DOPPELTE WELTSTÜTZE

 

Gesamtheit des Artikels: Copyright © Gerhard Hess - Jan. 2012

Abb. 1 + 2 - Papierhandabrieb und Kupferabdruck der bronzezeitlichen Sonnenstütze / Ur-Irminsul

 

DOPPELTE WELTSTÜTZE

 

Der bronzezeitliche Felsbildstein von Kasen/Bohuslän/Schweden zeigt die Sonnenweg-Doppelspirale zwei säulenartigen Stützen aufliegend (Abb. 1). Davor liegt ein geopferter Ur-Stier (Auerochse), dessen Hinterbeinpaar bereits auf dem Opferaltar oder dem Opferkessel liegt. Es besteht kein Zweifel, dass wir hier die bisher älteste Weltstützen- bzw. Sonnenstützen-Darstellung des Nordens vor uns haben. Die beiden kräftig heraus geschliffenen Säulen sind zwar am Fuße durch eine dünne Picklinie verbunden, doch letztlich muss es unbeantwortet bleiben, ob der Künstler eine einzige Weltsäule meinte, deren Randkonturen er markant herausstellte, oder ob er vom Vorhandensein zweier Säulen ausging, über die die Sonne ihre Bahn zieht. Bei diesen Fragestellungen handelt es sich um Details, welche die Begeisterung über den beglückenden Ur-Irminsul-Fund nicht schmälern können. Doch es sind keineswegs unwichtige „Nebensächlichkeiten“, möglicherweise sind sie durch scharfsinnige Beobachtungen des Quellenmaterials zukünftig doch bis zu einem gewissen Grade aufzuhellen. Für den antiken Glauben an eine Welt-Doppelstütze ist umfangreiches Belegmaterial vorhanden.

 

Abb. 2 - Weltstützen-Heiligtum der Lappen

 

Bekanntlich heißt es bei Homer von Atlas, dass er die Säulen unter seiner Aufsicht habe, die Himmel und Erde auseinander halten (Od. I. 52). Und Tacitus (Germ. 34) spricht von den Säulen des Herakles im Raum des nördlichen Weltmeeres. Weder der Name der Säulen noch deren Anzahl stand in der Antike fest. „Säulen des Ägäon“ nennt sie ein Fragment, dem Titanen Kronos oder dem Meerriesen Briareos konnten sie zugeschrieben werden. Das Altar-Zentrum des Sonnenheiligtums Stonehenge bei Salisbury/England ist aus zwei größten Steinsäulen mit ihrem Deckstein errichtet. Wenn hier Stieropferriten durchgeführt worden sind, wird man sie für den Zeitraum der Sommersonnenwende annehmen dürfen, ist doch die Gesamtanlage auf diese ausgerichtet, also die aufgehende Sonne am längsten Tag. Die hohen Doppelpfeiler auf der Asiger Haide im schwedischen Halland, wie beispielsweise der sog. „Haborgsgalgen“, mit seinen eingravierten zentrischen Sonnenringen, gehört zu jenen Kultplätzen der nordischen Frühgeschichte die solare Doppelstützen ins anschauliche Bild gesetzt haben dürften. Man müsste zu ergründen versuchen, auf welche jährlichen Sonnlaufphasen sie ausgerichtet wurden. Vermutlich sind aus diesem Gedanken des Dualismus bei den christianisierten Germanen die zwei himmelragenden schlanken Türme der Dome und Kirchen hervorgegangen. Was die beiden Säulen und die beiden Sonnenwirbel zu bedeuten haben, ist zu erahnen, die aufsteigende und absteigende Sonnenbahn, den ewigen Wechsel von Tag und Nacht, von Licht und Finsternis, Werden und Vergehen, Leben und Tod, Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Gott und Widersacher. Die durch Witterungseinflüsse verbogene hölzerne Weltsäule, der stark von germanischer Mythologie beeinflussten Lappen, stand nach den im Jahre 1771 erfolgten Veröffentlichungen des Forschers Knut Leem zwischen zwei hohen Spitzsteinen (Abb. 2). Bei der Abbildung handelt es sich um einen Holzschnitt aus Axel Olrik / Hans Ellekilde, „Nordens Gudeverden“, 1926. Zwar wurde stets angegeben, der verzogene, gebogene Balken zwischen den beiden Menhiren gelte als lappische Weltstütze, doch vier kleinere, offenbar mit Sinnzeichen / Runen beschriftete Balken gleicher Art sind an die Steine gelehnt, so dass die Information gleichwohl auf einem Übertragungsirrtum beruhen könnte und die Lappen die beiden heiligen Steine selbst als doppelte Weltstütze betrachtet haben. Jedenfalls wurde die sichere Information über die altgläubige Betrachtung der Weltstütze weitergereicht, sie würde „den Himmel oben halten“. „Noch in der deutschen Volkskunst des 15. - 18. Jahrhunderts spielt die Doppelsäule oder der Doppelfels eine kennzeichnende Rolle“, schreibt Josef Strzygowski („Spuren indogermanischen Glaubens in der bildenden Kunst“, 1936, S. 89) Der gleiche Autor fährt fort, indem er Bezug auf die vorschriftgeschichtlichen indogermanischen geometrischen Bedeutungszeichen nimmt: „Das wichtigste geometrische Bedeutungszeichen ist eines das bereits im vorliegenden Buch wiederholt herangezogen wurde: Die Säule ist nicht nur nur eine zweckmäßige Gestalt, sondern hat ursprünglich Bedeutungswert. Sie ist, wie wir sehen werden, ein Sinnbild der Weltsäule und zugleich des Baumes; sie trägt den Himmel, wenn sie durch einen Bogen mit einer zweiten Säule verbunden ist.“ (S.103 f) Hier wird etwas angesprochen das zu manchen Irritationen Anlass gab. Säule und Baum sind zwar scharf von einander zu unterscheiden, und doch gab es in der mythologischen Sichtweise wie auch in darstellender Kunst den Synkretismus einer Zusammenschau beider. Die orientalische Idee des Lebensbaumes und die weltweit verbreitete Vorstellung vom kosmischen Weltenbaum konnten sich mit dem Weltsäulenkult verknüpfen und Mischgebilde hervorbringen. Strzygowski bestätigt meine unabhängig von ihm erarbeiteten Forschungsergebnisse indem er schreibt: „Unter dem Schlagworte ,Lebensbaum’ ist der einzelne Baum als Sinnbild allgemein bekannt. Man meint, sein ältestes Vorkommen in Mesopotamien spräche deutlich genug für den altorientalischen Ursprung.“ (S. 113) Ich komme im Weiteren darauf zurück.

