DIE RUNENSPANGE VON MELDORF

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DIE RUNENSPANGE VON MELDORF

 

„Blithguth schrieb die Runen“ („Bliðguð urait runa“) steht auf dem Holzstäbchen aus frühmittelalterlichen Grab 168 von Neudingen. Und in die Spange von Freilaubersheim, aus 6. Jh., wurde eingetieft: „Boso schrieb Runen, dich Dathena erfreute“ („Boso wraet runa ðk Daðena golida). Das sind Zeugnisse für den Begriff „Rune“ im dt. Fundgut. Rune heißt nichts anderes als „Geheimnis“ (deutsch raunen = geheimnisvolles Flüstern; irisch ruin = Geheimzeichen; finnisch runo = Kultlied). Wie es der Name unmissverständlich zum Ausdruck bringt, handelt es sich bei den Runen um das germ. Arkanum schlechthin, um das Geheimnis der Geheimnisse. So wie die Runen in ihrer Gesamtheit dem mystisch-mythischen kosmischen Gottesleib entsprechen, so galt jegliche Arbeit mit diesen bezaubernden Lautsymbolen als geheimnisumwittertes religiöses Werk. Mit Recht schreibt Hermann Güntert: „Denn es ist eine echt nordisch empfundene Vorstellung, dass Runenweisheit und Skaldenschaft etwas Mystisches und Geheimnisvolles sind und daß diese Weisheit in Runen verborgen werden müsse, verborgen vor der unheiligen Menge: fela i rúnom - 'in Runen verbergen, verhüllen' wird geradezu als das Wesen dieser heidnischen Weisheit gepriesen.“ (Hermann Güntert, „Von der Sprache der Götter und Geister“, 1921, 155)

 

Ich folge den fachmännischen Ausführungen von: ZfdA 110/3 Klaus Düwel und Michael Gebühr. - Im Februar 1979 wurde vom Archäologen Michael Gebühr im Beigabenmagazin des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums für Vor- und Frühgeschichte Schloss Gottorf zufällig eine Fibel wieder entdeckt, deren Nadelhalter mit schriftähnlichen Zeichen versehen war. Es handelt sich um ein frühes Exemplar einer sogenannten „Rollenkappenfibel“. Sie ist 8,5 cm lang, am Bügel 4,3 cm hoch, an der Spiralrolle 3,1 cm breit, 42,9 g schwer (Abb. 1). Auf der gesamten, mit hellgrüner Edelpatina bedeckten Oberfläche finden sich Ornamente in verschiedener Herstellungstechnik Als Fundort ist Meldorf, Kr. Süderdithmarschen, angegeben. Es muss sich bei der Meldorfer Fibel mit großer Wahrscheinlichkeit um eine ehemalige Grabbeigabe handeln. Die Datierung der Fibel fällt aus typologischen Gründen nicht schwer: Sie gehört in die Stufe B 1 nach H. J. Eggers, d. h. absolut gesprochen in die erste Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Null.

Das Loch im Nadelhalter erinnert an die durchbrochenen Arbeiten an spätkeltisch-norischem Schmuck, der bei der Entwicklung germanischer Fibeltypen Pate gestanden haben dürfte, und lässt auf eine Herstellung zu Beginn des ersten Jahrhunderts schließen. Da die Untersuchungen von F. Tischler zumindest für Holstein recht deutlich zeigten, dass es kaum Kombinationen zwischen den Fibeltypen der frühen und späten Stufe der älteren römischen Kaiserzeit gibt, dass also solche Fibeln höchst wahrscheinlich nicht vererbt wurden, sondern mit ihrem Besitzer ins Grab gelangten, wird wohl auch für das Dithmarscher Stück keine längere „Lebensdauer“ zu erwarten sein. Das Durchschnittsalter der Menschen lag damals - den Leichenbranduntersuchungen und anderen zufolge - unter 30 Jahren; ein Alter von 60 Jahren wurde selten erreicht, und so ist damit zu rechnen, dass die Fibel noch im ersten Jahrhundert in den Boden gelangte.

