SONNENRELIGION

Abb. 1

Abb. 2

Abb. 2a

Abb. 3

Abb. 1: Spiral-Gewandspange, sog. „Brillenfibel“ des 6. Jhs. v.0,  Prähistorisches Museum Hallstadt - Abb. 2 : Mittelbronzezeitlicher Beinring aus Lübz / Mecklenburg-Vorpommern - Abb. 2a - Die bronzezeitliche bronzene Armberge aus einem Kegelgrab bei Prislich (Lkr. Ludwigslust-Parchim / Mecklenburg-Vorpommern) - Abb. 3 : Die Spiral-Halsbandanhänger aus dem Hortfund der Hügelgräbergruppe von Bayerseich, Grab 3, nördl. Darmstadt, gehören zu weiblichen Trachtausstattungen der Bronzezeit im Untermaingebiet. Ein Spiral-Armring und eine Bernsteinkette mit 28 Perlen gehörten dazu. Die Spiral-Halsanhänger sind völlig von gleicher Art wie sie schon die Frauen der steinzeitlichen der Epi-Lengyel-Zeit in Niederösterreich trugen.

 

SONNENRELIGION

 

Von Anbeginn, seit der menschliche Geist seinen Lebensraum bewusst wahrzunehmen fähig wurde, stand die Sonne als der erste Glücks- und Fruchtbarkeitsspender im Mittelpunkt der praktischen und religiösen Beobachtungen. Sehr bald erkannten aufmerksame Beobachter in den äquatorfernen Regionen, oder sie glaubten erkennen zu können, dass die jährlichen Sonnenaufgangs und -untergangsorte nach sich wiederholenden Gesetzmäßigkeiten verändern. Nach dem winterlichen Stillstand der flachen Sonnenbogenbahn, beginnen nach einer Weile die östlichen Sonnaufgangs- und die westlichen -untergangspunkte sich nach Norden hin zu verschieben. Für findige Köpfe im Norden schien die Deutung des Phänomens erklärbar: Die große glühende Scheibe spiralt sich im Laufe des Jahrganges, um das Erdenschiff hinauf zur Himmelshöhe, dem Nordstern zu, und kaum, dass sie die stolze Höhe erreicht hat, beginnt sie auf gleicher Wegstrecke abwärts zu trudeln. Erklärungen wurden gesucht, wodurch ein vielgestaltiger Sonnenmythenschatz sich zu gestalten begann und die Geschichte der Religionen ins Leben rief. Bis heute -, denn das was sich „Christenglauben“ nennt, ist nichts anderes, als eine urzeitliche Menschenopferkult- und solare Erlöser-Religion des unredlich historisierten Sonnenersatzes. Auch, dass der geopferte Mensch zum gottgleichen Erlöser erhoben wird, entspricht ganz der Auffassung archaischer Kulte.

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Dass die Menschen im sonnenärmeren Nordraum ein gesteigertes Interesse an der immer herbeigesehnten Sonnenkraft entwickeln mussten, versteht sich von selbst. Hier hat wahrscheinlich die exzessive Sonnenverehrung ihren Anfang genommen. Die schottischen sog. „Carved Stone Balls“ sind geschnittene, gemeißelte Steinkugeln, ca. Ø 70 mm, von denen man um 420 Exemplare fand. Sie entstanden im Neolithikum bis in die Bronzezeit (3.500-1.500 v.0.). Einige besitzen lineare, spiralförmigen oder konzentrische Linienführungen. Die meisten wurden im nordöstlichen Schottland, in Aberdeenshire gefunden. Derartige Steinkugeln fanden sich auch von den Orkney, Shetlands und aus Irland. Der Towie-Ball (Abb.5) mit seiner Kelch- bzw. V-Spiralgravur, dessen Alter um 3.200-2.500 v.0 angegeben wird, war sicher ein herausragendes  Prestigeobjekt. -- Eines oder sogar überhaupt das Zentrum des megalithischen Kulturkreises darf im Bereich der heutigen Doggersee angenommen werden, einer einstigen Landmasse in der Nordsee, südwestlich von Schottland, nordwestlich der Deutschen Bucht. -- Schon ein ca. 4.100 v.0 datiertes anspruchsvoll gestaltetes Gefäß mit Spiraldekoration (und runenartigen algiz-Zeichen  ) wurde aus dem linienbandkeramischen Brunnen von Schkeuditz-Altscherbitz, / Kr. Nordsachsen geborgen, es besitzt Intarsien-Verzierungen aus Rindenstreifen und Pech (Abb. 4). Diese überraschenden Funde aus Brunnen der Jungsteinzeit in Sachsen haben unsere Vorstellungen von den fernen Zeiten grundlegend korrigiert. Dazu führt der Informationstext des Dresdener „Landesamtes für Archäologie Sachsen“ aus: „Die Funde aus Rinde, Bast, Fasern und Holz bestechen nicht nur durch ihren exzellenten Erhaltungszustand sondern auch durch die hohe Kunstfertigkeit, mit der sie hergestellt wurden. Praktische Taschen aus Bast, zierliche Rindenschachteln, feste Seile und fantasievoll dekorierte Gefäße, zeigen deutlich, dass unsere Vorfahren nicht nur hervorragende Handwerker waren, sondern auch einen ausgeprägten Sinn für Schönes hatten. Ja, es findet sich sogar die erste Verwendung von Porzellanerde (Kaolin) zum Zweck der Verschönerung von Keramikgefäßen - über 7.000 Jahre vor Böttgers Erfindung. Und nicht zuletzt blicken wir mit den hölzernen Brunnenkästen auf die ältesten Holzbauwerke Europas; in Blockbauweise und bester Zimmermannsarbeit ausgeführt, hat sich diese Technik bis heute kaum geändert.“ Auch finden wir das Symbol der Doppelspirale bereits auf Bruchstücken jungsteinzeitlich-megalithischer Keramik (ca. 3.500 v.0) eines Gangraben von Västra Hoby / Westschonen / Schweden (Abb. 6 - Hist. Museum Lund). -- Forscher der Johannes Gutenberg-Universitäten Mainz und Cambridge, wie Prof. Dr. Joachim Burger vom Institut für Anthropologie kamen i. J. 2005 zu dem Ergebnis, dass die heutigen Europäer mit den autochthonen Sammler- und Jägergruppen genetisch übereinstimmen, die vor über 40.000 Jahren in unserem Kontinent lebten. Demzufolge fand weder eine neolithische Einwanderung von Ackerbauern aus dem Südosten statt, noch eine genetisch beweisbare indogerm. Einwanderung. „In der weltweiten Datenbank mit 35.000 modernen DNA-Linien weisen weniger als 50 Europäer heutzutage diesen alten Bauern-DNA-Typ auf“, erläutert der Genetiker Dr. Peter Forster von der University of Cambridge. Alle die kultisch-religiösen und symbolgeschichtlichen Erscheinungen, die es zu besprechen gilt, sind also ureuropäisches und indogermanisches Ahnenerbe. -- Dem Vishnu, einer der solar-göttlichen Formen vom vedischen Brahmanismus bis noch zum heutigen Hinduismus, wird die Verursachung von Licht und Wärme zugesprochen. Er gilt als jener der die Zeit in Bewegung setze, das Universum durchdrang und den Raum ausmaß. Der spiralige Ammoniten-Versteinerung ist eines seiner Symbole. Die oftmals von Schwefelkies durchzogenen, darum goldartig glänzenden Ammoniten nannte auch das bayerische und schwäbische Volk - laut „Handwörterbuch des Aberglaubens“ (1927, Bd. I. S. 368) - „Sonnensteine“. Um sich das spiralige Lichtphänomen verständlicher zu machen, schauten die Denker und Dichter aller Epochen Gleichnisbilder hinein, gaben der Sonne Attribute und bezeichneten sie mit Symbolen. Die würdevolle königliche Majestät drückte man im kronengeschmückten Sonnenhirsch aus, ihr schnelles Daherjagen, durch das hurtige Sonnenross und ihre bullige sieghafte Kraft begriff man im weißen Lichtstier.

