Sorgenfalten

Zum REFORMATIONSTAG - von Prof. Han Yi, Shangkai


Liebe Freunde !
 
Heute kehrt der Tag zum 500. Mal zurück, an dem Dr. Martin Luthers 95 Thesen in Wittenberg veröffentlicht wurde.  Dies löste die Reformation aus, brachte den Protestantismus zustande, führte zur Kirchenspaltung und gilt als die Scheide zwischen Mittelalter und Neuzeit. Das alles wird auch zugegeben sein bei den öffentlichen Feiern.  Doch wie zum 200. Jahrestage der Befreiungskriege am 18. 10. 2013 wird das System auch jetzt alles dafür tun, dem hiesigen Paradigmenwechsel jede nationale Bedeutung wegzuleugnen.  Gerade diese gilt es freilich hier dem Vergessen und Verkennen zu entreißen.
 
Das Reich a lá Otto des Großen verlor an Herrlichkeit durchs Interregnum 1254 - 73, woraufhin Faustrecht und Raubritterei überhandnahmen.  „Der letzte Ritter“ Maximilian I. (1493 - 1519) konnte bei aller Begabung und Beliebtheit keinen Gewähr leisten, dass sein Volk gleichberechtigt die neu entdeckten Erdteile hätte mitgestalten können.  Auch wenn Venezuela (Philipp von Hutten), Paraguay und Buenos Aires (Ulrich Schmidel), Brasilien (Hans Staden) bis Amerika schlechthin (Waldseemüller aus Lothringen) durchaus deutsche Prägung trugen, mussten die Welser mangels politischer Unterstützung untergehen, als der König von Spanien und Portugal ihnen die anfälligen 46 von 154 Mio. Reis aus indischer Pfeffergewinnung verweigerte.  Als auch die Fürsten zornig zusehen mussten, wie ihr Geld nach Rom floss, waren die Kirchenmissstände das herrschende Thema.  Der Vatikan, der spätestens seit dem Investiturstreit 1076/77 eine verhängnisvolle Rolle für die Deutschen spielte, hatte sich längst in eine fiskalische Einrichtung verwandelt, und verstand die Frömmigkeit der deutscheigenen Frömmigkeit eingeübt auszunutzen.  Z. B. wurden für Gnadengüter hohe Gebühren verlangte, und jede Kleinigkeit konnte Kirchenbann o. ä. nach sich ziehen.  Statt dem Armutsgebot zu folgen besaßen die Pfaffen ein Drittel (!) des gesamten Grundbesitzes, und im Vergleich zu den Pflichten u. a. zur Seelsorge beschäftigten sie sich lieber mit Ämterhäufung und Pfründenbesetzung.  Damit halfen sie Adelsnachwuchs zum Aufstieg in der Klosterhierarchie, auf dass viele Erz- und Bischöfe sich auch weltliche Herrschaft erkauften.  Mit Abgabenfreiheit und Gerichtsimmunität hinzu waren skandalumwitterte Päpste gar unverwunderlich, wie Innozenz (!) VII. und Alexander VI.  Wer sich gegen diese Geistlichkeit zu wenden wagte, der wurde als Hexe bzw. Ketzer zum Scheiterhaufen verurteilt, namentlich Jan Hus.  Doch der Humanismus erzog einen schon zur kritischen Einstellung und vernünftigen Handlung, und die Renaissance stellte das theologische Weltbild zusehends infrage.
 
Dergestalt war es ausgangs des Mittelalters ums Deutschtum bestellt.  Man lebte ja in Zweifel und Verzweiflung zugleich, spürte die Notwendigkeit einer Änderung, allein ohne zu wissen, wo und wie.  So bedurfte die Geschichte wieder eines Mannes, der dem Volke aus der Seele spreche und als Fahne voranflattere.  Martin Luther, geb. 10. 11. 1483 in Eisleben als Bergmannssohn, schuf 1905 sein Rechtsstudium in Erfurt als Magister.  Unterdessen sah er ein, wie seine Kollegen die Bauern nach römischem Recht betrugen, vor allem aber dass das kanonisches Recht zur Verquickung vom Welt- und Gottes Reich geführt habe.  Der Tod eines Freundes und ein Donnerwetter bewegten ihn schließlich, dem dortigen Augustinerorden beizutreten.  Dessen Provinzial sandte Luther 1508 zur neugegründeten Universität Wittenberg, um bis 1512 Doktortitel und Professur zu erringen.  Gleich darauf trat er eine Dienst- und Pilgerfahrt nach Rom an, wo er sich von der ganzen Korruption überzeugen konnte.  Nach der Rückkehr setzte er sich intensiv mit der Bibel auseinander, und da erleuchtete ihm die Aussage von Paulus, der Gerechte lebe „allein aus dem Glauben“.  Somit könnten alle Institutionen dann künstliche Machenschaften sein !
 
