„DIE WODINER“ ?

 
„DIE WODINER“ ?
 
 
Johann Wilhelm von Archenholz (1741-1812) entstammte einer alten hannoverschen Offiziersfamilie, war preußischer Offizier, Schriftsteller und Herausgeber mehrerer Zeitschriften, verstand sich als Weltbürger und Freigeist. Dieser brillante, belesene, findige Kopf entwickelte in dem Werk „Geschichte Gustavs Wasa, König von Schweden“, Bd. 1, 1801 - wo er seine umfassenden Kenntnisse über die skandinavischen Verhältnisse unter Beweis stellte - eine erstaunliche Theorie über Odin und die Odin-Religion. Unabhängig von dem Autor kam ich auf ähnlich lautende Vermutungen, mit einigen gravierenden Unterschieden, halte jedoch seine Ausführung für so lesenswert, dass ich sie im Folgenden wiedergebe. Etliche Jahre reiste Archenholz durch halb Europa. Er besuchte Großbritannien, Italien, Frankreich und die skandinavischen Länder. Er hatte für seine Zeit ein sehr verantwortungsvolles Verständnis von seiner publizistischen Tätigkeit. Er war bemüht, seinen Lesern sachliche, unparteiische Informationen zu liefern und ihnen keine Meinung zu verkaufen.
 
S. 8 ff: „Ein einziger Mensch, Odin, ein scythischer Flüchtling, der im zweiten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung sein Vaterland verließ, dem Römischen Joche entfloh, und hernach Schweden beherrschte, bestimmte das Schicksal dieser Nation und veränderte alles. Odin amte Moses nach; er verband die Religion aufs genauste mit den Gesetzen und den Sitten, und tat das, was einige Jahrhunderte nachher Mahomed, mit weniger Tugenden als seine beiden Vorgänger, aber mit gleichem Glück ausführte. Alle drei, obgleich höchst verschieden an Charakter, Kenntnissen, Denkungsart, Vorurteilen und Sitten, hatten doch einerlei Zweck: sie handelten zu Befriedigung ihrer Privat-Leidenschaften, wurden aber dennoch in mancher Rücksicht, bei allen ihren zum Teil monströsen Lehrsätzen, Wohltäter von Millionen Menschen, und erhielten auch alle drei nach ihrem Tode göttliche Ehre - Eben dieser Odin wurde auch der Wodan der alten Germanen, der Allvater; ihre oberste Gottheit, womit sie die höchsten Begriffe verbanden.

Schweden war jedoch den Scythen schon lange vor Odin bekannt. Von denjenigen Stämmen dieser Nation, die in den ältesten Zeiten einen großen Teil des heutigen Russlands bewohnten, hatte schon vierhundert Jahr vor der christlichen Zeitrechnung eine Völkerschaft, die Wodiner, die vor den Macedonischen Waffen flohen, die Schwedischen Inseln besucht, und sie in Besitz genommen. Von diesen Wodinern, die selbst noch Barbaren waren, lernten dennoch die in jener Zeit von den Wilden wenig verschiedenen Schweden, oder Scandier, Manches; indessen hatten die Eingeborenen in der Kultur doch nur sehr geringe Fortschritte gemacht, als Odin hier ankam. Seine Scythen waren damals ungleich gebildeter, als die Schweden, bei denen der zum Herrschen geborene Odin jetzt alles umänderte, oder vielmehr den rohen Massen der bürgerlichen und religiösen Verfassung Formen gab. Vor ihm waren die Schweden in der Ausbildung nicht viel weiter gekommen, als die heutigen Bewohner der Sandwich-Inseln. Durch ihn geleitet, strebte man vorwärts. Es wurden Tempel gebaut, Opfer festgesetzt, überdachte Gesetze gegeben, Tribunale angeordnet, und Volksversammlungen geregelt. Seine Rache gegen die Römer bestimmte ihn vorzüglich, sein Volk, noch mehr als es schon war, zu Kriegern zu bilden. Gottesdienst, Ruhmsucht, Ehrgeiz, Gier nach Beute, Rache, Furcht, Hoffnung, die mächtigsten Leidenschaften wurden hier alle zu einem Zweck vereinigt. Die großen Wirkungen eines solchen Plans konnten nicht fehlen.“
 
