Weser-Runen-Knochen sind echt !

Runenschrift und Schiffsritzung auf 4. Weser-Knochen. Ein vergleichbares röm. Handelsschiff wurde 1910 in London / County-Hall ausgegraben. Der Bau des Schiffes wurde auf etwa 300 n.0 durch Dendrochronologie datiert.

 

Die Weser-Runen-Knochen

Einen sehr peinlichen Augenblicke in seiner wissenschaftlichen Laufbahn erlebte Prof. Hugo von Buttel-Reepen auf einer Archäologen-Tagung in Oldenburg im Jahre 1928.

Anlässlich der Tagung im Naturhistorischen Museum, deren Ausrichtung er in seiner Funktion als Museumsdirektor selbst übernommen hatte, stellte er neue Funde vor: Geschliffene mesolithische Flintartefakte und mehrere Knochenfragmente mit Runeninschriften. Doch die Resonanz war anders als erwartet. Der Professor sah sich mit Witzeleien und Gelächter konfrontiert. Das postulierte „Weser-Mesolithikum“ wurde in der anschließenden Diskussion als Fälschung bezeichnet, und was die Runenknochen anbetraf, fiel selbst der ehrwürdige Professor Schwantes dem Direktor plötzlich in den Rücken. Zwar hatte Schwantes kurz zuvor mit sechs weiteren Koryphäen der Ur- und Frühgeschichte noch die augenscheinliche Echtheit der Funde attestiert, aber angesichts der Fundgeschichte kamen ihm nun Zweifel.

Während es sich bei den Flintartefakten in der Tat um Fälschungen handelte, zogen die Weser-Runenknochen eine nicht enden wollende Debatte nach sich, die über Jahrzehnte anhielt. Was hatte es auf sich mit den Funden, die Prof. von Buttel-Reepen derartiges Ungemach einbrachten?

Ein Herr Ludwig Ahrens, Bademeister des Strandbades Harriersand auf der Weserinsel nördlich von Bremen, betätigte sich nebenbei als emsiger Hobbyarchäologe. In den Jahren 1927 und 1928 hatte Ahrens dem Museum eine größere Zahl von Funden überlassen, die vom Strand der Weser in der Umgebung von Brake stammten.

Unter den Artefakten befanden sich sieben Knochenfunde von Rind und Pferd, mit eingeritzten Zeichnungen, drei Runen-Inschriften und „Eigentumsmarken“.

Auf einem der im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg aufbewahrten Knochen findet sich die Ritzung eines Schiffes. Gut erkennbar ist der Steuermann auf einem erhöhten Deck, etwas darunter ein Steuerruder, und die Besatzung an den Riemen. Bei der Schiffsdarstellung handelt es sich um ein römisches Schiff, vermutlich ein Handelsschiff. Charakteristisch für diesen Schiffstyp war der zusätzlich zum Hauptsegel vorhandene schräge Mast mit Vorsegel. Übrigens ist dies die bisher einzig bekannte Darstellung aus germanischer Hand. Die Runen-Inschrift auf diesem Knochen lautet: „lokom her“ = „Ich schaue/spähe/sehe hier“.

Zwei Knochen weisen je eine Zeichnung mit einer Szene auf, in der ein Mann wahrscheinlich im Begriff ist, einen Stier zu erlegen. Einmal mit einem Beil, einmal mit einer Lanze. Bei näherer Betrachtung der zweiten Szene fallen zunächst drei Dinge auf: Das Objekt auf dem Kopf des Mannes, das Gerät im Gürtel und die seltsame Form des Tierkopfes. Nach Peter Pieper (PIEPER 1989) handelt es sich bei dem Objekt auf dem Kopf des Dargestellten nicht, wie zunächst fälschlich angenommen, um einen Federschmuck. Vielmehr ist es als Hörnerpaar zu deuten, das durch die perspektivische Darstellung singulär erscheint. Bei dem Gerät, das im Gürtel des Mannes steckt, handelt es sich um eine Doppelaxt.

Was nun den Kopf des Tieres betrifft, ist möglicherweise gar kein Stier, sondern, gibt man der Form des Kiefers Priorität, ein gehörntes Pferd dargestellt. Würde man der Interpretation von Pieper folgen, wäre nicht eine realistische Jagd- oder Tieropferszene dargestellt, sondern der Kampf eines gehörnten Gottes mit einem Untier in Gestalt eines gehörnten Pferdes. Stilistische und inhaltliche Übereinstimmungen finden sich auf dem Bildstein von Häggeby in Uppland.

Auf der anderen Seite des Knochens findet sich folgende Runen-Inschrift: „latam ing hari kunni ing we hagal“ = „Lasst uns, Inghari, Geschlecht des Ingwe, zum Verderben los !“ nach der Interpretation von Pieper. Auf dem dritten Knochen, der ein geritztes Zeichen aufweist, befindet sich ebenfalls ein Runentext: „ulu hari dede“ = „Wulfhari tat/machte dies“. Ein halbes Jahrhundert nach den sensationellen und zugleich fragwürdigen Funden unternahm Peter Pieper, mit finanzieller Hilfe der Stiftung Volkswagenwerk, den Versuch, Klarheit zu schaffen und die Runenknochen endgültig als Fälschung zu entlarven.

