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Runen auf Bernstein gebrannt, im Pferdebein-Gefäß

 

24 Runen – von O bis F

 

Das gemeingermanische Buchstaben-System ODiNG-FUThARK umfasst 24 Stäbe mit QS (Quersumme) 6. 24 ist die Zahl der Stunden des Tages und der Halbmonate eines arischen bzw. altind. Sonnenjahres. Der Veda sagt (Satapatha Brahmana 10.4,2,2 u. 18): „Dieses Jahr, dieser Prajapati, schuf alle Geschöpfe, was Atem hat und was nicht, beide, Götter und Menschen [...] Insofern er sich 24 Selbste machte, deswegen hat das Jahr 24 Halbmonate.“ Das ind. „Gesetzbuch des Manu“, mit seinen 24 Kapiteln, soll uralt sein und repräsentiert noch heute die Grundlage der Hindu-Religion. Zahlenmythologisch erscheint die 24 als Produkt von 3x8, d.h. dem dreimaligen Vorhandensein des indogerm. Himmels- und Urgottes Dyaus Pita / Jupiter (Diēspiter) / Tiu /Tyr (-Rune). Dreimal ist er zeitlich und räumlich präsent, in allen 3 Welten des Oben, des Unten und der Mitte sowie in den 3 Zeiten, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft („Er war, er ist, er wird sein !“). Das griech. und das germ. Alphabet besitzen analog solchen Verständnisses 24 Buchstaben, unter deren Zuhilfenahme die Gesamtheit aller Erscheinungen bedacht und ausgesprochen werden kann. Da der Mensch allein in Wortbegriffen folgerichtig zu denken und allein mit Hilfe von Zahlenwerten die Welt zu ermessen vermag, so wurden die beiden Instrumentarien der Entwicklung menschlichen Geistes ins wahrhaft kosmische Bewusstsein, zur mystischen Einheit von Buchstabe und Zahl zusammengestellt.

Von Aristoteles
(384-322 v.0) erfahren wir in seiner „Metaphysik“ (A. 5,986 a), die Pythagoreer hatten in die 24 Buchstaben die „Gesamtheit der Glieder des Himmels“, also die Totalität des göttlichen Raumes, hineingedeutet. Den 12 Zodiakzeichen stellte die hellenistische Astrologie seit dem 2.Jh. v.0 jeweils 2 Buchstaben bei. Seitdem man in den Sternen las, empfand man den Zusammenklang zwischen Himmels- und Buchstabenschrift - „Das Weltall entspricht dem Alphabet“, so war die Überzeugung. Das Weltwerden als Kreislauf zu verstehen und dementsprechend Buchstaben in Kreisform anzuordnen, war nichts außergewöhnliches für jene Zeit, in der wir die Runenentstehung annehmen müssen. Besonders das 1. Jh. n.0 erlebte eine Renaissance der griech. Philosophie, der Orphik und des Pythagoreismus, welche die Lehre der ewigen Wiederkehr geradezu ins Zentrum ihrer Verkündigungen emporhoben. Orpheus, Pythagoras und Platon schöpften aus dem Urstrom des vedisch-avestischen - auch sicher des keltisch-druidischen Geistes. Sie verhießen die unsterbliche Seele, dass also der Mensch nicht zum Tode, sondern zum Ewigen-Leben bestimmt sei.

Unter dem sog. „frühchristlichen“ Schriftenfund von Nag-Hammadi befindet sich eine gnostisch-iranische Schilderung des Zostrianos von seiner Himmelsreise durch die Gotteswelt (NHC VIII,1), also eines Anhängers der arischen-eranischen Zarathurstra-Religion. Im Text heißt es, dass er ewig lebt, diese Worte aufgeschrieben habe als er in der Welt (Kosmos) war, um die Seelen der Auserwählten seiner und folgender Generationen zu retten, zu erlösen, indem er ihnen die Wahrheit sagt. Auf Seite 132 Zeile 9 endet die Schrift mit einem Geheimtext von drei Achterreihen des griech. Alphabets, dessen Auflösung durch Umkehr möglich wird. Nicht anders werden die Runen nach der Überlieferung in drei altn. ættir („Geschlecht / Sippe / Familie / Abstammung“) von je acht Zeichen eingeteilt (vgl. z.B. Runenbrakteat von Vadstena/Schweden).

Auch christl. Gnostiker ließen sich vom Buchstabenkult inspirieren, dazu gehörte Basilides aus Syrien, der um 130 bis 140 in Alexandrien lehrte. Sein Hauptwerk, eine Auslegung des Evangeliums in 24 Büchern ist verschollen. Ebenso der Magier Marcos, mit dessen Lehre Irenäus im zweiten Drittel des 2.Jh. n.0 in Gallien in Berührung kam, betrieb neupythagoreische Buchstaben-Allegorese, wie sie uns in feinerer Form als Runen-ODiNG entgegentritt. Die Marcosier lehrten: „Nicht nur die 24 Buchstaben, sondern auch die mit ihnen bezeichneten 12 Stunden und Himmelszonen bilden ein in sich geschlossenes und gerundetes Ganzes. Sie sind zusammen der Äon, das Urbild der Zeit, ebenso wie die Fülle der Elemente, aus denen sich die Welt zusammensetzt. Da aber Mikrokosmos und Makrokosmos sich entsprechen, da der Mensch eine Welt im Kleinen, die Welt einen Menschen im Großen darstellt, so ist auch dieser Buchstaben-Äon menschengestaltig mit Haupt, Leib und Gliedern“, bei Marcos eine Lichtjungfrau.

Basilides, Markos und andere kamen ersichtlich aus gleicher Schule wie der Runenmeister, mag es Erul, oder wer auch immer, gewesen sein. Gehen wir davon aus, wird begreiflich, warum seine Runenstabreihe rechts mit dem Begriff „0d“ beginnt und links mit „Futh“ endet. In altgerm. Bedeutung muss „od“, altn. oð („Gemüt / Geist / Seele“) - noch für uns verständlich - etwas gemeint haben, das mythisch gesehen, dem Leibhaft-Körperlichen vorausgeordnet erschien. In altn. Lautung bedeutet od („Spitze“), Oddviti („Anführer / Spitzenweiser), altn. oddr, dän. od, schwed. udd („Spitze / Gipfel). Oddviti wird der Ase Odin (Wodin) noch in einer Zusatzbemerkung zum mittelalterlichen isländ. Runenreimwerk getitelt. Das entgegen-gesetzte Ende ist leicht als „Fuß“ zu verstehen, wie das damals für eine bestimmte Dialektgruppe vielleicht sogar recht genau, groblautlich aber für den gesamten gemeingerm. Bereich verständlich gewesen sein muss.

Es grenzt an ein Wunder, dass bei alledem, was der Runenschöpfer in seinem Buchstaben-Maßwerk zu berücksichtigen hatte, er auch noch diese Idee - ebenso wie es Marcos tat - einzugliedern vermochte. Kopf und Fuß besitzt also dieser Körper, bestehend aus 24 Buchstaben. Und auch hiermit gibt uns der Meister noch einen tiefsinnigen, philosophischen Rat. Der sinnbildhafte Kopf, das (o-Rune), raunt von unvergänglicher Seelenkraft aus feinstofflichem Ur-Etwas, wohin wir uns zurücksuchen sollen, aber keinesfalls als Traumtänzer und haltlos jenseitsflüchtige Spekulanten. Vielmehr bedürfen wir auch des (f-Rune), des festen Fußes der pekuniären Grundlage, denn hierbei handelt es sich auch um ein Synonym für „Vieh“ bzw. „Hab und Gut“. Trotz seiner Wichtigkeit muss es nachgeordnet sein; so liegt die ganze Runenwelt zwischen O und F - zwischen Seele und Besitz - beschlossen.

