DER EXTERNSTEIN

DER EXTERNSTEIN

- Gewisses und Ungewisses -

 

Die Externsteine bei Horn im Teutoburger Wald, ein Naturdenkmal von einzigartigem Reiz, ragen bizarr und geheimnisvoll aus dem Waldesdunkel empor. Eine derart auffällige Felsformation fand mit Sicherheit auch schon Beachtung in frühen Zeitläufen. Wie wichtig astronomische Beobachtungen für die Alteuropäer waren, ist durch viele Untersuchungen der Vorzeitdenkmäler zweifelsfrei belegt. 1 Auch die vorchristlichen, urreligiösen Einrichtungen am Externstein sind seit dem verdienstvollen Engagement Wilhelm Teudts den interessierten Kreisen bekanntgemacht worden und bestätigen die Vermutung des westfälischen Geschichtsschreibers Hamelmann, der bereits 1564 hier ein altheidnisches Heiligtum vermutete. 2 Ihm lagen, seiner eigenen Auskunft nach, noch alte dementsprechende textliche Nachrichten vor, die für uns Heutige verloren gegangen sind. Die Sonnenbeobachtungsstätte im Kopf des Felsens Nr. 2 ist eindeutig auf den Aufgangsort des höchsten Sonnenstandes zur Sommerwende ausgerichtet. 3 Diese Visierlinie war zu keinem Zeitpunkt eine christliche; aber aufgrund eines überwältigenden Denkmälerbefundes darf sie als eine der wichtigsten altgläubigen Ortungsrichtungen bezeichnet werden. 4 Den recht sicheren Befund, dass wir mit dem Externstein eine heidnische Kultstätte vor uns haben, zeigten in etwa die schwachen Ausgrabungsbefunde von Prof. Julius Andree von 1934/35. 5 Die jüngsten Bestätigungen dieser Auffassung erbrachten die Untersuchungen von Prof. Wolfhard Schlosser und dem Steingebild-Fachlehrer Ulrich Niedhorn (Dozent an FH-Hannover), die mit der „Ersten Horner Fachtagung“ vom 21. bis 24.9. 1989 der Öffentlichkeit bekanntgemacht wurden. 6 Hinsichtlich dieses Fragenkreises ergeben sich heute allein noch Streitgespräche zwischen grundsätzlichen Zweiflern und Einsichtigen.
 

 

Anders verhält es sich mit dem Kreuzabnahmerelief, hineingearbeitet in den Felsen Nr. 1, welches hier einstmals mitten im teutonischen Urwald keinen anderen Zweck erfüllt haben könnte als die heidnische Weihestätte nach christlichem Brauch zu „entdämonisieren“. Es handelt sich um die einzige deutsche Großplastik, aus dem gewachsenen Felsen herausgehauen. Ein ideologiefreier, des folgerichtigen Denkens fähiger Betrachter wird daraus ohne weiteres im Umkehrschluss die überragende Bedeutung des germanischen Heiligtums am Externstein ablesen können. Diese einzigartige Arbeit einer demonstrativen Missionspropaganda ist allein zu verstehen nach hypothetischer Zugrundelegung eines ebenso einzigartigen Heiligtums der vorchristlich-sächsischen Volksreligion. Diese Annahme hat sich bestätigt; in diesen natürlichen Sandsteintürmen des Teutoburger Waldes darf unschwer das altdeutsche bzw. altsächsische Zentralheiligtum erkannt werden. Beantwortet solch billige Erkenntnis sämtliche Fragen ?

 

Das Kunstwerk, welches im Wesentlichen die Spur zu diesem Wissen legte, birgt so viele Geheimnisse wie der altheilige Felsen selbst. Zwei Fragstellungen standen im Vordergrund und werden bis heute kontrovers besprochen. Die erste heißumstrittene Differenz ergab sich aus der Auffassung besonders des engagierten, umstrittenen Laienforschers Wilhelm Teudt, das abgeknickte Gebilde, auf dem der bei der Kreuzabnahme helfende Nikodemus steht, sei als „Irminsul“, das Lebens- oder Weltbaumsinnbild unserer germ. Vorfahren, aufzufassen (s. Abb. 2 und 3) Besonders kirchliche Kreise machten gegen diese Auffassung erbittert Front. Hier sind als die umfangreichsten Gegendarstellungen jede von Alois Fuchs und Friedrich Focke zu nennen. 7 Wie heiß wurde und wird auch heute noch um die Erklärung des gebogenen Baumes gerungen. Von Teudt und Hamkens bis in die altreligiösen Kreise unserer Tage reicht die sichere Gewissheit, darin das Bildnis der heiligen Irminsäule zu erkennen. 8 Die christliche Seite hingegen erblickte nicht mehr als eine „Palmette“, ein unbedeutendes Zierelement und Hilfsmittel, den Nikodemus für die notwendige Leichnamsabnahme auf eine ausreichende Höhe zu bringen. 9 Für die seriöse Fachwelt stand es ohnhin fest, dass es sich um ein Palmbaum-Idol handeln muss.

Abb. 4 -- Abb. 5

Die Kontroverse um dieses Bildelement in der Literatur nachzuleben, musste einen Kenner der ursprünglich rein orientalischen Lebensbaum-Ikonographie sicherlich amüsieren; denn die beiden streitenden Gruppen waren und blieben bis heute ohne ausreichende Sachkenntnis. So ist es nicht verwunderlich, dass beide zu gleichen Teilen irrten und doch auch recht behalten. Die Dattelpalme war für die vorderasiatischen Volkswirtschaften der heilige Frucht- und Lebensbaum und fand besonders in der babylonischen, assyrischen, phönizischen, helladischen Kunst seine symbolhaft schematische Ausgestaltung. 10 (s. Abb. 4-7) Soweit ich die hethitische Kunst überschaue, fehlt auch bei ihr der orientalische Dattelbaum-Lebensbaum nicht, doch gewinnt er keine so hohe Bedeutung wie in den autochthonen Orientkulturen. Was bei dem nordischen bzw. indogerm. Zuwanderervolk nicht verwundern muss. Der Kultbaum des Kreuz- abnahme-Reliefs entspricht in jedem Detail den bekannten früh- bis spätantiken Vorbildern des östlichen Mittelmeerraumes, die über die griechisch-römische, byzantinische und langobardische Kunst bis in die romanische lkonographie recht gut verfolgt werden können. 11

