Sorgenfalten

HERMAN WIRTH - ZWISCHEN WAHRHEIT UND WIRRUNG

Abb. 1

 

UNTERSUCHUNGEN - BEWERTUNGEN

 
Kritik zu üben - an den Aussagen Herman Wirths - erscheint heute als ein überflüssiges, unfruchtbares Beginnen, hängt doch die heiße Phase der Diskussion um seine „Findungen“, die zu seiner vorgelegten Weltbetrachtung hinführten, weit hinter unserer Zeit. Herman Wirth gilt für die ernsthafte Wissenschaft seit langem überwunden. Nicht allein die trockene, oft übervorsichtige universitäre Schulwissenschaft verwarf, nach zum Teil vorschneller, aber andererseits auch sehr sorgfältiger Prüfung, die Erkenntnisse des fleißigen und begeisterungsfähigen Herman Wirth, sondern auch die anfangs dankbar seine „Ahnenerbe“-Schau empfangenden völkischen Politiker und politisierenden völkischen Aktivisten der 30er Jahre, wandten sich je rascher von ihm ab, je kritischer sie ihn überprüften.
 
Nach erweitertem Kenntnisstand - hervorgerufen durch die beiden „Ahnenerbe“-Exkursionen 1935/36 in die Felsbilderwelt Skandinaviens, aus der Herman Wirth eine Vielzahl seiner Quellendokumente bezog, schien er schließlich dem Reichsführer und Kurator der Stiftung „Ahnenerbe“, der in allen Forschungsangelegenheiten zwar von starker Liebe zur deutsch-germanischen Tradition bestimmt, trotzdem auf äußerst sachlich korrekten Findungsinterpretationen bestand, nicht mehr tragbar. Dass H. Wirth vielen einflussreichen Personen im NS-Staat - auch wegen seiner mutterkultischen Neigungen - suspekt erschien, ist eine hinlänglich bekannte Tatsache. So schrieb beispielsweise B. Freiherr v. Richthofen von der „Berufsgenossenschaft deutscher Vorgeschichtsforscher“, Sitz Königsberg/Pr. (Tagebuch-Nr. 541-31) am 28.02.1934 an Pg. Dr. Schuster von der Zeitschrift „Die Bücherei“: „Ferner übersende ich Ihnen heute eine Reihe von Unterlagen über den Fall Herman Wirth. Auch Pg A. Rosenberg, mit dem ich vor einigen Tagen in Berlin persönlich über den Fall Wirth sprach, steht auf meinem Standpunkt, dass wir für den weiteren Aufbau der völkischen Kultur entschieden gegen Wirth Stellung nehmen müssen. In diesem Sinne würde ich Ihnen vorschlagen, über den Fall Herman Wirth in Ihre Grundliste nur die im N.S.-Verlage von O.F.Lehmann in München erschienene von Pg. SA.-Obertruppführer Wiegers [„Kampfbund für deutsche Kultur“] herausgegebenen Schrift aufzunehmen: „Herman Wirth und die deutsche Wissenschaft“, ferner vielleicht  noch zur Ura-Linda-Chronik das Schriftchen: Krogmann: „Ahnenerbe oder Fälschung“, sowie W.Krause, „Ura-Linda und Germanentum“ in der Zeitschrift „Altpreussen“, Heft 1, Königsberg 1934. [Absatz] Viel besprochen werden ja jetzt auch die Arbeiten von W.Teudt. Leider können auch sie für Ihre Grundliste nicht empfohlen werden, da sie ganz ohne ausreichende Sachkenntnis fantastisch geschrieben sind…..“
 
Schlag auf Schlag erfolgte Herman Wirths nicht unberechtigte Demontage: 1936 letzte Exkursion, 1937 Abschiebung aus der Funktion, 1938 Streichung der Bezüge bis auf ein Existenzminimum, 1939 Rückzug ins Privatleben. Zu phantastisch, zu unbelegt bzw. zu nachprüfbar falsch - aber auch zu „liberalistisch-individualistisch“ (wie es in einem Schreiben von „Ahnenerbe“-Nachfolger-Präsident Prof. Wüst hieß) lagen eine Menge' Wirth'scher Konstruktionen; er schien untragbar geworden.
 
