Zur SONNEN-SIEG(FEST)-RUNE

 

Zur SONNEN-SIEG-RUNE

 

Das norwegische Runengedicht erklärt zum 9. ODING-Zeichen, der Sonnenrune: „Sol ist der Lande Licht, ich beuge mich vor dem Heiligen.“ Und die isländischen Runenreime ergänzen: „Sol ist ... scheinender Strahlenglanz und der Eismassen Töter.“ Eine Mondspanne nach der Frühlingsgleiche - Mitte April - feierten die Alten das Sigrbloð (Siegopferfest) zum Sommerbeginn. Nun waren sie niedergerungen, die bedrückenden Winter- und Dunkelheitsmächte in Midgard (Menschenwelt) geradeso wie in eines jeden Menschen Brust. Über den frostkalten thursischen Brüller Beli - das Haupt der riesischen Schandrotten - triumphiert das Sonnenhirschlein Frô-Freyr. Mit seinem Hirschhorn schlug er ihn nieder, so berichtet die Edda-Mythe (Gylfag. 37). Der karge, der karige Koloss liegt in Ketten gebunden.

 

Die Mutter-Geliebte genommen, die Finsternisschlange, den „Judas“ besiegt, das neue Feuer erquirlt; die Neun, das Neufeuer, ist auferstanden aus „hohem Stamm“: Agni-Ignis-Ingu / Ingo - „Agnus Dei“, das göttliche Widderlamm, der frühlingserwachte, erstarkte Sonnensohn seines himmlischen Widder-Vaters (-Rune). Der Frô-Frej-Freyr = „Herr“ steigt sieghaft hinan, dem Gipfel der Zeit entgegen. Sein herrlicher Körper, sein „Herrenleib“ (= fronlikam), fährt als gleißende, lichtflammensprühende Scheibe auf der Bahn, die ihm der Vater gewiesen hat. So etwa lautet runengläubige Theologie und runischer Ritus, wie er sich auch aus Brauchtumsresten rekonstruieren lässt.

 

Wir können sicher sein, welche Gestalt mit der 9., der Sonnengeist-Sol-Rune (-Rune), vor uns steht. Der Atharvaveda (XVII,1,23) preist die im Sanskrit männliche Sonne: „Dem Aufstehenden Verehrung ! Dem Aufsteigenden Verehrung ! Dem Aufgestiegenen Verehrung ! Dem weithin Herrschenden Verehrung ! Dem Selbstherrscher Verehrung ! Dem Oberherrscher Verehrung !“ Wie im Gotischen schwankt das Geschlecht der Sonne auch im Deutschen, indem neben der weiblichen Sunna bis ins Mittelhochdeutsche hinein ebenso das männliche Sunno vorkommt. Meint im Runenkalender die 3 ( ing-Rune) Mitte Januar den kleinen vorfrühlingshaften Ingu, so kann die potenzierte 3, die 3x3, die 9 (-Rune), Mitte April, nur die voll erblühte Sonnenkraft meinen, des ahd. Ingu-Frô, altn. Ingunar- / Ingvi-Freyr = „Feuer-herr / Himmelsfeuer-Sonnenherr“. Im Religionskulturgrenzen überschreitenden Vergleich entspricht ihm: ind. Agni / Surya / Vishnu, airan. Mithra, ägypt. Ra / Horus, griech. Helios / Apollon, lat. Sol. Dieser Himmelsfeuer-Sonnensohn ist Vater Himmels liebstes Kind. Oft erscheint er als Gesandter und Vollstrecker väterlicher Befehle, wie wir es von der Beziehung zwischen Zeus und Apollo kennen. Deshalb muss er im Kalenderrunenkreis dem Vater unmittelbar bei- und nachgeordnet sein: - u. -Rune.

 

Die Erzeugung eines Frühlingsfeuers, Osterfeuers ist aus uralten Zeiten auf uns gekommen. Es wurde bis zur Jetztzeit im neugläubig-christl. angelehnten Brauchtum mittels Feuersteinen geschlagen, denn der Mithra, der iranische Sonnengeist, und der spätantike Mithras galten als Steingeborene. Aus urmütterlichem Fels entstanden sie (etliche Kultgruppen verehrten ihre Muttergöttin in Gestalt eines Steinsymbols), geradeso wie Feuerfünkchen aus solch kalter, rauer Starre hervorzuspringen vermögen. Auch wurde das Lohenkind durch zwei Hölzer, einem weicheren und einem härteren (Eiche und Birke - + -Rune), errieben. Es steht geschrieben (Rigveda III. 29. 1-3): „Das ist das Drehholz, der Zeuger (Zagel / Phallos) ist bereitet, bringt die Herrin des Stammes herbei - den Agni lasst uns quirlen nach altem Brauch.“ Die Allegorie des Feuerdrehens, dass die Feuer-hölzer Mann und Frau und das Feuer ihr Produkt sei, geht auf den Weltelternmythos zurück (Rigveda III. 9, 3).