Sinnbild 1 -  - Mitte Julmond / Dezember

 

Mit der O-Rune, am „rechten Anfang“ (!) der Runenreihe des ODING-FUÞARK, beginnt die Lesung, denn in jeder guten Ordnung muss das Rechte-Gerechte dem Linken-Linkischen vor- und übergeordnet sein. Mit diesem Schlingenzeichen und dem zugehörigen Begriff Oðala wird sinnbildhaft der erste Kno­ten des ideellen Weltgewebes geknüpft. Er heißt „Vaterland“; noch in mittelalterlichen angelsächs­ischen Epen bedeutet dieser Begriff „Heimat“. Der Erbbesitz ist gemeint, im weitesten Sinne von Muttererde und Vaterland und der da­mit verknüpften Vorstellung eines pflanzengleich mit dem Boden verwachsenen, aus ihm hervor­sprossenden und wieder zurücksinkenden Seelenbandes, das sich von Ge­schlecht zu Geschlecht schlingt. Aus dem Heimatboden nähren sich die Sippen, er lässt sie wachsen und gedeihen und in ihn sinken sie am Ende wieder zurück, neuen Wiedergeburten entgegenzuschlummern. Wer wollte bestreiten, dass es das Heimatland, der Mutterboden ist, welche die Menschen im Zuge der Jahrtausende körperlich und seelisch formen ?! So handelt es sich auch um die Rune für die angeborenen Eigenarten unseres spirituellen Ursprungs, resultierend aus dem Ergebnis göttlicher Abstammung, zuzüglich der in der Vergangenheit von den Vorfahren gesetzten Handlungen, welche als Mitprägungen im genetischen Code der Nachkommen gespeichert sind. Die Rune meint das Erbe, sowohl im materiellen als auch in spirituellen Bereich. Sie steht für die organisch gesunde Gesamtheit von Scholle und Seele, von Odal und Odem, der gottgesegneten Zusammen­gehörigkeit und gegenseitigen Bedingung und Ergänzung von Landesart und einer daraus hervorgegangenen seelisch-charakterlichen Wesenheit boden­ständigen Menschentums. Damit will uns die Rune Erinnerung wie Mahnung sein, jegliches Erbe der Heimat und ihrer menschlichen Erscheinungsart in pfleglicher Obhut zu schirmen und im rechten Sinne weiter­zuent­wickeln.

 

Sinnbild 2 -  - Anfang Großhorn / Januar

 

In der D-Rune erhielt sich das uralte Sinnbild der Doppelaxt des Himmels- und Tagvaters. Dios-Zeus, Diespiter, Jupiter, Donar waren seine griechisch-römisch-germanischen Namen. Er symbolisiert mit seiner Qualität der Zweiheit den Unter­schied, die Abspaltung, den Gegenpol, der die nötige Spannung in die Welt bringt. Denn sie ist Voraussetzung und Grundlage jeglicher Existenz, erst sie ermöglicht das Pulsieren kosmischen Lebens, von den kosmogonischen Urim­pulsen Liebe-Hass und den Rhythmen Nacht-Tag, Winter-Sommer bis hin zum polar-symmetri­schen Körperaufbau aller Lebewesen. So galt er, der Tagbringer, als der eigentliche Schöpfergott. Sein Aspekt als Wetterherr, als grimmiger Blitze­schleuderer und Donnerer, lässt nicht den Segen vergessen, der vom Himmel mit seinen fruchtbringenden Wetter­erscheinungen her­kommt. So ist er gleichzeitig der Miðgarðz véor, der Weiher der Menschenwelt, der gewissermaßen an jedem Eingang steht und einem guten Beginn seinen Segen schenkt, damit ein heilvoller glücklicher Gang durch alle Gefährdungen seiner polaren Welt ermöglicht wird. Er spendet Segen dem artigen Ehebündnis, dem artgesunden Kindlein in der Wiege, jeglicher sinnvollen Werdung und auch unserem Runenjahr, über dessen Eingang er seinen weihenden Doppel­hammer hält. So pulsiert in dieser Rune die macht­volle Urenergie des Schöpfungs- und des Ordnungswillens.

 

Sinnbild 3 -  - Mitte Großhorn / Januar

 

Die Ng-Rune, der Buchstabe in Form eines kleinen Kringels (siehe z.B. den altertümlichen Runenstein von Opedal / Hordaland, Norwegen), in kerbschnittform einer kleine Raute, meint die Sonne. Schon in den Reliefs von Newgrange, dem großen jungsteinzeitlichen Hügelgrab in Irland (erbaut ca. 3.150 v.0) ist das Sonnensymbol eine Raute. Diese Sinnbildform dürfte hervorgegangen sein aus der Ritztechnik eines Kreises auf faserigem, hölzernem Schreibgrund.

Dem Tagvater folgt sein Abkömmling, der Son­nen­sohn, der Herr Ingu, vergleichbar mit dem vedisch-indischen Agni, als Welt-Feuerpotenz. Seine Kraft ist nicht nur im Himmelsfeuer der Sonne präsent, sondern in allem wo Glutvolles das Gute bewirkt. Er heizt das Wachstumsfeuer der Pflanzen, er brennt die Ernte reif, dass sich die Kornfelder gülden, er wirft auch lodernde Feuer in minnige, liebes­entbrannte Herzen und er schürt die Flammen der Begeisterung zur edlen Tat in den Hirnen der Jünglinge und junggebliebener Männer und Frauen. Diese Sonnen- und Fruchtbarkeitskraft nannten unser Vorfahren einfach nur Frô, was „Herr“ heißt, oder Ingu-Frô, „Herr-Ingu“. Ihm ist das dritte Sinnbild zugeordnet. Sein Zahlenwert der Triade, einer guten Ganzheitlichkeit, raunt davon, dass die runische ur­mütterliche Einheit, die zu einem zwiefachen Zweiten wurde, welcher in gleich­gewichtiger Spannung verharren müsste, nun, in einer drit­ten Natur, wieder zusammengeführt wird. So ist nach Thesis und Antithesis die Synthesis, die Drei, der wahre Mittler zwischen Himmel und Erde. In des Zahlenbegriffs Wortwurzel liegt zudem der Grundbegriff eines fortlaufenden Seins: des Weiterdrehens. Damit ist die Ing-Rune nicht allein das Zeichen des lebendigen Lichtes, des rotierenden Sonnenrades, welches der Gott­heit Wirken in der Welt aus­drückt, zudem manifestiert sich in ihr das Element der uranfänglichen und immer fortwirkenden Bewegung. Sie ist eine der Chiffren des germanischen Heil­bringers, des Helgis. Der runische Schwerpunkt liegt deut­lich im Sonnenklaren und Wahrhaftigen, im Intelligiblen, also im rein Geistigen.

 

Sinnbild 4 -  - Anfang Faselmond / Februar

 

Die L-Rune versinnbildlicht die Weltfeuchte, jegliche Lauge und ihre pflanzlichen Geschöpfe, das Kraut, wie Lauch und Lein. Die Runenbegriffe lauten Lagu („Was­ser“), Lauka („Kraut“), Lin („Lein“). Ohne Wasser wird kein Wachstum, und auch nicht ohne die launische vier-phasige Luna. Sie ist die Herrin der vier großen Welt­ströme, die aus dem Euter der Urkuh Audumla hervorquollen. Mit dem ersten Aufblinken der (germ.) Lewa, der Mondessichel, rinnt seit Urbeginn bis heute Monat für Monat eine magische Wachstumskraft in die schimmernde „Zwiebel“, die sich fül­lende (und wieder trocknende) Pflanze am Nachthimmel, geradeso wie in die Kräuterwelt und die Meeres­flut. Die Fluten und Ebben alles Lebendigen sind der Magie dieser Runenkraft unterworfen. Ihre Macht lässt die See und die Seelen glei­cher­maßen anschwellen, sie wirkt im physischen und nicht weniger im spirituellen Sinne. Ihre Rune bewirkt nach der erfolgten Feuertaufe nunmehr die Wasser­weihe des Lebens und auch des anhe­benden Jahrgangs. Sie will die Geheim­nisse lehren von den wahrsagenden Quellen, vom Sinn der ur­gläubigen Taufe, dem verjüngenden Reini­gungsbad, dem Jungbrunnen, dem Kinderborn und auch dem einstigen Hinübergehen über den großen Strom auf dem Seelen­nachen in die andere Welt. Ohne Mondwissen und Erfahrungen um das pulsierende „Wasser des Lebens“ gibt’s keine Kräuter­magie und kein Heil­können im medizinischen Sinne. Die Verständnisbegriffe des Stabes sind „Luna-Lache-Lauch-Lein“, also Mondmacht, reinigendes Wasser, Heilkraut und sauberes Tuch. Sie sind bis heute die grundnotwenigen Instru­men­tarien aller Heil­kunst. Ohne sie und ihrer Rune Magie wird keiner Lachanarra, keinem Lachi (ahd. „Ärztin“ / „Arzt“) Lachenie („Heilung“) gelin­gen können.