Seite 25 f: „Odins Dynastie, nachdem sie neunhundert Jahre lang in Schweden geherrscht hatte, nahm im Jahr 1060 in der schrecklichen Schlacht bei Wärdsberg, ohnweit Linköping, ein Ende. Ist derselben fielen die Vornehmsten des Reichs nebst, der Blüte des Adels, und gleich darauf auch die beiden um den Thron von Schweden streitenden Prinzen, Emund und Amund Jacobs Sohn, die letzten Zweige des Ynglinger Stamms, in einem Zweikampf.“ -
 
S. 81 ff: „Zu den Eigenheiten dieser Nation [Schweden] in alten Zeiten gehörten die Runen. Dies waren gewisse Figuren, die Bedeutungen hatten; anfangs wurden sie zu Denkmählern gebraucht, die man berühmten Männern nach ihrem Tode errichtete; hernach aber wurden sie auf Alles angewandt. Man sah unter dieser Benennung mit Buchstaben bezeichnete Steine, größerer und kleinerer Art; teils simpel, teils verziert, nach Maßgabe der Zeitalter und Geschlechter. Ihr Ursprung verliert sich in der Nacht des Altertums, und wurde für heilig gehalten; auch fand man in der Edda die Worte: ‘Die heiligen Götter‘ und der mächtige Alte haben zuerst Runen ‘geschnitzt‘. Es waren jedoch höchst wahrscheinlich die Scythen, eigentlich die Völkerschaft der Wodiner, die diese Runen in Schweden einführten, wo davon nach und nach ein sehr ausgedehnter Gebrauch gemacht wurde. Ursprünglich simple Monumente, hernach zu Inschriften auf Grabhügeln bestimmt, wurden sie bald die Chroniken des Landes, und endlich den Schweden ihr Alles: ihre Denksteine; ihre Reliquien; ihre moralischen Lehrbücher; ihr Codex; ihre Rechentafeln; ihre Wörterbücher; ihre Zauberinstrumente; ihre Grabmäler; ihre Liedersammlungen, und ihre Kalender. Von den Steinen ging man auf Holz über, und zwar machte man dünne Scheiben von Buchenholz, worauf man diese Buchstaben einschnitt; hernach schrieben die Schweden nach eben dieser Schnitt-Weise auch auf Bast, Baumrinde und Felle, endlich auch auf Münzen, welches bis zum zwölften Jahrhunderte statt hatte. Das Runenschneiden wurde eine Kunst, die, durch das allgemeine Bedürfnis, bald ihre Höhe erreichte, hernach aber ausartete; auch gedenkt die Geschichte zwei berühmter Runenschnitzer, Ubir und Bali, die im elften Jahrhunderte in Schweden durch ihre besondere Geschicklichkeit Aufmerksamkeit erregten. Die sogenannten Zauberer schnitten Runen in hölzerne Klötze, beschmierten sie mit Blut, und sagten dabei Gebete oder geheimnisvolle Worte her; war Unglück bei der Zauberei beabsichtigt, so stießen sie schreckliche Flüche aus, und warfen sodann den Klotz in die See. Man zählte wohl zwanzig Arten von Runen, von denen die in Klassen geordneten Zauberrunen den größten Teil ausmachten. Sie waren in wohltätige, schädliche und täuschende geteilt; Charaktere, die noch jetzt von magischen Gauklern gebraucht werden. Eigentlich aber war sechzehn die Zahl der Runen oder Buchstaben, die im allgemeinen Gebrauche, und für die Sprache der alten Schweden und Goten hinreichten. Eine jede Rune hatte einen Namen und auch ihren eignen Denkspruch; diese bezeichneten teils eine simple Bemerkung, als: ‘Jeder Fluss hat seine Mündung.‘ - ‘Viel Reiten verdirbt das Pferd.‘ - ‘Das Eis ist die breiteste Brücke.‘ - Teils hatten sie einen moralischen Sinn; als: ‘Eigentum ist der Freunde Hader.‘ - ‘Not ist eine harte Kost.‘ ‘Der Mensch ist des Staubes Vermehrung‘ etc..
 
