ASTROLOGISCH-RUNISCHER WELTWESENKREIS

Copyright © Gerhard Hess -Juni 2015
Relief des Phanes, ca. 2. Jh. n. 0 - Modena Galleria Estense

 

Phanes (Erscheinender / Leuchtender) war eine urgöttliche Glaubensgröße der Orphiker, die als Erscheinungsform des kosmogonischen Eros mannweiblich aus dem Urwelt-Ei  hervorging, geschaut als Ur-Mensch [Mannus], geistiger Lichtträger, dem Helios gleich, Heilbringer der Menschheit und thronender Göttervater [Wodin] zugleich.

 
DER ASTROLOGISCH-RUNISCHE WELTWESENKREIS
 
 
 
Als Tierkreis oder Zodiak (lat./gr. „Lebewesenkreis“), bezeichnet man bekanntlich den scheinbaren jährlichen Sonnenweg durch die verschiedenen Sterngruppenzonen. Durch die Verschmelzung babylonischer Traditionslinien mit der griechischen Philosophie und Astronomie im geistigen Hellenismus - der sich ab dem 4. vorchristlichen Jahrhundert durch die Schaffung des mehrere Volkskulturen umspannenden Reichs Alexanders des Großen entfaltete - entstand die Astrologie wie wir sie heute kennen. Jene aus babylonischer, ägyptischer und griechischer Weisheit zu einem umfassenden Weltverständnissystem zusammengewachsene Kosmologie übernahm von der griechischen Astronomie den tropischen Tierkreis/Weltwesenkreis, der seitdem in der westlichen klassischen Astrologie benutzt wird. Der Tierkreis spiegelt und entfaltet sich nach Auffassung seiner Gläubigen im menschlichen Körper. Der Widder steht für den Kopf, Stier für den Nacken, Zwillinge für die Schultern und so fort, bis zu Fische für die Füße. Weil der Tierkreis eben ein Kreis ist, der sich wieder schließt, steht Fische nicht nur sinnbildlich für die Füße sondern auch für das Schädeldach. Dort wo alles anfängt, hört das Kreiskonzept auf und beginnt gleichzeitig wieder von neuem. Es ist davon auszugehen, dass der Runenschöpfer das astrologische Schema gekannt hat und ihm bei der Entwicklung seines sakralkalendarischen ODING-Runen-Kreises Rechnung zu tagen versuchte -, was ihm überzeugend gelang.   
 
 
Der siderisch-astrologische Weltwesenkreis war, trotz seiner Bindung an die Sterne, von Anbeginn auf die Jahreszeiten, also auf das landwirtschaftliche Erlebnisjahr des Menschen bezogen. Das war möglich, weil zu seiner Entstehungszeit im sog. Widderzeitalter das astrologische Schema mit dem was man trophische Astrologie nennt - die den Wesenkreis mit Äquinoktien und Solstitien harmonieren lässt - noch übereinstimmte. Bedingt durch die Rotation der Erdachse, welche den Effekt der Präzession hervorruft, entfernte sich aber zunehmend die trophische, von der siderisch-astrologischen Verständnisweise, welche die Jahreszeiten abkoppelte. Der Astronom und Mathematiker Hipparchos von Nicäa (um 190-120 v. 0) gilt als Entdecker der Präzessionsbewegung. Zumindest seit seiner Zeit konnte die reziproke Verschiebung des Frühlingspunktes bzw. des Himmelskreises erkannt und berücksichtigt werden. Als Frühlingspunkt bezeichnet man den Schnittpunkt des Himmelsäquators mit der scheinbaren Sonnenbahn durch den Fixsternhimmel (Ekliptik) -, er wird zumeist am 19./20./21. März erreicht, wobei es zur Tagundnachtgleiche (Äquinoktium) kommt. Weil der Frühlingspunkt zur Zeit der astrologischen Systemausbildung im Sternbild 0° „Widder“ lag, wird er auch Widderpunkt genannt. Claudius Ptolemäus (2. Jh. n.0), der Autor des Schule machenden Standartwerkes „Almagest“, setzte den Anfang des 1. Zeichens „Widder“ mit dem Frühlingspunkt gleich, obwohl er zweifellos erkannt hatte, dass der Frühlingspunkt sich aufgrund der Präzession verschoben hatte. Damit scheint Ptolemäus das trophische - das vom wahren Sternenstand unabhängige - Astrologie-Schema hoffähig gemacht zu haben.
 
 
„WIDDER“
 
 
In dem entsprechenden Sternbild sahen die Ägypter und Griechen einen Widder, denn die Babylonier nannten es Agru = Mietling. Marcus Manilius (1. Jh.) setzte bei seinem Lehrgedicht „Astronomica“ in den 1. Dekan „Widder“ das Widdersymbol des widderköpfigen Jupiter Ammon, also in jene Jahreszeit, „wo man sät“, wie es in einem alten Text heißt. Eine Legende um Dionysos beschreibt den Zeus-Widder als Retter vor dem Verdursten in der Wüste, weswegen der Widder als Führer des Heeres zugleich auch den Widder als Führer der 12 Sternbilder des Zodiakus verständlich machen sollte. Die Erquickung des Heeres deutet auf die Wiederbelebung der Welt zur Frühlingszeit hin. Diesem Verständnis folgend setzte der Runenschöpfer in den „Widder“ sein Zeichen für den analogen germ. Gott Teiwaz-Tiu-Tyr . Die Verbindung der Göttin Athena mit oder auf dem „Widder“ sowie der im Ekliptik-Kreis gegenüber liegenden „Waage“, zeigt eine Gemme. Aus weiteren Quellen geht zweifelsfrei hervor, dass Athena im Sternbild „Widder“ lokalisiert wurde. Die kunstsinnige und kriegerische ägyptische Schutzgöttin Neith hat schon Herodot mit Athena gleichgesetzt. Die Neith wurde als Schöpfergöttin geglaubt, die den Sonnengott Re gebar. Das Bild der Athene und des „Widders“ galt in Athen als besonders wirksam. Dergestalte Maßgaben veranlassten den Runenschöpfer in den „Widder“ - vor dem Gott Tiu - die germ. Muttergöttin Freia unter ihrem Kultnamen „Birke“  zu setzen.
 
