RUNISCHE BUCHSTABENMYSTIK


Copyright © Gerhard Hess

 
 
RUNISCHE BUCHSTABENMYSTIK AUS
GRIECHISCHEM GEIST
 

Ort und Zeit der Runenentstehung ?

 

Die Runenfrage ist komplex und lässt immer aufs Neue leichtsinnige Autoren in die fantastische Irre gehen, allein schon deshalb, weil etliche vermeintliche Runenzeichen im Norden aus sehr alten Zeiten nachweisbar sind. Ich habe runenähnliche Sinnzeichen aus der nordischen Bronzezeit und sogar auf stichbandkeramischen Kumpfen aus Sachsen feststellen können. Es geht aber bei dieser Fragestellung darum, von wann und wo das runische Buchstabensystem herrührt. Wer die rechtsbeginnende, linksläufige Buchstabenordnung als solche nicht begriffen hat, ist schon vom gedanklichen Grundansatz her nicht befähigt, das vor uns stehende Rätsel zu lösen. Allein unter Voraussetzung dieses Strukturprinzips eröffnen sich die begrifflichen Zugänge zur Harmonie von Buchstabensinn und dem mythischen antiken pythagoreischen Zahlenwert. Die Frage verengt sich darauf, wann und wo der Runenvater die Anstöße der griechischen Buchstabenmystik erhalten haben mag, um seine gallo-germanische Glaubenslehre in das runische Lehrkonzept hinein zu weben ? Aus uralten stam­meseigenen indogermanisch-gallogermanischen Gedankenwurzeln könnte solch eine Idee dem genialen Runenerfinder zugewachsen sein, lautete ja schon ein Begleit­text zum Veda, dem arioindischen Buch heili­gen Wissens: „Alle Vokale sind Ver­kör­pe­r­ungen Indras“ (Chan­dogya-Upanishad 1.22,3), an anderer Stelle heißt es sinnge­mäß: „Der Werde­vater schuf die Welt aus dem Worte“ (Sata­patha Brah­mana 6.1,1,9), und in der Bhagavad-Gita, dem hinduistischen Ho­henliede der gläu­bigen und vertrauens­vol­len Gottesliebe, verkündete Krishna: „Ich bin der Anfang, die Mitte und das Ende, das A im Alphabet, der Rede Sinn“ (10.32, 33), etwa 5 Jahr­hunderte, bevor der Au­tor der „Offenbarung des Johannes“ seinem Christos die Worte in den Mund legte: „Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende“ (21.6).

 