Gerade derweil kam der Dominikaner Johannes Tetzel zur Finanzierung der Peterskirche in Rom den Ablass verkaufen, u. z. nach dem Motto „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt“.  Dagegen wandte sich Luther seit 1516 an mehrere Bischöfe, auch den Erzbischof Albrecht von Brandenburg, vorerst noch „um Schaden von der Kirche abzuwenden“ - vergeblich.  Daraufhin schlug er seine 95 Thesen am 31. 10. 1517 ans Tor der Schlosskirche (andere Meinung weist auf eine unautorisierte Verbreitung in Druckfassung durch gelehrte Freunde hin), was gleich zum Lauffeuer wurde.  Nach Denunziation musste Luther vom 12. bis 14. 10. 1518 zum Verhör in Augsburg, wobei nicht nur kein Widerruf erfolgte, sondern auch die päpstliche Autorität infragegestellt wurde.
 
Doch dann musste der Prozess zugunsten der Kaiserwahl ausgesetzt werden.  Durch Heirat mit Johanna der Wahnsinnigen hatte Philipp der Schöne, Sohn des o. g. Kaisers, die spanische Krone für Habsburg gewonnen.  Nun wollte ihr Sohn, Karl (V.) von Burgund, auch Mailand, das nur durch die Kaiserwürde erhältlich war.  Doch das bedeutete eine Umschließung sowohl Frankreichs wie auch des Vatikans.  So schickte Papst Leo X. den König Franz I. in den Wahlkampf.  Doch mit 852.000 Gulden erwarb sich Karl die Stimmen aller Kurfürsten.  Luthers Landesherrn, Friedrich der Weise, ließ sich nicht zur Kandidatur überreden, entwarf dafür eine Wahlkapitulation für den deutschunkundigen Thronerben vornehmlich zugunsten der Stände (Reichsregiment), aber auch mit Versprechungen wie ausschließlich Deutsche in Reichsämter zu berufen und keine ausländischen Truppen im Reich zu halten.  Für Luther ging es erst vom 27. 06. bis 16. 07. 1519 weiter mit der Leipziger Disputation gegen Johann Eck vor Sachsenherzog Georg dem Bärtigen.  In der Vorbereitung gelangte Luther schon zur Kenntnis, des Papstes Herrschaftsanspruch sei nicht biblisch ableitbar; und ließ sich auf der Veranstaltung selbst noch zur Aussage hinreißen, dass auch Konzile sich irren könnten wie im Fall der Hussisten.  Indes gewann der „Dichterkönig“ Ulrich von Hutten den Söldnerführer Franz von Sickingen, Luther seine Ebernburg als Domizil anzubieten.  Die Wittenberger Studenten trugen seine Streitschriften in alle Gauen, wobei Johannes Gutenbergs Buchdruckkunst von 1450 unentbehrliche Hilfe leistete.  1520 erschienen Luthers drei Leitwerke, Von der Freiheit des Christenmenschen, An den christlichen Adel deutscher Nation und Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche.  Am 15. 06. erging die päpstliche Bannandrohnungsbulle, doch Luther verbrannte am 10. 12. öffentlich ihr Plakat samt kanonischen Rechtsbüchern.  Auch wenn er die Kirche noch reformieren wollte statt zu spalten, war damit sein förmlicher Bruch mit derselben vollzogen.  Als Folge trat der Kirchenbann am 03. 01. 1521 verkündet.  Am 27. d. M.s fand der 1. Reichstag zu Worms statt, auf dem der Kaiser hauptsächlich um Geld für seine Niederschlagung der Aufstände in Spanien und Kriege gegen Frankreich warb.  Luthers Weg dahin glich einem Triumphzug, und stellte vor dem Kaiser klar, man könne seine Lehren nur durch die Heilige Schrift oder klare Vernunftgründe widerlegen.  Am 21. 05. unterzeichnete Karl V. einen auf den 8. d. M.s zurückdatierten Edikt, der neben Reichsangelegenheiten (Bruder Ferdinand als deutscher Statthalter) auch die Reichsacht gegen Luther enthielt.  Doch Friedrich ließ den nunmehr Vogelfreien bei Eisenach zum Schein entführen und in der Tat auf die Wartburg bringen, wo der „Junker Jörg“ durch Georg Spalatin als Verbindungsmann hatte, aber vor allem innerhalb von zehn Wochen das Neue Testament ins Deutsche übersetzte.  Im März 1522 kehrte Luther nach Wittenberg zurück, verwarf den Bauernkrieg gegen die Fürsten, weil er in letzteren die gottgewollte Obrigkeit ersah. 1525 heiratete Luther die ehemalige Nonne Katharina von Bora, während eine Übersetzung auch des Alten Testaments erst 1534 vorlag.  Dabei zog er nicht nur Melanchton für Griechisch zur Hülfe, sondern musste auch selbst erstmals Hebräisch lernen. Daraus entstand sein Spätwerk „Von den Juden und ihren Lügen“ von 1543.  Am 18. 02. 1546 starb Luther, wieder an seinem Geburtsort.  Auf den Reichstagen zu Speyer und Augsburg 1529/30 kamen der Protestantismus und die Konfessionisierung noch formell zustande. Ferner kam es zum Schmalkaldischen Krieg, in dem Moritz von Sachsen 1547 durch seinen Übertritt vom Kaiser zu seinen Glaubensgenossen noch zum „Retter der Reformation“ wurde. Erst 1555 beschloss man den Augsburger Religionsfrieden, den die folgenden Kaiser, sein Bruder Ferdinand I. (1556 – 1564) sowie dessen Sohn Maximilian II. (1564 - 1576) mit Güte und Gerechtigkeit halten konnten. Doch zur Regierungszeit von Rudolf  II. (1576 - 1612) bildeten sich schon jeweils die protestantische Union und die katholische Liga. Nach dem Prager Fenstersturz 1618 bekämpften sich beide für 30 Jahre, in denen Feldherren in der Größenordnung von Tilly, Gustav Adolf und Wallenstein auf- und abstiegen. Nach den Westfälischen Frieden lag das alte Reich zersplittert an Boden, doch befreit von Kriegen für einen vermeintlich richtigen Gott - wohlgemerkt aus westasiatischer Küste - wuchs schon neuer Keim - ausgegangen von Brandenburg, unter einem Großen Kurfürsten, dessen Sprösslinge noch das Zweite Reich gründen werden.
 
