DIE NORDENDORFER SILBERFIBEL

Abb. 1 und 1 a/b

 

Die Nordendorfer Runenspange

 
Ein Zeugnis für die „Bekehrungsgeschichte der Alamannen"
bzw. für die Umerziehungsgeschichte der Deutschen

 

Schärfen wir doch den Blick für die großen gleichmäßig-beständigen Entwicklungsströmungen unseres Kontinents. Seit Anbeginn der Zeitrechnung arbeitet ein aus vielfältigen Quellen gespeister antinordischer Geist an der Befreiung der Deutschen von sich selbst. In den ersten Jahrhunderten wirkte der imperialistische, völkerversklavende Geist Roms, im Mittelalter die römisch-katholische Seelenvergewaltigung und seit protestantischer Reformation ist es der judäo-christliche Bibelgeist, welcher die Mitteleuropäer zur Selbstvergessenheit verführen möchte. Nach dem kurzen, krampfhaften, missglückten Versuch des „Dritten Reiches" diesen historisch unbestreitbaren Verfall aufzuhalten, sorgt nun ein mit jeder Fremdheit kollaborierendes Nachkriegsregime, nach dem Diktat einer gewaltigen-gewalttätigen internationalen Allianz, den verbliebenen Rest deutsch-germanischer Eigenartigkeit auszulöschen.

 

In solch einer Endzeit, in der die aufoktroyierte Selbstverachtung zum Katechismus der „political correctness“ gehört, muss zwangsläufig jeder, auch der schlichteste Selbstbestimmungsversuch, als „rechtsradikal" diskriminiert und zunehmend in die Ecke des Kriminellen gedrängt werden. Der Höhepunkt solch einer Pervertierung der Begriffe „rechts" und „rechtsextrem/rechtsradikal“ scheint noch nicht erreicht. Ein Heer fremdblütiger Missionare arbeitet seit Jahrhunderten Schulter an Schulter mit gegen sich selbst bekehrten / umerzogenen Menschen einheimischer Art an der Großen Mission der zunächst geistigen, letztlich aber biologischen Mediterranisierung, Balkanisierung, Orientalisierung. Warum eigentlich ? Es ist gewiss nicht jeder Mitarbeiter über die folgerichtige Stoßrichtung und Tragweite und das abzusehende Endergebnis dieser konzertierten Entnordungs- bzw. Aufsüdungsaktion im Klaren. Die meisten ließen sich wohl eher als schwache Geister einfangen und einbinden von den Trends bzw. den Modeströmungen, welche durch energische, hochmotivierte geistige Machtzentren initiiert und wachgehalten werden. Wer glauben machen möchte oder naiv genug ist anzunehmen, dass es sich bei einer über viele Generationen währenden gleichbleibenden Tendenz um ungesteuerte Zufälligkeiten handeln würde, muss sich die kategorische Entgegnung gefallen lassen: Es gibt keine Veränderungen in der Menschenwelt die nicht von Menschenhirnen gewollt, geplant und ausgeführt würden ! Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang das unverhüllte Geständnis des orientalischen „Menschenfischers" und Schöpfers des christlichen Ideenkonglomerates, des Saulus/Paulus (2. Kor.Br.12,16): „Doch es ist so, ich habe euch nicht belastet; weil ich aber schlau bin, so habe ich euch mit List gefangen .."

 

Mit „List gefangen nehmen“, gleich dem vorbildgebenden Paulus, scheint deutliche Absicht auch noch heutiger „Menschenfischer" zu sein. Kaum eine Sektion unseres Lebens bleibt vor ihnen verschont; von Kanzeln, Kathedern, Medienthronen herab wirken die Erzieher des „volkspädagogisch Wünschenswerten". Wer nicht gewillt ist, sich in die vom System verordnete geistige Schablone einzufügen, wird ungeachtet seiner Qualifikation solch einen „Sessel der Lehrbefugnis" kaum erreichen. Hochwillkommen ist da ein Professor vom Schlage des Philologen und Runologen, dessen Marotte es ist, germanische Runen-Inschriften wenn möglich als christlich initiiert zu „entlarven". 1) Er operiert indes mehr durch Verschweigen von Sachverhalten als durch Fehlinterpretationen. Worte Berthold Brechts treffen hier einmal den Punkt: „Der Dichter gibt uns seinen Zauberberg zu lesen. Was er, für Geld, dort schreibt, ist gut zu lesen. Was er, umsonst, verschweigt, die Wahrheit war's gewesen."

