WEISHEIT DER AHNEN

„Alle Wahrheit ist uralt, der Reiz der Neuheit liegt nur an der Variation des Ausdrucks.“ Novalis

 
 
 
DIE WEISHEIT DER AHNEN
Das ODING, der Runen-Jahrbaum und die Polarität

 

In den geringsten ebenso wie in den bestimmendsten Erscheinungsformen unserer Welt erkennen wir als Grundlage von Leben und Bewegung das Gesetz der Polarität. Jegliches Wirkungsfeld besitzt zwei Pole, die einander ebenso entgegengesetzt, wie sie andererseits aufeinander angewiesen sind. Die Gestalten unserer Erscheinungswelt sind lebendig durch die Spannungskräfte zwischen positiv und negativ, hoch und niedrig, gefüllt und leer, warm und kalt, hell und dunkel -, und ihrer ganz notwendigen Fähigkeit zur Ausbreitung und Zusammenziehung, zur Ladung und Entladung, Sammlung und Zerstreuung, Verselbständigung und Entselbstung, Einatmung und Ausatmung -, eingebettet in den ewigen Weltprozess des Rhythmus von Steigen und Fallen, von Sterben und Werden.

 

Die polaren Wirkkräfte als Angehörige einer untrennbaren Ganzheit, - die Erkenntnis des Prinzips der Zweiheit in der Einheit erachteten die Menschen der alten Zeit als höchsten Verständnisgrad für das göttliche Weltwirken. Die Gegensätze stehen im Kreis der Notwendigkeit, ebenso auf transzendenter Ebene: Was wäre das Licht ohne die Finsternis, was wäre das Gute ohne das Böse ? Auch eine der Hauptlehraussagen des Pythagoras, so wie es seine Schüler überliefert hatten, besteht darin, den Gegensatz, die Dualität als Weltprinzip, das alle Dinge regiert, anzunehmen. 1) Der Begriff zwei musste zum Synonym für die Gottheit werden. Dass das Böse als Widerpart des Guten aus der Allgottheit selbst entspringt, davon berichten die Mythen der Völker. Den Ägyptern galt der böse Seth als Bruder des Osiris, der zoroastische Lichtgott Ormuzd galt als Zwillingsbruder des finsteren Ahriman, der jüdische Satan war einstmals der höchste Engel Jehovas, der germanische Bösewicht Loke war ein Blutsbruder Allvater Odins. So sagte der weise Heraklit: Gott ist Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, Sättigung und Hunger. 2)

 

Für den Nordmenschen stellt sich der kosmische Dualismus besonders eindrucksvoll in den beiden jahreszeitlichen Etappen dar: Sommer und Winter ringen im dramatischen Geschehen miteinander. Tacitus berichtet von den Liedern der Germanen, welche den Urvater Tuisto, den Zwiefachen, besangen. Aber auch in der ägyptischen Theologie wird die Zweigeschlechtlichkeit des Urgottes klar ausgesprochen. So lautet die Inschrift des Tempels zu Esne: „Nit die Alte, die Großmutter, die Herrin von Esne, der Vater der Väter, die Mutter der Mütter.“ Die spätheidnische Edda zeichnet das Bild eines zweigeschlechtlichen Urwesens, welches aus dem Gegensatzpaar des dunklen, kalten Niflheim und des feurigen Muspelheim entwuchs. Auch im Altchinesischen finden wir Andeutungen der androgyn gedachten Urgottheit. Die Entstehung der Dinge erfolgte aus den polaren Kräften der harten, hellen männlichen und der weichen, dunklen weiblichen Prinzipien Yang und Yin. Die Babylonier beteten zu ihrer Ischtar, der „Vater-Mutter“, und in manchen indischen Standbildern erscheint die Gottheit zweigeschlechtlich. 3) Auch christliche Auffassungen dieser Art besitzen uralte gnostische Traditionen, so dass noch Papst Johannes Paul I. sagen konnte: „Gott ist Vater, noch mehr ist er Mutter !“ 4) Ließ doch der Autor des bruchstückhaft erhaltenen „Hebräer-Evangeliums“ seinen Erlöser Jesus die Worte sprechen: „Meine Mutter [ist] der Heilige Geist.“ 5)