 
„STIER“
 
 
Der Namen des Sternbildes „Stier“ als „Himmelsstier“ steht für die Sumerer u. Babylonier fest, obwohl es im ältesten babylonischen Text fehlt. Mit dem Stier verbinden sich zwar Vorstellungen von Zeus, doch der ägyptische Mythos der Sothis-Kuh und der griechischen Io-Kuh haben in dieses Sternbildverständnis hineingewirkt. Der Ekliptik-„Stier“ hat aber den Runenschöpfer bewogen, als Folgezeichen des  , ein Sonnen-  und dann ein Fruchtbarkeits-Sinnbild  einzuordnen, denn der indogerm. Zeus-Jupiter-Tiu trug in alter Zeit Stier-Attribute. Die mythische Verbindung von Sonne und Stier bezeugen die bronzezeitlichen skandinavischen Felsritzbilder aufschlussreich. Die Bildsäule des Zeus zu Olympia hatte das Antlitz gegen Morgen gewandt, auf der einen Hand hielt er den Adler, in der anderen den Blitz und sein Haupt schmückte ein Kranz von Frühlingsblumen, so dass er als die befruchtende, nährende Kraft des Frühlings (  ) erscheint. Der Licht- und Sonnenstier, der die Sonne in der ägyptischen Sonnenstadt repräsentieren sollte, war „Mnevis“ („Stier von Heliopolis“), er trug in der Ikonographie die Sonnenscheibe zwischen seinen Hörnern. Apis war der griech. Name des heiligen Stieres von Memphis, der als Verkörperung des Schöpfergottes Ptah angebetet wurde. Auch der babylonische Stadt- u. spätere Reichsgott Marduk galt als „Sonnenstier“ / „Sonnenkind“. Der Mithraskult, der seit dem 1. Jh. n.0 im ganzen röm. Reich an Bedeutung gewann, lehrte den iranischen Heros / Gott Mithra als mit dem Sonnengott Helios identisch bzw. als „Sol invictus“ = „Unbesiegter Sonnengott“. Auch der griech. Gott der Vegetation Dionysos, der aus dem nördlichen Thrakien eingewandert war - von den Römern mit ihren Gott Liber gleichgesetzt - konnte in Stiergestalt gesehen werden. Als Fruchtbarkeitsgott verband sich mit ihm die Vorstellung von regelmäßigem Tod und folgender Auferstehung. Das entsprechende Frühlingsfest der „Anthesterien“ wurden im mittelmeerischen Klima zum Februar gefeiert, während der Runenschöpfer sein Auferstehungszeichen der Algiz-Rune  in den „Stier“ zu Mitte Mai einreihte. Die folgende Perðo-Rune  , der venus-gleichen germ. Frühlingsgöttin des Kultnamens Perðo-Peratha, zirkuliert im Grenzbereich von „Stier“ und „Zwilling“, so dass der ekliptische Sternenstier diesbezüglich als „Weiße Kuh“ (Io) zu verstehen gewesen sein wird.
 

„ZWILLING“

 
Im Sternbild „Zwilling“ gewahrten die Astrologen die Zwillinge Kastor und Pollux, zwei nackte sich an den Schultern umschlingende Jünglinge. Diese Göttersöhne, die „Dioskuren“, waren den Germanen als Alken bzw. „Hirschbrüder“ bekannt. Der Dioskuren-Kult hatte bei den nordischen Dorern des Peloponnes (Sparta) große Bedeutung. Auf einer alexandrinischen Kaisermünze sind die „Zwillinge“ als Herakles (mit Keule) und Apollon (mit Kithara) dargestellt. Auf einer Marmortafel von Bianchinis treten sie als Mann und Weib auf, in Anlehnung an die ägyptischen Zwillinge Gott Schow und Göttin Tefenet. Hellenistische Darstellungen von Apollon und Artemis und sind wohl Angleichungsversuche. Im christlichen Mittalter wurden daraus schließlich Adam und Eva. Im Monat Bei den „Zwillingen“ handelt es sich um ein Sinnbild des voneinander abhängigen Gegensatzes. Aus dem Umstand, dass die Dioskuren (germ. Alken) bereits im Altertum als Symbole für die Himmelshälften geschaut wurden, könnte es sich erklären, warum der Runenschöpfer die Weltbaum-Eiben-Rune   in die „Zwilling“-Phase hineinstellte und in deren Folge auch die Jahr- bzw. die Jahresteilungs-Rune  . Denn der Weltenbaum, mit seinem Himmels-Wipfel und seinem irdischen Wurzelwerk, stellt das räumliche Zwillingshafte ebenso dar, wie die Jahr-Rune die Zwillingshaftigkeit der Zeit in Vergangenheit und gegenwärtiger Werdung versinnbildlicht. 
 

„KREBS“

 

Der „Krebs“, in Form des Großen Taschenkrebses oder der Meerkrabbe, erscheint auf ägyptischen Himmelsbildern als Käfer, in babylonischen Quellen ist er nicht zu finden. Der „Krebs“ steht in der für Griechenland und den Nahen Osten trockensten Jahreszeit, so wird er zwangsläufig mit der Dürre in Zusammenhang gebracht. In ihm hat die Sonne ihren nördlichsten Punkt erreicht und geht, vergleichsweise krebsartig im Rückwärtsgang, auf ihrer schiefen Bahn seitwärts zurück nach Süden. In seiner Sternsage hat ihn Hera, die griech. Göttermutter, gegen Herakles gesandt, um diesem in den Fuß zu beißen. Der Riesenkrebs namens Karkinos griff den Herakles tatsächlich schmerzhaft am Fuße an, eine Tat wofür er von Hera als Dank an den Himmel versetzt wurde. Herakles, der als heroische Sonneninkarnation gesehen werden muss, was schon sein Zodiak-Bezug in Gestalt der „12 Arbeiten“ erweist, wird in einer anzunehmenden frühen jahresmythischen Legendenform durch den Fersenbiss zum Hinkenden und zum Sonnenrücklauf genötigt. Schon der griech. Ependichter Panyassis (um 505-455) verglich die Herakles-Arbeiten mit den Ekliptik-Stationen der Sonne. Der negative Charakter des „Krebses“ geht aus dem Fersenbiss hervor, wie auch die von ihm scheinbar hervorgerufene jahreszeitliche Dürre, sowie die mit ihm beginnende Abwärtsbewegung der Sonne. Der Runenschöpfer, den nordischen meteorologischen Verhältnissen verpflichtet, setzte die Eis-Rune   als signifikantestes nordisches Todes-Zeichen in den „Krebs“, obschon auch in germanischen Breitengraden im „Krebs“ die Sommerhitze brennt. Das Sterben des Jahres beginnt mit ihm und die Hitzewallung des Juni könnte sogar als unheilverkündender Fieberschauer, also als Krankheitssymptom des Jahrganges verstanden worden sein. Im wechsel-unterworfenen Grenzbereich zwischen „Krebs“ und „Löwe“ befindet sich die Naut/Neet-Rune   der Notwendigkeit. Sie scheint mit dem negativen „Krebs“-Aspekt in Zusammenhang zu stehen, doch ihre echten astrologischen Bezüge bleiben verschwommen. Ein brauchtumsmäßiger Schadensbegrenzungs-Ritus könnte gemeint sein, wie ich an anderer Stelle ausführte.