 

Sinnbild 5 -  - Rune - Mitte Faselmond / Februar

 

Die M-Rune steht für Mensch und Kosmos, im Sinne der hermetischen Formel: Mikrokosmos gleich Makrokosmos. Fünfendig und fünfsinnig ist der Mensch, in körperlicher und geistiger Strukturierung erscheint er als eine duale Fünfheit. In ihm, dem hohen Menschen, mischt sich vollkommen Erde und Himmel, Stoff und Geist, Weibliches und Männliches. Durch ihn wurde der die dumpfe Materie belebende göttliche Wille in die irdische Welt gesandt. Er selbst ist das Gottes­abbild, die Quinta essentia, das fünfte Ele­ment, das mächtige geistig-seelische Weltprinzip. Aus dem Sanskritwort ma, das „Denken“ und „Messen“ bedeutet, gingen sämt­liche Sekundär-Wurzeln wie man-, mat-, me- und men- hervor, aus denen sich Wörter bildeten, deren Charakteristika es ist, gedankliche (mentale) Struk­turen auszu­drü­cken. So repräsentiert die Mannaz-Rune einerseits den doppelge­schlechtlichen Urmenschen als den Logos, den Absoluten Geist der im Endlichen Geist des Menschenhirnes seine Pflanzstätte hat -, und anderseits den Mannus der alten Gesänge, nach denen er als Sohn des Urzwitters Tuisco zum Erzvater der germanischen Menschheit wurde. Sein Runenbild ist gleichzeitig ein tiefsinniges Ehe-Symbol, es spricht von der Hochzeit der ganz gleichwertigen menschlichen Teilwesenheiten Frau und Mann und dem heiligen Sinn und Ziel ihrer fortwährenden gemeinsamen Reifung durch bewusste Hoch­zucht bis zur harmoni­kalen Vollkom­menheit.

 

Sinnbild 6 -  - Anfang Lenzing / März

 

Die E-Rune ist der Buchstabe der Gesamtheit, das Sinnbild des kosmischen Alls, denn die Zahl Sechs galt in der An­tike als vollkom­mene Zahl (griech. arithmos teleios, lat. summus perfectus), weil ihre Summe ihren aliquoten (ohne Rest teil­baren) Teilen entspricht bzw. ihre Teiler­sum­men gleich sind. Sie ist die heilige Zahl der 24 Runen, die sich in ihrer Quersumme zur Sechs verdichten. Schon die Alten erkannten, die Form des Welt­alls ist die Kugel, sie sagten, Gott konstruierte das Dode­kaeder, das Gebilde aus 12 Fünfecken, und beschrieb dann die Kugel darum. Das Dodekaeder hat 12x5 = 60 gedachte Ecken, von denen aber nur 20 in Erscheinung treten, da jeweils drei 5-Ecken in einem Punkt zusammentreffen. Aber auch die 20 sichtbaren Ecken des Kosmosmodells machen im zahlenmythologischen Weltverständnis eine gleichlautende Aussage. Die theosophische Addition von 20 erbringt die Weltgeist-Meisterzahl (210 / 21 / 3), deren Aufsummierung wiederum die ersten drei Zahlen (231) ergibt mit Endergebnis 6. Das All ist auch mit dem kosmischen Ross vergleichbar, und so lauter auch der Runebegriff. Der altarische Yajur­veda meint: „Die Morgenröte ist des Opfe­­r­rosses Haupt, die Sonne sein Auge, der Wind ist sein Odem, sein Ra­ch­en das verzehrende Feuer, der Himmel sein Rücken, die Jah­res­zeiten seine Glieder, sein Schnauben ist Blitzen, sein Schütteln der Don­ner, sein Stallen der Regen; das Meer ist der Schoß, aus dem es empor­stieg“. Die sechste Rune birgt das Geheimnis der indogermanischen Hochschätzung des himmlischen Hengs­tes, des Sonnen­rosses, des geflügelten Pegasos und im Besonderen des göt­tlichen Rosses Odins, des Sleipnir. Auch noch der achtbeinige Hengst des Geistgottes versin­nbildlicht das All der achtstrahligen Windrose. Diese Rune erinnert an die Wohl­gefügtheit er Dinge, aber ebenso an die rasante Eile jeglicher Veränder­ungen und mithin an die Vergänglichkeit aller Erschei­nungen. Wir selbst „reiten“ die Erde und die Mensch­heit „reitet“ auf unserem Ster­nen­system, gleich einem rasenden feu­rigen Ross, in galaktische Un­endlichkeiten hinein, einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Rune gemahnt uns den Blick für das große Gesamtgefüge ebenso nicht zu ver­lieren wie die bewusste Kontrolle der Zügel.

 

Sinnbild 7 -  - Mitte Lenzing / März

 

Die B-Rune enthält das Mysterium der irdischen Mutter, der Großen Mutter, als unsere Gebärerin und Ernährerin. Die weißhäutige biegsame, frauenhaften Birke ist ihre treffliche Allegorie. Sie ist die Urmutter der weißhäutigen nordischen Mensch­heit. Und der lunaren Siebenzahl begegnet man so häufig im weiblichen Leben und seinen Rhythmen, dass sie zum Symbol der Göttin wurde. Die Sieben ist Zahl der „rechten Zeit“ und der weiblichen Weisheit um die weltlichen Dinge. Selbst die menschliche Schwanger­schaftsdauer lässt sich unter Zuhil­fenahme der Sieben errechnen, in­dem zum ersten Tage der letz­ten Menstruation 40x7 Tage dazu­gezählt werden. Es dürfte kein Zufall sein, dass sich sieben germanische Völ­ker zu einem Kultverband zu­sam­men­schlossen, um ihre Muttergöttin Nertha zu ehren. Eine der bekanntesten eschatologischen deutschen Sagen, von der „Zukunftsschlacht am Bir­kenbaum", spielt an einer zukunfts­wei­senden Birke. Es handelt sich um die Vision vom Ende der Zeiten, von einer bevorstehenden Völker- und Welten­schlacht, welche über kommendes Geschick bestimmen soll. Der Baum ist nicht nur Ort und Mittel­punkt des Schlachtge­tüm­mels, sondern der Zeitpunkt der Schlacht knüpft sich an sein Aufwach­sen, Wie­derergrünen oder Absterben. Und in diesem Verständnisbezirk liegt auch die Magie dieser Rune: Jede Weltschlacht wird letztlich, bewusst oder unbewusst, um den frucht­bring­en­den irdischen Mutterschoß und menschlichen Frauenschoß aus­ge­tragen. Wer ihn verliert, dem ist der Weg in die Zukunft versperrt, wer ihn gewinnt, dem schenkt die Ewige Mutter mit dem biologische Weiterleben den Gewinn der Zukunft. In siebenter Rune liegt aber der eigentliche Schwerpunkt noch weniger im Bereich der biologisch-körperhaften Kraft des Weibes und der Göttin, als vielmehr in fraulicher Klugheit, Hellsichtigkeit und einem Erfindungsreichtum wie er in griech. Athene oder röm. Minerva Gestalt annahm.

 

Sinnbild 8 -  - Ende Lenzing / März

 

Die T-Rune verkörpert die Ordnungskraft des himmlischen Vatergottes Tiwaz /Tiu / Ziu. Sie zeigt das Grundschema des ideellen Weltaufbaus, der Weltstatik mit der senkrechten Stütze, darüber das schützend Himmelszelt. Die Acht, das pytha­go­reische Zahlensymbol für überirdische Gerechtigkeit und rechtschaffende Voll­kom­menheit, markiert seine Rune ebenso trefflich, wie die Kultnamen des Gottes: Irmio „Gewaltiger“, Riger, „Fest­gefügter“, Thingsus „Gerichtsherr“. Er garantiert in Gestalt der symbol­haft him­meltragenden Allsäule, der Irminsul, den Welterhalt aufgrund seiner kämpfer­ischen Entschlossenheit mit Klugheit und Kraft die weltbedrohenden Mächte der Finsternis und des Chaos in Schach zu halten. Er war es, der dem bedrohlichen Fenris-Wolf die Fesseln anlegte. Doch die rettende Tat gelang ihm nur durch einen Eidbruch dem Untier gegenüber, und der hohen Regel seiner Gerechtigkeit folgend, sühnt er dafür mit dem Verlust seiner eigenen göttlichen Schwurhand. Damit gibt sich Tiu als der Erhalter sowohl des kosmi­schen wie auch des ethisch­en Weltgefüges zu erkennen. Vom mythischen Vorbild solcher beding­ungs­losen, unbeug­samen Tapf­er­keit gegenüber den lebens­be­drohenden Mächten und gleich­zeitig einer un­wandelbaren Sittlichkeit im selbst­gegebenen Rahmen des Gesetzes, spricht seine Rune, und will zur Nachahmung in unserem kleineren menschlichen Maßstab ermuntern. Unüber­hörbar klingt in diesem Runen­charakter der Aspekt einer höheren Verpflichtung von Kampf- und Siegwilligkeit für die natür­liche göttliche Ordnung und den moralischen Werten von Recht und Gerechtigkeit, denen wir uns aufgrund einer weisen, freiwilligen Einsicht in die Notwendigkeiten der Allerhaltung unterstellen sollten.

