DIE HIMMELSTALUND-INSCHRIFT

 

Die seltsame Runeninschrift von Himmelstalund / Norrköping / Schweden - Der Abrieb am Garagentor soll eine Vorstellung von seiner Größe vermitteln.

 

DIE HIMMELSTALUND-INSCHRIFT

und die Seelen-Schlinge

 

Der exakte Abrieb von Gerhard Hess

 

Die ungenaue Ausmalung der Ritzung - Abbildung aus dem Netz

 

Erst und allein im Papierhandabrieb ist ein Studium der Inschrift möglich, denn die Dreidimensionalität des Originals irritiert den Betrachter. Was bei der Himmelstalund-Inschrift sofort auffällt, ist die zeitliche Unterschiedlichkeit von Schrift und dem linken Schiffsrumpf in den sie hineinzulaufen scheint. Das Schiff zeigt einen höheren Verwitterungsgrad als die noch scharfkantigere Buchstabenfolge. Sie wird wohl von rechts nach links gepickt sein, also zum Schiff hin. Anzunehmen ist, dass das Schiff aus der Bronzezeit her auf dem Felsen bereits vorhanden war, später erst dann eisen- oder völkerwanderungszeitlich ist die Beschriftung dazugekommen. Die Inschrift ist absolut unbeholfen. Haben wir es mit einem ungeübten Schreiber zu tun, entweder weil das Medium Schrift zu seiner Zeit selbst noch neu oder weil er nicht fundiert geschult war ? Es handelt sich um Schriftzeichen, das ist sicher, aber auch die Buchstabenfolge ist keine echte Einheit, die 5 linksläufigen Zeichen sind vom 6., der O-Rune, derart abgesetzt, dass diese eher eine Einheit mit dem Schiff als mit den übrigen Buchstaben bildet. Dieser Bewandtnis versuche ich auf die Spur zu kommen.

 

DIE LESUNG DER INSCHRIFT

 

Wolfgang Krause schreibt dazu in „Die Runeinschriften im ältern Futhark“, 1966 auf Seite 121 ff: „Auf einer flachen Felspartie bei Himmelstalund unmittelbar vor dem Westrand von Norrköping (Ostergotland) wurde in den 1830er Jahren eine bis dahin unbekannt gebliebene sehr umfangreiche Felsritzung entdeckt, die vor allem zahlreiche Schiffe von bronzezeitlichem Charakter enthielt. In einem kleinen Ausschnitt dieser Gesamtritzung entdeckte C. F. Nordenskjöld bei Untersuchungen in den Jahren 1871/72 auch eine Runeninschrift und gab 1873 die ganze Felsritzung mit den Runen in „Östergötlands Minnesmärken“, wenn auch m primitiver Zeichnung, heraus Seit 1921 beschäftigte sich A. Norden sehr eingehend besonders mit dem die Runeninschrift enthaltenden Teil der Felsritzung. -- Die linksläufige Inschrift besteht aus 6 Runen. Unmittelbar neben der letzten Rune links schließt sich ein unfertiges Schiffsbild an, und zwar dergestalt, dass zunächst links die Vorderpartie des Schiffes deutlich eingehauen ist, dass dann aber nach rechts, also nach R. 6 zu, die beiden Linien (Kiel und Reling) immer dünner werden und sich vor der o-Rune schließlich ganz verlieren. Über dem Schiffstorso befindet sich noch die Andeutung eines zweiten Schiffes und rechts davon 2 Schalengruben. Dazu kommen noch links unterhalb des Schiffstorsos 2 Fußstapfen, ein in Felsritzungen gleichfalls häufiges Symbol. Runen und Schiffsbilder sind in Punktiertechnik angebracht, aber bedeutend tiefer eingehauen als die Bilder und Runen von Kårstad. Die Runen zeigen eine sehr ungleichmäßige Höhe, indem die erste und die letzte Rune erheblich größer sind als die vier mittleren Runen. Außerdem sind sie sehr ungeschickt und ungleichmäßig geraten. Obwohl die Konturen des Schiffstorsos stärkere Spuren von Verwitterung zeigen als die Runen, muss man wohl dennoch annehmen, dass der Runenmeister - soweit man ihm diesen Titel verleihen will - zunächst die sechs Runen anbrachte, danach, von links beginnend, das Schiffsbild (mit Steven, Kiellinie, Reling und senkrechten Strichen zur Andeutung der Mannschaft), das er dann aber, offenbar wegen Fehlberechnung des Raumes, nach rechts zu nicht mehr vollenden konnte. die Inschrift ist zu umschreiben: braido. Eine befriedigende Deutung ist – schon  der unsicheren Lesung wegen – bisher nicht erfolgt….“

