DER HEILIGE GRAL

 Abb. 1 - Der Schalen-Altar im altirischen Heiligtum von Knowth -
Alter: ca. 5.000 Jahre
 
 
DER GRAL
 
 

 

Der Mythos vom „Gral“ erwuchs erkennbar aus dem urnordischen und schließlich gallo-germanischen Kessel-Kult. Schon in dem irischen jungsteinzeitlichen Hügelgrab von Newgrange, dessen Anlage um 3150 v. 0 erbaut wurde, befand sich in der heiligen Kammer ein großer verzierter Altarblock in Gestalt einer seichten Mulde, also ein Schalenstein („Basin Stone“). Auch die nahe ähnliche Kultanlage von Knowth weist einen derartigen Schalenstein auf, den man „Dagda’s Couldron“ (Guten-Gottes Kessel“) nennt (Abb. 1). Der reich verzierte, silberne, teilvergoldete  keltische „Gundestrup Cauldron“ aus dem 5-1 Jh. v. 0, den man in einem dänischen Moor im jütländischen Himmerland (Land der Kimbern) fand, gehört in diese Tradition kultischer Gefäße. Er wurde für Opferrituale der keltisch-thrakischen und später der jütländisch-germanischen Bevölkerung benutzt. Vom heiligen Kessel ist in den keltischen Mythen mehrfach die Rede. Er hat sich auch als Begriff des „Hexenkessels“ bis heute erhalten. Das gemeingerm. Wort war katila, ahd. kezzil. Dem Begriff westgerm. Kelch, ahd. kelich, niederl. kelk, schwed. kalk, lat. calix (ähnl. ist griech. Lautung) = tiefe Schale / Becher / Kelch) haftet bis heute ein Hauch der sakralen Würde an. Verwandt sind „Kelle / Schöpflöffel / Suppenkelle“. Das Wort, kommend aus griech. baúcalis, spätlat. baucalis, ital. boccale (= Krug / Becher), meint heute das kostbare Trinkgefäß, den Pokal. Im Altfranzösischen verstand man unter dem graal die Schüssel in der in vornehmen Gesellschaften Leckerbissen gereicht wurden. Das Wort wird seine Wurzeln haben aus griech. baúcalis oder krater = Mischgefäß, lat. cratalis / gradalis, altspan. grial = Schüssel / Topf, altportu. gral = Mörser / Mischgefäß. Der Gral als Kelch gedachtes sakrales Gefäß, erscheint in der mittelalterl. deutschen Dichtung zuerst in des Epikers Wolfram von Eschenbachs (um 1160/80-1220) gereimten Roman „Parzival“, um 1200/1210. Wolfram nennt die Gralsburg „Munsalvaesche“ (Heilsberg oder Wilder Berg ?). Man spekulierte, ob das Vorbild für die Gralsburg die Burg Wildenberg im Odenwald gewesen sein könnte, an deren Kamin Wolfram von Eschenbach gerne zu Gast war und dort zumindest Teile seines „Parzival“ beschrieben und im höfischen Kreise vorgetragen hat.
 