 

Ebenso weist das indische Stupa-Heiligtum die beiden Torposten auf, über denen, dreigeschossig, die Doppelspiralbahnen hervorgehoben sind, wie beispielsweise beim Nordtor vom großen Stupa in Sanci/Zentralindien aus dem Anfang 1. Jh. v.0. Schon auf den hethitischen Königssiegeln erscheinen die beiden Obelisken unter dem Symbol der geflügelten Sonne, dem sog. „Herr des Himmels“, „Herr des Landes“, denn der Großkönig galt als eine Inkarnation des Sonnengottes. Auch das babylonische Weltbild kennt nicht nur den Berg „des Aufganges“ und „Unterganges der Sonne“, sondern auch die beiden Himmelssäulen, über denen Sonne und Mond schweben. Herodot (490/480-424 v. 0) beschreibt, wie er im Tempel von Tyrus zwei Säulen gesehen habe, die eine aus lauterem Gold, die andere aus Smaragd, die des Nachts in großem Glanz erstrahlten. Nach Herodot weihte der ägyptische König Pheron zu Theben, als er nach zehnjähriger Blindheit sein Gesicht wieder bekommen hatte, dem Helios-Tempel zwei Obelisken, jede hundert Ellen hoch, acht Ellen breit, aus einem einzigen gewaltigen Stein jede. Plinius sagte über die Obelisken: Aus syenitischem Stein machten die Könige mit einem gewissen Wetteifer der Gottheit der Sonne geweihte Säulen, welche sie Obelisken nannten; sie stellen die Strahlen derselben dar und das wird mit dem ägyptischen Namen bezeichnet. (Konrad Schwenck, „Die Mythologie der Aegypter“, 1855, S 135) Sie entsprechen den beiden vor dem Salomon-Tempel aufgerichteten Bronzesäulen Boz und Jachin, die der Talmud auf Sonne und Mond bezieht. Die syrischen, zyprischen, phönizischen und assyrischen Tempel hatten ebenso die Doppelsäulen, es handelt sich von dem altägyptischen Obeliskenpaar, bis hinauf zu den Minaretten der islamischen Moscheen, um eine altorientalische Tradition. (Robert Eisler, „Weltmantel und Himmelszelt“, Bd. II., 1910, S. 604, 628 ff) Eberhard Otto schreibt („Beiträge zur Geschichte der Stierkulte in Aegypten“, 1964, S. 37): Wie es nun zwei Obelisken gibt, von denen der eine mitunter als Symbol des Mondes erklärt wurde, so erscheint auch der Stierpfeiler nach Art des Obeliskenpaares vor dem Gott ,aufgerichtet’. (Edfu IV., 85 - Tafel 86)“ Auch die Säulen vor den Altären des phönizischen Baal sind volksetymologisch als Sonnensäulen zu erklären. (Alfred Jeremias, „Altorientalische Geisteskultur“, 1913, S. 187)