 

Sinnbild 9 -  - Mitte Siegmond / April

 

Die S-Rune ist das Zeichen der voll erblühten sieghaften Sonnenkraft, denn gilt schon die Drei als Zahl des männlichen Lichtheros, dann muss die Neun, als dreifache Triade, die Erfüllung des solaren Mann-Prinzips repräsentieren. Die Sowilo-Rune stellt einen Lichtblitzstrahl aus dem rotierenden segensprühenden Feuerrad der Sonne dar. Ihr Symbolkomplex steht im Zentrum der hyper­bor­äischen Sonnenreligion, die bereits vor 7.000 Jahren ihren Niederschlag fand in den stichbandkeramischen Kalenderkultbauten unserer Nordheimat, wie z.B. jenen von Meisternthal/Bayern und Goseck/Sachsen-Anhalt, oder der „Schalkenburg“ bei Quenstedt, im östlichen Harzvorland. Dann seine herrliche Blüte zur goldreichen Bron­zezeit erfuhr, mit solchen kunstsinnigen Schöpfungen wie der Gestirns­scheibe vom „Mittelberg“ bei Wangen-Nebra / Sachsen-Anhalt, oder dem Sonnen­wa­gen von Trudholm / Dänemark. In der Sonnen-Rune drückt sich etwas vom magischen Siegwillen des Lichtes aus, allen Mächten der mit­ternächtigen Dunkelheit und des Eises zum Trotz. Sie stellt den Gegenpol zur unholden Kraft des kosmischen Frostes und des Kältetodes dar. In ihr wohnt eine eminente Kraft des Willens, des Geistes, des sonnenklaren Verstandes, und sie verkörpert sowohl den As­pekt des Zieles wie auch den mit Entschlossenheit ver­folgten Weg dorthin. Nicht zuletzt steht sie für den germanischen Ehrenkodex, der sich an ihrer Unerbittlichkeit gegenüber dem lügenhaft Dunklen, Unaufrichtigen, Unklaren, Ungeordneten und im positiven Sinne, am Hellen, Wahren, Reinen ori­en­tiert.

 

Sinnbild 10 -   - Anfang Wonnemond / Mai

 

Der Z-Buchstabe, der als Schlusslaut, also am Ende eines Wortes eingesetzt wurde, ist die Algiz-Rune. Sie ist das Zeichen der polaren Weltgesamtheit, denn die Zehn ist die Zahl der gegengerichteten und sich gerade deshalb zur Harmonie ergänzenden beiden kosmischen Grundkräfte, was schon in der pythagoräischen Tafel der zehn Ge­gensätze zum Ausdruck gelangte. So ist die Rätselfrage Odins aus der Hervarar-Saga nicht verwun­derlich: „Wer sind die zwei mit den 10 Füß­en, drei Augen und einem Schwanz ?“ Die Beiden, die als kosmische allgöttliche Einheit mit ihren Fü­ßen die Weltge­samt­heit durchdringen sind Odin selbst und sein achtfüßiges Ross Sleipnir. Eine andere Allegorie spricht von den beiden Wirkhänden Gottes in der Welt, der rechten und der linken. Die beiden „Hände“ der Allmacht erkannte man auch im Bilde zweier Jünglinge, oder zweier Rösser, einem Rappen, einem Schimmel, oder zweier Schlangen, Hirsche, Elche. Man schaute sie im Morgenstern und Abendstern, auch im Stern­bild der Zwillinge. Die arischen Hethiter nannten sie schon um 3.000 v.0 Diwos Sunewes („Himmels­vaters-Söhne“), den Griechen waren es die Dioskuren („Zeus-Söhne“), die Altinder hießen sieAsvins, die Athe­ner Ana­kes, die Germanen Alki. Sie sind wie Tag und Nacht, wie Sommer und Winter, wie der Pendelschlag der Ewigkeit, wie Einatmen und Ausatmen, wie Krone und Wurzelwerk des Weltenbaumes. Er­scheinungsformen der Alki sind auch Balderund Höder, der rasche, gute Helle und der blinde, hadernde Kämpfer. In viel­fältigen Mythen ringen sie gegen­ein­ander um den Besitz des begehrenswerten Weibes, doch der Mythos beschreibt sie auch wieder einträchtig vereint. Gläubige riefen sie zwar in vielerlei Nöten gemeinsam als rettende Helfer an, doch streng­genommen verlangt uns diese Rune eine Entscheidung ab. Auf welcher Seite stehen wir, welchem Beispiel und welcher Seite unseres Wesens wollen wir folgen? In schwed. Frithjof-Saga heißt es: „Die Mensch­heit ist ein kleines Bild von Walhall nur - und jedes Men­schen Herz birgt seinen Balder und den blinden Bruder Höd - denn Böses ist stets blind gebo­ren.“

 

Sinnbild 11 -  - Mitte Wonnemond / Mai

 

Die P-Rune zeigt in ihrer hieroglyphischen Gestalt den aufgestellten Kessel der großen Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin. Ihre Zahl ist die Elf der Faselzeit; Elf goldene Äpfel als Liebesgabe ver­spricht im eddischen Skirnismál der werbende Bittsteller seiner Liebsten als Morgengabe. Und schon die latenezeitliche Venus des Kultwägelchens von Strettweg/Niederösterreich steht auf einem elfstrahligen Kranz und hält über ihrem Haupt den kultische Kessel. Im Goti­schen heißt die Rune pertra und gleicht auch im „Codex Salis­burgensis“ dem Topf. Der keltische Name dieser Göttin ist Perta, der germa­nische Perchta, Per­ahta. Die indoger­manische Wort­wur­zel per-, („ge­bären, her­vor­brin­gen“) liegt ebenso zu­grunde, wie auch ahd. beraht („hell, glänzend“),mit den Formen bercht, bert, pert brecht, precht.Ihr Kessel, das Füllhorn, die Schale ist das Ursymbol des Weib­lichen und seit jeher ein Kult­gerät der weisen Frauen, Heile­rinnen und Hebammen. Im übertragenen Sinne steht er für die Leben schaffende und näh­rende Gebärmutter der Frau und Erdgöttin. Noch die kelt. Barden des Mit­tel­alters besangen ihre neue Muttergöttin als Pair („Kes­sel“). Eine 1890 bei Nimes/Frankreich gefun­dene Inschrift, lautet auf den Namen unserer Göttin Perta: pertae ex voto („der Perta geweiht“). In un­mittel­barer Nähe der Fundstelle liegt eine Quelle le Peiroou („der Kessel“) genannt. Auch der vedische Satapatha Brahmana sagt es gerade und unmissverständlich heraus: „Der Mutter­leib wahr­lich ist der Topf“, und der Yajur­ve­da ergänzt: „Die Erde ist das große Gefäß.“Diese Rune der Liebes- und Frucht­barkeitsmutter ist das starke Zeichen körperhaft weiblicher Wesenheit, ihres bannenden Zaubers, ihrer überwältigenden Wirkkraft im Sinne des kosmo­gonischen Eros und ihres Königtums über die triebgeprägte Sinnenwelt der Mensch­heit. Sie mag genutzt werden für jeglichen Zauber der Leidenschaft, für Wollust-, Minne- und Vege­tations-Magie.

 

Sinnbild 12 -  - Anfang Brachmond / Juni

 

Mit dieser Rune, deren Lautwert zwischen E und I liegt, rückt die Idee des germa­nischen Weltenbaumes in unser Blickfeld. Zwölf galt als Kosmoszahl, zwölf Götter glaubte man, in ebenso viele Sternbilder ist die Ekliptik geteilt, im Dodekaeder, einer Kugel aus zwölf Fünfecken, sahen die alten Weisen die Form des Kosmos. Ist die Drei die männlich-feurige Geistzahl und die Vier die weiblich-wässrige Materiezahl, dann ist die Zwölf das Ergebnis aus Feuer mal Wasser, aus Geist mal Stoff. Beim heiligen heidnischen Hof zu Uppsala, so berichtete Adam von Bre­m­en, „steht ein sehr großer Baum, der seine Zweige weithin ausbreitet, som­mers und winters immer grün; welcher Art er ist, weiß niemand. Dort ist auch ein Quell...“ Eine Eibe war es, in dieser Baumart verkörperte sich, nach nordischer Tradition, das unbegreiflich Heilige schlechthin. Die Eibe ist neben dem anderen Runenbaum, der Birke, die älteste Baumart unserer Nordheimat. In altnordischen Texten wird der Weltbaum Yggdrasil geheißen. Da der germ. Eibenbegriff in manchen Formen einen Guttural auf­weist (ahd. īgo, schweiz. īge), konnte aus urgerm. igwa,igwja ein altn. yggwa, yggia wer­den. Das zweite Wortglied altn. drasill aus urgerm. drasilaz hat die Grund­bedeutung „Träger“ und weiterhin „Säule“. In urger­manischer Ära galt die EibeYgg­drasil als Weltenbaum, während im isländischen Spätheidentum zuweilen eine Ver­tauschung von Eibe und Esche stattfand. Doch auch im eddischen Fjölsvinnsmál wird nach dem Namen des Baumes gefragt, „der mit breiten Ästen die weite Welt überwölbt“, im Original: „hvat dat barr heitir“ d.h. „wie heißt der Nadel­[baum] ?“ Im Waldmärchen „Das Wunder im Spessart“,verrät die Elster jenes Mittel um die verzauberte Prinzessin zu befreien:„Wenn ihr vom Eibenbaum einen Zweig bekommt und mit dem­selben die Stirn der Schönen dreimal berührt, so weichen alle Fesslungen von ihr -, denn vor Eiben die Zauber nicht bleiben!“ Dieser zauberische Weltenbaum birgt Tod und Leben, Aufstieg und Abstieg, wie es das Runenbild so sinnfällig demonstriert. Sein Gift, das Toxin, ist so wirkungsvoll wie sein Lebenselixsier das die moderne Pharmazie gegen Krebserkrankungen herstellt.