Abb. 6 und 7

Die fruchttragende Palme galt als der Lebensbaum der alten Kulturen; die himmelhohe Palme galt schließlich auch als der Baum des sonnenhaften Apoll; die Palme musste in späterer, gefestigter kirchenchristlicher Ära als das Symbol der Altreligion gelten. Erklärt sich so die Fülle der hochmittelalterlichen schmähenden Palmbilder der römisch gesteuerten Kirchenkunst ? 12 Die frühe Kirche und die konziliantere iroschottische Missionskirche scheint dagegen zu einem weitherzigen Synkretismus bereit gewesen zu sein. Eine der kanonisierten Formen des heiligen Palmbaumes meißelte (Abb. 6 - Abb. 7) der Externstein- Künstler in sein Werk hinein, - mit dem quadratischen Stamm der Kultsäule, den sprossenden Trieben der pflanzlichen Lebendigkeit, dem in göttliche Höhen weisenden „Drei-Winkel-Hilus“ (das Dreieck galt schon im alten Orient als Heilszeichen), aus dem die kleinen, nach unten gerichteten Spiralen herausranken als symbolische Rudimente der Dattel-Fruchtstände, und die beiden langen Palmblatt-Volten, vielleicht als Sinnzeichen der kosmischen Polarität. 13 Aber ohne die üblichen Mittelsprossen ist dieser Baum, somit soll er als ein abgestorbener, toter zu erkennen sein. Voller Symbolik ist dieses Gebilde, und doch ist es aus gegenständlichsten Bildtraditionen hervorgegangen. Placierung, Größe und Gestalt weisen ihn eindeutig aus als Stellvertreter eines gebeugten, gedemütigten Heidentums; eine gebräuchliche Bildsprache, welche jedem Sachsen wohlvertraut sein musste. Gebraucht doch noch in der Saga von den Halfdan-Söhnen eine Schwester, als sie die Schmach ihrer Brüder erleben muss, eben dieses Gleichnis, indem sie zu sich selbst die Worte spricht: „Wie ist Halfdans Geschlecht, der königliche Baum, zur Erde gebeugt.“ 14 Der christliche Künstler kann mit diesem Baum nichts anderes als eine dem christlichen Glauben oder der Kirche entgegenstehende, nunmehr aber überwundene Macht gemeint haben. Da als Sinnbild altsächsischer Religion die sog. Irminsäule überliefert wurde, wäre sehr wohl eine Sinnverbindung zwischen dieser und dem gebeugten Baum im Externstein-Relief denkbar. Ob das nordeuropäische Sachsenvolk aber die traditionelle Chiffre der Dattelpalme als ureigenstes Gottessymbol ansah, das muss wohl bezweifelt, nein, es kann mit Sicherheit als völlig unmöglich betrachtet werden. 15

Abb. 8

Eine zweite wesentliche Streitfrage um das Externstein-Relief ist seine Datierung. Walther Matthes in seinem MM Buch „Corvey und die Externsteine“ wie auch der Steinbildhauer-Lehrer Ulrich Niedhorn während der ersten Horner Fachtagung argumentieren für eine Entstehungszeit zu Anfang 9. Jahrhundert. Zu anderem Schluss kommt Johannes Mundhenk, der als Resümee seiner Datierungsstudien schreibt (Seite 42): „Soweit die Äußerungen der bedeutendsten Repräsentanten der Kunstgeschichte aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wir dürfen uns eine ähnlich ausführliche Kommentierung der Kunstgeschichtler aus der zweiten Hälfte des 19. und der ersten des 20.  Jahrhunderts ersparen, da die Datierung des Reliefs auf die Zeit um 1115 keine Korrektur mehr erfährt.“ 16 Vorab sollte festgestellt werden, dass das gesamte Bildwerk, bestehend aus oberem und unterem Register, zeitgleich sein dürfte; trotzdem - im Gegensatz zum Bildteil der Kreuzabnahme der untere Bildteil mit dem Drachen - keine geglättete Grundfläche aufweist. Dafür spricht außer dem Befund des Fachmannes ein ikonographisches Detail, welches bisher ganz verständlicherweise unbeachtet blieb. Eine Fülle romanischer Bildwerke der Kirchenkunst zeigen, dass eine Politik der Diskriminierung des Lebensbaum-Symboles betrieben wurde. Da verbeugen sich abscheuliche Tiere vor dem Lebensbaum in Lilienform, da endet ein Wolfslingam in solcher Gestalt, es ragen Lebensbäumchen in der Art heraldischer Lilien zungengleich aus Mäulern dämonischer Bestien, oder die Schwänze von Drachen laufen in diesen Formen aus. 17 Der Flügeldrache vom Externstein-Relief entspricht dem gängigen Typus in der romanischen Kunst. Sein Schwanz endet im gleichen „Drei-Winkel-Hilus“, wie ihn der darüber befindliche Kultbaum besitzt. Das darf als absolut sicherer Hinweis auf Identität gewertet werden. „Drache und gebeugter Lebensbaum", so lautet die Sprache des Künstlers, „sind von gleicher Art“. (s. Abb. 8) Der Drache wurde als Metapher des Heidentums und aller unholden Mächte aufgefasst. Er umschlingt keineswegs „Adam und Eva“, wie es ganz unsinnig immer wieder von solchen Leuten gemeint wird, die wohl nicht einen einzigen Augenblick ohne vorgefasste Meinung vor dem Bildwerk standen bzw. denen der scharfe Blick, oder das gespeicherte bildmäßige Vergleichsmaterial fehlen. Der Drache umschlingt vielmehr zwei männliche Gestalten, von denen der rechte einen langen Spitzbart tragend, mit langen spitzen Ohren des zum Teufel degradierten Pan ausgerüstet, sich als Unhold ausweist, während die linke mit Knebelbart, kultischen Haarzöpfen und sakralem Halsschmuck einen Paravari, einen typisch bezopften heidnischen Priester darstellt, - mit Sicherheit kein weibliches Wesen. 18

