DIE GOTTES-MONADE OD

 

DIE MONADEN-LEHRE UND DAS OD

 

Die von dem Universalgelehrten G. Wilhelm Leibnitz (1646-1716) entwickelte Metaphysik der Monadenlehre („Monadologie“ von griech. monas: Eins / Einheit) lehrt Gott als die Urmonade, „Monas-monadum“, die alle anderen Monaden aus sich hervorbrachte. Leibniz ließ seinen französisch verfassten Text des philosophischen Systems im Juli 1714 dem Platoniker Nicolas-François Rémond unter dem Titel „Eclaircissement sur les Monades“ zukommen, die er in 90 Paragraphen darlegte. Die erste deutsche Übersetzung erfolgte von Heinrich Köhler unter dem Titel „Monadologie“, 1720.

 

Den Begriff Monade könnte man etwa mit „Urkraftideenkerne“ erklären. Sie wären also die letzten Elemente der Wirklichkeit. Die Ideenlehre von Platon (428-348 v.0) drängt sich beim Studium der Monadenlehre auf. „Platonischen Ideen“ könnte man als Monaden bezeichnen, als beim Schöpfungsakt in die Weltwirklichkeit getretene wirkmächtige Ideen. Die vorirdischen Platonischen Ideenmuster sind beispielsweise „das Schöne an sich“, „das Gerechte an sich“, „der Kreis an sich“ und auch „der Mensch an sich“. In dieser Weise verstanden die Pythagoreer die Gottheiten als menschengeistig inkarnierte Ideenwesen, also die Aphrodite als „Idee der Schönheit“, den Ares als „Idee der Aggression“ -; der germ. Baldur müsste als „Idee des Guten / Sanften“ und Wodin als „der Weltgeist an sich“, also als „Idee des Intellektes“ und Loki als der „missbräuchliche Intellekt“ gelten. Ideen und Monaden haben weder Ausdehnung noch Gestalt, sie sind unsichtbar und nicht teilbar, wenn der Mensch sie begrifflich zu machen versucht - wie im Runenenkosmos des ODING - handelt es sich um Sinnbilder, um theosophische Vorstellungsstützen. Sehr verwandte Vorstellungen entwickelten mehrere antike auch arioindische Weisheitsschulen. Im Gegensatz zu Atomen sind Monaden nicht teilbar. Da sie nicht zerlegt werden können, können sie auch nicht auf natürliche Weise entstehen oder vergehen. Sie seien als ursächliche Gottesanteile von Gott erschaffen und würden nur durch ihn beim Untergang des Alls vernichtet werden können. Haben die Monaden auch keine Gestalt und keine körperliche Ausdehnung, so müssen sie doch einmal angefangen haben zu existieren, dies geschah auf einen Schlag durch die Schöpfung, erst durch Gottes Vernichtung werden die Monaden aufhören zu sein. Die Monaden, wird ausgeführt, weisen eine hierarchische Struktur auf, nämlich von Gott beginnend, bis zu den Menschen, den Pflanzen, den Mineralien, also von den „schlafenden Monaden“ der Steine, die über keine bewusste Wahrnehmung verfügen, bis zu den Monaden der Tierseelen, mit Fähigkeiten von Empfindung und Gedächtnis, und den Monaden der menschlichen Geist-Seelen, die einen Ich-Begriff haben und in diversen Abstufungen vernunftbegabt sind. Jede Veränderung an jeglichen Monaden vollziehe sich allein nach deren inneren Prinzipien. Als Ideenkraftkerne schaffen die Monaden die zu ihnen gehörenden Körper nach den ihnen eingegeben Gesetzen. Es gäbe keinen Einfluss und kein Einwirken von außen, denn die Monaden müsse man als unbeeinflussbar verstehen. Aufgrund ihrer urgeprägten Einfachheit zeige sich ihre Individualität an ihren einmaligen inneren Zuständen. Leibnitz fasst die Seelenmonaden als Zentralmonaden auf, die von einer unzählbaren Menge ihrer körperprägenden Trabantenmonaden umgeben sind, deren Erregungen, gemäß ihrer Bedürfnisse und Verabscheuungen, sie „wie in einer Art von Mittelpunkt die Außendinge vorstellen“. Es heißt: Jede Monade kreist in sich, nichts kommt aus ihr heraus und nichts in sie hinein, sie, schreibt Leibnitz,  „[…] haben keine Fenster, durch die irgend etwas ein- oder austreten könne“, weshalb sie auch keine Wirkung aufeinander ausüben können, wiewohl sie aber jede für sich „[…] ein immerwährender lebendiger Spiegel des Universums“ sind. Jede Monade drückt wie ein lebendiger Spiegel aus ihrer Perspektive die ganze Welt aus, je nach Seinsstufe. Allerdings perzipiert [wahrnimmt] sie, bis auf Gott, der für vollständige Proportionalität [Bedeutungsverhältniswahrnehmung] gesorgt hat, das Universum nie vollständig in aller Deutlichkeit, da sie den ihr zugehörigen Körper stets deutlicher vorstellt als den Rest. Man darf ergänzen: So wie jede Runen-Monade im Runenkosmos des ODING als Baustein das Gesamtsystem impliziert aber aus Sicht ihrer lokalen Standortperspektive ihren Stellenwert im „runischen Gottesstaat“ nicht zu überschauen vermag. Leibnitz führt aus: „Überdies ist jede Substanz gleichsam die ganze Welt und wie ein Spiegel Gottes oder vielmehr des ganzen Universums, das jede auf ihre Weise ausdrückt, etwa so, wie die eine und selbe Stadt nach unterschiedlichen Standorten des Betrachters verschieden vorgestellt wird.“ Dazu verändert sich jede Monade immerfort, aufgrund der ihr eigenen Vorstellungen und Begehrlichkeiten ihres „inneren Prinzips“ das sich aus mechanischen, beispielsweise umweltbedingten Gründen, nicht erklären lässt. Wie schon erwähnt, existiert eine ungeheure Auf- oder Abstufungsreihe von Monaden, wobei die „einfachen“ Monaden in einer Art Schlaf- oder Betäubungszustand leben, während die hohen Monaden ein deutlicheres, mit Erinnerung verbundenes Vorstellen besitzen, wie es Tieren und Menschen zu eigen ist.