Außer diesen National-Runen waren in einigen Provinzen, besonders in Helsingland, andre üblich. Man hatte hier fünfzehn an der Zahl, die man füglich Provinzial-Runen nennen kann; diese zeichneten sich durch ihre große Simplizität aus, die ganz die Kindheit der Volkskultur bewies. Es waren lauter einzelne Striche, zwölfgerade, und drei etwas gekrümmte, die durch ihre ungleichen Stellungen und Richtungen mit den heutigen Telegraphen viel Ähnlichkeit hatten. Ihre Bedeutung war verloren gegangen; sie wurden daher lange als Hieroglyphen betrachtet, bis im Jahr 1675 ein gelehrter Schwede, Magnus Celsius, sie enträtselte. Zu der Anwendung der Runen gehörten auch die sinnreich ausgedachten und wohlausgeführten Runstäbe, die viereckig, mit Charakteren und Bilden bedeckt, und zu mancherlei Gebrauche waren; vorzüglich aber, vermittelst einer sinnreichen Einrichtung den alten Schweden zu Kalendern dienten. So bedeutete der Pflug über den 21sten März, den Anfang der Ackerbauarbeiten; der Kuckuck über den 25sten April, die Zeit, wo dieser Vogel gewöhnlich anfängt sich hören zu lassen; der kahle Baum über den 14ten Oktober den Anfang des Winters u. s. w. Man sah ferner auf diesen Runstäben den Sonnenzirkel, die goldne Zahl, und andre auf die Veränderung der Jahreszeiten Bezug habende Dinge. In der Folge waren auch die heiligen Tage und andre mit dem Christlichen Gottesdienste verbundenen Gegenstände auf diesen Stäben bemerkt. Die Helsinger Runen, die durch ihre große Einfachheit, rohen Menschen, die alle Erlernung scheuen, angenehm sein mussten, waren nach dem Untergange der Runenbücher, noch einige hundert Jahre länger im Gebrauche; auch fand man deren in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in Schweden noch über fünfzehn hundert; als Reste von Denkmählern; in Dalecarlien aber wurden in dieser uns so nahen Zeit noch hin und wieder Spuren ihrer förmlichen Beibehaltung gefunden.“
 
 
Die Quelle - Snorris Prosa-Edda ?
 
 
Aus welcher Vorlage J.W. v. Archenholz schöpfte als er seine Theorie von dem „skythischen Flüchtling Odin“ entwickelte, bleibt nicht gänzlich unbekannt. Ähnliches schreibt beispielsweise der erste Sammler schwedischer Volkslieder der schwed. Autor Arvid August Afzelius (1785-1871) in „Volkssagen und Volkslieder aus Schwedens älterer und neuerer Zeit“, Teil I., S. , nämlich, dass die Wanen (eddisches Göttergeschlecht) ein skythischer Volksstamm gewesen sei der nach Schweden einwanderte. „Von diesen asiatischen Volksstämmen wanderten, etwa vier oder fünf hundert Jahre vor Christi Geburt, mehrere aus ihrem damals unruhigen Lande nach unseren ruhigen nordischen Gegenden aus. Die merkwürdigsten darunter waren die Scythen und Gothen, die weit von Südosten her durch das jetzige Russland kamen; und da sie die Gebirgsgegenden bereits von den älteren Landesbewohnern, den Riesen und Lappen, besetzt fanden, so ließen sie sich in den Ebenen und Küstenländern nieder und gaben dem Lande den Namen Scythia und Gothia, oder Scythiot, woraus Swithiod wurde, und Göthiod, was in den alten Schriften Gauthiod geschrieben wird, oder das Svea- und Götha-Reich.“ Beide Autoren müssen aus einer älteren schwedischen Quelle geschöpft bzw. einen Gedankenanstoß erhalten haben. War eine dieser Impulsgeber Snorri Sturlusons Prolog zur Prosa-Edda ?
 
