BEINWELL-WURZ

 

DIE BEINWELL-WURZ

 

Der große Greifswalder Pharmakologen Hugo Paul Friedrich Schulz schrieb: „Es muß zugestanden werden, dass in unserer Pflanzenwelt ein großer, bisher nur ungenügend gehobener Schatz an Heilkräften verborgen liegt. Man ist aber nur zu leicht geneigt, auf alles, was Volksmittel heißt, von der Höhe der Wissenschaft mit einer gewissen souveränen Nichtachtung herabzusehen. Ich habe es immer für einen Fehler gehalten, Anschauungen und Meinungen über irgendwelche Arzneiwirkung lediglich aus dem Grunde für irrig und damit für die Therapie verwerflich zu betrachten, weil sie sich nach dem jeweiligen Standpunkt der Wissenschaft nicht so ohne weiteres erklären lassen.“

 

Alle Namensgebungen der Beinwell-Pflanze erinnern an ihre wundheilenden Kräfte und deuten auf eine lange Geschichte und auf einen ausgiebigen Gebrauch in der Volksmedizin. Ihre griech. Benennung ist „Symphytum“ (von „Zusammenwachsen“) war im Altertum der Sammelname für Pflanzen zur Heilung von Knochenbrüchen. Die deutschen Namen sind Beinwell, Beinheil, Wellwurz, Wallwurz (Wallen = wallartige Verdickung des Knochen durch die Kallusbildung), Walwurz (von Walstatt bzw. Schlachtfeld, deutet auf die Verwendung der Blätter durch Soldaten auf  Schlachtfeldern hin, zu Verbänden und Aufschlägen zwecks Blutstillung der Wunden, Bruchkraut (Volkstümliche Verwendung bei Bruchleiden aller Art), Speckwurz, Milchwurz, Schmerzwürz (kennzeichnet den reichen Schleimgehalt der Wurzel und ihre vorzügliche Verwertbarkeit zu Breiumschlägen bei Verletzungen und ihre beruhigende Wirkung bei entzündlich-katarrhischen Erkrankungen der Schleimhäute), Magerkraut (bezieht sich auf den „Mager“, eine Art Krätze), Hälwurzel (von Heil- in Deutsch-Lothringen), Smeerwuftel (Untere Weser), Speckwottei (Emsland), Schärwuttel / Glootwuttel (Untere Weser), Soldatenwurtei (Hannover), Lauwertel (Hinterpommern), Hundszunga (nach den rauhen Blättern), Koralleblume (Baden), Zottla (St. Gallen). Die honigreichen Blüten gaben zu folgenden Namen Veranlassung: Honigblum (Niederrhein) Hungblueme Imbelichnit (Aargau), Zuckerhafen (Böhmerwald).

 

Die Wurzel nutzte man für Arzneien gegen den Bruch und das Schließen von frischen Wunden. Beinwell wurde im Altertum und Mittelalter als Knochenheilmittel bei Frakturen und nach Knochenverletzungen (Prellungen, Verrenkungen, Verstauchungen) angewandt. Die Blätter wurden wegen ihrer Kraft des Zusammenziehens geschätzt, hierfür in Wasser gekocht und mit einem Klistier gegen die Ruhr verwandt. Ferner wurde die Flüssigkeit durch Eintropfen in eitrige Ohren verwendet. Auch wurden die rohen Blätter als Pflaster bei Augenleiden aufgelegt. Hinweise auf seine kallusfördernde und wundheilende Kraft findet man schon im Altertum bei Dioskorides, einem Militärarzt der neronischen Epoche im l. Jh. n.0 Er erwähnt die Pflanze in seinem „De Materia Medica Libri V“, wo er auch von den innerlichen Anwendungen gegen Blutspeien und inneren Geschwüren spricht. Dioskorides beschreibt in seinem Buch etwa 600 Arzneipflanzen und nennt dabei zwei Beinwellarten u. a. „Symphytum Heteron“, das nach Ludwig Kroeber (1933) mit unserem Beinwell identisch sei. Plinius Gajus, ein gelehrter Römer des l. Jh. n.0, erwähnt in seinem Werk „Historia naturalis“ ebenfalls die Beinwell-Pflanze. Galenus Claudius, Arzt und philosoph. Schriftsteller im 2. Jh. n. 0. in Rom, galt bis auf Paracelsus als unantastbare Autorität für alle medizinischen Schulen. Er schreibt, dass die Beinwell-Wurzel in Wein gesotten und davon getrunken die rote Ruhr und anderen Bauchfluss, wie auch den unmäßigen Fluss der Weiber stillet und stopfet. Außerdem lobt er sehr die Wurzel bei der Vertreibung von allerlei Eiter aus der Brust und Lunge und anderen bösen Feuchtigkeiten. Im „Herbarius“ des Pseudo-Apoleius, der im 4. Jh. n.0 geschrieb, heißt die Wallwurz „confirma“ (confirmare = befestigen, kräftigen).