 

Der Runologe, von dem ich rede, erklärt auf Runenseminaren und in Publikationen, wie beispielsweise den Katalogen zu den aufwendigen Franken- und Alamannenausstellungen: „Die Hauptinschrift auf der großen Nordendorfer Bügelfibel ist ein besonderes inschriftliches Zeugnis für die Religions- und Bekehrungsgeschichte der Alamannen“, darin zeige sich „eine Hinwendung zum neuen christlichen Glauben." 2)

 

Der Professor steht mit solchen gewagten Thesen zwar nicht in der guten Tradition vorsichtig wägender fachkundiger deutscher Philologen, aber umso mehr in geistiger Nachfolge christlicher Missionare, deren bewusst betriebenes Geschäft die Übertölpelung unserer „schrift-(bibel-) unkundigen" mitteleuropäischen Vorfahren war. Der Lehrstuhlinhaber erklärt nun einem in punkto Runenschrift weitgehend unkundig gemachten Publikum, wie die Nordendorfer Inschrift im Sinne eines neudeutsch-korrekten Selbstverständnisses zu begreifen sei: „Die Götternamen Wodan und Donar (hier: ‚Weihe'- oder ‚Kampf'-Donar) fallen sofort ins Auge. Entsprechend hielt man auch logatore für einen Gott; die Götterdreiheit galt damit als der wichtigste Beleg für heidnischen Götterglauben der Alamannen. Nun läßt sich aber trotz allem Aufwand ein logaðore unter den bekannten germanischen Göttern nicht identifizieren. Lediglich die Beziehung zu einem literarisch überlieferten Wort altenglisch logðor in der Bedeutung ‚Ränkeschmied' ist sicher. Von der althochdeutschen Grammatik aus kann logaðore die Mehrzahlform eines Hauptwortes darstellen. I-III bedeuten dann: ‚Ränkeschmiede bzw. Zauberer (sind das): Wodan und Weihedonar'. Diese Absage an die alten Götter entspricht der Abschwörungsformel in den Taufgelöbnissen, wie sie in Handschriften des 9. und 10. Jahrhunderts überliefert sind. Kein heidnisches Glaubensbekenntnis ist hier in- schriftlich festgehalten, sondern mit der Verteufelung (Dämonisierung) der alten Götter - so wird in der Bekehrungszeit christlich umgedeutet (interpretatio christiana) - bekundet sich ein erster Zugang zum neuen Glauben.“ 3)

 

Jetzt haben wir es also schwarz auf weiß, gewissermaßen. Die runenschriftkundigen Germanen bezeichneten geradeso wie ihre romchristlichen Vergewaltiger die angestammten Volksgötter als „Ränkeschmiede", „Zauberer" oder „Lügner". Wie schön, wie erhebend für alle Kollaborateure, Konformisten, Angepasste, Bekehrte, Umerzogene - nun ist wieder mal ein Stücklein mehr der gewünschten Wahrheit ans Tageslicht gehoben worden: Schon unsere runenschreibenden Vorfahren waren - größtenteils zumindest - einsichtig genug, ihre eigenen Götter (sicherlich mitsamt ihrer wilden barbarischen ursprünglichen Wesensart) aufzugeben, um fürderhin dem von judäo-christlicher Seite gewiesenen besseren Weg der frommen Selbstverleugnung, Selbstverachtung und Selbstaufgabe zu wandeln. Wie dürfte auch das Verlangen nach echter umfassender Vergangenheitsbewältigung ausgerechnet vor den Runen halt machen ?! Warum sich der Professor vor diesen Karren spannen lässt, bleibt sein Geheimnis. Kein ungelöstes Geheimnis dürfte hingegen der echte Sinn der Nordendorfer Inschrift bleiben.

