ÜBERMENSCH UND EWIGE WIEDERKEHR

Friedrich Nietzsches Heilslehre im Spiegel der ODiNG-Runen-Religion

 

 

Der große Stil im Lebensgang Friedrich Nietzsches - dem wohl gründlichsten, unbestech­lich­sten Denker der Neuzeit - erwuchs aus der verzweifelten Suche nach der erhabenen Auf­gabe, die seinem Titanengeist ebenbürtig sein könnte. Er begriff das höchste lohnende Ziel darin, seiner Nation, oder Europa, oder gar der Menschheit den Sinn ihres Seins wiederzufin­den, den er - der Wahrheitssucher - der untrügliche Moralist, der innige Kenner - Pfarrersohn, Kind ei­ner Pfarrerstochter, einstiger Student der Theologie und Professor der klassischen Phi­lologie - im judäo-christlichen Herkommen nicht mehr zu erblicken vermochte. Nur unter die­sem Ge­sichtspunkte sind Nietzsches Begeisterungen und Zweifel, sein Leiden und sein Sieg zu verste­hen. Rauschhaft erlebte er den beseligenden Augenblick, als er im August 1881 seine ange­messene Aufgabe fand. Ihn überfiel förmlich, gleichsam wie ein aufleuchtender Blitz, diese indogermanische Erlösergestalt Zarathustra und die damit verbundene Lehre von der Ewigen Wiederkunft als visio­näres Ergebnis seines jahrelangen Grübelns über das Ziel der Welt und die ihm gebüh­rende ganz eigengesetzliche Sendung. Wie fremdbestimmt und doch in gren­zenloser Freiheit, als sei er das bewusste, wissentliche Medium einer höheren Macht, so be­schreibt der Dich­ter, habe er den „Zarathustra“ im Hauptstück ohne Suchen und Besinnen niedergeschrie­ben. 1)
 
Die darin in unvergleichlicher Sprache zusammengefasste Grundlehre der neuen Weltanschau­ung und der zu gründenden Religion ist der Glaube an die ewige Wiederkehr. Das neue Heils­ziel einer Gemeinde der Zukunft soll der Übermensch sein; Zarathustra - jener überragende religiöse Führer der Menschheit - gilt zugleich als Ver­künder der Botschaft sowie als vorbild­gebender Typus des neuen hinaufzuprägenden, hinauf­zuzüchtenden Höheren Men­schen. Zwar hat jener heroische Stoff und seine sprachgewaltige Erfassung schon manche junge Ge­neration in ihren Bann geschlagen, aber erst uns Heutigen, um mehr als hundert Jahre Späte­ren, ist es vergönnt, eine heilsam erschütternde Erkenntnis­eröffnung zu erleben, so dass uns Nietzsche nicht mehr wie ein Fremdling, als bunter, verirr­ter Vogel in der euro­päischen Gei­stesgeschichte erscheinen mag, sondern als späte, aber fein­ste, reifste Frucht­knospe am eige­nen, uralten Stamm.
 
Manchem Bildungsphilister und blutarmen Alexandriner ist die Zornesader auf der Stirn Nietzsches zu bedrohlich erschienen, sein warnender Fingerzeig zu unverhüllt, sein Abkehr- und Überwindungsaufruf zu schmerzhaft schrill und die Höhenflüge, die er anempfahl, zu beschwer­lich und unzeitgemäß für all die gähnenden, mit kleinen Äuglein blinzelnden Ver­dau­ungsschlä­fer. Die Berechtigung seiner zuweilen fürchterlichen Schärfe, mit der der Seher und Erzieher eine übersatte, dünkelhafte Epoche wach- und hinaufrütteln wollte, trat erst mit dem Versinken der wilhelminischen Herrlichkeiten zu­tage - mehr noch, seit wir diesen ande­ren Dämon der Erkenntnis, Oswald Spengler, mit sei­nem Werk „Der Untergang des Abend­lan­des“, 1919, begreifen mussten - insbesondere nun aber, zum Ende des 20. Jhs., da wir uns mitten hineinge­stellt sehen in jenes vorangekündigte, sich turbulent steigernde Untergangssze­nario, über das zur Ergötzung der Allzu-Blinden und Nimmer-Erwachenden ganze Wolken buntglänzender Kinderseifenblasen hergepustet werden. „Brot und Spiele“ täuschten allezeit die tumben Mas­sen über ihre Niedergänge hinweg. Nietz­sche wie Spengler rissen uns scho­nungslos die Augen auf. Der spätere tat es, indem er gelas­sen feststellte, was war, was ist und was sein wird - und mahnte, abzulassen von den unwie­derbringlichen Träumen aus der Ju­gend unserer aufgepfropf­ten, mürben, altersmüden Kultur. Der erstere dagegen sah in schmerzhaftem Zorn heilbares Siechtum sich breitmachen und seine ganze Seele erglühte im Wunsch und Willen, die Schäden der Zeiten wiedergutzumachen, die aus einer falschen, frem­den christlichen Zivili­sation erwach­sen sind. Das verdorbene, hinwelkende Gewächs des Abendlandes erneut - und diesmal aus sich selbst - zum Blühen zu bringen, so lautet seine Mahnung und Wegweisung.
 
Für alle, die vom Ekel an der Jetztzeit und ihrem Verfall ergriffen sind und die doch den trost- und tatenlosen Betrachtungen der resignierenden Altersweisheit Spenglers nicht folgen mögen, ist Nietzsches sittli­che Flammenpredigt vom „Land der Zukunft“, dem „Kinderland“ mit seinen „Übermen­schen“, eine starke, mitreißende Botschaft, ja ein Gesetzeswerk, ein den „Großen Morgen“ be­schwörendes Wetterleuchten vor Sonnenaufgang.
 