Die Fachgelehrten gehen davon aus, dass die Fibel von einer Frau oder von einem Mädchen getragen worden ist. Das schwach nach links gebogene Stück hat vermutlich auf der rechten Brustseite entweder ein Kleid oder an der rechten Schulter einen Mantel gehalten. Für Dithmarschen liegen bislang keine entsprechenden anthropologischen Untersuchungen vor, doch scheinen die Beobachtungen an anderen Friedhöfen darauf hinzudeuten, dass Rollenkappenfibeln weitgehend von Erwachsenen getragen wurden. Das Meldorfer Stück mit seinen selbst für die frühe Kaiserzeit beachtlichen Dimensionen passt von daher schlecht zu einem Kind.

Die vier Zeichen auf dem Nadelhalter sind - dem Gutachten von H. Hammon zufolge - mit Sicherheit mit Hilfe eines anderen Werkzeugs und von anderer Hand angebracht worden als die übrigen Ornamente der Fibel. Während der Tremolierstich an anderen Partien, wie etwa der Unterseite des Bügels, mit feinem Stichel und äußerst sorgfältig gearbeitet ist - hierzu gibt es viele Parallelen art ähnlichen Fibeln dieser Zeit -‚ ist die Runenfolge auf dem Nadelhalter mit breitem Stichel in schwankender Stichfrequenz wesentlich oberflächlicher graviert worden. Die vier Runen scheinen ebenso wie manche ornamentale Verzierungen an den Nadelhaltern anderer Fibeln – „vor Ort“, d. h. in Konsumentennähe eingraviert worden zu sein. Mit der ersten Technik haben wir ein Serienerzeugnis, mit der zweiten wohl eher eine individuelle Leistung vor uns, die sich besonders auf die Nadelhalter beschränkte. Die Tatsache, dass in späterer Zeit Runen in Tremoliertechnik auf dem Nadelhalter einer Fibel angebracht werden, zeigt, dass der Nadelhalter mehr als nur Ornamente tragen kann. In die gleiche Richtung weist gelegentlich ein Hakenkreuz auf dem Nadelhalter einer frühen kaiserzeitlichen Fibel, ein markantes Sinnzeichen, das nie nur Ornamentcharakter besaß.

Falls es sich - wie anzunehmen ist - um runische Schriftzeichen handelt, von welcher Seite wurden sie gelesen ? Wir bilden normalerweise Fibeln dieser Art waagerecht ab oder zeigen sie mit dem Kopf nach oben gerichtet. Getragen wurden sie aber ganz anders; gleich ob Mantel oder Trägerkleid, die Fibel stak mit dem Kopf nach unten in den zusammengehefteten Gewandteilen. Der Fibelkopf zeigte hierbei etwa zur Brust- oder Körpermitte. Das Meldorfer Stück hat - wie bereits erwähnt - vermutlich an der rechten Schulter gesessen. Demzufolge wären die Runen dem Kopf der Besitzerin zugewandt und allenfalls von dieser selbst zu lesen gewesen. Dem ist aber nicht so. Von den römischen Provinzen Noricum und Pannonien südlich der Donau sind uns aus dem ersten und zweiten Jahrhundert nach Null zahlreiche Grabsteine bekannt, auf denen provinzialrömische Frauen in ihrer Tracht dargestellt worden sind. Diese Gebiete hatten zu jener Zeit eine außerordentlich große Bedeutung für den Handel mit dem germanischen Norden. Neben Importgütern wie Metallen und Gläsern, die das einheimische Kunstschmiedehandwerk belebten, sind von hier gewiss auch andere Anregungen in den Norden gekommen, und so ist es kein Zufall, dass die Frauentracht verschiedener germanischer Gebiete an der Ostseeküste - soweit die Metallbeigaben in den Körpergräbern dies erkennen lassen - stark der norisch-pannonischen Frauentracht gleicht. Bei dieser Tracht liegen größere Fibeln mit kurzer Spiralrolle, aber vergleichsweise hohem Bügel flach nach außen geklappt, auf dem oberen Teil der Brust bzw. der Schultern.