 

Sinnbild 13 -  - Mitte Brachmond / Juni

 

Die J-Rune verkörpert mit dem Begriff des Jahres den wechselnden Gang, den Aufstieg und Abstieg durch die Zeit. Für die Lebenden bedeutet der 13. Schritt den Weg in die körperlose Welt, den Kör­perlosen aber heißt die Dreizehn der Schritt hinein ins stoffliche Sein zur erneuten Wiedergeburt. „Fort­währende Um­wand­lung“, lautet der Ver­ständniskern dieser Zahl, die schon ein Symbol des eranischen Zeitgottes und Göttervaters Zervan war. Dreizehn Mondmonate bedurfte das angelsächsische Schaltjahr um die Zeit zu regulieren. Der 13. Monat ist damit der Führer, der Ordner. Doch diese Zeitzahl ist im wahrsten Sinne steinalt: Vor mindestens 33.000 Jahren wurde das kleine Mammutelfenbein-Kalenderblättchen aus der schwäbischen Geisen­klösterle-Höhle gefertigt. Sämt­liche Kanten sind gekerbt, viermal erscheint die Zahl Dreizehn. Ihre Quersumme ist die Vier, die Zahl der Eckpunkte des Sonnenjahres wie auch der Mondstände. Der doppelköpfige Janos („Lichtgeher“) steht zum Januar-Jahresbeginn unseres Ka­lenders am rechten Platz, denn die sonnen-zeit-göttliche Wirk­kraft wandert aus der Neumondnacht der Wintersonnenwende, wo sie verharrte, heraus sechs Monate lang nach Norden, um sich dann zu wen­den und wieder sechs Monate nach Süden zu gehen. So ist die Rune ein Zeichen des ewigen Auf- und Ab. Sie raunt von sich anbahnenden Veränderungen, von des Krebses Rückwärtsgang, vom Ausklingen einer Werdephase, vom Einmünden der Entwicklung in eine neue Ebene, aber auch längerfristig in die Erntezeit, also in die Erfüllung eines hoffentlich satten, reichen, gottgesegneten Jahrganges.

 

Sinnbild 14 -  - Anfang Heuert / Juli

 

Die I-Rune versinnbildlich eindringlich das Phänomen des Abschwungs, des Niederganges und letztlich des To­des. Die 14. Karte des ältesten erhalten ge­bliebenen Tarots, dem von Bologna, heißt „Der Tod“, dargestellt ist ein Knochen­mann mit Sense. Vierzehn Tage be­nötigt der Mond für seine Abnahme bis in die Schwarzmondnacht. In 14 Stücke zerriss der Satan Seth-Typhon den getöteten Osiris oder Diony­sos, die Alle­gorie des Natur­lebens. „Baldrs draumar“ heißt ein Lied der Edda, das von den bösen Ahnungen erzählt, die Balder plagen. Es behandelt das schlimme Gesche­hen um des milden Gottes Tod, es umfasst vierzehn Verse. In dieser Runenphase stirbt der lichte Vegetationsheros Balder, denn jetzt erst werden die Tagesverkürzungen sichtbar. In unserer nordischen Geisteskultur musste das „Eis“ schon wegen der klima­tisch­en Gegebenheiten zum zentralen Todessymbol werden. Aus gleicher Wort­wurzel stammt aber auch „Eisen“, das kalt glänzende Metall tödlicher Waffen, der Pfeilspitzen und Dolche -, Inbegriffe des „Kaltmachens“, Allegorien des Sterbens.  Die Dichter­sprache zur Edda-Zeit redete z.B. von der „Walküre Eis“ („skylr isa ar flest megin“) und meinte das eiserne Schwert. Der wölfische Unhold in der Tier­fabel ist der Isegrim, die „Eisenmaske“. Im Kanton Zürich gilt der Isegrind als ein bö­ser Geist. So ist es nicht verwunderlich, dass der altnordische Hel­gi, der heilige Held, einen Gegner namens Isung hat. Und im mhd. Gedicht vom König Orendel gibt es einen Meister Îse, ein Greis von langer Gestalt, zwischen den Augen zwei Spannen weit, von furcht­ba­rem Gange, ein gewaltiger Krieger, in einer großen Burg wohnend. Sagenforscher bezeich­neten ihn als Verkörperung des winterlich stürmenden Meeres, dessen Behausung aus aufgetürmten Eismassen bestünde. So gibt sich der runische Eisstab uneingeschränkt zu erkennen als negativer As­pekt des Abstiegs; mythisch gesehen, als Harmpfeil, als Schwarzalben­ge­schoss, Todes­speer oder -schwert.

 

Sinnbild 15 -  - Mitte Heuert / Juli

 

Die N-Rune ist ein Zeichen der Kreuzung einer Senkrechten mit einer Waage­rech­ten, also der Verbindung von väterlichen mit mütterlichen Kräften (Waage­rechte Runenlinien wurden wegen des hölzernen Schreibgrundes geschrägt). In der Quer­summe verdichtet sich ihre Zahl zur allwertigen Sechs; die 7. Birk­mutter-Ru­ne addiert mit der 8. Himmelsvater-Rune ergibt Fünfzehn. Wohlweislich besitzt das Ta­rot insgesamt 78 Karten. Der geglaubte antike Weisheitslehrer Hermes-Tris­megistus hatte die Quintessenz seiner Erken­ntnis in 15 Punkten auf eine Tafel aus grünem Korund niedergeschrie­ben, die Tabula Smaragdina. Der Römer Zosimos, ein heidni­scher Historiker des 5. Jh. n.0, gebrauchte das Gleich­nis vom Auf- und Ab­stieg über die je­weils 15 Stufen von Licht und Finsternis. Es handelt sich also wiederum um ein Zeit- und Kreis­laufsymbol. Unser 15.  Buch­stabe wird landläufig Not-Rune genannt, doch in den mittelalterlichen Runenlisten heißt sie sowohl „Not“ also auch „Notwendigkeit“. Es ist das Schutz- und Notwen­de-Zei­chen, ein Eddavers (Sig­r­drifumál 7), rät sie als Schutz­­zeichen gegen Ver­giftun­gen, mit ihr solle Trinkhorn und Hand­rücken mar­­­kie­rt werden:„oc merkia á nagli Nauð“. Postiert ist sie in einer wirklichen Notzeit des altbäuerlichen Jahres­ver­ständnisses, in der man unholde Einflüsse der sengendheißen „Hundstage“ wahr­nahm. Gerade davor sollte das so oft gerügte heidnische „Notfeuer“ be­wah­ren. Es wurde mittels zweier Balken erdreht, gequirlt, gerieben, also genötigt zu erschei­nen, um es dann als jugendfrisches, heilendes Neufeuer auf die Herde zu holen. Damit erweist sich die Nauðiz-Chiffre als ein Konzept mit zwei Seiten. Sie steht für den Begriff des Elends, aber auch für die notwenige Erlösung aus der Not. Die Feuerreibung wurde allezeit mit sexualmagischen Praktiken zwischen dem elementaren Welt­elternpaar verglichen. Und so gebiert sich auch exakt neun synodische Schwan­gerschaftsmonate darauf, die Sowilo-Sonnen-Rune im runi­schen Jahres­kreis. Die daraus resultierende Lehre lautet, dass aus größter Not das strahlendste Heil erwachsen kann, vorausgesetzt, die Gesetze der Kausalität werden beachtet sowie die Aspekte der rettenden „Tat zur rechten Zeit“.

