RUNENRÄTSEL von ROSENGAARD

 

 

 

 

 

RUNENRÄTSEL VON ROSENGAARD

Die Goldhörner des Hlewagast-Holtijar

 

Sicherlich die bedeutendsten germanischen Kulturzeugnisse der frühen Völkerwande­rungszeit sind die beiden zusammengehö­renden Goldhörner von Rosengaard, dem späteren Galle­hus/Galgenhaus (weil hier der Galgenort von Mögeltondern lag), einer klei­nen Ansiedlung im deutsch-däni­schen Grenzbereich. Das runenlose Horn wurde 1639, das beschädigte unvoll­kommene, so­gen. „Runenhorn“ 1734, etwa an gleicher Stelle, im Be­reich des Landweges von Ribe nach Ton­dern, gefunden. Sie gelang­ten in die königl. Kunst­kammer zu Kopenhagen, aus der sie 1802 von einem gewöhnlichen Dieb gestoh­len und eingeschmolzen wurden. Ihr Aus­sehen blieb nur deshalb sehr genau überliefert, weil vier zeitgenössische Kupferstiche vor­han­den sind. Der rei­che figürliche Bil­derschmuck der Kunstwerke (Sösdala-Stil) lässt eine zeit­liche Einordnung etwa um das Jahr 400 zu. Das unbeschädigte Goldhorn wog 6 Pfund, war 67,6 cm lang und an der Spitze of­fen, so dass die Kopenhagener Museumswärter darauf zu bla­sen pflegten. Es war indes nicht schwierig, die kleine Öffnung zuzuhalten, um es als Trink­horn zu nutzen (Fas­sungsvermögen 1,3 Liter). Beide Hörner maßen im oberen Umfang 30 cm. Der eingepunzte und aufgelötete Bilderschmuck überzog sie so vielgestal­tig und ist nur zu ei­nem geringen Teil un­strittig deutbar, weshalb bis­her noch keine umfas­sende wider­spruchs­freie Er­klä­rung angeboten werden konnte. Wir wollen uns hier auf einige Punkte gesi­cherter Be­trach­tun­gen beschränken.

 

Das beschädigungsfreie runenlose Kultgerät war so gebaut, dass über den eigentlichen Gold­horn­kern 13 reich verzierte Goldreifen gestreift waren. Auch für das un­vollkommene Runen­horn sind im ursprünglichen Zustand 13 Reifen anzunehmen. Der zu untersu­chende Runen­schrift­zug lautet: -   -   - , d.h. ek hlewagastiR holtijaR horna tawido, zumeist über­setzt: „Ich Ruhmesgast Holtijar (Sohn des Holt) Horn an­fer­tigte“. Es scheint sich, oberflächlich betrachtet, um eine schlichte Herstellerinschrift bzw. um das Signum eines Werkmeisters zu han­deln - allerdings in stabgereimter Form; dreimal erscheint der h-Anlaut. Wer Runen deuten will, darf aber nie vergessen, dass er einen Verrät­se­lungswil­len vor sich hat, dass in der Re­gel ein mehrschichtiges Geheimnis gelöst wer­den will. Von der weitrei­chenden Vieldeutigkeit jedes einzelnen Wortes muss ausge­gangen werden. Ich komme nicht umhin, die übliche Übersetzung anzuzweifeln. Zumindest ist anzu­nehmen, dass sich ein Könner von der Höhe des Holtijar nicht ohne tiefsinnige Begrün­dung in selbstüberhe­bender Manier „Ruhmesgast“ benannt haben wird. Der Begriff gastiR, „Gast“, wurde nach Be­fund diverser Inschriften nicht im Sinne von „Fremder“ genutzt, sondern etwa wie „Ge­selle/Gefährte“ verstanden. Sein eigentlicher Name Holtijar kann zwar „Sohn des Holt“ mei­nen, ebensogut auch „Abkömmling/Angehöriger der Holsten“, jener ger­manischen Stammes­gruppe, die dem Holstengau/Land Holstein die Bezeichnung lieferte. Gera­deso gut ist die Ab­leitung von germ. holta, aisl. holt = Wäldchen, Gehölz vorstellbar, dann wäre sein Haupt­name: „Der vom (heiligen) Holt/Hain“ (Hainpriester). Wenn er sich zusätzlich als Hlewagast bezeichnete, so denke ich dabei eher an got. hlaiw = Grab, an. hlaiwa = Grabhü­gel, also „Grabhügelgast“. Spricht er doch durch das Medium sei­ner herrli­chen Kulthorn­schöpfung als Grabhügelgast, als Jenseitiger zur Nachwelt - auch zu uns. Wer solch ein Werk erschafft, der ist besessen von dem Wunsch, ein Zeugnis sei­nes Den­kens weit über den eige­nen Tod hinaus zu hinterlassen - der erhofft, dass er über Jahrhun­derte hinweg als sprechen­der Toter vor le­bendigen Lauschern stehen wird. Da die Heruler Schleswig-Hol­steins, Jütlands und der däni­schen Inseln sprach­lich eine Brücken­stellung zwi­schen den nord-, west- und ost­germanischen Sprachgruppen inne­hatten, wären mundartliche Übergänge von „æ“ in „ä“ bis ins gotische „ë“ nicht aus­zuschlie­ßen. Genau ist die sprachliche Stellung der Rosengaard­schen Runenin­schrift nicht zu bestim­men. Es könnte sich im hle­wagastiR auch eine herulische Form des aisl. Adjektivs hlævi, lit. sleiva-s, idg. kleio = „krummbeinig“, verstecken; er wäre dann der „Krumm-/Kurz­beinige (Ge­selle/Gast)“. Das überrascht und müsste zunächst Unwil­ligkeit her­vorrufen, aber auf dem zweiten Ring des runenlosen Hornes hat sich der Meister selbst - sein herrliches Werk­stück, das gottesdienstliche Wei­he­horn tragend - abgebildet: mit vollem Kinn­bart, der hohen Stirn des alternden Mannes, mit weit über den Rücken wallendem Haar (oder starkem Zopf), mit normalpropor­tioniertem Ober­körper, zu dem das Beinwachs­tum nicht passen will - sicherlich aufgrund einer Kindheits­er­krankung, wenn nicht ein Erbfehler vorlag. Er war gewiss das was man einen Zwerg nennen würde. Vergleicht man seine Kör­per­höhe mit dem vorgehaltenen Horn, dessen Länge wir ja kennen, dürfte er nicht viel mehr als 1,3 Meter gemessen haben (Abb. 2. Gestalt von rechts). Der wissensge­waltige, kunstsinnig-schmiedende Zwerg erfuhr wohl eher ein tragi­sches Lebens­ge­schick. Sein Gottsuchertum kann auch eine Art Not­schrei, eine Ver­zweif­lungsbitte an die Schicksalsmächte gewesen sein. Wer gab dem körperli­chen Zwerg und Gei­stes­riesen Holtijar die Menge des Roh­goldes, damit diese Kunsthörner geschaf­fen werden konnten ? In den Jahr­zehnten zuvor war von den Goten her viel Gold aus Beute­gewinnen und Tributzahlungen nach dem Norden geflossen. War Holti­jars Kultgemeinde so reich, oder stand er im Dienst eines mächti­gen Fürsten ? Fragen entfal­ten sich, auf die wir noch keine Antwor­ten wissen.