 

STIEROPFERKULT

Stierbild von Carlos Vazquez (1869-1944)

Wegen seiner bulligen Kraft ist der Stier schon urzeitlich als eine Metapher für Götter und Könige verehrt worden, auch in Ägypten. Vom Stieropfer berichtet Platon (Kritias 119d-120a) als einer gemeinsamen kultischen Handlung der Könige von Atlantis, die im Tempelbezirk vorgenommen wurde: „Im heiligen Bezirk des Poseidon wurden einige Stiere freigelassen; die zehn Könige blieben für sich allein, und nachdem sie zum Gott gebetet hatten, er solle sie das ihm wohlgefällige Opfer fangen lassen, machten sie auf die Tiere Jagd, und zwar ohne eiserne Waffen, nur mit Knüppeln und Schlingen; den Stier, den sie fingen, führten sie zur Säule und schlachteten ihn an ihrer Spitze, gerade über jener Inschrift. Auf der Säule aber war außer den Gesetzen auch eine Schwurformel angebracht, mit schweren Verwünschungen gegen die, welche ihnen nicht gehorchten. Wenn sie nun gemäß ihren Bräuchen den Stier geopfert und alle seine Glieder geweiht hatten, füllten sie einen Mischkrug und warfen für jeden ein Klümpchen geronnenes Blut hinein. Alles Übrige brachten sie ins Feuer, nachdem sie zuerst ringsum die Säule gereinigt hatten.“ Nach Homer (Odyssee 3, 5-9) wurden dem Poseidon von Nestor, dem erfahrenen und weisen Ratgeber Agamemnons, 9 schwarze Stiere geopfert. Erst seit Amenophis III. ist der ägyptische Kult des Apis-Stieres belegt. Der Apis-Stier lebte hoch geehrt über eine Periode von 25 Jahren, ob er geopfert werden konnte, blieb zwar ungewiss, doch sicher ist, dass er als Heilsgarant der Fruchtbarkeit galt und - da seine Abbildungen die Sonnenscheibe und einen Uräus zwischen seinen Hörnern tragen - er Sonnencharakter besaß. Von 12 dem Helios geweihten schwanenweißen Stieren spricht die griechische Sage vom Augiasstall (Augias = Strahlender, Sohn des Helios) den Herakles reinigen sollte. Fest steht, dass die Opferung des Stieres zum steinzeitlichen Urkult gehörte, nachweislich von den megalithischen Kulturen des westlichen Mittelmeeres über Kreta bis nach Ägypten und Mesopotamien hinüber, was sich in der zarathustrischen Reformation, welche die Stieropfer untersagte, und im römisch-kaiserzeitlichen Mithraskult, der die gleichen Opfer übte, niederschlug. Auf der sardinischen Hochebene finden sich Hinterlassenschaften der sog. Ozieri-Kultur (etwa 3.000 v. 0), zu der die aus dem Felsen herausgeschlagene große kopflose Stierplastik („Il toro“) gehört, wie auch der bei Oliena gefundene Stierkopf und die vielen Felsengräber „Domus de Janas“ (Häuser der Feen) mit ihren reich verzierten, schwarz oder rot gemalten oder den Flachreliefs der aus den Wänden gearbeiteten Stierhörnermotiven und Doppelspiralen (z.B. „Mesu ’e Montes“) -, alles Zeugnisse des uralten sardischen Stierkultes. Die Gemeinde Costitx auf der Baleareninsel Mallorca besitzt Fundplätze der sog. Talaiot-Kultur, die von megalitischen Epochen bis über die Bronze- in die Eisenzeit währte. Hier fand man drei bronzene Stierköpfe, einer ist von natürlicher Größe. Sie gelten als bedeutendste Zeugnisse des Stierkultes aus der mallorquinischen Megalithkultur. Im kretischen Kulturkreis ist das Stieropfer durch das Sarkophag-Bild von der Ausgrabungsstätte Hagia Triada belegt. Und auch im Arrangement dieser Bebilderung tauchen wieder die Doppelsäulen auf, hier mit krönenden Doppeläxten.  Berichte vom Stieropfer haben sich im Fundus der Griechenmythen in einzelne Sagenstränge aufgespalten. Der von Poseidon dem kretischen König Minos geschenkte weiße Opferstier wurde frevelhafterweise nicht dargebracht, sondern seiner Sonnenherde einverleibt und schließlich dadurch Vater des Minotaurus, weil sich die Gattin des Minos in den Stier verliebte und sich ihm hingegeben hatte. Den rasend gewordenen Stier vermochte Herakles zu bändigen und wegzuführen. Nach einigen Umwegen wurde er endlich nach Athen gebracht und dort dem Apollon geopfert. Die konkrete Aussage dieser Sagen vom kretischen Stier bekundet nichts anderes als einen religionsgeschichtlichen Umschwung vom urtümlichen Stieropfer für Poseidon - wie schon in der Atlantissage festgehalten - zum Stieropfer für Apollon, dem jüngeren Sonnengott. Poseidon war Gott des delphischen Orakels bevor es Apollon übernahm. Die höchsten Gottheiten wurden mit dem weißen Stier identifiziert, wie es schon Homer in seiner „Ilias“ und später Ovid in seinen „Metamorphosen“ zum Besten gab, in der Sage von Zeus/Jupiter mit der entführten phönizischen Prinzessin Europa.
 
