BERNWARDSÄULE - DIE CHRISTLICHE IRMINSUL

Copyright Gerhard Hess / Juni 2017


„Christussäule“ - Hildesheimer Dom, „St. Michael“ (bis 1810) -
treffsichere Rekonstruktion von Carpiceci/Gallistl
 
 
Hildesheimer Bernward-Säule - eine christliche Irminsul
 
Wie überaus wichtig den Altsachsen ihr Irminsul-Heiligtum auf dem Obermarsberg war - das Frankenkönig Karl im Jahre 772 zerstören ließ - und wie tief verankert der Himmelssäulenglauben in der Bevölkerung blieb, ersieht man leicht daran, wie schnell die Christenkirche versuchte, Ersatz zu schaffen, um die Seelen zu düpieren und in den eigenen Bann zu ziehen. Bischof Bernward (993-1022) war es, der um das Jahr 1000 nun eine kirchenchristliche Gegensäule in Auftrag gab. Dieses Bemühen, auch eine Säule und einen Säulenaltar zu haben ist ganz allein durch die sächsische Irminsul erklärbar, denn weder waren die Altchristen Säulenanbeter - im Gegenteil - noch hätte es sich sonst eine griechische, ägyptische, römische, byzantinische Gemeinde einfallen lassen, eine Säule ins fromme Haus zu bestellen. Über diese, durch heidnische Vorlagen bedingte Säulenbestellung, schweigt man sich bis zum heutigen Tage in der niedersächsischen Kirche und in deren seichten Publikationen zur Kirchenkunst aus und belügt die Leute auf altbekannte Art und Weise.
 
Die „Christussäule“ auf dem
Großen Domhof (1810–1893)
 
Weil der Kirchenpropagandist Bernward die Säule in Auftrag gab, nennt man sie „Bernwardsäule“ oder „Christussäule“ (Höhe 3,79 m, Durchmesser 58 cm). Sie ist aus Bronze gegossen. Auch die Spiral-Kapitell-Säule in der Unterkirche der „Michaels-Kapelle“ zu Fulda nannten die Mönche „Christussäule“. So wie die Altsachsen die Irminsul mit ihrer obersten Irmin-Gottheit (irmingod) verbanden, wollten auch die Christen ihre Säule mit ihrem Christus verbunden und identifiziert wissen. Sie wurde für das von Bernward erbaute Benediktinerkloster „St. Michael“ (Michael = Wodan-Ersatzfigur) angefertigt, sie stand dort hinter dem Kreuzaltar im östlichen Teil des Langhauses. Zweifellos ist die „Christussäule“ ein Kunstwerk von höchstem Rang - so meisterhaft gefertigt, dass selbst mit modernster Technologie ein Nachbau schwer fiele, so sagt man. Der spiralförmige Aufbau wird im Inneren durch eine Stahlstange und Verschraubungen an beiden Enden auf Spannung gehalten - ganz ähnlich, wie die Wirbelsäule den Oberkörper des Menschen stützt. Sehr zu beachten ist gerade der Spiralkörper. Auch damit äffte die Kirche die heidnische Vorlage nach ! Zum einen ist die Spirale das hervorragende nordisch-heidnische Leitmotiv, zum zweiten war die echte germanische Irminsul offenbar tatsächlich im gewerkten Stamm - ob aus Holz oder Stein - spiralförmig gewendelt. Im altheidnischen Denken ist der Zeitablauf einer Spirale gleich, so wie sich aus jedem Winter ein neuer Frühling heraus-spiralt und wie jeder Mond- und Sonnengang einem Spiralen gleicht. Christliches Weltverständnis sah und sieht ganz anders aus. Im Wahn, die Naturanschauung überwinden zu wollen, predigte die Kirche den gleichförmigen Gang von der Genesis bis zum „Jüngsten Gericht“. Da gibt es keine Wiederholung, keine Verjüngung, keine Wiedergeburt, kein Spiralen -, vielmehr ein Gleichklang bis zum Ende in Himmel oder Hölle in Ewigkeit. Die Spiral-Säule ist also in jedem Falle ein Nachbau, welcher in seiner Grundgestaltung der altdeutschen Irminsul nicht ganz unähnlich gewesen sein dürfte. 
 
