EIN NORDISCHER DREISPROSS

Während der Herstellung des Papierabriebes vom Lökeberget-Felsbild begann es zu nieseln.

 

EIN NORDISCHER DREISPROSS

- Der heilige Baum von Löckeberget -

 

Die Felsritzung von Lökeberget (Tunge / Bohuslän / Südwestschweden) - (bei Ludwig Baltzer PL 182, Na. 1) zeigt als auffälligstes Bildelement eine der typischen Schiffsdarstellungen, deren interessante Details wir hier unbeachtet lassen müssen. (Abb. 2, Ausschnitt von Baltzer-Zeichnung 1.) - Abb. 2 a die Version welche Herman Wirth in seinen Publikationen verwendet hat) Wir wenden uns den beiden Baumritzungen zu, die entsprechend ihrer Placierung sowie gleicher Einschlifftiefe zweifellos dem Schiff zugeordnet wurden, nur mit diesem zusammen eine aussagefähige Symboleinheit darzustellen. Die mythische Bedeutung der Gesamtkonzeption zu ergründen, dürfte jedoch schon deshalb schwierig sein, weil angrenzende bildreiche Regionen bereits starke Verwitterungseinbußen erlitten haben. Die erste Vorbedingung jedoch für mögliche Deutungsversuche ist die Kenntnis der tatsachlich vorhandenen Bildelemente. Diese Minimalforderung blieb in der Vergangenheit unerfüllt, denn sämtliche bislang veröffentlichten Abbildungen entsprechen in wichtigen Partien dem Original nur ungenügend. Die bisherigen Betrachter unterlagen einer augenscheinlichen Täuschung und zeichneten neben einer prächtige Fichte einen kleinen besenartigen Strunk, den man allgemein als das Bild eines winterkahlen Laubbäumchens empfand. Unter diesem Blickwinkel wurden dann auch Interpretationen gewagt. 2.) (Abb. 4 3.))

 Abb. 2  Abb. 2 a

Der von mir 1985 vorgenommene Papier-Handabrieb brachte ein überraschendes Ergebnis: Aus dem kahlen wurde ein doch eher als belaubt aufzufassender Baum, wie es Abb. 3 (die exakte Konturen-Nachzeichnung von der fotografischen Verkleinerung des Originalabriebes) darlegt.

Es ist bedeutend leichter die grobvisuellen Linien eines Nadelbaumes wie Fichte, Tanne, Lärche treffend zu skizzieren als die eines belaubten Baumes. Trotzdem ist es dem bronzezeitlichen Künstler so gut gelungen, dass die Möglichkeit einer Identifizierung nicht ausgeschlossen erscheint: Siehe Abb. 5, die Silhouetten einer Tanne / Fichte und einer Esche. Nach heutigem Erkenntnisstand gab es im bronzezeitlichen Bohuslän noch keine Tannen; wir dürfen davon ausgehen, dass wir eine breite, ausladende Fichte vor uns haben. Über die wintergrüne Tanne / Fichte, als heiliger Baum vieler europäischer Volkskulturen raucht kaum ein Wort gesagt zu werden, da hier altreligiöse Traditionen, die sich bis in unsere Zeit zu erhalten vermochten, noch uns Heutigen sehr gut verständlich sind. 4.) Die kultische Bedeutung der Tanne, wie sie im gesamten Jahresbrauchtum der germanischen Völkerfamjlie zum Ausdruck kommt, wurzelt ohne Frage schon im Verständnis der nordischen Bronzezeit. Tannenzweige als Symbole der Fruchtbarkeit spielten ebenso bei den altgriechischen Festen der Thesmophorien eine Rolle. 5.)

Abb. 4Abb. 3 Abb. 6

Der so auffällige Größenunterschied von Nadel- und Laubbaum wird seine Begründung im unterschiedlichen Höhenwachstum von Fichte und Esche mit einer ungefähren Differenz von ca. 20 Metern finden. 6.) Das Bemerkenswerteste an der Darstellung des Laubbaumes scheint mir jedoch dessen graphisches Grundschema, das Ausdruck eines plausiblen Gestaltungswillens ist. Das Wachstum des Laubbaumes, dessen Krone sowohl in die Breite wie in die Höhe strebt, ist in schlichter zweidimensionaler Darstellungstechnik nur zu verdeutlichen durch drei sinnbildlich reduzierte Sprossen: den aufwärts ragenden Mitteltrieb, flankiert von den beiden nach rechts und links gewendeten Seitenzweigen. Dieses Darstellungsprinzip - vielleicht noch unbewusst, unausgereift tastend - liegt dem Bild des Heiligen Baumes von Lökeberget zugrunde. Abb. 6 zeigt die detailgenaue Nachzeichnung der Ritzung -, unmittelbar daneben der Verlauf einer Felsspalte.