 

Unter dem untrennbaren androgynen Ur-Es, gewissermaßen der Ur-Monade in der germanischen Theologie, verstehe ich das OD, das sich im Aggregatzustand zweier Wesensanteile befindet, nämlich dem ur-seienden, statischen O und dem wirkmächtigen, virulenten D. Das OD gebiert im Schöpfungsakt die Monade der lichten ING-Welt, die jede kosmische Erscheinungsform einschloss und aus sich gedeihen ließ und lässt. Leibniz verbindet mit seiner Monadologie auch die ideale Vorstellung einer moralischen „Welt des Gottesstaates“, in dem eine „prästabilierte Harmonie“, also ein schon im Schöpfungsakt festgelegtes unänderbares Zueinanderstehen der Monaden - mithin sämtlicher Weltwesenheiten - herrschen könne. Das altindische Kastenwesen und die deutsche mittelalterliche Ständeordnung gingen von ähnlichen Vorstellungen aus, dass nämlich Jedermann aufgrund seiner Geburt an seinem Platz zu stehen und zu bleiben habe. Das hier realisierte Gesellschaftsprinzip geht von einer festen Disposition der Menschen (bzw. Geister) zum sozialen Zusammenschluss im Gefüge der göttlichen Monadenordnung aus. Der Satz „aus seiner Rasse kann man nicht austreten“, besagt Gleiches -; heute würde man sagen müssen: Aus seiner Genenprägung kann der Mensch nicht entfliehen.

 