 

„Löwe“

 

Der verstirnte „Löwe“ wird als babylonischen oder gleichermaßen ägyptischen Ursprungs bezeichnet, hieß bei ersteren auch „Großer Hund“, bei letzteren wird er mit Re, dem Sonnengott, identifiziert. Der große Stern auf des „Löwen“ Brust benannte man im Babylonischen „König“. Gilt ja der Löwe als „Herr der Tiere“ oder ihr „König“, so dürfen in seinem Bereich hohe mythische Größen erwartet werden. Der astrologische Lehr-Dichter Marcus Manilius bringt ihn im 1. Jh. n. 0 mit der großen Göttin Cybele in Verbindung, die auf einem Wagen sitzend dargestellt wurde, der von Löwen gezogen wird. Ihr Mythos dreht sich um den Geschlechterdualismus, er erklärt die Weltentstehung durch das universale Zusammenwirken des männlichen und des weiblichen Elements. Im „Löwe“ liegt die 2. im altgläubigen Religionskonzept starke Dioskuren-Rune „Hagel und Heil“  , woraus in christlich-mittelalterlicher Ära die insbesondere von der Landbevölkerung angerufenen beiden „Wetterherren“ wurden. Die dioskurischen Göttersöhne – im Germanischen Alkes genannt – wurden als personifizierte Teilwesenheiten der göttlichen Weltgesamtheit geglaubt. Obwohl die als „Zeus-Söhne“ die Repräsentanten des Himmelsgottes waren, hatten sie deutliche Bezüge zum weiblich Numinosen. Die Kultdiener der wandalischen Alkes in Schlesien trugen - laut C. Tacitus - weibliche Kleidung. Das Zwillingspaar der Dioskuren, lat. Castorund Pollux geheißen, sind in den Mythen eng verknüpft mit ihrer Schwester Helena, die in späterer Zeit als Weltseele gedeutet wurde. Aber auch in den Dioskuren-Legenden von Altindiens bis zum Baltikum hat ein weiblich-göttliches Wesen bedeutenden Anteil in den Dioskuren-Mythen. Die folgende im „Löwen“ befindliche Rune , die „Wonne“-Hieroglyphe, steht für eine Erscheinungsform des großen Gottes und wird also ihrem „Löwen“-Standort gerecht. Sowohl die Hieroglyphenform des altägyptischen Gottes-Zeichens wie auch sein Zahlenwert 8, weisen auf die „Wonnen“ des höchsten Himmelsherrn hin, die jene Seelen erlangen die in die Sphären des 8. Himmels aufsteigen.


„Jungfrau“


Die verbreitetste Darstellung zeigt eine geflügelte Frau. Ihr hellster Stern „Spica“ wird als ihr Attribut, die Kornähre oder mehrere Ähren, gedeutet -, seltener als Füllhorn. Sie wurde von den Interpreten als die Göttin Demeter, Ceres, Astarte, Ischtar, Kybele, Aphrodite, Isis, Hekate, Dike/Themis (Justitia) bis zur „Ährenmadonna“ und „Vigo Maria“ in christlicher Ausdeutung. Auch als die Hyperboräerin Upis, die die Weihegarben der Ähren aus dem Norden nach Delos brachte, ist sie vermutet worden. Das folgende Sternbild „Waage“ legte Ausdeutungen als die Gerechtigkeitsgöttin nahe, so dass die „Jungfrau“ in alten Abbildungen ebenso eine Waage in Händen halten konnte. Der Runenschöpfer hat diesen Aspekt hervorgehoben, indem er die Rune „Gibor / Gabe“  in die Zeitspanne eingab. In ihrer Malkreuz-Form erinnert sie an das Gebot der Ausgewogenheit von Gabe und Gegengabe, den menschlichen Opfergaben und den erwünschten und erhofften Gottesgaben. Es ist die Jahresphase des Ernteabschlusses und mithin der Dankesopferfeste für den Erntesegen, welcher in Gestalt der „Ähren“ der „Jungfrau“ am Himmel im verstirnten Bild versinnbildlich wurde. Der Frühaufgang des Gestirns hat bei den Griechen das erdmütterliche Demeter-Fest bestimmt. Die Fackeln, Fackel-Prozessionen waren beim Erdmutterfest der Demeter üblich. Fackeln, wie auch die Flügel der „Jungfrau“, erklären sich zusätzlich als Attribute der weit über ägyptische Grenzen hinausgetretenen Isis-Kulte. Die nahe Herbstgleiche zum 23. September war mit dem Zurücktreten des Tageslichtes ein Signal für den Beginn der Kienspanzeit. Der Runen-Vater trug diesem Umstand Rechnung indem er hier die „Kienspan“-Rune   in sein Jahresmodell eingab, welche in mehreren Runen-Begriffen ausgedeutet wurde (kin-kahn-kaun = Fackel-Totenschiff-Krankheit), die aber sämtlich dieser düster werdenden Jahresabstiegsphase Rechnung tragen.
 