 

Sinnbild 16 -  - Anfang Ernting / August

 

Die H-Rune erscheint zunächst nur im schlichten Gewande des ruppigen „Hagels“ und offenbart bei genauem Hinsehen doch ein vielschichtiges Innenleben. Aus der Potenzierung der vier Grundstoffe (Elemente) des Alls geht die Sechzehn hervor (4x4=16). Die gleiche Anzahl der Weltgegen­den (bei Verdop­pelung der Windrose) weist auf das weite Rund des Himmelskreises hin. Die Zahl ent­steht auch durch Doppelung der himmelsväterlichen Acht, damit könnten wieder die Abspal­tungs­formen Tius, nämlich seine diosku­rischen Zwillings­söhne, die Alki, gemeint sein. So ist es: In altnordischen Brettspielen spiegelt sich der mythische Grund­sinn, nämlich der Welt­kampf zwischen hellen und dunklen Parteien. In den ed­dischen „Hei­dreks­rätseln“ lautet eine Frage: „Wer sind die Degen, die zum Thing reiten, ihrer 16 zusam­men sind?“ Die Ant­wort: „Das sind Itrek und Andad im Bret­tspiel.“ Zwei vielsagende Männer­nahmen wurden auf die führenden konträren Spiel­­figu­ren übertragen: „Ausgezeichneter“ und „un­holder Totengeist“. Das norwegische Ru­nen­ge­dicht erklärt zum 16. Zeichen: „Hagall ist das kälteste Korn - Chri­stus schuf die uralte Welt.“ Der ursprüngliche heidn. Text kann nicht auf Christus gelautet haben, son­dern nan­nte dessen Vorläufer aus alt­­re­ligiöser Zeit: Heliand,Helgi der „Heili­ge Heiler“. Es stehen sich also „Heil und Hagel“ gegen­über, oder beisammen, wie es das Runenzeichen demonstriert, das schon den Spar­tanern als Dioskuren-Symbol galt. In des Begriffes ältestem Sinn kommt „Hagel“ von hauen, stechen und der „Hagel“ war der schlagende Unhold. Wir sagen noch immer: „als ob ihn der Hagel jaget“, und meinen den Teufel. Diese Rune reprä­sentiert also die beiden polaren Wirkkräfte in der Welt, gewisser­maßen: Positiv und Negativ. Dadurch ist sie das Zeichen allumfassender Kräfte, der guten wie der unguten. Doch während das gleichlautende 10. Sinnbild, die Algiz-Rune, im Sommerbeginn postiert ist und damit den positiven Pol hervorhebt, liegt der Schwerpunkt der Hagalaz-Rune in der Haupthagelzeit des Jahres. Die negative Macht, der Unhold, zeigt seine Kräfte. Wem es gelingt ihn zu besänf­tigen und gleichzeitig den Segen der milden Schicksalsmacht zu erringen, dem muss ein erfolgreicher, glücklicher Lebensweg gelingen.

 

Sinnbild 17 -  - Mitte Ernting / August

 

In der W- und Wonne-Rune drückt sich die größte Freude und Genugtuung des gesamten materiellen Jahres aus. Auch ein mittelalterlicher Historiker Ägyptens erwähnt die 17 als Glücks­zahl. Das Runenbild zeigt die heitere Fahne, das Ban­ner, den dreieckigen Wimpel, das als Symbol der Erhaben­heit, des Stolzes und des Frohsinns bis in die Neuzeit gut verstanden wird. Zwei gleichartige ägyptische Hiero­glyphen dokumentieren sym­bolgeschichtliche Ver­wand­tschaft: das Zeichen „Stärke“ und das Zeichen für „Gott“. Unsere Rune steht in der Kornerntezeit, und wirklich ist das Einbringen der Ernte für alle Beteiligten ein wonniges Fest. Unter Sin­gen und Tanzen wurde der Segen Got­tes em­pfan­gen und die vollen Ernte­wa­gen in die Scheuern gefahren. Eine laute Heiterkeit herr­sch­te in den Dörfern. Es ist also ein Zeichen des schwelgenden Glückes, des sichtlich ergangenen him­mlischen Segens, des verdienten Erfolges, des Glückes, welches dauerhaft allein dem Tüchtigen hold sein will. Wer nicht sät, und vorher pflügt und ackert, der kann auch nicht ernten -, so wispert die Weisheit der Rune.

 

Sinnbild 18 -  - Anfang Scheiding / September

 

Die G-Rune verkörpert als Malkreuz, auch Vermehrungskreuz genannt, sowie in ihrer Quersummenzahl Neun unübersehbare solare Aspekte. Zudem zeigt die deut­sche Runenreihe des Hrabanus Maurus für die Gebu-Rune ein sechs­speichiges Zeichen. Ihr Begriff  „Gabe, Geschenk“ bedeutet Mischung von Seele und Leben, Ge­meinschaft und In­spiration, und diese Wirklichkeit wird im Ver­hältnis zur Gottheit gestei­gert. Unsere Rune liegt auf dem Ende des Kornernte­mon­ats, so dürfen wir vorder­gründig den Erntedank für die Brotfrucht, im weiteren Sinne aber den Dankritus für jegliche Gottes­gabe, als Sinnhinterle­gung anneh­men. Verständlich ist mithin, wenn die heidnischen Lappländer das Zeichen, wie mehrere andere Übernahmen auch, aus dem nordgermanischen Kultur­raum, als Opfer-Symbol benutzen, d.h. ihre Opfer­gaben damit markierten. Doch schon die ganz ähnliche hethitische Hieroglyphe der gekreuzten Unterarme zweier Männer bedeu­tete „Bund,Vertrag“. Zur Op­ferfeier  wurden die Spenden, Gaben, von der Kultgemein­schaft, der Gilde, eingesammelt um dann Ritus und Opfer­schmau­s auszurichten. Solche Handlungen sind Teile eines bewussten Heilsvertrages. Dank wollte man sagen und durch eine Dankgabe neue Himmelsgaben heraus­fordern. Das jedem Opfer­sys­tem zugrunde liegende Prinzip lautet: „ich gebe damit du gibst“. Die Griechen sagten: „Hand nur wird von Hand ge­waschen; wenn du nehmen willst, so gib !“ Passende altnordische Sätze aus der eddischen Hávamál lau­ten: „Dem Freunde sollst du Freund­schaft bewahren und Gabe mit Gabe vergilt ! Doch Hohn soll man mit Hohn erwidern und die Täusch­ung mit Trug“, oder auch: „Gleiches mit Gleich­em vergilt“. Die numinosen Mächte und der Mensch stehen in einem organischen ganzheitlichen System gegenseitiger Geschenke. Wer das Gebu-Geheimnis erkannt hat und danach handelt, wird das harmonische Zusammenleben geistes- oder blutverwandter Gemeinschaften zu fördern wissen. Mittels dieser Rune werden die Kameradschaft, das Wohlwollen zwischen Genossen, Brüdern und Schwestern aufrechterhalten, Zusammen­ge­hörigkeitsgefühle gestärkt und Entfremdungen verhindert.

 

Sinnbild 19 -  - Mitte Scheiding / September

 

Die K-Rune ist zahlenmythologisch der Urmutter zuzuordnen, denn die Quersum­men-Kernzahl der Neunzehn ist Eins. Der kos­mische Anschauungs­unter­richt demonstriert es mit dem Meto­nischen Mond­zyklus, nach 19 Jahren fallen alle Mondphasen wieder wie zum Beginn auf die­selben Wochen­tage des Sonnen­jahres. Deshalb gilt die 19 als „Goldene Zahl“ der Zeitrechnung. Beide Zah­len­metaphern, 7 und 19 , die die „rechte Zeit“ verkörpern, stehen als Re­präsentanten der Gro­ßen Mutter in deren Aufstiegs- und Abstiegspositionen, nämlich in Früh­lings- und Herbstgleiche. Die Quellen belegen diese Rune mit drei Begrif­fen: kien, kaun, kano, also „Kien-Fackel“, „Ge­schwür-Krankheit“, „Kahn, Schiff“. Die aisl. Runen­rei­merei sagt: „Kaun ist der Menschenkinder Unglück und des Unglücks Weg und die Wohnstatt toten Flei­sch­es.“ Das personifizierte Jahr ist krank geworden, der Leichenbrand ist die letzte Wohnung toter Körper und das Totenschiff bringt sie in die andere Welt. Der große Lebenskessel der Mai-Mutter ist zu einem kleinen Näpflein ge­schrumpft. Passende germanische Worte dafür wären kar, kas, katils („Gefäß, Krug, Kessel“). Oder meint das Runenbild die Fackel, die als Septem­bersinnbild auf antiken Al­tären er­scheint ? Gleichgültig, ob Napf oder Fackel, beides sind Attribute der Großen Göttin, mit der man das Sternbild Virgo, die Jungfrau, identifizierte, deren leuchtendster Stern Spi­ka („Ähre“) als Korn­kind oder auch als Fackel­brand gedeutet wurde. Die Rune munkelt von der Göttin Gang und Haft in die Unterwelt, mit der Fackel in Händen sucht sie das ge­schwundene Leben. Im sumerischen Sagen­kreis ist es die Inanna-Ishtar, im spätheidnisch-nordgermanischen die Hüterin der Lebensäpfel, die Lebensmutter Nanna-Idun. Der Hrafnagaldr Odins berichtet: „...von Alfengeschlechtern Idun genannt, [...] Es schmerzt sie in der Tiefe zu weilen, gebannt zu sein unter des [Welt-]Baumes Stamm. Nicht behagt es ihr bei Nörwis Tochter, der Nacht, - war sie doch an heitere Woh­nung gewöhnt so lange. Die Sieggötter sahen die Sorge der Nanna, in niederer Wohnung: sie gaben ihr ein Wolfsfell. Damit bekleidet, ver­kehrt sie den Sinn, freut sich der Auskunft, und wechselt die Farbe.“ Als Herbst­göttin verkehrt sich ihr Sinn, ihre Farbe, ihr Natur­ell. Ihre Rune raunt von langer Krankheit, Mutlosigkeit angesichts des Welkens und des Blätterfalls. Die Mutter gebiert, so muss sie auch wieder verschlingen. Doch jede trockene, leblos er­scheinende Schote und Nuss, jeder Fruchtkern birgt das Geheimnis eines süßen lebendigen Inneren, eines Seelenzentrums aus dem eine Wiedergeburt möglich wird. Unter diesem Aspekt spricht die Rune im übertragenen Sinne von der Chan­ce die äußeren Nie­dergängen innewohnt, sie sollten zur Selbstbesinnung auf den eigenen Wesens­kern führen. Daraus ist ein neuer Aufstieg allezeit möglich.