Der schreibfrohe isländische Politiker, Historiker und Dichter Snorri Sturluson lebte von 1178/9 bis 1241. Er schätze die alten Island-Sagen, doch er war ein christlich geprägter Realpolitiker, der versuchte, die nordischen Legenden und Göttersagen der damals zunehmend dominanten kirchlichen Geisteshaltung anzupassen, die manisch dem „Ex oriente lux“-Gedanken huldigt. So mussten auch Odin und seine Asen aus Troja und Asien eingewandert sein. Dazu führt Snorri im Prolog seiner „Prosa-Edda“ aus: (3) „Nahe der Mitte der Welt wurde in dem Land, das wir Tyrkland nennen, die Siedlung erbaut, die am berühmtesten war und die Troja heißt. Diese Stadt war viel größer als andere und in vieler Art mit mehr Kunstfertigkeit erbaut, mit Aufwand und Mitteln, die dort vorhanden waren. … Er war mit der Tochter des Großkönigs Priamus verheiratet, die Troan hieß. Sie hatten einen Sohn namens Tror, den wir Thor nennen. … Sein Haar war glänzender als Gold. Als er zwölf Jahre alt war, hatte er schon seine volle Körperkraft; in diesem Alter hob er zehn Bärenfelle auf einmal vom Erdboden empor … Er besiegte ganz allein alle Berserker und Riesen, den gewaltigsten Drachen und viele wilde Tiere. In der nördlichen Welthälfte traf er die Seherin mit Namen Sibil, die wir Síf nennen, und heiratete sie. … [Daraus entstammte] Fríallaf, den wir Friðleif nennen; er hatte den Sohn, der Vóden genannt wird und bei uns Odin heißt. Er war ein an Weisheit und allen Fähigkeiten hervorragender Mann. Seine Frau hieß Frígíða, die wir Frigg nennen. (4) Odin besaß wie seine Frau die Sehergabe, und aus seine Visionen erfuhr er, dass sein Name oben in der Nordhälfte der Welt bekannt sein würde und dass er dar über hinaus von allen Königen geht würde. Aus diesem Grund wollte er seine Reise von Tyrkland antreten. Er führte eine große Gefolgschaft mit sich, junge und alte Menschen, Männer wie Frauen, die viele wertvolle Dinge bei sich hatten. Und in den Ländern, durch die sie zogen, erzählte man viel Ruhmreiches über sie, so dass sie Göttern ähnlicher als Menschen schienen. Sie unterbrachen ihre Fahrt nicht eher, als bis sie nordwärts in das Land kamen, das heute Sachsen genannt wird. Dort blieb Odin lange Zeit und nahm das Land weit und breit in Besitz. Er setzte seine drei Söhne zum Schutz des Landes ein: Der eine hieß Vegdeg; er war ein mächtiger König und herrschte über Ost-Saxaland. Sein Sohn war Vitrgils, dessen Söhne waren Vitta, der Vater Heingests, und Sigarr, der Vater des Svebdeg, den wir Svipdag nennen. Der zweite Sohn Odins hieß Beldeg, den wir Balder nennen; er besaß das Land, das jetzt Westfalen heißt. Sein Sohn war Brand, dessen Sohn Frjóðigar, der bei uns Fróði heißt. Ihm folgten Freovin, Wigg, Gevis, den wir Gavi nennen. Der dritte Sohn Odins wird Siggi genannt, sein Sohn Rerir. Ihre Nachfahren herrschten über das Land, das jetzt Frankenland heißt. Von dort stammt das Geschlecht der Völsungen. Von ihnen stammen große und viele Sippen ab. Danach setzte Odin seine Reise in den Norden fort und kam in das Land, das sie Reiðgotaland nannten. Er nahm dort alles in Besitz, was er wollte. Über dieses Land setzte er seinen Sohn namens Skjöld, dessen Sohn war Friðleif. Daher entstammt das Geschlecht der Skjöldungen. Das sind die dänischen Könige, und das Land, das damals Reiðgotaland genannt wurde, heißt heute Jütland. (5) Danach zog er weiter nordwärts in das heutige Schweden. Dort herrschte der König der Gyl genannt wird. Als er vom Zug der Asiaten, die man Asen nannte, erfuhr, reiste er ihnen entgegen und bot ihnen an, Odin könne in seinem Reich so viel Macht haben, wie er selbst wolle. Und ihrer Ankunft folgte die Zeit, in der überall dort, wo sie sich aufhielten, reiche Ernten und Friede herrschten. Alle glaubten, dass sie deren Verursacher seien; denn die herrschenden Männer stellten fest, dass sie anders als andere Menschen waren, die sie bisher gesehen hatten, sowohl in ihrer äußeren Schönheit als auch an Verstand. Dort schien es Odin gutes Land und andere Vorteile zu geben, und so entschied er sich dafür eine Stadt, die jetzt Sigtuna heißt. Dort setzte er die Oberhäupter so ein, wie es in Troja gewesen war. Er bestimmte zwölf Anführer in diesem Ort, die Landesgesetze beschließen sollten. So ordnete er alles Recht, wie es früher in Troja gewesen war und wie es die Tyrken gewohnt waren. (6) Danach zog er noch weiter nach Norden, so weit, bis er an das Meer kam, von dem sie glaubten es begrenze das ganze Land. Dort setzte er seinen Sohn über das Reich, das jetzt Norwegen heißt. Er wird Sæming genannt, und die norwegischen König führen ihr Geschlecht auf ihn zurück, ebenso die Jarle und andere mächtige Männer, wie es im Gedicht der Halogaländer heißt. Aber Odin hatte einen weiteren Sohn bei sich, der Yngvi genannt wird. Der war nach ihm in Schweden König, und von ihm stammt das Geschlecht der Ynglinge ab. Die Asen nahmen sich dort im Land Frauen, und manche verheirateten ihre Söhne. Diese Sippen wurden so zahlreich, dass sie sich über Sachsen und den ganzen Norden ausbreiteten. So wurde die Sprache der Asiaten die Landessprache in allen diesen Gebieten. Die Menschen glauben dies deshalb erkennen zu können, weil die Namen ihrer Vorväter niedergeschrieben wurden. Denn die Namen gehörten zu dieser Sprache, und die Asen haben eben diese Sprache hierher in den Norden gebracht, nach Norwegen und Schweden, nach Dänemark und Sachsen. Aber in England gibt es alte Landes- und Ortsnamen, bei denen zu erkennen ist, dass sie aus einer anderen Sprache stammen.“
 