 
Abb. 3 Sonnenschiff von Bottna (20.07.1987), Mast weist nach 60° NNO
 
 
Abb. 4 - Sonnenradkreuz im Weltenschiff von Bottna (Kräuterhandabrieb)
 
 
Abb. 5 - Sonnenstier im Weltenschiff (Kräuterhandabrieb)
 
 
Abb. 6 - Stierjagd vor Sonnen-Säule - stark verwittertes Ritzbild
 
 
Abb. 7 - Stieropfer vor der Sonnen-Säule - Region Kasen
 
 
Abb. 8 - Järrestad 04.07.1987 - So muss das Bohusläner Wildrind ausgesehen haben.

 

Der nordische Sonnenkult hat sich in einer Vielzahl von vornehmlich bronzezeitlichen Bilddokumenten niedergeschlagen, insbesondere in der skandinavischen Felsbilderwelt der südwestlichen schwedischen Provinz Bohuslän, wo das Sonnenradkreuz, auch personifiziert, in großer Anzahl zu finden ist. Auch Zeugnisse für den dortigen Stierkult und das Stieropfer sind - wie ich nachwies - vorhanden. Zum Kirchspiel Bottna gehört das „Sonnenschiff“, auf einer wenig großen Felsplatte im Bereich eines Bauernhofes, auf der der Bauer seinen eisernen Pflug abzustellen pflegt. Wir mussten ihn beiseite schieben, um den Abrieb anfertigen zu können (Abb. 3 + 4). Das Felsbild von Basegården / Södra Ödsmål, südlich Hamburgsund, zeigt den Sonnenstier im Welten-Nachen (Abb. 5). Beide Bilder sind von mir mittels Kräutertampons (Fingerkraut / Kamille)  abgeriebene Originaldokumente. Ebenso zu Bottna gehört das stark verwitterte Felsbild das eine Stierjagd vor der Sonnensäule zeigt, die in vorliegender Form mehrfach vorkommt (Abb. 6). Die Abb. 7, mit dem Stieropfer vor der Sonnen-Stützsäule oder Doppelsäule von Region Kasen, zeigt einen zentralen Kultplatz auf den mehrere Schiffe zusteuern -, darüber eine lange Reihe von Näpfchen die den Sternenhimmel darstellen könnten ? Ein Reiter ist im Begriffe davon zu reiten. 