 

 

Wenn nach Holtijars Kalkül sein Beiname (hlewagast) auch - oder in erster Linie - der „Ruhm­volle“ bedeuten sollte, so wird sich dieses schwülstige Adjektiv nicht auf seine Person, son­dern auf die Buchstabenanzahl dieses Begriffes bezogen haben. Er setzte diese von ihm selbst ge­schaffene Worteinheit mit dem hohen Sinngehalt der Zahl 13 in eins. Das mag selt­sam klin­gen - ek­hlewagastiR (ich Hle­wagast) wurde ohne Worttrenner mittels 13 Runen ge­schrieben. Im altger­mani­schen Schriftden­ken waren die Buchstaben dreige­sichtig: Sie verkör­perten Laut­werte, ebenso Begriffs- und Zahl­werte. Der linksläufige Gesamtzahlen­wert jener 13 Buchsta­ben beträgt 169, das ist 13 x 13. Damit ist die­ser Anfangsteil der Runenhorn-In­schrift als eine Art Herzstück der priesterlichen 13er-Gematrie des Hlewagast-Holtijar zu be­greifen. Die Ge­samtin­schrift besteht aus 13 verschiedenen Runen, geordnet in 13 Silben; der doppelt ge­ritzte hervorgehobene In­schrift­teil beinhaltet 2 x 13 Runen. 13 aufgelötete menschliche Ge­stalten, 13 Vierfüßler und 13 eingepunzte Fische zeigt das Runenhorn. Wir wissen seit der Veröf­fentlichung von Heinz Klingenbergs gran­diosem Buch 1, dass dem Schrift­zug, wie auch dem reichhal­tigen or­namentalen Sternchen- und Zacken­schmuck, allein die Aufgabe zugewie­sen war, Zäh­leinhei­ten beizusteuern, um da­mit das nicht endende Loblied der 13 zu singen. Immer wieder er­schei­nen Zahlen, welche keine an­dere Bedeutung besitzen, als dass es Vielfa­che der 13 sind, sich also durch 13 restlos teilen lassen.

 

Die Gesamtinschrift umfasst 32 (Quersumme 5) Runen. Beim ersten Buchstaben von tawido, dem , handelt es sich aber um eine Binderune, welche unter dem linken Abstrich einen zweiten aufweist, so dass ein linksgewendetes erscheint (s. Abb. Schriftzug). Auf diesem ei­nem Stab stehen mit­hin zwei Buchstaben, das „t“ und das „a“ . Auf sämtlichen Kupfersti­chen ist der zweite Abstrich zu erkennen, besonders deutlich auf der Ori­ginalzeichnung von G. Krysing, 1734. Dann handelt es sich also eigent­lich um insgesamt 33 (Quersumme 6) Runen. Das Unglaubli­che ist Realität: Der Zahlenwert die­ser Inschrift, zuzüglich ihrer 16 Trennungspunkte, beträgt 429, also 33 x 13. Das Wort ta­wido transportiert demnach einen weiteren Begriff, nämlich atawido. Darin stecken die No­mina „at(t)a“ d.h. „Vater“ sowie „wido“ d.h. „Wald/Holz/-Baum“; zusammen vielleicht „Waldva­ter“. Es könnte sich sehr wohl um einen Männer­namen handeln, führt doch die Scheibenfibel von Soest den Namen „Atano“ vor - und nordi­sche Personennamen „Widuga­stiR“ (Wald­gast) sowie „Widu- hu(n)daR“ (Wald­hund / Wolf) sind belegt; in der Lex Salica (Fö. 1568) findet sich ein „Wi­dogast“. Legt man die Prinzipien der vorangestellten Deutung zu­grunde, müsste das neue Wort atawido vor ta­wido eingefügt wer­den, denn sein Anfangsbuch­stabe „a“ steht in rechtsläufig zu lesender Langzeile vor dem „t“ . Die nur in Gedanken vorhan­dene Runen­zeile würde lauten: ek hle­wagastiR holti­jaR horna atawido tawido - über­setzt: „Ich Ruhmes­gast Holstensohn (der vom Hain) Horn Waldvater anfer­tigte“. Dieser Satz klingt be­deutend gefälliger und verständlicher als die bisherige Über­set­zung, bei der immer der Ein­druck herrschte, als würde eine echte Satzaussage - über Mitteilung der Hornerschaffung hinaus - fehlen. So be­antwortet sich die Frage, ob uns damit die Bezeichnung des Runen-Goldhornes bekannt ge­macht wurde, fast von selbst: Der Hainpriester schuf das berühmte Horn „Waldvater“. Bekanntlich war es in alter Zeit gern geübter Brauch, den Ge­rätschaften und Waffen, z.B. Schwertern, Individualnamen zu geben. In dem isländ. Märchen von „Thorstein Hofkraft“, lautet eine Stelle: „Da wurden zwei Hörner in den Saal gebracht, kostbare Kleinode, dem Jarl Agde gehörig, die hießen Hwitingar, sie waren zwei Ellen hoch und mit Gold beschlagen.“ Es ist recht beachtlich, dass es sich im nordischen Märchen ebenso um ein Paar von Goldhörnern handelt, wie bei den echten Fundstücken. Trotz des zusätz­lichen Wortes - dem wahrscheinlichen Geheimnamen des Rosengaardner-Zauberhor­nes - bleibt davon die vorge­stellte Gematrie unberührt, denn gezählt wurden nur die faktisch vor­handenen Buchsta­ben und nicht die dazuzudenkenden­.