Der indogermanische Gedanken, das Buchstabengeheimnis für weitreichende Spekulationen zu verwenden, mag sehr alt sein, doch erst die konkreten Vorlagen der klassischen Griechenzeit schufen die inspirierende Voraussetzung für die Schaffung einer germanischen Heiligen Schrift. Fraglos hat der Runenvater aus den Quellen der Neupythagoreer und Neuplatoniker geschöpft, was in Rom geschehen sein könnte, wenn er nicht die Begegnung mit einem keltischen Wissensträger im alpinen Raum hatte. Die klassischen griechischen Geistesgrößen waren: Pythagoras von Samos (um 570-510 v.0), Gründer einer Philosophenschule in Süditalien und Verkünder religiöser Lehren, sowie Platon (428-348 v.0), griechischer Philosoph in Athen, Schüler des Sokrates (469-399 v.0) und Lehrer des Aristoteles (384-322 v.0). Platon schrieb, die musikalische Zahlenlehre stamme von den Pythagoreern, sein Schüler Xenokrates von Chalkedon (396-314 v.0) schrieb die Entdeckung dem Pythagoras selbst zu. In engem geistesgeschichtlichem Urzusammenhang scheint der sich abzeich­nende OD­ING-Wodin-Glaube mit den gnostischen Buchstaben- und Zahlen­mystikern zu ste­hen, die sich vom Neupythagoreismus (ab 100 v.0) anregen ließen. Sie ver­schmol­zen Ideen und Zahlen; die Buchstaben sind in der hellen­istischen Schul­praxis ja ohne­hin als kosmische Elemente angesehen worden, denen „man reli­giöse Ehrfurcht zollen muss“ (Arist. Polit. 1338a). Schon der Grieche Jambulos (2. Jh. v.0) träumte in einer als Reise eingekleideten Märchenutopie von einem idealen dem Sonnengott geweihten Staat auf sieben Inseln, der ein harmonisches gerechtes Zusammenleben der menschlichen Gemeinschaft ermöglichen sollte. Die Gleichheit würde dort mit größter Konsequenz durchgeführt. Zum Gemeineigentum träte eine für alle gültige Arbeitsdienstpflicht, die Sklaven unnötig mache. Frauengemeinschaft und gemeinschaftliche Kindererziehung zielten darauf ab, das Volk zu stärken. Sein Werk blieb nicht erhalten, nur an Hand einer Inhalts­übersicht, die der Historiker Diodorus (ca. 80-30 v.0) gibt, können wir es uns erschließen (II 57,4). Dort heißt es: „es sei bei ihnen auch Sorgfalt für alle Bildung, am meisten aber für die Sternkunde. Als Buchstaben brauchten sie achtundzwanzig, was die Schriftfiguren betreffe, sieben, deren jede vierfach umgebildet werde.“ Jamulos dichtete seinen Wunschinsulanern ein vollkommenes Alphabet an und zeigt damit, dass man in hellenistischer Zeit wie die alten Pythagoreer symbolische Beziehungen der Schrift zum Kosmos als sinnreich und schön empfunden hat. Die Platoniker bzw. Neuplatoniker waren in der Regel zugleich Neupythagoreer, indem sie frühpythagoreische Gedankenfolgen und Legenden aus der späteren pythagoreischen Tradition und neuplatonischen Lehren zusammenschauten. Im 1. Jahrhundert v.0 soll sich der mit Marcus Tullius Cicero (106-43 v.0) befreundete Gelehrte und Senator Nigidius Figulus um eine Neubelebung des Pythagoreismus bemüht haben. Interesse an pythagoreischen Ideen zeigte der Universalgelehrte Marcus Terentius Varro (116-27 v.0). In der von Quintus Sextius im 1. Jh. v.0 gegründeten römischen Philosophenschule wurde neben stoischen auch neupythagoreische Lehren erörtert. Der Dichter Publius Ovidius Naso / Ovid (43 v.0-17 n.0) gab im 15. Buch seiner „Metamorphosen“ einem fiktiven Lehrvortrag des Pythagoras breiten Raum und trug damit zur Verbreitung von pythagoreischem Gedankengut bei. In Rom, nahe der Porta Maggiore, fand sich ein unterirdisches Sakralbauwerk aus der Zeit des Kaisers Claudius (10 v.0-54 n.0), der aufgrund der Bildausschmückungen als Versammlungsraum von Neupythagoreern gedeutet wird. Als der bekannteste Neupythagoreer der römischen Kaiserzeit galt Apollonios von Tyana (1. Jh. n.0), der sich mit Hingabe dem Vorbild des großen Pythagoras verschrieben hatte. Dem charismatischen Wanderprediger im Osten des römischen Imperiums sind etliche Wundertaten nachgesagt worden. Moderatos von Gades beschrieb im 1. Jh. n.0 die pythagoreische Zahlenlehre als geeignetes pädagogisches Mittel zur Erklärung von Erkenntnisgegenständen der