Die geographische Heimat der Gralssage könnte das germanische Flandern, genauer, die Stadt Troyes (ehemals Hauptort des Keltenstammes der Trikassii) sein, zumindest erschien dort um das Jahr 1190 erstmalig das Epos „Li Contes du Graal“ des altfranzösischen Dichters Chretien de Troyes (Christian von Troyes - um 1140-1190), der sich auf eine literarische Quelle in der Bibliothek des Grafen von Flandern berief. Gewidmet ist die Erzählung seinem Gönner, dem Kreuzfahrer Graf Philipp von Elsass, einem Sohn des Grafen Dietrich von Flandern. De Troyes schrieb im Dialekt der nordfranzösischen Champagne, dem keltischen Siedlungsgebiet der Catalauni, dem späteren Zentralgebiet germanischer Franken. Er berichtet von einem jungen Rittes namens Perceval (= „Durchstoßer des Tals“), der Zeuge einer Prozession zu einem kranken Fischerkönig wird, bei welcher ein Knabe einen blutigen Speer und eine Maid die goldene, hell erleuchtete, mit Edelsteinen besetzte Goldschale - den Gral - trägt, als Behältnis für die geweihte Hostie, die seine einzige Nahrung darstellt. Bei dieser mystischen Zusammenstellung von Speer und Schale handelt es sich natürlich um die die Sinnzeichen von Mann und Frau, womit klar sein dürfte, dass hier ein sehr alter vorchristlicher Mythos in den damals zeitgemäßen kirchenchristlichen Rahmen eingefügt wurde, was schon durch den Vornamen des fränkischen Dichters als naheliegend gelten darf. Seine Manier, aus verschiedenen Quellen eine neue kunstvoll strukturierte und bedeutungsvolle Handlung zu schaffen, bezeichnte Christian-Chrétien selbst mit schriftstellerischem Stolz eine molt bele conjointure (eine „sehr schöne Verbindung“). Die Arbeit stellt den unvollendeten Versuch dar, den Ethos damaliger Ritterlichkeit mit christlichen Leitmotiven zu verquicken. Die Geschichte hat Wolfram von Eschenbach etwa 20 Jahre später in seinem „Parzival“ erneut aufgegriffen. Wolfram schreibt, dass er Chrétiens Darstellung für falsch halte, und behauptet, dass er eine andere Quelle nutzte, nämlich einen provenzalischen Dichter namens Kyot.
 
Nur wenige Zeit später, seit 1209 hatte eine junge schwärmerische Frau namens Juliana von Lüttich, die schon im Alter von fünf Jahren ins Kloster Mont Cornillon verbracht wurde, mystische Visionen über die Schaffung eines neuen Festes. Sie habe, so wird berichtet, beim Beten den Mond gesehen, der an einer Stelle verdunkelt gewesen sei. Der ihr in Visionen erschienene Christus habe ihr erklärt, dass der Mond das Kirchenjahr bedeute, der dunkle Fleck das Fehlen eines Festes des „Eucharistie-Sakraments“. Aufgrund ihrer Erzählungen wurde 1246 das „Fronleichnamfest“ (Herren-Leib-Feier) in der Diözese Lüttich eingeführt und 1264 von Papst Urban IV., der vorher Erzdiakon in Lüttich war, zum Fest für die gesamte Katholiken­­kirche erhoben. Es feiert den „eucharistisch anwesenden“ Kultgott Christus als Opfer, Opferspeise („Kommunion“) und als Gegenstand der Anbetung. Der hineingedachte Leib des kirchenchristlichen Kultgottes in Gestalt einer weißen, runden Opade - also als sonnengestaltiges Kultbrot - verzehrt. Sinnvoller Weise geschieht es im altheidnisch nachvollziehbaren Verständnis zur Zeit der voll erblühten Jahresonne. Papst Urban IV. schrieb: „Wir haben es daher, um den wahren Glauben zu stärken und zu erhöhen, für recht und billig gehalten, zu verordnen, dass außer dem täglichen Andenken, das die Kirche diesem heiligen Sakrament bezeigt, alle Jahre auf einen gewissen Tag noch ein besonderes Fest, nämlich auf den fünften Wochentag nach der Pfingstoktav, gefeiert werde, an welchem Tag das fromme Volk sich beeifern wird, in großer Menge in unsere Kirchen zu eilen, wo von den Geistlichen und Laien voll heiliger Freude Lobgesänge erschallen“. Am 50. Tag des Osterfestkreises, also 49 Tage nach dem Ostersonntag sollte es gefeiert werden. Der Pfingstsonntag fällt damit auf eine Zeit zwischen dem 10. Mai und dem 13. Juni. Das germanische „Sigarblot“ (Sonnen-Siegfest) war im Norden der Vorläufer des rom-kirchlichen Osterfestes. Nach „Siegfest-Ostern“ galt die Sonne als strahlender Sieger über die Dunkelheitsmächte, so dass eine „(Sonnen-)Herren-Leib“-Feier allgemeiner Akzeptanz sicher sein durfte. Wie wenig sicher sich das keltisch-germanische Heidentum in Bezug auf das Geschlecht der Sonne war, geht aus den altsächsischen u. altdeutschen Schwankungen zwischen von f. „sunna“ und m. „sunno“ hervor. In den germ. Sprachen gab es für die Sonne alle drei Geschlechter: got. m. sunno, f. sauil. Die hoch­mittelalterliche Zeit war noch voll des Wissens um die Mythen des Altheidentums und der im Norden junge, sich erst mühsam zusammensuchende Christianismus zehrte von den damals im Volke wachen uralten Weistümern, um in heidnisch-christliche Synkretismen hineinzuwuchern. Der Mond hatte das einstige heidnische Sakraljahr bestimmt, deshalb vermochte Juliana denselben als Symbol für das Kirchenjahr begreifen. 
 