Niemals vorher war der visionäre Ekel Nietzsches so zeitgemäß wie in unseren Tagen. Schaut nur, ihr Deutschen, was aus euren Hauptstätten geworden ist: Der einstige Garten heiliger Rosse, Stuttgart - die tüchtige, handelsstolze Ham­burg - die Frankenfurt am Main, die alte, freie Reichsstadt - das einstmals glanzvolle, adelsschöne Berlin. Und heute ? Geht durch eure Städte und sagt, ob ihr den Brechreiz noch hinabwürgen könnt, wenn ihr den Abschaum und den Auswurf einer entsittlichten und entarteten Welt durchschreitet. Schaut dann hinein in den Spiegel Zarathustras. Der sagt, was uns die eigene Seele ins Bewusstsein schreit (Z III. 7):
 
„Speie auf diese Stadt der Krämer und kehre um !
Hier fließt alles Blut faulicht und lauicht und schaumicht durch alle Adern:
Speie auf die große Stadt, welche der große Abraum ist,
wo aller Abschaum zusammenschäumt !
Speie auf die Stadt der eingedrückten Seelen
und schmalen Brüste, der spitzen Augen, der klebrigen Finger -
 - auf die Stadt der Aufdringlinge, der Unverschämten,
der Schreib- und Schreihälse, der überheizten Ehrgeizigen: -
- wo alles Anbrüchige, Anrüchige, Lüsternde, Düstere,
Übermürbe, Geschwürige, Verschwörerische zusammenschwärt: -
- Speie auf die große Stadt und kehre um !“
 
Und wenn von der „Großen Stadt“ gesprochen wird, sei auch an die aus bedrückendstem Überdrusse geborenen Worte Nietzsches von den „Viel zu Vielen“ und „Vom Gesindel“ erinnert (Z II. 6):
 
„Das Leben ist ein Born der Lust,
aber wo das Gesindel mit trinkt, da sind alle Brunnen vergiftet.
Allem Reinlichen bin ich hold;
aber ich mag die grinsenden Mäuler nicht sehn und den Durst der Unreinen.
Sie werfen ihr Auge hinab in den Brunnen:
Nun glänzt mir ihr widriges Lächeln herauf aus dem Brunnen.
Das heilige Wasser haben sie vergiftet mit ihrer Lüsternheit;
und als sie ihre schmutzigen Träume Lust nannten,
vergifteten sie auch noch die Worte.
Unwillig wird die Flamme,
wenn sie ihre feuchten Herzen ans Feuer legen;
der Geist selber brodelt und raucht,
wo das Gesindel an‘s Feuer tritt.
Süßlich und übermürbe wird in ihrer Hand die Frucht:
windfällig und wipfeldürr macht ihr Blick den Fruchtbaum.
Und mancher, der sich vom Leben abkehrte,
kehrte sich nur vom Gesindel ab:
Er wollte nicht Brunnen und Flamme und Frucht mit dem Gesindel teilen.
Und mancher, der in die Wüste ging und mit Raubtieren Durst litt,
wollte nur nicht mit schmutzigen Kameltreibern um die Zysterne sitzen.
Und mancher, der wie ein Vernichter daherkam
und wie ein Hagelschlag allen Fruchtfeldern,
wollte nur seinen Fuß dem Gesindel in den Rachen setzen
und also seinen Schlund stopfen.“
 
„Multikultur“ heißen es die „Prediger des Todes“ und halten dieses Wort wie einen Sieges­wim­pel in ihre lauen Lüftchen, wenn sie uns zusammenlagern sehen mit dem Allerweltsgesin­del und wenn wir neben „Kameltreibern“ aus unserem „Brunnen unter der Linde“ trin­ken müssen. Angesichts dieser uns umgebenden tatsächlichen Düsternis ließe uns Spenglers Über­zeugung vom Untergange verzweifeln, wäre nicht der ebenbürtige Geistestitan Nietz­sche, der mit zara­thustrischem verheißungsfrohem „Trotzdem“ Mut zu uns selbst machen will - zum Versuch der eigenen Kraft. Das christlich abendländische und insbesondere das deut­sche Verhängnis ist ja nicht jung, und die Zeit der Besserung mag allemal kommen, wenn wir nur wollen. Wir dürfen uns also nicht an Spengler, vielmehr wollen wir uns an Nietzsche hal­ten, der uns zuruft: „Zer­brecht mir, o meine Brüder, zerbrecht mir auch diese neue Tafel ! Die Welt-Müden henkten sie hin und die Prediger des Todes, und auch die Stockmeister. Denn seht, es ist auch eine Predigt zur Knechtschaft !“ (Z  III. 12,16)
 
Während die (un)verantwortlichen (Ohn)Mächtigen unserer Tage ihre Maskeraden hinter den Begriffen Rassismus-Antirassismus veranstalten und sich „moralisch“ zutiefst entsetzen über den einstigen hinaufstrebenden Willen zur „Aufnordnung“, sind sie gleichzeitig dabei, alle Weichen­stellungen vorzunehmen und schönzureden, welche die Talfahrt in Gang setzen, uns Nordeuro­päer in ein Mulattenvolk niederzusüdeln, niederzusudeln - „Antirassisten“ sind die abgefeimte­sten Rassisten ! Doch ist ein wirkliches Entkommen aus dem Kreislaufwil­len der Gottnatur und ihrer Gen-Kraft überhaupt denkbar ?
 
Den Wiederauferstehungstag wird kein Volk erleben, das ihn nicht herbeisehnt und selbst her­bei­schafft. Der neue Tag, den wir herbeiwünschen, kommt nicht mit der Sicherheit des astro­nomischen Erdentages daher, vielmehr muss er in unserem Meinen, Fühlen und Wollen her­aufleuchten. Über die Größe der zu leistenden Arbeit machte sich schon der junge Nietz­sche keine Illusionen („Unzeitgemäße Betrachtungen“): „Es sind grauenvolle Voraussetzun­gen für jeden, der dem kommenden Geschlechte zu dem verhelfen möchte, was die Gegen­wart nicht hat - zu einer wahrhaft deutschen Kultur.“
 