 

Sinnbild 20 -  - Anfang Gilbhart / Oktober

 

Die R-Rune trägt das Wort „Wagen“ mit den Folgebegriffen „Rad, Reisen, Fahren, Rei­ten“. In dieser herbstlichen Jahresphase denkt man dabei zunächst an den Totenkarren, doch die Himmelsherren sind stets auch Wagengötter. Das angel­sächsische Runenlied sagt: „Tyr [...] ist immer auf Fahrt....“ Die Fahrt des Ster­nen­wagens (Irmi­nes­wagen) ist gemeint, der in Tiu-Tyrs Nachthimmels­höhe be­ständig um den Pol kreist. Der Wagen ist eben­so ein Erken­nungszeichen des Himmels- und Wettervaters Donar-Thor. Der entsprechende keltische Gott ist der „Rad­gott“ Taran. Wahrscheinlich meint auch die Runengestalt nichts als ein Wä­gel­chen. Warum? Das Jahr nimmt sich zurück, kehrt sich gewissermaßen nach innen; eine Besinnung hebt an, man gedenkt der Vorausgegangenen, der Toten, und auch der eigenen Le­bensreise. In dieser Jahreszeit fanden in der indoger­ma­nischen Welt die großen totenkultischen Rennwagenspiele unter dem Patronat des Himmelsgottes statt. Es entspricht der Eigenart unserer Völkerfamilie Wa­gen­rennen zur Ehre der in diesem Jahr Gefallenen und überhaupt der Held­en­ahnen zu veranstalteten. Schon Homer berichtet von derartigen Spielen. An die­ses To­tengedenken erinnert in Deutsch­land bis heute die Hilligen Mein­we­ken, die „Hei­lige gemeine Woche“, im Oktober­anfang. Das gesamte Naturleben begibt sich jetzt auf jene Reise in ferne oder unterirdische Welten, in denen es die her­aufdämmernden Gefahren des Frostes und der Lichtarmut zu überdauern ver­mag. Zu allem Reisen gehört auch das Richten, Ausrichten und Gerich­tet­­werden. Wenn in alten Zeiten das entbehrungsreiche Winterhalbjahr be­gann, stand die Frage über den Menschen: Wer wird überleben, wer bleibt verschont und wer wird dem Tod verfallen sein, über wem wird der Große himmlische Richter das Urteil sprech­en ? Und in der anderen Welt wartete nach griechisch-keltischer Vor­stellung Radamanthys/Radamad als Jenseitsrichter. Auch die 20. Karte im Tarot heißt „Das Gericht“. Mit den Som­mer­abschlussfesttagen waren fraglos ver­bunden das Ding (noch heute die Dult) mit Rennwagenspielen, Markt- und Gerichts­tagen. Bei ganzheitlicher Wertung haftet der R-Rune ein negativer Aspekt an, sie warnt vor dem Gericht und der Reise, auch dem Rei­se­rausch und seiner Betäubung. Sind doch viele Reisen nur Flucht in die Fremde des Selbstverlustes, Flucht vor dem eigenen Ich. Solche Fahrten führen nicht sel­ten ins Ungemach und in den Untergang. Allein die Rück­reisen der Selbst­findung und der Ich-Erkenntnis, hin zu den Müttern und Vätern aus denen wir gekommen sind, bringen uns den Segen der Ahnen und den kraftvollen Frieden mit uns selbst.

 

Sinnbild 21 -  - Mitte Gilbhart / Oktober

 

Die A.-Rune ist das Kronenzeichen der Runenwelt und des germanischen Pantheons. Die Rune vertritt den vergöttlichten Ahnengeist, den Asen Wodan-Wodin-Odin. Ihn offenbart das ODING-FUÞARKals den Geist des Alls: Die Totale der 24 Runen verdichten sich mittels Quersummenziehung zur Sechs, und aus deren Theosop­hischen Addition (1+2+3+4+5+6=21=2+1=3) wird über den Um­weg der Einundzwanzig die geistsolare Gottes-Triade als Kernziffer sichtbar, als Nacht-, Geist-, als Schwarze-Sonne. Schon der Veda wusste: „Die Sonne ist gleich 21“, oder: „Will man die Zahl 21 haben, so ergibt sie sich aus der Addition der 12 Monate, der 5 Jah­reszeiten, der 3 Welten und der einen Sonne; oder dar­aus, dass der Mensch [purusha] 21-fältig ist: Er hat nämlich 10 Finger, 10 Zehen, dazu das Ich.“ Hier zeigt sich in sinnbildhafter Allegorie die indogermanische Überzeugung von der Gleich­wesigkeit des Sonnen- und des Ahnengeistes. So wie der Ase im Makrokosmos als geistsolarer Sturmwind das All durchbraust, so fährt er als Belebungshauch durch unsere mikrokosmisch-menschlichen Lungen. Er ist nicht allein der Odem-Gott, der Atemhauchgeber, er ist die letzte Ursache aller Geistigkeit, aller Dichtkunst, Redegewalt, er ist Schöpfer der Sprache, der Runen, der Astrologie, der Mathematik und einfach jeglicher Logizität. Seine kraftgesättigte Rune umfasst dieses breite Spektrum, sie verkörpert die magische Kraft der Vorfahren, den gesamten Genius des Indogermanentums, aber im Besonderen die Ratio Teutonika. Sie ist wie eine Brücke zu nutzen, von den heu­tigen Trägern dieses Volkstums, zurück und hinüber zur Seelen- und Geistkraft der einstigen Runenmeister, der Wizagos, Paravari und Erilari. Wer sich auf das Wirkungsfeld dieser Rune begibt, sich willig und begeisterungsfähig führen lässt, dem vermag sie Ahnenwissen, Hellsichtigkeit und magischen Fähigkeiten so zu steigern, dass er in Zustände von ekstatischen Vereinigungen mit den asischen Macht­wesen zu gelangen vermag.

 

Sinnbild 22 -  - Anfang Neblung / November

 

Die Th-Rune ist das Signum des abgründig Bösen. Sie steht im Eingang zum Winter und astrologisch im 8. Haus, dem Ort des Todes und der Giftspinne (Skorpion), in dem schon die antike Astrologie den Satan Typhon-Seth vermutete -, ein Vertreter der titanischen Urchaosmächte.

Gemeint ist der Materiedämon, der üble Herr der stofflichen Welt -, wie auch die Zweiundzwanzig über ihre Quersumme zur Vier wird, welche bei negativer Wertung als Zahlensymbol der gottfernen Materie gilt. Die runischen Kennwörter sind Thurse („unholder Riese“) oder Dorn („Schlafdorn, Todesstachel“). Sie werden vom Eddavers in Hrafnagaldr Odins gemeinsam erwähnt. Dieser spricht von „des eiskalten Riesen dorniger Rute, mit der er in Schlaf die Völker schlägt“. Er schlägt sie wohl in die Selbst- und Gottvergessenheit hinein oder in den Wahn einer maßlosen materiellen Gier. Jedenfalls liegt das Schädigen in seinem Sinn.

