DER WEISSDORN

 
DER WEISSDORN
 
 
 
Andere Namen des Weißdorns: Haakäsen, Hagapfel, Hagäpfli, Hagedorn, Hägele, Hagewiepkes, Heckendorn, Heinzelmännerchen, Mehlbaum, Mehlbeere, Mehldorn, Mehlfässchen, Müllerbrot, Weißheckdorn, Wibelken, Wubbelken, Wyßdorn, Zaundorn,  Christdorn; englischer Name: Hawthorn.
 
Die Früchte der Pflanze sind roh essbar und schmecken säuerlich-süß. Sie können zu Kompotte und Gelees verarbeitet werden und eignen sich dabei zum Untermischen mit anderen Früchten, da sie gut gelieren. Gemischt mit anderen Früchten lassen sie sich auch zu vitaminreichen Saft und Sirup verarbeiten. In Notzeiten der Kriege wurden die Früchte als Mus gegessen und das getrocknete Fruchtfleisch als Mehlersatz beim Brotbacken verwendet. Die Kerne dienten sogar als Kaffeeersatz. Die getrockneten Blüten, Blätter und Früchte werden als Tee oder alkoholischer Auszug bei Herz- und Kreislaufstörungen anzuraten.
 
Hauptanwendungsgebiet des Weißdorns als Medizin: Seine Wikstoffe wiken beruhigend, durchblutungsfördernd, gefäßerweiternd. Die Anwendung ist sinnvoll bei Altersherz, Angina Pectoris, Arteriosklerose, Bluthochdruck, Erschöpfung, Herzrhythmusstörungen, Kreislaufstörungen, Nervosität, Niedriger Blutdruck, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Schwindel
 
Vom Weißdorn sind manche mythischen und brachtumsmäßigen Bedeutungen aus unterschiedlichen Epochen überliefert. Die verschiedenen Namen resultieren aus seiner Verwendung als Heckenpflanze zur Abgrenzung von Grundstücken und aus seiner Kraft, böse Geister abzuwehren oder vor Verhexung zu schützen. In der römischen Antike war er dem Ianus heilig. Ein in das Fenster gestellter Zweig des Weißdorns sollte Kinder vor den nächtlichen Strigen (vampirische Dämonen) schützen. Er galt als Elfen-Wohnung, weshalb man in Deutschland zu früheren Zeiten Stofffetzen und Haar in die Äste des Weißdorn flocht, da das die Elfen veranlassen sollte, gute Taten am Spender zu vollbringen. Kinderwiegen aus Weißdorn sollen verhindern, dass Kinder von bösen Feen ausgetauscht werden.
 
In der Ballade „Lenore“ von Gottfried August Bürger heißt es in Strophe 15 + 16:
 
„Wir satteln nur um Mitternacht.
Weit ritt ich her von Böhmen:
Ich habe spät mich aufgemacht
und will dich mit mir nehmen !“ -
„Ach, Wilhelm, erst herein geschwind !
Den Hagedorn durchsaust der Wind,
herein, in meinen Armen,
Herzliebster, zu erwarmen !“
„Lass sausen durch den Hagedorn,
lass sausen, Kind, lass sausen !
Der Rappe scharrt, es klirrt der Sporn;
ich darf allhier nicht hausen.
Komm, schürze, spring und schwinge dich
auf meinen Rappen hinter mich !
Muss heut noch hundert Meilen
mit dir ins Brautbett eilen.“
 
In Richard WagnersGötterdämmerung“ heißt es in (Akt 2, Szene 3):
 
„Groß Glück und Heil lacht nun dem Rhein,
da Hagen, der Grimme, so lustig mag sein !
Der Hagedorn sticht nun nicht mehr;
zum Hochzeitsrufer ward er bestellt.“
 
 
 
 
ODING-Baumbezug: „VERBUNDENHEIT“
 
 
Das kelt. Ogom erklärt den Buchstaben „h“ mit huat, dem „Hagedorn / ­Weißdorn“. Auch seine weiteren Namen: Hageapfel, Heckendorn, Christdorn, engl. hawthorne betonen die un­angenehme Gefährlichkeit seiner bedornten Äste. Aus seinem sehr har­ten Holz werden Stiele für Werkzeuge, Wanderstöcke, früher sicherlich auch Waf­fen, hergestellt. Der bis zu 10 m hohe Buschbaum blüht im Mai mit weißen Blüten­wolken, im September-Oktober reifen roten Beeren­büschel. Weiß im Frühjahr, rot im Herbst, so zeigt sich der Weißdorn im Jahreslauf. Vielerorts traute man ihm schützende und unheilabwehrende Kräfte zu, er galt wohl als Heil- und Zauberbusch. So wurden seine Äste hinter Herd und Kü­ch­en­balken ge­steckt, um das Haus vor Blitzschlag und Unholden zu bewahren. Sein Schutz­charak­ter könnte daher rühren, weil unsere Vorfahren ihr Land gern mit den schützenden Sträuchern eingrenzten, mit ihnen erfolgte die „Ein­häg­ung“, die Errichtung eines Hag­es, eines umhegten (heiligen) Bereiches, deshalb der Name „Hagedorn“. Ein spätes Zeichen für die daraus resultierende einstige Be­deu­tung im Volksglauben sind die vie­len Darstellun­gen des Weiß­dorns in gotischen Kirchenbau­werken.
 