 „Waage“

 
Wann das Sternbild „Waage“ eingeführt wurde, ist zweifelhaft, aber sicher ist, dass es kalendarischen Ursprunges ist, denn es bezieht sich auf die Tag- und Nachtgleiche. Die Astrologen der hermetischen Texte des 4. Jhs. v. 0 führten wohl die „Waage“ ein, während die Astronomen Eudoxos, Arat, Hipparch, sogar noch Ptolemäos zumeist in der „Waage“ die Scheren des „Skorpion“ sahen. Die „Waage“ scheint ein ursprünglich ägyptisches Sternzeichen zu sein, spielt sie doch eine wesentliche Rolle im Totengreicht der Osiris-Religion. Osiris galt als der Totenrichter an der Waage der die Seelen wiegt, wie es das „Totenbuch“ darstellt. Auch für jene Schulen die in der „Jungfrau“ Erscheinungsformen der „Göttin der Wahrheit und Gerechtigkeit“ sahen bzw. die Dike („Gerechtigkeit“), eine der Horen, oder Eunomia und Themis, die Personifikationen der „Guten Ordnung“.  Der Runen-Erfinder stellte sinnigerweise in die „Waage“ die „Rad-Reid“-Rune  (Fahrt- und Wagen-Symbol) und die „Asen“-Rune  der runischen Hauptgottheit Wodinaz-Odin. Während der „Ase“, der Geist- und Seelengott, der Psychopompos als Osiris-Entsprechung keiner weiteren Erklärungen an seiner Kalenderstelle bedarf, benötigt die –Hieroglyphe einer sensibleren Betrachtung und Erkennung. Handelt es sich um einen mit der Rune gemeinten zweiten Monatsgott des Oktober ? Als Wagengott, dem die Attribute Wagen und Wagenfahrt zuzuordnen wären, böte sich der Donar-Thor an, eine Erscheinungsform des Himmelsgottes, ähnlich dem altindoarischen Indra. Anzunehmen wäre, dass der Runenschöpfer - in Berücksichtigung der Gesamtheit der germanischen Gläubigen - in diese Herbstzeit nicht allein den ahnen-geistigen Wodinaz stellen wollte, sondern neben ihm auch dem wanischen alten Himmelsgott seinen richterlichen Hochsitz nicht verweigern wollte. Rein lautlich passt zur Rad-Rune im Oktober ein griechischer mythischer Herrscher in der Unterwelt: Rhadamanthys. Er soll ein Zeus-Sohn gewesen sein, der zu Lebzeiten Kreta Recht und Gesetz brachte und nach seinem Tod im Tartaros als gerechter Herrscher und Richter fortlebt. Laut Homer brachten die Phaiaken den Rhadamanthys einst mit einem ihrer Schiffe aus ihrer Heimat nach Kreta. Wie bekannt diese Mythengestalt auch in Nordeuropa war, geht aus dem mittelhochdeutschen Text des „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach hervor, wo von einstigen Lichtwesen - auch dem Radamant - die Rede ist: „Den sauren Lohn dafür empfangen sie jetzt in der Hölle. Astiroth und Belcimon, Belet und Radamant und noch andere, deren Namen ich herausbekommen habe, die ganze himmlische Schar von Lichtwesen nahm da durch Bosheit Höllenfarbe an.“ Wegen ihres Hasses gegen den Christengott seien sie zur Strafe in die Hölle verbannt worden, so heißt es bei W. v. Eschenbach. Es ist klar, dass hier vormalige altheidnische Gottheiten aufgezählt werden. Wäre im Astiroth der Ase, in Belcimon/Belet der Baldur zu erkennen und in Radamant der alte Wagengott ?
 

„Skorpion“

 
Das Bild eines Riesenskorpions kannten bereits die Babylonier in ihrem Weltwesenkreis, auch die Griechen kannten ihn mindestens seit ca. 520 v. 0, Kleostratos von Tenedos erwähnt ihn. Die Sternsage setzt ihn mit dem Sternbild Orion in Bezug, die aus dem Himmelsbild abgeleitet ist, denn geht der Skorpion auf, geht der auf der Ekliptik gegenüber liegende Orion unter und umgekehrt. Orion, der gewaltige Jäger, scheint also vor dem in verfolgenden Skorpion zu fliehen. Bei den Ägyptern sah man im Orion eine Widerspiegelung ihres Gottes Osiris. Da die Wikinger im Orion den Gott Thor sahen, muss er ebenso bei den antiken Germanen eine uns leider verdunkelte Bedeutung besessen haben. In einer griechischen Überlieferung brüstete Orion sich damit, der größte Jäger der Welt zu sein, so wird es ebenso keltische und altdeutsche Sternenmythen ähnlicher Art gegeben habe. Der Skorpion-Stich ist gefürchtet. Das gefährliche Unheilszeichen Skorpion gehört verständlicherweise in der persisch-zoroastrische Religion zum Bösewicht Angra-Mainyu / Ahriman, dem Gott der Zerstörung. Angraman gilt als ein Geistwesen, das dem Menschen formende destruktive, materialisierende Kräfte verleiht, er sei von einer durchdringenden, kalten Intelligenz, die er jedoch begierig in sich verschließe. Als „Fürst der Finsternis“ versuche er der Menschenseele den Zugang zur geistigen (göttlichen) Welt zu verstellen, indem er die Diesseitsgläubigkeit vermittle. Sein Attributtier ist der Skorpion. Der gefährliche Skorpion-Charakter drückt sich bereits im sumerischen Gilgamesch-Epos aus. Dort wird von Skorpion-Menschen erzählt, deren Oberkörper Menschengestalt und Unterkörper Skorpionsgestalt hatten. Als Held Gilgamesch den Berg Mâschu betritt, stellen sich ihm ein Skorpionmann und eine Skorpionfrau in den Weg, deren „Furchtbarkeit ist ungeheuer ist, deren Anblick Tod ist“. Sie bewachen den Aus- und Einzug der Sonne. Ohne weitere Erklärungsnöte liegt es auf der Hand, warum der Runen-Schöpfer in diese „Skorpion“-Phase zum einen seine Thursen-Rune  , die den antigöttlichen Winter-Titan meint, hineingab und anschließen ließ die Urstier-Todes-Hieroglyphe  , die den toten Stierkopf mit den beiden Hörnerspitzen nach unten gewendet zeigt. Es ist anzunehmen, dass der Runenschöpfer in dieser Herbstzeit das Stieropfer (Taurobolium) nicht willkürlich angeordnet hat, vielmehr einer bestimmten Kulttradition folgte. Stieropfer waren innerhalb vieler Kulte althergebrachter Brauch, nicht allein in der vorzoroastrischen persischen Religion und der röm. kaiserzeitlichen Mithras-Religion. Einen Hinweis auf die infrage kommende Opfer-Zeitstellung vermitteln die Funde Stieropfer der steinzeitlichen Sonnen-Tempelanlage von Goseck bei Naumburg (Sachsen-Anhalt). An den Toren für den Blick auf den Aufgang wie den Untergang des tiefsten Sonnenstandes, fand man eine Vielzahl von archäologischen Nachweisen für die dort vollzogenen Stieropfer-Zeremonien. Das für wintersonnwendliche Feste errichtete Doppelpalisaden-Rondell beweist den Stieropferkult um den tiefsten Sonnenstand des Jahres, der der Platzierung der runischen Stiertod-Hieroglyphe entspricht. Sie steht am Beginn der nach den Quellen sogenannten Jul-Spanne (Beginn anglsächs. giuli 1), in der ein Bittopfer um Wiederkehr des Lichtes sinnvoll erscheint.
 