 

Auch der Glauben an die Wichtigkeit des Opfers wird durch die Beobachtung der Sonne mit hervorgerufen worden sein, geht sie doch im Westen nicht tagtäglich, aber auch nicht selten zur Sommerzeit in einem blutroten Abendhimmel in den scheinbaren Tod, aus dem sie sich mit verjüngter Kraft am folgenden Morgen wieder erhebt. Die „Auferstehung von den Toten“, demonstrieren Sonne und Mond, die beiden Gestirne die uns die Zeit schenken, immer aufs Neue. Wenn aus dem Untergangsopfer frische Kraft erwächst, was liegt näher, als durch vom Menschen rituell vollzogen Opferveranstaltungen mit den solaren Gleichnistieren, dem Himmelslicht, Kraft hinauf zu senden ?! Das Sonnenstieropfer wurde üblich, worüber uns eine unmissverständliche Menge von text- und bildlichen Nachrichten informieren. Im prägermanischen bronzezeitlichen Felsbild von Kasen (Abb. 8) im schwedischen Bohuslän erkannte ich das vollzogene Stieropfer vor der Sonnenspiral-Säule. Ein ähnliches Ur-Irminsul-Ritzbild findet sich in Rickeby / Boglösa sn. Die keltischen Stieropfer ersehen wir aus der Bodenplatte des Silberkessels von Gundestrup. Gegen die alteranischen Stieropfer predigte Zarathustra, dem griechischen Zeus und dem römischen Jupiter wurden Stiere geopfert. Wie im Großen, so im Kleinen -; die kosmischen Vorstellungen wollte man im heiligen Schauspiel nachvollziehen. Zur Phase bald nach der Sommersonnenwende, wenn der Sonnenochse hoch unter der Himmelskuppel - wo die Himmelsstütze zu vermuten war - anlangte, begann seine unerklärliche Schwäche, die ihn zum Abwärtsschwung veranlasst. Also musste jetzt ein Stieropfer am Weltstützen-Sinnbildpfeiler vollzogen werden. Diese real geglaubte, oder allegorische gedachte Allsäule, nannten unsere artgläubigen Vorfahren „Irminsul“, die Säule des Himmelslichtgottes Dyaus / Dios-Zeus / Diu-Piter / Tius / Tyr, dessen Kultname Irmin (Erhabener) war. Denn die Sonne stellt sich als das Erlöserkind des Himmelsherrn vor. Gottvaterhimmel hat mit der Sonnenkraft einen siegstarken Sohn gezeugt -, oder ist es eine glanzschöne Tochter ? Die Sorge sämtlicher Nordmenschen war, es könnte einmal die Sonnenkraft erlöschen, ein endloser Winter griffe um sich, eine Nacht der schrecklichen Dämonen könnte beginnen und das Menschengeschlecht auslöschen. Deshalb die Opfer, deshalb der Sonnenkult. Und ein Stück von der köstlichen verehrten Sonnenenergie für die eigene Lebensbemeisterung zu gewinnen, trug man Sorge, in Gestalt von Sonnenamuletten -, verziert mit die Sonnenmacht hineinbannenden Sonnenzeichen. Als stärkstes Sonnensinnbild galten die Spirale und die Doppelspirale, dem Sinnmal des Sonnenjahrgangs. Das Rad, als Charakteristikum der schnellen Bewegung, wurde zum Sonnensinnbild, ebenso wie der Kreis, der Ring, die zentrischen Ringbilder und das gleichschenklige Kreuz, das Radkreuz. Die Doppelspiralscheiben als Halsschmuck trugen bronzezeitliche Frauen, auch mit Spiralreihen verzierte Halskragen („Diademe“) und Spiralscheibenfibeln zur Gewandbefestigung. Die Männer schmückten ihre muskulösen Arme Doppelspiral-Baugen. Das verchristlichte Kreuz erlebte seine rasche Akzeptanz aus dem Umstand, dass es bei vielen altgläubigen Kultgruppen als Heilszeichen der Sonne weithin im Weihegebrauch war. Es galt zunächst als das genaue Gegenteil des später von der Kirchenpolitik hinein definierten römischen Galgenbaumes. Das Heidentum betonte im Wesentlichen in seiner Verkündigung das Leben, der Christianismus betont den Tod, verbrämt mit dem Hoffnungsangebot eines besseren Jenseitslebens nach dem Tod. 

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Aus der donauländischen „Epi-Lengyel-Kultur“ (4.300 / 3.900 v. 0) stammt der älteste Goldfund Österreichs. Die Kupferspirale von der „Hohen Wand“ beim Niederösterreichischen Stollhof hat eine Breite von ca. 22 cm. Die Menschen der Mondseekultur (3.600 / 2.900 v. 0), etwa zwischen den Räumen von Linz und Salzburg, schufen dekorative Tongefäße mit eingestochenen und mit weißer Kalkmasse verschönten Sonnenspiralen und mit Sonnenstrahlen versehene zentrische Ringe. Die Gegend der um 3.150 v. 0 errichteten jungsteinzeitlichen Grabtempelanlage von Newgrange / Irland wird im Irischen „Wohnstatt der [Göttin] Bóinn“ geheißen. Weitere nahe Megalithbauten sind jene von Dowth und die von Knowth, wo man den wunderbar gearbeiteten Doppelspiral-Hammerkopf fand. Ein ca. 20 m langer Gang im Hügel endet in einer kreuzförmigen Kammer mit einem großen verzierten Altarblock. An ca. 13 Tagen dringt durch den Fensterspalt über dem Eingang, einem Strahlenfinger gleich, der Lichtschein der aufgehenden Wintersonnwendsonne in den dunklen Gang hinein, tastet sich entlang der Gangwand nach hinten und beleuchtet einen heilige Moment lang den dort eingravierten Dreierspiralwirbel, der - genau besehen - eine S-förmige Doppelspirale ist, welche aus ihrer Mitte eine neue Spirale, ein Spiralenkind, also den spiraligen Kreislauf des neuen Jahres gebiert. Wegen der Präzession ist der beschriebene Lichteffekt heutzutage verkürzt und etwas schwächer als zur Erbauungszeit (Abb. 7). Die gleiche Dreierspirale ist noch auf dem Prunk-Rasiermasser aus dem bronzezeitlichen Königsgrab von Harsefeld (Lkr. Stade / Niedersachsen) abgebildet. Auch im Dekor der urnenfelderzeitlichen Panzerplatte aus Ilijak, Hügel III., Grab 9, Bosnien, wo 8 Sonnenrad-Zeichen um ein 9. gruppiert sind, in welchem die Dreierspirale zentriert ist. So erklärt sich die Dreierspirale und die vereinfachte Triskele als ein Sinnbild der sich fortsetzenden, fortlaufenden Lichtschöpfung. Den prinzipiell gleichen Effekt des Sonnenwunders von Newgrange wurde durch die raffinierte Konstruktion des südägyptischen Felsentempels zu Abu Simbel erzielt, der um 1.260 v. 0 für Pharao Ramses II. meisterlich in das Felsmassiv eingeschnitten wurde. Zwei Mal im Jahr (21. Oktober und 21. Februar) beleuchten in einem bestimmten Zeitraum die durch den Tempeleingang eindringenden Sonnenstrahlen für etwa 20 Minuten drei der vier in sitzender Haltung dargestellten Götterstatuen des tief im Inneren liegenden Heiligtums: Amun-Re von Theben, der vergöttlichten Ramses und Re-Harachte von Heliopolis. Die Statuenmenhire im französischen Aosta und von der schweizerischen Nekropole „Petit-Chasseur” (3.000 / 2.500 v.0) von Sitten/Sion im Wallis zeigen die Doppelspirale als Halsschmuck einer Göttin. Letztere hat eine Höhe von 2.50 m. Diese Kultur der Westschweiz stand noch ganz unter dem Einfluss der Megalithreligion. Einer der ältesten Metallgegenstände, die hier gehoben wurden, ist ein Doppelspiralanhänger aus dickem Kupferdraht. Den gleichen Doppelspiral-Halsschmuck fand man im Frauengrab von Straubing / Niederbayern, aus 1.700 v. 0. Der Siegelabdruck des hethitischen Großkönigs Zuzu auf einer Keilschrifttafel von Kültepe-Kanis / Nesa (1.800 v.0) zeigt den großen Himmelsstier von einem Spiraldekor umkränzt (Ausstellungskatalog „Die Hethiter“, 2002, S. 239) Hethitische Steinreliefs und Rollsiegelbilder zeigen unmissverständlich die orientalisch-traditionelle Verehrung der Dattelpalmikone auf, doch ein mir bekannter Rollsiegel setzt eine Art Sonnen-Säule oder  Flügelsonnenstandarte ins Bild, die ohne jeglichen Dattelbaumcharakter ist (Eduard Meyer, „Reich und Kultur der Hethiter“, 1914, Fig. 39). Ein Sonnensäulenkult ist mithin anzunehmen. Der Figurenschmuck der Zeremonialaxt aus Sarkisla / Kapadokien (14./13. Jh. v.0) figuriert den hethitischen Sonnengott mit langem Mantel und spitzer Mütze unter der geflügelten Sonnenscheibe, die den Doppelspiral- Halsschmuck trägt (Kat. Nr. 147). Dieser auf der Kultaxt noch genau ausgeprägte Doppelspiral-Halsring reduziert sich auf den hethitischen Königssiegeln zu kaum noch erkennbaren Doppelspiralbändern, die von der Sonnenscheibe ausgehen. Von der Sonnenscheibe der altägyptischen Flügelsonne gehen zwei Kobraschlangen aus, ohne Ähnlichkeit mit dem Spiralhalsband der hethitischen Flügelsonne. Die späteren Assyrer übernahmen das hethitisch-mittanisch-hurritische Symbol der geflügelten Sonne von den indogerm. geprägten Vorläuferkulturen Kleinasiens, begriffen den Sinn der solaren Doppelspirale nicht mehr und verselbständigten sie als ein ikonographisches Detail ihres Flügelsonnen-Symbols des Reichsgottes Assur. Da Hethitisch eine westindogerm. sog. Kentumsprache ist, dürfte dieses Volk aus dem mittleren Donauraum bis zum Rhein hin urbeheimatet gewesen sein, wie es auch der Althistoriker Friedrich Cornelius („Geschichte der Hethiter“, 1973, S. 43 ff) vermutete. Nur so erklären sich die überraschend vielen Übereinstimmungen mit kelt.-germ. Zügen der Mythologie. Auch trägt die kleine Bronzestatuette einer Göttin aus Kanaan (im Louve / Paris) von 1.400 v.0. - die sog. Brillenspirale als Halsschmuck; er gehörte ganz offenbar zum Schmuck der Istar- / Astarte-Priesterinnen, den Dienerinnen der großen Mutter- und Liebesgöttin. Diese Figürchen haben hohe Hauben auf dem Kopf, die an hethitische Kleidungstraditionen erinnern. Eine kleine bronzene Götterfigur aus Boğazköy, dem Hattusa-Tempel 4, aus hethitischer Großreichszeit, trägt einen solchen Kopfputz (Kat. Nr. 116) und die hethitischen Göttinnen von Yazilikaya tragen etwas breitere zylindrische Kopfbedeckungen. Ob die Doppelspirale als Symbol in den syrischen Raum über die indogerm. Hethiter gelangte oder über andere Wege, ist mir mit Sicherheit noch nicht bekannt. Das Symbol der Doppelspirale verkündet sinnfällig - wie rechtes und linkes Auge, wie Kommen und Gehen - den Aufgang und Abgang des ewigen Rhythmus (von Sonne und Mond) einer harmonischen Ordnung in der Weltpolarität. Sechs Spiralvarianten kommen in der Symbolik hauptsächlich vor. Die einfache Spirale: , die stehende und liegende S-Form: , die auf- oder abschwingende C-Form:  , die V-Form:   und die Brillenspiralform:  Obwohl diese Sakralzeichen schon steinzeitlich sind, wurden sie bis in die Völkerwanderungszeit und weiter bis zum Untergang des Heidentums tradiert, sie treten dem Beschauer entgegen, auf Gold- und Silberschmiedearbeiten der germanischen Völker, auf Fibeln, Gürtelschnallen, Riemenzungen und Amuletten. 

