Irminsul - wie sah sie aus ?

Copyright Gerhard Hess / Februar 2017
 
Papierabrieb der bronzezeitlichen Ur-Irminsul,
Region Kasen/Bohuslän/Schweden, Aug. 1985
 
 
WIE SAH DIE IRMINSUL AUS ?
 
 
Seit 1970 bemühe ich mich nachdrücklich, zwei Fragestellungen zu klären, den Sinn der Ur-Runenreihe zu ergründen und das wahre Aussehen der nordischen Himmelssäule kennenzulernen, deren Idol der Frankenkönig Karl im Jahre 772 auf dem Felsensporn von Eresburg/Obermarsberg zerstört hat. Anstoß dazu gaben mir der vielwissende steiermärkische Physiker Dipl-Ing Dr. Dr. Walther Mehlo, der mir zu einem väterlichen Freund geworden war. Mit ihm zusammen lernte ich im Jahre 1974 den Urgeschichtler Prof. Dr. Herman Wirth kennen, den ich im Jahre 1980 wiederholt in seinem Haus zu Thallichtenberg besuchte und in gewisser Weise sein Vertrauter wurde. Am 13.01.1981 vertraute er mir seinen geistigen Nachlass an. Im gleichen Jahr wurde der Frühgeschichtler Dr. Kurt Kibbert sowie Prof. Dr. Werner Koch meine Mentoren und Freunde. Gemeinsam untersuchten wir die Angaben von H. Wirth, J. Spanuth und Guido List, denn K. Kibbert war damals Mitglied des „Armanenordens“. Im Juni/Juli 1982 prüfte ich die Wirth’schen Angaben in den Felsbilderregionen Schwedens und erkannte arge Widersprüche zwischen Originalen und deren Wiedergaben. Ich sah ein, dass ich H. Wirths Darlegungen nicht blind vertrauen konnte, stellte eigene Überlegungen an, durchschaute im Folgejahr das Strukturprinzip des „FUÞARK-ODING“ und hielt darüber am 31.10.1987 den ersten öffentlichen Vortrag auf der Burg Schnellenberg bei Attendorn/Sauerland. Der zweiten großen Rätselfrage, jener nach Aussehen der Irminsul, kam ich bald darauf auf die Spur, als ich das bronzezeitliche Bohusläner Felsbild in der Region „Kasen“ untersuchte und es als Ur-Irminsul-Bild entschlüsselte. Meine beiden Fragen waren im Grunde Mitte der 80er Jahre gelöst.
 