Dass das Gefäß ein Synonym für das weibliche Geschlecht mit seiner lebensspenden Funktion gedacht wurde, tragen vieler Völker Mythen vor, so dass in Dan Browns Roman „Sakrileg“, 2004, der gut recherchierte Schlüsselsatz lautet: „Der Gral ist eine Frau“. Richtiger gesagt: Der Gral ist ein naturreligiöses Sinnbild die lebenschöpfende Weltwesenheit des Weibes. In seiner Mystik und Symbolik ist der Pokal/Kelch tiefsinnig und reicht mit matriarchalen Gleichnissen vom Gefäß des Schoßes, über Gottes Blutkelch bis zum allgemeinen Symbol für das Lebenswasser. Zahlreiche Mythen ranken sich um das legendäre Gefäß des Lebens, es soll das höchste Glück beschaffen, geheimnisvolle Fähigkeiten und Heilkräfte besitzen, wie es schon die heidnischen Legenden zum Ausdruck brachten. Bei vielen Esoterikern wird der Gral als das höchste Wissen interpretiert, was aus dem mythischen Verständnis der Frau resultiert, die aus sich das neue Leben schafft und damit zur Repräsentantin des „Ewigen Lebens“ wird. Die hochmittelalterlichen Gral-Ausdeutungen im Zusammenhang mit christlich-jesuischen Motiven waren ersichtlich die Versuche, uralte Naturmythen dem damals dominanten christlichen Zeitgeist anzugleichen.
 
 
Der Gral im ODING-Runen-System
 
 
Gralkult-Wagen von Strettweg aus dem 7. Jh. v.0
 
11. ODING'sche perðo-(Mutter-)Schalen-Rune
 
Ein so wichtiges altgläubiges Sinnbild und Mythen-Thema wie es der Gral darstellt, konnte der Runen-Schöpfer nicht unerwähnt lassen. Er baute die Grals-Rune an 11. Stelle des ODING-Systems ein, so dass sie im Kalender auf etwa Mitte Mai zu stehen kommt. Die Zahl 11. drückt noch im Verständnis der verfälschten aber auf heidnischen Grundlagen basierenden kirchenchristlichen Zahlenaussagen, die fleischliche Sünde aus. Natürlich hat die Liebeslust und die daraus resultierende Fruchtbarkeit der Menschen sehr viel mit dem zu tun was die naturferne Christenkirche als Laster- und Unkeuschheits-Sünden bezeichnete. Schon der bronzene „Kultwagen von Strettweg“, aus der Hallstattkultur Süddeutschlands, etwa dem 7. Jh. v.0, zeigt die Grals-Muttergöttin, die als 32 cm hohe Hauptfigur auf dem Wagen steht und mit erhobenen Händen eine Schale trägt, auf der ein nahezu halbkugeliger Kessel - der Gral - ruht. Die Göttin steht auf einer Rosette von 11. Strahlen.
 