 
Anregungen von Nord-Südost und Südost-Nordwest
 
 
Obwohl die Konstruktionen des christlich geprägten Snorri Sturluson in ihrer Absicht durchschaubar und völlig abwegig sind, ist es die Theorie einer geistigen Befruchtung aus dem europäischen Südosten keinesfalls. Wie die Gen-Wissenschaft feststellte, gab es keine Einwanderung südasiatischer Stämme in den Norden. Keine geschlossen Volksgruppe zog jemals von Süd nach Nord, ins Dunkle, Kalte, Herbe hinein ! Skandinavien ist zwar - nach Rückgang der Vergletscherung - von Deutschland aus besiedelt worden, aber von autochthonen ureuropäischen Steinzeitjägergruppen. Von denen stammen ebenso die Skythen ab. Das waren blondhaarige Indogermanen von hohen Geistesgaben, mit einem enormen handwerklichen Geschick, insbesondere bei der Metallverarbeitung und dazu mannhafte, gefürchtete, respektable Krieger. Die Kultureinflüsse aus dem thrakisch-skythischen Nordbalkanraum bzw. dem Donaumündungsgebiet, den West- und Norduferbezirken des Schwarzen Meeres nach Skandinavien, sind belegt. Ein gegenseitiger Austausch von Impulsen ist ebenso nachzuweisen. Schon die sog. „Seevölker“, die zum Ende des 13. vorchristlichen Jahrhunderts und Beginn des 12. versuchten, das fruchtbare, reiche Ägypten zu erobern, setzen sich aus Kriegerscharen urverwandter Völker aus dem Donauraum, der Nordseeküste und dem Balkangebiet zusammen. Die Hyperboreer, womit in der Antike die Nordsee- und Ostseeanrainer bzw. die Schweden verstanden wurden, sandten  bekanntlich Weihegeschenk zum Apollon-Heiligtum von Delos, wobei ihre Gesandtschaften über Skythen- und Thrakergebiete reisten. Man wusste voneinander. Aber bekannt ist auch, dass die antiken Südeuropavölkerschaften zwischen Germanen und Skythen nicht zu unterscheiden wussten. Ab dem 3. Jh. v.0 teilten die Griechen die Völker im Norden in zwei Gruppen ein: Kelten westlich des Rheins und Skythen östlich des Rheins, insbesondere nördlich des Schwarzen Meeres. Die Verwendung des Begriffs Germanen für die östlich des Rheins siedelnden Stämme ist erstmals vom griechischen Geschichtsschreiber Poseidonios um das Jahr 80 v.0 überliefert. Im 3. Jahrhundert n.0 sowie zur Zeit der Völkerwanderung wurden alle Völker am Nordrand des Schwarzen Meeres von den klassizistisch orientierten Geschichtsschreibern als Skythen bezeichnet, auch die Goten. Für den gotischen Geschichtsschreiber Jordanes (Mitte 6. Jh.) grenzt Skythien an Germanien. Skythien erstreckt sich von der Donau und der Weichsel bis zum Ural und dem Kaspischen Meer. Auf der Halbinsel Krim lebten gotische und skythische Stämme bis ins 3. Jh. zusammen. Berücksichtigt man diese Sachlagen, ist es unmöglich im Nachhinein einen Germanen von einem Skythen zu unterscheiden.
 