Der weitschauende, belesene, für das Reichsbücherwesen verantwortliche Alfred Rosenberg, warnte bereits Anfang der 30er Jahre. Es gab Gründe genug. Allein das Engagement für die als gelehrte Fälschung erkannte sogenannte „Ura-Linda-Chronik“ musste Herman Wirth in Misskredit bei allen Wissenden und Verantwortungsvollen bringen. Während der öffentlichen Podiumsdiskussion in der Aula der Berliner Universität am 4. Mai 1934 erklärte Prof. A. Hübner die Chronik als neuzeitliches Machwerk, welches ganz im Banne der liberalistischen Ideen der Französischen Revolution stehe, im Kampf gegen Königtum und Priesterbetrug, mit biblischen, altjüdischen sowie freimaurerischen Einschlägen - also ganz in der Art der Romane, wie sie im 18./19. Jahrhundert in Mode waren. Cornelius over de Linde, ein Vielwisser, dessen Bibliothek zum Glück erhalten blieb und sich völlig mit dem Interessengebiet der Chronik deckte, erwies sich als ihr Verfasser und Besitzer. Als einen tragischen Fall bezeichnete es Prof. Hübner damals schon, dass ausgerechnet solch ein Machwerk - auf künstlich altgemachtem Maschinenpapier von 1850 in einem auf Altfriesisch frisierten Neuholländisch geschrieben, unter Verwendung von neuerdachten, aus dem sechsspeichigen Rad abgeleiteten runenähnlichen Schriftzeichen - eine Quelle unseres geistigen Ahnenerbes sein solle. Herman Wirths ärgerliche, zerfahrene Schlussworte machten damals ebenso wenig Eindruck wie seine späteren Angriffe gegen Arthur Hübner, den er als „gehässigen Gegner der nationalsozialistischen Bewegung“ denunzierte. Dass dieser jedoch alles andere als ein Gegner eines völkischen Weltverständnisses war, erweist seine Biographie.
 
In diesem so erbittert umstrittenen Roman werden die Deutschen „jene Lute in den Twiskländern“ (Tuisco-Ländern) stigmatisiert als ein schmutziges, frevelndes, verbastertes, hässliches Räubervolk. Die typische neuzeitlich-holländische „Prussophobie“ ist allzu deutlich herauszuhören. In einem echt alten Ahnenwerk käme so etwas niemals vor, dafür fehlte jede Begründung.
 
Aber ebenso wird Wasser auf die Mühlen der östlichen Feinde des Deutschtums gegossen, durch die Behauptung, dass östlich der Weser in vorchristlicher Zeit der „Magy“, d.h. turkmongolisch-slawisches Volkstum, alles Land in Besitz gehabt habe. Solche Passagen, bei denen es einem deutschen Leser schon schwül ums Herz werden konnte, erklärte Herman Wirth leichterhand als spätere Einschübe, um daraus die Berechtigung zu ziehen, derartiges in seiner Übersetzung auslassen zu dürfen. Uneingeschränkt richtig und von bleibender Bedeutung erscheint mir das Abschlusswort aus Prof. Hübners Schrift „Herman Wirth und die UraLinda-Chronik“, 1934: „Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, Schwärmereien und Wunschgebilden Wirth'scher Art nachzuhängen, die keinen Boden mehr unter den Füßen haben, und ob die harte Zeit nicht einen harten und nüchternen Tatsachensinn von uns verlangt, der sich fest auf die Erde stellt und der Wirklichkeit ins Gesicht sieht. Es sind gewiss alles deutsche Idealisten, die Wirth anhangen, weil er ihnen ,etwas gibt’… Sie sollten sich fragen, ob es das Richtige ist, was er ihnen gibt. Man sagt uns Deutschen nach, dass uns schon öfter in der entscheidenden Stunde der Wirklichkeitssinn gefehlt habe.“
 