Abb. 9 und 10

Dieser von Matthes und Niedhorn angeregten frühen Datierungsmöglichkeit des Kunstwerkes muss sorgfältig nachgegangen werden, was durch eine akribische Untersuchung der einzelnen Bildelemente geschehen mag, wie Matthes durch Vergleichsstudien des „Nikodemus-Helmes“ und dem Faltenschlag im Rock der selben Person bereits vorgearbeitet hat. 19 Ebenso intensiv ist die spätere Datierung von Mundhenk zu prüfen. Der Anregung von Matthes folgend, lässt sich ohne langes Suchen reicheres Material beibringen, als er es in seinem Buch unter Abb. 25 und 29 vorstellte. Sollte die Annahme Friedrich Fockes (Abb. 10) richtig sein, dass es sich hier um einen aus Strohhalmen geflochtenen Helm handelte, wie er zur sächsischen Bauerntracht gehörte, mit dem aber  auch das Sachsenheer Ottos des Großen ausgerüstet war, so wäre die Erklärung dafür gefunden, wie es möglich ist, dass in einer Salzburger Buchmalerei der soldatische, kämpferische Gedeon solch einen Helm zu (Abb.9) tragen scheint (Abb. 11) 20, ebenso wie die stützende Figur des Abt-Thrones der Basilica von Bari, in welcher ein Soldat Heinrichs VI. vermutet wird (Abb. 9). 21 Dann darf aber ebenso der seinen Jüngern auf dem Weg nach Emmaus begegnende sog. Gottmensch/Gottessohn solch einen Kopfschutz der sächsischen Landbevölkerung tragen. So jedenfalls wollte es der germanische Bildhauer, der einen Teil der Reliefs des Klosters „Santo Domingo de Silos“ (Provinz Burgos / Spanien) - mit seinen auffällig nordischen Köpfen - schuf (Abb. 12). 22 An seiner Helmdarstellung scheinen noch als Querlinien die Bänder sichtbar, welche die Aufgabe haben, die Strohwülste zusammenzuhalten. Auch die beiden, eher wie Soldaten erscheinenden Kreuzabnahme-Helfer, der hölzernen Kreuzigungsgruppe von „Erill-la-Vall“ (Provinz Lerida / Spanien), tragen diese Helmart, der rechts stehende in abgeflachter Version (der rechte Abb. 13). 23 Das Kunstwerk wird auf eine Entstehungszeit von 1140-1160 geschätzt. Die Abb. 14 zeigt das Nikodemus-Haupt des Externsteinbildes mit dem besprochenen „Strohhelm", welcher aufgrund des vorgebeugten Oberkörpers der Gestalt in den Nacken gerutscht ist.

Abb. 11 -- 12 -- 13 -- 14

Sollte aus diesem Denkmälermaterial die Geburtszeit des Externstein-Reliefs zu erschließen sein, so würde deutlich auf das 12. Jahrhundert gewiesen. Matthes schenkt auch der Sonderform des kurzen Rockes des Nikodemus Beachtung und fragt auf S. 275 ob der Beschaffenheit der Kleidung Hinweise auf die Zeitstellung entnommen werden könnten. Um eine Abnormität handelt es sich bei diesem Kleidungsstück nicht (Abb. 10), denn um ausreichende Beweglichkeit für die Beine zuzulassen, muss ein glatt um die Hüften gestraffter Rock vorne eine gefältelte Stoffreserve aufweisen. Dieses praktische Bedürfnis wird am gefälligsten von einer zusätzlich noch teilweise geschlitzten Kellerfalte erfüllt. Der Oberkörper ist bekleidet mit einem über die Taille reichenden Hemd. Der kurze, praktische Rock muss vernünftigerweise als die Kleidung der körperlich Agierenden verstanden werden,- der Handwerker und Soldaten. Folgerichtig sind es die beiden tätigen, den Leichnam vom Kreuz abnehmenden Gestalten (Joseph von Arimatea und Nikodemus), welche solche Röcke tragen. Ein wohl während des zweiten Nicaeischen Konzils von 787 festgelegtes starres Bildschema der Kreuzabnahme-Darstellung ist verantwortlich, dass diese beiden Personen in aller Regel kurzberockt erscheinen, während die peripheren Gestalten der Maria und des Johannes lange Gewänder tragen ? 24

Abb. 15 a und 15 b und 15 c

Man beachte die frontale Kellerfalte am Soldatenrock der Abb. 9 sowie an den etwas glockiger fallenden Röcken der beiden das Kreuz flankierenden Männer vom Kreuzabnahme - Kapitell der Kathedrale von Pamplona/Spanien (Abb. 15 a + b). 25 Auffällig ist dort die starke Lordosierung der Lendenpartie des Josephs von Arimatea, der die Last des abgenommenen Leichnams zu tragen hat. Das Externstein-Bild hebt bekanntlich die gleiche Lendenbiegung des Nikodemus noch extremer betont hervor. Es soll wohl damit angedeutet werden, wie schwer die Last des „Welterlösers“ sei. Ein weiteres Bildelement erlaubt es, zwischen beiden Arbeiten eine Verwandtschaft zu vermuten. Der Nikodemus steht auch im Relief von Pamplona auf einem Gebilde, welches ein Kenner der ikonographischen Entwicklungsgeschichte des heiligen Baumes mit Sicherheit als einen solchen identifiziert. Die Taufsteinkunst Nordeuropas (gotländ. Produktionen), insbesondere der sächsisch -dänischen Siedlungsregion von Angeln und Schwansen und Nordschleswig, kennt in schlagender Fülle dieses Bildkürzel als Synonym für den Lebensbaum. 26 Das Kreuzabnahmerelief von „Santo Domingo“ (Abb. 15 c) in Silos könnte als Anregung für das Werk am Externstein gedient haben, denn es ist eindeutig vor 1115 entstanden. Anders scheint es sich mit dem Kreuzabnahme-Kapitell vom Kreuzgang der Kathedrale „Santa Maria la Real“ von Pamplona (Abb. 15 a + b) zu verhalten; man datiert es auf ca. 1145. Benediktiner-Pilger, vom Norden kommend, auf dem Weg zur Abtei „Santo Domingo“ in Silos - und vielleicht weiter zum angeblichen Grab des „Apostels Jakobus“ - kamen auf der hochmittelalterlichen Hauptverkehrsachse, dem sogenannten „Jakobsweg“, von den Pyrenäen hinab, über Jaca, Pamplona, Estella, Burgos zur Etappe „Santo Domingo“. Kaum werden sie auf ihrem Weg die Kathedrale „Santa Maria la Real“ in Pamplona unbeachtet gelassen haben, denn sie ist das geistliche Zentrum dieses spanischen Erzbistums. Wie gesichert ist das Entstehungsdatum des Kreuzgang-Kapitell von Pamplona ? Wäre es doch vor 1115 gewirkt, könnte es ein sehr konkretes Vorbild für das Externsteinrelief abgegeben haben. Das Gebilde im Pamplona-Kapitell gleicht dem Lebensbäumchen in den diversen Wappen der schwedischen Familie der Wasa, welches in den verschiedensten heraldischen Zierformen bekannt ist (Abb. 16 bis 19), spricht für sich. Dieses altreligiöse Emblem wurde von der Familie, als sie zu politischem Einfluss gelangte, in das unverfängliche Bild einer Korngarbe (s. Abb. 19 a) umgezeichnet. 27