Bernwards Ehrensäule für sein christophiles Anbetungsobjekt wird kirchlicherseits gern als Nachahmung der Trajan- und Mark-Aurel-Säulen in Rom gedeutet. Doch, wie gesagt, nur in Sachsen hatte ein früher Kirchenagent den seltsamen Einfall, eine Säule vor den Altar stellen zu wollen, das kann mit den kirchlicherseits verhassten Römerkaisern als Vorbildgebern rein gar nichts zu tun gehabt haben ! Unter Kaiser Traian (98 -117) sollten angezeigte Christen die Loyalität zu den Göttern bezeugen, taten sie es nicht, wurden sie bestraft. Die Strafe bezog sich auf Gefängnis, Arbeit im Bergwerk, auch auf Tod. Bei Nachweis der Staatsilloyalität erfolgte sowieso automatisch die Todesstrafe. Auch in der Regierungszeit von Mark Aurel (121-180) wurden confessores („Bekenner“) hingerichtet. Zudem kam es zu den härtesten Christenverfolgungen seit Kaiser Nero. Die beiden Kaiser, mit ihren Sieges-Säulen, waren keine Christenfreunde. Auf den römischen Säulen sind Kriegstaten der röm. Kaiser in spiralförmig sich aufwärts windenden Bilderfriesen dargestellt, auf der „Christussäule“ sind es die jesuischen Bibel-Legenden. Die Bernward‘sche „Christussäule“ zeigt eine Bildergeschichte in 28 Szenen aus dem Leben des Kunstgottes Jeshua-Jesus. Spiralförmig geht es nach oben, beginnend mit der Essener-Taufe, über seine angeblichen Wundertaten bis hin zum Esels-Einzug in die Stadt Jerusalem. Das heutige Kapitell ist eine freie Nachbildung aus dem 19. Jahrhundert. Die Bekrönung bildete ursprünglich ein Kreuz. Es war der wahnhafte Zielpunkt der Bilderreihe, zu dem auch die vier Verkörperungen der Paradiesflüsse an der Basis aufschauen. Das Mordinstrument „Kreuz“ und der Hingabetod als Zielvorstellung -, perverser geht‘s nimmer ! In den zunächst tröstlich erscheinenden „Wirren der Reformation“ wurde das Säulen-Kreuz Mitte des 16. Jahrhunderts eingeschmolzen, um daraus Kanonen zu gießen. Nicht nur dieser Eingriff schmälerte das Kunstwerk: Gut 100 Jahre später wurde auch das Kapitell eingeschmolzen, um damit die Läuteglocke für die inzwischen evangelisch gewordene Michaeliskirche zu bezahlen. Um 1730 hat man überlegt, die ganze Säule zu Geld zu machen. Auch der Standort der Säule wechselte mehrfach: Um 1800, im Zuge der Säkularisation, wurde die Säule auf den Domhof platziert, Ende 19. Jahrhundert steht sie im Dom-Südquerhaus. Dort blieb sie bis zur Kriegsauslagerung im Jahr 1942. Die vielgeschmähten „Nazis“ waren immerhin so anständig, die Säule vor dem alliierten Bombenterror zu retten und daraus keine Kanone zu gießen.