„Schütze“
 

Die häufigste „Schütze“-Darstellung ist die des bogenschießenden Kentaur, dessen Pfeil öfters für sich erwähnt wird. Eine seiner Darstellungsformen ist die des ionischen bocksfüßigen Silen. Der schießende Kentaur-Silen-Typ scheint babylonischen Ursprungs zu sein. Mitunter tragen die Wesen einen Doppelkopf, der vordere ist menschlich, der nach hinten schauende ist der eines Hundes oder Greifen. Sie besitzen Flügel, können auch ithyphallisch sein und sind pferde- oder skorpionschwänzig. Deutlich ägyptischen Ursprungs sind die Formen mit der Atef-Krone des Osiris und Hor-chefi und mit unter den Vorderfüßen dargestelltem Schiff. Die Sternzeichen-Gestalt ist kaum sicher zu deuten, auch wegen der Dürftigkeit der zu ihr gehörenden Sternsagen. Als weisen Kentaur Cheiron sah ihn Teukros von Babylon im 1. Jh. Im Mittelalter wurde der Kentaur mitunter weiblich. Die Hineinstellung der Fehu-Vieh-Rune  in die undurchsichtige „Schütze“-Zeit scheint bei oberflächlicher Bewertung kaum nach astrologischen Gesichtspunkten erfolgt sein. Oder doch ? Denn im Lateinischen bedeutet Pecunia = Geld geradeso wie im Germanischen und Arioindischen wo der Viehbestand materielles Vermögen bedeutete. Die Frage erhebt sich: Gäbe es eine denkbare sinnbildliche Verbindung von Geld (Vieh) mit dem „Schütze-Wesen“, das hauptsächlich dem Silen bzw. dem verwandten Satyr/Faun ähnelt ? Silene sind erdentsprossen, sind in der Regel wilde, zügellose, geile Kinder der Gaia. Meist werden die Satyrn oder Silene stupsnasig, glatzköpfig, dickbäuchig, unbekleidet und mit aufgerichtetem Glied abgebildet. Als Mischwesen sind sie meist mit Ohren und Schweif von Pferden oder Eseln, häufig auch mit tierischen Extremitäten ausgestattet. Als Gefolge des Dionysos werden sie oft mit den ebenfalls zum dionysischen Gefolge gehörenden Mänaden - rasenden, enthemmten Weibern - dargestellt. In den Satyrspielen konnten die bocksfüßigen Gestalten mitunter als Erfinder des Weinbaus und der Musik und damit fast als Kulturbringer vermenschlichter dargestellt werden und doch blieben sie immer tierisch genug, um ein Gegenbild zu den Werten des anständigen Bürgers zu bleiben. Der phrygische König Midas war verwandt mit dem Volk der Silenen und Satyrn, er hatte lange Ohren. Über seine Gier und Dummheit gab es etliche antike mythische Anekdoten, auch soll er unermesslich reich gewesen sein. Hätte der Runenschöpfer den üblen, entsittlichenden Charaktes des Geldes treffsicherer brandmarken können ?!

„Steinbock“
 
Der Runenerfinder musste erkennen, dass seine in der wintersonnwendlichen Jahrestiefe stationierte Odal-Seelen-Geist-Rune  in die „Schütze“-Phase - je nach Mondstand – hineinpendeln konnte, doch auch unter dem „Schütze“-Aspekt sind Weisheits-Ansätze vorhanden, wie nicht allein die Deutung als „Kentaur Cheiron“ darlegen. Auch der „Schütze“-Silenos ist nicht nur ein alter Trinker und Zecher im Tross des Dionysos, vielmehr auch Quell der Weisheit, was sich in der Geschichte von Silenos und dem phrygischen König Midas zeigt. Dass im Rausche auch höhere Einsichten durch Bewusstseinserweiterung möglich wäre und der Rausch nicht grundsätzlich zu verachten sei, diese Einstellung gehörte bekanntlich zur rituel gelebten Wodan-Religion. Der idealjahresszeitliche Standort der Odal-Rune befindet sich im „Steinbock“. Dieser wurde in Gestalt eines Mischwesens von Ziege und Fisch ins Bild gesetzt, dem sog. „Ziegenfisch“. Sein babylonischer Ursprung ist nicht anzuzweifeln. Doch zu den griech. mythologischen Ahnen des „Steinbocks“ gehören Pan und Dionysos. Von Kaiser Augustus, dessen Geburtsgestirn er war, wurde er auf Silbermedaillen geprägt und erschien auf den Feldzeichen der Legionen. Als ein Fabelwesen aus Tier und Mensch erscheint er in alexandrinischer Zeit. Der Ziegen- oder Steinbock-Anteil wurde in Verbindung mit Zeus gebracht. Der Milchbruder des Göttervaters war Aigokeros, eine Mischgestalt aus Bock und Mensch, er half auch Zeus beim Titanen-Kampf. Das Tierkreisbild scheint ebenso als Ziegen-Mensch oder als ziegengesichtiger Heros denkbar gewesen zu sein. Teukros und Antiochos nennen zum Tierkreiszeichen des „Steinbocks“ eine Nereide. Als symbolhafte-mythische Grund- und Ausgangsmaterie für die Stationierung der Seelen-Rune ist der „Steinbock-Fisch“ nicht eben unpassend. Aus dem irdischen Belebungselement Wasser, das um alle Tiefen und deren Weisheiten weiß, soll und muss die Seele - dem Steinbock gleich - auf die höchsten Gipfel emporklettern. Es findet sich die Beurteilung: „Der Steinbock, der im Hochgebirge höchste Höhen erklimmt, gilt von alters her als Zeichen für Autorität, Würde, Wissen und Reife. Berg und steiler Bergweg, mühevoller Aufstieg zum Gipfel, Höhe, Überschau, Erkenntnis (,Gipfelerlebnis'), Einweihung sind metaphorisch entsprechende Imaginationen.“
 
