DIE GOTTESSILBE OD IM ODING

Sonnensprache - Gottesschrift

 

 

Die Sonne als eigentliche und eindrucksvollste Kraftquelle unserer Erdenwelt spielte ganz natürlich in den Religionen des lichtärmeren Nordens seit Urbeginn bis heute eine hervorragende Rolle. Nicht zufällig, sondern erzwungen von einer unüberwindlichen Tradition, wurde auch der zum Gott erhobene altjüdische Wanderprediger Rabbi Joshua („Jesus Christus“) im 4. Jh. zum geistigen „Licht der Welt“, also zur Sonneninkarnation, verklärt, deren Geburtstag mit der Sonnengeburt zur vermeintlichen Wintersonnenwende in der hl. Nacht des 24.12. übereinstimmen müsse.

Schon das vor 5.100 Jahren errichtete Ganggrab von Newgrange/lrland ist derart konstruiert, dass einstmals genau am Tage der Wintersonnenwende, also des Geburtsfestes und dem Beginn jährlicher Sonnenwanderung, ein Lichtstrahl durch die Öffnung oberhalb des Eingangs in den langen Korridor und die dahinterliegende Totenkammer fiel. Das megalithische Sonnenheiligtum Stonehenge/Südengland beeindruckt durch seine 30 monumentalen Torbögen. Es wurde vor ca. 4.800 Jahren angelegt und vor 3.560 Jahren in noch heute erkennbare - auf den Aufgangspunkt der Sommersonnenwende ausgerichtete - Form gebracht.

Einer der aufschlussreichsten Funde zur frühgermanischen Sonnenverehrung ist der aus einem Moor bei Trundholm (dän. Insel Seeland) geborgene kleine bronzene Sonnenwagen. (s. Abb.) Etwa 3.400 Jahre ist er alt. Auf einem sechsrädrigen Fahrgestell wurde ein Zugpferdchen so angeordnet, dass es den Sonnendiskus zu ziehen scheint. Die diesem Kultgegenstand eingearbeiteten kreisförmigen Verzierungen ergeben unter Zuhilfenahme eines naheliegenden Rechenverfahrens die Zahl 354. Bei Hinzurechnung der sechs Wagenräder entsteht das Resultat 360. Diese Zahlen stellen die Tagesanzahl des Mondjahres und des alten indoarischen Sonnenrundjahres dar. Der Sonnenwagen von Trundholm hatte demnach ersichtlich auch die Aufgabe, vom bronzezeitlich gebräuchlichen Mond-/Sonnenjahr Zeugnis abzulegen. Auffällig im mythischen Rechensystem des Kunstwerkes ist die Erscheinung der Zahl 108; sie ergibt sich dreimal. (G.Heß „Zahlenmytholog. Deutungen des bronzezeitl. Sonnenwagen v. Trundholm“, 1995)

Eine zufällige Hervorhebung der Zahl 108 ist nicht anzunehmen angesichts ihrer hohen Bedeutung auch in anderen Religionen, z.B. hinduistischen und buddhistischen Traditionen. Krishna, die Inkarnation des Sonnengeistes Vishnu, tanzt im Kreise von 108 liebreizenden Gopis; 108 Perlen ringen den buddhistischen Rosenkranz usw.

Sehr verständlich erscheint bei tieferer Betrachtungsweise das Bedürfnis, auch Sprache und Schrift auf die gleiche höchste Grundlage zu stellen. Welch erhabener Gedanke - wenn die Alten im Bewusstsein lebten, dass jegliches gesprochene und geschriebene Wort ein Ausfluss heiligster, sonnenseligster Ordnung, Wahrheit und Gerechtigkeit sei. In der alten, 24 Symbole umfassenden Runenreihe. deren Name nach den ersten 3 linksläufig gelesenen Buchstaben O-D-iNG heißt, findet sich die Sonnenmetaphysik auf wunderbare Weise eingewoben. Die 9. Rune ( ) trägt die überlieferte Bezeichnung sowilo = Sonne. Dieser Umstand ist nicht verwunderlich; basiert doch das ganze theologische Runensystem auf der Hochschätzung der 3, also der göttlichen Trinität. Die Addition aller 24 Zeichen ergibt 300, das besagt: Der gesamte Runenkosmos entfaltet sich keimhaft aus den drei Urkräften (den ersten 3 Buchstaben) und bleibt auch in seiner vollen Entfaltung diesem Grundzahlenprinzip treu. Aus der potenzierten göttlichen Ur-3 (3x3 = 9) muss nach verständlicher Runenlogik die Kraftspenderin sowilo/Sonne entstehen. Auch die im Sonnenwagen von Trundholm festgehaltene indogermanische Sonnenjahres-Tagesrundzahl 360, die gleichzeitig die Gradzahl des Kreises ist, trägt die Quersumme 9. Ebenso besitzt die 108, jene Ordnungszahl aus dem Trundholmer Sonnenwagen, die Quersumme 9. Darüber hinaus ist sie eine ganz besondere Vielfache der 9; denn die altheilige Zahl 12 (3x4 = Gottesgeist x Stoff), multipliziert mit der 9, ergibt 108.