Die „himmlische Stadt“ über der Bernward-Irmin-Säule  
 
Schon Bischof Bernward hatte einen Kronleuchter aus Gold und Silber gestiftet, der im Kirchenschiff über der „Christussäule“ gehangen hat, der aber im verheerenden Dombrand des Jahres 1046 unterging. Der Überlieferung zufolge wurde ein weiterer großer Radleuchter von Bischof Thietmar (1038 bis 1044) gestiftet, weshalb er „Thietmarleuchter“ (auch „Azelinleuchter“) heißt. Er überstand den großen Brand. Dieser Leuchter ist der älteste der vier erhaltenen altdeutschen Radleuchter. Der „Thietmarleuchter“ ist Vorbild und Schwesterwerk des „Heziloleuchters“, der von Azelins Nachfolger Hezilo in Auftrag gegeben wurde. Vielleicht waren beide Leuchter von Anfang an als Geschwisterstücke geplant, so wie sie dann jahrhundertelang hingen bis zur Domzerstörung von 1945. Der „Heziloleuchter“ (Durchmesser 6 m) hing im Langhaus, der etwa halb so große „Thietmarleuchter“ im Chor. Beide Leuchter bestehen aus einem kreisrunden Reif von vergoldetem Kupfer und verzinntem Blech, dessen reich gestaltete Goldschmiedearbeiten im Lichterschein wunderschön erstrahlen. Die lat. Inschriften geben die Information, der Radleuchter symbolisiere die himmlische Gottesstadt, also nach germanischem Mythos Walhall-Gimle (Glanzstadt) und nach christlichem Mythos „das himmlische Jerusalem“. Er trägt zwölf Türme und zwölf Tore, also 24 Aufbauten, in welchen die damaligen Heiden ihre 24 kosmischen Runen-Bollwerke sehen konnten. An 12 eisernen Stäben hängt der Leuchter über der christlichen Irminsul, der sog. „Christussäule“. 12 ist die Zahl der Monate des Normaljahres für Heiden und für Christen. Ebenso hat die Zahl 12 auch eine mathematische Bedeutung, die wir noch heute vom Dutzend oder den 12 Stunden her kennen. Ganz natürlich musste es einem Heiden in der damaligen Zeit anmuten, dass über der Himmelssäule, seinem Verständnis nach, der natürlich runde Gesichtskreis des Himmels schwebte. Vom „himmlischen Jerusalem“, über das die Pfaffen in ihren Klausen nachsannen, wusste er nicht das Geringste. Aber des Leuchters lange runde Stadtmauer mit zwölf Türmen und zwölf geöffneten Toren und mit den quadratischen 72 Zinnen, die konnte er gut verstehen. Im Mittelalter gab es für Christen zwei Vorstellungen des Paradieses: 1.) das „himmlische Jerusalem“ aus der Johannes-Apokalypse, 2.) den ehemaligen „Garten Eden“ auf der Erde, der noch irgendwo zu finden sein müsse. Die Vorstellung des irdischen Paradieses entstand aus der wörtlichen geglaubten Auslegung einer Passage aus der biblischen Genesis. Die Auslegung galt als umstritten, viele Bibelexegeten plädierten für ein sinnbildliches Verständnis des Bibel-Textes. Man erzählte, das irdische Paradies habe 4 Paradiesflüsse, weil das einer alten Vorstellung von der Ur-Erde entsprach. Auch aus der mythischen Ur-Kuh der Germanen, der Audhumbla, ergossen sich 4 Milchströme. Die sinnbildliche 4 war ein Gleichnis für das materiell Irdische. An der Bernwardsäule sind es diesem mythischen Schema folgend, 4 Verkörperungen jener Paradiesflüsse, die an der Basis zur Himmelshöhe aufschauen. Sie schauen gewissermaßen hinauf zum Himmelsrund des Leuchters, mit seinen 72 Zinnen. Erde mal Himmel = 4 X 72 ergibt die irdisch-kosmische Jahresrundzahl von 360 Tagen. Ebenso ist es die Gradzahl des Kreises, also des Himmelsrunds. Und wer ein bisschen Zahlenmagie mit Runenkunde verband, der zog die Quersumme von 72, kam auf 9 und fand gedanklich die Sonnenzahl 9 in der altgläubigen ODING-Rune Sowilo () und schon stand für ihn die Sonnen-Heilkraft über auch der neugläubigen Irminsäule. Die Zeit war noch voller Synkretismen und Synkretisten, also solchen, die sich ihr persönliches Heil mit keiner der beiden Glaubensformen und deren Götter, zu verscherzen gedachten. Wie bedeutsam diesen frühen Klerikern in Sachsen die Irminsul erschien, ist auch aus dem Vorhandensein der kleinen Irminsula im Dom herauszulesen. Man sagte wohl den Leuten, das sei die alte nun aber christlich geweihte Irminsul, um die Untat der karolingischen Heiligtum-Zerstörung zu entschärfen. Die Kirche wollte die echte Irminsul als Heilspender möglichst vergessen machen, sich aber auch gleichzeitig des Irminsul-Heiles versichern. Man versuchte mit allen Finessen die Gläubigen an sich zu ziehen. Das galt den durchtriebenen Pfaffen immer als ihre Hauptaufgabe, nämlich die Vergrößerung der Schafsherde. Seelenräuber und Usurpatoren müssen schlau sein wie die Schlangen, wozu der fanatische saduzäisch-galiläische Menschenfischer Jeshua-Jesus ebenso seine Agenten aufgerufen hatte („Seid schlau wie die Schlangen…“, Matth. 10,16) wie sein Meisterschüler und Fischlein-Fischer Saul-Paulus.
 