 

Auffallend ist einmal die in der Runenpartie der Felsritzung vorliegende Nachahmung der umgebenden bronzezeitlichen Bilder und Symbole, sodann die außerordentlich primitive Gestaltung der Zeichen. Beim ersten Anblick der Ritzung könnte man an eine neuzeitliche plumpe Nachahmung denken, wie denn auch C. A. Althin sich diesen Runen gegenüber skeptisch verhält (Studien zu den bronzezeitlichen Felszeichnungen von 1945, 154). Demgegenüber weist aber A. Norden darauf hin, dass wohl kaum irgendeine Person in oder um Norrköping zwischen den Jahren 1873 (erste Beschreibung durch Nordenskjöld) von den älteren Runen eine Ahnung gehabt haben kann. Es bleibt aber vielleicht die Möglichkeit, dass schon in der VWZ [Völkerwanderungszeit] ein nicht sehr gewandter Kenner der Runen den plumpen Versuch unternahm, unter die bronzezeitlichen Ritzungen von Himmelstalund Kopien einiger Symbole samt ziemlich missratenen Runen, möglicherweise ohne tieferen Sinn, einzumischen.“

 

Soweit W. Krause -, die Lesung „breido“ ist aber in Frage zu stellen, weil die linksläufig 4. Rune eher als „n“ denn als „i“ zu lesen ist, so dass „brando“ entsteht, wie auch Heinz Klingenberg in „Runenschrift - Schriftdenken - Runeninschriften“, 1973, S. 209 ff ausführt. Folglich wäre, wie er erklärt, in Sprechform späturnordisch „ich verbrannte“ (altnordisch „brenda“) zu verstehen. Die Kombination des Bildes „Schiffs-Torso“ und symbolsprachlich „Brand“ weist auf den bekannten altnordischen Brauch des Schiffsbrandes hin, der Leichenverbrennung des im Schiff aufgebahrten Toten. Der Brauch ist in gesamt Nordeuropa gut belegt, auch durch die vielen skandinavischen Gräber-Schiffssetzungen aus großen Steinen. Beispielsweise gehört dazu der Bericht des Ibn Fadhlan (921 n.0) über die Bestattung eines schwedischen Kaufmanns in Russland auf einem Schiff, das nach Ausführung der diversen Abschiedszeremonien, verbrannt wurde. Die Edda beinhaltet die Erzählung von der Schiffsbestattung des Gottes Baldur (Gylfaginning 49). Das Schiff wurde eine allgemeinverständliche Metapher für das Abschiednehmen, für den Herbst, für den Tod, für das Hinüberfahren in die Anderswelt. Das Toten-Schiff, die Schwarze-Galeere, der Seelen-Nachen sind archetypische Verständnismuster. In der eddischen Mythologie heißt das Toten-Schiff Naglfar („Nagelschiff“ oder „Totenschiff“ aus z.B. got. „naus“ = tot, altgriech. „nékus“ = Leiche) und wird als das größte Schiff aller Zeiten beschrieben und gehört dem Muspell. Aus den unbeschnittenen Nägeln der Toten soll es gezimmert sein. Bei den Griechen, die aus dem Norden in ihre mittelmeerische Halbinsel und Ägäis-Inseln eingewandert sind, war es der Charon, der greise mythische Fährmann, der die Toten über den Toten-Fluss Acheron hinübersetzte, damit sie in das Reich der Unterwelt des Toten-Gottes Hades gelangen konnten. -- Der Gedankenaustausch zwischen dem germanischen Skandinavien und den mykenischen Griechen ist erkennbar. Ich könnte dazu einige gleichartige Details von Kunstformen aufzählen. Denken wir nur an die Spiralmuster der mykenischenSchachtgräber. Die vielen Boote auf den gotländischen Bildsteinen werden als Totenschiffe gedeutet. Aus der jüngeren Bronzezeit Gotlands stammen die meisten Beispiele für Begräbnisse in schiffsförmigen Steinsetzungen. Sonnenkult und Schiff gehören erkennbar fest zusammen. Es ist auch naheliegend, sich eine Bootsfahrt vorzustellen, auf der man ein Gottesreich erreichen könne, das im fernen Westen hinter dem Meershorizont liegt, wohin die Sonne bei ihrem Untergang verschwindet.