Wie auch hätte unser Volk zur eigenen Kultur gelangen sollen, da es im frühesten Augenblick seiner gewaltsamen karolingischen Staatswerdung an Menschen und ldeen einer Frem­d­reli­gion ausgeliefert wurde, gleich einem unmündigen verkauften Sklaven ? Etwas Eigenes durfte sich seitdem nicht entfalten unter der Zuchtrute des orientalischen Gottes und seiner imperia­listi­schen romkirchlichen Sachwalter. Die christIiche Religion ist ein Fremdgewächs, und so stark auch der abendländische Geist sie sich anzupassen versuchte - er hat ihre Fremdartigkeit nicht zu tilgen vermocht, da sie Buchreligion ist und der Umdeutung überlieferter Texte durch die erstarkte Wissenschaft immer engere Grenzen gezogen werden. Dieser Umstand bewirkt sogar eine heute zunehmend deutlicher werdende gegenläufige Entwicklung. Der Christianis­mus muss sich seiner Ursprungsreligion mehr und mehr angleichen und wird in ab­sehbarer Zeit wieder vom Judentum zurückgesogen, was bei ungebrochenem kirchlichen Ein­fluss auf die Gesellschaf­ten eine gesteigerte Judaisierung der christlich-abendländischen Men­schen zur Folge ha­ben wird.
 
Es ist uns eine große, frohe, tröstliche Genugtuung, bei der Betrachtung von Nietzsches Schaf­fensperioden erleben zu dürfen, wie dieser unbedingte, faustische Wahrheitssucher Schale für Schale der unserer eigenen geistigen Wesenheit übergezogenen jüdisch-christlichen Lügenhäute abschüttelte, unter Lachen und Weinen, oft genug in Schmerzen und Krämpfen - gleich dem Tänzer, der im Zwange einer nur ihm hörbaren Seelenmusik sich seiner hemmen­den, be­engen­den Verkleidungen entledigt, um auf dem Höhepunkt des Tanzes, bar aller Ver­stellun­gen und Selbstverleugnungen, dem bewundernden Auge in herrlich-heroisch-heidni­scher Nacktheit zu erscheinen. Eben das stimmt uns so zuversichtlich; dafür ist Nietzsche uns der Garant, dass auch unter schwerfälligsten Lederhäuten tief im versteckten Inneren unser leben­dig glühender art­eigener Seelenkern pulsiert. Denn was er fand, er, der jegliches in Frage stellte, der nicht das mindeste ungeprüft auf Wert oder Unwert gelten lassen wollte, das war nichts anderes als die uralte, eingeborene heidnische Weisheitslehre, die Naturlehre schlecht­hin !
 
Eine zweitausendjährige Kruste sprengte er ab, indem er sich dehnte und reckte und seine geschmeidigen Glieder zurückgewann. Oder um in einem noch trefflicheren Gleichnis zu re­den: Er war der Selbsterlöser, Menschheitserlöser vom christlichen Kreuzeswahn, der sich - stellver­tretend für uns alle - auf das Marterholz genagelt fühlte, der sich losriss - ebenso stell­vertretend für uns alle, die ihm zu folgen vermögen - mit blutenden Händen und Füßen und zerstoßener Seite noch die letzten Kräfte fand, das Kreuzholz, den Todesbaum, zu zerschla­gen. Das christli­che Postulat des Leidens um des Jenseits willen, kann doch der Sinn des Men­schenlebens nicht sein ! Die Werke „Zarathustra“, „Jenseits von Gut und Böse“, „Zur Ge­nealogie der Moral“, „Götzendämmerung“, „Antichrist“ und „Ecce homo“ sind unmittelbar vor seinem geistigen Zusammenbruch im Januar 1889 geschaffen. Sehet, welch ein Mensch: Aus manchem Mensch­lich-AIlzumenschlichen aufgeschwungen zum Übermenschen und vor­bildgebenden gottmenschlichen AII-Erlöser. Wie schmerzlich nahe Nietzsche dem heidnisch-germanischen Mythos doch war. Wer fühlt sich beim Lesen der späten Briefe des auf seinem Gipfelanstieg immer mehr Vereinsamenden nicht erinnert an die Gottesklage aus der ed­dischen „Havamal“ (Vers 138, 139) ?:
 
„Ich weiß, dass ich hing am windkalten Baum
neun Nächte hindurch,
verwundet vom Speer, geweiht dem Odin,
ich selber mir selbst,
an dem mächtigen Baum, von dem Menschen nicht wissen,
aus welchen Wurzeln er wuchs.
Man bot mir weder Trank noch Speise zur Labung,
nach unten spähte mein Aug‘,
ächzend hob ich, hob aufwärts die Runen,
zu Boden fiel ich alsbald.“
 
Und wahrlich, wie sehr verwundete den deutschesten der Denker die Verständnislosigkeit seiner Zeit, wie verweigerte man ihm die Seelenspeise der Anerkennung und den Labetrunk der Liebe. Und wahrlich, auch der übermenschliche Zertrümmerer christlicher Wertetafeln fand und schenkte uns seine welterklärenden „Runen“, die lebendigen Buchstaben der befrei­enden heid­nischen Lebens- und Siegesweisheit.
 
Jede große, emporbringende Tat ist inspiriert vom Opferimpuls. Nicht von einem knechti­schen, gebeugten, zähneknirschenden Muss, sondern von einer jubelnden, strahlenden, schen­kenden Tugend, die sich verschwenden möchte. Wer Kraft verspürt in seinen Sehnen und seinen Sinnen, will, dass daraus Leistung werde, so empfanden allezeit die Besten. Der Mensch ist geworden, um sich seIbst zu überwinden zum Übermenschen. Das kleine Leben opfere sich für das größere ! Und auch das größte findet noch sein Opferziel. So lautet der letzte, erha­benste Sinn allen Seins; so lehrt Mutter Natur ihre Kinder in tausend Zeichen. Friedrich Nietz­sche ist seinen Opfergang bei vollem Bewusstsein gegangen; er hat dieses In-den-Welten­baum-gehangen-sein angenommen, durchgelitten und ausgekostet - und ist uns, aus unendlich vielen Wunden blutend, doch der starke, jubelnde, weltlobende Sänger bis ans Ende geblie­ben. Keine Abkehr, keine Weltflucht lehrte er uns: „O meine Brüder, bleibt mir der Erde treu !“ So rief er und so ruft er uns unablässig zu. Die Welt ist gut und rechtschaffen und schön. Die Welt ist kein Jammertal, das überwunden werden müsse, kein grauer Schacht zwi­schen Nichts und Nirwana. Sie ist lichtüberflutete, herrliche Arena der geschmeidigen, mus­kelstrotzenden menschlichen „Edelbestien“, mit funkelnden Zähnen und blitzenden Krallen - die königli­che Kampfbahn der Starken. Der heutige Mensch ist das, was überwunden werden muss - und der kleine, klägliche und der niedere Mensch voran ! Er soll sich hinopfern für den Übermen­schen, der noch kommen muss. „O meine Brüder und Schwestern, werdet stark !“ - also spricht Zara­thu­stra.
 