           

Die von dem Professor als christliches Glaubensbekenntnis gewertete Runenritzung befindet sich rückseitige auf der Kopfplatte einer alamannischen Gewandspange, einer sogenannten Bügelfibel damaliger Frauentracht aus der Mitte des 6. Jh. Sie wurde 1843 in einem Gräberfeld bei Nordendorf, nördlich von Augsburg gefunden. Die Fibel entspricht ganz dem allgemeinen Charakter nordgermanischer Schmuckproduktionen, mit ihren Motiven volksgläubiger Mythologie: Tierköpfe flankieren das Bügel-Ende, als Zentralmotiv prangt die Zierform einer Odal-Rune mit der Bedeutung „Erbgut“ (, welche nach Auffassung der BRD-Gesinnungswächter zu den umstrittenen bzw. verbotenen Zeichen gehört; „Spiegel“ 52/92). Mit der Abbildung 1 a habe ich die Odal-Rune für den ungeübten Beschauer germ. Ornamentete graphisch etwas verdeutlicht bzw. hervorgehoben. Zwei Schlingenzöpfe schmücken neben anderen altgläubigem Symbolen die Kopfplatte. Es findet sich nicht der geringste Hinweis, dass die einstige Besitzerin vom neugläubigen christianischen Ideengut infiziert gewesen sein könnte. (s. Abb. 1).

Abb. 2

Die Inschrift besteht aus vier rechtsläufigen Zeilen (s. Abb. 2), von denen zwei, an rechter und linker Außenkante beginnend, aufeinander zulaufen und an ihren Enden zusammengehen, so dass es sich um eine Langzeile zu handeln scheint. Indem ich diese beiden Runenkomplexe voneinander löse und einzeln vorstelle, hoffe ich, die gewünschte bessere Verständlichmachung zu erzielen.   

Abb. 3

Zuerst soll die Widmungsinschrift, also die Besitzer- oder Stifterbezeichnung besprochen werden. Die Zeichenfolge  = awaleubwinië (s. Abb. 3) ist unangefochten nach herkömmlicher Weise zu deuten als eine Aneinanderfügung zweier Eigennamen, nämlich dem einer Frau „awa" ( ) und dem eines Mannes „leubwini" (). Daraus ist am ehesten herauszulesen, dass es sich um ein Geschenk des Leubwini an seine Freundin / Frau Awa handelt. Jedenfalls wird dieses schöne Schmuckstück ein Liebespaar verbunden haben.

Abb. 4

Auffällig ist die letzte wegen Raummangels sehr enggezogene Rune  = ë‚ welche als Lautzeichen absolut unpassend ist. Vielmehr muss sie als glückbringendes oder schutzgewährendes Begriffssymbol „Eibe", germ. eihwaz, and. ïwa / ïgo verstanden werden. Der Eibe, dem germanischen Weltenbaum-Sinnbild, kam im alten Glauben höchste Heiligkeit zu 4)‚ so dass mit Sicherheit davon auszugehen ist. Der singrüne, uraltwerdende Eibenbaum, seine Zweige und sein Zeichen dürfen als Sinnbilder der Unvergänglichkeit auch glückliche Pfänder für jede Liebesbeziehung gewesen sein. Der/die Runenritzer/in kann sich keinesfalls als Christ verstanden haben. Wäre er/sie Christ gewesen, hätte er/sie jenes starke amuletthafte Symbol des heidnischen Weltverständnisses gemieden wie der Teufel das Weihwasser.