ger gesprochen, erweist eine fast prophetische Treffsicherheit für jeden aufmerksamen Prüfer in geradezu schmerzhaft-schriller Weise. Dort, wo die Wirklichkeit mit dem vorgefassten Konzept nicht übereinstimmte, hat sie Herman Wirth recht freizügig zurechtgebogen. Nicht reine Forscherfreude und Wahrheitsgier beflügelten ihn, sondern die Suche nach Beweisen für die im vorhinein fertigen Konstruktionen, die seinen idealistischen Wunschvorstellungen entsprachen. Ohne echt wissenschaftliche Vorsicht walten zu lassen, zog er die Wirklichkeit verfälschende Nachtaufnahmen von Felsritzungen sowie fehlerhafte Handzeichnungen des schwedischen Zeichners Lauritz Baltzer aus dem Ende des 19. Jh. heran. Diese Scheindokumente ließ er dazu noch liebevoll nachzeichnen, und die Ergebnisse sind in seine Bücher gelangt als eine Vielzahl von vermeintlichen Beweisen, die aber bei strenger Bewertung ohne das ihnen zugemessene Gewicht bleiben müssen. Eine Menge der dem Publikum argumentativ vorgestellten Felsbildwiedergaben stimmt mit wichtigen, tatsächlich existierenden Originaldetails nicht oder nur ungenügend überein. Da gibt es, unter anderem, den „Lenker des Sonnenwagens“ von Backa Brastad, dessen Arme nicht nach oben, sondern nach unten gerichtet sind -, den „Axtgott“ von Fossum, der keinen „Jahreskreis“ teilen kann, weil die den Kreis teilende Linie eine Gletscherschleifspur ist -, die „drehende Erdmutter“ von Aspeberget am Erdenrund, welche bei genauerem Hinsehen Verdoppelung erfährt (zwei Frauengestalten stehen untereinander und nicht nur eine) -, den „Adoranten“ von Backa, der keine Doppelspirale anbeten kann, weil diese in Wahrheit viel zu weit entfernt steht -, den vermeintlichen „winterkahle Baumstrunk“ von Löckeberget, der sich als Laubbaum zu erkennen gibt -, die angeblich „prärunische Ideogramme“ vorweisende sog. „Kalenderscheibe von Fossum“, deren Abbildung nicht mit einem einzigen Originalsegment übereinstimmt. Ich habe sie sämtlich auf etlichen Forschungsreisen unter die Lupe genommen.
 
Alle diese Ungenauigkeiten - auch die gröbsten - wären als zu hastige, schlampige Arbeiten begründ- und entschuldbar, doch das Ungeheuerliche, Verwirrende, Unfassbare folgte erst Mitte der 30er Jahre. Nicht ein einziges der Zeugnisse, auf denen er im Wesentlichen ein ganzes Interpretationsgefüge aufbaute, hatte Herman Wirth bis dahin im Original überprüfen können. 1935 und 36 machte es ihm der deutsche Staat möglich, im Verlaufe zweier Felsbildexkursionen von diesem nordischen „Ahnenerbe“ Gipsabdrücke anfertigen und nach Berlin-Dahlem schaffen zu lassen. Herman Wirth muss bereits an Ort und Stelle, den Mitarbeitern aber später, nach Auswertung des Reiseertrages, die Unhaltbarkeit gewisser Felsbilder-Interpretationen klar geworden sein. Bereits im darauffolgenden Jahr, also 1937, wurde er als 52-jähriger auf den bedeutungs- und einflusslosen Posten eines „Ehrenpräsidenten“ abgeschoben; er kehrte, wie er selbst bekundete, schmollend der Studiengesellschaft „Ahnenerbe“ und Berlin den Rücken. Folgerichtig strich ihm per Erlass vom 26.2.1938 der Reichsminister für Wissenschaft die Bezüge. Nach erfolglosem Lamento (z.B. Brief vom 6.5.1938 an Prof. Wüst, seinen Nachfolger) und Versuchen, diese Entscheidung rückgängig zu machen, bat er am 5.12.1938 (Tgb..Nr. 729) den Reichsführer und Chef des Ahnenerbes um offizielle Amtsenthebung, um Parteiaustritt und Ausreise aus Deutschland.
 