Friedrich Nietzsche, der diese Stärke konsequent vorlebte, bot für das höchste, feinste Ziel sein heiligstes und schwerstes Opfer an, das der Mensch zu geben fähig ist: sich selbst. Er kargte in bescheidensten Verhältnissen, zog sich auf seine Alpen-Bergeinsamkeiten zurück, unnachgiebig und stolz gegenüber den gemeinen, seichten, niederen Bequemlichkeiten und Süchteleien der Vielen-Allzuvielen. Er hätte es ganz anders haben können - war er doch schon als 24-jähriger außerordentlicher Professor der klassischen Philologie auf den Lehrstuhl nach Basel berufen worden.
 
Der Übermensch Nietzsche hatte sich nicht übernommen, als er den dornenreichen Höhen­pfad einschlug, hinan zu seinem Opfergipfel. Mit seiner gewaltigen siegreichen Befreiungstat zerbar­sten ihm die Sinne im Moment der Erfüllung. Er hatte sich am Werk verzehrt. Was auch hätte er noch gesollt ? - Was zu tun war, war getan, was zu sagen war, war gesagt - hätte er noch den Beifall seines Publikums abwarten sollen ? - Er trat zurück in einen Dämmer­zu­stand. So blieb uns Friedrich Nietzsche bis zum Ende der unvergleichbare, vorbildliche Lehr­meister des vornehmen Geschmackes.
 
In den großen Rahmen seines guten Geschmackes gehören ganz entschieden auch die Derb­heiten gegenüber seinen Deutschen. Das geliebte eigene Kind tadelt man strenger als das fremde, demgegenüber Gleichgültigkeit empfunden wird. Er litt unter dem quälenden Zu­stand seines Volkes und sagte ihm manche Grobheiten. Aber in jungen Jahren tröstete er sich mit der „wunderbaren Begabung“ des „männlich-starken und tapferen deutschen Geistes“, der nur in Schlaf gesunken sei, um bald wieder zu erwachen. Nach Ausbruch des deutsch-französischen Krieges (1870/71) ist es ihm unerträglich, aus ungefährdeter Ferne dem schicksalhaften Rin­gen zuzuschauen. Es treibt ihn unwiderstehlich - wie jeden Deutschen da­mals -, die Pflicht gegenüber dem Vaterland zu erfüllen. Die Schweiz, der er als Bürger ange­hört, erlaubt ihm zwar nicht, mitzukämpfen, aber er folgt dem deutschen Heere als freiwilli­ger Krankenträger. Nach fürchterlichen Strapazen kehrt er heim, mit einer gefährlichen Infek­tionskrankheit be­haftet, die ihm die Gesundheit lebenslang zerstörte und ihn oft genug bis an die Grenze des Selbstmordes peinigte. Hat dieser Mann nicht vollauf seine Schuldigkeit ge­genüber der Na­tion, aus der er hervorwuchs, abgeleistet ?
 
Er hat sich selbst so wenig geschont, wie er auch anderen keine Schonung entgegen­brachte. Dieses Prinzip gehörte zu seinen Grundeinsichten als Arzt und Erzieher. Das tüchtige Leben bedarf keiner Schonung, sondern der Bewährung. Jede Verzärtelung bedeutet Versün­digung an der Gesundheit - jede Entlastung führt zur Schwächung - so lautet das eherne Ge­setz der Natur - weh‘ dem, der es vergisst ! Daraus erwuchs sein Ekel an der Zudringlichkeit, Ober­flächlichkeit und Schamlosigkeit der Mitleidsmoral, die so dicht zusammenwächst mit der Selbstverleug­nungsmoral. Mit sicherem heidnischen Instinkt und deutlichem Wort hat uns der große Warner und Mahner den vieIgepriesenen Mitleidsgedanken als oberste Forderung der christlichen Moral entzaubert, entthront und ihm die - untergeordnete - Stellung angewie­sen, die ihm - gemessen an den rechten, gerechten Wertmaßstäben - einzig zukommt. Dass Roheit und Unmenschlich­keit für eine edle Gesinnung ganz fremd sind, versteht sich von selbst. Die Mit­leidsmoral, er­klärt uns Nietzsche, ist ein Erzeugnis des Niederganges und der Erdmüdig­keit, sie ist die Moral der Leidenden und Wehleidigen, die ihren eigenen Jammer hinter „der Menschheit ganzen Jammer“ ihr eigenes Leid im Mantel des Mitleids verstecken. Der vor­nehme abendländisch-nordische Mensch liebt es nicht, seinen Schmerz zu zeigen, sondern verbirgt und verbeißt ihn, so gut er kann. Ihm gilt der Satz: „Lerne leiden, ohne zu klagen !“ Es gibt eine andere Men­schensorte, insbesondere im orientalischen Milieu, die mehr Gefallen zeigt an dem Prinzip: „Lerne klagen, ohne zu leiden !“
 
Die andauernd gereizte und überblähte Mitleidsseele ruft in ihrer weichlichen Weltverzärte­lung förmlich nach jener knechtischen „Religion der Behaglichkeit“. Aber, so mahnt der Tief­blic­kende ("Fröhliche Wissenschaft", S. 338): „Ach, wie wenig wisst ihr vom GIücke des Men­schen, ihr Behaglichen und Gutmütigen !“ Der Mensch bedarf zu seinem GIücke des Un­glücks, der Schrecken, Entbehrungen, Verarmungen, Mitternächte, Abenteuer, Abgründe, Wagnisse, Fehlgriffe so nötig wie ihres Gegenteiles ! Wer das Unglück verbannen möchte, bannt auch das Glück; wer den Streit verschmäht, schmäht auch den Frieden. Die Pole be­dingen ein­ander - so ist der dynamische Weltbau und ebenso das Seelengebäude konstruiert.
 