 

Verbunden mit dieser österlichen Feuerweihe blieb die Erinnerung an den Sieg über den Winter- oder Finsternisgiganten. Er wurde als Strohpuppe unter Freudenrufen in den Brand gestoßen. Riese heißt altnord. Jötun, Jötnar, daraus mag wohl im Uranstoß der mittelalterliche „Judas der Erzschelm“, der „Ostermann“, geworden sein, dessen Unheil im Osterfeuer zu Asche verkohlen sollte. Das keltische Baumalphabet rechnet dem „s“ (-Rune) Sail, die Weide, zu. Wieder erleben wir mythologische und brauchtumsmäßige Über-einstimmung: Der Tod des „Verräters Judas“ / Teufels / Lokis (30.4.) gehört in den -Runen-Kalenderraum. Er soll sich nach Volksmeinung an einer Weide erhängt haben. (Quelle: Heinrich Marzell, Pflanzen im Volksleben, 1925, S. 44f) Da im Mittelalter die Weide als ein Symbol für dasGesetz Gottes" und den „Sohn Gottes“, den Christus, angesehen wurde, dürfen wir sicher sein, dass sie schon in heidnischer Zeit dem Sonnen- und Wachstumsgeist nahestand. Vielleicht deshalb, weil man dem Baum beliebig viele Zweige abschneiden kann, ohne ihm zu schaden. In Saxo Grammaticus „Gesta Danorum“ gibt es die Stelle, wo er von einem Frösblot (Frö-Opfer) im schwed. Uppsala berichtet, dort sollen dunkelhäutige Opfer (furvis hostiis) dargebracht worden sein (Gesta Dan. VI, 185).

 

Dass der ursprüngliche Sonnensieg-Opferritus mit Gott Frô-Frö in Beziehung stand, scheint mir unzweifelhaft, und dass dem Dunkelheitsüberwinder symbolhaft-dunkle Opfergaben hätten gespendet werden können, liegt im Bereich religionsphänomenologischer Folgerichtigkeiten. Zu Bräunrode am Harz verbrannte man im Osterfeuer Eichhörnchen; auf gleiche Sitte deutet ein Kölner Spruch (Wilhelm Mannhardt, Wald- und Feldkulte" , 1,1875, S. 508) Es ist das feuerfarbene, hastig dahinhuschende Tier (ahd. rataköskr, altn. ratatoskr) ein Sinnbild des Loki, und dann des christl. Teufels gewesen. Nach der Edda (Gylfag. 15) läuft es am Stamm des Weltbaumes entlang um dem bei den Wurzeln hausenden Drachen die Worte des in den Wipfel sitzenden Adlers zu übermitteln, weil es nach Lokiart Zwietracht säen will. Eine Erzählung der Grimm-Brüder erweist den lokihaften Eichhörnchengeist auch im deutschen Sagengut: „Bei dem Dorf Elten, eine halbe Meile von Emmerich im Herzogtum Kleve, war ein Geist, den die gemeinen Leute E k e r k e n (Eichhörnchen) zu nennen pflegten. Er sprang auf der Landstraße umher und neckte und plagte die Reisenden auf alle Weise. Etliche schlug er, andere warf er von den Pferden ab, anderen kehrte er Karrn und Wagen unterst zuoberst. Man sah aber mit Augen von ihm nichts als eine menschlich gestaltete Hand.“

 

Auferstehung und Sieg über Chaosmächte

 

Von Auferstehung und Sieg über die Chaosmächte des Dunkels frohlockt dies Runensinnbild, bestehend aus einem Himmelsfeuerstrahl (-Rune). Es lässt sich sinngerecht erweitern zum neunspeichigen, mehrspeichigen, vierspeichigen Sonnenwirbel -, denn die Sonne galt symbolhaft als heilstrahlendes Feuerrad. Massenhaft findet sich die Sonnen-Rune (-Rune) in einfacher „Blitzform“ oder mehreckigen Zickzacklinien, als Zierelemente auf frühmittelalterlichen Fibeln, Grabsteinen und Schmuckscheiben, gotländischen Bildsteinen. Hakenkreuze, bestehend aus vier winkelig zusammengesetzten Sonnenrunen sind nicht selten; ich fand u.a. ein großes Emblem dieser Art aus alter Zeit in die Strandfelsen von Valetta/Malta eingemeißelt. Aus einem Alemannengrab (Fützen/Südbaden) hob man ein Amulett, dessen 9 kreisförmig angeordnete Sonnenrunen das zentrale Sonnenschweifkreuz (Swastika) umranden.