Ganz natürlich gingen und gehen die Detail-Ergründungen weiter. Dass es sich seit den propagandistischen Aktivitäten des NS-„Ahnenerbes“ bei der in weiten Neuheidenkreisen irrtümlich angenommen „Irminsul vom Externstein-Relief“ um keine Irminsul-Abbildung handeln könne, erkannte ich sehr schnell, nachdem ich die vorderasiatische Sakralkunst durchstudiert hatte. Mir standen die archäologische Bibliothek meines mittlerweile verstorbenen Freundes Kurt Kibbert ebenso zur Verfügung, wie die Masse der Schriften aus H. Wirths Nachlass. Was sich abzeichnet, ist die Erkenntnis, dass das altgläubige Vorstellungsbild der Irminsul-Himmelstütze auf zwei grundsätzlichen Ideenmustern begründet war: 1.) die senkrechte Säule vom Himmels-Dach/-Zelt/-Kuppel und 2.) die darüber hingehende Doppelspirale des jährlichen Sonnenweges, oder dieser der Stütze aufliegende Sonnenball. Dafür habe ich eine große Anzahl von belegenden Bildquellen zusammengetragen. Die schwedische bronzezeitliche Irminsul der Region „Kasen“ zeigt eine klotzige Gabelstütze, mit tief gravierten Außenlinien,  welcher die Sonnenweg-Spirale aufliegt. Zwei bronzezeitliche Gewandspangen - ebenfalls aus Bohuslän - zeigen auch Spiral-Säulen. Die bronzezeitlichen Rasiermesser-Gravuren zeigen die Himmelsstütze auf dem Weltenschiff in einer pilzförmigen Art. Die einfache heidnische Säule/Sonnensäule ist in einigen z.B. französischen Kirchenkapitellen belegt. Die Gabelstütze des Himmels ist im Fundmaterial kaum anzutreffen, aber sie ist belegt z.B. auf langobardischen Fibeln Pannoniens (Ungarn), auch bei westgotischen Reliefs Nordspaniens. Auf der rechten Seite des langlockigen Germanen im Mantel, von einem röm. Triumphalrelief im Vatikan-Museum, wird vor einer Art Standarte, ein kleines rundes Wappenschild gezeigt, auf dem etwas zu sehen ist, das einem doppelspiraligen Irminsul-Säulenkopf auffällig gleichen könnte. Die beiden grundsätzlichen Werkgedanken sind in den Strukturen nicht eben weniger erhaltener Abbildungen wiederzufinden. Viele Spiral-Säulen-Abbildungen fanden wir an den Außenfronten des Würzburger Domes, wo sie nach kirchenchristlichem Diktat als Heidenbilder hingehören. Auch daraus ist zu ersehen, dass die Irminsul nicht allein im altdeutschen Norden bekannt war, sondern ebenso im fränkischen Land. Kurt Böhner zeigt in „Die fränkischen Altertümer des Trierer Landes“, 1958, auf Tafel 70 und 75 die merowingischen Steinfunde, auf denen die Sinnbildverknüpfungen des jungen Christentums mit den alttraditionellen heiligen Zeichen des Heidentums vorgenommen wurden. Da sehen wir Kreuze mit dem Irminsul-Bild im oberen Kreuzbalken, Grabplatten mit der Sieg-Rune, das vom Doppelwendel-Sonnenweg überdachten Kreuz, das Kreuz als einen das Weltenhaus stützenden Irminsul-Ersatz, die altheilige Doppelspirale - wie sie schon im nordisch-bronzezeitlichen Felsbildmaterial und auf den mittelalterlichen heidnischen Geleitmünzen (Brakteaten) vorkommt, rechts und links unter dem waagerechten Kreuzbalken, und eben die rein heidnischen Grabsteine mit den schlichten Irminsul-Gravuren. Die Kultsäule war germanisches Gemeingut. Im „Hildebrandlied“ wird die Menschheit „Irmindeot“ genannt und Gott „irmingot oben im Himmel“, woraus hervorgeht, dass der germ. Begriff „irmin“ für „groß / mächtig“ eingesetzt wurde. In zwei aus Bayern herrührenden Predigten des 12. Jhs. werden christliche Bekenner einmal als „Fürsten und irmesule der Christenheit“ bezeichnet -, das andere Mal als die „boume und irmesule der heiligen Christenheit“ genannt. Auf den gotländischen Taufsteinen in Angeln und Schwansen, Dänemark und Schweden sind die Spiral-Säulen eingemeißelt, mitunter flankiert von hässlichen, anbetenden heidnischen Symboltieren. Die in alter Zeit den Sachsen unmittelbar nachbarschaftlich siedelnden Langobarden waren Irminsul-Verehrer, wie wir ihren Hinterlassenschaften entnehmen dürfen, z.B. dem synkretistischen Spiral-Säulen-Relief in der Kirche „S. Maria Assunta“, im lombardischen Städtchen Gussago/Oberitalien.
 
Angemerkt muss werden, dass man bei Betrachtung mehrerer Abbildungen keltischer Götter-Köpfe und weiteren zweifelhaften mittelalterlichen Gesichtsdarstellungen, welche alte Götter meinen könnten, sich der starke Eindruck aufdrängt, dass die Partie der Nase mit den durchgezogenen Augenbrauenbögen die Irminsul-Weltsäule ins Bild setzen wollen, so dass die Nase für die Säule und die Augen für Sonne und Mond stehen. Es handelt sich bei den Irminsul-Darstellungen zumeist um keine „Gabelstützen“ der die Sonne aufsitzen könnte, vielmehr um Stützen der Sonnenlaufbahn, wobei zu beobachten ist, die Sonnenlaufbahn ist mit der Stütze derart integriert, dass die Spiralen, zur Rechten und Linken, wie zwei Hörner aus dem Säulenkopf herausragen. Dieser Umstand fordert zu einem Vergleich heraus mit der Externstein-Palmette, wo es keine Sonnenwirbel-Ranken sind, sondern zwei geschwungene, an ihren Blattenden leicht eigerollte gerippte Palmbaumwedel. Bei den allamannischen und langobardischen Gewandfibeln scheint die ganze Fibel eine Irminsul zu meinen, in deren Bogenfeld die solaren Doppelspiralen eingearbeitet wurden. Ganz wichtg erscheint mir der Hinweis, dass sich beide Irminsul-Formen von den bronzeitlichen Gewandspangen aus Schweden im Fundmaterial der zum Süden Europas abgewanderten Nordvölker wiederfinden, beispielsweise im langobardischen Irminsul-Kapitell von Mailand-Museum und dem Relief von Gussago.
 