 

Selbst wenn ernüch­ternd in Rech­nung ge­stellt wird, dass das Fun­dament dieser Er­kenntnisse allein die irrtums­fähi­gen Kupferstiche sind - nicht aber das Origi­nal­kunstwerk -, dann bleibt trotzdem die Tat­sache einer un­zweifel­haften Hoch­schätzung der 13 als religiöse Sym­bolzahl. Ebenso unangefochten ist die Gestalt der Inschrift, bis auf ein einziges Pünktchen. Die Kupfer­stiche von G. Krysing, 1734, und R. Frost, 1736, zeigen nicht 4, sondern 5 Trennungs­punkte hinter „horna“, so dass eine Zähleinheit mehr vorhanden wäre, welche einige Rech­nungen zunichte machen würde. Ich denke aber, dass man - in Anbetracht dessen, dass sich Holtijar von dem Gedanken leiten ließ, jede offene Dar­stellung der Zahl 5 im Schriftzug sorg­sam zu vermeiden - weiterhin von einstmals nur 4 Tren­nungspunkten im Originalhorn ausge­hen darf. Beim 5. Punkt muss es sich um eine kleine Verletzung gehandelt haben, die o.a. Kupferstecher irrtümlich als reales Bildelement berück­sichtigten. Klingenberg zog in voller Berechtigung die zeichnerisch sorgfältigste und zuverlässigste Darstellung von J.R. Paulli, 1734, heran.

 

Die neue Schau der Runen-Langzeile von Rosengaard befähigt zusätzlich zum Basisverständnis germanischer Runengematrie, welche doch eigentlich der Zahl 6 höchste Aufmerksamkeit ent­gegenbrachte. Schließlich gehören 24 Runen (Quersumme 6) mit 6 Selbstlauten zum Ge­samtsystem und die Aufsummierung der 6 (= 21) führt zum Sinnzeichen des Asen-Gottes , des mythischen Runenschöpfers Wodanaz. Auch Hlewagast-Holtijar huldigte nicht allein der 13 und der Weltallzahl 5, sondern ebenso der anderen, jüngeren theologischen Kosmoszahl, der 6. Führt doch die 5 aus sich heraus zur 6 hin: Die Aufsummierung der 5 ergibt 15 mit Quersumme 6 - ge­radeso wie bei den 33 Runen von Rosengaard mit ihrem Zahlen-Gesamt­wert 429 die Ziffernsummen jeweils 6 er­geben. Dass derartige Techniken von den Grie­chen der Antike geübt wurden, bestätigt ein hervorragender Kenner: „So benutzte man ne­ben der Einsetzung der üblichen Zahlenwerte für die Buchstaben auch die Ziffernsumme, die sich er­gibt, wenn man den Stellenwert der Buchstaben außer acht lässt und die Zahlen 1-24 durch a - w aus­drückt. ... Wollte das Ergeb­nis nicht genau stimmen, so wurden Buchstaben ausgelas­sen oder hinzugefügt, ja man änderte auch das ganze Wort oder den ganzen Satz.“ 2

 

Klingenberg geht bei Durchzählung der Runenreihe, also der Zahlenzuteilungen für die germa­nischen Buchstaben, von einem rechtsläufigen FUTHARK-Verständnis aus. Die bisher angegebe­nen 13er Werte wur­den nach linksläufigem ODING-Runenverständnis 3 erzielt. Nach Klingen­bergs rechtsläufiger Be­rechnung erscheint für ekhlewagastiR zwar auch ein 13er Wert, je­doch nur ein schwächeres 11 x 13. Und sein krönendes Spitzenergebnis 169 (13 x13) wird er­bracht durch Zusam­menziehung der Worte holtijaR horna, zu deren Zahlenwerten noch die zwischen ihnen be­findlichen 4 Trennungspunkte hinzuaddiert werden müssen, um das Ge­wünschte zu erreichen. Ein zweites Mal wird das Ergebnis erzielt durch Addition der Anlaut­runen aller 13 Silben mit Zuschlagung der 4 Worttrenner. Trotzdem - unbestreitbar gelang es Klingenberg, in einem geistreichen Verfahren, ein rechtsläufig-gematri­sches Regelwerk im Ru­nenschriftzug überzeugend glaub­haft zu machen. Es bleibt aber festzu­halten, dass die einzige von Holtijar konzipierte - durch Tren­nungspunkte abgeteilte und als solche hervorgehobene - Worteinheit von 13 Runenbuch­sta­ben nach ODING-Zählweise das Optimalergebnis (13 x 13) vorführt. Die von Klingenberg geoffenbarte Mathematizität der Ru­neninschrift von Rosen­gaard zeigt sich in ihrer ganzen Kom­pliziertheit eigentlich darin, dass die Multiplikatoren der 13 in den vier von ihm vorge­führten Inschriftteilen (mit Zuzäh­lung der Trennungspunkte) immer gleich der Runenanzahl in diesen vier Buchstabengruppen sind (S.30). Oder anders aus­gedrückt: Sooft die 13 in einer Wortgruppe enthalten ist, soviele Runen besitzt diese Wort­gruppe auch. Das ist so unglaub­lich, dass entweder ein fast un­wahr­scheinlicher Zufall seine Hand im Spiel gehabt haben müsste oder aber der Schöpfer die­ses planvoll durchmathemati­sierten Runenwerkes einen schier übermenschlich anmutenden Intel­lekt einbrachte.

 