 

Ein besonders schönes Beispiel für die große Zweiverbundenheit brachte der persische Dichter Dschelaluddin Rumi, der Gottes schöpferisches Wort „Es sei“, mit einer Schnur aus zwei Fäden, also im wahrsten Sinne einem Zwirn, verglich, die sich in allen Erscheinungen zeigt, aber dem Wissenden den Weg zu der hinter der Welt der Gegensätze verborgenen Wahrheit weist. 6) Von der Einheit, bestehend aus der zusammengewobenen Zweiheit, spricht auch das Hexagramma, das sogenannte „Siegel Salomonis“ -, dargestellt durch zwei ineinander geschobene oder geflochtene Dreiecke. Das Zeichen ist vielen Religionskulturen bekannt. Es findet sich als Schmuck oder Amulett in minoischer Zeit, in der röm. Antike, in germ. Gräbern der Völkerwanderungszeit. 7) Und bezeichnenderweise ist die runische Mannus- / Mensch-Hieroglyphe (), zu diesem Symbol zu erweitern, d.h. jene Rune galt als Bildkürzel für das weitverbreitete Menschheitssymbol. Aber auch in dieser reduzierten Form ist die Rune ein vollkommenes Bild der alten allegorischen Auffassung vom Urmenschen, welcher nach Erschaffung des abgespaltenen Weibes, sagt (Genesis 2,7 und 2,21-24): „Diese endlich ist Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch. Sie soll Männin heißen, denn vom Manne ist sie entnommen." Auch der jüd. Talmud zeigt den Weg zum rechten Verständnis des alten Mythos: „Mann und Weib waren anfangs ein Leib mit zwei Gesichtern, doch der Herr spaltete ihren Leib in zwei Hälften und gab jeder Hälfte jedem ein Rückgrat.“ Die Griechen hatten die gleiche Auffassung, denn Platon teilte mit: „Als Zeus sie aber in zwei Geschlechter gespalten hatte, trug ein jedes Verlangen nach seiner Hälfte und ging zu dieser hin. Und sie warfen die Arme gegenseitig umeinander und umschlangen sich, vom Wunsche getrieben, wieder zusammenzuwachsen.“ 8) Stellt die Mannus-Rune () denn etwas anderes dar als Mann und Mannin, wie sie die Arme umeinanderschlingen bzw. die beiden Weltprinzipien, wie sie sich ineinanderschieben ?! Man vergleiche in diesem Zusammenhang die Linienführung des Rune mit der Grundlinienführung einer steinzeitlichen Ritzung aus den Grotten von La Marche / Frankreich, oder des goldenen Liebesamulettes aus dem 7. Jh. von Helgö / Schweden, das „Quedlinburger Teppichfragment“ aus Ende 12. Jh., der sich umarmenden Pietas und Justitia bzw. Frömmigkeit u. Gerechtigkeit. (Abb. 2 a, b, c)

Abb.  2 a Abb. 2 b Abb. 2 c

 

Wir wollen im folgenden die Ur-Runenreihe, das Evangelium unserer Ahnen, daraufhin untersuchen, ob auch aus deren Gesamtaussage dieses alte Wissen um die heilige Zweiheit in der Einheit spricht. Die gemeingermanische Runenreihe mit ihren 24 Buchstaben wird in der hier abgebildeten Reihenfolge anerkannt, allerdings bekanntlich in gekonterter Darstellung, d.h. der Lesung von rechts nach links.

 

 