DIE FOSSUM-FAMA
 
Um es vorweg klarzustellen, bekenne ich meine grundsätzliche Zustimmung zur allgemein üblichen Arbeitsmethode und zu den besten idealistischen forschungswissenschaftlichen Zielsetzungen des Altmeisters. Ich rüge ihn dort, wo er seinem eigenen Postulat und der reinen Idee, in deren Dienst er sich stellen wollte, untreu geworden ist. Es geht mir keinesfalls um Kritik, weil darin ein Selbstwert läge; es geht allein um die heilige Idee einer Suche nach der indogermanischen Urwahrheit und die Überzeugung, dass Forschung unbestechlich bleiben muss - trotz übergeordneter Sinngebungen und insbesondere dann, wenn sie sich einem höheren Zwecke verschreibt. „Wahre Wissenschaft - eine Frage des Charakters“, überschriftete Herman Wirth das ausgelassene Kapitel IV aus dem „Ursinn des Menschseins“, 1960; diesem Wort ist voll und ganz zuzustimmen.
 
Die Charakterstärke des wahren Wissenschaftlers äußert sich in der redlichen Bestandsaufnahme und schließlich der vorsichtigen Zusammenschau des soweit wie möglich abgesicherten Quellenmaterials.Wie aber ging Herman Wirth vor ? Seine Arbeitsweise möchte ich hier aufzeigen und verdeutlichen anhand eines einzigen, aber eines der wesentlichsten Ecksteine seiner geistigen Konstruktion, der sogenannten „Kalenderscheibe von Fossum“, einer bronzezeitlichen Felsritzung Schwedens in der Provinz Bohuslän bei der Kleinstadt Tanumshede. Der Abbildung dieses interessanten Dokumentes begegnete Herman Wirth erstmals in dem Buch von 0. Almgren „Tanumshärads fasta fornlämningar fran bronsaldern“, Göteborg 1913, S. 492, Fig. 170 (Abb. 4793 b). Kreisförmig angeordnete Runen schienen hier dargestellt - man bedenke, Runenzeichen schon in nordischer Bronzezeit, also ca. 1500 v.Ztr.; Herman Wirth war begeistert. Ihm muss beim Anblick eine Idee von der kalendarisch-kultsymbolischen Herkunft der Runenreihe aufgegangen sein. Zu welchem Zeitpunkt er dieses Buch erstmalig in die Hand bekam, ist unbekannt. Die Abbildung daraus nahm er als Bildbeilage VIII in seinem Werk „Der Aufgang der Menschheit“ 1928 auf. Im Textband der „Heiligen Urschrift der Menschheit“ 1931, S. 28, schreibt er: „Nun besitzen wir glücklicherweise in den vorgeschichtlichen Felszeichnungen Südschwedens, in Bohuslän, bei Fossum, eine Wiedergabe des 'solakringr’ ... Es ist die Darstellung einer Scheibe, welche ringsherum mit Symbolen versehen ist.“ Im Folgenden verglich er diese Zeichen mit denen der kreisförmig angeordneten Runenreihe. Auf der nächsten Seite formuliert er deutlich seine neue Erkenntnis: „Die Runenreihe war ein Kalender“. Auf den Seiten 74, 260, 612 nennt er das Ritzgebilde „jungsteinzeitliche Kalenderscheibe von Fossum“. Als Begründung für solch frühe Datierung führt er eine darunterstehende Axt an. Sämtliche Axtdarstellungen des Fossum-Bildes sind jedoch typische Vertreter bronzezeitlicher Schlagwaffen.
 
 
Abb. 2   Abb. 3 

Abb. 2 = Die H. Wirth aus Schweden zugegangene falsch bzw. einseitig exponierte Nachtaufnahme des Fossum-Felsbildes, welches dadurch zum fehlgedeuteten „Eckstein“ und zum fundamentalen Irrtum H.W.’s wurde. Abb. 3 = H.W.s eigenhändige Darstellung aus der Verlagswerbung zur „Heiligen Urschrift der Menschheit“, 1931.