Das ODING ließe sich als runischer Hieroglyphen-Ring auffassen, welcher im Sinne eines Schemas des germanischen Gottesstaates, mit seiner prästabilisierten Harmonie, zu deuten wäre. Jede Rune könnte vom Runenschöpfer von der Art einer Monade - d.h. einer konstanten Ur-Größe - angedacht worden sein. Aus dieser Perspektive gesehen, entflössen sämtliche Runen-Monade der Monas Monadum: OD. Das OD trägt den signifikanten Zahlenwert 3, es ist Schöpfer des ING mit Zahlenwert 3 -; so ist ING, der gewordene Kosmos, eine Emanation des OD, dem die folgenden 21 Runen-Monaden mit Kennwert 3 entspringen, mithin als dessen Erscheinungsformen zu deuten sind. In der 3 ist aber keimhaft der gesamte Kosmos angelegt, ist sie doch erweiterbar - so wie sich Baum und Strauch aus dem Nusskern erhebend ausfächern - zur gesamtkosmischen Kennzahl 6. Diese Vorstellung wird durch die Theosophische Addition der 21 unterstrichen, deren Ergebnis mit 231 wiederum 6 ergibt. Die 21 ist Zahlensymbol des germanischen Geistgottes Wodan-Wodin-Odin, der als „Ase“ auf 21. Runenring-Position platziert ist. So erscheint Wodin, der irdische Weltgeist-Gott, der als Erscheinungsform des Ur-OD, mit Zahlenwert 3, ebenso begreiflich wird wie des OD-ING, der real existenten gewordenen Welt, mit Zahlwert 6. Alle 24 Runen-Monaden addieren sich zur Summe 300 -, alle sind also kosmische Erscheinungsteile des mit ihnen identischen OD.

 

Eine Parallele zum ING-Verständnis bietet sich mit der Betrachtung der altägyptischen Horus-Mythologie an. Die solare germ. Gottheit Ingo-Frō (Ingvi-Freyr) gleicht dem ägypt. Horus, in der hellenistischen Spätzeit Hor-Apollon geheißen (Interpretatio Graeca). Der griechische Philosoph und Oberpriester von Delphi Plutarch (45-125 n.0), verfasste ein Buch „Über Isis und Osiris“, in dem er den Aspekt des Weltzeugeprozesses (Kosmogonie) im Isis-Osiris-Horus-Kult deutete. Er formulierte: „Denn mit allgemeingültigem Satz gesprochen, sind wir der Auffassung, dass diese Gottheiten [Isis und Osiris] über die gesamte Schöpfung gesetzt sind…, indem die eine Gottheit die Keime („tas archas“) liefert, die andere sie aufnimmt und verwaltet“. Die Weltmutter Isis, die mit der germ. Fija-Freya („Herrin“) gleichzusetzen ist, galt als Mutter des Horus bzw. als Gebärmutter des Universums. In den späten altnordischen Quellen ist Freyr kein Kind der Frija, vielmehr sind Freyr und Frija Kinder des Njörðr (Njörd), einer männlichen Gottheit dessen Namensform von Tacitus der weiblichen Gottheit Nerthus beigelegt wurde. Entweder wurde also die Nerth(us) zu Tacitus Zeiten als hermaphroditische Wesenheit gedacht oder Nerth und Njörd als Eltern der Geschwister Frija und Freyr bzw. als deren verjüngte Erscheinungsformen geglaubt. Gleich wie Isis mit Osiris, ist die gemeingermanische Hauptgöttin Frija-Freya mit Gott Od vermählt, wie es in der Völuspá heißt („Óðs mey“). Gott Ingwio-Yngvi, den schon Tacitus indirekt erwähnt („Ingaevonen“), ist identisch mit Gott Frō-Freyr, ist eigentlich sein Synonym, er heißt in korrekter Übersetzung Herr-Ing (Frō-Ingo). „Ing“ meint im Germanischen „Kind / Nachkomme“. Sein Kind-Charakter im Sinne des Produzierten, der aus dem Ur-Werdegeschehen hervorgebrachten Erscheinung, wurde als so bedeutsam erachtet, dass er zur Bezeichnung gewählt wurde. Da die von Tacitus erwähnte germ. Erdgöttin Nerth(us) nur eine Erscheinungsform oder wahrscheinlicher ein Kultname der gemeingerm. Frija gewesen sein kann, darf ING als Geburt der Großen Mutter angenommen werden. Auch hätte er in alter Zeit in Personalunion Bruder, Gatte und Kind der Frija gelten können, welche ursprünglich mit Gott Od ehelich verbunden war. Dann wäre der Zugang zum Verständnis des OD-ING nochmals sprachlich erhellt, nämlich als die Kosmosgeburt aus Urmutter Nerth-Frija und Urgeistvater OD.

 

 

(Literatur: Karl Vorländer, „Geschichte der Philosophie III.“, 1903)

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