 
Die Schalen-Göttin steht auf einem Rad mit 11 Speichen
 
Im Runensystem wird die Gral-, Schalen- Kessel-Mutter treffsicher sowohl durch die Schale wie durch die Zahl 11 - dem Zahlensinnbild der Geschlechtslust - verdeutlicht. Die Elf soll nach klerikalen Darrlegungen jene Menschen kennzeichnete, die außerhalb der Sittengesetze stehen - alle, die die Zehn Gebote überschritten hätten. Damit verwies die Elf allgemein auf die Sünde und die damit verbundenen Vorstellungen von Welt und Weltuntergang im „Alten“ wie im „Neuen Testament“. Zwar steht die Wollust (Luxuria = Ausschweifung, Genusssucht, Begehren) in der Auflistung der 7 kirchenchristlichen Todsünden an 3. Stelle, doch ergibt in verschlüsselter Form die 11 wieder 3, denn die Theosphische Addition von 11 ergibt 66, deren Quersumme wieder 12 bzw. 3 ergibt. Den Begriff der Rune perðo hat der Runenschöpfer einem keltischen Lehnwort für Frucht- bzw. den Apfelbaum entnommen, weil es in der germanischen Sprache kein Bedürfnis für den p-Laut gab. Auch daran erkenne ich, das das Runensystem nicht primär als Buchstabenschreibsystem - in Übernahme aus vorher bestehen alpinen Schriften - entwickelt wurde, vielmehr als eine Hieroglyphen-Reihe zur Versinnbildlichung des sakralen Kalenders gallogermanischer Religion.
 
Die Runenlisten bezeich­nen die P-Rune peorð / peorch; das zuge­­hörige christl. beein­flusste Runengedicht lautet: „Peorð ist immer Spiel und Scherz den Rei­chen, wo Krie­ger im Biersaale fröhlich beisam­mensitzen.“ Der christliche Autor will hiermit den heiligen Kessel- und Trankopferkult ins Burleste hinabziehen. Aber eine kelt. Göttin des Namens Perta und eine germ. Perchta / Per­ahta sind wohlbe­kannt. Die kelt. wie auch die germ. Namensformen finden sich als dt. Ortsnamen: Becht­heim, Bech­terdissen, Bechtelsbergund weitere. Die igm. Wort­wur­zel per-, („ge­bären / hervor­brin­gen“), lat. pario, („ge­bären“), röm. Parca (Geburts­göttin), liegt wohl ebenso zu­grunde, wie auch ahd. beraht mit den Formen bercht, bert, pertbrecht, precht („hell / glänzend“). All­zeit wurde die hervorbrin­gen­de, ge­bärende irdische Mutter mit einer Quelle und ei­nem Kessel verglichen. Er ist das Ursymbol des Weib­lichen und seit jeher ein Kult­gerät der weisen Frauen, Heile­rinnen und Hebammen. Im übertragenen Sinne steht er für die Leben schaffende und näh­rende Gebärmutter der Frau und Erdgöttin. Noch die kelt. Barden des Mit­tel­alters besangen ihre neue Muttergöttin als Pair („Kes­sel“). Dieser ist in seiner Funktion als Gerät, das zur Zubereitung von Speisen ge­nutzt wird, ein Symbol von Gast­freund­schaft, Überfluss und Unerschöpflichkeit. Als typische Grabbeigabe wurde er darüber hinaus zum Sinnbild der erdmütterlichen Wiedergeburt. In der irischen-kymrischen Mythologie sind es zwar Vatergott Dagda mit dem unerschöpf­lichen Fruchtbarkeitskessel (wie zu Zeus der Kesselwagen ge­hört) und Heldengott Bran, der einen Kessel besitzt, aus dem Tote lebendig wieder­er­standen, doch auch die große irische Göttin Brigit /Brigd führt immer einen Zau­ber­kessel mit sich; und ihr Bronzeschuh, so sagte man, sei der heiligste Gegen­stand. Die­se Erd- und Allmutter­gestalt nannte die kelt. Bevölkerung Englan­ds: Brigan­tia; die Bretonen kannten sie als Brigandu; in walisischer Bez­eich­nung galt sie als Cerridwen (cerrd „die Künste“; wen „weiß“). Letztere braut in ihrem Kes­sel den Trunk der Weis­­heit und Inspi­ration. Die röm. Göttin der Geburt/Geburtshilfe sowie des Mondes war Luc­ina / Lu­­cetia („die ans Licht Fördernde“); ein Aspekt der Göttinnen Juno und Dia­na (die griech. Ent­sprech­ung war Eileithyia : „die Kommende“, ebenso kümmerte sich Hera darum). Sie öffnete den Neugeborenen die Augen und schenkte ihnen so Seh­kraft und innere Erleuch­t­ung. Ihre Symbole waren Lampe und Opfer­schale (lat.: pe­tera).
 
