WEISSAGUNG - MANTIK UND ORAKEL

 

WEISSAGUNG - MANTIK UND ORAKEL

 

Nach Übereinstimmung älterer Lehren der unterschiedlichsten Gotterkenntnisse (Religionen) unterliegen die Erscheinungsabläufe des Alls einer planvollen Vor­bestimmung, und die Wissenschaft von den Grundgesetzen der Natur (Physik) kann dies nur bestätigen: Jeglicher Ablauf geschieht aufgrund weitgehendst festgelegter innerer Gesetze.

 

ACHTUNG: Was im Folgenden dargelegt wird ist keinesfalls als eine echte Wissenschaft zu betrachten, man könnte es als höheren Unterhaltungsbeitrag ansehen. Nur ist es so, wenn schon mit Runen orakelt werden soll, dann dürfte es ausschließlich im Sinne des urrunischen Schöpfers und seiner Gedanken geschehen und NICHT mit den frei in der Neuzeit ausgedachten Runenbegriffen z.B. eines Guido List und seiner nachfolgenden Epigonenschar ! Runologische Authentiziät ist die mindeste Voraussetzung für Ernsthaftigkeit auch im Orakelspiel. Damit soll aber nicht auserlesenen Menschen die Fähigkeit abgesprochen werden, erstaunliche Leistungen auf hellseherischem Gebiet - auch unter Zuhilfenahme des Mediums der Runen - zu erbringen.

 

Das Menschenschicksal erschien ebenso nach einem mehr oder minder starren, vorkörperlichen (präexistenten) Verhängnis (Fatum, Kismet) abzurollen, sogar nach einer Gerechtigkeitsregel (Karma) vorgeordnet, so dass kein wirkliches Unglück einen wahrhaft Unschuldigen zu treffen  vermöchte und kein Segen einem gänzlich Unwürdigen zufiele - mithin jeglicher „Zufall“ einem gezielten „Zuwurf“ entspräche.

 

Wie dem auch sei, jedenfalls wird die größte Glaubensgemeinschaft unserer Erde von der Überzeugung geeint, dass den Menschen ein Los zugeteilt ist, sei es durch göttliche Gerechtigkeit, durch die Bedingungen der Seelenwanderung (Re­inkarnation), durch eigene Artgesetze (genetische Prägung) oder durch Wirk­kräfte aus dem Weltall und dem Erdboden (astrologische und radiästhesistische Spekulationen).

 

Die verteilten Lose kennenzulernen, um sich frühzeitig darauf einrichten zu kön­nen, oder einen Wink der Schicksalsmächte zu erbitten für das sinnvolle, richtige (karmagerechte) Verhalten: Dies alles entspricht bis heute einem niemals verlo­rengegangenen menschlichen Bedürfnis. Dazu bediente man sich der unter­schiedlichsten Hilfsmittel und Techniken (Orakelwesen).

 

Das Streben nach dem Wissen des inneren Kreises (Esoterik) verführt den Su­chenden leicht, in den Bereich künstlich geschaffener Trugbilder zu gelangen, deshalb werden die wahren, ernsthaften Jünger (Adepten) einer Einwei­hungs­lehre in vorsichtiger Bemessenheit den Weg zum Gral (Schale der letzten Weis­heit) zurücklegen.

 

Der Lehrer einer Geheimunterrichtung (Mystagoge) aber sollte seine Aufgabe darin erblicken, dem Aufnahmewilligen das notwendige Rüstzeug an die Hand zu geben, ohne ihn in dem Gebrauch der Mittel entfaltungsfeindlich einzuengen. Der wahrhaft Berufene wird das Maß seiner Möglichkeiten nicht überschreiten. Der maßlos Wundergläubige hingegen läuft Gefahr, sich in Glaubensschwärmerei (Mystizismus) zu verlieren. Freilich ist es erforderlich, eine Stufe der Verinner­lichungsfähigkeit zu erreichen, auf der wir unser tiefstes Selbst in den über­ein­stimmenden Zusammenklang mit jenen Kraftmächten hineinführen, denen ge­genüber wir eine Erwartungshaltung hegen. Der kultische Rausch als Mittel zur entzückten Schau des geistigen Auges hat in der indogermanischen (indisch-iranisch-keltisch-germanischen) Glaubensgeschichte eine sichere Überlieferung. Ein unbeschränktes Sinnen und Ringen um die letzten Gründe und Zusam­men­hänge des menschlichen Seins führt folgerichtig zu einer vergeistigten Le­bens­betrachtung (Spiritualität), um sich schließlich unter bewusster Beisei­te­schiebung einer entwicklungsgeschichtlichen Betrachtung religiöser Vorstel­lungen zu reifen, beglückenden Betrachtung des ewigen Weltgeistes empor­zu­schwingen.