 

Wie wäre die gesamte eigenartige, zum Teil auf den Kopf gestellte Runenanordnung möglicherweise zu erklären ? Fest steht, dass die fachmännisch ausgeführte Götterinschrift (wohl von godischer, also geweihter Hand) zuerst eingraviert wurde (s. Abb. 4). Später ist die Widmung von Leubwini oder Awa mit ungeübter Hand dazugeritzt worden. Höchst verständlich, dass dies nun von anderer Seite aus geschah, denn auf eine Ebene mit den Gottheiten wollte man sich nicht stellen. Profanes und Göttliches sollte voneinander abgehoben werden. Diese Gewandspangen zeigen anhand ihrer Motive zweifelsfrei, dass einige mit der großen Hauptplatte nach oben, andere entgegengesetzt getragen werden sollten - wenn auch im 6. Jh. eine Moderichtung vorherrschte, die Fibeln paarweise in Schoßhöhe mit den Hauptplatten nach unten anzubringen. Falls nun Frau Awa die Spange am Gewand so befestigt hätte, dass sie durch leichtes Abkippen ihren und den Namen ihres Friedels (Geliebten) hätte bequem lesen können, dann stand die Götterinschrift auf dem Kopf. Dann vermochten aus den Höhen herab die Gottheiten ihre eigenen Namensnennungen, ihre Anrufung, also die an sie gerichtete Beschwörungsformel um Hilfe und Beistand leichter wahrzunehmen. Für die himmlisch-göttlichen Betrachter musste der naheliegendste, also erste, weil oberste Name, der des Himmelsgottes Wigi-Donar, sein. Der zweite des allgegenwärtigen Geistgottes Wodan, der unterste, letzte, erdnächste der des Ränkeschmiedes Loki. Die Logik gläubig hoffender Menschen war nie eine gleichsam mathematische - und doch, folgerichtig wäre diese Götterreihenfolge unter den genannten hypothetischen Voraussetzungen sicherlich.

 

Wenden wir uns dem wichtigsten Teil der Nordendorfer Inschrift zu, der Aufzeigung einer germanischen Götterdreiheit (s. Abb. 4).

                 = logaðore      = Ränkeschmied

                              = wodan          = Seelen- / Geistgott

             = wigiðonar     = Himmelsgott

Nun will der Runenprofessor wahrhaftig glauben machen, hier stünde keine 3-Götter-Nennung, sondern ein ganzer Satz, der besagen will: „Ränkeschmiede sind Wodan und Weihe-Donar" – obgleich das Hilfszeitwörtchen „sind" (and. sint) nicht vorhanden ist. Aber stellen wir zunächst einmal alle fachwissenschaftlichen Sprach- und Deutungsprobleme zurück. Überlegen wir doch ganz schlicht und einfach als Normalbürger, die menschliches Alltagsverhalten sehr wohl beurteilen können, ob es vorstellbar wäre, dass eine Frau auf die Rückseite ihrer Schmuckspange einritzen lässt oder selbst einritzt: Diese oder jene Götter seien Lügner ? Ein solches Verhalten würden wir als spleenig bis psychotisch einschätzen. Welchen Sinn sollte es auch machen, ein derart aggressiv atheistisches Bekenntnis verdeckt auf eine Gewandnadel zu schreiben ? Würden wir es andererseits nicht viel eher als menschlich normal akzeptieren, wenn wir hören, ein Schmuckstück sei zum Amulett, also Glücksbringer, aufgewertet worden durch die eingravierten Namen göttlicher Kraftmächte ?! Ja, warum trugen und tragen denn die Menschen ihr Kreuzlein oder ihr Thorshämmerchen um den Hals ? Wer den Gesamtzusammenhang im Auge behält und nicht den Fehler begeht, in unreflektierter Abgehobenheit die Runeninschrift losgelöst von ihrer Trägerin begreifen zu wollen, der wird der Realität näher kommen müssen.