Warum die Pflanze ihren Platz im Liebesbrauchtum und bei Hochzeitsfeien hat, ist kaum allein aus solcher Verständnistradition erklärlich. Im alten Griechenland diente sie als Braut­schmuck; des Hochzeitsgott Hymenaios Altäre wurden mit ihr ge­schmückt, die dort brennenden Fackeln aus ihrem Holz geschnitzt. Selbst der weise kelt. Zau­be­rer und Dru­ide Merlin ließ sich unter einem Weißdornbusch in den Armen der Fee Morgana/Muirgen/Vivien zur ewigen Umarmung verlocken. „Lehre mich, wie ich einen Mann fessle ohne Ketten und Turm, dass er nie mehr ent­weichen kann, wenn ich ihn nicht freigebe“, beschwor sie den Meister. Als er ihr alle seine Künste ver­raten hatte, bannte sie ihn, so dass er nicht mehr entfliehen konnte, ja nicht ein­mal mehr fliehen wollte. Da die bei­den, der Sage nach, dem gegenseitigen Liebes­hunger verfallen waren, ist die Vereinigung unter dem Weisdornbusch in ihrem sex­ual­mag­i­schen Aspekt zu be­greifen. Unter ihm gelang der Unlösbar­keits­zauber. Mer­lins ewige Vereinigung mit Morgana ist auch ein Bild des Hierosgamos, der höchsten Ge­gen­satzvereinigung. In der Merlinsage erscheint ein weiteres Motiv welches die Hagedorn-Symbolik noch verständlicher macht, es ist das Gegensatzpaar des weiß­en und des roten Drachens, die sich immerfort streiten. Der Hagedorn selbst ist das pflanzliche Gleichnis: seine frühjährlichen Blüten sind weiß und seine herbstlichen Be­eren rot. Die beiden Drachen galten mittela­lter­lich­en Alchemisten als übliche Parabel für die Gegensätze von männlich und weiblich, die nach Kampf und Tod zu Partnern in der alche­mis­ti­schen Coniunctio, d.h. der Vereinigung der Gegensätze werden. Eine bessere Beschreibung auch der mythischen Prozesse um Balder und Höder, den Weißen und den Roten, könnte man nicht abgeben.
 
Erst 1823 ist ein uralter Weißdorn­baum bei Klin­gen­münster/Rheinpfalz vom Blitz­schlag getroffen und vernichtete worden. Um ihn rankt sich eine mittelalterliche Le­gende: Im Jahre 630 hätte sich der merowingische König Dagobert I. vor Auf­stän­dischen ver­ber­gen und retten können. Aus Dankbarkeit schenkte er den dortigen Land­sassen ein Stück Ackerboden, welches niemals geteilt werden dürfe. Der be­treffende Weißdorn solle als „Sinnbild der Unteilbarkeit und Einheit“ dieses Landes gelten, weshalb er vor jeglicher Verletzung unter Androhung von Strafe beschützt wurde. Allein seiner Gegenwart wur­den heilende Wirkungen zugesagt, er war be­liebter Versammlungsort, unter ihm wurde 1525 der „Bundschuh" beschworen und damit der Bauernkrieg be­gonnen. Mit dem Tod des Baumes zerstritt sich die Ge­mein­schaft, die sich um ihn gebildet hatte, und zerfiel wieder, so wie es lange vorher prophezeit worden war. Daraus wird wiederum ersichtlich, der Weiß­dorn muss Sym­bolbaum für etwas gewesen sein, was sich fest und dauerhaft zu verbinden suchte. Bestätigt wird dies vom Brauchtum in der Nacht auf den 1. Mai, da steckten die Bur­schen Liebesmaien vor die Türen ihrer Lieb­sten. Steckte man Weiß­dorn, galt das als Zeichen für eine, die unbedingt geheiratet wer­den, also eine Ver­bindung er­zwin­gen wollte.
 
Treffsicherer könnte ein Baum­sinnbild für die aneinander geketteten Zwillingskräfte der Dioskuren-Alki kaum aus­fallen. Aber der Baum ist auch in seinem Symbolismus so janusköpfig wie die Zwillinge selbst. Im irisch-kelt. Brauchtum sagt man: „Den Weißdorn ins Haus lassen, heißt den Tod ein­la­den“. Es müssen demnach auch un­gute Sagenzüge mit diesem Holz verbunden ge­wesen sein. Eine bezeichnende alte Überlieferungen be­stätigt es, es soll die Dornenkrone des christl. Kultgottes aus Weiß­­dornruten ge­flochten worden sein. Der dornige Hagdorn vermittelt ganz selb­st­verständlich auch Pein und passt ebenso aus dieser Sicht zur Hagel-Rune und zum mit ihr verquickten Hader-Alke.
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