Hinzu kommt, dass nach der Schlacht von Edirne-Adrianopel (thrakisch Odrysai / bulgarisch Odrin), die im bulgarisch-griechisch-türkischen Dreiländereck, in Ostthrakien (heute Türkei) liegt, eine nochmalige starke Bevölkerungsverschiebung stattfand. Dort wurden im Jahre 378 dort die Römer unter Kaiser Valens von den Goten am 9. August 378 geschlagen. Die Reiterhorden der mongolischen Hunnen hatten das Gotenreich, das den europäischen Südosten dominierte, im Jahre 375 überrumpelt. Terwingische und greutungische Goten und iranische Alanen strömten mit Weibern und Kindern auf der Flucht nach Westen und Südwesten in römische Reichsgebiete hinein. Die terwingischen Goten, unter ihren Führer Fritigern, hatten den Übergang über die Donau und die Aufnahme ins Römerreich erbeten und schließlich 376 erzwungen. Man behandelte sie schlecht, man ließ sie hungern. Am 09.08.378 beabsichtigte der oströmische Kaiser Valens mit seinem Heer die Goten endgültig niederzumachen. Valens ließ seine Legionen auf die Wagenburg der unterschätzten Goten zumarschieren. Doch die Goten mit ihren Verbündeten siegten. Nur ein geringer Teil der römischen Soldaten konnte flüchten, fast alle übrigen wurden auf dem Schlachtfeld getötet, dem Kaiser Valens erging es nicht besser. Auch der folgende Kaiser Theodosius I. unterlag 380 nochmals den Goten und strebte, nach weiteren Gefechten, schließlich im Jahre 382 eine Einigung an. Er ließ die Goten - zu sehr freiheitlichen Bedingungen - sich im Gebiet Thrakiens und Mösiens, des heutigen Bulgarien, ansiedeln. Diese Goten wurden keine römischen Bürger, sondern hatten eigene Gesetze und eine eigene politische Spitze. Sie leisteten dem Reich im Gegenzug militärische Hilfe bei Bedarf.
 
Nun zurück zum Autor J.W. Archenholz. Wenn er meinte, ein Skythe namens Wodin/Odin hätte den Schweden in der röm. Kaiserzeit bzw. im Frühmittelalter die Religion und die dazugehörenden Runen beigebracht, so könnte das tatsächlich - wohl aber zeitlich mit einem früheren Ansatz - so gewesen sein. Aber ein „Skythe“ aus dem Nordbalkanraum des alten Thrakiens, in etwa dieser Zeitstellung, wäre wohl eher ein Gote gewesen !
 