 

Die Lesung der klar eingeritzten Runen verursacht keine Probleme. Wir lesen in 2. Reihe: „Wodan", die Bezeichnung der germanischen Seelen- / Geistgottheit, welcher christlicher Terminologie zufolge etwa dem „Heiligen Geist" entspräche. Der 3. Name lautet „Wigidonar", d.h. Weihe-Donar aus germ. wïgian; urnord. wiju, wigju; altnord. vigia, vigja, - altsächs. wïhian; and. wïhen = weihen / heiligen. Dieser Gottesname hat im Altnordischen viele Parallelen. Donar / Thor galt als der mit dem Doppelhammer segnende Gott. So tief und unauslöschbar prägte sich die Hammerweihe in Sitte und Brauchtum ein, dass daran jahrhundertelange christliche Umerziehungsarbeit nichts zu verändern vermochte. Aus der Nachweisfülle seien nur der Hammerschlag bei Grundsteinlegungen und Besitzübertragungen (den „Zuschlägen" der Auktionatoren) angeführt. Der alamannische „Wigi-Donar" des 6. Jh. entspricht dem altnord. „Vingðorr" im eddischen „Lied vom Thrym" (Þrymskviða 1,1) und „Lied vom Alwis" (Alvissmal 6,1) und wahrscheinlich auch dem „Vingnir" und „Vigðroti" (= Weihekräftiger) im „Lied vom Wafthrudnir" (Vafðruðnismol 51,4). 5) Ich selbst besuchte den Runenstein von Väne / Asaka in Westergotland / Schweden, dessen Schriftband mit dem frommen Wunsch endet: : (k-Rune nach jüngerem System geschrieben) „Þur uik" = „Thor weihe". Eine rituelle Formel, welche sich auch in der Form „Þur uik !" auf mehreren runischen Gedenksteinen in Dänemark wiederfindet.

 

Der Professor stellt es so dar, als gäbe es zur Lesung „Wigidonar" = „Weihe / Heil-Donar" eine alternative Verständnismöglichkeit: „Kampf-Donar", denn „wigi-" könne auch aus altnord. „vig" = „Kampf" erklärt werden. Dies ist zwar sprachlich möglich, doch der Terminus „Kampf-Donar" ist inschriftlich unbelegt und sollte, wenn keine entgegensprechenden schwerwiegenden Gründe vorliegen, auch unberücksichtigt bleiben. Natürlich muss zwangsläufig jeder Autor, der den heidnischen Sinn der Nordendorfer Runenspange anzweifeln möchte, zuerst einmal die altheilige Hochschätzung des Himmelsgottes als „Weihe-Donar" in Frage stellen. Denn sobald man von der unangekränkelten Lesung „Weihe-Donar" ausgeht, müsste der Spekulation über eine vielleicht antiheidnische Bedeutung jegliche Berechtigung verwehrt bleiben, wären doch von christlicher Seite unter keinen Umständen volksgläubige Gottheiten mit dem Adjektiv „heilig" betitelt worden !

 

Zudem verschweigt der Professor  den rein heidnischen Schmuckstil der Nordendorfer Fibel, er verschweigt das Vorhandensein der heidnischen Begriffsrune „Weltenbaum-Eibe , er verschweigt die Realität einer germanischen Göttertrias. Erst mittels solcher Vorarbeit schafft er sich den Freiraum, das dritte Wort der 3-Götter-Nennung „Logaðore" im gewünschten Sinne aus- bzw. umzudeuten. Es ist unrichtig, wenn er meint, es sei „bisher nicht gelungen, diesen Logaðore aus der Götterdreiheit im germanischen Götterhimmel ausfindig zu machen." („Alamannen“-Katalog S. 494). Alle drei Götternamen sind wohlbekannten germanischen Gottheiten zuzuordnen. Ja, gerade die Nennung der göttlichen Triade ist als starker Beweis für die altgläubige Gesinnung des Runenritzers zu werten. Indogermanen / Germanen richteten ihre religiösen Hoffnungen auf göttliche Dreigestirne - „Aller guten Dinge sind Drei". Davon profitierte nachhaltig die werbewirksam vorgetragene paulinische Trinitäts-Konstruktion des christianischen Missions-Systems, welche im jüdisch-essenischen Urkonzept gar nicht vorhaben war. Die zur sogenannten Taufe, also zur seelischen Vergewaltigung herangeschleppten germanischen Menschen wurden nicht selten nach Anwendung unaussprechlicher Scheußlichkeiten gezwungen, das Taufgelöbnis herzusagen. Ihren drei „unholden" heidnischen Göttern „Thunar, Wodan, Saxnot" mussten sie abschwören. Im Heiligen Hof zu Alt-Uppsala / Schweden zeigten die Goden drei Erbauungsstatuen der Götter Thor, 0din, Frikko. Das eddische Gedicht von der Weltentstehung „Völuspa" nennt in Strophe 18 drei göttliche Urmächte: Odinn, Hoenir und Lodurr, welche bei der Erschaffung des ersten Menschenpaares zusammenwirkten, und in den Skáldskaparmál („Dichtersprache" der Jüngeren Edda) sind es ebenso drei herumschweifende Götter, von denen berichtet wird: „Oðinn, Loki und Hoenir".