Abb. 16 bis 19 / 19 a = die Wasa-Garbe -- Abb. 20

Wir finden also gleiche Gestaltungsprinzipien und -ideen vom südwestlichsten fränkischen Einflussgebiet bis hin zum nordöstlichsten. Wenn wir den unwissenschaftlichen Erklärungsversuch „Zufall“ ausschließen, so stellen sich die Fragen, entweder wo für beide Kunstwerke die Vorlage zu suchen wäre oder welcher Künstler vom anderen „abgeschrieben" hat bzw. ob die Schöpfer der Kunstwerke aus gleicher Schule hervorgegangen sein könnten. Ein neuer, interessanter Forschungsansatz wäre gegeben. Allerdings gibt es für das Großrelief im Externstein - meines Wissens nach - kein weiteres Beispiel in ganz Europa. Wo kam der Steinmetzkünstler also her, da eine derartige Auftragsarbeit im Abendland einmalig ist ? Nur im Orient gab es die Handwerkstradition der Großreliefs im lebendigen Fels. Die angerissenen Parallelitäten zwischen dem Burgos-Kapitell und dem Externstein-Relief weisen in den Anfang des 12. Jahrhunderts.

 

Wozu sich die Familie Wasa im 16. Jahrhundert nicht mehr bekennen wollte, das war im 12. Jahrhundert das gebräuchliche Symbol der Königsmacht, wie es sich im Codex „Libro gotico de los testamentos" abgebildet findet (Abb. 20). Der hinter dem König stehende Soldat ist durch eine Beischrift gekennzeichnet als „Waffenträger", der von ihm gehaltene Stab wird als „Sceptrum", also Zepter der Herrschaft des Königtums ausgewiesen. Es handelt sich hierbei nicht unbedingt um die reduzierteste Form des heiligen Palmbaumes mit nur zwei Blattranken. 28 Dass auch die Symbolik der Weltstütze - als Säule und nicht als Baum gedacht - mit hineinspielt, macht das ikonographische Gesamtverständnis so ungeheuer schwer. Da die Schrift von Isidor von Sevilla (560-636) stammt, könnte eine genaue Beobachtung der westgotisch-spanischen Zustände vorliegen. In diesem Fall hätten wir den Nachweis, dass das Zepter der Westgoten ein Sonnenstütze-/Himmelsstütze-Symbol war. Der damalige umfänglich gebildete Westgotenkönig Sisebut (gest. 621), der gegen Ungläubige, wie beispielsweise die Juden, recht unnachsichtig vorging, war also schon christlich eingestimmt, weshalb ein heidnisches Weltstützensinnzeichen innerhalb seines Hofzeremoniells eigentlilch in Frage zu stellen wäre. Der Herrschaftsstab orientalischer Könige glich noch einem detailreich nachgearbeiteten, schematisierten Palmbäumchen (Abb. 21). In den sog. „Lilienzeptern“ der deutschen Könige und deutsch-römischen Kaisern - wahrscheinlich durch Vermittlung des byzantinischen Kulturkreises - spiegelt sich das uralte Herkommen. Die Abb. 22 zeigt Kaiser Heinrich V. sein „Weltenbaum-Zepter“ haltend, auf einer Silbermünze. Dass diese „Lilie", auch die „heraldische Lilie“ mit der namengebenden Blume in keinem ursprünglichen Zusammenhang steht, erweist ein überzeugendes Denkmälermaterial; besonders zeigen dies jene Darstellungen dieses Gebildes, die nur als Baum zu verstehen sind, weil es von Tieren flankiert wird. Es ist das traditionelle heilige Baummotiv des Orients in seinen diversen künstlerischen Ausformungen, welches im Mittelalter zum Herrschaftssymbol europäischer Potentaten wurde. So ist es nur folgerichtig, dass auch auf dem deutschen Kaisermantel, der ursprünglich 1133 für den Normannenkönig Roger II von Sizilien gearbeitet wurde, als zentrales Schmuckmotiv der fruchttragende Palmbaum zu sehen ist (Abb. 23). Ergänzend dazu zeigt das Motiv des Futterstoffes vom Kaisermantel einen von zwei hellhaarigen, blauäugigen Menschen umstandenen mythischen Baum mit seiner in die Stammwurzel hinein verkleinerten sog. „Lilie". Das Sinnbild Baum, insbesondere der Palmbaum, vereinigte in sich - zumindest im 12. Jahrhundert - mindestens drei Hauptverständniskreise: die fruchttragende Weltlichkeit im Gegensatz zur jenseitigen Geistigkeit des Kreuzes; die weltliche Herrschaft diesseitiger Machthaber; schließlich aus geistlicher Sicht, die zu überwindende Materie.

Abb 21 -- Abb. 22

Die alten Herrscher, nicht nur die des Orients, welche das Palmbaum-Zepter führten, vereinigten in ihrer Person die weltliche und religiöse Führung des Landes; der König galt ebenso als Pontifex. Aber die Heranbildung der christlich-römischen Priestermacht brachte die Gewaltenteilung mit all ihrer logistischen Problematik. Durch die Trennung weltlicher von geistlicher Gewalt war der Streit um den Führungsanspruch vorprogrammiert; im besonderen verschärft durch die spezifisch römisch-katholische Ausprägung einer Geistlichkeit, welche sich zu einer volksfremden Tradition und Sprache bekannte und ihre Leitstelle sinnigerweise auf der imperialistischsten Stätte der alten Welt aufgeschlagen hatte. Der unvermeidliche Gegensatz prallte in Gestalt der beiden Würdenträger Kaiser und Papst und deren Parteigänger aufeinander. Nach Auffassung seiner Gegner musste der mit dem „Stellvertreter Gottes auf Erden" ringende weltliche Herrscher nicht weniger als die Inkarnation der Materie und des Satans erscheinen. Unter diesem Blickwinkel allein wird eine romanische Kunstrichtung verständlich, welche den Schwanz der antichristlichen Ungeheuer, besonders jene der Drachen, wie es im Externsteinbild geschehen ist, im Motiv des altheiligen Baumes enden lässt, dem Symbol weltlicher Herrschaft.