geistigen Welt. Ebenso verfasste Nikomachos von Gerasa im 2. Jh. n.0 eine Einführung in die pythagoreische Zahlenlehre und eine Biographie des Pythagoras. Im 2. Jh. lebte auch der Platoniker Numenios von Apameia, der die Lehre des Pythagoras jener des Platon gleichsetze und selbst Sokrates als Pythagoreer deutete. Ein Manicäer namens Bundos trat unter Kaiser Diokletian (236-312) in Rom auf, ließ sich von neuplatonischen und neupythagoreischen Gedanken inspirieren und ging nach Persien, um dort für seine eigene neue Glaubenslehre zu wirken, die laut dem oström. Historiker Johannes Malalas (490-570) in Persien „Lehre der Daristhenoi“ genannt wurde. Wir hören im Folgenden noch von ihm. Anaxilaos war ein Pythagoreer aus dem nord­griech­. Thes­salien, der im Jahre 28 von Kaiser Augustus unter dem Vor­wurf, Ma­gie betrie­ben zu haben, aus Rom verwiesen wurde. Er und Kolor­basos wurden, neben dem Gnostiker Valentinus, als geistige Vorfahren des Zahlen- und Buch­­staben­mys­tikers Mar­kos der Ma­gier“ betrachtet, mit dem, oder seinen Schü­lern, der christl. Eiferer Irenäus (135-202) im Rhône­tal/Gal­lien zusammen­ge­stoßen sein muss (Irenäus haer. 1.14-16,2). Der Gn­o­sis­lehrer Marsanes (Ende 2. Jh.) wird im Codex Bruci­anus (Kap. 7) als einer der vollkommenen Menschen erwähnt; es hieß, ihm sei in einer Vision der göttliche „Drei­fachkräftige“ (Hermes-Thoth) er­schienen. Er huldigte der rein phytha­go­rei­sch­en Zahlenmystik, wie sein Codex Marsanes (NHC 10.1) zeigt. Dieser gehört zu den in Ledersäcken einge­hüllten Papyrusbücher die man beim mittelägyptischen Dorf Nag-Hammadi fand. Die Rolle ist in schlechtem Zu­stand, doch über die Wirkungen der Zahlen ist etwa dies herauszulesen: „Die erste die gut ist, stammt aus der 3. Die 2 aber und die 1 gleichen keinem Ding, sondern sie sind die ersten, die existieren. Die 2 aber, indem sie getrennt ist von der 1 wird zu der Hypo­stase [Verding­lich­ung eines gedank­lichen Begriffs] gezählt. Aber die 4 hat die Elemente empfangen, die 5 hat Vereinigung empfangen, und die 6 wurde vollkom­men durch sich selbst. Die 7 hat Schönheit empfangen, die 8 bereitet ein Übermaß. Und die 10 offenbarte den ganzen Ort...“ Anschließend verbreitet sich Marsanes über die Buchstabenmystik, die er mit himmlischen Kraftmächten in Verbindung setzt. Ein anderer Nag-Hammadi-Kodex (NHC 8.1), vom Anfang 2. Jh., der die iran­isch-pla­to­nische Himmelsreise des Zostrianos/Zoroaster beschreibt, endet mit einem Krypto­gramm des­sen Auflösung durch die drei Achter­reihen des griech. Alphabetes möglich wird. (Bibel der Häretiker: die gnostischen Schriften aus Nag Ham­madi, eingel., übers., kommentiert von G. Lüdemann u. M. Janßen, Radius-Verlag, Stuttgart 1997) Solch eineAchtereinteilung wurde auch für die Runen typisch, man nannte sie urgerm. aihtiz, altn. ætt („Geschlecht“). Die Runenentstehung fällt ersichtlich in eine Zeit, in der einerseits das neupytha­gore­ische Buch­staben- und Zahlendenken in voller Blüte stand und ander­seits das keltisch-druidische Mysterienwissen noch seine ungebrochenen Impulse aus­senden konnte. Das wäre nicht sehr viel später als unmittel­bar nach der cäsari­schen Zer­trümme­rung der galli­sch­en Welt 50 v.0. Allerdings darf die kelti­sche Einfluss­nahme auf die abendländische Religions­ge­schichte sowohl vor wie auch noch nach diesem Zeitpunkt als bedeutend betrachtet werden. Die Druiden waren eine gut organi­sier­te Prie­sterkaste in der weiten Keltika von Iberien, Irland, Gallien, Ober­germanien bis hin nach Galatien. Ihre Lehren vom Ewigkeitswert der Menschen­seele, inspirierten mit Sicherheit vielfältige Mysterien­kulte. Die im fraglichen Zeitraum wirkenden Bücher und Schulen der Buchstaben- und Zahlen­mystik dürften dem Runenschöpfer den unmittelbaren Anstoß gegeben ha­ben seiner eigenen kalen­darisch-theo­sophischen Tradition ein Denkmal zu setzen, ein zeitgemäßes Zeugnis zu schaffen -, wahr­schein­lich sogar mit seiner neuen gottes­weisheitlichen Schrift­ordnung ein Leit-, Sehnsuchts- und Musterbild für einen germanischen Gottesstaat zu begründen. 