 

SIEGFEST Datierung

 

Zum 5. Jahres-Neumond, dem ersten nach der Frühlingsgleiche (-Rune), hielt der Altglaube sein Siegopferfest (s-Rune). Wenn Mütternacht-Jahresbeginn (-Rune) auf dem Neumond des 21.12. liegt, ist der Siegfestmond um den 18. 4. zu erwarten; von Anfang April bis Anfang Mai Mitte kann er trotz Schaltjahresein­schüben pendeln. „At sumri“ = „gegen Sommer“, feierte der Altglaube das sigrblót = „Siegopferfest“ für Erfolg und Sieg mit einem großen Opferschmaus, um den Sommer zu begrüßen (jüngere Olafsaga Helga, 104; Ynglingasaga, 8). Nach der „Kristung“ hielten die Großbauern ersatzweise dafür die Ostergastei. Bei der kultischen Verbindung von Sieg und Sonne müssen im Mittelpunkt der Feier der Himmelsgott Tiu-Irmin / Taranis / Mars, Träger des heiligen Speeres, und sein „Sonnenrad“-Sohn Frej-Frô gestanden haben.

 

Das Siegfest galt der Überwindung des Bösen! Deshalb: Zu Bräurode und Greifenhagen im Harz, ehe in der Abenddämmerung des ersten Ostertages die Feuer angezündet wurden, zogen Alt und Jung in die Waldungen um Eichhörnchen (Ratatoskr = Lokis-, Teufels-, Judas-Tier) aufzusuchen sie zu jagen, bis sie tot oder ermattet in ihre Hände fallen.

 

Das germ. SIEGFEST

 

Der gemeingermanische ODING-Runen-Feierweiser wurde wahrscheinlich im 1.Jh. vor unserer Zeitrechnung erarbeitet. Seine kalendarischen Eigentümlichkeiten befinden sich in überraschend genauer Übereinstimmung mit den mehr als tausend Jahre jüngeren Angaben der Quellenliteratur zur altnordischen Religionsgeschichte. Dies ist insofern nicht verwunderlich, als eine Religionskultur - sofern sie nicht von außen gewaltsam zerstört wird - ihre geheiligten Traditionen über sehr lange Zeiträume transportieren kann.

 

In der „Ynglinga Saga“ des Isländers Snorri Sturluson (1178-1241) lesen wir in Kap. 8: „Solange das Heidentum herrschte, wurden jedes Jahr drei Opfer gehalten, eines zu Winterbeginn (das ist 14. Oktober), ein zweites Mittwinter (das ist 14. Januar), ein drittes zum Sommer hin (das ist Sommeranfang, 14. April).“ Und weiter heißt es: „Geopfert werden sollte gegen die Winterzeit für ein gutes Jahr und im Mittwinter für den Pflanzenwuchs, das dritte Jahresopfer aber im Sommer, das war das Siegopfer.“ Was die Datierung des Siegopfers anbelangt, bestätigte Snorri in Kap. 38 noch einmal, wenn er ausführt: „Im späten Frühjahr zog .. nach Upsala zum Opfer, wie dies gegen den Sommer um des Friedens willen Brauch war.“ Er verwirrt jedoch in seiner „Heimskringla“ (Kap. 77), dort schreibt er: „In Schweden war es ein alter Brauch, solange das Land heidnisch war, dass das Hauptopfer im Monat Goi (Mitte Februar bis Mitte März) in Upsala stattfinden sollte. Da sollte ein Opfer gebracht werden für Frieden und für den Sieg ihres Königs“. Warum Snorri einmal das Upsala-Siegopfer Mitte April (at sumri = zum Sommer hin) ein andermal vier Wochen früher ansetzt, bleibt unklar. Wir können aber trotzdem sicher sein: Die Siegopfer-Feier fand im Regelfall Mitte April statt, zumal die ODiNG-Sonnen- bzw. Sonnen-Siegrune (s-Rune) im Idealjahr auf Neumondphase des ca. 18. April zu liegen kommt. Mit diesem Fest begann der Sommer. Wir müssen für die alte Zeit von einem Mond-Sonnenkalender ausgehen, dessen Festzeiten auf den schwankenden Mondphasen lagen. Dieser Umstand brachte Verschiebungen vom Idealfestpunkt ± 14 Tage mit sich. Prof. W. Hartner („Goldhörner von Gallehus“, S. 86f) erklärte aufgrund ikonographischer und astronomischer Gegebenheiten: „Das Sigrblot im Jahre 413 war also mit fast völliger Sicherheit auf den Neumondtag festgesetzt, der dem heliakischen Untergang der Plejaden um den 14. April folgte.“ Er kommt zu dem Schluss: Auf Neumond, Mittwoch/Wodinsdag, 16. April 413 wurde in Jütland ein sigrblót/Siegopfer abgehalten.