Gleichgültig, wo die Fibel hergestellt wurde, die betreffenden Zeichen sind erst später, vermutlich kurz vor oder nach dem Erwerb durch den Käufer, angebracht worden. Da dieser im Verbreitungsgebiet der Fibel zu suchen ist, also nach in Schleswig-Holstein, ist die Fibel wahrscheinlich auch hier mit den vier Zeichen versehen worden. Es handelt sich mithin um eine einheimische Inschrift. Danach wurde das Stück noch längere Zeit getragen, wie die Abnutzungsspuren zeigen, bevor es vermutlich mit dem Besitzer in den Boden gelangte.

Selbst wenn der Besitzer ein relativ hohes Alter erreicht haben sollte, also erst relativ spät im ersten Jahrhundert bestattet wurde, so ist dies für die Datierung der Inschrift ohne Belang. Diese ist im Gegenteil eher früh anzusetzen, nämlich kurz nach der Herstellung der Fibel und einer gewiss nicht allzu langen Zeit, in der sie im Handel war; absolut gesprochen: vor der Mitte des ersten Jahrhunderts nach Null. Wie gelangte im ersten Jahrhundert Schrift nach Schleswig-Holstein ? [In meinem Aufsatz über Erul und die Entwicklung der Runenschrift habe ich darüber Auskunft gegeben.] Die Fibel ist für ein einheimisches Schriftzeugnis ein außerordentlich früher Beleg.

Die bislang früheste Inschrift aus dem Boden Schleswig-Holsteins findet sich auf dem Rand des Eimers von Pansdorf bei Lübeck, einer bronzenen Rippenziste der späten Hallstattzeit, und ist vielleicht gegen 500 vor Null aus dem südlichen Mitteleuropa in den Norden gelangt. Unseres Wissens ist es bisher nicht möglich, diese wohl etruskische Inschrift zu lesen. Im ersten Jahrhundert nach Null, also zur Entstehungszeit der Meldorfer Fibel und der darauf gravierten vier Zeichen, lassen sich für Schleswig-Holstein im wesentlichen drei Wege erschließen, auf denen die Kenntnis mediterraner Schrift in den Norden gelangt sein könnte.

Im Verlauf der intensiven Handelsbeziehungen besonders zu den römischen Alpen- und Donauprovinzen kommen zahlreiche Metallsachen in den Norden, von denen mehrere mit Fabrikationsstempel in römischer Kapitalis gekennzeichnet sind. Auf diesem Wege werden auch andere, uns nicht erhaltene Materialien als Träger von Schriftzeugnissen Schleswig-Holstein erreicht haben und hier - nicht zuletzt durch die Fernhändler der einheimischen Bevölkerung mitunter erläutert worden sein. Der Handel durchläuft das Markomannenreich in Böhmen und erreicht unter anderem auf dem Elbeweg Norddeutschland. Auch im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen in Nordwestdeutschland ist mit einer starken Aktivität der römischen Flotte an den Nordseeküsten zu rechnen. Terra sigillata findet sich in vielen Wurten Ost- und Nordfrieslands und bezeugt zumindest vorübergehend, römische Präsenz. Meldorf an der Westküste Schleswig-Holsteins gelegen, wird hiervon nicht unberührt geblieben sein. Schließlich sind zu jener Zeit viele Angehörige der germanischen Oberschicht vorübergehend in römische Dienste getreten, später aber in ihre Stammesgebiete zurückgekehrt. Auch durch diesen Personenkreis kann sich die Kenntnis römischer Schrift in der Meldorfer Gegend verbreitet haben. Verlegt man jedoch die Entwicklungsphase einer einheimischen Schrift auf Grund dieses frühen Belegs noch weiter zurück, so wäre mit Anregungen aus dem kulturellen Rückstrom der germanischen Expansion in das keltische Gebiet zu rechnen, die im ersten Jahrhundert vor Null unter anderem Ariovist an den Oberrhein brachte, falls man nicht gar entsprechende Impulse aus den Zügen der Kimbern im zweiten vorchristlichen Jahrhundert herleiten möchte, denen sich vermutlich auf ihrem Wege auch Menschen aus dem Süden der kimbrischen Halbinsel angeschlossen haben.