Abb. 8   9

Die besagten Spiralen und Doppelspiralen finden wir im mathematisch aussagestarken Dekor des Sonnendiskus des Sonnenwagens von Trundholm / Dänemark, in dessen Summierungen ich die Zahlen des Lunisolarjahres von 360 Tagen erkannte. Die skandinavische bronzezeitliche Felsbilderwelt kennt die Doppelspirale als Jahresschema (Felsbild Ryland / Bohuslän) und als Krönung der Weltsäule (Felsbild Kasen, Abb. 8 Kupferfolienabdruck), ebenso wie auf den schwedischen bronzezeitlichen Plattenfibeln des Hortfundes von Vegstorp / Bohuslän. Ich denke an die große S-Spirale in der Järrestad-Felsbildregion vom schonischen Simrisham. Sonnenspiral-Symbole in liegenden und stehenden S- und C-Varianten finden sich ebenfalls auf keltischen Münzen (300 v.0 bis 0). Der keltische Zeus, Gott Taranis, der kleinen Statuette von Le Châtelet de Gourzon stützt sich mit der Linken auf das große Sonnenrad, trägt eine Menge Jahre in Gestalt der S-Doppelspiralen am Schulterband und schwingt mit der Rechten den Donnerkeil. Die Heilszeichen der C-, S- und V-Spiralen fehlen auch nicht auf auf den germanischen Goldbrakteaten des 5./7. Jhs. n.0, sind also auch Thema der sog. germ. „Brakteatenreligion“ (Karl Hauck, „Goldbrakteaten aus Sievern“, 1970). Auf Brakteat „England-C“ (Britisches Mus.) sind sowohl die S- und C-Spiral-Begriffszeichen vorhanden. „Sievern-A“ führt aufgelötete V-Spirale, „Sievern-C“ trägt aufschwingende C-Spirale, „Saale-sächsischer“ Brakteat zeigt vier C-Spiralen, „Holmetorp-A“ führt C-Spiralen-Rundumfries mit großer aufgelöteter abschwingende C-Spirale, „Geltorf-A“ mit auf Öse gelöteten S-Spiralen, „Skrydstrup-B“ führt S- und C-Spiralen, das Seeländ.-thulr-Amulett „Lyngby-C“ führt S-Spiralen, „Gerete-C“ zeigt C-Spiral-Rundumfries und S-Spiralen, „St.-Giles’-Field-A“ hat aufgelötete V-Spirale, „Fride-C“ führt die V-Spirale unter der Öse und die S-Spiralen im Rundumfries.

Abb. 10

Die vielen Übereinstimmungen von Megalith- bis Bronzezeit zwischen nordischen mit maltesischen und sardinischen Spiralkulturen zeigt die große, uralte geistige Verbundenheit der sonnengläubigen Völkerfamilie auf. Die Spiral-Sonnensäule ist in den Höhlenritzbildern Sardiniens ebenso anzutreffen, wie die sardischen Figuren mit Knaufspitzenhörnerhelmen, die wir auch von Funden aus der Bronzezeit Schwedens kennen. Ein Höhlenbild von Corongiu, Pimentel (Abb. 9) zeigt exakt die gleiche Säulenform wie jene aus Bohuslän. Die Felsbildfelsen vom schwed. Fiskeby / Norrköping führt ein Schiff mit großem Spiralsteven -, jener von Himmelstalund ein Schiff mit großer S-Spirale im Bug und Fruchtbarkeitszweigen. Wir wichtig die Jahres- und Zeit-Spirale den nordischen Bronzezeitleuten galt, beweist eine Felsritzung von Ekenberg / Östergötland, wo ein Mann - wie der Riese Atlas die Weltkugel - mit beiden Armen den großen Kreis mit hineingeschliffener Doppelspirale hochhält. Im kreativen Gestaltungsreichtum entwickelte das norddeutsche und skandinavische Kunstschaffen eine Vielzahl unterschiedlicher Sonnenspiral-Zierstücke, von Spiral-Haar- und Gewandnadeln, Fibeln, wie die Haarknotenfibel von Bahrendorf, aus ca. 1.000 v.0. (Abb. 11). Eine Fibel aus dem bronzezeitlichen Goldhort von Gessel (Lkr. Diepholz, Niedersachsen) zeigt die Sonnenmotive (Abb. 10), er umfasst 117 Teile aus Gold,  aus 14. Jh. v.0, darunter 82 Spiralringe von unterschiedlicher Größe, auch Brillenspiralen-Anhänger, die man u.a. auch in Troja fand. Als Halsschmuck erscheint die Doppelspirale auf bronzezeitlicher Idolplastik, auf Tongefäßen der im serbischen Donauraum ansässigen „Dubovac-Zuto-Brdo-Gruppe“, bei denen Urnengräber vorherrschend waren. Dortige Tonidole einer Fruchtbarkeitsgottheit tragen den Doppelspiral-Halsschmuck, wie der sog. „Apoll von Dupljaja“, der von Milutin V. Garasaninim im „Bericht. der Röm.-Germ. Kommission“, 1958, so beschrieben wird: „Die in weiblicher Tracht dargestellte, auf einem Vogelwagen stehende männliche Gottheit, gehört aller Wahrscheinlichkeit in den Vorstellungskreis, dem auch die Sagen von Apollo und den Hperboräern entstammen.“ In den Boden des Wagenkorbes ist ein Speichenrad eingeritzt. Dazu fand sich ein glockenförmiger, verzierter und durchbohrter Deckel, der aufgrund der Bohrungen an Rücken und Kopf des Idols, als Baldachin rekonstruiert wurde, welcher als Himmelsgewölbe zu deuten wäre. M.V. Garasaninim meint die Hyperboräer hier im Donaugebiet vermuten zu dürfen, doch die Griechen hätten nie „die über dem Nordwind Wohnenden“ gewissermaßen vor ihrer nördlichen Haustüre angenommen, sondern im Nord- und Ostseeraum, wohl dort, woher die Singschwäne kamen. Auf einem mit Schwänen bespannten Schiffswagen soll Apollo in jedem Frühling - so ging die Mär - nach seinem Winteraufenthalt bei den Nordleuten, nach Griechenland zurück gekommen sein. Der Schwan als Sonnensymbol gelangte nicht nur zum Ausdruck in einer Vielzahl von urnefelderzeitlichen Bildwerken, auch im griechischen Mythos ist der Name eines Apollosohnes Kyknos („Schwan“), und einen Helden gleichen Namens versetze Apollo als dergestaltes Sternbild an den Himmel. Ein schönes Beispiel für die Sonnenbarke, der sakralsymbolischen Verbindung von Sonnenradkreuz und Schwanenstevenschiff ist ein bronzezeitliches Bronzeamulett das man in der französischen Gemeinde Charroux d'Allier fand. Geweihte Schwäne soll es auf der heiligen Insel der Hyperboräer gegeben haben, deshalb wurde auf dem Apollo-Heiligtum auf Delos gleichfalls ein Schwanenteich angelegt. Die religionskulturellen Verbindungen sind deutlich, im arioindischen Mythos gilt der Schwan („Hamsa“) ebenso als Sonnensymbol. Mit der Insel der Hyperboräer könnte Rügen im germanischen „Suebenmeer“ (Tacitus: „Mare Suebicum“) gemeint sein, dort glaubte man bis in die Neuzeit an den Schwan als Kinderbringer und nannte die Neugeborenen Schwanenkinder. Und vom altschwedischen Schwanenleich zur Julzeit, berichtete Olof Rudbeck in seinem Werk „Atland eller Manheim“,1689: Im Rundtanz, der den Sonnen- und Jahreskreisweg bedeutete, führten als Schwäne weißgekleidete Teilnehmer ein Singspiel auf. Es wäre zu vermuten, dass die „Trojaburgen“ (finnisch: Jatulintarha, Jungfrudans / Jungfrauentanz) damit im einstigen Zusammenhang stehen. Es sind zum Teil uralte spiralschlingenartige Steinsetzungen, oft in Nähe der skandinavischen Küsten, zwischen 5 bis ca. 20 m im Durchmesser, die begehbare Wege- bzw. Tanzsysteme bilden, wodurch der jährliche Sonnenweg im rituellen Tanzspiel nachgegangen werden kann.