 
Der Ur-Geist-Seelen-Kraft, in der göttlichen Personifizierung des Wodinaz, welcher die geistigen Werde-Ideen vor der Weltschöpfung „erdacht“ haben muss, muss sinnvoll der Demiurg der Wirkvater, der kosmogonische Welt-Verwirklicher folgen. Er kann nur eine Emanation des Urgeist-Mutter-Vaters sein und sich als polarer - bei Konsequenz androgyner - Himmels-„Vater“ erzeigen. Allein aus der Polarität, aus der polaren Spannung kann ein Drittes erwachsen, nämlich jegliche Schöpfung. So ließ der Runen-Schöpfer der Urschlingen-Seelen-Rune die Doppelaxt-Metapher der Tag-Rune  folgen. Die Doppelaxt, ist archäologisch seit der Steinzeit (urdeutscher kupferner „Typ Zabitz“ - 2.300-2.100 v.0) als wahrscheinliches Himmels- und Wettergott-Sinnzeichen bekannt. Ganz unpassend ist nicht einmal diese Verbindung mit dem „Steinbock“, obwohl sie fern von astrologischen Überlegungen ihre Einordnung in den Runen-Weltwerde- und Kalenderkreis geschehen musste. Der „Steinbock“ ist insofern mit Zeus mythologisch verbunden, als es der bocksbeinige Gott Pan war der auf seiner Flucht vor dem Unhold Typhon fisch-schwänzig wurde, also zum „Ziegenfisch“ geworden sein könnte. Der Titan Typhon griff Zeus an und riss ihm die Sehnen an Armen und Beinen heraus -, doch Pan und Hermes setzten dem Himmelsherrn seine Sehnen wieder ein. Der Wiederhergestellte überwältigte Typhon und versetzte Pan in seiner Gestalt als „Ziegenfisch“ zum Dank an den Himmel.

 

Wir müssen uns vergegenwärtigen, der Runenschöpfer schuf primär kein astrologisches Runen-System, vielmehr berücksichtige er bei Prägung seiner kult-kalendarischen Hieroglyphen-Kreisfolge auch das allgemein bekannte und geglaubte astrologische Verständnis, denn im Widerspruch dazu durfte seine Kreation - wollte sie auch von den Himmelskundlern akzeptiert werden - nicht stehen. Er schuf einen auf Sonne und Mond bezogenen Sakralkalender, dessen Beginn nicht mit dem Frühlingspunkt im Widder beginnen durfte wie es die Astrologen lehrten, sondern sein System musste im niedrigsten Jahressonnenstand zur Wintersonnenwende den Anfang nehmen, also im astrologischen „Steinbock“ mit der ersten Schlinge, der Urschlinge der Weltwerdung , die allein als eine seelisch-geistige Größe zu verstehen sein darf, steht sie doch vor jeglicher Materiebildung. Sicher ist es, dass unter dieser Odal-Schlaufe, dieser Odal-Geist-Schlinge und -Schlange, eine göttliche Personifizierung angedacht worden ist, nämlich der Gott Wodinaz, der Seelengeleiter, den der Runenschöpfer in Qualität einer Weltseele oder der Volkseele fasste. Noch auf Zeugnissen der germ. mittelalterlichen Brakteaten-Religion tragen nicht nur die hilfreichen Seelengeister des Wodin - seine Raben - die Odal-Seelen-Schlaufen, auch er selbst wird durch den Odal-Schlingenzopf als Seelenwesen, als Herr der Seelenwesen ausgewiesen. Hier, im Standort des „Steinbock“, des tiefsten Sonnenstandes, aus dem das Lichtheil seinen jahrgängigen Aufstieg und Rundlauf beginnt, nimmt die runische Heilszeichenfolge ihren Anfang. Der Ur-Runen-Meister eröffnete mit seiner genialen Schaffung den in konzentrierter Kürze perfektesten, in sich vollkommensten Einweihungs- und Erkenntnisweg in Gestalt einer Gedanken- und Buchstabenordnung, mittels der zusätzlich jedes germanische Wort geschrieben werden konnte und kann. Der unbekannte Meister - war es Erul ? - schuf mit dem Ur-Runen-Verband die lehrfähige Grundlage der germanischen „Wodan-Religion“, die sich aus dem Gleichklang urverwandter hochnordischer, gallischer und thrakischer, griechischer Quellen zur vollendeten Harmonie von Sinn, Buchstabe und Zahl zusammenspeiste.