Für die Meldorfer Fibel könnte man sich vorstellen, dass der germanische Besitzer den Auftrag gab, auf dem Nadelhalter Schriftzeichen anzubringen, wie er sie auf römischen Gegenständen gesehen hatte. Warum soll nicht ein Handwerker in Germanien in Claudianischer Zeit römische Buchstaben imitiert haben ? Versuchen wir also, die vier Zeichen als Runen zu lesen, obwohl es sich nicht um charakteristischen Formen handelt.

Prof. Düwel schreibt weiter: Wir erhalten ein rechtsläufiges iðih, vielleicht auch iwih. Aus dem Corpus der älteren Inschriften lassen sich Parallelen für die auffälligen. Formen der k- w- h-Rune finden. Jedoch eine sprachliche Deutung scheint mir in diesem Fall unmöglich. Das führte mich im Blick auf die Datierung dieser Inschrift auf die Frage, ob hier nicht ein Stadium auf dem Wege von einem Vorlagenalphabet (wohl dem lateinischen) zu den Runen greifbar würde, diese Zeichen sozusagen Protorunen wären. Freilich gibt es in der Schriftgeschichte, Soweit ich sehe, keine Nachrichten, dass bei der Übernahme eines Schriftsystems eine frühe Phase des Experimentierens und Spielens mit Buchstabenformen vorkommt, obwohl eine solche Annahme auch die bedeutungslose Folge von Zeichen plausibel machen würde.

Prüfen wir die Möglichkeit, wir hätten es mit wirklichen Runen zu tun. Die auf den ersten Blick auffällige Tatsache, dass sie im Tremolierstich angebracht sind, findet unter den Runeninschriften auf Metallgegenständen Parallelen, darunter eine recht frühe in der Inschrift auf der Fibel von Næsbjerg (Südjütland) und aus der Zeit um 200 nach Null. Die Probleme der Deutung sollen uns hier nicht interessieren. Hinzuweisen wäre bei dieser Gelegenheit noch auf zwei Schwertbeschläge aus dem Thorsberger Moor, die ebenfalls Symbol und Rune in Tremolierstichtechnik zeigen. Zusammen mit der in gleicher Weise angebrachten Inschrift auf der Fibel von Donzdorf ist diese spezifische Technik innerhalb der Überlieferung von Runen und verwandten Zeichen auf den engen geographischen Raum von Südjütland bis Dithmarschen beschränkt. Stände die Datierung der zuletzt genannten Thorsberger Beschläge fest, ergäbe sich möglicherweise weiteres Material für die Frage nach der Entwicklung der Runenschrift.

Der bereits unternommene, nächstliegende Leseversuch wurde schon als undeutbar beiseite getan, obwohl es möglich ist, mit einer undeutbaren Runeninschrift zu rechnen. Aufgrund der Beobachtungen zur Trageweise der Fibel kann rechtsläufig gelesen werden: hiði bzw. hiwi, Rune drei wäre in diesem Fall eine Wenderune, Solche Einzelrunen die in einer Runenfolge gegen die Schriftrichtung gewandt sind, findet man auch sonst z. B. in der Futhark-Inschrift auf der Steinplatte von Kylver. Eine Form hiði kann ich sprachlich nicht einordnen. Dagegen bietet sich für hiwi eine Anknüpfung. Es könnte zum Etymon germanisch hiwa (vergleiche lateinisch civis) gestellt werden, das z. B. in got. heiwa-frauja „Hausherr“, ahd. hiwo, hiwa conjux usw. belegt ist und auch als Namenthema, zumindest im Deutschen, vorkommt. Das wichtigste Zeugnis bietet jedoch die Inschrift auf dem norwegischen Stein von Ärstad (Anfang des 6. Jh.) mit hiwigaR, nach W. Krause ein Beiname des Runenmeisters, eine Adjektivbildung mit der Bedeutung „der Häusliche“ (lat. civicus genau entsprechend); damit ist das in Frage stehende Etymon immerhin urnordisch belegt.

