DER RUNEN-BEGRIFF „OD“

Copyright Gerhard Hess / Nov. 2017

 
 
 
DER RUNEN-BEGRIFF „OD“
 
Wie ich erschlossen habe, markiert der „Od“-Begriff eine Zentralregion des religiösen germanischen Denkens, es ist bis heute die deutsche Zentralsilbe des Wortes: „Gott“. Er meint das „Gut“ auf Erden wie im Himmel, das Odal-Gut des Landbesitzes sowie das jenseitige oder überirdische Seelen-Gut. Im Schwedischen Wort „Godis“ = Süßigkeit blieb der Sinn von Köstlichkeit erhalten. Im deutschen Wort „Kleinod“ blieb der Sinn für den Schatz des Schmuckstückes, für den kleinen Schatz bis heute haften. Der Begriff setzt sich nicht ohne guten Grund aus den beiden Runen „o“ und „d“ zusammen, welche sich in ihrer jeweiligen Einzelbedeutung als Ergänzung zum „Od“ Begriff  erklären lassen. Für heutige Köpfe sind die altgermanischen Begrifflichkeiten nicht leicht zugänglich und erst einigermaßen nachvollziehbar durch das Hineinvertiefen in das originäre Denken der Alten. Gerade die „o“-Rune othala/oðala(n), in ihrer mehrschichtigen Bedeutung, bleibt den meisten Runenfreunden ein Buch mit sieben Siegeln. Dass der Runennamen altengl. „oeðel“ mit „Heimatland“ erklärt wird, dürfte recht bekannt sein. Das odal-Gut war im Altgermanischen das Erbgut/Stammgut, das Landgut und Gehöft einer Sippe. Doch nach germ. Vorstellungen gehört zum odal-Gut eben nicht allein der Bodenbesitz, also die Erdscholle, sondern es gehören seelisch-geistige Ableitungen ebenso dazu. Im pflanzengleichen Verständnissinne prägt der Landcharakter den des Landbewohners auch mit -, der Gebirgsmensch ist ein anderer als ein Küstenmensch. Das bedeutet, dass zum odala-Erb-Gut auch die odala-Erb-Seele gehört. Noch dazu, weil der Sippentote in seine eigene Erdscholle gelegt wird, wo er „umgeht“, von wo aus er als Totengeist die Lebenden umhegt, mit geflüstertem Rat und warnendem Wink. Diesen Doppelsinn in der „o“-Rune muss man zu begreifen versuchen, wenn man ernsthaft die „o“-Rune ganzheitlich erkennen will: Zum odal-Gut gehören die heimatliche Scholle und der heimatliche Charakter ! So ist ur-germanisches Verständnis und eben auch Runen-Verständnis bezüglich der „o“-Rune. Wenn wir die „o“-Rune einem der Elemente zuteilen wollen, müssten wir sie als „erd-atomisch“ definieren, aber in der oben ausgeführten sensiblen ambivalenten Weise. In solchem ur-irdischen Element - der ersten (!) Rune - aus der sich alle folgenden 23 Runensinnbilder emmanieren, muss ja von den Runen-Weisen zwangsläufig mehr hineingeschaut worden sein, als nur ein schnöder „Landbesitz“- und „Heimatboden“-Begriff. Andererseits wäre daraus zu entnehmen, wie differenziert und umfänglich die Metapher „Heimat“ - das „heim-od“ („Heim-Gut“) - zu offenbaren sich anschickt. Zu unserer aller Heimat gehört nicht nur das Heimatland, das Vaterland, es gehört der ganze deutsche/germanische Horizont dazu, die Gedanken die sich damit verbinden, die Frauen, Mütter, Männer und Heroen die ihn im Guten und Unguten gestaltet haben.
 
Da dem alten Denkschema entsprechend die Nacht dem Tag vorausgeht und aus dem urmütterlichen Prinzip das männliche erst hervorgeht, muss der Vokal der odala-Rune, als primär weiblich, verortet werden. Ihr muss ebenso zwangsläufig eine primär männliche konsonantische Rune folgen, sie tut es mit dem „d“-Stab und -Laut. Die zweite Rune, so drängt es sich auf, darf der zweiwesigen germ. Urgott Tuisto („Zwitter“), der bereits in seinem Namen die Doppelheit ausweist, zugerechnet werden. Ist mythisch gesehen, zwar aus der Monade, der Ur-Eins eine Emmanation denkbar, so wird in der Erdenrealität allein aus der Polarität die Dreiheit der Werdung realisiert. Das Verständnisprinzip ist klar: Aus Zweien - von Mutter und Vater - entsteht das Kind. Aus den beiden Leierhörnern erklingt der Ton und aus dem zweiseitigen Kampfbogen entschwirrt der Pfeil. Am Beginn der germ. Kosmologie steht der Ur-Zwitter, mit dem, im mystischen Urgrund, der polare Himmel gemeint sein wird, welcher sich in zwiefacher Erscheinungsweise als Sonnentag und Mondnacht einzukleiden fähig ist. Er ist der mit dem gütigen blauen Himmelsmantel und der welcher mittels Blitz und Donner wüten kann. Name der „d“-Rune ist dagaz, also „Tag“, was an gewünschter Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Gemeint ist die frühe Form des arischen „Tag-Vaters“, des „Dies-Jovis“. Wollen wir sein ihm zugehöriges Element ergründen, so kommt dafür nur die „Luft“ in Frage. Diogenes identifizierte die Luft unzweideutig mit dem Himmelsvater Zeus. Anaxagoras (500-428 v.0) stellte die Luft als männlich befruchtendes Prinzip der Erde, dem Weiblich-Aufnehmenden-Ernährenden, gegenüber. Von dem röm. Dichter Ennius (239-169 v.0) ist der Ausspruch erhalten: „Jupiter, den die Griechen Luft nennen“.
 
Wir sehen also, der germanische „Od“-Begriff, für die feinstoffliche Substanz der Seele - dem höchsten „Gut“ - setzt sich aus irdischen und himmlischen, aus weiblichen und männlichen Anteilen zusammen.
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