„Rune“ heißt Geheimnis, und auch das Runengeheimnis ist mit Sicherheit vielschichtig. Eine solche heilige Symbolreihe muss mindestens eine exoterische und eine esoterische Betrachtungsweise erlauben. Zwei geheimwissenschaftliche Runendimensionen sind seit kürzerer Zeit aufgedeckt worden. Es handelt sich um die runische Zahlensymbolik. 9) sowie den kalendarischen Aspekt bei der linksläufigen Lesung, der Reihenfolge, wie sie oben wiedergegeben wurde. Den Buchstabenzeichen Zahlen beizulegen, war antiker Brauch, welcher den germanischen Runenmeistern nicht unbekannt blieb. Wahrscheinlich geht die Zahlenmystik auf Pythagoras zurück, den seine Jünger schon zu Lebzeiten als Gott verehrten. Gerade die Beobachtung der Himmelskörper, deren regelmäßige Wiederfolge mathematisch fassbaren Gesetzen gehorcht, ließ die Pythagoräer an eine in Zahlen zu begreifende Ordnung kosmischer Sphären, ja der Welt schlechthin, denken.10) Die griechische Zaubergnosis und ebenso die wodanistische Theosophie versuchten mit dem Instrumentarium rituellen Wissens und kraft der Intuition jedes einzelne der Dinge aufgrund seiner besonderen Beschaffenheit in die Gewalt zu bekommen. Die Wissenschaft bestand darin, die Dinge in ihrem inneren Zusammenhang zu begreifen durch Verständnis der ihnen innewohnenden Zahl. Daher leitet sich das in alten Mären auftretende Motiv der Namensverleugnung oder -nichtaufdeckung ab. Wer den Namen, die Buchstaben, die Runen eines Wesens weiß, kennt mit deren Zahlengefolge des Wesens innerstes Gesetz und hat nach der Bloßlegung auch die Chance zum zauberisch-schädigenden Eingriff.

 

Auf den Umstand, dass in der germanischen Ur-Runenreihe Kalendersymbolik verborgen ist, darauf weist schon die Anzahl ihrer Zeichen hin: 24, setzt sich zusammen aus den einstmals feierlich begangenen zwölf Schwarzmond- und zwölf Vollmondzeiten des Mond-Sonnenjahres. Auf welche Weise die kalendarische Aussage der Runen zu erlesen ist, sobald sie sich zum Jahreskreis zusammengerundet darstellen, sagt folgende Logik: Der Zeitmesser Mond vollführt mit seinen Aufgangspunkten am Osthimmel für den Beschauer ebenso eine linksläufige Bewegung wie auch die Sonne eine linksläufige Jahresbewegung durch die zwölf Tierkreisbilder vorführt. Das Jahr galt als Produkt von Sonne und Mond. Die Lesung des runischen Zeitkreises muss also linksläufig erfolgen -, beginnend mit der Rune   Nach den drei Anfangsbuchstaben nennt die sich somit ergebende Kalender-Runenreihe O-D-ING. Der zahlenmythische Quersummenwert dieses Namens ergibt 6, die Zahl der Raumtotalen, die perfekte Zahl. Das Universum hat die Zahl Sechs, denn mit den vier Himmelsrichtungen und dem Oben und Unten hat es sechs Richtungen.

 

Das natürliche Sonnenjahr und ganz selbstverständlich deshalb auch das Priesterjahr der alten Kulturen nimmt seinen Beginn in der tiefsten Lichtarmut der tiefsten Lichtarmut der „mütternächtigen“ Wintersonnenwende; seinen Gipfel erreicht es mit dem sommerlichen Lichtwendepunkt Mitte Juni. Dieser Jahresbeginn zur Wintersonnenwende ist für Altindien ebenso nachzuweisen wie für den altawestischen Kalender, für Altgriechenland, das römische heilige Jahr sowie die vorchristliche Zeitregelung der Germanen. 11.) Wir haben diesen Jahreskreislauf dargestellt als Kalender-Baum (Abb. 1) und ersehen damit, welche Runen sich im Auf und Ab der Jahreszeit gegenüberstehen. Dies ist eine köstliche Schau voll tiefsinniger Bedeutungen. Wir wollen aber zunächst eine Antwort auf unsere konkrete Fragestellung um die große polare Zweiheit geben. Auf der linken Baumseite klettern die Runen der Jahreshälfte des zunehmenden Lichtes bis zum Umschlagpunkt der Jahr-Rune mit dem Zahlwert 13. Die Eiben-Rune  trägt als Zeichen des Weltenbaumes, d.h. Weltbaues, selbst die Rundzahl einer Vollkommenheit, die Position 12. 12.) Die Zwölfheit der babylonischen und griechischen und germanischen Götter 13.) liegt anschaulich begründet in der Betrachtungsweise des vollkommenen Sonnenrundlaufes durch die zwölfgeteilte Ekliptik.