Was für eine Form liegt in hiwi vor ? Wenn die Fibel einer Frau gehörte, wird man zuerst ihren Namen in der Inschrift erwarten. Das scheint bei hiwi möglich, da doch das Namenthema vorkommt und z. B. ein ahd. Kurzname Hiuo durch Ortsnamen vorausgesetzt wird. Nach der Grammatik der urnordischen Runeninschriften kann für ein feminines hiwi nur Dativ/Akkusativ Singular eines i-Stammes infrage kommen. Dieser i-Stamm ist jedoch nicht belegt. Bemerkenswerterweise ist eine Stammvariante dieser Art im urnordischen Inschriftenmaterial bezeugt: Auf dem norwegischen Wetzstein von Strøm (um 600) steht hal(l)i „Stein“, Akkusativ Singular eines maskulinen i-Stammes, während bei dem ebenfalls aus Norwegen stammenden Stein von Stenstad (um 450) der a-Stamm hal(l)aR zu finden ist.

Was bedeutet nun hiwi auf der Fibel ? Es scheint nur der Dativ zu passen: „Für hiwi“ also eine Widmungsinschrift ? Die Fibelinschriften der Zeit um 200 kennen diesen Typ nicht. Nur einmal begegnet auf der norwegischen Fibel von Eikeland (um 600) innerhalb einer Runenritzerformel der Dativ eigene Frauennamens: „Ich Wir (Name) für Wiwia ritze ein die Runen“. Bei Namen in dieser frühen Zeit darf nach der Bedeutung gefragt werden. Hiwi hat offenbar etwas mit dem Haus zu tun, steht sie ihm und den darin Wohnenden vor ? War die Inschrift für eine Frau mit dem Namen hiwi bestimmt, der zugleich ihre Funktion als mater familias andeutete ? Ich halte an dieser Stelle ein und will keine weiteren Spekulationen vorbringen. - So weit der honorige Runologe Prof. Klaus Düwel.

 

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Wir haben gehört wie vorsichtig, geradezu widerwillig sich Klaus Düwel an diesen bislang frühesten Runenfund herangetastet hat. Ein, wenn auch kleiner, Runen-Schriftzug im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung gilt unter Runen-Wissenschaftlern als eine Sensation. Auf mich trifft das Verwundern allerdings nicht zu, denn ich vertrete seit Jahren die Auffassung, dass ein Angehöriger der Kimbern- und Teutonenzüge alpine Schriftzeichen kennenlernte, nach dem römischen Sklavenaufstand sich befeien und in seine Nordheimat zurückwandern vermochte. Sowohl der Zug der Jütländer nach Süden, wie auch die Befreiung und der Weg zurück ist in enger Verbindung mit keltischen Schicksalsgenossen geschehen, das ist nach den Geschichtsquellen und den räumlichen Gegebenheiten nicht anders denkbar. Dieser Umstand schlägt sich auch in der esoterisch-kalendarischen Runen-Aussage nieder, so dass ich aus diesem Grunde seit Jahren gern von einem „gallo-germanischen“ Komplex der ODING-Runen spreche.

 