Der unversöhnliche Gegensatz zwischen der Heilslehre Nietzsches und dem Christianismus beruht auf dessen naturverachtender Erdflüchtigkeit, die, mit den Verblendungen ihrer heuch­lerischen SeIbstverleugnungs- und SkIavenmoral einhergehend, zum Niedergange der Mensch­heit füh­ren muss. Zu Recht nennt er ihre Vertreter „Prediger des Todes“ ! Denn wer der Menschheit ein „besseres Jenseits“ empfiehlt und sie in ihrer körperlich geistigen Ganz­heitlich­keit nicht veredeln will, sie nicht hinaufpeitschen will, der züchtet sie hinab !
 
Mit gleicher Unversöhnlichkeit begegnete Nietzsche dem Marxismus und Sozialismus und De­mokratismus, steht in deren „Allerheiligstem“ doch nichts anderes als der kleine, nackte Götze des Hedonismus, des erbärmlichsten Epikuräertums - also der einzigen Sorge nach „gu­ter, geregelter Verdauung“. In allen den genannten „Beglückungslehren“ erkannte der Tief­schau­ende das Bedürfnis der AIlzuvielen-AIlzuniedrigen, welche in ihrem folgerichtigen Wil­len letzt­lich die Verameisung des Men­schentums betreiben müssen. Wo alle gleich sind, re­giert das Mittelmaß, da sind alle gleich klein !
 
Nietzsche „litt am Menschen“ so intensiv, wie er an sich selbst gelitten hat. Er erkannte in treffsicherer Weissagung, was beängstigende Wirklichkeit wurde, „die Gesamtentartung des Menschen, hinab bis zu dem, was heute den sozialistischen Tölpeln und Flachköpfen als ihr ,Mensch der Zukunft‘ erscheint, als ihr Ideal ! - Diese Entartung des Menschen zum voll­kom­menen Herdentiere, diese Vertierung des Menschen zum Zwergtiere der gleichen Rechte und Ansprüche.“ (Jenseits, S. 203)
 
Den erkannten furchtbaren Zukunftsgefährdungen setzte Nietzsche seine neuen Wertetafeln entgegen. Darin sind eingemeißelt die „Runen des Lebens“. Sie verkünden eine Weltbetrach­tung - nein, mehr, eine Religion -, die nach fast zweitausendjährigem, vielgestaltigem christli­chen Narrenspuk und Mummenschanz erstmals wieder einen echten naturwahren Sinn über die Menschheit hinstellt: „Der Übermensch ist das Ziel der Erde !“ Ihr zukunftsverpflichtender Imperativ lautet: „Ändere dich – hinauf !“
 
Hier wird die ethische Auffassung eines Hochzuchtgedankens laut, der sich am aristokrati­schen Ideal festmacht. Freilich, da der Körper das Gefäß des Geistes ist und dieser leichter wohlgerät, wenn er sich in störungsfreier Gesundheit eingebettet fühlt, so wäre es unabding­bar, dass der Mensch in seiner Ganzheitlichkeit geachtet und betrachtet würde. Es gibt eine Sorte von Nai­ven, die den Zuchtgedanken prinzipiell ablehnen. Ihnen muss lnkonsequenz vor­geworfen wer­den. Gezüchtet wird immer ! Wer Zucht und Ordnung bekämpft, züchtet Chaos ! Gewiss, um das rechte Maß müsste redlich gerungen werden ! Jene aber, die am laute­sten den Hochzucht­gedanken verlästern und verleumden, sind in der Regel die Unredlichen von Grund aus, sie betreiben willentlich und wissentlich die niederträchtigste Niederzucht. „Natürliches Wild­wachstum“ predigen sie und dass „Unkraut kein Unkraut“ sei, welches man hinausroden dürfe. Sie wissen indes sehr gut um die Folgen. Der Gärtner, der das Un­kraut nicht sticht, dem über­wuchert es sein Pflanzbeet, und er wird magere Frucht und min­dere Ernte erhalten. Ist doch das Nützliche, Feine, Wohlgeratene allerorten und auch im see­lenge­setzlichen Bereich als das Förderungsbedürftigere zu erkennen. Wie reimte doch Wilhelm Busch so schnurrig-trefflich: „Das Gute will geübet sein, das Schlimme kann man von allein !“ Wer nicht stützen, hegen, pflegen, also hinaufzüchten will das Edle im Menschen und den edlen ganzheitlichen Menschen selbst,der züchtet hinab !
 
Der abendländische Mensch lebt heute, wie nie zuvor, im geistigen Klima der Dekadenz eines bewusst gelenkten Niederzuchtsystems, welches keine Gelegenheit ungenutzt verstreichen lässt, um zu verkünden, den edlen Menschen gäbe es gar nicht, der höhere Mensch im Sinne Nietz­sches sei und bleibe eine Illusion. Die unterhaltenden Beeinflussungsmedien sind bemüht, uns pausenlos zu belehren: a) der Schuft sei in Wahrheit ein nur verkannter, im Grunde guter Kerl und b) der nur scheinbar Gediegene, Biedere, Anständige sei der wahre Gauner. Solche die Wirklichkeiten verzerrende Propaganda kann auf Dauer nicht ohne Wirkung bleiben. Nicht der Feine findet heute seine lautstarken Verteidiger und Lobsprecher, sondern das Gemeine, der Sit­tenstrolch, der Verkehrte, der Selbstbesudeler, der Übereigennützige, der Gedanken­arme, der Widerling und Niederling - also der Untermensch - der unter menschli­cher Idealvorstellung stehende. Doch wieviel Wohlgeratenheit, Selbstlosigkeit, Opferwilligkeit, also höheres Men­schen­tum - mithin Übermenschlichkeit - lebt und wirkt, weiß ein jeder aus seinem eigenen Lebens- und Erfahrungskreis. „Traut der öffentlichen Meinung nicht - traut den Medien nicht !“ - also könnte Zarathustra gespro­chen haben.
 
