Sorgenfalten

KARL REICHENBACHs „OD“

 

KARL REICHENBACHs „OD“

 

Karl Ludwig Friedrich Freiherr von Reichenbach (1788 - 1869) war ein begnadeter Naturforscher, Chemiker, Philosoph und Industrieller. Schon als junger Mann gründete er 1806 in Tübingen eine Gesellschaft zur Errichtung einer Kolonie auf Tahiti, die sog. „Otaheiti-Gesellschaft“. Ende 1808 wurde die „geheime“ Gesellschaft von der Polizei entdeckt und die meisten ihrer Mitglieder wegen des „Verdachts auf Hochverrat“ verhaftet. Reichenbach wurde zeitweise in der berüchtigten Haftanstalt „Hohenasperg“ festgehalten. Nach Abschluss seiner Studien entwickelte und vermarktete er neuartige Öfen für die Holzverkohlung. Er entdeckte er 1830 das Paraffin, Kerossin und das Kreosot, was ihm bald ein beachtliches Vermögen einbrachte und sogar zu seiner Adelung als Graf führte. Als am 15.11.1833 in Blansko ein Meteorit niederging, ließ er seine Arbeiter tagelang danach suchen, bis sie ihn glücklich gefunden hatten. Er legte eine bedeutende Meteoritensammlung an. Die Begriffe Kamacit, Taenit und Plessit - Bestandteile von Eisenmeteoriten - hat er geprägt. Seine Sammlung ist noch heute in Tübingen zu besichtigen.

 

Der nüchterne Naturforscher Reichenbach widmete sich auch intensiv der Untersuchung wissenschaftlicher Grenzgebiete. Im Zentrum dieser Untersuchungen stand die von ihm erkannte Lebenskraft „Od“, die er nach dem germanischen Geist-Seelen-Gott (W)Odin benannte. Od ist nach ihm eine dem Magnetismus verwandte Energie. Seinen  Studien zufolge, ist es besonders begabten Menschen, die er „Sensitive“ bezeichnete, möglich, in dunklen Räumen schwache Lichterscheinungen bei Magneten, Kristallen und an Menschen, insbesondere am Kopf und den Händen. Im Jahre 1835 erwarb Reichenbach das Schloss Cobenzl bei Wien. Wegen seiner im Schloss durchgeführten Experimente mit dem Od-Licht erhielt er von den Wienern den Beinamen „Zauberer vom Cobenzl“. In dem einstmals prächtigen Schloss, umgeben von blühenden Wiesen, Weinbergen und rauschenden Wäldern und einer immer gut versorgten Meierei, lebte Freiherr Karl von Reichenbach mit seiner schönen Frau Friederike Louise (geb. Erhard), der er das herrliche Kunstwerk der „Liebesvase“ (monumentale Ziervase in Sandstein) des Bildhauers Friedrich Distelbarth schenkte. Sie gelangte später in den Besitz der Stadt Stuttgart.

 

Reichenbach war einer von jenen, die, wenn sie etwas entdeckt hatten, nicht locker ließen. Mehr als zwanzig Jahre lang experimentierte er mit vielen hundert Menschen, die imstande waren, das Licht zu sehen. Die Sehenden, seine „Sensitiven“ suchte er, verehrte sie und bezahltet sie für ihre Bereitwilligkeit gut. Noch heute benennt die psychische Forschung Menschen, die zu paranormalen Wahrnehmungen befähigt sind, mit diesem von Reichenbach geprägten Wort. Der Freiherr aber fand nicht nur Od, die Odkraft, die Odische-Lohe, den Odrauch, die Odgluth, die Qdfunken, sondern auch, dass die Odkraft polarisiert sei, in links-rechts, oben-unten, Sonne-Mond, Erdoberfläche-Erdinneres. Vielleicht ist das die tiefenpsychologische Ursache dafür, dass aus einer ursprünglich rein naturwissenschaftlichen Untersuchung eine Lehre wurde, mit überzeugten Anhängern und ebenso fanatischen Gegnern. Es ist zum Schmunzeln, mit der durch Gerhard Heß wiedergefundenen Od-Ing-Lehre, in unserer Zeit, verhält es sich nicht anders. Die Lage war und ist so grotesk wie bedauerlich, denn die Wurzel des Übels ist in aller Regel allein die Uninformiertheit.