Abb. 23

Sämtliche beurteilenden Kunstsachverständigen datierten das Kreuzabnahmebild in den Anfang des 12. Jahrhunderts, und auch die hier vorgelegten Hinweise würden dieser Zeitstellung nicht widersprechen. Zwar war in diesem Jahrhundert das echte Heidentum des Volkes beileibe noch nicht vergessen und überwunden. Doch eine heidnische Partei zur Rückgewinnung politischer Macht gab es nicht. Deshalb spielten im Kalkül der Mächtigen jene „unbelehrbaren“ Bevölkerungsanteile keine Rolle mehr, die bis ins 10. Jh. durchaus noch zu berücksichtigen waren. Eine gewaltige Rolle aber spielte jenes „Neuheidentum“, besonders der mächtigen deutschen Könige und Kaiser, die dem geistlichen Herrscher, dem Papst, die ersehnte Universalherrschaft verwehrten, wie sie von allen mönchischen Fanatikern angestrebt wurde. Hier lagen zu jener Zeit die Brennpunkte, über die die Geister aneinander- gerieten. Der innerlich von der Kirche völlig freie neuheidnische Unhold“, der es wagte, den Papst mitsamt seinen 13 Kardinälen mitten in Rom gefangen zu nehmen, um verweigertes Kaiserrecht und Kaiserkrönung zu erzwingen, war Heinrich V. Diese Ungeheuerlichkeit geschah im Februar 1111 die mönchischen Parteigänger des römischen Oberpriesters, der doch nach ihrer Auffassung Herr aller Könige und Kaiser sein sollte, hasteten durch die Gaue des Reiches und verbreiteten schlimme Kunde. Wenige Jahre später schon mit der Niederlage in der Schlacht vom Welfesholz wurde die Macht des Kaisers gebrochen. Danach fiel seine ganze Stellung im ostsächsischen Raum zusammen. Der frühe Tod Heinrichs V. beendete die bisherige deutsche Entwicklung; - die nächsten beiden deutschen Herrscher sind „Pfaffenkönige“ gewesen.

 

Allen voran der Benediktinerorden des Klosters Cluny war Herd und Ausgangspunkt der mönchischen Bewegung für die Erhöhung des Papstes und der Schaffung eines „Gottesstaates“, also einer Theokratie bei notwendiger Ausschaltung der weltlichen Machthaber. Ihren Hauptfeind mussten die Mönche des 12. Jahrhunderts in den deutschen Kaisern sehen, die einzig in der Lage waren, diesem päpstlichen Machtanspruch dauerhaft entgegenzutreten. Die älteste und berühmteste Benediktinerabtei Deutschlands war Corvey, das im geistigen Leben des mittelalterlichen Niedersachsens eine führende Stellung erwarb. Die altheilige Stätte der Externsteine war dem nur 28 km entfernten Kloster wohlvertraut, hatte man doch einstmals beabsichtigt, noch viel näher an den Steinen die Klostergründung vorzunehmen. 29 Eine Ahnung um Bedeutung der altheidnischen Felsengruppe musste der damaligen Masse schlichter Taufchristen noch gegenwärtig gewesen sein. Ob sie noch ein konkretes Wissen von den alten Volkstraditionen besaßen, wissen wir nicht, darüber ist nur zu spekulieren. Abgesehen von den religiösen Fanatikern, die sich zu allen Zeiten zu Pilgerfahrten hinreißen ließen, wird sich die Mehrheit der Bevölkerung eher skeptisch, reserviert bis ablehnend gegenüber der arroganten theologischen Machtelite verhalten haben. So scheinen Sinn und Zweck des Externstein-Reliefs gar nicht mehr unverständlich, wenn wir davon ausgehen, dass im Auftrag der Mönche von Cluny dieses Triumphbild für die „innere Mission“ in Sachsen gerade am altgläubig-sächsischen Zentralheiligtum angebracht wurde.

 

Aus Sicht der papstergebenen Benediktiner wurde mit dem Sieg am Welfesholz im Jahre 1115 das gleiche alte Heidentum, das sich in Gestalt Heinrichs V. und seiner königlich gesinnten deutschen Ritter noch einmal erhoben hatte, niedergetreten. Der „königliche Baum", die weltliche Hoffahrt war wiederum gedemütigt worden vor dem Kreuz und seinen rechtmäßigen Vertretern auf Erden. So dürfte die kleine Gestalt, welche im linken oberen Kreuzquadranten des Externstein-Reliefs von Gott selbst in Armen gehalten, geschützt und erhoben wird, niemand anderen symbolisieren als den Papst bzw. die „heilige Wahrheit der Kirche“. Denn die Figur gibt sich zu erkennen durch des Gestus ihrer Hände, der Lehre bzw. Lehrinstitution bedeutet. Es darf als Bestätigung dieser Erklärungsthese gewertet werden, dass von einem königstreuen Mann nicht nur die Beine des den Königsbaum niederhaltenden Nikodemus abgeschlagen wurden, sondern ebenso das Köpfchen dieses augenscheinlich triumphierenden obsiegenden Figürchens. Den beiden männlichen Gestalten im unteren Reliefregister ist die Aufgabe zugedacht, das gleichermaßen vom satanischen Drachen umschlungene Altheidentum sowie das antipäpstliche Neuheidentum zu versinnbildlichen. Als weitere Bestätigung der vorgelegten Theorie muss die Weihe-Inschrift in der Grotte des 1. Felsens gewürdigt werden, welche gerade die Jahreszahl 1115 beinhaltet. Dabei ist es nun völlig unwichtig geworden, ob die Anbringung der Inschrift aus gleicher Zeit stammt, was bestritten wurde 30, oder ob sie ein über die Zusammenhänge noch unterrichteter Mönch in späteren Jahrhunderten dort eingrub als einen unmissverständlichen Hinweis für Wissende und Suchende. 31

 