 

Ein Opfer also für den Friedenserhalt und bei Kriegsausbruch, für den Sieg ihres Landes - das war Sinn und Zweck dieser Kultfeierlichkeiten. Welche speziellen Opfergaben erbracht wurden, ist ungewiss. Da berichtet wurde, dass die nordischen Bauern nach der Christianisierung ihre Siegopfer-Gastmähler ohne Unterbrechung als neugläubige Oster-Gasteien weiterführten, wird man nicht fehlgehen, alle nicht typisch judäochristlichen Osterbräuche als altgläubig-heidnisches Erbgut zu betrachten. So heißt es in der „Heimskringla“ (II, 117) von einem norwegischen Bauern: „Solange das Heidentum herrschte, war er gewohnt, jedes Jahr drei Opferfeste zu veranstalten, eins zu Wintersan-fang, ein anderes im Mittwinter, ein drittes gegen Beginn des Sommers. Und als er Christ wurde, behielt er dieselbe Gewohnheit in der Veranstaltung der Feste bei. Im Herbst lud er immer eine Menge Freunde ein, und im Winter bat er zum Julfest ... Ein drittes Fest hielt er zu Ostern ab, und auch da bat er wieder eine Menge Menschen zu sich.“ Das Osterfest wurde Nachfolger des Siegfestes. Dazu gehörte sicher die Neufeuerzündung, Verbrennung des Winter-/Unheilsymbols (Strohmann/Ostermann/Judas), segnende Flur-Umritte, gespielte Auftritte des Wachstumsgeistes (Laub-/Pfingstmännchen), Kampfspiele zwischen hellem und dunklem Ritter usw. In altgermanischer Bronzezeit wurde vielleicht bei Lurenklängen ein Sonnenkultwagen - wie jener, der im Moor bei Trundholm gefunden wurde - mitgeführt. Das kosmische Vorbild für das Siegfest ist die Freude im Erlebnis des Sonnen- oder Tageslichtsieges über die Dunkelheitsmächte, wie sie sich noch in der christl. Osterberechnung niedergeschlagen hat.

 

Siegfest-Rune = -Rune = 9. Rune

 

Die 9. Rune im ODING-System ist die Siegfest-Rune, sie steht etwa Mitte April im Runen-Kalender. Die heilige 9-Zahl gehört also zum Siegfest. Über diese Zahl folgt nun ein Erklärungsartikel:

 

Da Zahl 3 als erste rein männliche Ziffer galt, musste die 9 als dreifache Triade, die „Erfüllung des Mann-Prinzips“ repräsentieren. Sie verdankt also ihre Hochschätzung zu allererst dem arithmetischen Umstand, dass der männliche Gottes- und Lichtwert 3 durch Multiplikation mit sich selbst 9 ergibt - so gelangt sie zur Bedeutung der „göttlichen Vollendung“. Zum anderen wurde der siderische Monat von 27 Tagen einstmals in drei 9-Tage-Wochen eingeteilt. Zeiteinteilungen in 9-er Perioden zeigen die Feste für Apollo, die alle 9 Jahre in Delphi durchgeführt wurden. Ebenso feierte man nach 9-jährigen Fristen die großen heidnischen dänischen, schwedischen Opferfeste in Ledra und Uppsala, von denen Thietmar von Merseburg und Adam von Bremen berichteten. 9-tägige Andachten und 9fache Opfer wurden dort dargebracht. 9-tägige Andachten und 9-fache Opfer wurden dort erbracht. 9 Nächte hing Odin verwundet im Weltenbaum, bevor er die Runen fand (Edda, Havamál 138). 9 Nächte muss der sonnige Freyr auf die Vereinigung mit seiner geliebten Gerda warten (Edda, Skirnirsmál 42). 9 Räume im Weltenbaum kennt die eddische Seherin (Völuspa 2). 9 Mütter gebären den göttlichen Lichtgeist Heimdall (Weltleuchte), so berichtet die Edda. 9 Götter brachte das göttliche Urprinzip der Altinder hervor (Atharvaveda XI. 4,10). 9 Götter, „die Neunheit“ als Bestandteil des Sonnenkörpers, schufen nach ägyptischer, heliopolitanischer Theologie das weltliche Leben. Nach hin-duistischer Anschauung umkreist der Sonnengott auf seinem 9000 Yojana breiten Wagen die Erde.