 
Welcher Umstand machte die Zeichenscheibe von Fossum so hochwichtig für das Belegsystem Herman Wirths ? Einzelne Symbole im Fundmaterial sind kaum zu deuten. Stets ist die Gefahr der nur subjektiven Sinnhinterlegung gegeben. So lautete im Wesentlichen auch die Kritik desRunenfachmanns Helmut Arntz, die er Herman Wirth vorhielt und aufgrund derer er das Schaffen Herman Wirths für bedeutungslos erachtete. Eine Ausnahme machte nun der Fossumer „Symbolkreis“. Da handelte es sich um die Anordnung einer Folge möglicher Ideogramme in einem Ringsystem, welches ebenso wie die feststehende Runenreihenfolge wohl eine verbindliche ergründbare Aussage abgeben könnte. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte Herman Wirth seine wichtige Urkunde eines vermeintlichen steinzeitlichen Kalendariums nur in Gestalt von Abzeichnungen sowie einer ungenauen, weil falsch beleuchteten Nachtfotografie (einseitig starre Lichtzugabe), die sich später in seinem Nachlass fand. Erst 1935, während der ersten Ahnenerbe-Exkursion, fertigte er, zusammen mit dem technischen Leiter Wilhelm Kottenrodt, Gipsabgüsse davon an. Spätestens in diesem Augenblick musste Herman Wirth erkennen, dass nicht ein einziges der Zeichen in Wahrheit so vorhanden war, wie er sie bereits in der Verlagswerbung für die „Heilige Urschrift der Menschheit“ gezeigt, sowie dann in seinem aufwendigen Werk beschrieben hatte. Ein Zurück gab es aber nicht mehr, zu viele begeisterte Anhänger vertrauten auf ihren Meister. In engagierten Ansprachen vor Hunderten von laienhaften Verehrern seiner Visionen hatte er der Schulwissenschaft immer wieder unter tosenden Beifallsstürmen Quellenunkenntnis vorgeworfen. Mit Herman Wirth vermochte auch der „kleine Mann“, der hämisch belächelten, angeblich so arroganten Kathederwissenschaft zu Leibe rücken. Man konnte ihr ja scheinbar beweisen, dass sie in Wahrheit viel weniger wisse als sie vorgab. Ein Irrtumseingeständnis kam also für Herman Wirth nicht in Betracht. Er schrieb und erklärte weiter, als hätte die Inaugenscheinnahme seine ursprüngliche Schau noch bestätigt.
 
Die Selbsterkenntnis seiner aufgeblähten Leichtsinnigkeiten muss wie ein Schock auf seine Seele gewirkt und ihn dauerhaft traumatisiert haben. Anders ist es nicht zu verstehen, dass er die Fossum-Ritzung zunehmend als wichtigstes Beweisstück für seine Theorie herausstellte. Er will sein beklemmendes Ahnen und das gewaltsam verdrängte Bewusstsein vom „Koloss auf tönernen Füßen“ niederhalten, niederringen - und er schreibt und schreibt dagegen an. Es ist wie der Versuch, mittels Schreibmaschine die Wirklichkeit zu erschlagen. Nur tiefenpsychologisch wäre danach zu fahnden, wie es kam, dass in den folgenden Jahren das Fossum-Bild als Phantom durch seine Schriften geistert und zu einem noch heute unfassbaren Mirakel wurde. In seinem Buch „Des großen Gottes älteste Runen“, 1939, erläutert er auf S. 13f zur Abb. 1: „Die Runenkalenderscheibe von Fossum“, dass erst „der Originalgipsabguss ... die Einzelheiten dieser so überaus wichtigen epigraphischen Urkunde des Nordens klar und unmissverständlich erkennen“ lasse.
 
Natürlich fehlte die Beachtung der Fossum-Scheibe auch nicht in „Eurasische Prolegomena zur Geschichte der indoeuropäischen Urreligion“, 1938, Teil 1, Manuskript S. 76ff. Ausgiebig wird wieder das Alter der Ritzung besprochen. Da heißt es: „Da das Ross erst mit der Ganggräberzeit in Skandinavien erscheint, wird - die Zeichenscheibe von Fossum als frühestens neolithisch, mit Sicherheit aber aus der älteren Bronzezeit zugehörig anzusetzen sein.“ Wie so oft, geht es um Bilddetails, welche tatsächlich gar nicht vorhanden sind; ein Ross, also Pferdebild, ist selbst bei größter Phantasie nicht ausfindig zu machen. Geradeso wird im Teil II, S. 195, das in Wahrheit nicht vorhandene Schlingenzeichen liebevoll ausgedeutet. Als ein nicht zu überbietender Höhepunkt der Hochstilisierung eines Trugbildes, einer rein geistigen Konstruktion - ohne jede Verankerung im Realen - schrieb er die Monographie „Kalenderscheibe von Fossum, 1948. Das Manuskript umfasst allein 157 Seiten Text. In „Die Frage des Rigveda - Indiens Vermächtnis und Sendung“, 1954, zeigt er das schematisierte Fossum-Gebilde auf S. 35, dazu die Nachtfotografie der Ritzung als Abb. 1 und bespricht wieder Zeichen für Zeichen die in Wahrheit nicht vorhandenen, scheinbar runischen Gebilde. Auch im ersten Bändchen seiner geistesurgeschichtlichen Kleinbücherei „Das Jahr und der Mensch“, 1958, erwähnt er die „Kalenderscheibe“, bezeichnet sie als altbronzezeitlich und bringt sie als Abb. 21.
 