In hervorragender Weise erlangte gerade der Baum in den verschiedensten Zeitaltern und bei den unterschiedlichsten Völkern die Bedeutung eines Symbols für die wachsende, blühende, fruchttragende Natur, der Inkarnation des Heiligen. Ein Uneingeweihter glaubt hier oft in vorschnellem Schluss, Naturgötzentum zu erkennen, doch galt die Verehrung weniger dem sinnlichen Naturobjekt als vielmehr einer dahinterstehenden Gottheit. 7.)

Abb. 5

Im vorderasiatisch-ägyptischen Kulturraum verband sich der Archetypus Baum mit der für jene Volkswirtschaften lebenswichtigen Dattelpalme. Der heilige Baum galt dort insofern in exaktestem Wortsinne als „Lebensbaum“, wenn auch dieser Begriff selbst in den Keilschriftfunden bislang noch nicht nachgewiesen werden konnte. 8.) Die schöpferische Phantasie der Künstler gestaltete das Thema in variativer Formenvielfalt -, vom zentralen Motiv des sakralen Sinnträgers bis hin zum verspielten, ornamentalen Schmuckelement. 9.) Ein markantes Merkmal des Heiligen Baumes sind die beiden seinen Stamm flankierenden tierischen oder menschlichen Gestalten, wie es schon auf einem Siegelring aus Mykene aus dem 16. Jh. v.0 zu sehen ist. 10.) (Abb. 7)

Abb. 7     Abb. 8

Das stilisierte Bild der heiligen Palme hatte aber im Rahmen des menschlichen Urverständnisses vom Sinnbild Baum, nicht  nur Bedeutung als allgemeines Heilssymbol - als welches es auch in den Akroterien griechischer Tempel Ausdruck fand -, es muss darüber hinaus eine Rolle im heidnischen Mysterium um Tod und Wiedergeburt gespielt haben, sonst würden wir ihm nicht begegnen am Eingang zyprischer Königsgräber des 6. Jh. v.0, ebenso in etruskischen Nekropolen und speziell auf griechischen Grabstelen und Lekythen.

Dieses Symbol muss in den Zeitaltern antiker Strahlkraft in den europäischen Norden eingewandert sein, um hier mit einer Symboltradition zu verschmelzen, die den Dreispross aus den Anschauungsbildern des eigenen Lebensraumes heraus entwickelt hatte. Völlig unverständlich müsste die Beliebtheit bleiben, die der Dreispross im germanischen Kulturraum genoss, wenn er allein als Bildkürzel der heiligen Dattelpalme hätte verstanden werden können. Welch eine gar nicht hoch genug einzuschätzende Bedeutung der Lebensbaum für die germanischen Völker der Bekehrungszeit inne hatte, beweist die Menge seiner Abbildungen auf Säulenköpfen, Türstürzen und Taufsteinen der langobardischen Kunst in Italien, der westgotischen in Spanien wie auch im gesamten Mittel- und Nordeuropa aus der Epoche des langsam sich vollziehenden Glaubensumbruches.

Abb. 9 + 10 Abb. 11 + 12

 

Abb. 11 in eigener Fotografie

 

Die Haltung diesem altheiligen Symbol gegenüber erscheint in christlicher Ära widersprüchlich, einmal Duldung, dann feindseligste Ablehnung, ein andermal Integration durch unverfängliche Sinnhinterlegung als Paradiesbaum. Auf dem wohl karolingischen Regiswindis-Sarkophag in Lauffen / Neckar erfreut sich der Dreispross, das Bildkürzel für den heiligen Baum, noch völliger Gleichbewertung mit dem Kreuz. Dieses steht hier, den mit dem Weltenbaum verknüpften heidnischen Vorstellungen angepasst, auf der Spitze des stufigen Weltenberges. 11.) (s. Abb. 9 und 10) Der Dreispross findet sich auf schwedischen Denkmälern der Wikingerzeit, wie beispielsweise auf dem Radastenen / Skåne (Abb. 15), dem Salemstenen / Södermannsland u.a.m. sowie den Wand-Auskleideplanken von Hammarby / Sörmland 12.) und denen im Nationalmuseum Reykjavik / Island -, ebenso auf den etwa zeitgleichen Buckelspangen von Sievern und Klein-Roscharden.