 

Zeugnisse dafür, dass sich, neben Germanen, auch Perser wie Juden von den griechischen Modellen der Buchstaben-Philosophie befruchten ließen, lassen sich beibringen. Auch die judäische Überlieferung hat die altgriechische Buchstabenmystik aufgegriffen, auf ihr 22 Konsonanten-Alphabet umgedeutet und bewahrt, wie es das „Sefer Jetzira“ („Buch der Formung“ / „Buch der Schöpfung“) aus dem 10.-12. Jh. nachweist, das der jüdischen Kabbala eingegliedert wurde, welche selbst - nicht anders wie die persischen Ausformungen - ein Kind der neupythagoreisch-neuplatonischen Renaissance ist, aus dem Beginn der sog. christlichen Zeitrechnung. Mani (216-276), dem persischem Adel entstammend, war der Stifter der nach ihm benannten Religion des Manichäismus, die, in Nachfolge der Lehren Zarathustras, Sichtweise vom ewigen Widerstreit von Gut (Licht) und Böse (Finsternis) vertrat. Er berief er sich auf göttliche Offenbarungen, denen er sein Wissen verdanken würde. Sein großer Entwurf war es, die Lehren der persischen Magier, die für das zarathustrische Gedankengut im gesamten Orient eifrig missionierten, mit den neuen Impulsen durch essenisch-christliche Täufergruppen zu verschweißen. Nach Manis Lehre ließ der „Vater der Größe“ oder „Vater in der Höhe“ aus sich den weiblichen „Großen Geist“ als „Mutter des Lebens“ hervorgehen, dieses Urelternpaar brachte einen Sohn hervor, der als „Erster Mensch“, zusammen mit den Lichtelementen (Luft, Wind, Licht, Wasser und Feuer), den Kampf gegen den „Fürsten der Finsternis“ aufnahm, indem er sich freiwillig hinab in die Materie begab. Ihm gelang - allein durch reine, asketische Lebensweise - die Befreiung aus dieser Gefangenschaft und die Heimkehr ins Licht der Höhe. Er ist damit der Vorbild gebende Prototyp für die gesamte Menschheit. Der Kosmos erscheint somit allein erschaffen, um den in seinen Finsternissen festgehaltenen Lichtelementen eine Gelegenheit zu geben, sich zu läutern, den materiellen Ballast gänzlich abzuwerfen, um dadurch wieder aufsteigen zu können ins Licht des Vaters. Das Gegenprinzip, die Streitkräfte der Finsternismächte, widersetzen sich dem Prozess, sie versuchen möglichst viele Lichtkräfte in ihren weltlichen Fallstricken festzuhalten. Das große Ringen soll mit einem Scheitern der Finsternis und dem endgültigen Sieg des guten Lichtes enden. Aufgabe des Menschen sei es also, sich jedweder weltlichen Begierde zu entäußern. Mit diesen Lehren stand Mani im Kreuzfeuer von Magiern und christlichen Bischöfen. Schließlich schritt der persische Großkönig Bahram I. gegen den zu sehr jenseitsgewandten Manichäismus ein, gestützt von der herrschenden zoroastrische Priesterschaft. Mani wurde verhaftet und starb als Gefangener. Gleichzeitig mit Mani erlebte in der  griechischen