J.W. Archenholz Zeitansatz -„zweites Jahrhundert“ - kann schon deshalb nicht stimmen, weil die Goten vor dem Beginn ihrer Südwanderung die runische Schrift gekannt haben müssen. Zur Zeitenwende siedelten die Goten im Bereich der Weichselmündung. Tacitus (Germania c. 44) nennt 90 n.0 die Gutonen im Zusammenhang mit den dortigen Rugiern. In der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts zogen Teile des Volkes nach Südosten zum Schwarzen Meer. Im Jahr 311 n. 0 wurde der von einem gotischen Vater gezeugte Wulfila im Dorf Sadagolthina (südöstlich von Ankara) in Kappadokien geboren. Erstmalig in Erscheinung trat der gebildet junge Mann 332 als er eine gotische Gesandtschaft nach Rom begleitete. Schon um 325 gab es einen Bischof namens Theophilius im Bistum „Gothia“ auf der Krim. 341 wurde Wulfilas in Konstantinopel zum arianischen Bischof für „Gothien“ geweiht. Ihm galten Gott und Christus nicht völlig wesensgleich. 325 wurde diese Lehre auf dem Konzil zu Nicäa verboten. Kaiser Constantius II. erlaubte sie wieder. Wulfila versuchte seinem Gotenvolk diese Religion zu vermitteln. Er stieß auf starken Widerstand. 347/348 empörte sich das Volk gegen die fremdgedanklichen Umtriebe und es fand eine Art Christenverfolgung statt. Wulfila flüchtete nach Mösien (Bulgarien), wo seine Übersetzung im nordbulgarischen „Nicopolis ad Istrum“ entstand. Mit der Übersetzung der Bibel in die gotische Sprache schuf er ein gewichtiges Sprachdokument. Er entwickelte zunächst eine neue gotische Schrift. Warum er zur Übersetzung nicht die vorhandenen Runen benutzen wollte ist höchst verständlich, nämlich weil diese, Buchstabe für Buchstabe, die heidnische Religion der Goten transportiere. Wulfila nutze zwar bei seiner Schrifterfindung einige Runenzeichen und lateinische Buchstaben, doch lehnte er sich stark an das griechische Alphabet an. Für den Laut wie englisch „th“ nutzte er den Runenbuchstaben „z/R“. 369 bis 372 kam es unter Athanarich erneut zu einer gotischen Christenverfolgung. Erst unter Führer Fritigern, der sich zum Arianismus bekannte, konnte Bischof Wulfila ungestört seinen Versuchen der Goten-Bekehrung nachgehen. Wulfila übersetzte sowohl das Alte als auch das Neue Testament. Jedoch ist nur von letzterem ein Teil erhalten. Er wird als „Codex Argenteus“ (Buch aus Silber) bezeichnet. Der Text zählt zu den ältesten schriftlichen Zeugnissen einer germ. Sprache. Der Codex wurde um 500/ 510 unter Theoderich dem Großen in Brixen (Südtirol) geschrieben. Der ursprünglich mindestens 336 Blätter umfassende Codex ist mit silber- und goldfarbener Tinte auf purpurfarbenes Pergament geschrieben. In der alten Reichsabtei, dem Benediktiner-Kloster Werden an der Ruhr wurde er aufbewahrt, später von Kaiser Rudolf II. in die Prager Burg gebracht und im Dreißigjährigen Krieg durch schwedische Plünderer geraubt. Über holländische Umwege befinden sich die verblieben 187 Blätter heute in der Universitätsbibliothek von Uppsala in Schweden.
 
Am Osthang des Berges Istritza in der Nähe des Ortes Pietroassa (heute Pietroasele), unweit der rumänischen Hauptstadt Bukarest, wurde der gotische Runen-Halsring, mit weiteren 22 zum Teil sehr wertvollen Gegenständen, gefunden. Hier lassen sich für die Jahre um 350 zwei gotische Siedlungen nachweisen. Der Hort wurde ganz offenbar in den schlimmen Zeiten des Hunneneinbruchs 375 vergraben. Die Inschrift des Halsringes ist im Älteren-Futhark rechtsläufig geritzt. Die Buchstabenfolge lautet gutaniowi hailag“, was übersetzt wird als „Gutani o(þal) wi(h) hailag“ bzw. „der Goten Erbbesitz, geweiht [und] unverletzlich/geheiligt“. Dieser Fund allein macht die Theorie unmöglich, dass die Goten des 2. Jahrhunderts in Schweden die Runen erst gelernt haben sollen, wo sie mit diesen schon zweihundert Jahre später in Rumänien geschrieben haben. Der „Skythe“ namens Odin hätte sich den gewaltigen Umweg über Schweden ersparen können, er hätte den aus Skandinavien hergewanderten Germanen im europäischen Südosten Runen und Religion beibringen können. Aber beides hatten sie, aus ihrer Nordheimat mitbringend, schon im ursprünglichen Reisegepäck.  
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