Es kommt noch besser: Der gesamte Langvers ist durch Punkte in vier Abschnitte geteilt. Der erste Ab­schnitt zählt 13, der zweite 8, der dritte 5 und der letzte, „tawido“, 6 Runen. Im Gegensatz zu den doppelstrichigen Runen der ersten drei Abschnitte ist „tawido“ einfach ge­ritzt, wes­halb wir seine Runenzahl halbieren und auf den Wert 3 gelangen. Die Inschrift stellt ja einen geschlos­senen Kreis dar - nach „tawido“ folgt wieder das zweibuchtabige „ek“ und dann das Anlaut-h von „hlewagastiR“. Dieses Anfangs-h hob der Werkmeister heraus, indem er bei ihm, im Ge­gen­satz zu den beiden folgenden h-Anfängen, den Querbalken nach rechts abfallen ließ. Da­mit ergibt sich eine Zahlenreihe: 13 - 8 - 5 - 3 - 2 - 1. Was Holtijar hier vor­führt - bzw. der kon­geniale Klingenberg -, ist die Zahlenfolge des „Golden Schnitts“, der im Altertum bekannt war, in Vergessenheit geriet und erst von dem Italiener Fibonacci (1180-1250) wie­derentdeckt wurde. Die Fibonacci-Reihe - man müsste sie von nun an eigentlich Hlewagast- oder Holtijar-Reihe nennen - hat die Eigenschaft, dass sich die folgende Zahl aus der Addition der zwei vorangegangenen Zahlen dieser Reihe ergibt. Über (oder unter) den nach Goldenem Schnitt gegliederten Buchstabengruppen lassen sich nun Sterne - Pen­tagramme - konstruieren, indem das geistige Auge mit den gegebenen Zahlenwer­ten Kreise schlägt und die Schnitt­punkte verbindet (S.336ff). Es entsteht eine Folge von Pen­tagrammen (Weltallsym­bolen), die ins End­lose führt - sowohl ins menschlich und unter­menschlich Ge­ringe, wie an­derseits ins kosmisch Weite und Göttliche. Nicht umsonst nannte man den „Gol­denen Schnitt“ auch di­vina pro­portio, „göttliche Teilung“ einer Strecke. Ein Hauch der Un­endlichkeit weht uns an, denn in der Holtijar-Reihe weisen die jeweiligen beiden Endwerte im­mer auf den nächst größeren Wert - es gibt immer noch ein Größeres, niemals ein Größtes. Solche sinnvolle Wort­reihung zu erklü­geln, welche diesen Buchstaben-Zah­lendom entstehen lässt, muss - ohne Ein­schränkung - als ein geisti­ges Weltwunder bezeich­net werden.

 

Wie unser Ohr gewisse, durch Zahlen ausdrückbare Schwingungsverhältnisse der Töne als be­sonders angenehm empfindet, so erscheinen auch dem Auge bestimmbare Raumaufteilungen als besonders gefällig. Seit den Pythagoreern versuchte man deren Gesetze durch die Regel des „Gol­denen Schnitts“ zu erklären: In seinem Sinne heißt eine Strecke dann geteilt, wenn ihre klei­nere Teilstrecke zur größeren in demselben Verhältnis steht wie die größere Teil­strecke zur ganzen Strecke. Der Grund für seine Bevorzugung liegt aber nicht so sehr auf ma­themati­schem als auf philosophischem Gebiet. Aus pythagoreischer Schule stammt die Lehre, dass die Schönheit und Vollkommenheit der Schöpfung durch mathematische Formen erklär­bar sei. Diejenigen Dinge, an denen Figuren von mathematisch höchster Vollkommenheit zu finden sind, spiegeln danach am reinsten die durch Gott gesetzte Ordnung und Schönheit im Weltall. Zu diesen Gebilden zählte man die regelmäßigen Figuren, die in zweifacher Art, als ebene und als räumliche Gestalten, auftreten. Wäh­rend es in der Ebene unendlich viele regel­mä­ßige Viel­ecke gibt, finden sich im Raum nur 5 regelmäßige Vielflächner, also ebenflä­chig begrenzte Körper, bei denen alle Kanten und alle Winkel gleich sind: Tetraeder, Kubus, Ok­taeder, Do­dekaeder und Ikosaeder. Das Dodekaeder, dessen 12 Begrenzungsflächen aus re­gelmäßigen Fünfecken gebildet ist, wurde sogar zum Sinnbild der gesamten Weltraumord­nung. Die fünf soge­nannten „Platonischen Körper“ zogen natürlich die Aufmerksamkeit auf ihre Begren­zungsflä­chen. Regelmäßige Drei- und Vierecke sind rasch zu finden. Das regelmä­ßige Fünfeck ist be­deutend schwerer zu erreichen. Man gelangt dazu erst bei tieferem Einstieg in die ma­themati­sche Wissenschaft, mit Hilfe der Teilung durch den „Goldenen Schnitt“. Damit erklärt es sich, dass man gerade mit dem regelmäßigen Fünfeck (    ) man­che Vor­stellun­gen von geheimnisvollen Kräften und Eigenschaften verband. Da nun das Ver­hältnis des „Goldenen Schnitts“ an das regelmäßige Fünfeck gebunden ist, so verknüpften die alten Wei­sen mit ihm den Begriff der Vollkommenheit und Schönheit und projizierten diese Maßver­hältnisse in die himmlische, jenseitige Welt ihrer religiösen Vorstellungen. Das Pentagramm war nach spätpythagoreischer Lehre (Lukian, De laps. 5) Symbol des Heiles und der Rettung !

 

Deshalb wölbt sich um die Rosengaardsche Runenzeile ein ins unendlich Große wach­sendes und ins un­endlich Kleine weisendes Sternenzelt - bestehend aus Pentagrammen -, das nur vom mathemati­schen Verstande geschaut und begriffen werden kann (s. Abb. 5). Ein Gotteslob, wie es irratio­naler und abstrakter nicht auszudenken ist. Der Fünfstern war das Geheimzeichen der Pytha­goreer und, wie wir erkennen, auch der ger­manischen Runenmeister. Ihm hat man einen solch ho­hen Geheim­nisgrad zuge­messen, dass er als Schlüsselgedanke zwar gehandhabt, aber nicht ins Bild gesetzt wurde. Den fünfzackigen Stern verbarg man bewusst. Holtijar brachte Sterne der verschie­densten An­zahl von Zac­ken auf das Runenhorn, doch nicht einen mit fünf Spit­zen. Er punzte drei­spitzige Stern­chen, de­ren Linien nicht - andere aber sehr wohl - zum Pen­tagramm (mit zwei Spitzen nach oben) ausgezo­gen werden können (S. 333ff). Die kon­se­quente Verschleierung des geistig oder fakti­sch Vor­handenen wurde ebenso im Ge­füge des Runensat­zes beachtet. Er be­steht aus 5 Wörtern, doch durch Nutzung von nur vier Worttren­nern, also durch Zusammen­ziehung von ek hle­wagastiR zu einem Zei­lenblock, ent­standen die vier Buch­stabenfol­gen/Wörter, mit denen der Meister operierte. Aus diesen Be­obachtungen am Ru­nenhorn des Holtijar wird einmal mehr die Bestätigung für eine paral­lel­laufende runen­meister­liche Ver­ständnistradition linksläu­figer ODING-Zählweise ersicht­lich: Die linksläufig 5. Rune ist das man­naz-Urmensch-Zeichen (), welches das einzige runi­sche Line­argebilde ist, welches sich (bei aufeinanderzu­laufenden Standstäben) gedanklich zum Pen­tagramm/Drudenfuß (   ) vervoll­komm­nen lässt. Es ist nur folge­richtig, wenn wir daraus eine Aussage germani­scher Theologie schöpfen: Der Mensch trägt nicht nur anteilhaftig den Kosmos in sich - im Sinne der Hermeti­ker: „Mikro­kosmos gleich Makrokosmos“, sondern er gilt als grundsätzlich be­fähigt, sich ins Unendliche hinauf-, aber auch hinabzuentwickeln.