Abb. 11

Im Donauraum, in der Pannonischen Tiefebene, wohnten die späteren Thraker, von denen Maximos von Tyrus im 2. Jh. schreibt (VIII., 8), dass die thrakischen Päonen ihren Sonnengott („Helios“) in Gestalt einer Sonnenscheibe auf einem hohen Pfahl verehrten -, also einer Art Irminsul. Ob die Ionische Säule mit ihrem Doppelspiral-Kapitell nur Bauform und Schmuck ist oder doch Symbol, darüber haben wir aus alter Zeit keine genaue Nachricht. Über Art und Erfindung der Säulenarten legte Marcus Vitruvius Pollio (Baukunst IV. Buch, I) im 1. Jh. v.0 dar: Die dorische Gattung ist vom Hellenen Dorus, der über den ganzen Peloponnes herrschte, vor allen zuerst, noch ganz in den alten Zeiten erfunden worden. Ihre Gestalt sei nach den Proportionen von Fußlänge und Körperhöhe eines griechischen Mannes geordnet und die Schnecken des Kapitells wären den vom Haupte rechts und links herabhängenden Haarlocken nachempfunden. Dieser antike Baufachmann legt also dar, dass bereits die altgiechisch-dorische Säule im Säulenhaupt mit Voluten versehen sein konnte und die ionische Säulenform nicht erst durch die nach Ionien (Kleinasiatische Küste) ausgewanderten Griechen erfunden wurde. Ebenso geht aus seiner Abhandlung hervor, dass die dorisch-ionische Säulenform in einer archaischen Verbindung stand mit der Apolloverehrung und seinen Tempelbauten in Achaja. Wenn die religiösen Urvorstellungen von Apoll - wie der den Doppelspiral-Anhänger tragende „Apoll von Dupljaja“ demonstriert - den Himmel als eine Art Säule stützen lässt, wie naheliegend ist es dann, die Ionische Säule, mit ihrem Doppelspiral-Kapitell, als Symbol der appolinischen Himmelsstütze zu verstehen. Der „Apollo von Vejis“, unverkennbar etruskisch, eine meisterliche Terrakotta-Skulptur, steht über zwei gegenläufigen S-Doppelspiralen. Doch schon die hethitische Hieroglyphe für Säule - eine Stele mit drübergelegtem Zeichen für „groß“ (ein nach unten schwingendes C-Spiral-Ideogramm) - gleicht grobvisuell der ionischen Säulenform.

 

DER WELTSÄULENKULT UND SEINE DENKMÄLER

 

„Weit verbreitet unter den meisten Völkern Europas und Asiens ist die Vorstellung einer Riesensäule, die vom Mittelpunkt der Erde aufragend bis zum Polarstern reicht und das Weltall trägt“, schreibt Rolf Schröder in „Altgerm. Kulturprobleme“, 1929. Auch die Inder kennen den Weltpfeiler, den Skambha. In alten Abbildungen vom indonesischen Seelenboot steht mittendrin ein lanzenförmiger Mast eine von Sonne und Mond flankierte Weltsäule oder ein -Baum. Der griech. Mythos sprach vom Riesen Atlas der nach dem griechischen Dichter Hesiod (vor 7. Jh. v.0) mit seinem Haupt und seinen nimmermüden Armen das Himmelsgewölbe stützen würde. Sophokles sprach von der Himmelssäule als der Achse der Gestirne und dem Ruheplatz der Sonne (Strabo 7,2,2). Tacitus (Germania, 34) schrieb von den „Säulen des Herakles“, worunter man die welterhaltenden Allstützen verstand, dass man sie im Raum des nördlichen Weltmeeres bei den Friesen vermutet hat, danach aber ergebnislos forschte. Aus dem Gesagten bei Tacitus geht hervor, dass sich germanische Sagen mit dem Säulenkult beschäftigten. Auch nach dem Glauben der Lappen gibt es die Weltstütze die den Himmel oben hält, die sie als Kultsäule zwischen zwei menhirartigen heiligen Steinen errichteten (Axel Olrik, Hans Ellekilde „Nordens Gudeverden“). Altägyptische Stelen, die sog. Obelisken, galten als Erscheinungsformen des Sonnengottes, der hauptsächlich in seiner heilige Stadt Heliopolis Verehrung fand. Der Obelisk sollte, wie die Pyramide, die steingewordenen Strahlen der Sonnengottheit versinnbildlichen. Die glänzend vergoldete Obeliskspitze bedeutete die Sonnenkraft, wodurch dieses Gebilde als Sonnensäule zu verstehen ist. Bei der Schilderung einer Himmelsreise bei Plato heißt es, man käme an einen Ort, von wo man hinab sehen könne und ein durch den ganzen Himmel und die Erde gespanntes Licht gewahre, das das ragend wie eine Säule sei, dem Regenbogen gliche, nur glänzender und reiner (Platon, Respubl. X, 616). Plato sprach in „Politaia“ von der „Spindel der Notwendigkeit“, womit er das kosmische Trageprinzip gemeint haben dürfte. Jupiter wurde auch mit einem Beinamen als „Tigillus“ angerufen, was soviel heißt, wie „fester Stütz- und Tragebalken“ des Himmels und der himmlischen Erscheinungen. Die ugrisch-sibirischen Völker erzählten von einer „siebenkerbigen Säule“ der Welt. Der Missionar Paul Egede besuchte in den Jahren 1734/40 die grönländischen Eskimos, von denen er wiederholt vernahm, dass der Himmel einstürzen werde, wenn die ihn tragende Stütze verfaule, oder zu fallen drohe. Das bronzezeitliche Fürstengrab von Kivik, im südöstlichen Küstenland vom schwedischen Schonen, wurde von verständnislosen Bauern zunächst ruiniert, wobei die bebilderte Grabplatte Nr. 1 verschwand, so dass wir um ihre Darstellung allein durch zeitgenössische Aufzeichnungen wissen: Über einem Schiff vom bekannten Felsbildtyp steht der von zwei Statusäxten flankierte spitze Kegel der Weltsäule, ähnlich wie ein Menhir, doch mit breitem Fußteil und sich nach oben verjüngendem Säulenkörper. Einige gleichzeitige weitere Weltsäulengravuren auf Rasiermessern blieben erhalten, es sind u.a. aus dem Erdenschiff hervorragende pilzförmige Gebilde, die wohl über dem Stützpfeiler die Himmelskuppel darzustellen bemüht sind. Zu diesem Typ gehören der Fund von Hvirring / Aarhus / und Nustrupfeld und Abkjär / Hadersleben Dänemark. Ein gleiches Weltsäulenbildnis schmückt den Schiffssteven auf einem fundortunbekannten Rasiermesser (Landesmus. Schleswig). Im schon christlich-isländischen Skaldenlied, dem „Solarliod“ des 12. Jhs., heißt es in Strophe 77: „Odins Weib fährt auf der Erde Schiff, lechzend nach Lust“. 