Was der kelt. Barde Hannes Talesien (6. Jh.) von Cerridwen schrieb, ist in die walisi­sche Sam­mlung „Mabinogion“ eingegangen. Sie galt wie Brigit als dreifache Göttin: Ihre Funktionen sind Gestaltwand­lungen, schöpf­­erische Arbeit, Tod und Wieder­ge­burt. Ihr Aspekt der näh­ren­­den, behütenden Muttersau tritt in einem Ihrer Beinahmen hervor: „Weiße Sau". Er zeigt, dass ihr, eben­­­­­so wie anderen Erdgöttinnen: Isis, De­me­ter, Bona Dea dieses Tier geweiht war; nicht anders verhielt es sich mit der altn. Göttin Freyja, auch sie wurde Syr („Sau“) geheißen (Gylf. 34, in Thu­lur u. beim Skal­den Hallfreðr).
 
Die beiden unmissverständ­lichsten Beweise, die unsere Rune vollgültig erklären, sind diese: Eine 1890 bei Nimes/Frankr. gefun­dene Inschrift, welche auf den Namen der schon erwähnten Göttin Perta lautet: pertae ex voto („der Perta geweiht“). In un­mittelbarer Nähe der Fundstelle liegt eine Quelle le Peiroou („der Kessel“) genannt. Auf dem bron­zenen Kultwagen von Strettweg/Niederösterreich, der einem hallstat­t­zeitlichen Kel­tengrab des 7. Jh. v.0 entnommen wurde, steht die Große Göttin in­mit­ten einer Fi­guren­gruppe, die sie weit überragt. Sie hält auf ihren Händen den Kes­sel der Wie­dergeburt oder des ewigen Lebens empor. Die elfstrahlige Boden­rosette über der sie sich erhebt, entspricht sicher nicht nur zufällig der Zahl unseres Liebes­mutter-Rune. Der Veda sagt es gerade und unmissverständlich heraus: „Der Mutter­leib wahr­lich ist der Topf“ (Satapatha Brahmana 7.5,2). Und der Schwarze Yajur­ve­da, Taitti­ri­ya-Sam­­hita (7.4,18) ergänzt: „Die Erde ist das große Gefäß.“
 