 
„Wassermann“

 

Der „Wassermann“ wird zumeist als stehender Jüngling verbildlicht, der ein Wassergefäß mit einer oder beiden Händen ausschüttet. Eine größere Anzahl antiker Münzen zeigt ihn, das Gefäß über die Schulter in ein zweites Gefäß eingießend. Mit eben diesen beiden Krügen bildet ihn der „Tierkreis“ von Dendera ab. Die beiden astrologischen Flüsse, die vom Orion und vom „Wassermann“ ausgehen, dachte man sich mitunter vereinigt. Als liegender Flussgott ist „Wassermann“ auf dem „Tierkreis“ von Palmyra zu sehen. Nicht allein der astrologische Dendera-Kreis zeigt den „Wassermann“ mann-weiblich -, dort mit hängenden Brüsten als Nil-Gott, mit ausströmenden Libationsvasen. Mitunter fehlt auf den Darstellungen die menschliche Gestalt und ein einfacher überlaufender Krug genügt als Kenntlichmachung. Der Ursprung des Topos „Wassermann“ könnte aus der babylonischen Göttin Gula erwachsen sein, aber auch männliche Wassergottheiten finden sich auf den babylonischen Grenzsteinen. Eine griech. Sternsage bezog sich auf den wegen seiner Schönheit von Zeus entführten Ganymedes, den er zu seinem Mundschenk machte. Auch die Hebe („Jugend“), „die Göttin mit den Rosenwangen“, Mundschenkin der Götter, ist im Zusammenhang mit Sternbild „Wassermann“ in Erwägung gezogen worden. Der „Wassermann“ wurde in spätägyptischen Quellen direkt „das Wasser“ genannt. So musste der Runenschöpfer keine Bedenken tragen, seine Wasser-Rune (lagu)  ins Feld des „Wassermanns“ einzutragen. Freilich ging es ihm um den erweiterten Sinn von Wasser als dem nährenden, reinigenden, spülenden, heilen, Leben und Gesundheit erhaltenden Element. Er nahm in den dazugehörenden höheren Verständniskomplex die Heilpflanze (lauka = Lauch) mit hinein und - wie zu erschließen ist - auch die „Himmelspflanze“ Mond, die ja ebenso als das Heilwasserreservoire verstanden werden konnte. Die Soma-Pflanze bescherte mit ihrem ausgepressten Saft den Rauschtrank für die Götter und bei Opferhandlungen das Ritualgetränk, wie es im ario-indischen Rigveda beschrieben wird. Soma ist ebenfalls der Mondgott und die Mond-Schale am Himmel. Der Mond ist der Becher, aus dem die Götter den Soma trinken. Bei Vollmond ist er gefüllt, bei Neumond geleert. Von Vollmond zu Neumond trinken die Götter jeden Tag einen gleich großen Schluck. Von Neumond zu Vollmond füllt sich der Becher dann wieder von selbst. Für die Altperser galt Gleiches unter der Namensvariante Haoma / Hauma. Der Rauschtrankkult, in der von der Runenlehre mitgeprägten Wodan-Religion, erwuchs ersichtlich aus altarischen Traditionen. Die Edda nennt den göttlichen Weisheits-Rauschtrank Kvasir oder Skaldenmet bzw. Odrörir („Geist-Seele-Anregender“). Weil der Runenschöpfer ein ganzheitliches kosmologisches System schaffen wollte, musste er dem astrologisch vorgegebenen Wasser-Mond-Komplex den Sonne-Feuer-Komplex vorausgehen lassen -, dies erforderte die Zahlen-Mystik der ebenfalls Rechnung getragen werden sollte. Geist-Feuer ist zahlenmythologisch mit der Ziffer 3 vor Materie-Wasser mit der 4 einzugliedern. In Gestalt seiner Ing-Rune  wurde an dritter ODING-Stelle die Feuer- und junge Sonnen-Rune in den „Wassermann“ gegeben, als astronomisch korrekte Platzierung zur Jahresphase der ersten Sichtbarwerdung der neujährlichen Sonnenbewegung um Mitte Januar.

 

„Fische“
 
 
Die Darstellung der „Fische“ geschieht immer, indem der nördliche mit dem südlichen Fisch mittels eines Bandes verbunden ist. Der Namen des letzten Tierkreiszeichens heißt schon im Babylonischen „Fisch“. Im Indischen und etlichen weiteren astrologischen Kulturen kennt man nur einen „Fisch“. Dass der nördliche „Fisch“ im Orient sehr früh als schwalbenköpfig also als „Schwalbenfisch“ bezeichnet wurde, könnte aus der Tradition der aus einem Ei geborenen Dea Syria herrühren, welcher Schwalben und Fische als heilig galten. Schwalbe und Taube galten im Kult der Ischtar heilig. Beim Versdicher Publius Ovidus (43 v.0 – 17 n.0) stürzt sich Dione (mit Venus gleichgesetzte Mutter der Aphrodite), zusammen mit ihrem Sohn Cupido (lat. „Begierde“), auf der Flucht vor Typhon in die Flut des Euphrat. Fische retten sie und werden zum Dank an den Himmel versetzt. Wie verbreitet die Legende war, ersieht man daraus, dass auch bei Manilios die Cytherea (griech. Liebesgöttin Aphrodite) sich auf der Flucht vor dem Verfolger unmittelbar in einen Fisch verwandelt. Das Sternbild der mittels Band verbundenen „Fische“ trug also unübersehbare Beziehungen zur Göttin der Liebe und der sinnlichen Begierde. Amor, Cupido oder Eros galt als Sohn der Aphrodite/Venus, er ist der Gott und die Personifikation der erotischen Begierde und Liebe bzw. des Sichverliebens. Ersichtlich ist mithin, dass die „Fische“ unmittelbare Assoziation zur Liebe, menschlichen Paarung und zur Ehe hervorrufen können. Der Runenschöpfer gab in diese frühjährliche Wachstumsphase der Fruchtbarkeitsriten die paarige Mannus-Rune  hinein, die als hieroglyphisches Bildkürzel die Doppelwesenheit des Menschentums vor Augen führt, denn unter Mannus/Manu (ahd. menisco) verstand man im alt-echten Sprachverständnis nicht den Mann, vielmehr den männlichen Menschen, neben dem es den weiblichen Menschen als die mhd. „Männin“ gab. Es ist die 5. ODING-Rune; die 5 gilt als Zahlensymbol für den Menschen, für Liebe und Ehe. 