 

Die aus dem Norden eingewanderten griechischen Mykener scheinen geradezu verliebt in die solaren Spiralornamente gewesen zu sein, eine Neigung die sie in prächtigen goldenen Schmuckstücken verewigten. Ihre ältesten Aschenaltäre für Zeus finden wir im Donaugebiet. Doch schon die späte Cykladenkultur (1.600-1.200 v.0) zeigt auf Tonwaren menhirartige mehrstöckige Volutensäulen ohne Palmblätterkronen, auch Palmvolutensäulen z.B. auf Elfenbeinplättchen (Mus. Athen 12358). Mykenische Keramikmalereien bringen in früher Periode (1.500-1.200 v.0) ausgiebig den Palm-Lebensbaum, auf einem Stück zwei Gestalten in dessen Krone sitzend mit „Lilien-Zeptern“ in Händen (Mus. Athen 2899). Aber ebenso Kombinationen von Säule mit Palmkrone und reine Säulen - aufwärts gerichteten Winkelzeichen im Schaft - mit aufgesetzten zwei re. u. li. S-Spiralen, flankiert von sich abwendenden Steinböcken (20 cm langer hornförmiger Gegenstand, Mus. Athen 2916). Auf attischen Tonwaren gibt es Volutensäulen mit nach außen gerollte Spiralen zwischen denen ein langschäftiges Pfeilsymbol von Art der Tyr-Rune aufragt -, im Nebenbild ein Mutterfigürchen auf Thronsessel mit Kind auf linkem Arm (Mus. Athen 3761). Die mykenischen Spiralornamente gleichen aufs Haar denen z.B. auf skandinavischen Prunkwaffen der älteren Bronzezeit wie die z.B. Prunkaxt von Västerås / schwed. Västermanland, oder jener von Stockhult / Schonen. -- Der mykenische Weltsäulenkult dokumentiert sich im „Löwentor“ und Goldringbildern mit spiegelbildlichen Tiermotiven um die unbekrönte mächtige Zentralsäule. Auf mykenischen Grabplatten steht der Himmel voller Sonnenspiralen und die Sonnenspiralsäule ist am oberen Bildfeldrand so angelegt, dass sie als im hohen Norden gedacht erscheint. Die „Situla Certosa“ (Bronzeeimer) aus Bologna, eine figürliche Treibarbeit höchster Feinheit, zeigt Friese von Tieren und Menschen und am obersten Rand ist - ähnlich wie auf der erwähnten Mykener-Grabplatte - die im Norden vermutete Sonnenspiralsäule eingeprägt (Abb. 12). Die Situlen gehören der etruskisch-griech. Este-Kultur (600-300 v.0) an. Der Goldfisch von Vettersfelde (Niederlausitz), wahrscheinlich eine thrakische Goldschmiedarbeit für den Pferdewangenschmuck, aus dem 6. Jh. v.0, lässt die Doppelspirale vom Sonnenauge des kosmischen Fisches ausgehen. -- Aristaios war in der griechische Mythologie ein weiser, kulturbringender Apollosohn. Er war mit Thrakien und dem dortigen Orpheus-Kult verbunden. Eine schwarzfigurige lakonische Schale aus Mitte 6. Jh. v.0 (G. Sinopoli-Sammlung) zeigt ihn im Gespräch mit einer geflügelten Frau, hinter der sich ein Schwan reckt. Unter der Bodenlinie flankieren zwei gleiche Wasservögel eine auf dem Kopf stehende Weltsäule, über deren beiden gegabelten Armen der Palmettenfächer steht (Abb. 13). Ähnlich verhält es sich im gleichzeitigen schwarzfigurigen Bild eines Kolonnettenkraters, das dem Lydos, dem Hauptmaler von Athen zugeschrieben wird. Hier stehen zwei gegenständige Stiere unter einem „herabhängenden“ palmettengekrönten Volutensäulen-Gebilde. Gleiche Darstellungsweise, die Spiral-Säule (oder -Baum) mit Kopf nach unten am oberen Bildrand zu placieren, findet sich auf dem rhodischen Euphorbos-Teller (zeigt Zweikampf zwischen Menelaos u. Hektor) aus ca. 600 v.0, Fundort Kamiros / Rhodos (Abb. 14). Dazu ist grundsätzlich zu sagen, dass in Vorderasien die Dattelpalme als Lebensbaum verstanden wurde ist unbestritten, dass sie in Säulenform - dem Charakter nach als Himmelstütze - zuweilen verbildlicht wurde, ebenso. Zum Thema des auf dem Kopf stehenden Weltenbaumes schreibt Manfred Lurker in „Der Baum in Glauben und Kunst“ (1960, S. 12 f) unter der Überschrift „Der umgedrehte Baum“ vom Der Weltenbaum der öfters als arbor inversea erscheint. Im Rigveda heißt es von ihm: „Nach unten richten sich seine Zweige, oben befinden sich seine Wurzeln. In uns mögen die Strahlen befestigt sein.“  Auch die Katha-Upanishad kennt diese Vorstellung und nennt sie das Reine, das Brahman, es sei das was man den „Nicht-Tod“ nennen könne, es heißt, „alle Welten ruhen in ihm“. Auch dem Westen ist das Bild nicht fremd, dass der Mensch einem ungekehrten Baume gleiche, dessen Wurzeln zum Himmel, dessen Zweige zur Erde gerichtet seien. Von Plato, dem Islam, mit seinem „Baum des Glücks“, bis Dante und die mittelalterliche Mystik ist der Gedanke zu verfolgen. Die Lappen stellten zur Ehren ihres Vegetationsgottes, dem „Weltenmann“ (Veralden olmai) der als identisch mit dem germanischen Gott Fro/Freyr zu sehen ist, einen ausgegrabenen Baum auf, dessen  Wurzeln noch oben schauten. „Die komplexe Natur der Vorstellung vom umgekehrten Baum lässt eine eindeutige Antwort nicht zu, oder soll zum Ausdruck kommen, dass des Menschen Weltbild auf dem Kopf steht ?“ Die Verbindung von Welt- oder Himmelssäule mit dem ikonographierten Bild des Weltenbaumes als Dattelpalme setzte im Orient schon im 2. Jt. v.0 ein. Auf Tonwaren des 12. Jhs. v.0 zeigt der zyprische Lacarna-Stil (Typ III. c und „rude“-Stil) verspielte Volutensäulen. In der zypro-geometrischen I. Periode (1.050-950 v.0) ist in der Tonwarenmalerei das von zwei Tieren umstandene Symbol bereits voll ausgebildet, was ich „synkretistischen Palmsäulen-Lebensbaum“ nennen möchte. In der Folgezeit ist im orientalisch beeinflussten Kulturbereich die sakralkünstlerische Verquickung von Sonnenstativ, Weltsäule und Lebensbaum-Palmbaum in den Detailmotiven kaum noch auseinander zu halten.

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Der altgläubige Weltsäulenkult, bezüglich einer gedachten Stütze, die das bogenförmige Himmelsgewölbe erhält, ist in nicht wenigen aus dem Mittelalter herrührenden Bildungen und Abbildungen erhalten geblieben. Was die immer belehrend-missionarisch getriebene christenkirchliche Denkart bewogen hat, altgläubige Sinnzeichen auf den Bogenstürzen der Kirchentüren, den Taufsteinen und auf Säulenköpfen, insbesondere denen der Unterkirchen, zu verewigen, ist nicht schwer erklärbar, sie folgen naheliegenden, verständlichen Denkgesetzen. Mit den heidnischen Motiven der Taufsteinreliefs bekam der Erwachsenentäufling noch einmal vorgeführt, wovon er durch das Taufwasser gereinigt würde und wovon er sich künftig zu lösen hätte. Unter den heidnischen Sinnbildern der Bogenfelder sollte der Kirchgänger hindurchgehen, vorbeigehen, sie zurücklassen beim Eintritt in den Tempel eines neuen, biblischen, besseren Gottesverständnisses. Die Darstellungen auf den Säulenköpfen sind bildsprachliche Belehrungen über biblische Legenden, zudem stellen sie die Überwindung und Verketzerung des Heidentums dar, während die Krypta-Säulen noch der kirchlichen Genugtuung Ausdruck verleihen, in Stein geronnene heidnische Denkweisen, mit der Erniedrigung in die Kellergewölbe, symbolisch beerdigt zu haben. Einen weiteren Aspekt erklärt Dietrich Ellmers („Früh- und hochmittelalterliche Steinreliefs in Rheinhessen“, 1969, S 81ff) so: „Man wird vielmehr die Wiederaufnahme der alten Motive in einer umfassenden geistesgeschichtlichen Entwicklung sehen müssen, in deren Verlauf selbst heidnisch-germanische Weltuntergangsmythen in christlichen Kirchen neben dem Kreuz dargestellt werden konnten … Das ist nicht als Renaissance der alten Mythen zu verstehen, sondern als Zeichen ihrer geistigen Bewältigung. Man begegnete ihnen nicht mehr mit ängstlichen Verboten, vielmehr mussten selbst Fenriswolf und Midgardschlange zur Verherrlichung des Kreuzes beitragen.“ Die Weltsäule Irminsul erwähnte D. Ellmers nicht, da sie außerhalb seiner Betrachtungen stand.