 

Völuspa 18,4 lautet: „lä gaf Loðurr oc lito góða", was übersetzt wird: „Blut/Lebenswärme gab der Loderer und schönes Gesicht/Gestalt". Loðurr, d.h. der Loderer, also Flammengott, ist ebenso als eine Bezeichnung für Loki zu verstehen, wie „Loptr" = „der Luftige" z.B. in „Lokis Streitreden" (Locasenna 6,2). per germanische Gott oder Dämon Loki von altnord. luka = schließen, ist der „Beschließer, Endiger", ein Feuergeist, so unberechenbar, so „unehrlich", wie es Flammen erfahrungsgemäß nun mal sind. Auf Island gab es die Redensart „Loki geht über die Äcker", wenn ein Brand die Wiesen versengte; „Lokis Späne" heißen die zum Feueranzünden verwendeten Späne. In Südnorwegen und Schweden gibt es Glaubensvorstellungen und Bräuche, die Loki mit dem Herdfeuer gleichsetzen. Hat man mit einem verwickelten Faden Schwierigkeiten, so sagen die Isländer: „Da ist ein Loki drin." Nach solchen im Volke noch fortlebenden Vorstellungen erscheint Loki als Feuer, Hitze und Unhold. Und da Mitgard, die Menschenheimat, nach altem Glauben Zyklus für Zyklus im großen Weltbrand endet, so ist Logi-Loki der Feuer-Endiger. Den Charakter Lokis erklärt die Jüngere Edda in Gylfaginning Kap. 33: „Zu den Asen [d.h. Göttern] rechnet man auch noch jenen, den einige den Streitbringer der Asen, den Urheber alles Truges und den Schandfleck der Götter und Menschen nennen. Er heißt Loki oder Lopt ... Loki ist schmuck und schön von Ansehen, doch böse von Gemütsart, äußerst mannigfaltig im Auftreten. Er besitzt eine allen überlegene Schlauheit, Abgefeimtheit nennen wir sie, und listige Mittel für jeden Zweck." Sehr verständlich wird durch diesen Text warum es Loðurr-Loki war der dem zu erschaffenden Menschenpaar speziell die genannten Gaben übertrug. Seine Geschenke Blut und blühende Farbe, schließt mit dem Warmen und Reizvollen zugleich das Gefährliche der Leidenschaft, der Verlockung und ungezügelt auflodernder Sinnlichkeit ein. 6) Ist das „schöne Gesicht" nicht oft die gefährliche Versuchung und Lüge in einem - das „listige Mittel für jeden Zweck" ?!