 

Hildegard von Bingen, die christliche Schwärmerin und aber auch Ärztin und Heilkräuterkundige des Mittelalters, nennt die Pflanze „consolida“, das sich von consolidare (festmachen) herleitet. Auch Paracelsus arbeitete bereits mit der Pflanze. Allgemeine Anwendung fanden die gesamten Erfahrungen und Kenntnisse über die Heilkräuter erst durch die Medizinalverordnung durch Kaiser Friedrich II. (1215-1250). Er veranlasste 1224 die Errichtung der ersten Apotheken in Sizilien und Italien. Der Aufschwung, den die Heilkunde genommen, kam in anderen Ländern nur sehr langsam zum Ausdruck. So kann man in Deutschland die erste Apotheke 1343 in Frankfurt am Main feststellen, in London 1345, in Paris 1484. Die Heilkunde entwickelte sich nun auf immer breiterer Grundlage.

 

Bock Hieronymus, auch Vater der Botanik genannt, Arzt in Hombach, in den Vogesen, schrieb in seinem „New-Kräuterbuch“, 1551, die Wallwurz soll für alle inneren Brüche und Wunden anderen Kräutern vorgezogen werden. Als Pflaster für Beinbrüche erwähnt er bereits die Verwendung der Gesamtdroge (Wurzel und Blatt). Außerdem empfiehlt er allen, die Wunden heilen und mit der Wundmedizin umgehen können, die Wallwurz im Garten zu pflanzen und in Ehren zu halten. Hier wird zum ersten Mal bekannt, dass man nicht nur die wildwachsende Wallwurz zur gesundheitlichen Verwertung herangezogen hat, sondern bereits gärtnerisch gezogene Pflanzen für die medizinisch-biologische Anwendung verwertet hat. Leonhard Fuchs, auch ein Vater der Botanik, Professor der Medizin in Tübingen, berichtet 1543 in seinem Kräuterbuch ebenfalls von der inneren und äußeren heilsamen Wirkung der Pflanze. Auch er schreibt bereits von der Züchtung der Pflanze in den Gärten. Im „Hortus Sanitatus“ (Garten der Gesundheit) wird die Wallwurz gar gut für die Lunge genannt. Petrus Andreas Matiolus sowie Adam Lonicerus empfehlen die gestoßene Wurzel in Wein oder Wasser gesotten als gutes Mittel zur Reinigung der Lunge bei eitrigen Katarrhen.

 