Die „Irminsula“ im Dom zu Hildesheim
 
Der „Heziloleuchter“ (links) im Langhaus,
rechts die „Irminsula“, 1887
 
Die „Irmensula“ ist ein legendenumwobener Kunstschatz im Hildesheimer Dom. Ihr Alter ist bis heute unbekannt, sie könnte wirklich aus dem Mittelalter. Bislang war nicht zu klären, wofür sie ursprünglich verwendet wurde. Die kaum auffällige „Irmensula“ wird mit einer Legende in Verbindung gebracht, die im 17. Jahrhundert veröffentlicht wurde. Dieser Sage nach soll es sich bei ihr um eine ursprünglich heidnische Säule handeln, die Karl der Große im 8. Jahrhundert hat stürzen lassen. Angeblich hat man diese später wiedergefunden und dann im Hildesheimer Dom aufgestellt. Bischof Hezilo soll sie in die Ausstattung des Doms eingefügt haben. Der Schaft der Säule wurde aus Kalksinter gefertigt. Das sind Kalkablagerungen der römischen Eifel-Wasserleitung, über die das antike Köln etwa 190 Jahre lang mit Frischwasser versorgt wurde. An der Ober- und Unterseite ist die Säule mit bronzenen Ringen umgeben, der obere geht dabei in ein Kapitell anmutenden Metallkelch über. Der Abschluss der Säule wurde mehrfach verändert. Zu dem ursprünglichen Bestand zählt eine Lichtkrone mit insgesamt 14 Lichtschalen. In der Mitte soll sich ein eiserner Dorn befunden haben, auf den an bestimmten Feiertagen Kerzen aufgesteckt werden konnten, er trug vermutlich die Osterkerzen. 1651 ließ Domdechant Friedrich von Oyenhausen an Stelle des mittleren Doms ein hölzernes Marienbild aufstellen. Das wurde dann 1741 durch ein von Jodokus Edmund von Brabeck gestiftetes silbernes Marienbild ersetzt. Im Zuge der Domsanierung wurde der Abschluss der Irmensäule ein weiteres Mal verändert. Die Marienfigur wurde von einem Kristallkreuz abgelöst, welches die Säule nunmehr krönt. Die Marienfigur wird indes im Magazin des Dommuseums aufbewahrt.

Bernwardsäule - eine christliche Irminsul
 
Diese Erinnerung ist offensichtlich bis ins 12. Jh. geblieben, dass die heidnischen Säulenheiligtümer (oder nur die Hauptsäule ?) einen spiralig gewundenen Stamm hatten. Anders ist es nicht zu erklären, dass so viele spätere Säulen-Embleme, mit denen man beabsichtigte das Heidentum zu kennzeichnen, spiralige Säulen- oder Stamm-Körper aufweisen. Die Benediktiner-Abtei Saint-Génis-des-Fontaines, etwa 15 Kilometer südlich von Perpignan, am Golf von Lion, erhielt von „Ludwig dem Frommen“ (778-840), Sohn und Nachfolger „Karls des Großen“, das Immunitätsprivileg und das Recht, ihren Abt frei zu wählen. Aus einem Dokument des 10. Jhs. geht hervor, dass das von „Heiden“ zerstörte Benediktiner-Kloster wieder aufgebaut worden sei. Nach umfangreichen Umbauarbeiten erfolgte die Einweihung i.J. 1153. Die Skulpturen der Kreuzgang-Kapitelle führen eine Menge heidnischer Säulen-, Baum- und Fruchtbarkeits-Symbole vor. Wir sehen bei den drei folgenden Beispielen die auffällig gewendelten Schäfte. Ich betone, um Missverständnisse zu vermeiden, die kirchlichen Darstellungen des 12. Jahrhunderts geben aus der Erinnerung nicht die original-heidnisch-germanischen Kultsäulen wieder, sondern Gebilde mit denen man vor dem Publikum des 12. Jahrhunderts das Heidentum allgemein kenntlich machte ! Da es für die Katholikenkirche nicht nur ein zu bekämpfendes nordisches, vielmehr auch ein orientalisch-afrikanisches Heidentum gab, fand man eine Bildformelsprache mit der man das Heidentum allgemein stigmatisierte. Beispielsweise der Dreierwinkel am Externstein-Palmetten-Kopf ist bei orientalischen Bildwerken ebenso zu finden, wie ihn punische und römische Altäre zierten.
 
     
Kult-Bäume und -Säulen von Abtei Saint-Génis-des-Fontaines
 
Kirche S. Pietro, Pavia / Italien -
Lebensbaum- / Palmbaum-Kultsäule
 
Lebensbaum-Palmen-Kultsäule - Dom zu Speyer
 
 Lebensbaum-Palm-Kultsäule -
Kirche in Vézelay/ Burgund (1125 und 1140)

 

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