 

DIE SEELEN-RUNE =

 

Zu vermuten ist, meines Erachtens, dass kein unbeholfener Runenritzer die Himmelstalund-Inschrift vornahm, sondern - in Anbetracht altnordisch-mystischen Runendenkens - ein durchaus fähiger, bewusster, sehr wohl gewollt kryptisch arbeitender Schreibkünstler. Was hat er denn geschrieben ? Er schrieb: „Ich verbrannte !“ Das Beerdigungsritual des Verbrennes verhalf ja - nach dem Glauben im Brandzeitalter - zur Vergeistigung. Man verbrannte in der Hoffnung auf eine dadurch vollzogene Verjenseitigung von Lebewesen und Sachen. Der Runenritzer hat als Toter, als ein Geist geschrieben, womöglich auf schamanischer Seelenreise -, er hat als schon Hinübergefahrener, als zum Geist Verbrannter ein Zeugnis abgelegt für das drüben Angekommensein. Religiös exaltierenden Menschen ist Derartiges bis heute zuzutrauen. Priesterlich sich begnadet fühlende oder stark einbildungsfähige Theologen und Mystagogen machten so etwas zu allen Zeiten. Ein Mensch, der an die Seelenwanderungslehre glaubt, kann ohnehin davon überzeugt sein, nach einem vorausgegangenen Leben mittels der Schiffsbestattung zum Geist geworden zu sein. Ich selbst begegnete in meinem Patientenkreis mehreren Frauen, die davon überzeugt waren, in einem Vorleben als Hexe den Verbrennungstod erlitten zu haben. Dass ein als Geist Auftretender die Runenstäbe nicht so exakt setzt wie ein Lebender, das würde zum folgerichtigen „Rollenspiel“ sehr wohl gehören können. Die Sprache der Totengeister ist schwer zu verstehen, ihre Schriften, Inschriften müssen es ebenso sein und nur für wenige auserlesene Geisterseher entzifferbar.

 

BEFUND: Ein mittelalterlicher, vielleicht völkerwanderungszeitlicher, jedenfalls runenmeisterlicher Erilar pickte an ein bronzezeitliches halbfertiges Schiffsbild (von denen es mehrere in Felsbildfundus gibt) die runenschriftliche Erklärung dazu. Er hob die 6. Rune von den übrigen 5 bewusst derart ab, dass sie mit dem vergeistigten Schiffswrack eine Einheit bildet, wodurch er zur Bildaussage gelangte, das verbrannte Schiff sei zum irrealen Geisterschiff geworden. Durch diese Verquickung von Schiffs-Torso mit der Odal-Rune ist die neue Sinnbildeinheit zum Geisterschiff geworden, mit dem der runische Geisterseher  möglicherweise selbst auf dem uralt-geweihten Felsplatte von Himmelstalund am Motala-Strom schamanische Seelenreisen in die Anderswelt anzutreten gedachte. -- Diese Aussage ist für runologisch geschulte Nordleute deshalb möglich, weil die o-Rune dreierlei Bedeutung besaß: 1. Lautbuchstaben für das „o“, 2. Sinnbild für „odal“ das Stammgut bzw. die Heimat, 3. für Seele, für das geistige Weiterleben nach dem irdischen Tod. Ich habe diese Erkenntnis, um die erweiterte Verständnisdimension der odal-Rune, bereits in meinen 1993 erschienenen BuchODING-Wizzod“ aufgezeigt, auch mit den nötigen Nachweisen des Bildquellenmaterials (Seite 91 ff).

 

Den Seelen-Wesen - in der Regel Schlange und Vogel - die als solche kenntlich gemacht werden sollten, wurde in der germanischen Sakralkunst die Odal-Rune bzw. die Odal-Schlinge angehängt. Beispiele dafür finden sich sowohl in den Zeugnissen der Brakteaten-Religion, wie auch im Steindenkmäler- und Kleinkunstbereich der Schmuck- bzw. Goldschmiedeproduktionen. Diesem gängigen Symbolismus zufolge wäre auch die gesamte linksläufige Runenreihe des ODING als ein Geist-Seelenwesen gemeint, denn ihren 23 Buchstaben ist als linksläufig 1. Zeichen die o-Rune (  ) vorangestellt. Da die Odal-Rune ein Schlingenzeichen ist, das auf Steinmonumenten auch ganz klar als runde Schlinge geschrieben wurde, liegt es auf der Hand, dass der geflochtene Zopf - das in germanischer Kunst immer wiederkehrende „Schicksalsgeflecht“ - mit ihr unmittelbar verwandt und sie wohl aus ihm hervorgegangen ist. Die genaue altgläubige Zusammenschau von Heimat, Schicksal-Geschlinge, Seele und Haarknoten - die sich in dieser Rune fokussiert - ist uns nicht überliefert, wir können sie nur, anhand des Denkmälerstudiums, erahnen.