Das eddische Hyndluljóð spricht „...vom Thursengeschlecht, dem das Schaden Lust war...“. Wer mit dem großen thursischen Unhold konkret gemeint ist, teilt der altisländische Runenvers im Zusatzvermerk mit: „Saturnus“. Der alte Planetenherrscher, der seinen Vater mit der Sichel entmannte und seine eigenen Kinder auffraß, wurde von Zeus in die Unterwelt verbannt. Als Unterweltsherrscher und Schätzebewahrer galt er, denn in seinem Tempel ruhte einstmals der röm. Staatsschatz. Schon gnostische Gruppen (Orphiten) sahen Kronos/Saturn als lebensverhindernden Bösewicht.

Nach Ptolemäus (Mitte 2. Jh. n.0) ist der „erdige Planet“ Saturn im besonderen die Ursache der auf „furchtbarer Kälte“ beruhenden Vernichtung, er bewirkt „verheerend wirkende Schneemassen“, „Eis“ und „Hagelschlag“. Er produziert dunkle, unglückliche Menschen mit feucht-kaltem Temperament, oft von niedriger Gesinnung, geldgierig, gehässig, roh, feige, hinterhältig. Im Mittelalter galt Saturn als Meleficus („Unheil bringender Planet“) und Wohnort des Teufels. In einer Salzburger Schrift des 15. Jh. (Studiumsbibliothek V, I, 36/8) steht: „Saturnus mit seiner kraft ist allem leben schadehaft“. Die älteste Vorstellung ging wohl dahin, dass er Pflanzlich-Stoffliches hervorbringt und gleichzeitig immer wieder für dessen Abschneiden und Abscheiden sorgt. Mit Sichel oder Sense wurde er gerne dargestellt, als winterlich kaltes verneinendes Prinzip lieferte er unser Bild vom „Gevatter Tod“ mit Hippe und Stundenglas. Da die Hebräer seit alters Saturnanhänger waren, auch seinen Tag, den Saturntag-Sabbat, besonders ehren, wurde er vielerorts dem jüdischen Stammesgötzen Jahwe gleichgewertet. Im eddischen Skirnismál wird in drastischer knapper Deutlichkeit mitgeteilt, was der Thursenstab bedeutet: ergi oc œði oc óðola („Wirrsal und Wahn und Wut“).

 

Sinnbild 23 -  - Mitte Neblung / November


Die U-Rune ist die Rune des Opfertodes des heiligen Urstieres, einer Kulturgrenzen überschreitenden Gottesallegorie. Die Hörnerspitzen der runischen Stier-Hieroglyphe deuten nach unten, die große stiergleiche Antriebskraft der Natur ist zur Novembermitte ersichtlich gestorben.

In ihrer Quersumme zeigt die Runenzahl ihren wahren Kern, die Fünf, sie galt auch als Opferzahl. Da sich obendrein ihr Kalenderort in der Gipfelzeit des unheilschwangeren Sternen-Skorpions befindet, dürfen wir sicher sein, dass das Ideenbild des Tauroboliums („Weltenstieropfers") zugrunde liegt, wie es sich als Stieropferszene auf der Abschluss- und Bodenplatte des Kultkessels von Gundestrup/Dänemark (ca. 100 v.0) dargestellt findet.

Schon die steinzeitlichen Bauern in Deutschland und anderswo, fünftausend Jahre vor unserer Zeit, gaben in die Gräber ihrer Toten geopferte Rinder, denen man Knochenmedaillons mit Sonnensymbolen um den Hals hängte (Kugelamphorenkultur-Gräber in Sachsen-Anhalt).

Platon schrieb dann in seinem Bericht über die hyperboräischen Atlanter vom großen Stieropferritus an der Weltsäule. Im Bundahishn („Buch der Schöpfung“) der stammverwandten arischen Altperser ist von zwei Stieropfern die Rede: Eines steht am Weltbeginn um die Schöpfung hervorzurufen, das andere wird zum Weltende vollzogen.

Da dem Kreislaufdenken der alten Weisen jedem Ende ein neuen Anfang folgt, fallen beide Opfer letztlich in eins zusammen. Auf etlichen spätantiken Altarplatten der Mithrastempel ist die Stieropferszene als jene Heilstat abgebildet, die am Anfang der Zeiten stand, die auch jährlich im Ritus nachvollzogen wurde, um damit den ewigen Kreislauf von Leben und Tod zu beschwören. Unsere germanischen Vorfahren feierten das Weltanfangsopfer jährlich gemeinsam im Fesselhain der Semnonen im Raum von Berlin (Tacitus, Germ. 39): „Zu festgesetzter Zeit kommen Gesandtschaften aller Völker gleicher Abstammung in einem Wald zusammen, der durch feierliche Zeremonien der Väter und altehrwürdige Scheu geheiligt ist...“

Aus dem Althochdeutschen kennen wir den Begriff Wizzotopher, das „Erlösung bringende Opfer“, das „urgesetzmäßige Opfer“. Dieses kosmogonische Opfer kann sich, dem alten Denken und den Quellen zufolge, auf Gott, Mensch oder Tier beziehen, aber es muss am Jahresende liegen, denn mit der Wintersonnwende beginnt die verjüngte Welt-Zeit.

So steht die Rune für jeden lebenserhaltenden Opfergang, sie raunt die Schlüsselworte des Sternenskorpions „Stirb und Werde“ und sie appelliert an die Einsicht zur Opfernotwendigkeit sowie die daraus resultierende Opferbereitschaft.

 

Sinnbild 24 -  - Anfang Julmond / Dezember

Die F-Rune ist in ihrem Bildcharakter ebenfalls leicht zu deuten, es stellt den um 90° aufgestellten Rumpf des gehörnten Rindes dar. Vordergründig bedeutet „Vieh“, ebenso wie im Lateinischen, „Geld“ bzw. materiellen Besitz: lat. pecurius („zum Vieh gehörig“) und lat.-franz. pekuniär („das Geld betreffend“).

Im altisländischen Runenreim lautet das Beiwort: lat. aurum „Gold“. Die Rune meint also Reichtum, Wohlstand, Sattheit, Fülle. Doch „Gold“ ist mehr als „Geld“, es ist der Begriff für das edelste, das sonnenverwandte Metall, gleichzeitig ein Symbol für den feinsten Wert dieser Welt. Die Rune ist also nicht allein im grobstofflichen Sinne zu deuten, denn so wie aus dem vorausgegangenen Gottesopfer die Segensfülle jeder Art erwächst, so auch im höheren Verständnis das runisch runde, vollkommene All der harmonischen Urmuster-Bausteine von 24 kosmischen Segmenten der gottgewollten, rechtlichen (ahd.) „wizzodhaftigen“ Weltordnung.

Diese Weltordnung repräsentieren die Runen - neupythagoreisch-gnostischen Gedanken verwandt - in einer personifizierten Geistgestalt namens Oding. Sein Name, als Titel des gesamten Symbolzeichensystems, ist durch die ersten drei Runenbuchstaben zu erfahren. Nach germ. Sprachregeln heißt Od-ing nichts als „Kind des Od“. Noch in der späten Edda wird Gott Od als Gatte der gemeingerm. Muttergöttin Frija/Freya erwähnt und erweist sich damit als frühe Form von Oðin, also dem Geistgott Wodin/Wodan. Und dieses runische Geistkind des Geistgottes hat Kopf und Fuß: Deshalb beginnt die senkrecht aufgestellte Runenreihung oben mit „OD“ und endet unten mit „FUÞ“. Die germ. Lautung od, oð, ot hatte vielschichtige Bedeutung.

Noch im Altdeutschen verstand man darunter Gut, Fruchtbarkeit, Glück, Gedeihen, Segen, Erfolg. Im Altnordischen ist oð die Seelenerregung, doch oddi die „Landzunge“, oddr meint die „Spitze“ einer Waffe, der oddviti ist der „Spitzenweiser“, also das Haupt einer Schar; so konnte das Wort im Sinne von „Anfang“ genutzt werden Und auch der runische fuð war für die Adepten unschwer als Fuß zu verstehen; got. tus, ahd. fuoz, altn. fótr, aengl. fot, schwed. fot, dän. Fod, nass.-westerwäld. mundartl. Fude.

Der sinnbildhafte Kopf des Oding raunt also von unvergänglicher segensreichen Seelenkraft aus feinstofflichem Ur-Etwas, wohin wir uns zurücksuchen sollen, aber keinesfalls als Traumtänzer und haltlos jenseitsflüchtige Spekulanten. Vielmehr bedürfen wir auch des festen Fußes der goldenen pekuniären Grundlage.

So liegt die ganze Runenwelt zwischen O und F, zwischen Seele und Besitz, zwischen Geistlichem und Stofflichem, beschlossen.

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