Ebenso, wie sich aus dem Wurm, dem Affen und Urmenschen der Höhere Mensch heranbil­den sollte, so soll aus ihm der Übermensch besser und besser gedeihen ! Werdet bewusst des göttli­chen Schöp­fungswillens - werdet bewusste Selbstschöpfer zum Göttlichen ! Der Mensch ist zwar ein Teil Natur wie alles andere und steht als solcher unter den „ewigen, ehernen, großen Ge­setzen“, aber er ist zugleich das wollende und wertende Wesen. Und sein Wollen und Werten, sein richtunggebendes Loben und Tadeln kann er nicht aufgeben, ohne sich seIbst aufzugeben. Wo der Mensch sich aufgibt, beginnt sein Sterben - dann versinken Völker und Kulturen. Die Notwendigkeit der geordneten Selbstführung - Hinaufleitung - zu vernei­nen, ist ja die listige Lüge der Nihilisten, der Verwilderungs- und Verwüstungsprediger, in deren tiefstem Wesens­grunde Aasgeier und Hyänenseelen nach Beute blinzeln. Deshalb lieb­ten diese allezeit die grau­sen Gruben hinter den großen Sterbehallen und die Schliche zwi­schen Ruinenfeldern, wo alle­mal ein Fetzen zu erwischen war. „O meine Brüder und Schwe­stern, Aasgeier und Hyänen bedürfen der Wüsten - lasst keine Wüsten wachsen !“ - also spricht Zarathustra.
 
Wir sehen es, die Gedankenfrüchte Friedrich Nietzsches des „Einsamen vom Berge“ sind zu­tiefst naturreligiös, im vergeistigten Sinne erdverhaftet - aus ihnen atmet blutvollstes, edelstes, alteuropäisch-germanisches Heidentum im neuzeitlichen Gewande. Der unfassbare Weltgeist, den wir nur erahnen - von dem wir nur zu stammeln vermögen -, hat das lang­an­dauernde, quälende Selbstopfer des deutschen Genius angenommen - oder besser verstan­den - durch ihn neu vollzogen ! Seine Tat - dieses Wodanopfer - dieses „Blutend am Welten­baum Hängen“ - wirklich, man darf es so bezeichnen, es ist der treffendste und verständlich­ste Name für „das freiwillige Leiden des Wahrhaftigen“, das jeder zu tragen hat, der sich ge­gen den Zeit­geist erhebt, seine Halbheiten und Widersprüche zerstören und den Menschen das Leben zwar ehrli­cher und größer und freier, aber dafür auch strenger und schwerer zu ma­chen trachtet. Und er, der Genius der Bewusstheit, nahm dieses „Hängeopfer“ auf sich in voller Geistesklarheit. Er kannte den Wert dessen, was er darangab. Er kannte genau das blu­tige Los, das seine Hand ergriff und doch kein anderes fassen wollte. Er wusste so gut wie je­der kleine Mensch, wie weich das Bett ist, in welches er sich strecken könnte, wenn er mit sich und seinen Mitmen­schen „gewöhnlich“ umginge, d.h. seinen Frieden mit Bequemlich­keitsbe­dürfnis und Lüge machen würde. Doch er fühlte sich berufen zum Kampfe - für ein überper­sönliches Ideal unter Nichtachtung seines eigenen Wohles harrte er in diesem Ringen aus bis ans Ende. Ein solch Großer ist unser Vater Friedrich Nietzsche gewesen.
 
So wie sich sein Leben und Leiden in diesen wodanistischen Mythos einschmiegt, ja nur durch ihn seine Erklärung und höhere Weihe erfährt, so vermochte sein „Menschensohnopfer“ auch nichts anderes zu gebären als den goldenen Ring der heidnischen Weisheit. Aus diesem Be­trachtungswinkel finden alle Fragen ihre Lösungen. Er musste wodanische Vergeltung üben für all die über anderthalb Jahrtausende an europäischen Völkern begangenen christlichen Fürch­terlichkeiten. Die christlichen Tafeln zerschlug uns der heroische „Umwandler aller Werte“, er öffnete uns Augen und Ohren für jene Erbärmlichkeiten, und er roch mit seiner für mora­lische Dinge unendlich feinen Nase den KIeine-Leute-Geruch, der sich im „Neuen Testa­ment“ über weite Teile hinzieht; und er hat im „Antichrist“ eine ganze Anzahl von Stellen daraus (auch aus dem AT) zusammengelesen und erläutert, aus oder zwischen deren Zeilen unver­kennbar Hass und Rachsucht und Bosheit und Schadenfreude, also niedere Gesinnung, spre­chen. Er hat uns durch Schrift und Lebenstat die Überwindung des Christentums gelehrt und vorgelebt.
 
Wir, seine Entfesselten, Zu-uns-selbst-Befreiten, wir, seine Kinder, wir Fremdgeisterlösten, soll­ten unseren Dank erzeigen zumindest dadurch, dass wir seine Opfertat und ihren Wert für uns zu begreifen suchen. Wie sehr hat der große Liebende und Verheißende zu Lebzeiten des Verständnisses entbehrt. Wie sehnsüchtig hielt er Ausschau nach Mitstreitern, Jüngern und Nachfolgern. Sollten wir uns nicht im Nachhinein, starken Herzens zu ihm bekennen und in seine geistige Jüngerschaft eintreten ?
 