 

Die Sonne, welche durch das festgefügte, zwölfgeteilte Kreissystem - der Krone des Weltenbaumes - scheinbar hindurch fährt, darf keinesfalls als „13“ gewertet werden, denn sie gehört nicht zum Weltbau im tektonischen Sinne. Der 13 kommt eine andere Bedeutung zu, sie stellt den Wert dar, der ein geschlossenes System überschreitet. In der Kalender-Runenreihe beginnt mit ihr die Jahreszeit des abnehmenden Lichtes. Andererseits repräsentiert sie innerhalb ihrer Position des Höchststandes positive Aspekte. Doch dem Höchststand einer Entfaltung folgt der Abwärtsschwung, und der Gipfelpunkt symbolisiert den letzten Schritt der Aufwärtsentwicklung ebenso wie den ersten Schritt für den Abstieg. Genau diese Ambivalenz charakterisiert die Glücks-, aber mehr noch „Unglückszahl 13“ bis in unsere Zeit. Belegen wir also die Sommersonnenwende als Beginn der zweiten jahreszeitlichen Phase, jener des nunmehr abnehmenden Lichtes, mit dem Zahlwert 1, so läge die 13 auf der anderen Umkehrung, der wintersonnenwendlichen. Die 13 ist also im guten wie im unguten Sinne das Zahlensymbol des Phasenwandels. So sagt auch Lao-tse (2. Buch, Kap. 50/116) „Des Lebens Begleiter sind 13, des Todes Begleiter sind 13.“ 14.) Innerhalb der Kreislauflehre der Reinkarnation bedeutet die 13 demnach für den Toten Rückkehr ins Leben, für den Lebenden aber Übertritt in die Phase des Todes. Es passt genau, wenn in der Tarot-Überlieferung die 13 steht für „Transformation / Umwandlung / die Gestalt ändern / Bisheriges stirbt ab / Scheidung / Depression / Tod.“ 15.) So nimmt es nicht wunder, dass diese Zahl vorrangig als Unglückszeichen gilt und viele Hotels ihren Gästen eine derartige Zimmernummer nicht anzubieten wagen. Dem einstigen Sinne entsprechend, innerhalb des uns Heutigen weitgehend verschlossenen Kreislaufdenkens aber, symbolisiert die 13, wie wir sahen, lediglich Anfang und Ende der notwendigen Pendelschläge des ewigen Zweitaktes Tod und Leben; - die Diastole und Systole des Weltherzens -, nennen wir es Gott.

 

Diese unendliche „Ebbe und Flut“ ist wie der Pulsschlag der Ewigkeit; denn aus der göttlichen Polarität empfangt der Kosmos seine die Zeiten überdauernde Beständigkeit. Man könnte sie zahlenmythisch ausdrücken durch 2 mal 13 = 26. Die Quersumme von 26 ist 8, welche auf die Seite gelegt bis heute unser Unendlichkeitszeichen geblieben ist, die in sich selbst zurücklaufende Doppelschlinge  , oder der ihren Schwanz erfassenden Schlange (Abb. 1), welche ebenso zum Kreis aufgeschlagen als uraltes Ewigkeitssymbol bekannt ist. Die Schlange an sich galt den Alten schon als Ewigkeitszeichen, denn man glaubte sie sei im Besitz des unvergänglichen Lebens, mittels ihrer Fähigkeit durch Abstreifender alten Haut sich unendlich zu verjüngen. Wenn die 8 das Zahlenmythologische Zeichen der göttlichen Unvergänglichkeit ist, müsste der Allgott im germ. Runensystem auch mit dieser Zahl belegt worden sein. Das ist tatsächlich der Fall: Die 8, die Tius/Tyr-Rune, ist das Bildkürzel für das All bzw. die Himmelskuppel von der Weltsäule gestützt. Die Begriffe Tyr oder der ältere Teiwaz, ahd. Ziu, got. Tius leiten sich von der indogerm. Wortwurzel „div“ = strahlen / leuchten, die ebenso zugrunde liegt den Begriffen Zen, Zeus (lat. dies  Tageslicht, dies-piter / Jupiter) deus, deum = Gott (Grimm „Mythologie“ Bd. I., S.160ff). 16.) Der leuchtende Himmel liegt als Begriff der indogerm Bezeichnung Gottes zugrunde. In der Wortwurzel treffen sich die Tyr-Rune mit der Dag-Rune als Hieroglyphen des gleichen erhabenen Hochgottes. Die Gotteszahl 8 der altheilgen ergibt unser Jahrsrund der 24 Runen. Wenn wir innerhalb des Runenringes über die 24 Zeichen hinaus bis 26 weiterzählen, so stoßen wir auf die erwähnte Dag-Rune () mit dem eigentlichen Zahlwert 2. Wir sehen hier die göttliche 2 in ihrer zahlenmythologischen Aussage verstärkt und vertieft durch die gleichlautende 26. Wenn aber das Gottesgeheimnis sowohl das Leben wie auch den Tod in sich birgt und vereint, wenn Gott Aufstieg und ebenso Abstieg ist, so müssten die Zahlenwerte aller jahreszeitlichen Runengegenüberstellungen der Sonnenlichtzunahme und der Sonnenlichtabnahme zusammengezählt stets 26 ergeben. Prüfen Sie einmal anhand des Runen-Jahrbaumes diesen Sachverhalt nach, indem Sie jeweils die den einzelnen jahreszeitlichen Stufen angehörenden beiden Runenwerte addieren.