Prof. Klaus Düwel liest also eine linksläufige Runenfolge „HIWI“, der Bedeutung „Hausmutter“. Nun gibt es aber das Problem, dass bei dem gelesenen Runen-Buchstaben „w“, die Verbindung des Hauptstabes zum angehängten Winkel nicht vorhanden ist, wie beispielsweise beim „H“, wodurch das „W“ exakter als ein dicht beisammen stehendes „K-I“ zu lesen wäre, dadurch sich eine Runenfolge „HIKII“ ergibt. Bei den Berichten über die angeblichen „Wunderheilungen am Grab Willehads“, beginnend am Pfingstfest 860, tauchten zweimal Sächsinnen namens Ikkia auf. Die Endung mit doppeltem „I“ sind bei germanischen Volksbezeichnungen in der Antike möglich, wie beispielsweise bei den Jüten der Kimbrischen Halbinsel und später im Süden Englands = Eurii, Eutii, Eucii. Ebenso bei den Angeln = Anglii, den Ubieren = Ubii, den Usipetern = Usipii, Rugier = Rugii, Amsivarier = Ansibarii, Angrevarier = Angrivarii, usw.. Englisch bedeutet hike = wandern, hiker = Wanderer, hiking = das Wandern / die Wanderung. Auf dem bislang frühesten Runen-Wort auf der Runenspange von Meldorf dürfte also nicht „Hausmutter“ sondern viel eher „Wanderer“ stehen. Da im Runen-Denken der alten Runen-Kundigen ein hineingelegter Doppelsinn möglich und naheliegend ist (deshalb die enge Schreibweise von „K-I), wären in einem uns zunächst unverständlichen Zusammenklang beide Leseweisen denkbar. Gemeint könnte sein: „Gewanderte Hausmutter / von weither gekommene Hausfrau / Hausmutter der Wanderer / Mutter der Wanderer-Sippe“. Ein solcher Wortsinn würde sogar der Gegebenheit des so frühen Runenfundes bestens entsprechen. Möglicherweise hat die Trägerin der Meldorf-Spange als Erste das Runenwissen aus dem kimbrischen Nordjütland in den Dithmarscher Raum gebracht, wo der altsächsisch-chaukische Stamm der Reudigner wohnte ?

Prof. Klaus Düwel ist zweifellos ein hervorragender, streng formalistisch arbeitender Altphilologe, was ihm aber als einem kirchenchristlich verpflichteten Mann völlig abgeht, ist das spezielle altgläubig runische Schriftdenken mit seinen möglichen Doppelbedeutungen, wie es Prof. Heinz Klingenberg gelehrt hat. Der Meldorfer Schriftzug meint sicherlich nicht HIKII „die Wandersippe“, sondern einmal das HIKI die „Wanderin“ als Person und zum anderen das angedeutete HIWI, der „Hausmutter“, woraus zu lesen wäre, dass aus einer Landfahrerin eine Hausfrau geworden sei, was in dieses geschichtlichen Zeit der fürchterlichen römischen Einfälle in keltische Bezirke, in Südgermanien und gleichzeitigen im Nordseeküstenbereich, mit ihren Ausrottungen und Verschleppungen ganzer Stämme, nicht verwunderlich sein dürfte. Ganz zweifellos  haben wir mit der chaukisch-friesischen Hiki-Hiwa, der Meldorf-Spangenträgerin, eine frühe Runenmutter vor uns, die das mit dem Wodin-Kult verbundene Runenwissen in den Dithmarscher Raum getragen haben könnte. Woher sie kam muss reine Spekulation bleiben, doch ich vermute, sie kam aus südlicheren Germanen-Gauen, vielleicht war sie eine Markomannin. Jedenfalls kam sie aus einem Germanenvolk bei dem die neue wodinische Runen-Lehre bzw. -Religion bereits bekannt gewesen sein muss.

 

 

ERUL und die Runen-Schöpfung
 
 
 

DIE GERMANIN HIKI-HIWI

Wir wissen so wenig und nichts genau
von der Hiki-Hiwi im Friesen-Gau.
Sie kannte die Runen zur frühen Zeit,
sie kam aus fernem Land und Leid.

Kam sie von Süden, kam sie vom Nord ?
All überall war Martern und Mord.
Der römische Lindwurm tappte heran,
eisernen Schuppen glich Mann für Mann.

Den Süden machten die Würger wüst,
wer Rom vertraut, mit dem Leben büßt.
Ihre Mordflotten fuhren zur Weser ein,
überall faulte Germanen-Gebein.

Zahllose Menschen auf heilloser Flucht,
zum rettenden Gau, zur bergenden Bucht.
Auch die Hiki wurde zur Wanderin,
im Streben nach neuem Heimat-Gewinn.

Keiner wusste wer ihr die Runen gab,
wer sie lehrte, zu ritzen den Buchenstab.
Doch die Zeichen gaben den Mut ihr neu,
sie schenkten Vertrauen der Asen-Treu.

Wodin, der im Himmel die Runen reiht,
wird helfen, dass sich das Land befreit.
So stark und so klug wie die Hiki war,
sie ein liebender Friese als Braut ersah.