Bis zum Ende blieb Herman Wirth seiner geliebten Einbildung treu. Noch in dem Buch „Um den Ursinn des Menschseins“, 1960, erwärmt er sich auf S. 52ff über seinen Abguss, der „großen Zeichenscheibe, Kalenderscheibe von Fossum“, dass er es war, der sie in ihrer hohen Bedeutung erkannt habe und dass sich erst „mit scharfem Seitenlicht von Scheinwerfern“ die "bisher undeutlichen und zweifelhaften Formen der Zeichen“ herausheben. Diese Fotografie einer scharf angeleuchteten Abgussmatte ist noch heute vorhanden; doch peinlicherweise erkennt der Betrachter gerade anhand dieses Bildes, dass nicht ein einziges Zeichen so aussieht, wie es Herman Wirth so gerne gesehen hätte. Auch ihm selbst kann es demnach nicht verborgen geblieben sein, dass er bereits zu Beginn seines symbolgeschichtlichen Schaffens einem Trugschluss aufgesessen war.
 
Davon ist aber in o.a. Werk kein Wort zu finden, im Gegenteil. Auf S. 53f behauptet er, dass die Fotografien der „Kalenderscheibe“ dem Runenforscher Helmut Arntz vorgelegt worden seien und dieser von der Übereinstimmung mit den „germanischen Runenzeichen der Völkerwanderungszeit“ sehr beeindruckt gewesen wäre. Bis zum Ende seiner aktiven Zeit also wies Herman Wirth auf die fundamentale Wichtigkeit der Fossum-Ritzung in seinem Gedankengebäude der kalendarisch-kultsymbolischen Zeicheninterpretationen hin.
 
 
 
Abb. 4 = heutige offizielle Ausmalung des Fossum-Bildes - Abb. 5 = mein exakter Papierhandabrieb
 
 
 
WAS BLEIBT ?
 
Ich bin, soweit ich das überblicke, der Einzige, der Herman Wirth handwerkliche Fehler nachweisen musste, hingegen war er aber ideologischer und unseriöser Angriffen zeitlebens ausgesetzt. Als junger feuerköpfiger Organisator der flämischen Unabhängigkeitsbewegung schalt man ihn aus manchen Ecken belgischerseits einen „pangermanischen Hetzer“ und „bezahlten Agenten Deutschlands“. Im Jahre 1929 griff ihn Mathilde Ludendorff wiederholt in der „Deutschen Wochenschau“ mit den Unterstellungen an, ein Gegner der „völkischen Bewegung“ und Agent der „überstaatlichen Mächte“ zu sein, womit sie nur jüdische und klerikale Kreise gemeint haben kann. Er hat damals in einem offenen Brief an den Herausgeber „Der Reichswart“, Graf Ernst zu Reventlow, geantwortet: „Wenn nun wider mich wegen meines Abseitsstehens von den Tageslosungen  der Augenblicksbefangenheit, mit Verdächtigungen und Schmähungen vorgegangen wird, so habe ich darauf zu antworten: für jeden, der sich die  Mühe nehmen will, sachlich und aufrichtig zu prüfen, erstreckt sich mein Lebensweg in einer geraden geistigen Linie, von jener Zeit an, wo ich schon als Schüler, sowohl wegen meiner deutschen Gesinnung, als wegen meiner ersten Ahnungen des geistigen Erbes unserer Gottesfreiheit, manches durchzumachen hatte.“ Dann kamen die Ablehnungen, Missstimmungen und Nachteile hinzu, weil H.Wirth auch im Dritten Reich nicht auf Parteilinie zu bringen war. Nach dem Kriege wurde er als „Mitläufer“ deklassiert, bestraft und schließlich vom „Der Spiegel“ (Nr. 40/1980) unter den Druck primitivsten Rufmordes gesetzt, indem das Magazin mit bewährten Klischees arbeitete, die jedoch konkret auf H.Wirth nicht zutrafen. So gut wie jedes Wort und die Gesamttendenz ergaben eine gröbliche Entstellung: „Einst forschte er für die Nazis über Odin und Wotan, nun bauen ihm pfälzische Politiker ein Germanen Museum: Herman Wirth, ehemals Leiter der SS-Institution ,Deutsches Ahnenerbe’…“
 