Abb. 3 18.)Abb. 4 20.)Abb. 5

Beim Zusammenschieben der beiden Dreiecke der Dag-Rune () ergäbe sich wieder das Siegel der göttlichen Vollkommenheit aus der polaren Zweiheit. Wir wissen mit Sicherheit, dass es sich bei diesem Signum um ein uraltes Zeichen der höchsten Gottheit handelt, welche seit einer Zeit, als vor ca. 6.000 Jahren, die Frühlingssonne im Sternzeichen des Stieres stand, auch in der Theophanie des Stieres geschaut wurde. Deshalb bildete die minoische Sakralkunst die Doppelaxt in Verbindung mit dem Stierhaupt ab. (s. Abb. 1, 4 + 5) Dass das Doppelaxt-Symbol auch im prägermanischen Nordeuropa nicht unbekannt war, beweisen die zahllosen Doppelaxt-Figürchen mit Amulettcharakter aus Bernstein und anderen Materialien, aber auch die großen Votiv-Doppeläxte des nordischen Fundgutes aus der Stein-/ Kupferzeit. 17) s. Abb. 3 18) Besser als in dieser Hieroglyphenform kann die Polarität des urgöttlichen Machtwesens kaum bezeichnet werden. Die beiden Axtseiten symbolisieren den kosmischen Gegensatz von Sommer und Winter, von Licht und Finsternis, von Tod und Auferstehung. Dies wird in aller Klarheit deutlich bei der Betrachtung des irischen Gottes Dagda, dessen Waffe beim Schlag mit der einen Seite den Tod bringt, dessen Hieb mit der entgegengesetzten Seite aber Leben schenkt. 19) Auf derselben Verständnisebene muss das Gehörn des göttlichen Stieres betrachtet werden. So wie das eine Horn den zunehmenden Mond versinnbildlicht, so meint das andere Horn den abnehmenden Mond. Und in ihrer Zweiheit ist mithin der Kopfschmuck des göttlichen Stieres nichts anderes als Sinnbild für die polare Zweiheit, das ewige Auf und Ab. Das Doppelaxt-Symbol ist schon in der minoischen Zeit in der uns bekannten Runenform anzutreffen. (s. Abb. 5 21)

Abb. 6

Ein anderes wichtiges Sinnzeichen für die mythische Polarität ist die Doppelspirale (Abb. 1). In erschütternder Kontinuität über die Jahrtausende scheint gerade sie von urfernsten Zeiten bis hin zur Zierde des heiligen Eckständers am hessischen Fachwerkhaus, das nordische Gottessymbol zu sein. Sie ist in zwei Versionen anzutreffen, als „S“ und als „C“. In der skandinavischen sakralen Felsbildkunst der Bronzezeit ist die Doppelspirale eindeutig dargestellt, 22) aber  auch beispielsweise schon im Fußkranze des Hügelgrabes von. New-Grange / Irland, welches nach modernen Datierungsergebnissen alter ist als die unterirdischen mykenischen Kuppelgräber. Wie überhaupt die europäischen Megalithkammern eindeutig alter sind als alle Nekropolen im östlichen Mittelmeerraum. 23) (Abb. 6: Stein vom Fußkranz des New-Grange Hügelgrabes)