Welt die platonische Philosophie eine neue Blüte. In der Zeit des römischen Kaisers Diokletian (236-312) wurden sowohl der Manichäismus wie auch das Christianismus heftig bekämpft, denn diese beiden weltverachtenden Religionsformen konnte ein funktionswilliges Staatswesen keinesfalls dulden. In dieser Phase des röm. Staates erstarkte, im Widerstreit mit den an Boden gewinnenden orientalischen Sekten der Unterschichten, jener Neuplatonismus, der sich auf die Lehren Platons berief -; er dominierte bald das philosophische Denken der einflussreichen Kreise. Der Hauptinitiator war Plotin (205-270), der ab 244 in Rom lebte, wo er in griechischer Sprache lehrte und seine Philosophenschule gründete. Ganz in Gegensatz zum zoroastrischen und Manis Dualismus lehrte Plotin die monistische Vorstellung, dass also alle kosmischen Erscheinungen auf ein einziges Urprinzip zurückzuführen seien und mithin der Mensch überall in der Welt göttlichen Äußerungsformen begegnet (Pantheismus). Auch der aus Tyros stammende, über außergewöhnliche Bildung verfügende Porphyrios (233-305), der viele Jahre bis zu seinem Tod in Rom lebte, war ein herausragender neuplatonischer Gelehrter, Lehrer, Schriftsteller und als Gegner des Christentums, ein scharfer Bibelkritiker. Er schrieb eine umfangreiche Kampfschrift „Gegen die Christen“, in der er nicht nur philosophische Überlegungen vorbrachte, sondern auch historische und philologische Argumente gegen Bibeltexte anführte. Eine der manichäischen Sekten führte damals der Perser Bundos. Er griff neuplatonische Lehren auf, verkündete, der Fürst der Finsternis sei bereits jetzt schon vom Guten Gott überwunden, den man nun als Sieger verehren dürfe. Daraus resultiert eine Abkehr von den strengen Askesevorschriften der traditionellen Manichäer. Bundos kehrte in seine persische Heimat zurück, verbreitete seine Auffassungen; seine Anhänger nannten sich  „Bekenner des rechten Glaubens“. Aus deren Traditionen, die Manis und Plotins Lehren weitertrugen, erwuchsen um 490 n.0 die persischen Mazdakiten, die sich ebenfalls „Bekenner des rechten Glauben“ benannten. Ihr Gründer Mazdak (gestorben 524/528) war ein Reformer, der Güter-, Weiber- und Kindergemeinschaft lehrte. Seiner Lehre nach, sollten die Menschen nicht durch totalen Verzicht auf die Freuden der Welt erlöst werden, vielmehr allein durch Verzicht auf persönlichen Besitz. Es kam zu radikalen revolutionären Entgleisungen, die gewaltsam-kommunistisch anmuten, indem sich Habenichtse anschickten, die wohlhabenden Adelsschichten auszuplündern begannen, um die Güter in Gemeineigentum umzuverteilen. Großkönig Chosrau I., der 579 verstarb, ließ die Mazdakiten ab 531 verfolgen, brach ihre Macht und beendete die entstandenen chaotischen Zustände.