 
Der Gral und Gral-Sucher Parzival
 
 
Ein Grals-Berg ist die Odilien-Höhe im keltisch-allemannischen Elsass
 
In den keltischen Sagen, sowohl der Iren wie der Britannier spielen Zauberkessel (oder Brunnen), ebenso wie in den germanischen, eine bedeutende Rolle. So verschieden auch die Verwendung zu sein scheint, kann man sie sämtlich als Fruchtbarkeitskessel bezeichnen. Vier Dinge sind es, die durch solche Zauberkessel geschenkt werden: Lebensfruchtbarkeit, Reichtum, Wiederbelebung, geistiges Wachstum (Sehergabe, Dichtkunst). Es sei an den Bierkessel der germanischen Göttersagen erinnert, den Thor aus dem Riesenreich holt, der den Göttern Reichtum und Fülle verschafft. Auch im Mond wurde dieser Kessel geschaut, der in vedischer Mythologie ein Fruchtbarkeitsbringer ist. In der walisischen Sagensammlung „Mabinogion Branwen“ wird von einem Kessel erzählt, der die Kraft hat Tote wieder lebendig zu machen. Er verleiht seinen ersten Besitzern, dem Riesenpaar, erstaunliche Vitalität. Ein Geschenk wird von Bran angeboten: „Einen Kessel will ich Dir schenken, der die Eigenschaft hat: Wird dir heute ein Mann erschlagen, so wirf ihn in den Kessel, und er wird morgen so wohlauf sein wie nur je zuvor….“. Dieselbe Sage begegnet uns in altirischer Literatur mit einem Brunnen; es handelt sich um die Sage des Kampfes zwischen den Göttern der Tuatha und Dee Danann und den wilden Fomoire. In den deutschen Quellen gibt es den Jungbrunnen (Lebensbrunnen) wie auch die „Quelle der ewigen Jugend“ und die „Quelle des ewigen Lebens“ sind sich oft überschneidende mythische Vorstellungen von einem See, dessen Wasser dem Trinkenden oder Badenden ewige Jugend oder ewiges Leben verheißt. Neben dem körperliche Fruchtbarkeit und Reichtum spendenden Kessel gab es in der keltischen Sagenwelt „Hanes Taliesin“ („Die Geschichte Taliesins“) auch den Kessel der Weisheit und der Dichtkunst.
 
Der Gral galt ursprünglich als reale „Schale der Wiedergeburt“ aus der das menschliche Leben seinen immerwährenden Fortgang nimmt. Damit verbunden sind zwangsläufig die irdischen Geschehnisse um Gattenliebe, Sinnenlust und Geburtswehen. Der Gral war mithin ein Symbol das mit dem „Weltweib“, dem großen Gefäß der Lebensströme, der Lebenswasser gedanklich innig verwoben oder konkret gleichgesetzt wurde. Der Chrstianismus verurteilte jegliche Körperbewusstheit, jeden wollüstigen und freudigen Sinnentaumel, weil er von der todernst aufgefassten kirchlich diktierten Heilssuche ablenken musste. Auch der natürliche Grals-Mythos musste in diesem Sinne umgedeutet werden. Das Grals-Rätsel unter dieser Prämisse leicht und klar durchschaubar für jeden der die Wahrheit tatsächlich sucht, denn die geistesgeschichtliche europäische Entwicklung nahm ihren Ausgang aus den bezeichneten naturreligiösen Vorstellungen des Heidentums und wurde durch kirchenchristliche Apologeten im Sinne einer vergeistigten Jenseitsbezogenheit in eine Metapher für die Gottesliebe verklärt, aus der die vermeintliche christlich gedachte Wiedergeburt entspringen würde. Dabei handelt es sich nurmehr um eine künstliche gedankliche Konstruktion, die mit der wahren Grals-Geschichte rein nichts zu tun hatte, also so eine Art entvitalisiertes Surrogat wurde. Eine Grals-Feier, der sinnenfrohe Tanz um das Gefäß des Lebens, war einstmals eine auf eine Göttin bezogene Fruchtbarkeitsfeier mit all den feinen Natursymbolismen und gleichzeitig mit all den dazugehörenden realitätsbezogenen Derbheiten. Im mittelalterlichen Christianismus wurde nun der echte Gral, die Weltenwilligkeit und Weltensinnlichkeit, verflucht, bekämpft und gegen ihn zum Kreuzzug aufgerufen und gleichzeitig die Minnekirche, in Gestalt der entweiblichten Kunstgöttin „Jungfrau- Maria“, als Weg zum angeblich „wahren“ entweltlichten neuen Heil gepredigt. Der Versroman „Parzival“ („Durch das Tal“) des Wolfram von Eschenbach, dessen Werk um 1200/1210 entstand, führt einen Gralssucher namens Parzival vor, der vom „unwissenden Narren“ bis zum „Gralskönig“ gedeiht -, und zwar ganz im Sinne eines kirchenchristlichen Lehrstücks. Um die Spur zur wahren Urvorlage zu vernebeln, wird der Gral bei Wolfram nicht als Schale oder „Abendmahlskelch“ sondern als einen heiligen Edelstein bezeichnet. Worum es im Eigentlichen geht (3., S.17, bei Wolfram) ist unmissverständlich, wenn Wolfram Parzival sagen lässt: „Kann Ritterschaft den Erdenruhm und auch das Seelenparadies erkämpfen, mit Schild, der Lanze, so will ich stets als Ritter leben !“ In 238 bei Wolfram heißt es: „Denn aus dem Gral das Heil gedeiht, der höchsten Erdenseligkeit; dem Segen, den das Himmelreich uns beut, kam fast sein Segen gleich…“. Parzival soll erleben, dass zum Heilserwerb Schild und Lanze nicht ausreichen. Er ist zunächst ein schöner, gewandter, aber „unwissender Sünder“, der im Verlauf seiner Bewährungs-Abenteuer das richtige Gottesverständnis erfährt und zu Erkenntnis und Läuterung gelangt. Parzival bewährt sich schließlich als Ritter, gewinnt die wunderschöne Königin Kondwiramur (aus conduire amour: „Die zur Liebe Hinführende“), verlässt sie aber, weil er den Gral suchen will. Es werden die Gefahren des Minnedienstes dargestellt und die Abgründe in die jene geraten die ihr verfallen bleiben. Die Warnung vor dem Sexuellen ist unüberhörbar. Über das Zauberschloss des Bösen hören wir die Auskunft: „Wenn Ihr’s durchaus wissen wollt, so hört, dass Ihr hier in Klinschors Zauberlande seid. Die Burg dort ist das Zauberschloss. Vierhundert Frauen werden darin durch Zauberkünste gefangen gehalten. In der Burg steht ein Wunderbett, das bringt alle in große Not. Noch viele andere Gefahren sind dort zu bestehen. Oft schon haben Ritter versucht, die Frauen zu befreien, aber noch nie ist einer von ihnen lebend zurückgekommen.“ Klingsors Zauberschloss repräsentiert die Welt der dunklen Kräfte, es ist das Gegenbild der lichten göttlichen Gralsburg. Auf der Gralsburg wird der Gral von einer Jungfrau in den Festsaal getragen, wo er wundersam alle Gefäße mit Speisen und Getränken füllt. Der Heide Feirefiz kann ihn nicht sehen, „denn er darf nicht wollen, dass die Augen des Heiden ohne die Kraft der Taufe die Kameradschaft derer erlangen, die den Gral anschauen“. Zum Gralskönig eignet sich Parzival erst nachdem er die Mitleidsfrage gestellt hat, also sich nach dem Grund für das Leiden eines anderen erkundigte und indem er seine Grals- bzw. Heilssuche über sein eheliches Glück stellte.
 