 

DOPPELTER WELTBAUM

 

Die altsächsische Irminsul wurde klar unmissverständlich in ihrer Zeit als „Allsäule“, also als Welten- oder als Himmelstützsäule bezeichnet. Ihr Begriff meinte „erhaben, gewaltig“, ein Wort welches im Altdeutschen für den Himmelsgott Ziu/Tiu Verwendung fand, wie auch für herausragende Menschen, welche gleichsam tragende Säulen irgendeiner Idee oder Institution sein mochten. Dass somit jenes geknickte pflanzliche Idolgebilde im Kreuzabnahmerelief vom Externstein diese sächsische Allsäule nicht darzustellen fähig ist, liegt für jeden unvoreingenommenen, sachlichen Betrachter auf der Hand. Eine Vielzahl uns bekannt gewordener ostmittelmeerischer und orientalischer Lebensbaumbildnisse zeigt die Verwandtschaft des Externstein-Bäumchens mit diesem ikonographischen Lebensbaum-Dattelpalmbaum der vorderasiatischen und semitischen Kulturkreise auf. Dazu habe ich seit über 30 Jahren ausreichendes Belegbildmaterial vorgestellt. Es ist besorgniserregend wie leichtfertig und ohne jegliches Fachwissen in der Vergangenheit Deutungen über die Form der Irminsul vorgenommen worden sind, ganz voran ist die Torheit des Wilhelm Teudt zu nennen, der das altorientalisch-semitischen Lebensbaum-Idol vom Externsteinrelief als germanische Allsäule fehlinterpretierte, aber auch andere haben sich mit argen und albernen Falschdeutungen einen unguten Namen gemacht. (Oskar Suffert, „Falsche Irminsulbilder“ in „Lippische Mitteilungen“ 42, 1973, S. 225.) Wer die entsprechenden orientalischen Zeugnisse studiert, muss erkennen, dass die Dattelpalme - zum einen wegen ihrer nährenden Früchte, von denen das Überleben ganzer Stadtkulturen abhing - und zum anderen wegen ihres säulenartigen hohen Wuchses, sowohl als Lebensbaum wie auch als Weltensäule verstanden werden konnte. Das Vorstellungsbild vom Lebensbaum ist zwar typisch orientalisch, denn es gab in Alteuropa keinen Baum von dem das Überleben der Gemeinden derart abhing, jedoch auch in der germanisch-nordischen Mythologie klingt vage ein Lebensbaummotiv an. Die Idun (Erneuernde, Verjüngende) galt als Göttin der Verjüngung und Unsterblichkeit; sie ist Hüterin der goldenen Äpfel -, so ist ihr Baum der Apfelbaum. Möglicherweise offenbart sich auch hierin eine Urverwandtschaft der indogerm. Mythenlandschaft, denn nach Griechensagen hüten die Hesperiden, hell singende Nymphen, in einem wunderschönen Garten einen Wunderbaum mit goldenen Äpfeln, den Erdmutter Gaia der Göttermutter Hera zur Hochzeit mit Zeus wachsen ließ. Die Äpfel verliehen den Göttern, wie jene der Idun, ewige Jugend. Der vitaminreiche Apel hatte bereits einen Stellenwert bei den Menschen der Seeufersiedlungen des Bodensees vom 5. bis zum 1. Jahrtausend v.0. Der Apfelbaum könnte also sehr wohl als nordischer Lebensbaum von untergeordneter Bedeutung gesehen werden, nur lässt er sich unmöglich gleichzeitig als Weltenstütze denken. Da kommt schon eher der nordische Weltenbaum, die sog. „Esche Yggdrasil“ in Betracht. Sie verkörpert, wie sie die eddischen Dichter ausmalten, den Kosmos. Weitere Namen des Baumes waren Mimameid und Läräd. Scharfsinnige Denker erkannten längst, dass die „immergrüne Esche“ in Wahrheit einstmals als Eibe verstanden wurde, die erst isländische Textbearbeitungen zur Esche ummodelten. Die wohl christenkirchlich beeinflusste Darstellung der „Weltenesche Yggdrasil“ - mit den verschiedenen Tieren, die in und bei ihr leben - entspricht in einer isländischen Handschrift des 17. Jhs. schließlich der orientalischen Palme mit den langen Palmblattwedeln.

Abb. 9, 10, 11 - Felsenritzbild von Lövåsen bei Nieselregen und Abrieb  - nordischer Welten- und Lebensbaum = Yggdrasil und Apfelbaum im Weltenschiff (?)