Abb. 15

Die Michaelskirche in Fulda ist 820/822 errichtet worden. Vom karolingischen Bau blieb nur die Unterkirche erhalten, deren Gewölbe von einer einzigen archaischen Mittelsäule getragen wird, deren Kapitell die Sonnenlauf-Doppelspirale ziert (Abb. 15). Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit hierbei um eine Irminsul, welche als mönchische Trophäe aus den Sachsenkriegen stammt, die der Fulda-Klostergründer Abt Sturmi, als Kriegsbegleiter König Karls, 772 beibrachte. Die Denkweise des Sturmius (704-779), Spross einer bayerischen Herrensippe, ist kaum plausibel zu erfassen. Als fanatisierter, an der Seite des brutalen Frankenkönigs Karl in die Gräueltaten der sächsischen Zwangsmissionierung verstrickter Missionar, Gründer und erster Abt des Klosters Fulda, hat er die Zerschlagung der altheiligen Heiligtümer sowie die Fällung der Irminsul hautnah miterlebt und mitzuverantworten. Den heidnischen Säulenkult war er also bedacht, auszurotten. Und doch muss es schon sein Gedanken gewesen sein, den sein gehorsamer Schüler und Neffe Eigil (750-822) in die Tat umsetzen ließ, als er in den Jahren 820/22 die Fuldaer Michaelskirche nach einem erzheidnischen Baugedanken errichtete, nämlich deren Unterkirchengewölbe durch eine einzige alltragende Säule zu stützen und dafür ausgerechnet die sonnenspiralige Irminsul einzusetzen. Der Mönch Brun Candidus in seiner „Vita Abt Eigils“ erklärte zwar, die im wahrsten Wortsinne kryptische Bausymbolik der Krypta sei vom Fuldaer Abt Rabanus Maurus (780-856) beeinflusst, doch Sturmius prägte das Denken der Fulda-Mönche und von welchem christlichen Agenten damals auch immer die letzten Anregungen gekommen sein mögen, es ist ganz gleichgültig, denn fest steht, dass aus urchristlichem Welt- und Glaubensverständnis die Vorstellung nicht erwachsen sein kann, die unterirdische Irminsul der Michaelskrypta als den „das All tragenden Christus“ zu erklären. -- Auch die Unterkirche der St. Wiperti-Kirche in Quedlinburg birgt eine Irmisul, allerdings ist auch ähnlich schönes Kapitell an einer Galeriesäule zu bewundern. Einige Bauteile erhielten sich aus der Zeit um 936, also jener Heinrichs I. und seinem Königshof. Die villa quae dicitur Quitilingaburg“wurde zum ersten Mal am 22.04.922 in einer Urkunde Heinrichs I. erwähnt. Die hervorgehobene 9. Krypta-Säule ist unverkennbar ein irminsulisches Weltsäulen-Idol mit Doppelspiral-Kapitell, entweder ursprünglich herrührend aus einem altgläubigen Vorgängerbau, oder vom Königshof des sächsisch-ottonischen Herrscherhauses, oder von der dortigen vorklösterlichen freiweltlichen Frauenkongregation. Es wurde von fachmännischer Seite auch schon die Vermutung geäußert, die Bauteile der Wipertikrypta stammten von einer einstmals offenen Missionskapelle, womit sich die Hauptsäule mit dem altheiligen Sonnenlaufsymbol zwanglos erklären würde. Die abgefeimten Missionsmönche verwendeten bekannte Sinnzeichen, um sie ihren zu bekehrenden Schäfchen christreligiös umzudeuten. Auch die beiden südlichen Würfelkapitelle der beiden ältesten Säulen, aus der Erbauungszeit der Krypta des ottonischen Domes „St. Peter und Paul“ im Sachsen-Anhalter Zeitz, aus dem Jahr 968, tragen die doppelspiraligen Irminsul-Reliefs. Auch die Kämpfer und Säulenköpfe der Krypta des 961 gegründeten Benediktinerklosters Hadmersleben in Sachsen-Anhalt führen Irminsul-Spiralsymbolik. Die beiden Ostkrypta-Säulen des St.-Petri-Doms zu Bremen, der im 11. Jh. auf Vorgängerbauten errichtet wurde, verbildlichen auf ihren Würfelkapitellen altgläubige Symbolik -, nämlich die Nordseite der südlichen Säule die aufschwingende Doppelspirale und die Nordseite der nördlichen Säule die germ. Doppelschlangen-Chiffre. Die Krypta von St. Servatii, dem Quedlinburger-Dom, versteckte vor den Augen der Profanen ganz herrlich gearbeitete Doppelspiral-Symbolik. Die Krypta der Benediktiner-Abtei Marie Laach, erbaut um 1093, besitzt das Kapitellrelief mit den beiden Sonnenvoluten, rechts und links von einem Heidenkopf ausgehend, über dem der Sonnenring prägnant herausgearbeitet wurde. Ein ganz ähnliches Kapitell-Steinwerk gibt es in der Kirche „Santa Maria della Pieve“ / Italien, doch ohne den Sonnenring über dem Kopf. Ebenfalls die Krypta der langobardischen Kirche St. Secono in Asti  / Italien birgt ein Sonnenspiralsäulen-Kapitell. Das Mittelschiff der Klosterkirche „Unser Lieben Frauen“ in Magdeburg (erbaut: 1015-1018) birgt zugemauerte Säulenkapitelle mit altheidnischen Doppelspiral-Sinnbildern. Die alten Kirchlein in Angeln und Schwansen (Krs. Rendsburg), wie z.B. Karby und Rieseby besitzen mittelalterliche gotländische Taufsteine, deren Sockel die Doppelspiralsäule darstellen, zum Teil, wie im nordschleswig-dän. Feldstedt, in Mischformen mit Lebensbaum-Merkmalen, von verketzerten anbetenden „Heiden-Tieren“ („dummer Esel“ und „stolzes Pferd“) flankiert. Der so an die Wand gerückte romanische Taufstein der Hospitalkirche im dän. Haderslev / Hadersleben, dass sein Reliefbild unsichtbar bleibt (man benötigt zur Betrachtung einen großen Spiegel), birgt dergestalt eine heidnische Spiralarmsäule, die von zwei hässlichen Tieren angebetet wird, von denen das  rechte den Fuß des Idols mit langer Zuge beleckt. Der Taufsteinsockel der dän. Hjortdal-Kirche zeigt ein Spiralsäulchen, während jener der Kronge-Kirche eine Mischform von Säule mit Blattranken vorführt. Aus merowingischer heidnisch-christlicher Übergangsphase sind etliche Grabsteine auf uns gekommen (Landesmus. Trier), die teils von Koblenz zu den Trierer Kirchhöfen St. Paulin, St, Maximin und St. Matthias verbracht wurden. Sie zeigen in schlichter Ausführung den Sonnenweg über dem Weltenberg oder Weltsäule (Abb. 16). Auf ihnen ist die Himmelssäule mit ihren beiden Sonnenbahnvoluten, das Sonnenradkreuz und das Kreuz als mächtig dicke Himmelsbogenstütze eingemeißelt. Im Tympanon der ältesten Wiesbadener Kirche (in Außenwand eingelassen), im Vorort Bierstadt (9. Jh.), wo ein von zwei Baumsymbolen flankierter hoher Menhir - der gleich einem Zeltstab das spitze Himmelszelt stützt - ganz unbeholfen, wie nachträglich, zu einem Kreuz umgearbeitet erscheint, erkennt man die missionarische Absicht, mittels vertrauter heidnischer Motive die neue Idee vom Christenkreuz anzupreisen. Die langobardische Reliefplatte des 7./8. Jhs. in der Kirche St. Assunta in Gussago / Lombardei zeigt eine Kombination von Lebensbaum mit aufgesetzter Doppelspirale, im Kapitell, als Weltsäule. Die frühesten Ursprünge der Kaiserpfalz zu Goslar liegen vermutlich in einem königlichen Jagdhof der ottonischen Zeit. Heinrich II. hatte um 1005 einen ersten Pfalzbau in Goslar errichten lassen. Der Kopf einer schon recht verwitterten Tor-Halbsäule, in äußerer Front, zeigt die Weltstütze mit darüberliegender Doppelspirale. Im engl. Fritwell die Kirche St. Olave besitzt im Südtor-Tympanon aus 12. Jh. die Doppelspiralsäule von heidnischen Tieren angebetet. Das Dorf Fuhlen (Lkr. Hameln-Pyrmont), direkt an der Weser liegend, hat eine sehr lange Geschichte, die Entstehung der dortigen Kernhöfe geht auf die Zeit der sächsischen Blüte vor 800 n. 0 zurück. 1319/1320 befand sich hier das Gogericht.
 