 

Im Bereich der sogenannten Brakteaten-Religion, über die Karl Hauck schrieb („Goldbrakteaten aus Sievern“, 1970), kommen die Seelen-Schlingen auf den Amulettbildern vielfach vor. Unter der Vogelkappe Wodin-Odins endet sein Haarschopf meistens in einem Knoten, also in einer Odal-Schlinge. Zur Brakteaten-Zeit, die bis ins 6./7. Jahrhundert reichte, wird die Bezeichnung des Seelengottes noch nicht „Odin“, sondern „Wodan/Wodin“ gelautet haben, deshalb spreche ich im Folgenden von „Wodin“. Der Schwanz des gefiederten Begleitgeistes Wodins läuft sehr oft in einer Odal-Schlinge aus, so z.B. bei Gummersmark-C und Fünen-B. Bei letzterem bekam eine Odal-Schlinge nur ein Häkchen aufgesetzt, um sie als Odal-Seelenvöglein zu markieren. Mitunter wird die Schlinge duch Schwanz und Flügel gebildet. Ebenfalls zeigt Dänemark-B eine Schlange mit angehängter eckiger Odal-Rune (letzte Abb.). Vom Seelen-Schlänglein, das manchem Schläfer aus dem aus dem Munde kriecht, um einen Rundgang zu unternehmen, von dessen Erlebnissen der Erwachende sich wie an einen Traum erinnert, erzählen Märchen bis in unsere Zeit. Bei Holmetorp-A trägt die Echse den Schlingen-Schwanz. Wodins Ross, seitlich dargestellt, weist gewisse Beinstellungen auf, so dass ein Beinpaar oder beide (z.B. Öierna-C), sich zur Schlinge kreuzen. Skorsborg-B und Dänemark-B zeigen das tödliche Schießspiel das mit Baldurs Tod endet -, Baldur steht mit zur Schlinge gekreuzten Beinen, soll also vom Betrachter bereits als Toter, als Geistwesen verstanden werden (letzte Abb.). Auf Sletner-B sind die gekreuzten Beine der dargestellten Gottheit zur echt-runden Schlinge gebogen. (siehe dazu Alexandra Pesch, „Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit“, 2007) -- Bei Berücksichtigung des erwähnten Denkmälermaterials darf der „Schiffs-Torso mit Odal-Schlinge“ von der Himmelstalund-Inschrift als Seelen-, als Geister-Boot betrachtet werden.

 

Abb. A + B - Mittelalterlich-heidnischer Bildstein von När Smiss / Insel Gotland - Urgottheit mit den Odal-Haarzöpfen, in Händen die Odal-Schlangen des Lebens und des Todes, im Schicksalsgeflecht und den Seelen-Schlangen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. - Abb. B - Mit Hilfe von Latexabzügen gelang es dem von mir verehrten Prof. Karl Hauck auf den gotländischen Bildsteinen feine Linien sichtbar zu machen. Seine Smiss-Stein-Analyse ist als Dia aus seinem Nachlass erhalten.

Ia I b II III

Ia - Brakteat Fünen-C original Gold u. I b Zeichnung mit Odal-Vogel-Schlinge - Wodins Haar-Flechtzopf wie ihn heidnische Priester trugen / II - Skovsborg-B mit Baldurs Beinhaltungs-Schlinge + reduzierter Odal-Vogel -Schlinge / III - IK 185 Wodin- od. Baldur-Kopf mit Odal-Haarknoten über Opfertier mit Vorderbeinpaar-Schlinge

 

Brakteat Dänemark-B zeigt das mythische Schießspiel mit Baldur in der Mitte, links Loki mit Mistelzweig, rechts Wodin mit Hugin über dem Haupt. Links oben eine Seelenschlange mit angehängter Odal-Rune (siehe dazu K.Hauck S. 193 ff).

 

Meine Erkenntnis, dass die Odal-Rune nicht allein ein Zeichen für das Odal-Gut, die Heimat sei, wie es in den Quellen niedergelegt ist, sondern auch etwas mit der Seele zu tun haben müsse, kam mir im Sommer 1987, als ich auf der schwedischen Insel Gotland  bei der Kirche in Stenkyrka, 22 km nördlich von Visby, in Nähe der Westküste, stand. Gemäß der Gutasaga war diese Kirche die erste die im nördlichen Teil Gotlands gebaut wurde, was darauf hinweist, dass es sich hier um eine altheilige Stätte handelt. Dort stand ich vor einem Steinfragment, einem alten Grabstein aus Heidenzeiten, auf dem die Odal-Rune als Schwanz des – wie ich spontan annahm – Seelenvogels graviert war. Ich hatte keinen Film mehr in meinem Fotoapparat und fertigte obige Skizze an.

Doch glücklicherweise hatte mein Begleiter ein Foto geschossen: DIE HIMMELSTALUND-INSCHRIFT

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