 

Da wir also sicher davon ausgehen dürfen, dass die Eibe, jedenfalls ein immergrüner Nadelbaum im urtümlichen germanischen Denken den Weltenbaum abgegeben haben muss und der Apfelbaum, jedenfalls ein kleinerer Fruchtbaum, als Baum des Lebens, als Lebensbaum deklariert wurde, könnten wir von solchem angedachten Baumpaar sogar ein skandinavisches Felsbild vorführen, nämlich jenes von Lövåsen / Bohuslän / Schweden. Eine Deutungsversion böte sich an, den altnordischen Weltenbaum und den Lebensbaum in der Eibe Yggdrasil und dem Apfelbaum zu erkennen (Abb. 9, 10, 11). Bei dieser Vermutung handelt es sich keineswegs um reine Spekulation, fest steht, dass es sich bei den beiden Bäumen im Weltenschiff um einen Nadel- und einem Laub- bzw. Fruchtbaum handelt. Bedeutsam am Schiff ist die Zahl der Strichelchen, die man allgemein als Bemannungszeichen ansieht, hier wohl aber - da es sich um 28 handelt - den Mondmonat von 28 Tagen meint, der als Zyklus der Frau auch Mondzyklus genannt wird, weshalb der Mond auch als Sinnbild der Fruchtbarkeit gilt. Die 28 als Monatszahl demonstriert auch die Felsritzung des sog. „Kalendermannes von Aspeberget“ (Region Tanum / Bohuslän) der über seinen großen 4 gespreizten Fingern 28 Zählnäpfen vorführt. Da in diesen Zeiten der Kalender ausschließlich nach dem Mond berechnet wurde, wird das Schiff von Lövåsen sowohl als Welten- wie auch als Jahresschiff verstanden worden sein. Beachtenswert am Laubbaum ist die Formgebung die grobvisuell auf einen Dreispross hinausläuft. Beachtenswert am Nadelbaum ist die Spitze mit einem unpassend scheinenden Querholz auf dem sogar ein nach links blickender Vogel sitzen könnte --; meinte der bronzezeitliche Ritzbildkünstler den Sonnen-Aar auf dem Gipfelgeäst der Yggdrasil ? Vom Adler auf dem Weltenbaum heißt es in der Lieder-Edda (Grimnismål 32): „Ratatosk heißt das Eichhörnchen, das herumspringt an der Esche Yggdrasil; die Worte des Adlers trägt es von oben herab und sagt sie unten Nidhögg.“ Durch Wodin/Odins Selbstopfer wird Yggdrasil zum Opferbaum und da der Begriff etymologisch sowohl aus „Eibe“ wie auch aus dem späteren „yggr“ für „Furcht“, „Schrecken“ ableitbar ist, ist die Eibe - aus deren Toxin („Taxus“) traditionell das tödliche Pfeilgift hergestellt wurde, auch der Todesbaum. Daraus folgt: hier stehen sich aus parallellaufender Sichtweise auch Todesbaum und Lebensbaum gegenüber. Noch eine Bemerkung zum „Weltenschiff“: Nicht wenige Darstellungen der nordischen Bronzezeit, sowohl im Bereich der Felsbilder wie auch der Rasiermessergravuren, nötigen uns anzunehmen, dass hier die Idee die Erdscheibe als Schiff im Weltmeer treibend, gedacht erscheint. Auch diese Vorstellung ist weder ungewöhnlich noch einmalig. So haben indonesische Seelenboot-Bilder einen Mast in Gestalt des stilisierten Weltbaumes oder der Weltsäule. (C.G. Jung, „Psychologie und Alchemie“, 1972, Abb. 104) 

 

Der „Baum der Erkenntnis“ und der „Baum des Lebens“ sind Bäume aus der Paradieserzählung der biblischen Genesis. Sie sollen in der Mitte des Paradiesgartens stehen (Gen. 2,9). Der Bibelgott verbot unverständlicherweise seinen Menschen von dessen Früchten zu essen, was bei den Ausdeutern der Bibeltexte zu kontroversen Ergebnissen führte. Der biblische Text spricht nur von „den Früchten“ des Baums der Erkenntnis, scheint aber an einen Feigenbaum zu denken. Von den „Feigenblättern“ in Gen 3,7 her gilt der Erkenntnisbaum als Feigenbaum. „Dass die Feige dieses Prinzip des Baumes der Erkenntnis verkörpert, kommt wahrscheinlich auch in den vielen kleinen Kernen in der Erscheinungsform dieser Frucht zum Ausdruck, die den Drang zur Vielheit, zur großen Fruchtbarkeit darstellen", meint Friedrich Weinreb („Schöpfung im Wort. Die Struktur der Bibel in jüdischer Überlieferung“, 2002, S. 895) Während „die Frucht“ in frühjüdischen-christlichen Traktaten als Weintrauben verstanden wurden, bemühte die christliche Kunst des späten Mittelalters dazu den Apfelbaum und lehnte sich damit wohl an die germanisch-keltische Vorstellungswelt an. Die volkstümliche Legende malte es so aus, dass dem Urmenschen „Adam“ nach dem Biss in die verbotene Frucht ein Stück davon „im Halse stecken geblieben“ sei, weswegen der Schildknorpel am Kehlkopf bei Männern auch „Adamsapfel“ genannt wird. Nicht übersehen werden darf, dass der biblische Begriff des „Erkennens“ der hebräische Ausdruck für „den Geschlechtsverkehr vollziehen“ ist, womit fast die gesamte christlich überhöhende gekünzelte Ausdeutung illusorisch wird. Mit dem verbotenen Fruchtessen vom „Baum der Erkenntnis“ meinte der Bibeltexter den menschlichen „Sündenfall“ des Entdeckens der triebhaften Sexualität als urzweckgelöste Glückssuche. Der Apfel wird in der Psychoanalyse als typisches Sexualsymbol betrachtet, auch da er in seiner Form dem Verführungssignal der weiblichen Brust sehr ähnlich ist. Darüber wurde er zum Sinnbild für die Lust am Weltlichen schlechthin, was sich noch im Begriff des „Reichsapfels“ niederschlug, den die mittelalterliche Kaiserhand umschloss, als ein Zeichen der Inbesitznahme von Territorialgewalt.