 

Ein Anflug des tieferen Verständnisses erreicht uns mit dem Wort des Griechen Solon, der im Alter­tum zu den sieben Weisen gerechnet wurde: „Viel Gewaltiges gibt es auf Erden, doch das Allergewaltigste ist der Mensch.“ Und Aristoteles legte dar, dass allein der Mensch der reinen theoretischen Betrachtung fähig sei und diese Qualität dem göttlichen „Denken des Denkens“ gliche. In sämtlichen indogermanischen Sprachen hat das Wort „man“ seine Wur­zeln in der Bedeutung „denken, geistig erregt sein“; das ist auf „Mensch“, also auf Mann und Männin, Mann und Frau, gleichermaßen bezogen. So fällt es nicht schwer, jene religionsge­schichtliche Verknüpfung nachzuvollziehen, die die hellenistischen Glaubenssysteme, insbe­sondere gnosti­sche Schulen, durchzieht, dadd nämlich der „Urmensch“ und die „Weltseele“ identisch seien. Unter dem „Urmenschen“ verstand man die inkarnierte Gotteskraft, also ei­ne mit Weltma­terie vermischte göttliche Emanation. In der Gnosis, insbesondere im Ma­nichäis­mus spielte die 5-Teilung die entscheidende Rolle: Wie die Lichtwelt, so bestand der Ur-mensch () aus 5 Gliedern, die jedes für sich auch als selbständige Gottwesen gefasst wur­den, und diese Art der Teilung setzte sich durch alle Eigenschaften Gottes oder der Seele oder der Welt fort. Nach jenen altgläubigen Betrachtungen ist mit der urzeitlichen Ver­mischung von irdischem Stoff und göttlichem Geist auch die Menschensehnsucht nach Erlösung von der Ma­terie und ihren körper­be­dingten Krankheiten erzeugt worden. In die Idee vom Urmenschen projizierten die Gläubigen ihr ei­genes erlö­sungsbedürfi­ges Menschsein hinein und erhofften, dass er - ihr an­drogyner Ur­stammvater - als Heilbringer wiederkommen möge, um sich und seine Men­schen­kinder in ei­ner gotterbarmen­den Rettung­stat zu erlösen. Bekanntlich gelang es der einzig auf den Juden Schaul/Paulus zu­rückverfolgba­ren christianischen Hoffnungskonstruk­tion, diese breite iranisch-hellenistische Glaubensströ­mung für ihre eigenen Zwecke zu nutzen, indem sie einen der vie­len galiläischen Wanderpre­diger (Jehoshua/Jesus) als diesen wiederge­kommenen „Ur­menschen“-„Menschen­sohn“ be­zeichnete. Dass der uns namentlich unbekannt gebliebene altgerma­ni­sche Runen­schöpfer mit seinem „Ur­mensch“-Symbol: (das die Be­zeichnung man­naz trug) Ge­danken ver­band, die jenen an­geführten sehr verwandt gewesen sein müs­sen, er­weist allein jener Um­stand, dass die gematri­schen ODING-Wortwerte von mannaz und von Seelen-/Geistgott woda­naz identisch sind: m 5 + a 21 + n 15 + n 15 + a 21 + z 10 = 87 so­wie: w 17 + o 1 + d 2 + a 21 + n 15 + a 21 + z 10 = 87. „Ur­mensch“ und „All­va­ter“ müssen demnach als weit­gehend deckungs­gleich erachtet worden sein. Wir sehen aber auch, dass sich der geniale „Hol­tijar“ in diese geistige menschlich-göttli­chen Wesenseinheit einge­bunden fühlte: h 16 + o 1 + l 4 + t 8 + i 14 + j 13 + a 21 + R 10 = 87. Die geheim­nis­volle, uns nebulös anmu­tende Hochschätzung der Zahl 5 im Ru­nenkunst­werk des Hainprie­sters Hle­wagast-Holtijar ist also bei Berücksichtigung der antiken Glaubensin­halte nicht mehr gar so un­verständlich.

 

Da die rechtsläufig 13. Stelle der runischen FUTHARK-Buchstabenreihe von der Eiben-/Welt­baum-/Weltraum-Rune einge­nom­men wird, geht Klingenberg naheliegenderweise da­von aus, die Prei­sung der 13 be­zöge sich auf den germanischen Wel­ten­baum, dem Sinn­bild der Aller­hal­tung. Liest und nume­riert man die Runenreihe jedoch linksläu­fig, steht an 13. Stelle die Jahr-/Weltzeit-Rune . Dann erst ergibt sich Deckungs­gleichheit zwi­schen Zahl und Begriff. Die 13 ist im anti­ken Denken unstrittig ein Zeitsymbol. Der Mondlauf glie­dert sich in einen 13-Tage-Rhythmus - bekannt­lich ist der siderische Monat um mehr als zwei Tage kürzer als der synodi­sche, so dass der Mond etwa 13 Tage über und 13 Tage unter dem Äquator weilt. Das 13-Monats-Jahr reguliert als Schalt­jahr die Ord­nung der Zeit - die 13 war hei­lige Zahl des arisch/erani­schen Zeitgottes Zervan. Vier Worteinteilungen zum Lobe der 13 nahm Hol­tijar vor; 4 x 91 (= Aufsummie­rung der 13) ergibt 364, die Annäherungszahl der Son­nen­jahres­tage. Ein beliebtes Spruchrät­sel vom 13-Monats­-Jahr läuft durch die germanischen Sprachen: „Ich weiß einen Baum hoch auf dem Ge­birg mit 13 Ästen, vier Zweige auf jedem Ast...“, so heißt das Jahrbaum­rätsel im Mecklenburgischen. Bestätigt wird diese Vermutung vom Ru­nen­horn selbst, es hält eine schlüs­sige Jahres­zeitrech­nung bereit:  In den drei obersten Bild­rei­fen - Klin­genberg defi­niert sie als Spiegel der Göt­terwelt - stehen 49 (Quersumme 13) Him­mels­lichter/Sterne mit 365 Zacken, d.h. die genaue Tagesan­zahl eines Sonnenjahres (S.403). Er schreibt (S.64): „Die machtvolle Dreizehn könnte zur Jahresmystik gehören“ und (S.402): „Zur räumlichen Ord­nung („Welteibe“) tritt die zeitli­che Ordnung des Kosmos“.