 


Der antike, neupythagoreische Text des Buches „Jezira“ (Buch der Schöpfung, 3. Jh. n.0) verdeutlicht altreligiöses Denken. Da heißt es: Die Buchstaben seien Signaturen aller Schöpfung - die eigentlichen Aufbauelemente, die Steine, aus denen der Bau der Schöpfung errichtet wurde. Der Schöpfer „umriss sie, hieb sie aus, wog sie, kombinierte sie und wechselte sie aus [verwandelte sie nach bestimmten Gesetzen] und schuf durch sie die Seele alles Erschaffenen und alles, was irgend einst geschaffen werden würde.“ Und weiterhin: „Wie kombinierte, wog und wechselte er aus ?“ Dann wird erklärt, wie die Alphabet-Kombinationen zu bilden sind, damit schließlich an jeder „Pforte“ der im Kreis angeordneten Buchstaben solch ein wirkkräftiges Silbenwesen zu stehen kommt.

Die hier vorgetragenen Gedankengänge sind allerdeutlichst pythagoreisch-gnostischen Herkommens und dürften dem Urheber der germanischen Buchstabensystematik vertraut gewesen sein - der ja nachweislich ca. 300 Jahre früher aus dem gleichen ldeenurstrom schöpfend sein großes Werk erarbeitete.

Auf dieses übertragen, ergäbe sich folgendes Schema: Unsere urgermanische Runenreihe ODiNG umfasst 6 Selbstlaute sowie 18 Mitlaute. (s. Abb.) Die Lautwerte der Konsonantenzeichen sind: , , , , , , , , , , , , , , , , = d, ng, l, m, b, t, s, z (nur als Endlaut), p, j, n, h, w, g, k, r, Þ, f. Als Vokalzeichen sind vorhanden: , , , , , = o, e. ei (eigentlich ein Laut zwischen e und i), i, a, u. Kombiniert man die 6 Vokale (Urlaute) jeweils mit einem der 18 Konsonanten, dann werden 6 x 18 = 108 Grundstammsilben geschaffen, aus denen sich im runentheoretischen Sinne die germanische Sprache entfaltet haben dürfte. Diese 108 Urmöglichkeiten werden hier der Reihe nach aufgezeigt:

 

 

Im Buch ,,Jezira“ heißt es abschließend: „...und so ergibt sich denn, dass alles Erschaffene und alles Gesprochene aus einem Namen hervorgeht.“ Dass mit diesem Namen, aus dem alles hervorgeht, der Name Gottes gemeint ist, liegt auf der Hand. Auch dieser Kerngedanke ist aus der Runenanordnung ablesbar. Bei den ersten beiden ODiNG-Buchstaben handelt es sich also um die erste mögliche Kombination eines Urlautes und Mitlautes, sie heißt: OD. Diese Anfangssilbe ist gewissermaßen der Kopf des runischen Buchstabenleibes. Aus diesem Beginn, dieser Ur-3 (O, 1 + D, 2 = OD, 3), fließen alle folgenden Zahlen und Buchstaben hervor. Jene einzige, wahrhafte Urstammsilbe OD ist der Kernlaut des germanischen Gottesbegriffs Wodan/Woden/Wodin, bis hin zum altnordischen Od-in bzw. Oðin (durch späteren Schwund des anlautenden „w“ vor dunklen Vokalen) sowie dem Wort Gott (as. god, ahd. got).

In germanischer Zeit, als die Eingeweihten das 24er ODING-Runensystem benutzten, wurden die Bezeichnungen des Seelengottes/Weltgeistes mit der Silbe „od“ ( ) geschrieben - und nicht mit , „oð“ ( ). Dies bezeugen die Bügelflbel von Nordendorf/Deutschland, der Stein von Thune/Norwegen und die Spange von Gårdlösa/Schweden. Hinzu kommt der Spangenfund von Værløsa/Dänemark, der aus dem 2. Jh. n.0 die Ritzung alugod „alugod“ = „Zaubergott“ führt, worunter ebenfalls Wodan zu verstehen ist.

Aus der sonnengeistigen Ursilbe OD, die den sonnengöttlichen Zahlenwert 3 trägt, ging - wie uns die Symbolsprache der Runen belehrt - Sprache und Schrift des germanischen Volkes hervor. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass diese Silbe begriffsbildender Teil der germanischen Gottesidee ist.

 

Zusammenfassung:

 

Die ehrwürdige Symbolzahl 108 verbindet den urgermanischen Sonnenwagen von Trundholm mit der gemeingermanischen Runenschrift. Ihr Begründer und Schöpfer der germanischen Wodan-Religion predigte ersichtlich, dass aus der Ursilbe OD oder der personifizierten Gotteskraft Wodan die ldeenbausteine der Schöpfung herrühren. Wodan, der germanische „Göttervater“, der Urgeist, die Ur-/Weltseele ist erkennbar selbst als solare Erscheinungsform, als Geistsonne verstanden worden. Der Runenmeister legte ihm unter dem uralt-indogermanischen Kultnamen „Ase“ den nach Einsicht der Adepten hochbedeutsamen 21. Runenplatz (mit Quersumme 3) zu. Schon das indoarische hl. Wissensbuch Veda sagt: ,,21 ist die Sonne !" Nach dem gleichnishaften Denken der alten Weisen gehen die Sonnenkräfte nach Untergang des Gestirnes hinein in die nächteerhellenden Feuer. Erlöschen aber die Flammen, dann leben die Gotteskräfte weiter im ewig wandernden Wind. Aus dem kosmischen Ur-Seelenwind Wodan wurden sonnengesetzlicher Wortsinn und welterschaffende Tat. So lautete die rekonstruierbare Metaphysik der germanischen gnostischen Gotterkenntnis.

 
Pin It