Aus dem Impuls des kosmogonisches Eros, wie er aus der  frühjährlichen „Fische“-Station der Sonne herausgelesen werden könnte, ergibt sich den indo-arischen Ur-Mythen zufolge, die Entstehung von Mannus, dem androgynen Urmenschen, sowohl die Teilung des Urmenschen in das die Menschengeschlechter erzeugende fortpflanzungsfähige Paar vom menschlichen Mann und seiner Frau, sowie die Genesis der Erzeugung aller tierischen Männchen und Weibchen. Nach vedischer Entstehungslegende ist es der in die Mann-Frau-Gliederung zersprunge Urmensch der die völlige Abstufung der Wesen selbst hervorbringt, indem das Ur-Menschenweibchen vor dem ständig-brünstigen Ur-Mann fliehend, sich in immer neue Masken und Rollen hineindenkt und so die Geschöpfe schafft.  Das Ur-Weib wird zur Stute, doch der Ur-Mann erkennt sie und wird zum Hengst, wodurch die Pferde erzeugt werden. Das Ur-Weib wird zur Kuh, doch der Ur-Mann wird zum Bullen, wodurch das Rindvieh seinen Fortbestand gewinnt. Das Weib wir zur Ziege, Er zum Bock, Sie verkörpert sich hinab bis zum Ameisen-Weibchen und der Mann bleibt ihr in seiner nimmersatten Begehrlichkeit immer auf den Fersen –, so werden alle paarigen Wesen der Tierwelt des Ur-Menschen Kinder. Der Runenschöpfer hatte diesbezüglich keine Wahl, er musste als Folge-Rune nach dem Mannus-Zeichen die Hieroglyphe der Tiere einsetzen, das ehu-Pferde-Symbol , weil das Ross im erwähnten Mythus an erster Stelle steht, weil es als das edelste der Tiere und als Vertrauter der Götter galt. C. Tacitus schreibt in der „Germania“, Kap. 10 über den Orakelbrach der Germanen: „Auch ist … hier bekannt … es auch mit Vorahnungen und Weissagungen der Pferde zu versuchen. Sie werden auf öffentliche Kosten in den Waldtriften und Hainen gehalten, sind glänzend weiß und von keiner irdischen Arbeit berührt. Diese werden vor den heiligen Wagen gespannt, und der Priester und der König - oder das Haupt der Gemeinde - begleiten ihn und geben auf ihr Wiehern und Schnauben Acht. Und tatsächlich wird keinem Wahrzeichen größere Glaubwürdigkeit beigemessen, nicht nur bei dem einfachen Volk, sondern auch bei den Vornehmen, bei den Priestern; denn sich betrachten sie als Diener der Götter, jene als deren Vertraute.“

 

Die vorliegende Abhandlung gehört in die Reihe meiner langjährigen mehrperspektivischen Nachweisführung, um die Klärung des Strukturprinzips der Ur-Runenreihe ODiNG-FUÞARK. Die Zielrichtung der Arbeit war zunächst eine Verständnisfindung, mittlerweile die Untermauerung meiner These, dass die germanische Buchstabenordnung aus keinem der sich anbietenden „Vorläufer-Schriftsystemen“ - wie alpine, etruskische oder phönizische - als abgeleitet angesehen werden kann. Und zwar deshalb nicht, weil es sich bei den Runen schöpfungs-momentlich, um keine Buchstabenordnung handelt, bei der es primär um die Prägung eines Schreibmediums ging, sondern, um die Zusammenstellung eines sakral-kalendarischen Hieroglyphen-Kanons, also auch um die Lehrkonzeption des eigenartigen germanischen kosmologisch-theosophischen Weltverständnisses. Bei solchem konzeptionellen Grundansatz war auf die Berücksichtigung astronomischer und astrologischer Rücksichtnahmen nicht zu verzichten, auf die ich in vorliegender Untersuchung einging. Die linksläufige Reihenfolge der Runen - beginnend mit O-D-Ing - bestimmte ihr Schöpfer als Symbolzeichensystem, wofür er sich aus dem ihm bekannt gewordenen Fundus der Sinnbild- und Buchstaben-Zeichen bediente. Den alten nordischen Sinnbildzeichen hat er sicher keine neuen Inhalte geben wollen, aber den von ihm verwendeten Buchstaben - woher auch immer stammend - unterlegte er seine spezifische kalendarische Sinngebung. Das der Runenerfinder Anregungen aus dem keltisch-alpinen Raum empfing, scheint mir naheliegend. Er nutzte ihre Formen als Hüllen für seine zu transportierenden Inhalte, wobei er nur solche „Übernahmen“ akzeptieren konnte, in deren linearen Formen er seine, mit dem Runensinn übereinstimmenden Bildkürzel hineinprojizieren konnte, denn das schriftmagische Bedürfnis besteht darin, dass Zeichen-Sinn, Zeichen-Bild und Zeichen-Zahl harmonisch - also sich gegenseitig stützend und ergänzend - zusammenklingen. Falls der Lautwert einer Rune mit demjenigen eines vorrunischen Buchstabenzeichens übereinstimmen sollte, wäre das eine reine Zufälligkeit, denn die Lautungen der germanischen Idiome können schwerlich identisch sein mit altiberischen, phönizischen oder gallo-alpinen. Meine Beweisführung ist quellenorientiert, mithin fundiert, die Runen sind aus keinen vorhergegangenen Buchstabenreihen entwickelt worden, sie stellen einen Sinnzeichen- und keinen Lautzeichenverband dar. Der Umstand, dass sie, neben ihrem sakralkalendarischen Hauptzweck, auch eine Schrifterfindungsdimension beinhalten, beweisen die ganzheitliche Schau und die Genialität ihres Schöpfers.   

 
Literatur:
Heinrich Wilhelm Roscher, „Lexikon der griechischen und römischen Mythologie“, 1924-37
Franz Johann Boll, „Sterne und Sternbilder im Glauben des Altertums und der Neuzeit“,  1981 - „Sternglaube und Sterndeutung - Die Geschichte und das Wesen der Astrologie“, 1918
Wilhelm Karl Otto Gundel, „Sterne und Sternbilder im Glauben des Altertums und der Neuzeit“, 1922 - „Dekane und Dekansternbilder - Ein Beitrag zur Geschichte der Sternbilder der Kulturvölker“, 1969

 

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