Das Thema der Irminsul, rechts und links flankiert von heidnischen Anbetungstieren (Molch, Kröte, Bär, Wolf, Greif, Drache, Perd (Sinnbild des Stolzes), Esel (Sinnbild der Dummheit) findet sich in mehreren Ausführungen auf kirchlichen Tympani, sowie Taufbecken und deren Sockel. Ein Türsturz im Frankenmuseum zu Würzburg stammt aus von dem Stift-Haug in der Würzburger Altstadt vom 12. Jh.. Das Relief führt die von heidnischen Tieren flankierte Irminsul vor. Geradeso von heidnischen Dämonenwesen (pferdeartige Gestalt und Drache) ist die Irminsul-Darstellung auf dem elfenbeinernen Kamm aus dem Prager Domschatz, des 10. Jhs.. Er soll sich im Besitz des „hl. Adalbert von Prag“ (956-997) befunden haben. Der Mann ist irgendwo an der Ostsee auf einer Missionskampagne erschlagen worden.
 
Auf mehreren langobardischen Fibeln findet sich ein Motiv, welches als Irminsul-Gabelstütze aufgefasst werden könnte. (siehe: S. Fuchs und J. Werner, „Die langobardischen Fibeln aus Italien“, 1950) Sie gehören aufgrund gewisser Stilelemente zur Sphäre des Wodan-Glaubens. Auf der von einem leider unbekannten Fundort in Pannonien (Fuchs-Werner-Tafel 55, IV.) ist der Wodan-Kopf mit einem offenen und einem geschlossenen Auge zu erkennen. Eine andere dieser Fibel-Gattungen stammt aus dem geschlossenen Grabfund von Lingotto bei Turin (Fuchs-Werner-Tafel 21 A 86). Eine weitere solcher Bügelfibeln hob man aus dem Boden von Thalmässing in Mittelfranken. Ähnlich sind auch die langobardische „Eberkopf-Fibel“ aus Toscana (Fuchs-Werner-Tafel 20, A 894) und die langobard. Bügelfibel aus „Cividale e suburbio“, Cividale-Museum, Inventar-Nr. 714 / 15 (Fuchs-Werner-Tafel 6 A 33).
 
Der Langobarden-König Alboin hatte seine Heervölker im Jahre 568 von Pannonien (Ungarn) aus nach Oberitalien (Provinz Friaul) geführt. Er stießen auf wenig Widerstand. An der Eroberung beteiligten sich auch 26.000 sächsische Krieger. Von Friaul aus begannen die Ankömmlinge ihre Herrschaft über Italien aufzubauen und erreichten schon 571 Benevent. Während ihres Einrückens in Italien waren die ursprünglich norddeutschen Langobarden und ihre Verbündeten ebenso, in der Masse Heiden, oder solche mit einer unverstandenen arianischen Tünche. Seit dem Konzil von Nicäa (325) galten die Arianer als verurteilte Häretiker, weil sie vernünftigerweise die „Gottähnlichkeit“ statt der „Gottgleichheit Christi“ vertraten. Im religiös toleranten Langobarden-Reich konnte jeder nach seiner Fasson selig werden. Es könnte also sein, dass die altgläubigen Langobarden, um sich von der italienischen Menge abzuheben, ihre Fibeln sichtbar wie ein Bekenntnis zum Altglauben trugen. Die Christen taten es bekanntlich ebenso, indem sie Kreuzchen an die Bekleidung hefteten. Versklavt wurde niemand, aber natürlich setzten sich langobardische Herren in die Besitztümer die ihnen gefielen und erreichbar wurden. Aber sobald sich eine Konsolidierung entwickelt hatte, zeichnete sich der langobardische Einflussbereich durch Sicherheit und Rechtlichkeit aus. Der Langobarde Paul Warnefried, genannt Paulus Diakonus, schrieb in seiner „Langobarden-Geschichte“ (III, 16) zur Zeit um 584: „Und das war in der Tat wunderbar im Reiche der Langobarden, kleine Gewalttätigkeiten wurden begangen, keine geheimen Anschläge wurden gemacht, niemand wurde ungerechterweise zu Frondiensten gezwungen, niemand plünderte, Diebstahl und Räubereinen kamen nicht vor, jeder konnte wohin es ihm gefiel, ohne Furcht und Sorge gehen.“ In dem Maße wie, aufgrund des unaufhörlichen Intrigierens der italienischen Bischöfe, der Katholizismus über den langobardischen Eigenglauben und den Arianismus an Raum gewann, verlor sich zum Ende des 7. Jhs. auch die Sprache des Langobardischen und das Volk ging im italienischen Völkergemisch unter. Aber die Zeugnisse des altdeutschen Irminsul-Glaubens der Langobarden sind bis heute - zu unserer Freude - erhalten geblieben. Und ebenso die verwirrend-schönen, vielgestaltigen christlich-heidnischen Mischformen von Dreispross, Spiral-Säulen, Spiral-Kreuzen, Spiral-Palmen, Irminsul-Palmbäumen und Lilien. Die langobardische altgläubig-arianisch-katholische und byzantinische Mischkunst trieb ihre exotischsten Blüten, wie wir sie, neben etlichen weiteren Zeugnissen, auf dem Brunnen inmitten des lateranischen Kreuzgangquadrats betrachten können.
 