 

Trägt der große, wahrscheinlich androgyne Ur-Zeus, der Schöpfergott, aus dem all die späteren Weltenbaumeister, die Demiurgen, die Hammer- und Schmiedegötter, hervorgegangen sind, die Symbolzahl 2, so kann die 1 nur als „Geist Gottes“ interpretiert werden. Der Geist, d.h. die Idee, aus welcher erst Schöpfungswort und -tat entquoll, wird im kalendarischen Runenkreis durch das Zeichen verdeutlicht. Die Auffassung deckt sich mit der Geheimlehre der Kabbala, welche aus vielen Quellen schöpfend einen Großteil der antiken Magie und Mystik verarbeitete. 24) Die germanische Mythologie fasste diesen Urgeist, im Rahmen der indogermanischen Tradition, in der Gestalt der Urda bzw. der drei Urmütter, der Nornen. Sie knüpfen die bestimmenden Schicksalsfäden von Göttern und Menschen. Das sinnvolle Symbol dieser Position ist die Schlinge. (Eine abweichende Auffassung gewann verstärkt Einfluss im Verlaufe der wodanistischen Kultexpansion, so dass schließlich der Ahnengeist-Totengott Wodan / Odr / Odin mit dieser Tradition konkurrierte.)

 

Auch in der jüdisch-gnostischen Tradition war dieser heilige Geist einstmals weiblich gedacht worden und ist es, strenggenommen, auch im christlichen Abbild der Taube, dem Vogel der babylonischen Anna-Ischtar bzw. Aphrodite / Venus bis heute geblieben. Aus dem heiligen Geiste des urmütterlichen, gebärenden Prinzips ( = 1) erstand die Wirklichkeit, die schaffende männliche Tat des Weltenbaumeisters ( = 2). Wir erkennen, wie sich im Runen-ODING die Ur-Trinität abzuzeichnen beginnt. Dem hl. Muttergeist (Niederkunft der christlichen Gottesmutter Maria zur Wintersonnenwende des julianischen Kalenders) und dem Schöpfergott muss, entsprechend dem uralten Dreieinigkeitsvorbild, - bei den Ägyptern Isis / Osiris / Horus - der sonnenhafte Erlösersohn entspringen. Im christli. Konzept war es Jesus; - der runische Sonnenhorus aber ist mit der Zahl 3 und der Ing-Rune ( ) dem Sonnenzeichen des Ingvi-Freyr / Baldur, der germanische Erlösersohn.

 

Diese Trinität der germanischen Theologie, die in dem Begriff ODING gefasst ist, repräsentiert nach alter Vorstellung mit den Runenwerten 1 () + 2 () + 3  () = 6 die vollkommenste Zahl, da sie sowohl die Summe als auch das Produkt ihrer Teile ist. 6 Weltregionen gibt es, die 4 Himmelsrichtungen und dazu „oben“ und „unten“. Deshalb symbolisiert der Sechsstern ebenso wie der reguläre Würfel mit seinen 6 Quadratflächen das Weltganze, das All. Und die aus den Himmelshöhen niederschwebende Schneeflocke mit ihrer hexagonalen Kristallform schien den Alten eintiefsinniges, bestätigendes Gleichnis. Der durch 6 Dreiecke gebildete sechsstrahlige Stern birgt in seinem Körper weitere 6 Dreiecke. Alle 12 Felder zusammen aber bilden ja nichts anderes als die 2 großen korrespondierenden Dreiecke der Weltpolarität.

Auf die gesamte altgläubige Kosmologie und Gematrie der Runenfolge einzugehen, ist hier nicht beabsichtigt; doch sehen wir bereits, welch köstlichen randvollen Pokal alten Weisheitstrankes uns das Runen-ODING bereithält. Bislang haben wir nur daran genippt.