Zum Zeugnis für die große Wertschätzung, deren sich der Beinwell bei den mittelalterlichen Ärzte-Botanikern erfreute, mag hier H. Ryffius in seiner „Reformierte Deutsche Apoteck“ (Straßburg 1573) zum Worte kommen: „Walwurtzel ist auch ein recht Wunderkraut / nicht allein alle eußerliche vnnd jnnerliche verwundung vnd verletzung zu heilen / söndem auch die Beinbrüch / vnd deb bruch der macht vnd gemechten gäntzlichen zu heilen / derhalben sie inn hohem wert bei allen Leibartzten / Apoteckeren / vnd Wundärtzten. Von den alten Latinischen vn Griechischen ärtzten / würt dise hochnützliche vnd fast kostbarliche wurzel Syrnphytum genennet / aber bei den jetzigen ärtzten vnnd Apoteckeren Consolida Maior vnnd Solidago. Der eigen namen dises krauts / gibt anzeigung seiner krefft vnd tugend / namlich das es ein fast heilsam nutzlich Wundkraut sei / dann Consolidare vereinigen vnnd zusamen hefften oder heilen bedeuttet / wie dann dises kraut lange jar her genennet worden ist / seinerheilsammen krefft vnd tugend halber / also das jhr ettlich darfür halten / wa man frisch Fleisch mit diser wurtzlen siede / sollen die zerschnitnen stuck widerumb zu samen wachsen. Dann dises kraut inn Wundträncken / sampt anderen heilsamen Wundkreuttem gesotten vnnd eingetruncken / heilet alle jnnerliche versehrung / vnnd was im Leib verrencket vnd geborsten ist / vnd sonderlichen die Brüch der gemecht vnd macht / aber außerhalb pflasters weiß vorhin zum muss wol zerstoßen / auffgestrichen vnd vbergelegt / erzeiget es wunderbarliche hilff in Beinbrüchen / dessgleichen auch alle fleisch wunden / vnd auch die brüch der macht vnd gemecht zu heilen / darumb auch Brüchbäder daruon nutzlichen bereittet werden / Weitter hart es auch andere krefft vü tugend / welche / wie der fürtrefflich Artztet Galenus anzeiget / einander etwas zu wider seind / dann es hat ein besondere zertreibende vfi lösende krafft / dardurch es den koder vnd eitter der Brust zu dem ausswerffen / fördert / löset / erweicht / vnd die Brust daruon reiniget. So stillet sie auch weitter das fließend geblüt / vnd von wegen seiner zehen schleimigen feuchten löschet sie den durst / so mans im Mund zerkewet / würt der halben zu allen jnnerliche brüchen / verserungen vnd verrenckunge der Jfieren glieder gebraucht / ein tranck daruon bereit / oder die wurtzel mit Honig genossen / welches tranck fürnemlich das blut speien benimpt / aber die auffgedörten bletter der Walwurtz zu puluer gestossen / vnd mit Wein emgeben / stillet den Weibern den vberflussigen vnnatürlichen fluß jhres gebürlichen blumens oder reinigung / Die Walwurtzel zwischen zweien steinen zermalen / soll auch wunderbarlichen den Carbunckel / das ist die scharpife / hitzige Pestilentz blatteren löschen / stillet oder stopffet auch die Blutrhur. Eußerlichen / wol zu muss zerstoßen / vnnd pflasters weiß auffgelegt / gelegt alle hitzige geschwulst der därm / vnnd sonderlichen des Afftefens / Walwurtzel lind gesotten / nachmals mit Essig begossen / vnd zimlich gesaitzen / ist dem Magen ein gesunde artznei den schmertzen desselbigen zu benemen. Aber diser zeit ist sein mehrer gebrauch zu Beinbrüchen vnd die frischen Wunden / das blut zu stillen / vnnd die Wunden schnell heilen zu machen vnd die lefftzen der Wunden bei einander zu behalten. ...“ Diese und die damit nahezu wörtlich übereinstimmenden Ausführungen bei den übrigen mittelalterlichen Arzt-Botanikern, wie P. A. Matthiolus, H. Bock, L. Fuchs, Tabemaemontanus u. a. m. sind die Quellen, aus denen die zeitgenössischen Kräuterbücher samt und sonders ihr Wissen über die Heilwirkung des Beinwell geschöpft haben. Nachstehend ein Auszug aus dem Buch von D Jacobi Theodon Tabemaemontani aus dem Jahre 1595 über die wundersame Heilkraft der Walwurtzund deren vielseitige An- und Verwendung. Ein Heilkundiger und Botaniker schreibt im 18.Jahrhundert in seinem Kräuterbuch von der großen Wallwurz (Consolida major symphytum majus). Er beschreibt die getrocknete Wurzel als eine der vornehmsten Arzneien für die Wundärzte. Ein Lot (17,5 g) in 1 Liter frischem Brunnenwasser gesotten dienet der roten Ruhr, starkem Weiberfluss, Brüchen, blutiges Harnen (Harnbluten) sowie Lungen- und Nierengeschwüren.

Äußerlich stillet sie das Blut der Wunden, dienet für die Pestbeulen und Karbunkeln und zerstoßen übergelegt steueret sie auch den Krebs. Bei offenen Adern (Krampfadern), die Eiterungen und Geschwulste nach sich ziehen berichtet Zwinger vom Überlegen von Betonien- und Wallwurzblättern oder von pulverisiertem Wallwurz mit warmem Wein vermischt als Kataplasma. Er erwähnt hier, dass die frische Wurzel besser wäre als die gedörrte. Außerdem berichtet er in seinem Buch von der Zubereitung innerlich und äußerlich anwendbarer Arzneien aus der Wallwurz: 1. Das Wasser (Saft) aus Blatt und Wurzel - 2. Die Konserva aus der Blume (Blüte) - 3. Die eingemachte Wurzel - 4. Der Syrup - 5.Der Extrakt  - 6. Der blutrote Extrakt - 7. Das destillierte Öl. Das destillierte Wallwurzwasser dient allen innerlichen und äußerlichen Versehrungen und frischt ermüdete Beine wieder auf.