 
Langobardischer Brunnen im Kreuzgang/Lateranbasilika, Rom, 9. Jh.
 
So eifrig die ursprünglichen Langobarden Irminsul-Anhänger waren, so eifrig blieb nach ihrer zunehmenden Verchristlichung, ihre Freude den byzantinisch-orientalischen Dattelbaum-Lebensbaum ihrer einstigen heidnischen Weltensäule anzupassen. In überschäumender Gestaltenvielfalt schufen sie die Ranken- und aus altgerm. Sinntradition die Flechtmuster (Schicksalsgeflecht), wohinein sie in immer neuen Formgebungen ihren Weltsäulenersatz, die Palmbaumsinnbilder, dazustellten. So endete im betörend Schönen, Bunten, Maßlosen, Beliebigen der Menschen-, Religions- und der Kunstdurchmischung was im bronzezeitlichen Norden mit dem erhebenden Licht- und dem tröstlichen Himmelsstützen-Irmin-Glauben begonnen hatte. 
 
 
 
Ur-Irminsul von Kasen/Schweden, ca. 1.500/800 v.0
 
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In Strophe 77 des spätheid. Sonnenliedes erscheint das Thema „der Erde Schiff“,
das schon zur skandinav. Bronzezeit auf Bildwerken auftaucht:
 
Abb. a - Weltenschiff mit Himmelssäule auf bronzezeitl.
Rasiermesser mit Himmelsstütze dargestellt /  Messer von Hornum. -
Abb. b - Rasiermesser von Nustrubfeld / Amt Hadersleben.
 
Irminsulen auf bronzeitl. Gewandspangen, Bohuslän/Schweden (3. Abb. = Vegstrop)
 
„Nestor-Becher“ von Pithekoussai, Import aus Rhodos, 8. Jh. v.0
mit nordischer Spiral-Säule auf Weltenberg
 
Irminsul-Kettenanhänger von Sackrau bei Breslau, ca. 3. Jh.

 
 Herulischer Irminsul-Schmuckanhänger
von Vennebo (Roasjö / Westgotland), 5./6. Jh.
 
Langobardische Irminsul von Gussago 5./6. Jh.
 
Langobardisches Irminsul-Kapitell, Mailand, Museo archeologico
 
Irminsul in der Michaels-Krypta/Fulda, 9. Jh.
 
Irminsul-Gold-Fibel von Haithabu, 7./10. Jh.
 
Irminsul-Tympanon der Falslev-Kirche / Randers / Nordjütland
 
Tor-Stütze des niedersächsischen Bauernhauses als Irminsul-Sinnbild,
mit darüber gehendem Sonnenweg - errichtet 1577 -
Freilichtmus.-Detmold, Haus aus Beverungen-Amelungen, Krs. Höxter
 
Irminsul-Kapitell in Dom-Krypta St. Peter und Paul in Zeitz, 968
 
 
 
Altfränkische Irminsul-Grabsteine
von Trierer Kirchhöfen St. Paulin, St, Maximin, St. Matthias
 
 
 
Irminsul an einer der ältesten Kirchen Thüringens / Griesheim, 1119
 
An der Irminsul (mit Fruchtbarkeitsranken) bekämpfen sich zwei gehörnte Kentauren,
Stiftskirchen-Kapitell Hamersleben -
Bedeutung: Das heidnische Böse, das sich letztlich selbst vernichtet, 1112-1140
 
Zwei Satansdrachen belecken die Irminsul,
Kapitell der Stiftskirche Hamersleben, 1112-1140
 
Irminsul auf Kamm vom Prager-Goldschatz, 10./11. Jh.
 
Irminsul, von heidnischen Tieren angebetet,
auf Türsturz Haug-Stift/Würzburg, 12. Jh.
 