 

Ich holte nur darum so weit aus, um auf Schriften Mazdaks eingehen zu können, die von der griechisch bestimmten Gedankenwelt der Mazdadkiten Bericht erstatten, welche die Runenforschung relevant erscheinen. Franz Altheim berichtet in „Reich gegen Mitternacht“, 1955, S. 100 ff: „Weniger bekannt blieb, dass ein wörtliches Bruchstück aus einer Schrift des Revolutionärs erhalten ist. Mazdak spricht darin selbst, und  es ist erstaunlich und befreiend, seine Worte zu vernehmen. Sie führen weit weg von dem, was man bei ihm zu erkennen glaubte. Zunächst enthüllt sich eine Rang- und Stufenordnung der göttlichen Welt. Zuoberst Gott oder das Licht; vor ihm vier „Mächte“, die auch als „geistige Mächte“ bezeichnet werden. Dann sieben „Wezire“ [beamtete Helfer], geschieden nach Planung und Ausführung, Gedanke und Tat. Schließlich zwölf „Geistwesen“, auch sie geschieden, aber diesmal nach dem Verbrauch dessen, was zum Leben nötig ist, und seiner Beschaffung.“ Wir addieren: 1 göttliches Licht, 4 Mächte, 7 Wezire, 12 Geistwesen = 24 kosmische Größen umfasst das System, ebenso wie die griechische und germanische Buchstabenordnung 24 Zeichen umfasst. Altheim fährt fort: „Den Abschluss der Bruchstücke bildet die Lehre von den Buchstaben. Mit ihrer Hilfe regiert der Herr des Lichts, und ihre Summe ergibt den gewaltigsten Namen, vermutlich den des Lichtherrn. Der Sinn der Buchstaben bleibt dem Menschen gemeinhin verschlossen, und er muss darum sein Leben in Unwissenheit, Vergessen, geistiger Trägheit und Kummer verbringen. Wer aber ihren Sinn begriffen hat, dem eröffnet sich das größte Geheimnis. Man erkennt die Entsprechung zu dem, was zuvor gesagt wurde. Wie der Mensch, dem die Mächte sich vereinen, Gott ähnlich zu werden vermag, so kennt, wer um den Sinn der Buchstaben weiß, das Geheimnis der Welt.“ Grundsätzliche Betrachtungen, bis zur Terminologie, sind bei Mani und Matzdak gleich. „Auch die Aufzählung göttlicher Wesen, nach Name und Funktion geschieden und festgelegt, ist manichäische Art“, wohl aus der Überbringung durch Bundos. „Es fällt auf, dass der Name von Mazdaks Gott und Lichtherrn niemals begegnet. Er verbirgt sich hinter dem bei ihm erwähnten höchsten Geheimnis. Damit gleicht der Lichtherr dem neuplatonischen Weltgott, für den dasselbe zutrifft. Er ist über die Namen erhaben, bedarf dessen nicht und bleibt unbenennbar und ungenannt.“ Auch Gedanken aus Porphyrios Schrift über die Sonne, und die Nachwirkungen die sie verursachten, finden sich wieder in Mazdaks Bruchstück, ähnlich wie bei ihm der „Herr des Lichts“, nimmt bei dem Neuplatoniker die Sonne eine beherrsche Stellung ein. „Sie ist sichtbares Abbild des höchsten Gottes, des über allem thronenden göttlichen Nous [Geistes].“ Wie sehr das nur scheinbar persische Gesamtkonzept aus ursprünglich griechischem Denken herrührt, ersieht man an den „7 Weziren“, die den 7 Planeten entsprechen -, den „12 Geistwesen“, innerhalb deren Kraftfelder sich die 7 Wezire bewegen, sind die 12 Tierkreiszeichen zu begreifen. Schon bei Porphyrios steht die Sonne an der Spitze der Planeten und ebenso sind die Tierkreiszeichen gewissermaßen Wesenheiten der Sonne. Der frühe Neuplatonismus etwa des 3. Jhs., so Franz Altheim, bestimmte die niedergelegten Gedanken des erwähnten Text des Mazdak-Bruchstücks. Er fahrt fort: „ Die Bestätigung erbringt Mazdaks Lehre von den Buchstaben. Deren Summe ergebe den gewaltigsten Namen, so wurde gesagt. Wie diese Summe dem Menschen das Höchste enthüllt, so hatte das Zusammenwirken der vier Mächte, sieben Wezire und zwölf Geistwesen den gleichen Menschen befähigt, Gott ähnlich zu sein. Die Summe derer, die die göttliche Hierarchie bilden, musste demnach der Summe der Buchstaben entsprechen. Die vier, sieben und zwölf ergeben zuzüglich des Lichtherrn die Zahl 24. Und 24 ist die Buchstabenzahl des griechischen, nicht des aramäischen Alphabets. Zudem entspricht die Siebenzahl der Wezire der der griechischen Vokale, die das aus der Buchstabenmystik bekannte „Pleroma“ [Fülle] bilden. Die 24 Buchstaben des griechischen Alphabets wurden den zwölf Elementen der Welt gleichgesetzt, wobei je zwei Buchstaben einem Element entsprechen. Überdies schließen sich Mazdaks zwölf Geistwesen zu einer Gruppe zusammen, die nach ihrer einfachen, nicht verdoppelten Zahl mit der der Weltelemente übereinstimmt. Genug: auch die Buchstabenspekulation , die bei Mazdak vorliegt, ist griechischen Ursprungs. Das bestätigt das bisherige Ergebnis, demzufolge Gedankengut griechischer Philosophie sich bei ihm feststellen ließ. Da jede christliche Umbildung der Buchstabenmystik fehlt, liegt auch hier die diokletianische Zeit am nächsten, und dies besagt: wieder wird man auf Bundos geführt. Er ist der Überbringer dessen gewesen, was sich an Griechischem in Mazdaks Lehre niedergeschlagen hat.“ Was hier über die Buchstabenmystik zu Tage tritt spiegelt sich so gut wie deckungsgleich im germanisch-runischen Konzept, nur dass anstatt der 7 griechischen, 6 germanische Urlaute zugrunde gelegt wurden.

 

Bild: Pythagoras-Herme, um 120 n.0 – Kapitolische Museen, Rom

Pin It