Mir ging es um die alte Wahrheit ! Ich hoffte, ein gut Teil davon bei bei H.Wirth finden zu können. Dem war auch so ! Aber ohne eigenes Denken und Forschen und den Versuch, über die Meister hinauszudenken, geht es nie ! Ich hatte mich Mitte der 70-er Jahre als suchender und lernwilliger junger Mensch an mehrere deutsche Forscher gewandt, weil ich sondieren wollte, was man über die alten vorchristlichen Kalender und Brauchtümer wissen konnte. Mit diesem Anliegen trat ich auch an die Ehefrau von Herman Wirth heran, die ich anlässlich einer Pressekonferenz in Fromhausen kennengelernt hatte. - Am 22.12.1974 schrieb mir die feine, alte Dame den Nachsatz: „Die Geschichtsschreiber über das Jahr 1974 ? Die betreffenden Seiten müssten einen Trauerrand haben. Aber es giebt immerhin Anzeichen für die Hoffnung, dasz der Kampf gegen die Verleumdung und Lügen nicht ohne Erfolg sein wird und dasz die verschüttete deutsche Seele aus der Dunkelheit wieder aufleuchtet. In herzlicher Erwiderung Ihrer Grüsze und Wünsche zur Weihnacht  Margarete Wirth-Schmidt“ - In meiner Unwissenheit und Naivität bat ich sie mit Schreiben vom 05.01.1975: „… Ihre Weihnachtskarte und die Weihnachts-Sonderführung stellten für mich den letzten Denkanstoß dar, mir endlich Gewissheit und letzte Klarheit über den Sinn unserer deutschen Feste zu verschaffen. Gerade, wenn man Kinder hat, reicht es nicht aus, die christliche Motivation z.B. des Weihnachtsfestes einfach nur zu verdrängen, vielmehr ist es notwendig, arteigene Substanz aufzuzeigen. … Jetzt meine Frage: Wissen Sie ein Buch, in dem man etwas über Brauchtum der germanisch-deutschen Jahresfeste nachlesen könnte ? Wenn es so etwas in allgemein verständlicher Form, in einer Art Nachschlagewerk, noch nicht geben sollte, was ich stark annehme, wäre es da nicht eine ungeheuer wichtige Aufgabe für Ihren verehrten Gatten, der aufgrund seines großen Wissens ein solches Werk relativ rasch zusammenstellen könnte ? …“
 
Ich wurde Schüler und Bewunderer dieses persönlich - wie ich ihn erleben durfte - untadeligen, gütigen Mannes -; mir vertraute er schließlich mit Verfügung vom 13. Januar 1981 seinen fachwissenschaftlichen Nachlass an. Mir brachte er die Wichtigkeit der „Kalenderscheibe von Fossum“ in langen Deutungserklärungen nahe. Ich glaubte an „Vater“ Herman Wirth, bis zu jenem Augenblick an dem ich selbst auf der Bildfelsenplatte von Fossum kniete, um sie - wie ich es mit hunderten weiterer skandinavischer Felsbilder ebenso tat - auf Papiere zu pausen bzw. „abzurubbeln“. Doch die Idee eines zu findenden Runen-Kalendariums ließ mich seit jenen -  trotz dem Gesagten - beglückenden Begegnungen mit dem in anderen Bereichen zweifellos genialen Herman Wirth in Fromhausen und Thallichtenberg nicht mehr los. Sie bestimmten mich dazu, selbst mit intensiven Forschungen zu beginnen. Wer wirklich leidenschaftlich ehrlichen Herzens sucht, der wird - nach Irrungen und Wirrungen - das Gesuchte finden --; das ist meine Lebenserfahrung.
 