Als Hausfrau und Mutter tat sie die Pflicht,
vergaß auch die Gottheit der Runen nicht.
Ihr Sonnenhaar wurde zum Winterschnee,
jeder ehrte als Hiwi die wissende Fee.

Es wuchsen ihr Kinder- und Enkel-Kreis,
und sie pflanzte in alle das Runen-Reis.
Oft erzählte sie von der eigenen Fahrt,
wie die Wanderin Hiki zur Hiwi ward.


Es wurde in Meldorf (Dithmarschen) die Runen-Spange einer Frau aus dem 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung gefunden. Die Runen weisen ihren Doppelnamen auf: HIKI (Wanderin) und HIWI (Hausfrau). In dieser Zeit metzelten die römischen Legionen in Germanien mit erbarmungsloser Grausamkeit ganze Stämme mit Frauen und Kindern nieder.

 

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DAS EGTVED-MÄDCHEN
 
 
Die engen Verbindungen zwischen dem Norden und dem Süden des keltisch-germanischen Großraumes ist schon für die Bronzezeit nachweisbar. Es gab damals zwei bedeutende Machtzenten, das eine im südwestdeutschen Raum, das andere im jütländischen Bezirk. Schon das berühmte bronzezeitliche Mädchen vom dänisch-jütländischen Egtved stammte aus dem Schwarzwald und wird sich möglicherweise aus religiösen Beweggründen auf den weiten Weg - über ca. 800 km - zur dänischen Halbinsel Jütland auf den Weg begeben haben, wo sie als Sonnentänzerin gewirkt hat.  Um 2.400 Kilometer hat sie junge, zarte 16- bis 18-jährige Frau innerhalb von 13 bis 15 Monaten zurückgelegt. Dänische Forscher konnten ihre Wanderroute exakt bestimmen. Gestorben ist sie 1370. In eine Rinderhaut gewickelt, von einer Wolldecke ummantelt, ist sie im hohlen Baumstamm beigesetzt worden. 1921 wurde der Fund im mitteljütländischen Dorf Egtved gesichtet. Die Forscher analysierten ihre 23 cm langen  Haare, die Zähne, die Fingernägel und die Kleider. Die wissenschaftlichen Auswertungen erlaubten ihre Wanderroute recht präzise zu verfolgen, berichtet Karin Frei vom dänischen Nationalmuseum, im Fachmagazin „Scientific Reports“. Den Forschern zufolge stammte das „Egtved Mädchen wahrscheinlich aus dem Schwarzwald. Besonders aufschlussreich war den Autoren zufolge die chemische Analyse der Haare sowie der Fingernägel des Mädchens. Sie zeigt den langen Weg auf, den die junge Frau zurückgelegt hat. Etwa 15 Monate vor ihrem Tod sei sie noch in ihrer Geburtsregion gewesen, berichtet Frei. Dann muss sie nach Jütland aufgebrochen sein, wo sie ca. 9 Monate geblieben ist. Anschließend sei sie in ihre Heimat im Schwarzwald zurückgekehrt, um vier bis fünf Monate später wieder in Richtung Egtved aufzubrechen. Dort ist sie etwa einen Monat nach ihrer Ankunft gestorben. Das in Lebensmitteln enthaltene chemische Element Strontium setzt sich während der Zahnbildung im Schmelz fest. Es liefert Hinweise auf das geologische Umfeld, in dem ein Mensch als Kleinkind lebte, und auf die Nahrung, die er erhielt. Als weiteres Indiz nennen die Wissenschaftler die Kleider der Toten. Ein wollenes Oberteil und ihr Schurröckchen, das aus Wolle und Rindsleder gefertigt wurden, weisen darauf hin. „Die Schafe, von denen die Wolle stammte, haben auf Weiden gegrast, die den geologischen Eigenschaften des Schwarzwalds entsprechen“. In der Bronzezeit gab es sehr enge Beziehungen und Geschäftsverbindungen zwischen Dänemark und dem Süden Deutschlands, nicht zuletzt wegen des Handels mit Bernstein und Bronze.

 

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