 

„Die zwei Bäume begegnen uns auch in der finnischen Kalevala. Um der durch den Raub von Sonne und Mond und Feuerfunken finster gewordnen Erde das Licht wieder zu bringen, begibt sich Vainämöinen zum Schmidt Ilmarinen und veranlasst diesen, eine neue Sonne und einen neuen Mond zu schmieden. Nach zwei misslungenen Versuchen kommen die beiden Scheiben zustande. Sie bestehen aus Silber und Gold und werden nunmehr auf den Spitzen zweier Bäume befestigt: ,Hebet sorgsam sie nach oben - Tragt gar schön sie in die Höhe, - tragt den Mond zur Fichtenspitze, - zu der Tannenspitz die Sonne…’“ (Julius Schwabe, „Archetyp und Tierkreis“, 1951, S. 301) Der gleiche Vorstellungszug findet sich schon im Babylonischen, wo „der Gipfel des Sphärenberges, der den Tierkreis bildet, als Eingang zum oberen Himmel oder Paradies gedacht ist, in dessen Mitte der Lebensbaum und Todesbaum stehen, die astral betrachtet durch Mond und Sonne vertreten sind.“ (H.W. Roscher, „Lexikon der griech. u. röm. Mythologie“, 1909-15, Bd. 4, S.1447 ) Und aus altägyptischer Mythologie ist beizutragen, aus der verehrten Sykomore (Maulbeerfeigenbaum) heraus reicht die Göttin Hathor den Verstorbenen bzw. ihrem Seelenvogel (Ba) stärkenden Trank und Nahrung. „Nach Schilderung des Tb. Kp. 109 sollten ,zwei Sykomoren aus Türkis’ am östlichen Tor des Himmels stehn, aus denen Rê täglich am Morgen hervorgeht.“ (Hermann Kees, „Der Götterglauben im alten Aegypten“, 1941, S. 84) „Der im dritten Buche des Pseudo-Kallisthenes enthalten Brief an Aristoteles über die Wunder Indiens schließt in allen Handschriften inhaltlich … mit dem Besuch der Bäume der Sonne und des Mondes ab. Der Baum der Sonne verkündet dem großen Mazedonier, dass er bald zugrunde gehen werde, und Ähnliches verheißt der Baum des Mondes.“ (Franz Kampers, „Alexander der Große und die Idee des Weltimperialismus in Prophetie und Sage“, 1901, S. 93)

 

