Der goldene Goten-Ring von Pietroasa

 
 
Der goldene „Gotenring von Pietroasa“ (Durchmesser 16 cm) ist Teil eines 22 Gegenstände umfassenden gotischen Goldschatzes den die Ostgoten wohl vor den Hunnen zu verbergen versuchten. Der Schatz von Pietroasa ist ein königlicher Schatz, mit mehr als 40 Kilogramm Gold und Edelsteinen. Der dazugehörende goldene Halsring, aus dem frühen 5. Jh. n.0, trägt eine gotische Runen-Inschrift. Der Hort wurde 1837 am Osthang des Berges Istritza in der Nähe des Ortes Pietroassa (heute Pietroasele) in der rumänischen Walachei gefunden. Der Ort Pietroasele liegt im rumänischen Kreis Buzau, nicht weit von der Hauptstadt Bukarest entfernt. Ab der 2. Hälfte des 4. Jh. lassen sich hier zwei gotische Siedlungen in der Nähe nachweisen. Die Hunnen überschritten 375 überraschend den Don und überfielen die Ostgoten. Der Pietroassa-Goldschatz wurde während der Herrschaft der Hunnen über die Ostgoten vergraben, noch bevor 454 eine Germanenkoalition, in der Schlacht am Nedao, die Hunnen schlug und sie in die östlichen Steppen zurücktrieb.
 
Ermanarich (got. Aírmanareiks, altnord. Jörmunrek(kr), mittelhdt. Ermenrîch) war König, aus dem Geschlecht der Amaler, des Gotenreiches Gardariki, das sich von den Ostseeküsten erstreckte bis zur Nordküste des Schwarzen Meeres. Er soll nach dem mörderischen Überfall der Hunnen sich selbst den Tod gegeben haben. Darüber berichten zwei Geschichtsschreiber, der Gote Jordanes und Ammianus Marcellinus. Nie wurde bei den Deutschen dieser König ganz vergessen. Noch im 16. Jahrhundert wurde im niederdeutschen Sprachraum die Ballade „Konic Ermenrikes Dot“ auf einem fliegenden Blatt gedruckt. Gemäß Jordanes ließ Ermanarich die Rosomonin Sunilda, aus dem Gedanken der Sippenhaft heraus, hinrichten, wegen der Verfehlung ihres Mannes „Feigheit vor dem Feind“. Daraufhin rächten sich ihre Brüder, Sarus und Ammius, und fügten dem König eine schwere Wunde in der Seite bei. Wegen dieser Wunde sei er nicht in der Lage gewesen, gegen die Hunnen zu kämpfen und kurz darauf im Alter von 110 Jahren i.J. 376 gestorben. Seine Nachfahrin, die Gotin Ildiko (Hilde), soll im Jahre 453 die Frau des Attila geworden sein, nachdem sich die Goten mit den Hunnen notgedrungen arrangieren mussten. In der Hochzeitsnacht mit Ildiko soll Attila gestorben sein, wobei die Gerüchte laut wurden, Ildiko hätte dabei ihre Hand im Spiel gehabt. Nach seinem Tod marschierte ein Teil der Greutungen unter dem Führer Vithimiris in Richtung Westen, um neuen Lebensraum zu gewinnen. Sie kämpfte mit den Vandalen gegen die iranischblütigen Alanen, die Verbündete der Hunnen waren. Der größere Teil der Greutungen bzw. sog. Ostgoten focht, vertraglich gebunden, in der Schlacht auf den „Katalaunischen Feldern“, im Jahre 451, zusammen mit den nach Westen vorstoßenden hunnischen Steppenreitern. Danach trennten sie sich aus der hunnischen Umklammerung und schlugen die Asiaten, in Gemeinschaft mit anderen Germanen, insbesondere den Gepiden.
 
Bei dem Pietroassa-Goldschatz handelte es sich, wie schon erwähnt, um 22 goldene, prunkvoll ornamentierte, mit Edelsteinen besetzte Schalen, Kannen und Gewandspangen. Die Finder hielten ihn 1837 verborgen und beschädigten viele Objekte, indem sie Goldstücke abbrachen, verbogen oder die Edelsteine entfernten. Nach polizeilichen Ermittlungen konnte man nur noch 12 Objekte sicherstellen. Sie gelangten in das Bukarester Museum, aus dem sie 1875 wieder gestohlen wurden. Der Dieb beschädigte weitere Objekte und zerschnitt den Ring von Pietroassa in mehrere Teile, von denen die beiden inschriftentragenden wieder sichergestellt werden konnten. Die Rune, durch die der Schnitt ging, war seitdem Gegenstand von Diskussionen. Im Weltkrieg I. (1916) stahlen ihn die Russen, erst 1956 kehrte er aus Moskau nach Bukarest zurück, wo er heute im „Nationalen Museum der Geschichte von Rumänien“ zu sehen ist.
 