Der kleine nordspanische Ort „Santo Domingo de Silos“, mit seinem Benediktiner-Kloster und dem künstlerisch bedeutsamen Kreuzgang, dessen Anfänge in die Abtszeit des hl. Dominikus von Silos (ursprünglich „Domingo Manso“ - 1005-1073) fallen, liegt in nur geringer Entfernung vom spanischen „Jakobsweg“, der vielbegangenen Pilgerstraße. (Pedro de Palol datiert die Entstehungszeit auf „um 1085/1100“.) Doch auch ohne solchen Vorzug müssen wir uns den personellen und geistigen Austausch zwischen Klöstern gleicher Orden rege und intensiv vorstellen. Das Kloster von Silos stand damals in überragendem, europaweitem Ruf höchster Gelehrsamkeit. Die Idee für die Gestaltung des Externstein-Reliefs kam also wahrscheinlich von den Burgos-Benediktinern, aber einen Steinmetzmeister für das geplante Riesenreliefs mussten sich die Benediktiner des Weser-Klosters Corvey - die Besitzer der Externsteine - aus dem Orient besorgen. Die Niederlage des neuheidnischen Unholds Kaiser Heinrich V. am Welfesholz im Südharz fand am 11.02.1115  statt. Erkenbert von Homburg, der Benediktiner-Abt von Corvey, hatte den Sieg miterfochten. Doch am 25.03. wurde er von einem Kai­sertreuen gefangen und erst gegen Lösegeldzahlung von 200 Mark wieder auf freien Fuß gesetzt. Danach reifte die Idee zum Siegesmal am altheidnischen Kultort des Externsteins. Ende August weihten die Paderborner Benediktiner in Person des Bischof Heinrich - aus Dankbarkeit für den Sieg - zunächst die untere Felsenkapelle am Externstein ein, was aus der eingravierten Weiheinschrift hervorgeht. Am 29.11.1116 besprach sich Erkenbert auf der Frankfurter Für­stenta­gung mit anderen Kaisergeg­nern. Im Sommer 1117 reiste er in den Orient um die nötigen Fachleute zu suchen und anzuheuern, was ihm im syrischen Antiochia, wo er sich etwas länger aufhielt, gelungen sein muss. Zum 07.07.1118 war er wieder in seinem Weserkloster -; die Arbeit am Externstein-Großrelief konnte beginnen.

 

Damit ist erstmals ein Verständnishorizont des Externstein-Reliefs erschlossen, der im Gegensatz zu sämtlichen anderen bisher vorgetragenen Erklärungsversuchen in Einklang steht mit den ikonographischen Befunden am Denkmäler-Vergleichsmaterial, den geschichtlichen Gegebenheiten, dem Urteil der Kunstsachverständigen, der genauen Bilderkenntnis des Reliefs und der datierten Weihe-Inschrift. Die exakte Beweisführung muss einer umfangreicheren Arbeit vorbehalten bleiben; doch auch schon die vorliegende kurze Skizzierung der Wegstrecke, auf der sich zukünftige Forschung zu bewegen hat, zeigt, dass eine Menge bisheriger Denkansätze als endgültig überholt beiseite gelegt werden dürfen.

 