 

Die Pflanze geriet immer mehr in Vergessenheit, obwohl sie lange Jahrzehnte Bestandteil der offiziellen Arzneibücher war. Immer seltener wurde sie gebraucht. Der Kräuterpfarrer Johannes Künzle findet die Pflanze wieder neu und nimmt sie in seinen Arzneischatz auf. Ärztliche Autoren folgten, so Bohn, der die volkstümlichen Verwendungsweisen gesammelt und z. T. auch nachgeprüft hat. Der Franzose Leclerc hob die Beinwell-Wirkung besonders bei Darmtuberkulose hervor. Englische Ärzte, die sich eingehend mit der Wallwurz beschäftigt haben, die bei ihnen „Comfrey“ heißt, ein Name, dessen Wortstamm auf das Lateinische „confirmare“ also „bestätigend / bekräftigend“ – zurückreicht. Macalister, Bramwell und Thomson betonten besonders die regenerierende und heilende Wirkung dieser Pflanze bei Magengeschwüren. Macalister bezieht die Wirkung hauptsächlich auf das Allanioin. Die empirisch gefundenen Indikationen des Beinwell für innere und äußere Anwendungen weisen alle als Kennzeichen eine Bindegewebsschwäche auf. Hernien (Brüche) aller Art (Leisten-, Schenkel-, Hoden-, Zwerchfeilhernien). Senk-, Knick-, Spreizfußbeschwerden, Fußschweiß, Schweißekzeme, Seborrhoische Fußekzeme. Sehnenzerrungen, akute und chronische Sehnenscheidenentzündungen. - Akute und chronische Schleimbeutelentzündungen. - Krampfaderleiden mit und ohne entzündliche Zustände. Alle Stadien der venösen Entzündung. – Blutungen aller Art (Hämoptoe, Blutharnen, Menorrhagien). - Entzündungen des Unterhautzellengewebes, Phlegmonen, Lymphgefäßentzündungen. - Periphere Durchblutungsstörungen, Frostbeulen, Erfrierungen, entzündliche Druckgeschwüre, Zellgewebsentzündungen. - Bindegewebsschwäche der parenchymatösen Organe: chronische Katarrhe der Atmungsorgane mit hartnäckigen Verschleimungen, chronische entzündliche Zustände der Verdauungsorgane, Magengeschwür, chronische Enteritiden, chronische Ruhr. - Stomatitiden katarrhalischer und geschwürischer Art. Paradentosen. Wenn auch das eigentliche Wirkungsgebiet des Beinwell der Ulcus Cruris (Unterschenkelgeschwür) und verwandte Beschwerden wie Krampfaderleiden, Gefäßkrämpfe, Blutkreislaufstörungen im Unterschenkel auf arterioskierotischer Grundlage, Kniegelenksentzündungen, Neuralgien und Muskelentzündungen durch innere und äußere Schädlichkeiten ist, so steht doch gleich das Gebiet des Knochensystems daneben. Knochenbrüche heilen umso schneller.

 

 

BEINWELL IM GARTEN

 

Man kann es als ein großes Glück bezeichnen, eine Beinwell-Pflanze im eigenen Garten zu haben und dadurch von April bis Oktober in den Genuss der Frischpflanze zu kommen, sei es durch Rohkost oder in der Verwertung in der Küche. Die Pflanze ist in ihren Ansprüchen an Standort und Nährstoffversorgung nicht wählerisch. Wild verbreitete Beinwell ließen erkennen, dass die Pflanze an keinen bestimmten Boden gebunden ist. Sie ist winterhart und nimmt mit den meisten Bodenarten mit Ausnahme trockener Sand- Kiesböden vorlieb. Für gutes Wachstum ist eine biologische Düngung und die Lockerung des Bodens erforderlich. Die Pflanze gedeiht 30 Jahre lang und liefert unter normalen Verhältnissen 3 bis 5 Schnitte im Jahr. Zum Pflanzen sollte man Wurzelkopfstücke mit einem Blattansatz verwenden, da diese ein gleichmäßiges Anwachsen bereits im ersten Jahr garantieren. Die Wurzelstücke (Setzlinge oder Stecklinge genannt) sollten möglichst in der 2. Hälfte im Oktober gesetzt werden. Die Stecklinge können natürlich auch im Frühjahr gepflanzt werden, was sich etwas nachteilig insofern auswirkt, als ein deutlicher Entwicklungsvorsprung bei der Herbstpflanzung zu erkennen ist. Die Wurzel soll senkrecht in die Erde gesetzt werden. Der obere Teil (Kopfstück) ca. 5 cm unter die Erde. Das Erdreich andrücken und die Wurzel angießen.

 

Literatur: Lothar Schloss, „Comfey - Wiedergeburt einer Heilpflanze“, 1979