„Es fragt sich“, schreibt der Kunsthistoriker Josef Strzygowski in seinem oben genannten Werk auf Seite 89, „ob die Verdoppelung nicht erst in Iran aufkam. Vielleicht nicht soweit dabei dem Guten das Böse gegenübergestellt wird. Aber die Doppelsäule bzw. der Fels, der ihr gleichzusetzen ist, erscheint schon in den altgriechischen Symplegaden. Sie kehren wieder um Christi Geburt in der Seidenweberei aus  Noin Ula (Asienwerk S. 391), worin zwei Felsen einen Lebensbaum in die Mitte nehmen und auf jedem Felsen ein Phönix sitzt (Abb. 69)…“. Der arische Baumkult zeigt sich in der altindischen Kunst als Boddhibaum, in der griechischen Mythologie als Eiche von Dodona, auch in der zu Delphi gefundenen korinthischen blättergeschmückten Baumsäule mit den drei Tänzerinnen auf seiner Spitze, wie in der germanischen Donareiche bei Geißmar die der päpstliche Eiferer Bonifazius umschlagen ließ. Wir denken auch an den heiligen Asvattha-Baum der Inder und den Simurgh- oder Saena-Baum der Iraner -, letzterer, die „Mutter aller Bäume“, „Baum jeder Heilung“ oder „Baum allen Samens“ wächst in der Mitte des Meeres und soll der Ursprung aller Pflanzen sein. Säule und Baum vollziehen im alten Verständnis die Vermittlerrolle zwischen  dem Boden der Erde und der Decke des Himmels. „Strzygowski S. 117: „Vom Iran aus geht der Lebensbaum auch in die altchristliche wie in die islamische Kunst als Sinnbild über. Doch besteht da ein beachtenswerter Unterschied insofern, als der Lebensbaum im Christlichen, vom Mazdaismus unmittelbar übernommen, [auch] der Weinstock ist… Besondere Kennzeichen des Paradiesbaumes sind erstens, dass  er an seiner Wurzel gespalten ist, später kaum noch erkennbar durch ein Dreieck gekennzeichnet … endlich dass er einen oder mehrere Äste zeigt, die am Ansatz abgehackt sind.“ Das Dreieck und die abgehackten Äste dürften auch beim Externstein-Lebensbaum-Idol feststellbar sein.

 

Auch Wilhelm Molsdorf, in seinem Werk „Christliche Symbolik der mittelalterlichen Kunst“ 1926, S. 192 gibt an: „Erst in der Zeit Karls d. Gr. zieht die abendländische Kunst durch Vermittlung orientalischer Gewebe, in deren Ornamentik das Motiv des altheiligen, von Tieren verehrten Baumes Hom eine hervorragende Rolle spielt.“ Unter dem eranischen, altpersischen Gnadenbaum „Hom“ oder „Homanes“, auch „Baum des Lebens“ genannt, verstehen die Gläubigen eine Metapher die aus der mythologischen Legende um einen Propheten und Magier hervorging, der zur Zeit des legendären Königs Dschamschid lebte. Er sei vom obersten Gott Ahura Mazda als erster Verkünder des göttlichen Wortes erschaffen. Ob er mit Zarathustra identisch ist, bleibt offen. Als Lebensbaum wurde bereits der sumerische Vegetationsgott Dumuzi (Tammuz) verehrt. Auch „die Monumente mit zwei Bäumen, dem des Lebens und dem der Erkenntnis, wobei letzterer den Verlust des Paradieses andeutet … Zwischen beiden Bäumen steht gewöhnlich das Kreuz als Hinweis auf die Wiedergewinnung des Paradieses durch den Tod Christi.“ Der Baum der Erkenntnis ist gleichbedeutend mit jenem des Todes, denn erst im Tode erfährt der Dahingegangen die absolute Erkenntnis seines Seins und dieser Welt insgesamt. Die Sonne und ihr Gleichnisbaum bedeutet Leben und der Mond(-Baum) die Erkenntnis. Ins christliche Kreuz wurde seit dem 5. Jh. der alte Dualismus bzw. Gegensatz von Lebensbaum und Todesbaum hinein interpretiert, was ins Bild gesetzt wurde dadurch, dass Sonne und Mond den christlichen Kreuz-Baum flankieren.

 

ZUSAMMENFASSUNG:

 

Was die Fachleute über den orientalischen Kultbaum/Lebensbaum, die Dattelpalme, erforscht und erkannt haben, liegt in erschöpfenden Abhandlungen seit langem vor. Dass es Mythologien von „der Weltsäule“ oder „den Säulen“ gab, ist ebenfalls nicht neu. Weit verbreitet waren erkennbar, von megalithischen bis in bronzezeitliche Entwicklungsstufen hinein, die Stieropferriten als Hochopfer für die Welterhaltung vor den Weltsäulen. Auch die alten Vorstellungen vom Weltenbaum, und den beiden Weltbäumen, dem Sonnen- und Mondbaum, sind in mehreren Kulturen nachweisbar. Was neu ist und bisher von der Forschung nicht in die erkenntnistheoretischen Überlegungen mit einbezogen wurde, sind die diesbezüglichen von mir erstmalig exakt vorgestellten Abbildungen aus der skandinavischen Bronzezeit, welche ein neues Überdenken der Thematik erforderlich machen.

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