Quellen und Anmerkungen
1 - Das imposanteste Steinkreis-Heiligtum Alteuropas, das in der engl. Grafschaft Wiltshire nahe Salisbury gelegene Stonehenge, hatte die Funktion eines astronomischen Observatoriums. Die Stätte wurde erstmalig 2800 v.0. angelegt und 1560 v.0. in die heutige Form gebracht. Vom Altarstein, im Zentrum der 5 Trilithen, über den Heelstone, verläuft die Ortungslinie zum Aufgangspunkt des höchsten Sonnenstandes der Sommersonnenwende. Francis Hitchirig, „Die letzten Rätsel unserer Welt“, Berlin 1978, S. 71ff / Die nordeurop. Megalithiker waren sorgfältige Beobachter kosmischer Vorgange. „Spektrum der Wissenschaft“ 9/1980, S. 79ff u. 2/1982, S. 51ff / Hünengräber der Lüneburger Heide sind rund 1000 Jahre alter als die des östl. Mittelmeeres. „Bild der Wissenschaft" 7/1979, S. 66/ Ganggräber Jütlands, ca. 5000 Jahre alt, wurden vor den Pyramiden Ägyptens gebaut. / Die vermessenen Megalithbauten erzeigen genaue Ausrichtung zum Höchststand der Sonne zum Sommersonnenwendund Wintersonnenwend-Aufgangspunkt. „Für Mecklenburg kommt E. Schuldt nach Untersuchungen von 99 Dolmen zu ähnlichen Ergebnissen: 46 waren auf den Sonnenhöchststand (Mittsommer), 26 auf den Frühlingspunkt, 14 auf den Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende und 13 auf den Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende ausgerichtet." „Eine schriftliche Bestätigung, dass Menschen im Nordseegebiet diese komplizierten Bewegungsverhältnisse von Sonne und Mond beobachtet haben, ist aus dem 6. Jh.v.0 überliefert." Günther Kehnscherper, „Hünengrab und Bannkreis - auf den Spuren der Steinzeit“, 1983, S. 168 u. 166
2 - Die älteste Beschreibung des Externsteines stammt von Hermann Hamelmann, Pastor in Lemgo, der 1564 eine „Delineatio urbium et oppidorum Westphaliae“ verfasste. Von der Stadt Horn heißt es da, sie sei berühmt durch den Externstein, einem frühen Denkmale, das schon die alten Schriftsteller erwähnten. Er habe gelesen, so fügte Hamelmann hinzu, dass Karl der Große jenen Felsen, der ein Heiligtum der heidnischen Bevölkerung gewesen sei, zu einem Altare Gottes gemacht habe. Freerk Haye Hamkens, „Der Externstein - seine Geschichte und Bedeutung", 1971, S. 76. Es wäre völlig abwegig, dem Pastor ohne hinreichenden Grund Unwahrheit zu unterstellen; es gab also uralte Berichte vom heidnischen Heiligtum am Externstein. / Wilh. Teudt, „Germanische Heiligtümer" 1931, S. 17ff: Das Gestirnsheiligtum auf dem Externstein.
3 - Prof. Dr. J. Hopmann, „Die Ortung an den Externsteinen" in „Mannus, Zeitschr. f. dt. Vorgeschichte" 27.Jg. 1935 / „Diese Linie ist, wie schon immer angenommen wurde, die Richtung zum Aufgangspunkt der Sonne am Tag der Sommersonnenwende. 1935 wurde dies bestätigt durch die astronomische Messung von Prof. Dr. R. Müller vom Astrophysikalischen Observatorium Potsdam. Damit ist der Beweis geliefert, dass der Raum im Felsen 2 die Sonnenwarte mit dem Sonnenloch, der alte germanische Kultraum der Sommersonnenwende war.“ Prof. Dr. Julius Andree, Leiter der Grabungsarbeiten 1936, „Die Externsteine, eine germ. Kultstätte", S. 36f / Bestätigt durch Neuüberprüfung dieser Sachlage von Prof. Dr. Wolfhard Schlosser, Astronom. Instit. d. Ruhr Univ. Bochum, Vortrag am 23.9.1989 1. Homer Fachtagung.
4 - Im kirchl. Sakralbau herrscht die Regel der West-Ost-Richtung als sog. Hl. Linie vor. Seit dem 4. Jh., von der griech. Kirche ausgehend über Italien, verbreitete sich die Forderung der „Ostung“ in übrige Länder. "Der Große Brockhaus" 1932, Bd. 13, S. 847
5 - Julius Andree, „Germanen-Erbe“, 1.Jg. Heft 3/Juli 1936, S. 75ff  „Die Externsteine, neue Ergebnisse der Ausgrabungen 1934/35“
6 - 1.Horner Fachtagung „Der Externstein, Ergebnisse neuer Forschungen" 21.-24.9.1989,Veranst.: B. Weeke + R. Koneckis
7 - Prof. Dr. Alois Fuchs, „Im Streit um die Externsteine - ihre Bedeutung als christliche Kultstätte" 193 / Prof. Dr. Friedr. Focke, „Beiträge zur Geschichte der Externsteine" 1943
8 - Wilh. Teudt, „Die Externsteine als germ. Heiligtum“, 1934, „Die Irminsul", S. 60ff / Freerk Haye Hamkens, „Der Externstein, seine Geschichte und Bedeutung" 1971, S. 236, 301
9 - Alois Fuchs, s. 7 / Friedr. Focke, s. 7, S. 167 / Altes Faltblatt des Landesverb. Lippe in Verb. mit dem Naturwiss. und Histor. Verein für das Land Lippe, S. 5
10 - Dr. Reinhold Wurz, „Spirale und Volute, von der vorgeschichtlichen Zeit bis zum Ausgang des Altertums" Bd. 1, 1914 / Felix von Luschan, „Entstehung und Herkunft der Ionischen Säule", 1912
11 - Rudolf Kutzli, „Langobardische Kunst“ 1986 / Emerich Schaf fran, „Die Kunst der Langobarden in Italien“, 1941, Tafel 4, 30, 33, 34, 41 / Pedro de Palol, „Arte Hispanico de la Epoca Visigoda",  Barcelona 1968
12 - In der langobardischen und karolingischen Kunst ist eine Schmähung des alten Lebensbaum-Symboles, auch in seiner reduzierten Form, der sog. „Lilie“, noch nicht feststellbar. Erst in der romanischen Kunst beginnt die Diskriminierung des alten Heilssymboles. Der Verf. verfügt üb. Sammlung von Belegen hierzu.
13 - Der „Drei-Winkel-Hilus", die Symbole von Sonne und Mond und andere Zeichen umrahmend, findet sich bes. in der Cyprischen Kunst, s. 10, Abb. 143, 145, 149
14 - Halfdan hinterließ eine Tochter Signy und die Söhne Roar und Helgi. Die Stelle lautet: „Als Signi ihre Brüder erkannte, weinte sie laut und sprach vor sich hin: Wie ist Halfdans Geschlecht, der königliche Baum, zur Erde gebeugt; meine Brüder sah ich sattellos zu Ross, während Sefils Gefolge in Sätteln saß !" aus: Saxo Grammaticus „Gesta Danorum“, Beschreibung dan. Geschichte v. Vorzeit bis 1202
15 - Heinz Löwe, „Die Irminsul und die Religion der Sachsen“ in „Deutsches Archiv f. Geschichte des Mittelalters“, 5. Jg., Heft 1,1941
16 - Prof. Dr. Walther Matthes, „Corvey und die Externsteine - Schicksal eines vorchristl. Heiligtums in karolingischer Zeit“, 1982, S. 257; Matthes nimmt eine Entstehungszeit um 820 an. / Ulr. Niedhorn, Dozent f. Steinbildhauerei, datiert es vor 870 auf S. 26 seines Beitrages „Die obere Figur im Externstein-Kreuzabnahmerelief“ in: „Die Kommenden“, Hr. 4, 1988-
Johannes Mundhenk, „Zur Datierung des Externsteiner Kreuzabnahmereliefs in der Kunstgeschichte“, in „Westfälische Forschungen“, 35. Bd., S. 42, 1985 - Mundhenk geht von um 1115 aus.
17 - Stellvertretend für viele anzuführende Beispiele gelte der Drachenschwanz im Südportal-Tympanon St. Laurentius in Erwitte (1170), der Drache im Wirkteppich des Halberstädter Domes (1180) und der Drachenschwanz des St. Michael-Reliefs der Burgkapelle Hohenzollern (1110-1140) / M. Mackeprang, „Danmarks middelalderlige Döbefonte" Kopenhagen 1941, Fig. 181, 193, 194.
18 - Zu den kultischen Haarzöpfen altgläubiger Priester siehe Wildenberger Säule, Landesmuseum Stuttgart, Heidenkopf-Kapitell Klosterkirche Alpirsbach und Taufstein in Freudenstadt/Schww. / „Bezopfte Menschen galten als böse": Rich. Wiebel, „Die geistige Botschaft romanischer Bauplastik“, 1942, S. 30
19 - s. 16, S. 275ff, Abb. 26
20 - s. 9, Focke, S. 154ff
21 - Abt-Thron-Figur von Bari: Heinr. Decker, „Italia Romanica", 1958, Abb. 184; Die Bari Basilika wurde in Gegenwart Heinrichs VI geweiht. In der Hauptapsis steht der Thron, der durch Inschrift auf 1098 datiert ist.
22 - Die langen Schädel, das schlichte Haar und die Nasenformen, die dieser Künstler schuf, deuten in ihrer herben Hoheit auf nordeuropäischen Menschentypus. Nahe Burgos, wahrscheinl. 593 von dem Westgotenkönig Rekkared gegründet, wuchs Santo Domingo de Silos zu einem bedeutenden Kloster empor. Die Reliefs an den Eckpfeilern des Kreuzganges stammen aus der Wende 11.112. Jh. Pedro de Palol u. Max Hirmer, „Spanien, Kunst des frühen Mittelalters", 1965, S. 76f, Abb. 89
23 - dto., Abb. 162
24 - s. 7 Focke, S. 148ff bzw. Erna Ranipandahl, „Die Ikonographie der Kreuzabnahme vom 9. bis 16. Jh.“, Diss. Berlin 1916
25 - s. 22, S. 114ff, Abb. 141; Kreuzabnahme-Kapitell von 1145
26 - Diese Art des Voluten-Bäumchens zeigt die Silberspange von Haithabu, das Tympanon von Alt Hadersieben, die das Kreuz flankierenden Bäumchen des sog. Siegfried-Sarkophages Kloster Lorsch, Taufstein Hjortdal / Dänemark u.v.rn.
27 - Der dt. Numismatiker Werner Graul machte die Entdeckung, dass Gustav Erikson, als er 1523 zum schwed. König gewählt wurde, seinen Namen in Gustav Wasa und sein Familienwappen mit dem Lebensbaum in eine unverfängliche Korngarbe umänderte. „Aureus-Zeitschrift f. Numismatik, Geldwesen u. Kultur" Nr. 16/1971, S. 28ff
28 - s. 26 + 27 und Abb. 15 - 20
29 - s. 16 Matthes, S. 107f
30 - Ulrich Niedhorn, „Die Weiheschrift in der unteren Grotte der Externsteine", S. 9ff in: „Lippische Mitteilungen" Bd. 55, Detmold 1986
31 - Es muss für das Wirken der Mönche vom Kloster Corvey mit ihrem weitreichenden Einfluss auf die politische Kultur Sachsens gerade im 1. Drittel des 12. Jh. ein unvergesslicher Triumph gewesen sein, dass es ein sächsischer Aufstand war, zu dem sie nicht wenig beigetragen haben werden, welcher die Speerspitze Heinrichs V, nämlich dessen Feldhauptmann Hoyer von Mansfeld am Welfesholz bei Gerbstedt am Ostharzsaurn, zerbrach. Der Feldherr verlor hier Schlacht und Leben im gleichen Monat, 4 Jahre nachdem er mit „ruchloser Hand" nach dem Papst in Rom gegriffen hatte. Dieser sächsische Sieg, diesmal - nach Meinung der Mönche - auf der richtigen Seite stehend errungen, sollte unvergessen bleiben als Mahnung den künftigen Geschlechtern. Die dreizüngige Siegesfahne im Externstein-Relief, dem Siegeszeichen auch der Sachsenkönige, unterstreicht diese sich nunmehr klärende Bildaussage.
 