 

ANMERKUNGEN
1.) „Lexikon der Symbole“, Fourier Verlag, Wiesbaden, 1980, S. 446
2.) Mircea Eliade, „Die Religionen und das Heilige“, Salzburg, 1954, S. 472f
Gershom Scholem, „Zur Kabbala und ihrer Symbolik“, Suhrkamp, 1973, S. 121ff: Dass das Böse ein Prinzip oder eine Qualität in Gott selbst sei, meint das um 1180 in Südfrankreich aufgetauchte erste kabbalistische „Buch Bahir“, § 109.
3.) F.C. Endres, „Alte Geheimnisse um Leben und Tod“, Zürich, 1938, S. 57ff
4.) „Lexikon der Symbole“, Fourier Verlag, Wiesbaden, 1980, S. 191
5.) W. Michaelis, „Die Apokrypten zum Neuen Testament“, Bremen, 1956, S. 130f
6.) F.C. Endres + A. Schimmel, „Das Mysterium der Zahl“, Köln, 1984, S. 64f
7.) Albert Genrich, „Die Altsachsen“, 1981, S. 45 / Frauke Stein, „Adelsgräber des 8. Jh. in Deutschland“, Berlin, 1967, Taf. 44 / Hermann Dannheimer, „Die germ. Funde der späten Kaiserzeit und des frühen Mittelalters in Mittelfranken“, Berlin, 1962, Taf. 19 / Joh. Herdmenger, „Ethelhers Schiffsgrab“, in „Orion“ Nr. 9/10, Mai, 1953, S. 381
8.) F.C. Endres, „Alte Geheimnisse um Leben und Tod“, Zürich, 1938, S. 80ff
9.) Heinz Klingenberg, „Runenschrift - Schriftdenken, Runeninschriften“, Heidelberg, 1973
10.) Bernd Nossak, „Numerologie“, Heyne Verlag, München, 1968, S. 23
11.) G.Fr. Unger, „Handbuch der klass. Altertumswissenschaften“, „Zeitrechnung d. Griechen + Römer", Nördl. 1886 / Beda Venerabilis, „Historla ecclesiastica gentis Anglorum“, Kap. 10
12.) Der Weltenbaum erscheint in der ostskandinavischen Tradition als Taxus, s. Fr.R. Schröder, „Ingunar Freyr“, Tübingen, 1941, S. 58
13.) Snorri Sturluson, „Gylfaginning“, Texte, Übersetzung, Kommentar v. Gottfried Lorenz, Darmstadt, 1984, S. 237/212f
14.) Lao-tsé, Tao-t-king, „Das hl. Buch vom Weg und von der Tugend“, Reclam Stuttgart, 1967, S. 81
15.) Bernd Nossak, „Numerologle“, Heyne Verlag, München, 1986, S. 125
16.) Jakob Grimm, „Deutsche Mythologie“, Bd. 1, Graz, 1968, S. 160ff
17.) Kurt Kibbert, „Prähistor. Bronzefunde“, Abt. IX, 10. Bd. „Die Äxte im mittl. Westdeutschl.“ I., Mü.. 1980, S. 35ff
18.) Gustav Schwantes, „Deutschlands Urgeschichte“, Leipzig, 1934, S. 72, Abb. 60: Axt aus Grünstein
19.) H. Hartmann, „Der Totenkult in Irland“, 1952, S. 84
20.) D. Hans Haas, „Bilderatlas zur Religionsgeschichte“, Leipzig, 1924, Abb. 81.) Kultsymbole
21.) Georg Wilke, „Kulturbeziehungen zwischen Indien, Orient und Europa“, Mannus-Bibliothek Nr. 10, 1913, S.127 Stierkopf mit Doppelbeil auf Gefäßfragment von Zypern
22.) Gerhard Hess, „Irminsul auf bronzezeitlichem Felsbild entdeckt“, in „Deutschland in Geschichte und Gegenwart“, Grabert Tübingen, 34.Jg. Nr. 4/1986, S. 33
23.) Glyn Daniel, „Megalithische Monumente“, in „Spektrum der Wissenschaft“ 9/1980, S. 91
24.) F.C. Endres, „Mystik und Magie der Zahlen“, Zürich, 1951, S. 78
 
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