  Abb. 13  Abb. 14

Diese zeigen im „Röntgenstil“ das aus der Edda bekannte germanische Weltbild: Die kreisrunde Erdscheibe Mitgard mit dem Palisadenzaun rundherum, gegen den Unfrieden der Unholde, gefertigt aus den Wimpern des Urriesen Ymir und umringt vom großen Wasserkreis, in dem, entsprechend der Weitrichtungen, vier Fische schwimmen. 13.) Die besondere Aussage des Kunstwerkes aber ist, dass von Mitgards Mitte der Welten- / Lebensbaum - die Esche bzw. Eibe Yggdrasil - aufragt, um - dem heidnischen Verständnis entsprechend - den Kosmos zusammenzuhalten. Die vier Fische sind skelettiert dargestellt, weil die Gräten es sind, die den Fischleib zusammenhalten. Man sieht sie nicht, solange der Fisch lebendig ist, und doch sind sie da und haben ihre stützende Funktion. Ebenso wieder unsichtbare Weltenbaum, den wohl - in Parallelität zu den Fischgräten - Menschenaugen erst im Tode, im Untergang der Welt, in den Flammen des Ragnarök, gewahr werden. Waren dies die Gedanken, die dem Schöpfer des Kunstwerkes vorschwebten ? (Abb. 13)

Dort, wo der Lebens- / Weltenbaum als Symbol der Volksreligionen auftrat, reagierte die mittelalterliche Kirche mit Verunglimpfung. Als beispielhaftes Zeugnis für eine Fülle inhaltsgleicher Denkmäler bietet sich die mittelalterliche Darstellung von der Stadtkirche zu Freyburg / Sachsen-Anhalt an, wo Molche und Lurche, verächtliche Tiere also, den heiligen Baum anbetend flankieren (s. Abb. 8). 14.) Der gleichen Gesinnung entspricht das Taufsteinrelief der Kirche zu Rada bei Lidköping / Schweden; dort hält das „Lamm Christi“ in bekannter Manier sein Vortragekreuz, der Schwanz des heidnischen Wolfes aber endet im „Dreisprossstab“. (Abb. 11 + 12)

Es dürfte wohl weniger späterer Ignoranz als vielmehr andersgerichteter kirchenpolitischer Überlegungen entsprochen haben, dass der „Heilige Baum / Dreispross“ schließlich als „Lilie“ apostrophiert, dem christlichen Symbolfundus einverleibt wurde ? Die formgeschichtliche Entwicklung vom ostmittelmeerischen Palmettenbaum zur „heraldischen Lilie“ wird von einem ausreichenden Denkmälermaterial dokumentiert. 15.) Allerdings hat mit Sicherheit die verwandte Grundform der Lilie so, wie sie als Wappenpflanze des alten Oberägyptens die Kunstgeschichte beeinflusste, zur Verwirrung beigetragen.

Nach dem Fund des bronzezeitlichen Heiligen Baumes von Lökeberget aber stellt sich die Frage, ob es auch eine eigenständige Symboltradition des europäischen Nordens gegeben haben könnte, die den Dreispross aus der allegorischen Betrachtungsweise des sowohl in die Breite wie in die Höhe wachsenden Laub- / Lebensbaumes heraus entwickelt hat. Falls sich genügend Zwischenglieder finden lassen, könnte der Heilige Baum von Lökeberget als nordischer Urtyp des Dreispross / Lebensbaum / „Lilie“ für die Symbolgeschichtsforschung von gewichtiger Bedeutung sein.

 

Die goldene Buckelspange aus Sievern, Kr. Wesermünde, scheint aus dem Hochmittelalter zu stammen, aus der der Zeit Ottos III (983-1002), im Kreisheimatmuseum-Stade wird sie aufbewahrt.

ANMERKUNGEN:
 
*1 - Bildquelle: Ake Ohlmarks, „Hällristningar“, Stockholm 1966, 5. 39
*2 - Wolfgang Schultz, „Altgermanische Kultur in Wort und Bild“, München, 1937, Tafel 19
*3 - Bildquelle: Wilhelm Gaerte, „Altgermanisches Brauchtum auf nord. Steinbildern“, Leipzig 1935, Bd. 1, S. 87
*4 - „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“, Bd. 8, S. 663 ff
*5  M.P Nilsson,Die Religion der alten Griechen“, Tübingen 1927, S. 11 f
*6 - Hartmut Bastian, „Ullstein-Lexikon der Pflanzenwelt“, Frankfurt, 1973
*7 - Manfred Lurker, „Der Baum in Glauben und Kunst“, Baden-Baden, 1916, S 15
Mircea Eliade, „Die Religionen und das Heilige - Elemente der Religionsgeschichte“, 1954, S. 374 f
*8 - Felix v. Luschan, „Entstehung und Herkunft der ionischen Säule“, Leipzig, 1912
H. Genge (Aarhus), „Zum ,Lebensbaum’ in den Keilschriftkulturen“ in „Acta Orientalia, 33“, 1971
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