Inschrift des goldenen Halsringes
 
Der Gotenschatz
 
Nachdem die Inschrift in zwei Teile geteilt worden war, bildeten sich Zweifel über den Lautwert der zerstörten Rune, da nur noch einige Zweige erkennbar waren. Es wurden die Runen „j“, „s“ oder „ng“ vorgeschlagen. Zuletzt einigte man sich auf „j“, als ein vor dem Diebstahl entstandenes Foto des Halsringes auftauchte, in dem eindeutig die „o“-Rune erkennbar war.
 
Die rechtsläufige Inschrift der ODING-FUThARK-Runenzeichen lautet: „gutani o wi hailag“. Die Trennung der Wörter entspricht der Anordnung der Runen auf dem Halsring. Aus den 15 Buchstaben (Quersumme 6) lassen sich vier Wörter lesen: Gutani o(þal) wi(h) hailag“. Die „o“-Rune steht einzeln nicht für ihren Lautwert sondern ihren Runennamen „oþala“. Dieser bedeutet „Heimat / ererbter Besitz“. Das ergänzte h bei wi(h) („geweiht“) erklärt sich möglicherweise daraus, dass man in Runenschrift zumeist keine Doppelkonsonanten schrieb. Im normalisierten Wulfila-Gotisch würde die Inschrift lauten: Gutane oþal weih hailag“ = „der Goten Erbbesitz, geweiht [und] unverletzlich/geheiligt“. Die Inschrift ist unverkennbar gotisch. Zum einen wird der Stammesname genannt, zum anderen hat die „h“-Rune nur einen Querbalken. In den sonstigen kontinentalen Runeninschriften und im angelsächsischen Futhark hat diese Rune zwei Querbalken. Man nimmt an, dass die Inschrift nicht unmittelbar vor der Niederlegung des Schatzes angebracht worden ist. Bei solchen frischen Ritzungen treten sonst Wülste an den Ritzkanten auf, die nicht nachgewiesen werden konnten. Zudem weist der Ring Gebrauchsspuren auf, die eine längere Nutzung nahelegen. Der Nutzer könnte eine höhergestellte Persönlichkeit, Fürst oder Priester, gewesen sein. Unter den Runen „o“ und „w“ ist laut Wolfgang Krause ein schwach erkennbares Sinnbild (Dreiwirbel oder Hakenkreuz) eingeritzt, was eine solar-religiöse Verwendung unterstreichen würde.
 
Ich meine: „Gutani o wi“ = „Der Goten Heimat Weihe“; „o“ bzw. Rune-„oðala“ bedeutet als einzelne Sinn-Rune „Heimat / Heimaterde / Sippenbesitz“. Die gesamte Inschrift lautet (mit Konjekturen und Über­set­zung): gutanī ō<þal> wī<h> hailag = „Der Goten heimatlich geweihtes Heiligtum“. Die Runenfolge „o-wi(h)“ würde aber „Heimat-Weihe“ bedeuten, so dass der im Hort niedergelegte Gotenring auch als imperative Beschwörung aufzufassen wäre im Sinne von „Dieser Boden soll ewige gotische Heimaterde bleiben !“ Historisch ist die Schreibung mit „t“. Auch in den germanischen Nachbarsprachen wird immer mit „t“ ge­schrie­ben: altenglisch Gota Gote (Plural Gotan Goten) und alt­nor­disch Gotna der Goten. Der Dentallaut ist mit der Teiwaz-Rune für „t“ und nicht mit der Thorn-Rune (Þ) für „th“ (wie englisch „th“ als stimmlose dentale Spirans gesprochen) geschrieben. Die Form „gutani“ (gutane) ist der Genitiv Plu­ral, bedeutet also der Goten. Genau wie deutsch Gote, die Go­ten wird es auch im Gotischen als schwa­ches Sub­stan­tiv de­kli­niert, zeigt dort also das für die schwache De­klina­tion ty­pi­sche „n“ in den Endungen. Das gilt sowohl für das La­tei­ni­sche in klas­si­scher Zeit, zum Bei­spiel Pli­nius im ersten Jahr­hun­dert nach Null. Er schreibt „Gu­to­nes“ = „die Goten“. Aber auch für die Go­ten selbst, wie wir am Ring von Pietro­assa in Runen an­sehen kön­nen. Im Deutschen war die Schreibweise „gothisch“ im 18. und 19. Jahrhun­dert be­liebt, wur­de dann aber ge­nau wie die Thür und die That zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts ab­geschafft, so dass wir heu­te wie­der schrei­ben, wie wir es ur­sprüng­lich taten: „gotisch, Goten, Gotik“.
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