pastor machte, er biss sich durch. Mittlerweile schwenken immer mehr Einsichtige auf die Linie Spanuths ein. Die Seevölker, so sah es Spanuth, mit denen der ägyptische Herrscher Ramses III. Krieg führen musste, waren norddeutsche Heerscharen. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung versuchten sie, nach schweren Naturkatastrophen an der norddeutschen Heimatküste, das reiche, satte Ägypten zu erobern. Der Versuch misslang zwar, doch sie nahmen das Vorland in Besitz. Seitdem heißt es Palästina, nach dem Hauptstamm der Wandervölker, den „Philistern“. Wahrscheinlich stammt der Name von den Leuten der heutigen Dänen-Insel „Falster“. Jürgen Spanuth ließ die Dia-Serie seines Atlantis-Vortrages extra für mich duplizieren und schenkte sie mir. Ich revanchierte mich und besorgte dem verehrten Autor sein erstes Buch „Das enträtselte Atlantis“, 1953, was er nicht mehr besaß und lange vergebens versuchte, antiquarisch noch einmal aufzutreiben.
 
Die Schlachten des Pharao Ramses III. mit den „Völkern vom Nordmeer", „denen die vom äußersten Norden, vom neunten Bogen, kamen“, finden sich verewigt in den Reliefs in der Totenstadt Medinet Habu auf der Westseite des Nils, gegenüber von Theben. Als ich mir 1991 die Stätte anschaute, herrschte dort absolute Ruhe. Die Touristen waren wegen des Golfkrieges ausgeblieben. Für ein paar Münzen setzte ich mit der Fähre über den großen Fluss. Am Ufer, zwischen Schlamm und Schmutz, stritten sich bald darauf eine Horde von Taxifahrern darum, wer mich in die Totenstadt fahren dürfe. Schon wurde ich als Objekt der Begehrlichkeiten hin- und hergezerrt, sie griffen bereits nach meinem Gepäck, um sich selbst zu bedienen, da rettete mich eine ägyptisch sprechende Französin, die meine prekäre Lage erkannte. Durch wenige, laut gesprochene, herrische Worte jagte sie den Pulk auseinander. Mit ihr zusammen erlebte ich Medinet Habu, sah die hohen europiden Köpfe der Seevölkerkrieger und all die Details, auf die mich vorher mein Mentor J. Spanuth hingewiesen hatte. Wir wanderten als einzige Gäste durch die Ruinen, die nur zuweilen von einem Vogelruf und unseren Schritten belebt wurden, bis die Schatten rotgolden und immer blaugrüner wurden und schließlich die Sonne unterging.
 
Ich fühlte mich am Ziel, ein Kindheitstraum war hier in Erfüllung gegangen. Die Reliefs waren beim nachmittäglichen Sonnenstand besonders gut zu erkennen: Da stand ich mittendrin in urnordischer atlantischer Geschichte. Meine Visionen spulten Filme ab: Ich sah sie vor meinem inneren Auge, die langen Trecks der Ochsenkarren, beladen mit Frauen und Kindern, wie sie über die Donauländer und Kleinasien in das Südland vordrangen, die Masse der geschnäbelten Schiffe, wie sie im Küstenverlauf voransegelten. Ihr Ziel war das Reich des Pharao. Sie sagten sich: „Gewiss, wir sind stark, die lichten Götter kämpfen auf unserer Seite, unsere Pläne werden in Erfüllung gehen !" Sie gingen nicht ganz in Erfüllung, aber eine neue Heimat wurde trotzdem gewonnen.

Starke Städte bauten unsere atlantischen Vorfahren entlang der Küste, und bald beherrschten sie mit ihren Schiffen das östliche Mittelmeer. Sie bauten in Konkurrenz mit den Griechen den Seehandel auf, gründeten Kolonien in Nordafrika bis hin nach Spanien; holten Zinn aus England, Elfenbein aus Innerafrika, kauften und verkauften, wurden reich und satt und rangen schließlich in den drei Punischen Kriegen mit dem aggressiven, aufstrebenden Römerreich.

Das einstige nordische Seereich der Atlanter war weit. Ausgezogen waren sie zum Ende des 13. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung. Gewaltige Sturmfluten in der Deutschen Bucht hatten das Schleswig-Holsteinische Vorland überspült. Unter diesen Erschütterungen und Gefahren muss den Überlebenden der Entschluss gereift sein, nach Süden aufzubrechen um das reiche, von Naturgewalten unbehelligt scheinende Ägypten einzunehmen. Von Helgoland, ihrem Königssitz, aus regierten sie einstmals einen gut organisierten Staatenbund. Welche Länder dazugehörten, können wir nur erahnen. Im Bezirk ihres heiligen Zentrallandes stand der Haupttempel mit der Sonnensäule, vor der jährlich ein heiliges Stieropferfest abgehalten wurde. Meinem Forscherglück war es vergönnt, im schwedischen Bohuslän (Region Kasen) eine bronzezeitliche Felsbildritzung zu finden, welche exakt diesen rituellen Akt des Stieropfers vor der Weltsäule festhält. (siehe: Die Ur-Irminsul ist entdeckt !) Nach der sehr glaubhaften These Spanuths lag also Atlantis in der Region Helgoland. Noch heute nennen die Helgoländer ihre Insel „Hillig Lun", d.h. Heiliges Land.

Einwandfrei geklärt ist indes die Spanuth-These leider noch nicht. Der „behauene" Steinplattenfund den der Forscher vom „Steingrund" östlich von Helgoland aus der Tiefe holen ließ, stellte sich später als ein Naturbruchstück heraus. Leider weisen auch die Seekarten vom Hydrographischen Institut Hamburg, keinerlei Auffälligkeiten des Meeresbodens rund um Helgoland auf. Und wer sich mit den wissenschaftlichen Übersetzungen der Seevölker-Inschriften von Ramses II und III beschäftigt, kommt leider kaum umhin an der Spanuth-Idee zu zweifeln. Ich verweisen auf den „Jahresbericht des Instituts für Vorgeschichte der Universität Frankfurt a.M. 1976“, Wolfgang Helck, „Die Seevölker in den ägyptischen Quellen" S. 7ff. Fest steht, dass die ägyptische Nordküste wiederholt von räuberischen Seefahrernationen der verschiedenen Mittelmeerinseln angegriffen wurde.

Diese Tatsache kann nicht bedeuten, es wären beim Angriff auf das Land des Pharao keine Nordseeanrainer mitbeteiligt gewesen. Verwirrenderweise sprechen hinsichtlich der Helgoland-Seevölker-These ebenso viele Umstände dafür wie dagegen. Die große Frage ist also noch lange nicht eindeutig beantwortet. Wir ahnen, dass Atlantis-Helgoland nach verheerenden Nordseesturmfluten weitreichende militärische Unternehmungen durchführte, die Völkerwanderungscharakter besaßen. Doch die vorhandenen Schriftquellen und das bisherige Fundmaterial lassen mehrere Schlüsse zu. Die endgültige, Sicherheit schenkende archäologische Entdeckung von Atlantis steht immer noch aus. Wann kommt er, der große bereinigende, klärende archäologische Fund ?
 

Der Verfasser Bild 1 mit Prof. Dr. Herman Wirth und Dr. Michael Koll in Thallichtenberg (September 1980) - Bild 2 zwischen Pastor Jürgen Spanuth und Friedrich-Wilhelm Teschemacher (Juni 1980)

 

Bild: Die große Wanderung der Seevölker aus „Der Atlantis Streit“ (1973) von Gerhard Gadow, der J. Spanuths Thesen im Wesentlichen zustimmt

Pin It