Eine Erklärung für die wissenschaftlichen Ungenauigkeiten, die Unkorretheiten Herman Wirths findet sich in seinem Antrieb. Das Ehepaar Wirth war kein nüchternes, von seinem Thema distanziertes Forscherpaar, es waren vielmehr zwei idealgesinnte, opferbereite Menschen, die sich ganz in den Dienst am Leben gestellt hatten. Diese wunderbare, tapfere deutsche Frau schrieb am 24.10.1970 an die an ihren Eltern und am Werk ihres Vaters irre gewordene, im Ausland mit einem Nichtdeutschen lebende Tochter - das „Ilgekind“ - einen zu Herzen gehenden Bekenntnisbrief, aus dem ich zitiere: „Vaterles Werk. Ich schrieb Dir schon mehrmals, dasz es sich auch nicht um Wissenschaft als Selbstzweck handelt. Es ging um die Erforschung des Uralten, Ursprünglichen - die Gründe für das Sichentfernen von diesem Naturgegebenen, Naturgesetzlichen bis zu dem heutigen Tiefstand, Verfall. Entspricht dem Anfang von Vaters unabhängigen Forschen und Suchen nach den ursächlichen Zusammenhängen wie in seinem „Untergang des niederländischen Volksliedes“ dokumentiert ist. Eine nicht den Lebensfragen, dem Leben dienende Wissenschaft hätte V. nicht interessiert. Und ich hätte mich auch nicht dafür eingesetzt. [Absatz] Materialismus und Kirche gehören insofern zusammen als die Kirche die Träger des Materialismus anerkennen. Vaters Forschung entzieht nun der Kirche den Boden in dieser Frage und damit wird die Überwindung des materialistischen Denkens, Planens und Handelns gefördert. V. ist gewisz einer von den seltenen Forschern, die trotz ihrer groszen Leistung sehr bescheiden blieben - er überschätzt sein groszes Werk wahrlich nicht, weisz aber und hat es erlebt, dasz es in den Menschen, auch den jugendlichen, Kräfte für den Wiederaufbau, für die geistig-seelische Gesundung weckt zusammen mit dem Bemühen anderer Menschen auf anderen Gebieten.“
 
Das Ehepaar Wirth war von Liebe zum Volk durchdrungen, ihren schweren Lebensweg vermochten sie nur zu gehen, dafür die ungeheure Kraft gewinnen, aus ihrer unbändigen Liebe zu den höchsten menschlichen Gütern. Sie wollten helfen und suchten Heilmittel. Diese beiden körperlich zarten Menschen haben zeitlebens wie die Mulis geackert. Er war unablässig am Forschen, Lesen, Schreiben und Sie gebar vier Kinder, zog sie in kargen Zeiten auf, schonte sich nicht bei der Urbarmachung von Gartenland und tippte oftmals in den Nächten die nicht endenwollenden Manuskripte in die alte mechanische Schreibmaschine. Arbeit, Intrigen, Enttäuschungen, Anklagen, Diebstähle -, schließlich schleppte man den Vater für zwei Jahre ins KZ, es waren nicht die „Nazis“, es waren die danach kamen. Sie stand mit den Kindern vor dem Nichts. Sie schrieb dazu: Mir ist klar, dasz ich längst nicht mehr lebte ohne den Glauben an das Gute und den Sinn, sich dafür einzusetzen. Im wissenschaftlichen Sinne mag H. Wirth - wie ich es um der Wahrheit Willen tat - zu rügen sein, nicht aber im menschlich-moralischen, denn materialistische Vorteilsnahme spielte bei ihm nie eine Rolle. Es waren zwei große Liebende - die Margarete und der Herman - und die Liebe lässt uns zuweilen Übertritte begehen, die nur aus der Liebe zu erklären sind.
 
 
 
Der Verfasser mit Prof. Dr. Herman Wirth und Dr. Michael Koll vor Abgüssen aus der Pfalz in Wirths Haus in Thallichtenberg (September 1980)
 
 
PS: Dieser Artikel - in seiner Grundform - ist mehrfach veröffentlicht worden, u.a. in "Germanen-Glaube" 7 (Februar 1994)
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