Eine vordergründig vernünftige Erklärung dafür, wieso Nietzsche nach all seinem Ringen um eine „Philosophie der Rettung“ schließlich auf die Wertvorstellungen unserer urgermanischen Ahnen stieß, lässt sich nicht beibringen. Wie mich als blutjunger Mensch vor manchem Jahr­zehnt das unruhige Blut in die Welt hinauslockte, die ich mir voll der köstlichsten Abenteuer und Wagnisse erhoffte, packte ich in mein Reisegepäck ein einziges Buch hinein: den „Za­rathustra“. Und manche Stunde im Sand der Sahara oder auf schwankenden Planken vor der grönländi­schen Gletscherküste habe ich zugebracht über die darin gelobte, mir aber eigenar­tig und unverständlich erscheinende „Lehre von der ewigen Wiederkunft“ nachzusinnen. Diese An­schauung, dass das All nach Ausdehnung und Kräften begrenzt sei, also gleich einer sich fül­lenden und entleerenden Lunge der ganze Weltlauf in gleicher Weise von Ewigkeit zu Ewig­keit wiederkehre, hielt der Meister für geeignet, das Verantwortungsgefühl des Menschen aufs höchste zu steigern. Ausführliche Erklärungen abzugeben über die in Betracht kommen­den Einzelheiten einer Wiederkunftslehre, dafür war die dichterische Zarathustra-Gestalt un­geeig­net. Wer das Bedürfnis fühlt, dieses Weltverständnis mit anschaulichen Vorstellungsbil­dern zu füllen, muss sich andernorts erkundigen. Aber die Schwungkraft, mit der der hohe Sänger seine Ewig­keitsliebe verkündet, ist mitreißend (Z. III 16/1 + IV 19/10, 11, 12):
 
„O wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein
und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring der Wiederkunft ?“
„Sagtet ihr jemals Ja zu einer Lust ? - O meine Freunde,
so sagtet ihr Ja auch zu allem Wehe.“
 
„Alles von Neuem, AIles ewig, AIles verkettet, verfädelt, verliebt,
o so liebet ihr die Welt, -
- ihr Ewigen, liebt sie ewig und allezeit:
und auch zum Weh sprecht ihr. Vergeh, aber komm zurück !
Denn alle Lust will – Ewigkeit !“
„Will tiefe, tiefe Ewigkeit !“
„Singt mir nun selber das Lied, des Name ist ,Noch Ein Mal‘,
des Sinn ist ,in alle Ewigkeit‘ !“
„Singt, ihr höheren Menschen, Zarathustras Rundgesang !“
 
Hier ist nicht die geeignete Stelle, dieses weitläufige Thema zu erörtern, festgestellt sei nur Nietzsches Faszination von dieser erzheidnischen Idee. Das Kreislaufdenken, der Lehrmeisterin Natur abgeschaut, war ganz typisch für altheidnische Einsichten, und erst der Christianismus begann, umstürzlerisch, die Zeit nicht als Ring, sondern allein als lineare düstere Wegstrecke von ei­nem Schöpfungsbeginn bis zum „Letzten Gericht“ aufzufassen.
 
Als ich lernte, unsere altgermanische runische Überlieferung in Gestalt der 24 Buchstaben zu verstehen, mich prüfend-tastend daranmachte, eine Entschlüsselung ihres Aufbauprinzips zu wagen, da klärte sich der scheinbare Unsinn zur Harmonie erst ab diesem Augenblick, als ich die Zeichenreihe als Kreis begriff. 2) Heute bin ich sicher, mit den Runen, der einzigen auf uns gekommenen geistigen Hinterlassenschaft aus unseres Volkes Frühzeit, halten wir den „Ring der Ringe“ in Händen - den „Ring der Wiederkunft“, aus dem das Edle, Dahingegangene wieder­geboren werden will. Sinnvoll durchdacht ist dies Runengefüge, wohinein die großen religiösen Kernaussagen unserer germanischen Ahnen gelegt sind. Im Schoße des Runenringes liegen schlafende Geheimnisse verborgen; sie warten seit über zweitausend Jahren auf ihre Wieder­verlebendigung. Auch die Idee des Übermenschen erweist sich als altgermanisch-runi­scher Glaubenssatz. Freilich, die Einsicht, dass der Mensch nicht allein Erdenkloß, sondern in seiner Ursubstanz von göttlicher Art sei, hegten schon die Arioinder und verbreiteten sich darüber in ihren Veda-Schriften. Ist der geistige Mensch aber substantiell aus urgöttlicher Energie ge­fasst, dann muss ihm prinzipiell die Fähigkeit innewohnen, seine erdhaft-allzubestiali­schen Anteile zu überwinden, um sich - seiner Gottesteilhaftigkeit immer bewusster werdend - zu Über­mensch und Gottesmensch emporzureinigen. Darüber, wie es kam, dass der mythi­sche Ur­mensch, in die irdisch-äffische Schale eingezwungen, einen Niedergang, um sich - dar­aus wieder befreiend - einen Höhenweg zurücklegen musste, haben einstmals die verschiede­nen antiken gnostischen Erklärungssysteme kontrovers spekuliert. Wir besitzen heute archäo­logisch abgesi­cherte Fakten der Anthropologie, die jedoch - genau und tiefer geschaut - weni­ger aufzuklären vermögen als oberflächlich geartete Materialisten und Biologisten glauben möchten.
 
Eindeutig aber ist die Sprache der Runenreligion: Die Mannus-Urmensch-Rune nimmt die 5. Position ein, denn dies ist die naturgegebene, deshalb auch die symbolische Zahl des Men­schen. So verstanden es die arioindischen Weisen der Upanishaden, und so begriff es noch der tiefschauende Menschenseelenkenner C.G. Jung. Das altgermanische Wort lautet „man­naz“; es erbringt bei zahlenmythologischer, gematrischer Buchstaben-Addition ( =5, =21, =15, =15, =21, =10 ) die Quersumme 87. Diese Zahlen-Runen-Sinnbildfolge (8=+7=) stellt ein gematrisches Gleichnis für die Verbindung himmelsväterlich-erdmüt­terlicher Got­teskräfte bzw. für Gott und Göttin dar, die sich in weiteren Quersummenziehun­gen zur 15 bzw. 6, der altheili­gen Kosmoszahl, verdich­ten. Klar und nachvollziehbar führt uns die Ru­nensprache mit dem knappen, aber sicheren Instrumentarium ihrer Möglichkeiten an die dem System eingegebe­nen Aussagen heran.
 