Dabei bediente er sich einer Vielzahl naturwissenschaftlicher Methoden, die zum Zeitpunkt der Auffindung noch nicht zur Verfügung standen. Die Knochen, die lediglich Abbildungen, aber keine Runen aufwiesen, ließen sich denn auch als gefälscht identifizieren.

Die Ritzungen wiesen bei der Lichtschnitt-Mikroskopie ein „scharfkantiges, spitzes“ (PIEPER 1989, 249) Profil auf und zeigten in der Auflicht-Makroskopischen Analyse weder durch Fossilierung bedingte Sekundärmineralisationen noch Usuren (= alterungsbedingte Vertiefungen der Knochenoberfläche). Als Zeichen der Fälschung sind Ausbrüche der obersten Knochenschicht zu werten, die auftreten, wenn ein bereits fossilierter und damit authentisch wirkender Knochen nachträglich bearbeitet wird. Auch das ermittelte Alter der Knochen selbst ist zu gering. Die Bildmotive deuten auf missverstandene Nachahmungen der originalen Abbildungen auf den anderen Knochen hin.

Ganz anders als erwartet, war dies bei den drei eingangs abgebildeten Runenknochen nicht der Fall. Im Gegenteil weisen diese Merkmale auf, wie man sie auch bei einem Original erwarten würde: Die Gravuren sind im Profil „wannenförmig ausgewaschen, flach und abgerieben“ (PIEPER 1989, 249). Außerdem finden sich Anzeichen einer Sekundärmineralisation und Usuren in den Ritzungen.

Die drei Runenknochen datieren laut Aminosäure-Datierung in einen Zeitraum von Mitte des 6. Jh. bis Ende des 8.Jh. Die Datierungen überschneiden sich dabei in einem Zeitraum am Ende des 7. Jh. Interessanterweise fallen alle als Fälschung entlarvten Runenknochen weit aus diesem Zeitraum heraus. Zwar ist eine genaue Datierung mit dieser Methode problematisch, sie liefert aber ein wichtiges Indiz für die Zeitgleichheit der Funde. Die 14C-Datierung bestätigte im wesentlichen die Gleichaltrigkeit der drei Knochen, allerdings mit einer Datierung Ende 4. Jh. bis Anfang 6. Jh.

Die Runeninschriften verfügen über Trennzeichen, welche erst nach dem 4. Jh. üblich wurden und sind nach Agathe Lasch dem Voraltsächsischen zuzurechnen (PIEPER 1989, 41ff). Ein Umbruch in der Keramiktradition ist in der Region anhand archäologischer Funde ab dem 4. Jh. erkennbar und wird mit dem sächsischen Kulturkreis in Verbindung gebracht. Die in vielen Details stimmige Abbildung des römischen Handelsschiffes legt nahe, dass der Zeichner dieses mit eigenen Augen gesehen haben muss. Ein Zusammenhang mit Beutezügen der Sachsen in Gallien und Brittanien und den bis Anfang des 5. Jh. noch vorhandenen römischen Besatzungstruppen liegt nahe.

Pieper kommt aufgrund der naturwissenschaftlichen Datierungen, der Bildinhalte, der Runencharakteristika und nicht zuletzt stilistischer Vergleiche mit anderen Zeichnungen zu dem Schluss, dass die Runenknochen aus der ersten Hälfte des 5. Jh. stammen.

Vermutlich gehören die drei abgebildeten Artefakte ursprünglich zusammen, worauf auch die „Proportionierung, der Duktus und die inhaltlichen Besonderheiten“ (PIEPER 1989, 150) der Runen hinweisen. Sedimentreste in den Knochen belegen, dass die Funde tatsächlich aus den Sedimenten der Weser stammen, und somit entweder Strandgut waren oder sich in Baggerschlamm aus dem Fluss fanden.

Die ursprüngliche Verwendung der Knochenstücke ist unklar. Ausschließen lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit die Verwendung als Dolchgriff oder anderweitiger Griff. Vergleichsstücke gleicher Form sind nicht bekannt. Außerdem fehlen Bearbeitungen zum erzielen einer ergonomischen Form oder um Befestigungsmöglichkeiten für eine Klinge zu schaffen. Denkbar ist die Verwendung zu kultischen Zwecken, was auch der Inhalt der Runeninschriften wahrscheinlich macht. Vielleicht sollte ein Flussopfer oder eine rituelle Handlung mit Versenkung der Knochen einen Bannzauber oder eine Verfluchung des Feindes, in diesem Falle der Römer, bewirken.

 

Quellen: Peter Pieper: „Die Weserrunen im Lichte neuer Untersuchungen“, Niederdeutsches Jahrbuch 111 (1988), S. 9–30 (Neumünster) -- „Die Weser-Runenknochen. 
Neue Untersuchungen zur Problematik - Original oder Fälschung“,
 Isensee 1989, 313 S. ISBN: 3-920557-83-2. - Informationsblatt Staatliches Museum für Naturkunde und Vorgeschichte Oldenburg, 1986

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