 

Reichenbachs Schriften sind selbstverständlich längst vergriffen, William Gregorys klassische Übersetzungen ins Englische wurden vor nicht langer Zeit neu aufgelegt (Baron Karl von Reichenbach, „Researches on Magnetism, Electricity, Heat, Light, Crystallization and Chemical Attraction in Relation to the Vital Force”, 2010); aber sonst gibt es rein nichts. In der Wiener Nationalbibliothek finden sich immerhin zehn Werke mit vielen tausend Seiten, und dieser Umfang des Reichenbachschen Werkes ist wohl der dritte Grund, warum soviel Unsinn über Reichenbach geredet wird, sowohl von Gegnern als auch von Anhängern, weil dieses Schrifttum nämlich selten jemand wirklich studiert hat. Ein weiterer Grund, warum Reichenbach schon zu Lebzeiten heftig bekämpft wurde, lag an der Tatsache, dass die meisten Hochgelehrten seine Ergebnisse nicht reproduzieren konnten. Nur Jöns J. Berzelius (1799-1848) interessierte sich für die Angelegenheit. Er gilt als Vater der modernen Chemie. Reichenbach reiste eigens zu ihm nach ins Sudetendeutsche Karlsbad und nahm ein paar Chemikalien mit. Sensitive mussten sich Reichenbachs Anschauungen zufolge überall finden, und in Karlsbad hatte er denn auch leicht Personen ausgemacht, mit denen er an seinen Chemikalien gemachte Beobachtungen Berzelius vorführte. Der große alte Mann der Chemie war erstaunt und erschüttert; er bestärkte Reichenbach, seine Untersuchungen fortzuführen. Man verabredete weitere Treffen, zu denen es aber nicht mehr kam: Berzelius starb vorher. Wäre die Od-Forschung, die gesamte Physik, einen anderen Weg gegangen, hätte Berzelius länger gelebt ? Es ist müßig, darüber zu spekulieren. Tatsache jedenfalls ist, dass Reichenbachs Gegner nicht mit Verunglimpfungen und Verleumdungen sparten: Mit Fräuleins triebe er allerlei Ungereimtes in finsteren Kammern, schliche des Nachts - wer weiß, zu welchen Zwecken ! - auf Friedhöfen umher, immer in Begleitung von Damen ! Dort ließ er die Sensitiven Leuchterscheinungen über den Gräbern beobachten. Er könne das Gesinde nicht führen, hieß es weiter und manche Experimente würden die die Moral der Dienerschaft untergraben. Tröstlich zu wissen, dass Engstirnigkeit, Neid und Dummheit epochenübergreifend sind.

 

Demgemäß bitterer klingen Reichenbachs Schriften der letzten Jahre. Er wiederholte Experimente zum hundertsten Mal, legte Protokolle vor, doch man glaubte ihm nicht, man verlachte ihn. Immerhin wurde ihm noch die Genugtuung zuteil, sechs Vorträge an der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien halten zu dürfen (Mai bis Juli 1865), sie erschienen schließlich gesammelt in einem Bändchen und sind eine gute Übersicht über sein Lebenswerk. Letztlich wurde er in den Hades der Okkulten verstoßen. Das ist die eigentliche Tragik Reichenbachs, dass er, der zeitlebens bemüht war, Aberglauben, Scharlatanerie und Legenden zu zerstören und deren wissenschaftlich fassbaren Kern herauszuschälen, dass er, der sich bemühte, die Natur zu entmystifizieren, dass just dieser Freiherr von Reichenbach als unwissenschftlich abgetan wurde und post mortem in die Fänge der Okkultisten geriet. (Informationen auch von P. Uccusic)

 

Mysteriöserweise stammen aus Reichenbachs Nachlass Briefe, aus denen das Verhältnis der bezaubernden Hannoveranischen Generalstochter Caroline v. Linsingen mit dem späteren englischen König Wilhelm IV. hervorgingen. Carolines Schicksal war, dass sie in einen Starrkrampf fiel, für tot erklärt und eingesargt worden ist und nur durch die Beharrlichkeit des jungen Arztes Dr. Meineke, der nicht an ihren Tod glauben wollte, gerettete wurde. Die beiden heirateten kurz darauf.

 

Werke von Karl Freiherr von Reichenbach: „Untersuchung über die Dynamide des Magnetismus, der Elektrizität, der Wärme, des Lichtes usw. in ihrer Beziehung zur Lebenskraft“, Braunschweig, 1850. - „Odisch-magnetische Briefe“, Stuttgart 1852, 1856; Ulm 1955. - „Der sensitive Mensch und sein Verhalten zum Ode“, Wien 1858. - „Die Pflanzenwelt in ihrer Bedeutung zur Sensitivität und zum Ode“, Wien, 1858. -  „Aphorismen über Sensitivität und Od“, Wien, 1866. - „Die odische Lohe und einige Bewegungserscheinungen als neuentdeckte Formen des odischen Princips“ , Wien, 1867. - „Aphorismen über Sensitivität und Od“, Wien, 1866.

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