 

Würde die Scheinargumentation des Professors Schule machen, so könnte man auch von Loðurr behaupten, er sei im germanischen Götterhimmel so wenig aufzufinden wie der Logaðore der Nordendorfer Runenspange, denn beide Gottesbezeichnunen tauchen kein zweites Mal mehr auf in den Resten der zu uns gelangten Zeugnisse. Wer aber ehrlich sich bemüht, wie das viele scharfsinnige Forschergenerationen getan haben, wird auch heute und zukünftig neue sichere Positionen gewinnen können. Dieser Runen-Professor aber bedeutet für die Runenkunde und Mittelaltergeschichte Stillstand, wenn nicht sogar Rückschritt.

 

Der starke Einfluss aus Norddeutschland und Skandinavien in den alemannischen Raum ist hinlänglich erwiesen. Deshalb ist ohne Widerspruch hinnehmbar, wenn der Götterbegriff Logaðore Erklärung findet aus mehreren altenglischen Glossaren, die verschiedene Formen wie „Logeðer, Logðor, Logðer" für „Ränkeschmied" bzw. „Zauberer" angeben. Dies erkannte schon der große Altmeister Wolfgang Krause. 7) Die Etymologie des ersten Wortteils „loga-" ist unsicher, fußt aber wahrscheinlich auf der germanischen Wortsippe von and. liugan, lug = Lügen, Lug. Dazuzuschauen sind altengl. loga = Lügner, logðer = schlau, listig, altir. logaissi = Lüge; vielleicht auch bei Schwund des Gutturals (g) altengl. „loðer" = Liederlicher und loðerung = Täuschung. Der germanische Gegengott Loki wird in der Edda als der titanische Ränkeschmied und Zauberer, die personifizierte Lüge, geschildert. Woher nimmt der Professor die Chutzpe, zu behaupten, einen Logaðore habe man im germanischen Pantheon nicht auffinden können ? „Groß war Loptr [Loki] im Lügen !" heißt es im Þorsdrapa der Skaldskarpamal, Kap. 18, 21. Richtige, faustdicke Lügen heißen auf Island noch heute: Loki-Lügen.

 

Der zweite Wortteil „-ðore" - verwandt mit dem Begriff des nordischen Himmels-/Donnergottes Þor / Þur - leitet sich ab von altengl. ðuren / ðweran = rühren, schlagen, hämmern, schmieden; and. ðweran = umrühren, mischen. Deshalb also „logaðore" = Lügenschmied. Die e-Endung möchte der Professor als Pluralbildung ansehen („Lügenschmiede sind ...), damit er sie auf die beiden folgenden Götternamen beziehen kann. Im AltengL, aus dem der logaðore ja gedeutet wurde, kennen wir zwar etliche maskuline Pluralbildungen mit e-Endungen; ich fand jedoch auch ca. 25 ebensolche maskuline Nomina - zumeist Berufsbezeichnungen - der Singularform. Logaðore = Zauberer, stellt dem Sinne nach ja auch eine Berufsbezeichnung dar. Einige dieser Begriffe seien hier vorgestellt: Þyle = Sprecher, Spaßmacher; Hloðere = Räuber; Laeke = Arzt; Esne = Arbeiter, Diener; Witnere = Peiniger; Wime = Freund, Beschützer; Pottere = Töpfer usw. Als viel naheliegender erscheint also, daß mit dem logaðore eine männliche Einzahl gemeint war, nämlich der frühe Kult- oder Beiname des späteren - eddischen Loki-Dämons.

 

Es handelt sich bei dieser kosmisch gedachten Kraft der Verneinung und Zerstörung, um den Titan des Verderbens, der in ahrimanischer, satanischer, luciferischer Gestaltung auch in den anderen Religionskulturen auftritt. Am wenigsten ist ein Verwundern berechtigt über die Nennung bzw. Anrufung dieses argen Gottes/Dämons auf der Nordendorfer Spange, entspricht es doch menschlich-allzumenschilcher Logik, den Versuch zu wagen, die Kräfte des Oben und des Unten gleichzeitig zum Dienst zu verpflichten. Gehört das oder der Böse nach alter Überzeugung doch selbst zur Schöpfertrias der Menschheit. Es gab viele Vorläufer des goetheschen Magister Faust, dem der Mephisto/Loki zum zeitweilig tüchtigen, wenn auch zweifelhaften Helfer wurde. Die Faust-Sagen, die von einem berichten, der den Teufel beschwört, um mit ihm einen Bund zu schließen, wurden erst im 16. ]h. aufgezeichnet, das Thema aber ist uralt.