Abbildungs-Verzeichnis
1 - Gruppe der Externsteine, von Osten gesehen (Zeichn.d.Verf.)
2 - Kreuz und Lebensbaum des Externstein-Reliefs, aus W.Teudt, „Im Kampf um Germanenehre" ,1940, S. 76
3 - Der aufgerichtete hl. Baum nach W. Weitz „Widukind und Enger"
4 - Aus 10 Wurz, Abb. 139, S. 68 „Phönizischer heiliger Baum"
5 - dto., Abb. 156, S. 78 „Gefundenes Elfenbeinblättchen aus Ninive"
6 - dto., Abb. 153, S.77 „Verzierung der Fensternischen im Innern eines Grabes von Tamassos"
7 - dto., Abb. 154, 5.77 wie Abb. 6
8 - Detail des Drachenschwanzes im Externstein-Relief. Die linken Winkelseiten sind durch Absprengungen beschädigt. (Zeichn.d.Verf.)
9 - Nach Autotypie aus 21, Abb. 184 (Zeichn.d.Verf.)
10 - Nach Fotografie des Externstein-Reliefs, Rock des Nikodemus (Zeichn.d.Verf.)
11 - Nach Autotypie von Buchmalerei „Gott beruft Gedeon", gefertigt zu Salzburg um 1150 für die Benediktinerabtei Admont unter Abt Gebhard, Nationalbibliothek Wien (Zeichn.d.Verf.)
12 - Nach Autotypie aus 22, Abb. 89, Kopf des Gottmenschen auf dem Weg nach Emmaus, Relief der Nordseite des Nordwestpfeilers des Kreuzganges; 1085/1100 (Zeichn.d.Verf.)
13 - Nach Autotypie aus 22, Abb. 162, Kopf des Nikodemus der Kreuzabnahmegruppe aus Erill.-la-Val (Prov. Lerida), Vich (Prov. Barcelona), Museo Episkopal, nach Mitte 12. Jh. (Zeichn.d.Verf.)
14 - Kopf des Nikodemus vom Externstein-Relief nach Fotografie (Zeichn.d.Verf.)
15 - Nach Autotypie aus 22, Abb. 141, Kreuzabnahme-Kapitell aus dem Kreuzgang der Kathedrale von Pamplona, um 1145, Pamplona Museo de Navarra (2. Zeichn.d.Verf.) Zeichnungen beider Kreuzabnahmen - Abb. 15 Silos und Abb. 15 c Pamplona - von Marianne Klement
16 bis 19 - Auswahl heraldischer Lebensbaum-Figuren der Familien Gustav I. von Schweden aus 27, S. 27 -
20 - Nach Reproduktion der Bildseite des „Codex Libro gotico de los testanientos“, Anf.12.Jh. (Zeichn.d.V.)
21 - Nach Autotypie Dr. Alfred Jeremias „Handbuch d. altorient. Geisteskultur", 1929, Abb.36: Aramäischer König Bar-rekub ca. 850 v.0 (Zeichn.d.Verf.)
22 - Zeichn.d.Verf. nach Silbermünze Kaiser Heinrich V. 1106-1125
23 - Reprotechn. Entnahme der Palme des Krönungsmantels Roger II, in königl. Werkstatt Palermo 1133-34 hergestellt, aus: Herm. Fillitz, „Die Schatzkammern - Kunsthist. Museum Wien", Wien 1954, S.51 Nr. 163
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