 

Wir sehen schon, dass sich die 9 zur Sonnenzahl verdichtet, ist doch die Sonne das sichtbarste, komprimierteste Gottesgleichnis überhaupt. In den griechischen Zauberpapyri des 3./4. Jh. n.0 zeigt es sich schließlich ganz unmissverständlich. Der Geheimname des Sonnengottes besteht aus 36 (Qs. 9) Buchstaben, die seine heilige Zahl 3663 (Qs. 9) ergeben und, von vorn wie von hinten gelesen, als sog. Palindrom die 36 Dekane der Ekliptik (12x3) enthalten.

 

So wie in mittwinterlicher Kalenderspanne der Sonnensohn (ing-Rune) dem Urvater (-Rune) folgt, so muss auch in frühjährlicher Werdezeit die erblühte Sonne (-Rune) aus dem hochgereckten Frühlingshimmel (-Rune) hervorgehen, der antiken Vorstellung gemäß, dass die Luft (- u. -Rune) das Feuer (  ing- u. -Rune) gebiert.

 

Sonnenheil liegt bei mythischer Betrachtungsweise in der 9. Deshalb helfen 9 Knoten in einem Band gegen Verrenkungen. Ein Neunmalkluger besitzt die geistige Sonnenhelle. Die Gründonnerstagsspeise, aus 9 Kräutern bereitet, ergibt „Negenstärke“, d.h. 9-fache Kraft.

 

Ein weiterer Verständnisbezug der 9-Zahl klingt schon in ihrem Namen an; in indogermanischen Sprachen ist eine Übereinstimmung der Wortstämme für „neun“ und „neu“ zu erkennen. Ebenso besteht nach den Schreibungen der alten Pyramidentexte zwischen dem Zahlwort „neun“ und dem Wortstamm „p´sd“ der vom Neuerscheinen der Sonne im Osten gebraucht wird und auch der Benennung des Neumondfestes zugrunde liegt, ein Zusammenhang.

 

Tatsächlich spricht die Volksmeinung von 9 Monaten menschlicher Schwangerschaft bis zur Neuwerdung des Lebens. Die von gynäkologischer Seite errechnete biologische Mutterschaft von ca. 265 Tagen und 9 Stunden stimmt recht gut überein mit 9 synodischen Lichtmondmonaten von jeweils 29 Tagen und 13 Stunden. Die menschliche Entwicklung im Mutterschoße dauert den Mittelwert von 9 Lichtmonden. Solches Wissen demonstriert der Runenschöpfer in seinem Kalenderkreis. Nach 9 Monden „gebiert“ die Große Mutter die urmütterliche Grundpotenz (7. -Rune u. 1. -Rune), der Himmelsvater die uranische Urkraft (8. -Rune u. 2. d-Rune), der solare Siegeheros das Feuerkind (9. -Rune u. 3. ing-Rune). Die drei Anfangs-Runen O-D-ING „, , “ gebären wiederum nach 9 Monden dies: Die Urmutter der Mütternacht gebiert die Göttin der Herbst-Tagnachtgleiche (1. -Rune u. 19. -Rune), der Doppelaxt-Jahresanfangs-Weihegott gebiert den Oktober-Wagenherrn (2. -Rune u. 20. -Rune) und das Januar-Sonnenfeuer-Kind gebiert den Winteranfangs-Asen-Wodin (3. ing-Rune u. 21. a-Rune). Nicht allein mythologisch stimmen diese Metamorphosen, sie harmonieren auch nach arithmetisch-gematrischer Logik: Die 1 entspricht jungfräulicher 7, die 8 ist Kubikzahl der 2, die 9 ist potenzierte 3; die 1 hat gleiche Qs. wie 19, die 2 hat gleiche Qs. wie 20, die 3 hat gleiche Qs. wie 21. Ein religiöser Legendenkanon in Zahlen und Buchstaben.

 

Bild: Fidus „Empfängnis“ - Sonnenjüngling und Erdfrau

Pin It