 

So muss also der runenprofessorale Deutungsversuch der Nordendorfer Runeninschrift, es handele sich um eine von christlicher Seite erfolgte Götterdiskriminierung, als schlimmer Missgriff abgelehnt werden. Kein einziger antiheidnischer Hinweis findet sich an der Spange selbst. Das nötige Hilfszeitwort ist nicht vorhanden; die e-Endung von „logaðore" spricht nicht zwanghaft für Pluralbildung. Im Gegenteil, eine Götterbeschimpfung im Schmuckstück der Frauentracht, mutet unsinnig an. Die Bezeichnung „Weihe / Heil-Donar", sowie das Schutzzeichen „Eibe" erweisen fromme heidnische Denkungsart. Die nüchtern-sachliche Abwägung lässt nur einen Schluss zu: Das Nordendorfer Runenbekenntnis bleibt ein wichtiger Beleg für die Volksreligion der Alamannen.

 

Zwar lässt sich Goethes auf die Geisterwelt bezogene Theorie, man könne „das Wesen gewöhnlich aus dem Namen lesen", kaum als sichere Hilfsformel der Menschenkenntnis anwenden - doch „nomen est omen" - seltsam stimmig ist der Name des Professors, eine niederdeutsche Lautung für den von mir verniedlichten hochdeutschen Begriff „Teufelchen". Ich meine es wirklich achtungsvoll und augenzwinkernd, schmunzelnd, denn ich unterstelle dem kompetenten Professor nicht mehr als eine Eulenspiegelei. Jene christliche Bezeichnung für die große Macht der Lüge, der Täuschung, des Blendwerkes, welche unsere germanischen Vorfahren mit der Metapher logaðore/ loðurr/ loki umschrieben, lebt in allen ihren Schattierungen und Gradationen selbstverständlich bis auf den Tag weiter. Das Weltverständnis unserer germanischen Ureltern kann so untauglich nicht gewesen sein. Ersichtlich inkarniert der archetypische Ränkeschmied immer wieder aufs Neue, um seinen Schabernack mit uns geradeso zu treiben, wie er ihn in mythischen Urzeiten mit den Göttern von Asgard trieb. Und ist auch manch einem der „Lügen-Teufel" ein unverzichtbarer Verbündeter - wir wollen ihm ebenso unerschrocken, ausdauernd und beharrlich entgegentreten, wie er uns anfällt und in Versuchung führen will. Die Nordendorfer Runenspange ist, wie wir erkennen durften, alles andere als ein Beweis für die alamannische Annäherung an den christlichen Fremdglauben. Vielmehr ist sie ein klarer Beleg für die germanische und ebenso altdeutsche Volksreligiosität in einer Jahrhunderte währenden Kontinuität bis hinein in die hochmittelalterlichen, nordgermanisch-isländischen Zeugnisse der Edda.

 
Fußnoten:
1.) Gerhard Heß, „Gottesstreiter oder nur Maskenfeind - Runenschnalle von Pforzen“, 1997
2.) Ausstellungskatalog „Die Alamannen", 1997, S. 494 (Archäolog. Landesmus. Ba.-Württ., Stuttgart)
3.) Ausstellungskatalog „Die Franken I.", 1996, S. 544f (Reiss-Museum Mannheim)
4.) Gerhard Heß, Die Weltbaumrune, 1998
5.) Wolfgang Krause, „Die Sprache der urnordischen Runeninschriften“, 1971, S. 66
6.) Georges Dumézil, „Loki“, 1959, S. 231ff
7.) Wolfgang Krause, „Runeninschriften im älteren Futhark“, 1966, S. 292ff
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