Drei Sprüche mögen Luthers Hauptleistungen verkörpern: 1. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen !“  Sein Anliegen an sich war es, das Evangelium (die Frohe Botschaft) als Urinhalt des Christentums wieder geltend zu machen.  Die einzige Grundlage dafür sei die Heilige Schrift gewesen. Demnach ging er der Sache auf ihre Wurzel zurück, ohne sich von herrschenden Lehren irren zu lassen. Diese Vorgehensweise gilt auch und besonders für uns, heute. 2. „Spricht Gott Deutsch ?  Gewiss, wie hätte er sonst unser tägliches Gebet verstanden ?“ Mit diesem Argument sorgte er dafür, dass seitdem auf Deutsch gepredigt wird. Dieser Zugang zu Gott für jeden machte nicht nur alle Spekulation und Manipulation der Kirche übrig, sondern brachte auch erstmals das einheitliche Neuhochdeutsch zustande, das gleichberechtigt neben Griechisch, Latein und Hebräisch steht. 3. „Du bist kein Deutscher, sondern Täuscher; kein Welscher, sondern Fälscher !“ Erst mit Kenntnis der Originalsprache vermochte er, ins Wesen der Auserwälten einzusehen. Vor größerem Hintergrund lässt sich jedoch feststellen, dass die deutsche Geschichte durchzogen ist mit dem Kampfe Selbsterhaltung gegen Selbstauflösung, Herkömmlichkeit gegen Weltoffenheit, Gemeinsinn gegen Eigennutz: Hermann gegen Marbod, Wittekind gegen Karl, Wikinger gegen Christen, Heinrich (Ostkolonisation) gegen Barbarossa (Kompromiss mit Papst), Hanse (Ostseekönigin) gegen Staufen (Italienzüge), wie später auch Angelsachsen gegen Westfranken, Hohenzollern gegen Habsburg. Insofern kann man die Reformation als nur ein Zwischenkapitel dieser ewigen Auseinandersetzung vom Nord- und Südgeist betrachten. Dennoch ist Luther aktueller denn je, denn heute sind wir von einer anderen fremden (Zivil-) Religion befallen, und die Lage sieht nicht wesentlich anders aus vor genau 500 Jahren.  Da hat der Unbotmäßige einmal mehr unter Nachweis gestellt, dass der Freiheitswille der Germanen unaufhaltbar ist, wie Tacitus zu berichten gewusst hatte. Es liegt also auch und genau an uns, es zu wagen, an den Sieg zu glauben und dafür zu kämpfen !
 
Mit reformatorischen Grüßen:
Euer treuer HY.
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