ODINGs UR-ADEL

 

Das ODING-FUÞARK von 24 Runenzeichen ist als „Heilige Reihe“ seit etwa Beginn unserer Zeitrechnung die Buchstabenordnung der germanischen Frühzeit. Alle anderen Runenreihen sind sehr viel jüngeren Entstehungsdatums und kommen deshalb als Urquelle oder Urbotschaft nicht in Betracht. Es handelt sich bei ihnen um profane Schreibsysteme aus der Schwundzeit des Nordens unter mehr oder minder starkem christlichen Einfluss. Das ODING ist also die unvergleichliche, einmalige, einzigartige Urkunde der germanischen Welt- und Gottesschau.
 
Die 24 Ur-Runen erlebten im Verlaufe der Sprachwandlungen verschiedene Abänderungen. So wurde den Eigenheiten der angelsächsischen Sprache gemäß das Schriftsystem im England des 6./7. Jh. um 4 und sogar um 9 Runen erweitert. In Skandinavien hingegen verkürzte man seit dem 8./9. Jh. die Buchstabenreihe um ein Drittel auf 16 Symbole. Auch die Formen der einzelnen Zeichen erfuhren Vereinfachungen bis hin zu einer Art Kurzschrift. Sämtliche den ODiNG-Runen zeitlich nachgeordneten Buchstabensysteme sind also von zweitrangiger, minderwertiger,  unwichtiger Aussagequalität !
 
Eine neuzeitliche, völlig wertlose Runenvariante sei nur deshalb miterwähnt, weil sie eine beträchtliche Bedeutung in Kreisen leichtgläubig-schwärmerischer Dilettanten erlebte. Es handelt sich um die Schöpfung des Wieners Guido List, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Runengefüge von 18 Zeichen frei erfand. Diese unsinnige Runenschule hat in einer für unser Vaterland beschämenden Weise bis zum heutigen Tage viele blindgläubige Nachbeter gefunden.
 
Der Irrweg begann im Jahre 1900 mit einer schmalen Festschrift von 23 Textseiten aus der Feder Friedrich Fischbachs zu Wiesbaden: „Der Ursprung der Buchstaben Gutenbergs“.
 
Guido List, der Fischbach in seiner „Rita der Ariogermanen", S. 31, zwar einen „verdienstvollen Forscher“ nannte, verwarf ausdrücklich dessen Thesen, ließ sich aber von den Runeninterpretationen maßgeblich beeinflussen. List glaubte an die einstige Existenz einer im Fundmaterial niemals aufgetauchten 18er Runenreihe nur deshalb, weil er in einem Liedteil der „Edda“, dem „Hávamál“, 18 Zauberlieder-Ankündigungen (Strophen 146 - 163) fand, die er vorschnell auf die Runen bezog. In einigen späten Papierhandabschriften existiert zwar für die Strophen 138 - 141, welche Odins Selbstopfer und die Runenherkunft behandeln, die Überschrift „Rúnatals þáttr Oðin“ (Odins Runengedicht) - die umstrittenen 18 Strophen hingegen werden von Fachleuten „Lioðatal“ (Liederverzeichnis) genannt.
 
Um die gewünschten 18 Buchstaben zu erreichen, entlieh Guido List aus angelsächsischen Runenformen die Zeichen für E und G, stellte sie zu den 16 Buchstaben der Altnordischen Runenreihe, deutete sie nach der Manier Fischbachs aus - und fertigte die sogenannte „armanisch-esoterische“ Runenreihe.
 
Nicht einer der 18 Edda-Verse stimmt indes nur annähernd mit den traditionellen Charakteren der Runen in der List’schen Zuordnung überein. 1907 scheint das Büchlein "Das Geheimnis der Runen", 67 Seiten stark, geschrieben; in diesem Jahr stellte List das Konstrukt erstmals seinem Gönner Friedrich Wannieck vor. 1908 erschien die erste Auflage. Damit wurde der Vorhang aufgezogen für ein nicht enden wollendes Kaspertheater der 18-er Phantasie-Runenreihe. Es ist wohl eine Frage der historischen Verantwortlichkeit und Redlichkeit, mehr noch des intellektuellen Niveaus, ob man solche Spinnereien gelten lässt oder ablehnt.
 
Das ODING-FUÞARK allein darf im Kreise germanischer Schriftsysteme als von uradliger Abkunft bezeichnet werden; ihm steht kein ebenbürtiger Mitbewerber gegenüber !

 

Bild: Brakteat von Vadstena

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