Im Kapitell der niedersächs. Stiftskirche von Obernkirchen steht das Spiralsäulchen exakt in gleicher Form wie es zweifach in einem Schiff der bronzezeitlichen Felsritzbilderregion von Bohuslän zu sehen ist. Die „St. Johannes der Täufer“-Kirche entstand Mitte des 11. Jhs., auf ihren äußeren Torsäulenköpfen sind feine Irminsul-Bildnisse zu sehen, besonders schön ist das rechte. Das südlich davon liegende Dorf Hemeringen weist sich schon durch seine Wortendung „-ingen“ als altgermanische Siedlung aus. In halber Höhe der Nordseite des Kirchturms, der „Heidenseite“ also, befindet sich ein romanisches Doppelrundbogenfenster, dessen mittlere Rundsäule vom Relief einer aufschwingenden Doppelspirale als Sonnensäule gekennzeichnet ist. Eine kurze Volutensäule, mit an den Enden jeweils auf- und abschwingenden C-Spiralen, schmückt den heidnisch-christlichen Steinsarg von der Klim-Kirche (Mus. Kopenhagen). Die sächsische Dorfkirche zu Grebehna (nördlich Leipzig) führt auf dem Bogenfeld ihres Nordeinganges die besonders schöne doppelstöckige Sonnenspiral-Säule. Ähnliche Formen zeigt der Türsturz am Kirchturm von Engelstadt in der Pfalz und die beiden romanischen Würzburger Türstürze, auf denen die Sonnenspiralsäulen von Kreuzen flankiert werden:  1. der aus der Franziskanergasse und 2. der aus der Bocksgasse (Mus. Würzburg). Der von 1042 bis 1189 erbaute Würzburger St. Kilians-Dom wirkt schlicht und schmucklos und doch birgt er einmalige Besonderheiten. Seine beiden Vorgängerkirchen, um 787 und 855 erbaut, wurden vom Feuer zerstört, ob durch Brandanschläge oder natürliche Ursachen, blieb unbekannt. Die Wandgliederungen der Verbindungen von Pilastern mit Bogenfriesen wurden von fachmännischer Seite als lombardisch bezeichnet. Die Verbindung zu norditalischen Werkleuten ist belegt. Aber das erklärt nicht, wie es kommt, dass so viele altgläubige Sinnzeichen in des Domes Bauplastik zu finden sind. Edwin Kuhn („Bauornamentik des St. Kiliansdomes in Würzburg um die Zeit des hl. Bruno“, in Würzb. Diözesan-Geschichtsbl.“, 46. Bd., 1984, S. 133 ff) meint: „Das Heidentum und seine Vorstellungen des Baum und Quellenkultes waren in Franken noch latent fast bis zum Hochmittelalter vorhanden, wobei die Sachsenumsiedelungen Karls des Großen ebenfalls eine Rolle spielten. …Selbst im 12. Jh. waren ,Baum’ und ,Irminsul’ noch allgemein im religiösen Bereich geläufige, um nicht zu sagen integrierte Begriffe. Außerdem geht daraus hervor, dass ,Bäume’ und ,Säule’ ineinander übergehen, was ebenfalls für die Domornamentik im allgemeinen wichtig ist.“  Die Zusammenstellung von Sonnenlaufspiralen mit Lebensbaum-Lilien sind auch anderen Kirchenbauen der Zeit nicht ganz unbekannt, doch die Gabelstützen unter der Sonnenlaufbahn, die Sonnenbahn mit Sonnenzeichen auf Stütze und die runischen Formen sind in der vorhandenen Fülle ungewöhnlich. Ob die lombardischen Steinmetze unbeauftragt an zum Teil kaum einsehbaren Stellen die alten Heilszeichen anbrachten, oder ob es offizielle Rückversicherungsversuche waren, in Anbetracht der vorausgegangenen  Brandkatastrophen, werden wir nie erfahren. Irminsul-Symbolik ist vorhanden z.B. auf: Vorkrypta-Kapitell, Vierungskrypta-Eckkapitell, Linsenkapitelle des Hochgaden-Süd und des südl. Seitenschiffs, Konsolen des Rundbogenfrieses, Arkadenkapitelle-Langhaus innen. Weltäulendarstellungen ohne Sonnenvoluten zeigt das romanische Tympanon der Stiftskirche St. Cyriakus zu Gernrode. Die Säule wird umstanden von Kentaur und Drachen - Symbolwesen des „heidnisch Bösen“ - unter dem Himmelsbogen. Im Bogenfeld der St. Agathenkirche zu Bietenhausen umstehen Sonnenbilder und ein Stern sowie zwei Wölfe die Weltsäule. Ein Kapitell der ehemaligen geschichtsträchtigen Stiftskirche Saint-Julien (Bauzeit 1060-1180) in der französischen Stadt Brioude / Auvergne zeigt den „Schausteller mit Affen“ -; zur Komposition gehört der verhöhnte Lebensbaum- und Säulenkult. Auch das nördliche und südliche Tympanon der Dorfkirche von Griesheim bei Arnstadt / Thüringen und jenes der Kirche zu Magstadt bei Stuttgart fallen unter diese Rubrik -, sämtlich im 12. Jh. errichtet. Beim mittelalterlichen Steinbild der St. Brigidsquelle von Cliffony (Sligo / Irland) wurde das Kreuz zur Sonnensäule durch ein Hakenkreuz in Kreuzkopf, den zentrischen Sonnenringen im Kreuzungsherz und der aufgesetzten aufwärts schwingenden Doppelspirale. Unter dem Beeinflussungszwang fortschreitender Christianisierung begannen die Schnitz- und Steinmeister  das Schneckenkreuz zu entwickeln, dessen Kreuzarme zu Doppelspiralen auslaufen, womit die langobardischen Baugilden und die irischen Steinkünstler wohl vorangingen, wie es z.B. das langobardische  Sarkophag-Ornament in der Vorhalle von Santa Maria in Trastevere (Rom) vorführt. Noch lange Zeit ist das Kreuz allein als Sonnensäule verstanden worden, was zusätzlich zum Ausdruck gebracht wurde, durch die Sonnenwirbel in der Kreuzungsmitte, wie wir es auf nicht wenigen langobardischen Steinmälern und an irischen Kreuzmonumenten sehen. 

Abb. 16

Als mein Schlüsselbild Nr. 1, zur sicheren Deutung der Doppelspirale, werte ich Reliefs des normannischen Taufsteins der St. Mungo's Kirche zu Dearham in West-Cumberland / England (12. Jh.).  Er ist wohl aus einem Kapitell ausgehauen worden und zeigt unholde Wesen (Wolf und Drachen) die die Sonnenspiralbahnen zu beschädigen versuchen. Es handelt sich hier um ein unschätzbares Fundstück, denn es entschlüsselt in unzweideutiger Weise das altgläubige Verständnis der Doppelspirale. Schlüsselbild Nr. 2 ist das Nordtympanon der Dorfkirche von Falster, nördlich Randers in Dänemark. Es zeigt die den Himmelsbogen stützende Weltsäule, flankiert von zwei die Säule anbetenden unholden Tieren, die das Heidentum zu versinnbildlichen haben. Dem Himmelsbogen liegt die Sonnenlauflinie auf, die sich rechts und links an ihren Enden spiralig aufrollt. In gleicher Weise waren mitunter die bäuerlichen Einfahrtstore im Niedersächischen geschmückt, um das Sonnenheil auf den Hof herabzubitten. Die Türsäulen waren an vielen alten Häusern mit Sonnenrädern bekrönt. Ein eingeschnitztes „Seil“ oder „Tauband“ überspannte den gesamten Dielentorbogen bis zum Haussockel hinab, wo es in Spiralenden (manchmal mit Schlangenköpfen) auslief. Und schon die Spiral-Zierbänder auf z.B. bronzezeitlichen Plattenfiebeln enden oft in schlangenartigen Köpfchen, die sich bei genauen Betrachtungen und Vergleichen als abstrakte Wasservögel- oder Pferdeköpfchen zu erkennen geben. Das Landes- und Freilichtmuseum Detmold zeigt Torbögen-Fassaden mit den Sonnenlauf-Wirlbelbändern, eine von 1728 aus Tintrup, die älteste von 1550 aus Schönemark. Zahllose hessische und fränkische Weltsäulensinnbilder, geschnitzt und gemalt, mit und ohne Sonnenvoluten, sind bis heute an den Eckständern der Fachwerkbauten zu bewundern. Dazu schreibt B. Hanftmann in „Hessische Holzbauten“, 1907, S. 171: „Der ursprünglich eingegrabene und zumeist besonders starke Eckpfosten ist als Teil Sinnbild, weil Halt, des Ganzen. Brennt es in der Schwalm, werden die Eckpfosten beschworen. Sie sind also die berechtigten Träger der Festmachung gegen das vernichtende Feuer; also Inbegriff des Hauses aber auch segnenden Sinnbildes.“ --  Eine ganze Serie bronzezeitlicher Plattenfibeln aus schwed. Bohuslän tragen die Sonnen-Doppelspiralen und die Weltstützen-Ideogramme, am deutlichsten jedoch die beiden von Vegstorp und Kareby in C- u. V-Form-Spiralsäulen. Die Weltsäule auf den typisch bronzezeitlich-skandinavischen Schiffen verbildlichen etliche Rasiermesser-Gravuren, eine von Abkjär, eine von Nustrupfeld und eine ohne genauen Fundort (alle Krs. Hadersleben), eine von Hvirring (Amt Aarhus). Die alte Welt war überzeugt, dass die Erde - so wie ein Schiff vom „Großen Wasserkreis“ - umschlossen sei. -- Die mit C-Spiralen verschönte silberne Kleeblattfibel von Bilden, Brandbu (Oppland / Norwegen) ist ein wahres Kleinod. Irminsul-Verbildlichungen in der Kleinkunst treffen wir beispielsweise an beim Fund aus dem wandalischen Fürstengrab von Sackrau bei Breslau / Schlesien. Die Kettenanhänger zeigen die Weltsäule mit den beiden Tragearmen, unter denen jeweils ein abschwingender Sonnenlauf-C-Typ eingeprägt ist; dazu an Fuß und Kopf der Säule Strahlensonnenkreise. Ein goldener Fingerring aus dem fränkischen Fürstengrab von Krefeld-Gellep zeigt an den Wangen ein herrliches Spiralsäulen-Bildnis. Das kosmische Schema der Irminsul-Silberscheibenfibel von Haithabu, des 8. Jhs., ist filigran durchgearbeitet; die Doppelspiralsäule steht unter dem Himmelsbogen, an dem die Gestirne mittels Bänder befestigt erscheinen, damit sie ihren immerwährenden gleichen Weg zu gehen gezwungen sind (Abb. 18). Die nach unten schwingende C-Spirale läuft bei dem Irminsul-Schmuckanhänger von Vennebo (Roasjö / Westgotland - Abb. 19) in Schlangenköpfen aus, ebenso wie das große C-Ideogramm im nördlichen Tympanon-Relief der um 1180 erbauten Rud-Kirche, nordöstl. von Oslo (Abb. 17). So darf angenommen werden, dass dieser Bogen auch die Sonnenbahn bzw. das Himmelsdach meint. Verstehen wir die Bildsprache richtig - aufgrund der Belehrungen die wir durch das Studium verwandter Bildaussagen gewonnen haben - so handelt es sich bei der Figur unter dem Himmelsbogen um den welterhaltenden heidnischen Herrgott, also wohl Tiu-Tyr.  