 

Jenes seelisch-geistige Vermögen des Menschen, in unmittelbare Verbindung zu treten mit dem geistigen Prinzip des Alls, ist es, was erweckt und zur Entfaltung gebracht werden sollte. Die solchem Zweck dienende Form des empfohlenen Brauchtums (Ritus) und das geübte Ordnungsgefüge (Zeremoniell) einer An­dachtsübung haben Sinn und Wert allein im Hinblick auf das Ziel der Grenz­überschreitung von den grobsinnlichen Erfahrungswelten in die feinstofflichen höheren Ebenen.

 

Jedes Verstehen setzt ein Ähnlichsein voraus: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst !“ sagt Goethe. Wir können nur fahnden nach dem, was wir selbst in uns tragen. Wenn wir versuchen, das Göttliche zu erraten, so beginnen wir, uns selbst wiederzufinden, wie Meister Eckehart kündete: „Du sollst Gott nicht außer­halb von deinem Selbst erfassen und ansehen, sondern als dein Eigen und das, was in dir ist !“ Diese Schau des deutschen Mystikers entspricht in wunderbarer Übereinstimmung den Aussagen des indoarischen Veda, dem Buch des heiligen Wissens, jenem ältesten literarischen Denkmal der Menschheit (im Umfang mehr denn sechsmal stärker als die Bibel): „Das göttliche Urlicht [Brahman] entspricht dem menschlichen Selbst [Atman].“ Gott und Mensch werden von ein und denselben, nur graduell voneinander abweichenden Kraftströmen durchflutet. Sie ste­hen zueinander im Verhältnis wie Feuer und Fünkchen.

 

Für das, was unter den Gottesanleihen Geist und Seele (Logos und Psyche) zu verstehen ist, suchten die Menschen bildhafte, mimische Gleichnisse in der Natur und fanden sie in den sich himmelwärts reckenden Lohen (Flammengeist), im grenzenlos ziehenden Wind (Lebenshauch), im alles durchdringenden Wasser der unendlich tiefen See (Seele). Wirkmächte, im heutigen Sprachgebrauch Gottheiten genannt, wurden unter derartigen Naturerscheinungen gleichnishaft begreifbar gemacht. Die Umsetzung in menschengestaltige, anthropomorphe Götterbilder erfolgte erst am Ende einer langen Entwicklung. Aus diesem see­lisch-geistigen Gottesantrieb gingen sämtliche Gottesvervielfältigungen als gött­liche Erscheinungsformen hervor. Eindeutig wird im Veda die Frage gestellt und beantwortet: „Welcher ist der einzige Gott ? Der Atem ! Er ist das Brahman.“ (Brhadaranyaka-Upanishad IV 1-2). Was im Kosmos der Wind (Vata/Vayu/Vo­den) ist im Menschen der Atem (Atman/Odem) - sie sind identisch mit dem Seelenselbst von Mensch wie Gott. Das Wort für Seele, mitteliran. gyan, altiran. vyana, weist auf ursprüngliche Verbindung mit dem Hochgott Vayu-Vai hin. 

 

Es ist nur natürlich, dass die allumfassende Seele Vayu-Wodan in Plus und Minus gespalten, aus den beiden Wesenheiten Baldur und Hödur, bestehen muss, wel­che - wie die Frithjofsaga sagt - in jedermanns Brust ihren Streit ausfechten. Das göttliche und menschliche Gewissen - d.h. die zuneigende Liebe des Vaters zum „guten Sohn“ - steht dabei auf der Seite des reinen Baldur.

 

So wie Wodan das väterlich-männlich-befruchtende Prinzip darstellt, so schließt er nicht weniger total auch den mütterlich-weiblich-gebärenden Urgrund mit ein. Auf ihn, die Herm-Hekate, Wodan-Wurd, Theut-Osiris-Isis, jenes hermetische Prinzip, die Anima Mercuri, Anima Mundi, das Brahman-Atman, in des Menschen Brust beheimatete Welt-Urselbst, gilt es, sich in jeglichen Orakelritualen einzu­schwingen, um Antwort auf die gestellten Schicksalsfragen zu erhalten. Ein spät­antiker griechischer Zauberpapyrus (P Vll 551) spricht die Beschwörung aus: „Erscheine mir beim Orakel, du hochgemuter Gott, dreimal großer Hermes.“

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