Irminsul von zwei heidn. Tieren angebetet -
Papierhandabrieb des Taufstein-Reliefs in Kirche von Althadersleben, 12. Jh.
 
Irminsul-Tympanon vom Nordeingang
der Kirche zu Grebehna / Zwochau, 1180
 
Langobard. „Eberkopf“-Fibeln der Varianten mit möglicherweise Irminsul-Darstellungen
Abb. 1 - aus Grab bei Mariahilfer, 2. Hälfte 6. Jh. -
Abb. 2 - aus unbek. Grab in Pannonien - 
Abb. 3 - Zeichnung gleicher Fibel von „Salin Nr. 350“
 
 
In „Bad Gögging“, einem Ortsteil von Neustadt a.d. Donau, gibt es die Schwefelquellen (z.B. gegen Hauterkrankungen) und sicherlich deshalb einen frühkeltischen Kultraum, der unter der heutigen Andreaskirche ausgegraben wurde. Der Römer-Kaiser Trajan besuchte um 110 die Gegend und seine Garnison, der er eine Therme bauen ließ. Bei diesem altgläubigen Kultbezirk legte die Bevölkerung Votivgaben ab, offensichtlich aus Dank für erfolgte Heilungen. Es handelt sich dabei um aus Eisenblech geschmiedete Gebilde mit einem spitzen Ende, so dass daraus zu schließen wäre, sie seien ursprünglich in einen hölzernen Untergrund gesteckt worden. Es sind Kreuzchen und andere Gebilde verschiedener Ausformungen. Daran erkennen wir, dass Menschen unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse ansässig waren bzw. Heilung erfuhren. Der Gebrauch solcher Votiv-Kreuzchen ist bei Wallfahrkirchen noch bis in die Neuzeit gebräuchlich gewesen. Gögging wurde Ende 6. Jh. Urpfarrei und erstmalig 970 urkundlich im Zusammenhang mit einem Hörigen „Sigibero des Geckingun“ des Klosters Weltenburg erwähnt. Wichtig zu wissen ist, dass eine volkmäßige Christianisierung der Bajuwaren nie stattfand, weshalb es auch nicht verwunderlich ist, dass der archäologische Nachweis eines Religionswechsels bislang misslang. Seit dem im Jahre 312 von germanischen Soldaten erfochtenen Sieg des röm. Truppenführers Constantins, im „Zeichen des Kreuzes“ an der Milvischen Brücke, war der Christianismus zunächst eine geduldete Religion unter Vielen im Römerreich. 391/92 wurde er dann unter Kaiser Theodosius offizielle Staatsreligion, was auch für die nordalpinen Provinzen Raetia-secundea und Noricum-ripense galt. Mit der Entfernung aller heidnischen Kultbilder aus dem öffentlichen Raum im römischen Reich (407/08–413) änderte sich erst sehr allmählich das Religionsverhalten der Provinzbevölkerung. Ab 488 gehörten Noricum-ripense (österreichischer Raum mit dem angrenzenden Bayern) zum toleranten arianischen Ostgotenreich des Theoderich des Großen. Der schärfere Einschnitt erfolgte auch hier erst mit der Eingliederung des Voralpenlandes ins Frankenreich 536/37, welches sich seit der Taufe Chlodwigs um 500, zögerlich zu christianisieren begann. Da der frühe bayerische Raum also nie missioniert wurde, ist es bis ins 5. Jahrhundert zu keiner Ausbildung einer Diözesanstruktur gekommen (abgesehen von Augsburg), wie es beispielsweise in der Raetia-prima oder in Gallien der Fall war. So erwähnt die „Vita Severini“ beispielsweise für Passau keinen „kirchlichen Oberhirten“. Erst unter karolingischer Deckung ist durch Bonifatius 739 die Grundlage für eine flächendeckende und romkonforme, Kirchenorganisation aufgebaut worden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der archäologische Nachweis eines Religionswechsels in Bayern bislang misslang. Kleinfunde, wie spätrömische Fingerringe mit Christogramm, Gürtelschnallen oder Fibeln mit christlicher Symbolik, sind sowohl im 5. als auch im 6. Jahrhundert kaum zu finden. Das ist der Grund warum es noch lange artbewusst Religiöse gab, ich nenne sie mal „Irminen-Gläubige“, und dass am Gögginger Kultplatz Irminsul-Votiv-Stecklinge anzutreffen sind. Bei meinem Besuch Mitte der 80er Jahre sah ich zwei Exemplare, daneben Algiz-Runen-Stecklinge.
 
Gögginger Votiv-Stecklinge in Irminsul-Form,
untere Reihe, vorletztes Gebilde von rechts 
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