Aber die gematrische Demonstration ist noch umfänglicher: Der universale Weltgeist, in dem sich zwangsläufig die zeugenden und gebärenden Seelenkräfte des Kosmos - also Gott und Göttin, nach Sprachregelung der alten Weisen - vereinigen müssen, den die hellenistische An­tike im Gewande des hermaphroditischen Hermes-Trismegistos erschaute und der unseren gallogermanischen Vorfahren als Teutates-Wodan erschien (dessen Name sich durch An­laut­schwund im späteren Altnordischen zu „Odin“ veränderte), hieß in altgermanischer Zeit „Wo­danaz“. Ein Begriff mit der Stammsilbe „Wod“ bzw. „Od“, deren Sinnqualität sich in alt­hoch­deutscher Zeit zu „Seelenwallung“ und „Wut“ reduzierte, ursprünglich aber das „Ge­müt“, das „Es“ meinte, also vollauf einer seelischen Teilqualität entsprach. Dadurch kommt zum Aus­druck, dass die allumfassende göttliche Weltseele mit dem Weltlogos Wodanaz ebenso identisch gedacht wurde wie mit der Seelenregung in jeglicher Menschenbust von Mann und Frau. Ist die Unterscheidung zwischen Gott und Mensch nicht anders zu bewerten als jene zwischen Feuer und Fünklein, dann muss auch das Gottesopfer dem Menschenopfer wesens­mäßig gleichgesetzt sein. Mannus wie Wodan, Menschengemüt und Gottesgemüt gal­ten - getreu dem hermetischen Grundsatz „Oben wie Unten“ - als urverwandt. Die Runen­sprache bestätigt es: „mannaz“ und „wodanaz“ sind im zahlenmythologischen Sinne wertgleich ( =17, =1, =2, =21, =15, =21, =10 ). Wieder wird das Quersummenergebnis 87 bzw. 15 bzw. 6 erzielt.
 
Ganz unbestreitbar war es Überzeugung des Runenschöpfers, der Mensch sei von über­mensch­lich-göttlich-kosmischem Herkommen. Dass aus solch einem Anspruch zwangsläufig verpflich­tende, erzieherische Wirkungen auf die feinsten Geister, die „höheren Menschen“ - exakt im Sinne des Postulats Nietzsches - ausgehen mussten, darf als naheliegend und folge­richtig ange­nommen werden. Wenn also einstmals die in den Runen niedergelegte Religiosität unserer Vorfahren den Mensch als ein Wesen verkündete, welches göttlicher Wesenhaftig­keit in irgend­einem Verdichtungsgrad und Zustand anteilig sei, so wird auch schon damals solch eine Aus­sage im auffälligsten Widerspruche zum Anschauungsunterricht alltäglicher Wirklich­keiten gestanden haben. Daraus müsste - zumindest bei den idealistisch gesinnten Trä­gern die­ses Glau­bens - die erwachende Sehnsucht nach dem reinen, hohen „Urzustand“, ei­nen „Rückzüch­tungsanreiz“ zurück, d.h. hinauf zum Gottesvorbild, in Gang gesetzt haben. In wel­che Richtung solch ein Anreiz wies, auch das äußere Menschenbildnis zu formen, wird uns gewiss, wenn wir bedenken, dass nordeuropäisch bestimmte Religion allezeit ethischer Licht­kult gewesen ist. Die himmelsblauäugigen, sonnengoldhaarigen Göttergleichnisse sprechen eine beredte Sprache: Die „blauäugige Athene“, der „blonde Apoll“, der „goldlockige Mithras“, der „weißbrauige Bal­dur“. Wir erkennen also in der „Verheißung des Übermen­schen“ die bisher als neue, frohe Erlösungslehre zur Rettung gegen die Drohbotschaft vom erbsündigen Erden­wurm und von christlich-marxistischer Niederzucht begriffen wurde, den geistesgeschichtlich fassbaren altreli­giösen Kern.
 
Sogar den reifen, tragischen Gedanken, dass Menschentum - Übermenschentum untrennbar mit dem Opferaspekt verwoben sei, vermag uns die Runenaussage mitzuteilen. Das Mannus-Mensch-Zeichen , mit Zahlwert 5, erklärt sich zwanglos als Bildkürzel des Fünfsterns (Pen­tagramma), der mit abwärtsgerichteter Spitze den toten, den geopferten höheren Men­schen allegorisiert. Jenes sinnreiche heidnische Vorbild, die „5“ gleichzeitig als Hochzeits- sowie als Opferzahl verstehen zu wollen, beeinflusste noch die epigonalen frühchristlichen Theologen, welche über die symbolhaften fünf Wundmale ihres „geopferten“ menschensohn­lichen Kult­gottes tiefschür­fende Betrachtungen anstellten.
 
Der langwährende Jahresanteil niederdrückender Licht- und Freudearmut unserer nord- und nordmitteleuropäischen Heimat ist dazu geschaffen, eine gedankenreich tiefschauende, schwer­mütige Menschenart entstehen zu lassen. Der hochintellektuelle, faustische Leistungs­mensch hat seine Ausprägungen in den Gestalten unserer großen Männer und Frauen gefun­den, die die Geistesgeschichte der Welt entscheidend mitgestalteten. Sie alle haben gerungen, haben sich gequält, jeder auf seine Weise - sie brachten ihr Lebensopfer und erhielten, oft viel zu spät, den verdienten Eichenkranz. Keiner aber von ihnen hat wodanisch tiefer gelitten, und keiner hat sich höher emporgeschwungen über die Leidenstiefen als Friedrich Nietzsche, der Wiederver­künder des ur-religiösen Heidentums, der Triumphator über christlichen Todeswahn und zeitgei­stiger Deka­denz. Darum ist keiner berufener als er, dass wir seine Hand ergreifen, um uns von ihm führen lassen, um Weltschmerz, Verneinung und Hoffnungslosig­keit unseres tief­kranken Zeitalters zu überwinden. – G.H. 1997
 
Quellenweisung:
 1) Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, 1883-85
 2) Gerhard Heß, ODING-Wizzod - Gottesgesetz und Botschaft der Runen, 1993
  dto., S. 145ff, S. 136ff, S. 38ff
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