 

In auffälligster Weise korrespondiert das Runenhorn von Rosengaard mit dem Bisonhorn, wel­ches die „Venus von Laussel“ (Dordogne) in ihrer Hand hält. Das Relief ist von einem Künst­ler des Aurignacien vor 16 bis 20 tausend Jahren modelliert worden. Es handelt sich um eine der ältesten fülligen Frauengestalten, die als „Venusfiguren“ in die Literatur eingingen. Das Bi­sonhorn von Laussel trägt 13 Einkerbungen, weshalb es als Mondsymbol ver­stan­den und mit dem 28tägigen Mondkalender in Verbindung gebracht wird (28 x 13 = 364). Demnach ver­knüpfte schon der steinzeitliche Mensch im fruchtbarkeitskultischen Sinnbildver­band den Mond (Mondhorn) mit dem Stier (Stierhorn) und der beleibten All­mutter. Dass die Zeit gut sei, füllig und fruchtbar werde, dar­auf laufen schließlich alle menschlichen Hoffnun­gen hinaus. Die germanische Rune des „Gu­ten Jahres“, der „Guten Zeit“, ist eben dieser 13. Buchstabe , der in seiner Form (ins­be­sondere bei runder Schreibweise) nichts anderes dar­stellen wird als die beiden Mondsi­cheln/Mondhörner des zu- und des abnehmenden Mondgan­ges - galt doch der Mond als Mei­ster der Zeit, als Regulator des Jahres.

 

Mit dem Dargelegten klärt sich das Verständnis des Runenpriesters Holtijar hinsichtlich seiner „angehimmelten“ 13. Unter diesem Zahlwert verbargen sich die beiden wichtigsten religiösen Begriffe überhaupt: Raum und Zeit - verkörpert von zwei Schriftzeichensymbolen, dem einen für Eibe = Welten-Baum/-Raum und dem anderen für Jahr = Welten-Jahr/-Zeit. Daraus ergibt sich die Folgerung, dass Holtijar- andere Runenweise werden es geradeso gehalten ha­ben - die beiden möglichen gematrischen Ru­nensysteme gleichzeitig beobachtete. Es ist somit denkbar, dass man den Umstand, für jede Rune - je nach links- oder rechtsläufigem Le­sever­ständnis - zwei Zahlenwerte bereitstellen zu können, als gegenseitige Ergänzung begriff - im Sinne, dass jedes Ding zwei Seiten habe. Der Raum hat ein Oben und ein Unten - die Zeit kennt nur Vergangenes und Zukünftiges - der Tag besteht aus Hell und Dunkel, das Jahr aus Sommer und Winter - die Runenreihe beinhaltet eine links- und eine rechtsgewendete Be­trachtungsweise.

 

Allein aus jener ursprünglichen Mond-/Zeit-Bezogenheit der 13 ist ihre ambivalente Wertung in den verschiedenen Weltkulturen und letztlich auch ihr heutiger vorwiegend übler Ruf er­klärbar. So launisch-wechselhaft sich das Mondwesen darstellt, so steigt und fällt die Zeit - mal macht sie die Menschen satt und dann lässt sie uns wieder hungern. Die 13 ist weder „gut“ noch „böse“, sie ist hauptsächlich ein Symbol der wechselhaften Dauer, des kreisenden Auf- und Ab, dem die materiellen Dinge unterworfen sind. Der Weltenbaum besitzt Wurzel und Krone, das Jahr bringt mit seiner Wärme und Fruchtbarkeit das Leben, und es bringt mit sei­ner Kälte und Dürftigkeit den Tod. Die 13 rief den Wissenden einstmals das für Menschen­hirne Schmerzhafteste in Erinnerung: die vergängliche Flüchtigkeit aller Erscheinungen - auch, und insbesondere die Endlichkeit ihrer eigenen Körper. Wer gewillt war, einen 13er-Zauber oder ein 13er-Gebet zu senden, der beabsichtigte nicht, das „Böse“ zu bannen, sondern er bat um Aufschub des Endes, er bat um Bestand des (harmonischen, durch die 5 oder 6 ver­sinn­bildlichten) Weltgefüges - vielleicht bat er sogar um den Erhalt der sich gegenseitig bedin­gen­den Weltpolaritäten.

 

Eine Auffälligkeit der Rosengaardschen In­schrift ist die Nichtbeachtung, mithin die rela­tive Zweitwertigkeitserachtung der rechtsläufigen Runenlesung, die bekanntlich mit den 6 Buch­staben = fuðark, beginnt. Die Beweggründe dafür müssen insbesondere des­halb wi­der­sprüch­lich erscheinen, weil Holtijar eindeutig der rechtsläufigen Gematrie in bewun­derns­wer­ter Per­fektion Ausdruck verlieh. In dieser Hinsicht mag die raffinierte Langzeilen­dich­tung von Ro­sengaard zunächst immer noch rätselhaft bleiben. Die ersten drei Runen rechtsläufiger Le­se­richtung er­scheinen in ihr nicht ein­mal. Holtijar hob aber den Beginn der linksläufigen Runen­reihe derge­stalt hervor, dass er sei­nen zahlenzauberischen Satz mit tawido, alsoden Buchsta­ben , enden ließ. Es sind die bei­den ersten Runen - in richtiger Reihenfolge - des linksläu­figen Ver­ständnis­ses. Ihre Lesung lau­tet „Od“ (germ. „Seele“)- die Stammsilbe des germani­schen Gottesbe­griffes. Der Od-Gott (Seelengott / Ru­nen­gott) war ja kein anderer als Woda­naz (der spätere Oðinn), dem auch nach Überzeugung Klingenbergs die letztliche dienende Hul­digung der Ru­nenmei­ster vom Schlage des Holtijar gegolten hat. Wolfgang Krause 4, Altmei­ster der Runen­for­schung, führte zur rechtsläufig zu lesenden „do“-Reihenfolge aus (S.10 u. 13): „Das Futhark von Kylver endet mit do, entsprechend ...o in dem Futhork des Themsemessers und in eini­gen anderen angel­sächsi­schen Runenreihen. Be­sonders bemerkenswert ist auch die Tat­sache, daß Hrabanus Maurus bei seiner Behandlung verschiedener Systeme von Geheim­runen o als letzte Rune der ganzen Reihe voraussetzt, überliefert in der St. Gallener Hand­schrift“, „...ist die Reihen­folge der Ru­nen 23-24 do ver­mutlich uralt.“ Die Inschrift des got­tesdienstli­chen Hol­tijar-Hornes endete demnach mit Si­cherheit nicht rein zufällig mit der be­deutsamen „d-o“-Folge - welche linksläu­fig als germ. „od“, (an. „óð“) also „Seele“, zu lesen ist. Mir er­scheint daraus der Fingerzeig des Gold­horn­schöpfers ablesbar, auf das „rechte Ende“ der Ru­nenreihe - als den eigentlichen, gehei­men Angelpunkt und An­fang des germa­nischen Buchsta­bensy­stems - hin­deuten zu wollen. Denn ebenso wie im ODING-Buchstabenrei­gen, dürfte strenggenommen am Beginn jeglicher Schöpfung nichts anderes gedacht werden können als ein seelengestaltiger Werdeimpuls.