Abb. 17

Neun Sonnenstützen in Kreisordnung besitzt die Bronzeschale aus Borkendorf / Westpreußen. Sonnensäulen zeigen die Grabfund-Fibeln aus dem spanischen Westgotenreich (Hans Zeiss, „Die Grabfunde aus dem span. Westgotenreich“, 1934) von Valencia (Tafel 5/10) und Gómara (Tafel 5/8). Einer ostgotischen Fibel aus dem Trentino gehört unser spezielles Interesse (Siegfried Fuchs „Kunst der Ostgotenzeit“, 1944) -, ebenso einer Gewandspange von Lützen (Krs. Merseburg), und einer gleichen von der Insel Bornholm. Auch zu beachten ist die Irminsul-Fibel von Liebenau (Krs. Nieburg) -, die gleichalte Siebenkopffibel aus Weimar mit der S-Spirale -, die fränkischen Fibeln von Mühlhausen mit der Brillenspirale. Der völkerwanderungszeitliche (400/600 n.0) „Vallstena“-Bildstein aus Ostgotland demonstriert den ewigen Lichtkreislauf im Kampf zwischen Leben und Tod, Aufgang und Untergang, einer Harmonie der Gegensätze in der großen ausgewogenen Welt-Polarität -, von der auch jede Doppelspirale Kunde gibt. Das Original wird im Stockholmer „Statens Historiska Museum“ aufbewahrt, vor Ort ist die exakte Nachbildung zu sehen (Abb. 20).

Abb. 18 19 20

Die skandinavische Ur-Irminsul von Kasen-Bohuslän trennt noch säuberlich die beiden symbolischen Grundelemente, nämlich die statische Säule oder Doppelsäule von aufliegender bewegten Sonnenbahn. Spätere Schöpfungen verbinden beides so, dass die Sonnenspiralen wie Äste aus der Säule hervor sprießen im pseudovegetabilen Charakter, wie es die vielen aufgezeigten Fundstücke demonstrieren. Ein weiteres Phänomen zeichnet sich schon im bronzezeitlichen Felsbildfund von Ryland-Bohuslän ab, wo die All- oder Jahresgottheit über der Jahres-Doppelspirale so placiert ist, dass ihre beiden Arme gewissermaßen die beiden Jahreshälften - Frühling und Herbst bzw. Aufstieg und Abstieg - versinnbildlichen. Der altschottische Stein bei der Kirche Portnahaven (Islay) bringt es ins Bild, die altgläubige Vorstellung vom Jahres-Weltengott - hier aber schon in verchristlichter Kreuzgestalt geformt - hat anstatt seiner menschlichen Arme zwei Spiralen. Die Spiral-Weltsäule konnte von den Gläubigen personifiziert als die erhaltende Gottheit geschaut werden -; die Weltsäule im Volksglauben als „godden Mann“, der „gute Mann“, als Geber der Zeit und des Lebens. Das ist die Erklärung, warum den Weltspiralsäulen zuweilen zwei Beinchen angefügt wurden (z.B. Taufsteinsockelrelief Rieseby / dän. Risby). -- „Die Religionswissenschaft zeigt, dass die Weltmitte-Symbole Baum, Berg, Säule und Leiter eng zusammengehören, auswechselbar sind. Sie sind alle Sinnbilder des Stufenkosmos. Der Aufstieg mittels Baum, Stufenberg oder Leiter führt in den Glanzhimmel“, schreibt Otto Huth („Weltbaum – Urbild und Abbild“, in „Mannus“, 43. Jg., S. 29). Das mag zutreffen, doch jede verwebende Verbindung von Baum und Säule hat ihren Ausgang genommen vom optischen Eindruck des säulenartigen Palmbaumwuchses -, dem Norden war dieses Anschauungsbild fremd. Noch im sakralen Sinnbildkanon der Runen werden die Welteibe Yggdrasil vom Himmelsstützen-Ideogramm des Himmelsgottes Tiu/Tyr getrennt. Erst der orientalische Judäochristianismus hat den Gedanken des Paradiesbaumes und Lebensbaumes nach Nordeuropa gebracht.

 

Zusammenfassung

 

Der antike Atlantisbericht des Plato, vom Stieropfer an der Gottessäule, dazu die mittelalterlichen Nachrichten von der altsächsischen Allsäule „Irminsul“, sowie mein Felsbildfund von Kasen-Bohuslän, der skandinavischen Sonnensäule mit davor dargebrachtem Stieropfer, haben uns das Vorhandensein eines einstigen nordischen Himmelsäulenkultes erkennen lassen. Die vermutete himmelerhaltende Kraftsäule - aus welcher Energie gespeist man sie sich auch immer gedacht haben mag - konnte allein im höchsten Norden, dem Göttersitz unter oder über der Himmelshöhe, vermutet werden. Nur dort tanzt die Sonne zu ihrem jährlichen Höchststand am Horizont entlang ohne ganz unterzugehen. Frühe megalithische Nordlandwanderer haben die Kunde davon den Siedlungszentren des Südbereichs von Nord- und Ostsee zugetragen. Von dort drang das Wissen und der sich daran festmachende Glauben, bis in die Mittelmeerwelt voran. Und über diese Zwischenträger nahmen Arioinder, Eraner, Hethiter und griechische Achäer, Dorer und Ionier den Nordlandglauben des Sonnensäulenbewusstsein und damit verbunden, die „Regel des guten Lichtes“, mit hinaus in die Weiten der Erde ihrer neuen Wohngebiete. Die megalithische Errichtung von oftmals gigantischen Menhiren dürfen wir als Ausdruckswillen des frühesten Himmelsäulenkultes ansehen. Der noch stehende Menhir von Kerloas maß einstmals über 10 m und der gestürzte Granitriese von Locmariequer, südlich von Auray bei Carnac / Bretange hatte eine Höhe von ca. 20 m. Der 4.000 Jahre alte saarländische Gollenstein bei Blieskastel misst 6,58 m. So wie der Glaube die Allsäule als Mittelpunkt des nördlichsten Sonnenkreises wusste, so war im verkleinerten Maßstab jede von Menschenhand errichtete Säule der Mittelpunkt einer Siedlung, eines Gemeinwesens -, wie es bis in die Neuzeit in Gestalt der Dorflinden war und zu gewissen Festtagen bis heute die Maistangen sind. Und diese Raum und Zeit (Jahr) Ordnung musste als Offenbarung des göttlichen Weltgeistes gelten, als Regel des Weltalls. Das ist das ursprüngliche Gleichnis der Weltenjahres- und Lebenssäule der megalithischen Völkerfamilie, ein himmlisches Sinnbild des ewigen Seins, des ewigen Lebens, des ewigen Werdens, Vergehens und Wiedererstehens -, wie es in den Begriffsbildern von Spirale, Doppel- und Dreierspirale so sinnfällig verdeutlicht wird.

siehe auch IRMINSULEN im Bild

Auf Gesamtheit des Artikels: Copyright © Gerhard Hess