Da es dem Gral, als einer mythisch-religiösen Kultidee von der weltweiblichen Fruchtbarkeitskraft, jeder Historizität und Lokalisierung ermangelt, sind die Forschungen von Otto Rahn, die sich in seinem Buch „Kreuzzug gegen den Gral“ niederschlugen, völlig untauglich. Sicher gab es traditionelle europäische Stätten der Fruchtbarkeitskulte, die auch nach der Eroberung durch den Christianismus und seine Gewaltkirche im Gedächtnis des Volkes blieben. Doch im südfranzösischen und nordspanischen Raum der Sektengruppen von Albigensern und Katharern nach der „Gralsburg“ zu suchen, ist einfach zu kurz gegriffen. Diese christlichen Sekten hatten zwar manche Bestandteile ihrer gallo-germanischen Ur-Religionen bewahrt, doch im Zentrum ihrer religiösen Basis stand der paulinische Fehlgang der geradezu kriminellen christianischen Religionshistorisierung. Otto Rahn bewegte sich mit seinen Forschungen in viel zu jungen mittelalterlichen Schichten der Grals-Mythos-Tradierung.
 
Wolfgang Krause, „Die Kelten“, „Religionsgeschichtliches Lesebuch“, Nr. 13, 1929
Otto Rahn, „Kreuzzug gegen den Gral - Die Geschichte der Albigenser“, 1933/2000

 

Pin It