 

Wie erklärt sich nun Holtijars rechtsläufige FUTHARK-Gematrie bei gleichzeitigen Fingerzeigen auf linksläufige ODING-Wertschätzung ? Holtijar war willens, jede mögliche Spur auf seinem goldenen Kultgebet, die zur wahren Bedeutung der „5“ hätte hinführen können, beharrlich und folgerichtig zu vermeiden. Folgte er diesem Plan - was nicht anzuzweifeln ist -, dann war er ein Gefangener seiner eigenen Konsequenz und musste sich den Gebrauch des 5. ODING-Buchstabens () mit dem Lautwert „m“ verbieten - er vermied ihn tatsächlich in seiner Ru­nen-Lang­zeile. Wenn er auf diesem eingeschlagenen Gedankenweg weiterschritt, gelangte er zwangsläu­fig an den Punkt, an dem er sich sagte, dass auch linksläufige Zählweise deshalb nicht benutzt werden dürfe, weil sie unvermeidlich zur 5. Rune als dem Bildkürzel des Pentagram­mes sowie zu dessen Begriffswert mannaz mit seinem theologischen Verständnisumfang hin­weisen müsse. Er benutzte die rechtsläufige Gematrie, in welcher an 5. Stelle das unver­fängli­che „r“ steht. Die Götter lieben das Geheimnisvolle, das dem Menschenhirn zunächst völlig Unverständliche. Allvater und seine Adepten würden die heiligen Rätsel schon raten. In oder mittels Runen verbergen, verhüllen - „fela i rúnom“ - war das Ziel der Runenmeister. Holtijar hat seine selbstgestellte Aufgabe großmeisterlich gelöst.

 

Dem Buch von Eric Graf Oxenstierna 5 war die Information zu entnehmen (S.192), dass die ältere Fundort­bezeichnung der Goldhörner noch Anfang 17. Jh. Rosengaard gewesen sei. Weil beide Fundstellen im Bereich des Landweges lagen, könnten die Hörner im Verlauf eines dramatischen Gesche­hens, etwa durch einen Reiseunfall oder -überfall, in den Boden gelangt - also ursprünglich an einem ganz anderen Platz zu Hause gewesen sein. Doch hören wir, was das „Handwörterbuch d. dt. Aberglaubens“ zum Stichwort „Rosengarten“ beisteu­ert: „Ro­sengarten dient zur Be­zeichnung von Friedhö­fen, ... sowie Versammlungs-, Fest- und Ge­richtsplätzen. ... und als Garten des Zwergenkönigs Laurin. ... Manchmal sind es Orte, wo rö­mische und prähistorische Funde gemacht wurden. Die einen suchen im Namen R. mythi­sche Beziehungen. Die R. seien alte heidnische Begräbnis- und Kultplätze, wo man die Früh­lings­spiele abhielt. Sie waren mit Dornen, Hagrosen be- oder umpflanzt. In den R.-Epen findet man Spiegelung alter Frühlings­kampfspiele, und die Zwerge deuten auf Beziehungen zum To­tenreich. ... Die Rose und ihr Name sind in Deutschland erst um 800 herum einge­führt wor­den; sie müßte also eine ältere Bezeichnung für die mit Dornen umhegten Begräb­nisplätze ersetzt haben.“ Diese Aussage ist in höchstem Maße erstaunlich, da sie in mehreren Punkten deckungsgleich ist mit den Gegebenheiten um die Goldhörner des zwergwüchsigen Holtijar. Wir werden zur Annahme ge­drängt, den Fundort im weiteren Sinne mit ihrem Ent­stehungs- und Aufbewah­rungs­ort gleichzusetzen. Bei Rosengaard ist der heilige (Eiben-)Hain zu vermu­ten, in dem der Hainpriester Holtijar lebte und seinen Gottesdienst versah.

 

Dieser Fundortname grenzt, wie so vieles im Zusammenhang mit den Goldhörnern, ans Wun­derbare. Was Holtijar auf seinem Kunstwerk sub rosa („unter der Rose“), also unter dem Sie­gel der Verschwiegenheitmitteilte, war das geheime Symbol, welches das Verständnis vom harmonischen Gefüge des Menschen und des Weltalls hütete: das Pentagramm. Die wilde Rose (Hagrose) selbst ist so gebaut, dass genau zwischen den fünf rosafarbenen Blütenblät­tern die fünf grünen Kelchblätter stehen, damit das Innere der noch geschlossenen Knospe vor dem Eindringen schädlicher Einflüsse geschützt ist. Die fünf spitz zulaufenden Kelchblätter sind einander nicht gleich. Drei im Dreieck angeordnete Blätter weisen behaarte Ränder auf, zwei gegenüberstehende Blätter besitzen glatte Ränder. Diese sonderbare, aber systematische Ab­folge hat schon früh grübelnde Menschen dazu gebracht, die Kelchspitzen mit Linien so nach­zuzeichnen, dass zuerst die drei Behaarten und dann die Haarlosen verbunden werden: Die Striche ergeben das mystische Pentagramm. Ganz allein dadurch wurde die Heckenrose, die so sorgsam ihr Knospen-Heiligtum vor der Außenwelt abschließt, ebenfalls zum Abbild des Geheimnisvollen und Verschwiegenen. Im Hochmittelalter brachte man ihr Bild überall dort an (Weinstuben, Ratssäle, Beichtstühle), wo es galt, „im Namen der Rose“, also in abge­schlossener Ver­trautheit, miteinander zu reden. So stimmt rätselhafterweise selbst die alte Fundplatzbezeich­nung mit dem Symbolismus des geheimen Runen-Zauberwerkes von Hle­wagast-Holtijar über­ein.

 

Jene These, dass die Rosengärten mit heidnischen Frühlingsfestspielen in Verbindung zu brin­gen seien, wird gestützt durch die Forschungen von Willy Hartner 6, der nachwies: Die bei­den Hörner müssen im Kultzusammenhang mit dem germanischen Haupt-Frühlingsfest, dem Sigrblot, in den Neumondnächten des April vom Jahre 413 gestanden haben. Sigrblot wurde gehalten zur 5. Jahres-Neumondphase (vom wintersonnwendlichen Jahresanfangs-Neumond aus gerech­net), als höchste Frühlings-Opferfeier, unter dem Motto: til sigr - at sumri, wie es in altnordischen Quellen heißt - sie läutete den Sommer ein -, vergleichbar mit dem spä­teren christlichen Ostern. Hartner fand im Bildwerk des runenlosen Hornes die Dar­stellung der Ge­stirnkonstellation, die wäh­rend der totalen Sonnenfinsternis am Wo­tanstag/Mittwoch, dem 16.5.413 um 14.15 Uhr, im Raum Rosengaard/Tondern sichtbar wurde. Ausgerech­net während der Kultfeierlichkeiten des Sonnensie­ges musste die von weit herbeigeströmte Feier­gemeinschaft erlebten, wie sich das „Siege-Ge­stirn“ so machtlos-unfähig erwies, dass es sein eigenes Verschlungenwerden durch die Finster­nismächte nicht abzuwehren vermochte. In den letzten 21 Jahren waren nicht weniger als 19 Mondfinsternisse vorausge­gangen - eine totale nur ein halbes Jahr zuvor, am 4.11.412. Welche religiöse Erschütte­rung aus solchen Er­leb­nissen ent­stehen musste, lässt sich denken. Die Frage stand im Raum, ob es sich mögli­cher­weise um Vorankündigungen des Weltunter­ganges, des Ragnarök, handeln könnte. Diese große Herzensnot seiner Gemeinde, die allge­meine Zukunftsangst, von der er selbst, trotz all seines Wissens, nicht unberührt ge­blieben sein dürfte, wird die dramatische Hauptveranlassung für das Meisterwerk des Hlewagast-Holtijar gewesen sein. Der stärkste Ru­nenzauber sollte hel­fen und die Notwende erzwingen - eine grandiose Bitte um Aufschub der Katastrophe wurde den göttlichen Mächten entgegengesandt.

 

Die germanische Vision vom Weltende blieb im eddischen Völuspa-Gedicht (Strophe 45) er­hal­ten: „Es schlagen sich Brüder und morden einander, die Bande des Blutes brechen, Schwe­ster­söhne verderben die eigene Verwandtschaft; arg ists in der Welt, viel Unzucht [Hurerei] gib es -, Beilzeit, Schwertzeit, zerschmettert werden die Schilde [der Schutz]; Windzeit, Wolfszeit, bevor die Welt einstürzt -, kein Mensch will den an­dern scho­nen.“ Geradeso mussten die Zeitläufte der Hörnerentstehung anmuten. Die ganze bekannte Welt war im Aufruhr, die alte Ordnung zerbrach. Der urplötzliche Einfall hunnischer Schrec­kenshorden erschütterte Europa. Allein in den Jahren 405 bis 418 geschahen gewal­tige Um­wälzungen: Das römische Weltreich lag gedemütigt darnieder - nordisches Volk tri­umphierte. Starke ger­manische Scharen fielen zwar unter dem Goten Radageis in Italien ein, wurden aber von dem röm. Heermeister Sti­chilo vernichtet. Vandalen, Quaden, Alanen überschritten nach Kämpfen mit den die römi­schen Grenzen verteidigenden Franken den Rhein und ergossen sich über Gallien. Die silingi­schen Vandalen siedelten sich in Andalusien an. Die Burgunder und Alamannen schufen ein Reich am Mittelrhein und wandten sich dem arianischen Christentum zu. Aber rom­freundli­che und romfeindliche Parteien standen gegeneinander und würgten sich gnadenlos wie Ur­feinde. Die verhasste Stadt Rom, blutiger Vampir der Völker, erlag endlich westgoti­schen Heeren. Sie wurde eingenommen und geplündert. Doch Alarich starb in Unter­italien. Sein Schwager At­haulf  wollte nun gar mit gotischer Kraft das römische Reich erneu­ern - er er­oberte Barce­lona, man ermordete ihn dort - sein Bruder Wallia vernichtete in römi­schem Dienst die silingi­schen Vandalen und Alanen. Zur tatarischen Gefahr aus den Osträu­men trat die Sorge um den Fortbestand der Väterreligion. Große Volksteile der nach Süden abgewan­derten Brüder ver­rieten den Glauben der Ahnen, sie wa­ren den Überredungskünsten einer neuen Gattung von Römlingen erlegen. Waren all diese Düsternisse, zusammengeschaut, nicht Grund genug, eine Weltuntergangsstimmung hervorzuru­fen - die die Antwort eines sich ver­antwortlich füh­lenden Hainpriesters erforderte ? Holtijar machte sich ans Werk - wir verdanken seinem technischen Künstlertum und seinem virtuo­sen Geist, dass neben dem oft genannten furor Teutonicus als Haltung frühen Germa­nen­tums auch die ratio Teutonica mit einem herrlichen Zeugnis in Erscheinung trat.

 
 
 
 
 
 
Quellenangaben:
1 Klingenberg, Heinz, Runenschrift - Schriftdenken Runeninschriften, 1973
2 Leisegang, Hans, Die Gnosis, 5.Aufl., 1985, S.41
3 Heß, Gerhard, ODING-Wizzod, 1993
4 Krause, Wolfgang, Die Runeninschriften im älteren Futhark, 1966
5 Oxenstierna, Eric Graf, Die Goldhörner von Galle­hus, 1956
6 Hartner, Willy, Die Goldhörner von Gallehus, 1969



Bilder: 1.) Goldhörner, 2.) Joachim Richard Paullis Zeichnung des zweiten, kurzen Hornes und seiner Runeninschrift, 3.) Nachzeichnung aus „Journal des savants“ von Denis de Sallo, 1678, 4.) die Runenzeile selbst, 5.) die endlose Vergrößerungs- und Verkleinerungsmöglichkeit des Pentagramms

Pin It